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BAUSTEINE ZUR
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ARBEITEN AUS DEN JAIIKEN
1908—1933
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DR. S. FERENCZI
BAUSTEINE ZUR
PSYCHOANALYSE
III. BAND:
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1908-1933
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DR. S. FERENCZI
BAUSTEINE ZUR
PSYCHOANALYSE
tu. BAND;
ARBtlTEN AUS DEN JAHREN
1908—1933
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1
BAUSTEINE ZUR
PSYCHOANALYSE
VON
Dr. S. FERENCZI
III. BAND
ARBEITEN AUS DEN JAHREN
1908 — 1933
VERLAG HANS RUBER BERN
1939
Alle Rechte,
intiht'Honilere die der Chersetzuiig, vorix'lialtcii
Copyrif?hl 1939
by Verlag Haus Huber, Beru
Druck: Hungaria tluclidruckorei A. G.. niidupoet. V., Vilmos cHÜszür-üt 34
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Inhalt des dritten Bandes
Seite
Vorwort ^
Originalarbeiten aus den Jahren 1908 — 1933
Psychoanalyse uod Pädagogik (1908) 9
Zur Deutung einfallender Melodien (etwa 1909) .... 23
Zur Erkenntnis des Unbewussten (etwa 1911) 26
Beitrag zur Diskussion über Onanie (1912) 33
Varia (1912—1915) ^
Erfahrungen und Beispiele aus der analytischen Praxis
(1913—1923) *"'
Über zwei Typen der Kriegshysterie (1916) 58
Üher Pathoneurosen (1916) ^
Die Psychoanalyse der Kriegsneurosen (1918)
Technische Schwierigkeiten einer Hysterieanalyse (Zugleich
Beobachtungen über larvierte Onanie und ,,Onanie-
Aequivalente") (1919) ^^^
Hysterische Materialiaationsphänomene (Gedanken zur Auf-
fassung der hysterischen Konversion und Symbolik)
(1919) 129
Erklärungsversuch einiger hysterischer Stigmata (1919) 148
Die Psychoanalyse eines Falles von hysterischer Hypo-
chondrie (1919) 159
Beitrag zur „Tic-Diskussion" (1921) 163
Ul)er den Anfall der Epileptiker (Beobachtungen und Über-
legungen) (etwa 1921) 170
Beitrag zum Verständnis der Psychoneurosen des Rückbil-
dungsalters (etwa 1921—22) 180
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■ Seit*
Zur PeychoflnalyBe der paralytischen GeistcHstörung (Theore-
tisches) (1922) 189
Die Psyche ein Hemmungeorgan (1922) 213
Der Traum vom „gelehrten Säugling" (1923) 218
Entwicklungaziele der Psychoanalyse (Zur Wechselbe-
ziehung von Theorie und Praxis) (1924)
r Einleitung 220
III. Historisch-kritischer Rückblick 225
V. Ergebnisse 241
Zur Paychoanalyse von Sexualgewohoheiten (mit Beiträgen
zur therapeutiF^chen Technik) (1925) 245
Organneuroseu und ihre Behandlung (1926) 294
Die Bedeutung Freuds für die Mental Hygiene-Bewegung
(^^^^> 302
Gulliver-Phantasien (1926) 3Q7
Aktuelle Probleme der Psychoanalyse (1926) 332
Die Anpassung der Familie an das Kind (1927) 347
Das Problem der Beendigung der Analysen (1927) ... 367
Die Elastizität der psychoanalytischen Technik (1927—28) 380
Psychoanalyse und Kriminologie (1928) 399
Über den Lehrgang des Psychoanalytikers (1928) .... 423
Die psychoanalytische Therapie des Charakters (1928) . . 432
Das unwillkommene Kind und sein Todestrieb (1929) . . 446
Männhch und weihlich (Psychoanalytische Betrachtungen
über die „Genitaltheorie", sowie über sekundäre und
tertiäre Geschlechtäunterschiede) (1929) 453
Relaxationsprinzip und Neokatharais (1929) 468
Kinderanalysen mit Erwachsenen (1931) 490
Sprachverwirrung zwischen den Erwachsenen und dem Kind
(Die Sprache der Zärtlichkeit und der Leidenschaft)
(1932) 511
Freuds Einflues auf die Medizin (1933J 526
1-
Frau Dr. Ferenczi hat mir nach dem Tode ihres Mannes
den ganzen wissenschaftlichen Nachlass mit dem Auftrag über*
geben, denselben mit Rat und Hilfe von Dr. Imre Hermann,
Alice B älin t und Dr. Michael B dlin t durchzusehen und
zu ordnen. Während der Aufarbeitung der fertigen Manuskripte
und der oft ganz fragmentarischen Aufzeichnungen entstand der
Plan, dem auch Prof. Freud zustimmte, aus dem Material zwei
weitere Bände der „Bausteine" zusammenzustellen. Diese Bände
enthalten (chronologisch geordnet):
1. alle in verschiedenen Zeitschriften oder in grösstenteils
vergriffenen Heften (wie „Hysterie und Pathoneurosen", „Entwick-
lungsziele der Psychoanalyse" ) zerstreuten Artikel, welche in die
ersten zwei Bande nicht aufgenommen wurden oder aber später
erschienen sindi
2. Gedenkartikel, Buchreferate und Kritiken;
3. den eigentlichen Nachlass.
Absichtlich haben wir ausgelassen: alle voranalytischen
Arbeiten; Buchreferate, die ausser einer Inhaltsangabe nichts
bringen; einige kurze ungarische Publikationen, die nur von
lokalem Interesse sind; die beiden Sammelreferate über Allge-
meine Neurosenlehre (1914 bezw. 1921) und schliesslich den Teil
des Nachlasses, der entweder infnlffo seiner Kürze uns unver-
ständlich war oder inhaltlich zur Diskretion verpflichtete. Wir
waren bestrebt, die handschriftlirhcn Aiifzeichnunftrn in ihrer
Gestalt nicht zu verUndern, und hrsrhriinliten uns darauf, die oft
stenogrammarligcn Ahhürzunnen in die Schriftsprache umzu-
setzen (aber nur dort, wo der Sinn eindeutig war) und die unifa-
risch gescftriebenon Teile ins Deutsche zu übersetzen (das
Englische wurde unverändert gelassen). Alle psychounolylisch-n
Arbeiten Ferenczis werden somit — ivie es unser Ziel war —
in den vier Bänden der ,,Bausteine'\ in den „Populären Vortra-
gen" und in der „Genitaltheorie" in leicht zugänglicher Form
enthalten sein. '
Dem vierten Bande der „Bausteine" haben wir eine Biblio-
graphie und ein Sachregister angeschlossen. Die Bibliographie
enthält, chronologisch geordnet, alle uns uti f} indlnnen Werke von
Ferenczi. Bei allen Arbeiten, die in einem deutschen oder
englischen Sammelwerk erschienen sind, haben wir auch die Seiten-
zahlen des betrefjenden Bundes vermerkt, da wir eben bei dieser
Zusammenstellung erfuhren haben, wie schtver es manchmal ist,
einen bestimmten Aufsatz zu finden. Im Sachregister sind alle
vier Bände der „Bausteine", die „Populären Vorträge" und auch
die „Genital theorie" aufgearbeitet worden. Wir wollten mit diesen
beiden Behelfen das Studium der Werke unseres Meisters nach
Möglichkeit erleichtern.
Die technische Redaktion des Bandes hat Dr. M. Bälint
bewerkstelligt. In der Zusammenstellung der Bibliographie haben
wir wertvolle Hilfe von Dr. E. Almäsy, Dr. G. Dukes,
Dr. S. Lorand und von der neugegründeten Internationalen
Zentralstelle für Psychoanalytische Bibliographie, insbesondere
von Frau L. Neurath erhalten. Die grosse Arbeit der Her-
stellung eines allgemeinen Sachregisters hat Dr. R. Amar
übernommen. Allen Genannten möchte ich meinen aufrichtigen
Dank für ihre opferwillige Mitarbeit aussprechen.
V il nia K ov de s.
Psychoanalyse und Pädagogik*
Vortrag, gehalten auf dem I. Psychoanalytischen Kongrcss in Salzburg.
(1908)
Das eingehende Studium der Werke Freuds und selbst
durchgeführte Psychoanalysen können jeden darüber belehren,
dass eine fehlerhafte Erziehung die Quelle nicht nur von Charafc-
terfehlern, sondern auch von Krankheiten sein kann, ja dase die
heutige Kindererziehung die verschiedensten Neurosen förmlich
hochzüchtet. Indem wir unsere Patienten analysieren und dabei
— ob wir wollen oder nicht — auch unser eigenes Selbst und
dessen Entwicklungen einer Revision unterziehen müssen, kommen
wir zur Überzeugung, dass sogar eine von edelsten Intentionen
geleitete, unter den günstigsten Verhältnissen durchgeführte Er-
ziehung — da sie auf die allgemein herrschenden fehlerhaften
* Unter demflclben Titel ist zuerst in der „Gyögyaazat" (Jg. 1903),
später im Sammelband „Lelekelemzes" (1909) eine ungarische Version
(licBes Vürlrages erschienen. Diese weicht von der — im handschrift-
lichen Nachlaes aufgefundenen — deutschen Version erheblich ab:
a) die sozialen 'Wirkungen der Verdrängung werden aiiBführlicher ge-
schildert, b) die zweite Hälfte bis zum Schluas ist eine unabhängige
Konzeption. Diese zwei Teile erscheinen hier als Anhang. Im deutschen
Text haben wir angegeben, wo sie eingefügt werden sollen. (Herausgeber.)
10 S. Ferenczi
aber Prof. Freud, sich hieriilirr zu äuRsern. Die all^oinriDen
Gesichtspunkte, die sich mir aufgedrängt Imlieii, möchte ich aber
zuvor in Kürze mitteilen.
Die Tendenz, sich schmerz-^ bzw. reizlos zu erhalten, das sog.
Unlustprinzip, müesen wir mit Freud ali den uriprüngüchpn
und natürlichen Regulator des pHydiischen Apparates an«ehi'n,
wie es beim Neugeborenen erscheint. Trotz der späteren Über-
lagerung durch kompliziertere Mechanismen bleibt ein gleichsam
A-
Prinzipien gegründet ist — die naiürliche Entwicklung de«
Menschen in mancher Hinsicht NchÜdlieb beeinflusst, so das»,
wenn wir trolxdem gesund ^t-hliebcn sind, wir dies nur unserer
robusteren, wider8tandnfiiliigeren seelischen Organisation zu ver-
danken haben. Wir erfuhren übrigens bald, dans auch derjenige,
der zufällig nicht krank geworden ist, der Unzweckmässigkeit ^
der pädagogischen Methoden und AuFTassungen viel überflüssige
Seelenqual zuzuschreiben hat, und dass die Persönlirhkrit der
meisten Menschen infolge derselben schädlichen Erziehunpscin-
flüsae mchr-mindrr unfähig geworden i«!, die naturgegebenen
Freuden des Lebens unbefannen zu gcniessen.
Wie sclbstverstündlicii drüngt sich also wohl jedem die Frage
auf, welchen praktischen INutzen die Pädagogik aus diesen Er-
fahrungen ziehen könnte? Die Frage ist keine rein Wissenschaft-
liehe, sie verhält sich zu der uns hauptsuchlich interessierenden
Disziplin, der Psychologie, wie die Gartenhaukunat zur Holanik.
Wenn wir aber schon sehen, dass Freud von einem gleichfalls
praktischen Wissenszweig, der Neurosenpatholngie. ausgehend un-
geahnte psychologische Ausblicke gewinnen konnte, dürfen wir
vor einem Ausflug in das Gebiet der Kindergärtnerei nicht
zurückschrecken, Ich will es vorwegnehmen, das« ich die Frage
durch einen Einzelnen unlösbar erachte. Das Zuttamnienwirken
unser aller ist hierzu notwendig, darum habe ich dt-n Gegenstand
hier als F r a g e aufgerollt und bitte alle Kollegen, in erster Linie
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Psycboanatyee und Pädagogik 11
Bublimiertes UnluBtprinzip auch in der Seele des erwachsenen
Kulturmenschen vorherrschend, mit der natürlichen Tendenz, bei
der mindestmöglichen Belastung die meietmögliche Befriedigung
zu erleben. Dieser Tendenz müsste jede Pädagogik Rechnung
tragen. Die heute herrschende tut das aber nicht; sie belastet die
Seele mit mehr Zwang, als es seihst die genug drückenden äusseren
Verhältnisee fordern, sie tut das, indem sie die Verdrängung,
eine ursprünglich zweckmässige Schutzvorrichtung, die aber im
Übermass zu Krankheitserscheinungen führt, grosszieht. [Anhang I]
Das vorläufig ins Auge zu faseende Ziel der pädagogischen
Reform wäre, die kindliche Seele von der Belastung unnötiger
Verdrängung zu verschonen. Die spätere, bedeutendere Aufgabe
wäre eine solche Reform der sozialen Einrichtungen, die den
freien Abfluss des nicht sublimierbaren Teiles der Wunschregungen
ermöglicht. Den Vorwurf der „Kulturfeindlicbkeit"" solcher An-
sichten dürfen wir unbeachtet lassen. Für uns bedeutet die Kultur
keinen „Selbstzweck", sondern ein möglichst zweckmäBsiges Mittel
zur Kompromissbildung zwischen eigenen und fremden Interessen.
Lässt eich das durch weniger komplizierte Mittel erreichen, so
braucht uns vor dem Worte „Reaktion" nicht bange zu sein.
Als selbstverständliche Grenze jeder Freiheit wird das Respek-
tieren der berechtigten und natürlichen Interessen Anderer stets
aufrecht bleiben müssen. Die Unkenntnis der wirklichen Psycho-
logie des Menschen und Nichtbeachtung derselben bei der Er-
ziehung haben es zur Folge, dass in der heutigen gesellschaftlichen
Existenz überhaupt zahlreiche krankhafte Erscheinungen, Äusse-
rungen der illogischen Arbeitsweise des Verdrängten zu beobach-
ten sind. Handelte es sich bloss um die zu Neurosen spezifisch
disponierten Individuen, so dürfte man ihrethalben an der be-
stehenden Ordnung nicht rütteln. Ich stütze mich aber auf eine
mündliche Äusserung Prof. Freuds, wenn ich auch die über-
triebene Ängstlichkeit der meisten Kulturvölker, ihre Todesfurcht
12
S. FercncM
und Ilyporlifiinlric uiif die anrrzogene Vrrdrän|ciin|t drr Libido
zurückführe. Alirr uiicli ilnii Fi-NlhitlN-n an uii<iunigrn rrliftiÖaen
Aberglauben und ürhrüucbrn dri Autorita tukul tut. daf Sich-
Aaklanimt'rn an uli^cb-Utr GcsrlUcbaftafinricbtunf^rn, all daa aind
patbolu);iN<-Iif Kri)cli4-iniin[crn drr VolkHsrrlr, volkrrpiiychologiiche
ZwangsvorKtfllun^cn und Zwan)i)>baiu)luii|crn. drrm Trirbkrärte
unbewuHHtf, diirrli falncbe Erziehung ^roNNKrzogrnr, vrrdr äugte
WunBcbregungcn sind. [Anhang II]
In den leBruswrrtrn Vorirnuuften über die enirheriichra
Pfliclilen der Ärzte wirft der Itrcdlaurr Kindrrarr.! Prof. C l e r D y
den Eltern vor, das« iic ihre Kinder darum nicht er/irhrn kSnnen,
weil sie lich an ihre eigene Kindheit gnrnieht oder faUch er-
innern. Wir künnen ihm zuNtimmeii, könnten i)un Mugar auf Grunil
dea von Freud Gelehrten er/ühlen, welch ein nierkMÜrdi^er
•eelischcr MeehuniHmuH diene infantile Aumeite verurtiachl. Jcden-
falle ist diese allein eine /ureieheiide Erklärung dafür, da*« die
Püclugogik seit undenklichen Zeiten keinen neiinennwerten Forl-
schritt zu verzeiehnen liut. Ea iat chcn >-mi Circuhu vitioaus.
Daa UnbewiiHRte lÜHHt die Erwachaencn ihre Kuider unrichtig er-
ziehen - — die falsche Pü<lagogik führt dann bei den Kindern zur
Anhäufung unbewusHier Komplexe. Irgendwo muM man in diesen
Zirkel eingreifen. Sufurt mit einer radikalen Krfnrm der Kinder-
erzicbung hervorzutreten, wäre ein auHfliehtflluiieii Beginnen. Viel
mehr könnte man Hieb von der Korrektur der infantilen Amneitie
durch Aufklärung iler Erwaebaenen verNprechen. Der ernte und
wiehtigHte Schritt zur ItexHerung würe aUo meiner Anniebl nach
die Verbreitung der KenntnidSe ülier die wirkliche Pnyrbologir
dea Kindes, die wir Freud verdanken. Diese Mannenaufklarung
wäre ein Heilmittel der an übertriebenen Verdrüngungen leiden-
den Menuchheit, eine Art innere Kevolutiun, die Übrigem jeder
Einzelne von una, der nieli F r e u d a Lehren zu eigen gemacht
hat, Belbst durcbgeiuuchl haben muss. Die Befreiung von unoÖti-
Psychoanalyse und Pädagogik 13
gern inoerem Zwang wäre die erste Revolution, die der Menacli-
heit eine wirkliche Erleichterung schüfe, während es sich bei
politischen Revolutionen nur darum handelt, dass die äusseren
Machte, d. h. Zwangsmittel aus einer Hand in die andere wandern
oder dass die Zahl der Bedrängten steigt oder fällt. Erst die so
befreiten Menschen wären dann imstande, einen radikalen Um-
sturz in der Pädagogik herheizuführen und hiedurch der Wieder-
kehr ähnlicher Zustande für immer vorzubeugen.
Nebst dieser Vorarbeit für die Zukunft dürften wir aber
auch die Sache der heute heranwachßeuden Generationen nicht
vernachlässigen und raüssten feststellen, was sich schon heute
an der Kindererziehung im Sinne unserer besseren Einsicht
ändern tässt.
Zuvor muS9 man sich aber mit dem Einwand der Nalivisteu
auseinandersetzen, die der Erziehung jede Wirksamkeit absprechen
und die ganze psychische Entwicklung für eine organisch prae-
formierte halten. Die von Freud erhärtete Ansicht, dass eine
und dieselbe Sexualkonstitution je nach der weiteren Verarbeitung
der Affektzuflüsse verschiedene Ausgänge zulässt, und dasa
Kindheitserlebuiase den weiteren Entwicklungsgang mitbestim-
men, spricht für die Wirksamkeit des erzieherischen Momentes.
Nicht nur ungünstige Zufälle, auch die zielbewusste günstige Be-
einflussung, d. i. die Erziehung, kann sich die kindliche Haftbar-
keit und Fixierbarkeit nutzbar machen.
Zur Reform der Erziehungsgrundsätze halte ich die Koope-
ration mit den Kinderärzten, die sich bei der Menge eines grossen
Einflusses erfreuen, für wünschenswert. Auch könnten sie durch
die unmittelbare Beobachtung des kindlichen Seelenlebens neue
Stützen für die Schlüsse darbringen, die wir nach Freud auä
dem Traumleben Gesunder und den Symptomen Psychoneurotiker
auf die Arbeitsweise und den Entwicklungsgang der Kinderseele
ziehen. Es ist anzunehmen, dasa diese Beobachtungen auch auf
14 S. Fereaczi
die NeiirosenpBycliologie nicht ohne fruchtbare Rückwirkung
bleiben.
Einstweilen scheinen die neuen Lehren dem Ventändni«
und dem Interesae der Püdiatcr gouz zu entgehen. Umso inter*
eBsanter ist es, dass nirlitsdestowcniger zahlreiche Berührungs-
punkte zwischen der Freud sehen Psychologie und den vod
Freud gar nicht angosteckten pädiatriiich<>n Beobachtungen
sich von seihet ergeben.
Nehmen wir das oben zitierte Buch C z e r n y s zum Muster,
80 sehen wir mit Vergnügen, welch grosse Wirkung er der rich-
tigen Behandlung des Kindes schon im ersten Lclienbjahr für
dessen spatere psychische li^iilw ick lang zuKchrcilit. Mit Freuds
Terminologie würden wir die Frage so stellen: soll man über»
haupt, lind wie soll man da» Kind wiihreiid der fast auaschlieaa-
liehen Herrschaft des uubewussteu psychiftchen Systems eniehen*
Nach dem, was wir von der spüteren Kiille der unbewussten
Triehregungen wissen, müssen wir uns auf den Standpunkt stellen,
dasa mau die muloriHchen Fiilluduiigen den Kindes nu wenig wie
möglich hemmen soll. Von diesem Siuiidpniikte halle ich da«
auch heute übliche Wickeln, d. h. Fenseln des Kiudes für ver-
werflich. Das Kind soll sich „auBtobfn". Da« einzige, was in diesena
Lebensalter einer „Erziehung" gleichküme, würe eine richtige
Dosierung der auf da» Kind einwirkenden ÜusHcren Reize. —
Czerny hat vollkommen recht, wenn er die allzufrühe Fesselung
der Aufmerksamkeit der Kinder durch starke optische und
akustische Reize verurteilt.
AU Beruhigungsmittel erwähnt Cserny des Nahrungiver-
abreichcn, natürlich nur in hygienisch richtigen Zeitabstünden,
auch hält er das von vielen Ärmten verdammte Schaukeln. Wiegen
und Ludein für vollkouiuieu harmlose Massnahmen. WÜsite er
aber von den spütcren möglichen Folgen der übertriebenen Rei-
zung einer erogeneu Zone und von den sexuellen Nebenwirkungen
I
9
Psychoanalyse und Pädagogik 15
der rhythmischen Erschütterung, so würde er in all diesen Dingen
zur Vorsicht mahnen. Es ist ja sicher, dass die Kinder dieser und
ähnlicher Sensationen für ihre volle sexuelle Entwicklung be-
dürfen, aber eine vernünftige Kinderpflege wird diese im Über-
mass nicht ungcbädlichen Reize quantitativ abstufen müssen.
Interessant ist, dass unser Autor für die Ernährung an der
Mutterbrust auch damit argumentiert, dass nur hiedurch jene
psychiBcheu Beziehungen zwischen Mutter und Kind zur Ent-
faltung gelangen, „die mau am höchsten schützt, wenn sie zwi-
schen Eltern und Kindern vorhanden sind." Eine wahre Be-
obachtung, zugleich aber eine sehr vorsichtige Umschreibung des
ausgesprochenen sexuellen Charakters dieser Beziehungen.
Das sexuelle Thema wird in diesem — wie überhaupt allen
ähnlichen Werken — sehr stiefmütterlich behandelt; wenige Be-
merkungen über die Säuglingsonanie sind alles, was man uns bietet.
WÜBSten die Kinderärzte nur etwas von Freuds Entdeckungen,
80 beurteilten sie das Küssen des Kindes auf den Mund nicht nur
vom Standpunkte der Infektionsmöglichkeil und hielte z. B.
Escherich die Frage des Wonneaaugens durch seine Ent-
deckung des antisoptischen Borsäureschnullers nicht für erledigt.
Die einzige Quelle unserer Einsicht in dieses Gebiet sind
Freuds „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie''. Die dort
niedergelegten Erfahrungen müaste man also pädagogisch zu ver-
werten suchen und darüber nachdenken, ob und wie man die
Prävalenz von erogenen Zonen, Partialtrieben, Inversionsneigun-
gen verhüten und übermässige Reaktionsbildungeu hintanhalten
soll. Die Pädagogik müsste sich aber vor Augen halten, dass ea
sich nicbt darum handelt, diese beim Aufbau der normalen Sexu-
alität unentbehrlichen Komponenten zu ersticken, sondern nur
darum, dass sie die ihnen zugewiesenen Schranken nicht über-
schreiten. Eine umsichtige Kindererziehung wird ea zu erreichen
wissen, dass den sexuellen Affektverwandlungen, Verdrängungs-
fmmßm
16
b. It-micxt
ichühon die krankmacln-iHlr Wirkung briHHuran» wird. D*» hruti)
Vorgehen, wo muii die Kinder in dm hrfliptlen Kriten ihrc^«^
sexuellen Kntwickelung ohne Sliil/e und Unterwri»un^. ohne Er-
klürung und Urruhinung alh-in ImmI, i>l rinr Griu«iinltcil. Di«
der liilclligeii/.Ktufe den Kiiidm enttpreihrndr »ukxeMivf Awf-
klürung muiiB hier Wandel Hchuffen. Krit wenn die Ccheimtuei
in sexuellen FraRc» uufliort, wenn man üher die \ orgjingr
eigenen Körper und in der eigenen Seele richtijir VorstcUunge»
hat, also nur hei AufmerknanikeititlirNei/ung. kann man die irxuel-
len Affekte wirklich heherritcheii und »uhlimieren. während d««
ins UnhewuH8te Verdrüngte iinnerer Kontrolle entiogro i»t und al«
ein weflenBfrcmdeB Klemmt die Hnhe des Srrlenlehen* •törl. I>er
DuppelHinii im Worte „•rllmtheuuMt" lieweint. dia« daa Volk di«
Beziehung zwiBchcn SelhiittTkcuutniii und Charakter dunkel ahnen
mu8s.
Wie man aher der möglichen Durchhrrrhung der »exurlle«
Latenzzeit, der Fixierung auto-erotiacher Merhaninuicn, iniPitQ.
ÖBer Phantasien, den leider to hüufigen Verführungen durch Er-
wachsene vorbeugen könnte, davon kann ich mir eimtweilcn keine
Vorstellung machen.
Die Methoden der Korrektion: Helohnung. Befehl. Strafe^
körperliche Züchtigung, hedürfeu einer gcnaurn Keviiion. Hi«T
wird am meisleu gcBÜndigl und oft die Keime Bpäterer Ncuroat«
eingeimpft.
DasB anderHeilH uucli die Ver/urtrlung der Kinder teitc
Erwachseuer, die tJhcrhüiifung mit LieheBhe/eugungen unheilvolle
Spütwirkungen zeugen kann, iBl jedem, der nur einige Analysen
gemacht hat, «elhatverBtandlich. Sind er«t die Eltern über dk«
Tragweite all dieser Dinge im Heinen. dann wird gerade ihre Liebe
zum Kinde aie von üherlreihungrn ahhallen.
Der Entwicklung der Sprach^ymliolik und dei höheren p»y.
chischen SyBteniB, der faBt uuBHclilieM«lichen Ol.jekle der heutigen
Psychoanalyse und Pädagogik
17
Pädagogik, wird man Belhstverstaudlicli nach wie vor die grÖsste
Aufmerksamkeit schenken und die Kinder mit entsprechenden
Spielen und rationellem Unterricht hcschuftigcn. Die Erkenntnis,
daSB dag Denken in Worten eine neuerliche Besetzung des Trieb-
lebens bedeutet, wird die, mit der fortschreitenden Bildung parallel
steigende, Fähigkeit des Kindes zur Selbstbeherrschung den Leh-
rern erklärlich machen. Die Ziigellosigkeit taubstummer Kinder
dürfte ja gerade auf den Entgang dieser Überhesetzung zurück-
zuführen sein. Allenfalls müsste dafür gesorgt werden, dass der
Unterricht etwas untcrhallendcr werde und der Lehrer nicht als
gestrenger Tyrann, sondern wie ein Vater — dessen Vertreter er
eigentlich ist — mit den Kindern umgeht.
Ob es je gelingen wird, den Charakter des Menschen durch
entsprechende Beeinflussung in der ersten Kindheit zu lenken
und formen, dies zu entscheiden, wird die Aufgabe einer zu-
künftigen experimentellen Pädagogik sein. Nach dem, was wir
von Freud in allerletzter Zeit erfahren haben, — ich denke
an den Artikel „Charakter und Analerotik'' — , ist eine solche
Disziplin nicht ganz undcnkl>ar. Es miiss aber noch sehr viel ge-
arbeitet und gelernt werden, ehe mau ernstlich daran denken kann,
diese Idee in die Tat umzusetzen.
Doch auch ohne diese neue Hilfswissenschaft wird der Sieg
der Freud sehen Lehren in der Pädagogik viel Gutes schaffen
können. Eine diesen Lebren entsprechende rationellere Kinder-
erziehung wird einen grossen Teil der drückenden psychischen
Lasten wegräumen. Und werden auch die Menschen — da sie
keine so kolossalen Hindernisse mehr zu überwinden haben —
auch keine so intensiven Lustbefriedigungen erleben, so wird
ihnen dafür ein ruhigeres, heiteres Dasein zu teil, das hei Tage
nicht durch überflüssige Ängstlichkeit, bei Nacht nicht durch
Angslträiime gequält ist.
Fcrencii, Dausleinc zur Psychou<ialj'!.e. III.
18
S. FercDcai
Auliung I
Wag i«t Verdranpiing? Man könnt«^ lie noch ■m rlirslcn da.
mit charaktcrisuTt-n, daas «ic riuc Al>liMi|;oiing von Tattachro ist.
Während aber der Verloftmc nndcrc lirlriint. indrni er die Wahr»
heit verheimlicht oder nicht lüxifllierrndf« fin^cicrt, will dir heutig«
Kindererzifhtiiig erreichen, dasu die Menschen «ich •clh>l belügea«
die in ihrem Inneren iieh regenden GcdauLcu und Gefühle vor
sich »eIhHt uhleu^nrn.
Die Pnychoanalyse lehrt nun, da»H die auf dieic Art aui dem
Qewusstsein vertlrängten (/cdanken und Strchungen durchaas
nicht vernichtet, sondern im „Uuhewusatcu" aufgeipeichert wer-
den und sich im Laufe der Krxiehiing tu einem gefährlichen
Komplex antidoziatcr und Hell»ttgefiilirlichrr Inittinkte einer gleicb-
sam parasitären „zweiten PerMÖnlichkeit" arganisir rrn, deren
Tendenzen zu den hewusatacinüfähigcD weitt lUawctrat im Gegen-
ualz stellen.
Man könnte meinen, dietie Einrichtung aei zweckmäisig, da
sie das sozial zweckmÜHaige Denken gleichsam aulomaliaiert, und
indem sie die anti- oder asozialen Streliungeu unltewuRst macht,
deren »cliiidlichc Wirkung vei liinilerl. Ahrr die Piychoanalyae
heweist, dass diese Art dt-r Ncutralisierung der aaozialen Tenden-
zen uazwevkmüssig und uiiükonumiMch iat. Die im Unhewussten
verborgenen Slrehungen können nur durch daa automatische Wir-
ken gewaltiger Schutzvorrichtungen unterdrückt und verhorgea
gehalten werden, deren Täligkeit zu viel psychische Energie ver-
braucht. Die verbietenden und ubttcbreckeuden Verordnungen der
auf der Basis der Verdrüagung stehenden moraliKchcn Eniehung
sind mit der posthypnotisclien Suggestion einer nepativen Hallu-
zination zu vergleieben, denn so wie man bei einem bypnotiaierteii
Individuum mit entsprechendem Hefehl erreichen kann, dasa ea
erwachend unfähig ist, optische, akustische oder tuklilc Eindrücke
Feychoanalyae und Pädagogik 19
auch nur teilweise aufzunehmen oder sie zu apperzipieren, so
wird die Menschheit heutzutage zuintroapektiver Blind-
heit erzogen. Aber der bo erzogene Mensch entzieht — gerade
so wie der hypnotisierte — dem bewussten Teile seines Ichs viel
seelische Energie und beeinträchtigt erheblich seine Funktions-
tätigkeit einerseits dadurch, dass er in seinem Unbewuesten eine
andere, sozusagen parasitäre Persönlichkeit ernährt, welche mit
ihrem natürlichen Egoismus, ihrer Tendenz zu schonungsloser
Wunscherfüllung gleichsam das Schattenbild, das Negativ all des
Guten und Schönen bildet, in welchem sich die höhere Bewusst-
heit gefällt; andererseits dadurch, dass das Bewusstsein zum
Schutz vor der Einsicht und Zurkenntnisnahme der hinter der
vielen Güte verborgenen asozialen Regungen seine beste Kraft
vergeudet, indem es dieselben mit moraÜBchen, religiösen und
sozialen Dogmen umschanzt. Solche Schanzen sind z. B. Pflicht-
erfüllung, Ehrlichkeit, Schamhaftigkeit, Ehrfurcht vor Autoritäten
and den gesetzlichen Einrichtungen usw., mit einem Wort alle
jene moralischen Begriffe, welche uns zum Respekt vor dem
Rechte des Anderen und zur Unterdrückung unseres Egoismus
zwingen.
Anhang II
Der Anästhesie hysterischer Frauen und der Impotenz neu-
rotischer Männer entspricht die seltsame und naturwidrige Ten-
denz unserer Gesellschaft zur Askese (Abstinentisraue, Vegetaris-
mus, Antialkoholismus usw.). Gleichwie hinter den übertriebenen
Reaktionen der unbewuset Perversen, den krankhaften Reinlich-
keitsprozeduren und der Uberanetändigkeit verpönte schmutzige
Gedanken und abgewehrte libidinöse Regungen lauern, so sehen
wir, dass auch hinter der ehrfurcht-gebietenden Maske des über-
strengen Moralisten alle jene Gedanken und Wunschregungen
unbewuiat vorhanden sind, die er bei anderen so stark verurteilt.
20
S. Ferenczi
Die Überstrenge schützt den Moralisten vor der Einsicht in tich
seihst und ermöglicht ihm zugleich das gehciinr „Auslrlicn" ein«s
seiner verdrängten, unhewnsslcn WünBclir, di-r Aggresiivitjit.
Alldics soll keine Anklage sein; die Besten unserer heutigen
Gesellschaft sind Menschen dieser Art; es sollte nur gezeigt wer*
den, in welcher Weise die auf die Verdrängung gegründete mora-
lische Erziehung auch in dem Gesunden ein gewiases Matü von
Neurose hervorruft. Nur auf diese Weise werden nolihe soxiale
Verhältnisse möglich, wo sich hinter dem Schlagwort der Vater-
landsliehe offenbar egoistische Tendenzen vernteckrn können, wo
unter dem Namen Volksbeglückung das tyrannische Unlrrjochea
der individuellen Freiheit propagiert wird, die Keligini>ilül teils
als Medikament gegen die Todesangst, teils als eine erlaubte Form
der gegenseitigen Unduldsamkeit geehrt wird und wo KchlieMÜch
auf dem Gebiete der Sexualität niemand offen itiir Ki-nutnU
nehmen will, was im Geheimen er selber tut. Neurose und hypo-
kritischer Egoismus sind die Folgen der dogmatisclien, die wahr«
Natur des Menschen nicht kennenden, nicht herücksichtigenden
Erziehung. Was wir in erster Reihe verurteilen müsiien, int aber
nicht der Egoismus, ohne den kein Lebewesen denkbar wäre,
sondern die Hypokrisie, dieses bezeichnendste Symptom der Neu-
rose des heutigen Kulturmenschen.
Es gibt Leute, welche wissen, das» all dies wahr ihI. und
denen trotzdem bei dem Gedanken bange wird, wi» wohl von der
menschlichen Kultur übrig bliebe, wenn die Erziehung, der
Lebenslauf des Menschen nicht mehr durch diese unapprllior-
baren und keine Erklärung zulassenden dogmatiHc-hen Prinzipien
überwacht würden. Werden die von ihren FeHsdn befreiirn ego-
istischen Triebe nicht alle Werke der Jahrtausentle allen mensch-
lichen Kultur vcrniehten'i' Gibt es einen Ersatz für den kategori-
schen Imperativ der Moral?
Die Psychologie hat uns bereits gelehrt, dasa es einen solchen
I
Psychoanalyse und Pädagogik 21
Ersatz wirklich gibt. Wenn am Ende der psychoanalytischen Be-
handlung der bis dahin neurotisch Kranke die unbewusstcn, von
der herrschenden Moral oder von der eigenen bewusst-moralischen
Auffassung verpönten Wünsche und Tendenzen seiner Seele ken-
nen gelernt hat; erfolgt die Heilung seiner Symptome. Und dies
erfolgt auch dann, wenn der Wunsch, der sich im neurotischen
Symptom symbolisch offenharte, zufolge unbezwingbarer Hinder-
nisse auch weiterhin unbefriedigt bleiben muss. Die Psychoanalyse
führt also nicht etwa zur zügellosen Herrschaft der egoistischen,
für das Individuum eventuell unzweckmässigen Triebe, sondern
zur Befreiung von den die Selbsterkenntnis hindernden Vor-
urteilen, zur Einsicht in die bisher unbewussten Motive und zur
Kontrolle über die nunmehr bewusst gewordenen Velleitjiten.
Die Verdrängung wird durch die bewusste Verurteilung ab-
gelöst, sagt Freud. Die äusseren Verhältnisse, die Lebens-
führung brauchen sich kaum zu ändern.
Der Mensch mit einer wahren Selbsterkenntnis, abgesehen
von dem erhebenden Gefühl, welches ihm dieses Wissen verschafft,
wird bescheiden. Gegen die Fehler Anderer nachsichtig, zum Ver-
zeihen geneigt, beansprucht er für sich aus dem Spruch „tout
comprendre c'est tout pardonner" nur das Verstehen — fühlt
sich nicht berufen, zu vergeben. Er analysiert die Motive seiner
Affekte und verhindert dadurch, dass sie in Leidenschaften aus-
arten. Die unter verschiedenen Schlagworten kämpfenden Men-
schengruppen betrachtet er mit einer Art von heiterem Humor,
lässt sich in seinen Handlungen nicht von der grossmäuligen
„Moral", sondern von der nüchternen Zweckmässigkeit führen,
welche ihn auch anspornt, diejenigen seiner Wünsche, deren
Befriedigung die Rechte anderer Menschen beeinträchtigen würde
(d. h. welche in ihren Reaktionen für ihn selbst gefährlich werden
können), einzuschränken und gewissenhaft zu überwachen, ohne
aber ihre Existenz zu verleugnen.
22
S. Fenoeii
Wenn ich vorhin behauptet hohe, dis« heul^ <li« gante G«»j
Seilschaft neurotisch ist, so wollti- ich damit nicht etwa rine ent,
fernte Analogie, ein Glcichui« aufstellen. Und es ist keinr pofti»cl»©i
Wendung, sondern meine ernste Uberxriigunfc, dasi das cinxig«J
Medikament gegen diese gesellschaftlirhe Krankheit die unver»'
hüllte Einsieht in die wahre und volle ^alu^ des Menschen Ibi^i
vornebmlich aber iu die heute nicht mehr unzugünglicbc WerW-^
statt des unhewussten Seelenb-hens; ihre Prophylaxe «her: da
auf die Einsicht, auf die ZweckmässiRkeii und nicht mehr m.nt*
Dogmen basierte, richtiger erst aufzubauende Pädagogik.
^
Zur Deutung einfallender Melodien
{etwa 1909)
Ich gehe auf der Strasse und denke daran, ob es auch Ton-
aBSOziatiocen (Einfälle) gibt, die nicht durch den Wortinbalt
bestimmt sind, ich eage mir: bis jetzt habe ich immer den Wort-
sian einer mir eingefallenen Melodie finden können.
Nach einigen Sekunden ertappe ich mich dabei, dasfl ich ein
Lied vor mich hinsumme. Mir fällt dazu nichts ein! Was ist denn
das? Ja natürlich, — es ist eins der MendeUsohnischen Lieder
ohne Worte. Der Einfall ist einfach die Fortsetzung meiner
Spekulation — ein Widerspruch aus dem Vorhewusßten. Es gibt
ja auch Lieder o h n e W o r t e, (d. h. Melodien ohne Text, die
mir oft einfallen, Symphonien, Sonaten etc.), wie wirst du d i e
erklären? Doch zugleich sage ich mir, dass so wie im Fall der
„Lieder ohne Worte" hier, — so wird sich auch in anderen Fällen
ein S i n n im Einfall nachweisen lassen, entweder im Titel, wie
hier, oder in irgend einer zeitlichen, räumlichen oder kausalen
Assoziation der textlosen Melodie mit etwas Sinnvollem oder
Gegenständlichem.
Die Möglichkeit aber, dass es auch rein musikalische Asso-
ziationen gibt, will ich nicht leugnen. Brumme ich eine Melodie,
24
S. 1'
t-rcDczi
so fällt mir bald — rein imcli <!cr Älintirlikcit — eine »weite eia,
ungefähr wie im Potpourri der MilitärkaiM-IIeii. Ich hin sehr mu«.
kaiisch, aber leider gar kein Muwikrr. Pie Gfietze der mu-jkali.
sehen Assoziation muas ein psjehoanulytittch pcurbultrr Musiker
schaffen. Wahracheinlich Benüpt oft der drr Stimmung rntspre-
chende Rhythmus dazu, um eine textlosp Melodie „eiofalleD" «u
lassen. Manchmal bedeutet (hei mir) ein BchwunKvoIlrr Walzers
„ich möchte tanzen, so lustig hin ich" (leider nicht au oft!). Dem
Grade meiner Lustigkeit oder Traurigkeit entiipricht mri«t genau
der Rhythmus der Melodie, die mir einfüllt.
Noch in der voranalytischcn Zeil habe ich mir eine Theori«
über die frappante Tonmalerei in W a r n e r b Opern gebildeu
Ich dachte mir: jeder Begriff, jede» Wort, jede SituilioD (i. B.
auf der Bühne) erweckt ein gewiiiBcn Gefühl im Menschen; diesem
Gefühl müsse ein neuro-physikalischer Vorpang (Schwingung) voa
bestimmten quantitativen VerhÜltnisHen ( Wellcnlüngen. ÜberUg»-
rung von Wellen zu komplizierten Systemen. Rhythmen etc.) ein-
sprechen. Die Musik müsse imstande sein, durch Komhinationen
von Tönen und Tonfolgen, akustiitche Gebilde mit denselben
quantitativen Verhültnissen wie die der Nervennchwingungen dar-
zustellen. Daher assoziiere sich an die Musik die Stimmung undl
der Begriff, andererseits an den RegrilT, in die Stimmung die
Musik. Die Musik sei eigentlich nur Erzeugni« dei GefühN: der
Mensch variierte solange die Töne, bis nie seinen Stimmungen
entsprachen. Kin natürliches MuHikim*trument (da» C o r t i »cbe
Organ) und dessen Verbindungen mit dem Zentraluervensyslem
seien die Regulatoren der nmsikaliBchen Produktion.
Seit der Analyse und der Lektüre von K 1 e i ii p a u 1 a Werk
habe ich diese ganze Phantasie fallen gelassen. Ich halte c« jetat
für wahrscheinlich, dass die Musik (so wie dir Spniehe) nur direkt«
oder indirekte Darstellung oder Naebabmuug von (organischen oder
anorganischen) Naturlantcu und Ceriiuichcn ist, — •!• «olch©
Zur Deutung einfallender Melodien
25
aber offenbar imstande ist, ähnliebe Stimmungen und Ideen zu
erwecken wie jene Naturlaute selbst.
Zum Einfallen einer Melodie gehören also zumeist zwei Dinge:
1. eine rein musikalische Stimmungsassoziation,
2. unter den nach der Stimmung (Rhythmus, Tonhöhe, Auf-
hau) assoziierbaren Melodien wird die vorgezogen, die nebst
dem auch inhaltliche Anknüpfungspunkte darbietet.
Zur Erkenntnis des Unbewussten i
(etwa 1911) s
\
Nicht Herrscher, Politiker, noch Diplomaten, sondern -lio ^
Gelehrten sind es, die über daa zukünftige Schicksal der Welt
entscheiden. Die Mächtigen sind eigentlich Vollstrecker, oder starre
Widersacher, aber immer nur Marionetten der durch die Ideen
befreiten Kräfte. Und „wer weiss" — fragt irgendwo A n a t o 1 e
France — „ob nicht schon in einem Dachkümmerchcn der
unbekannte Forscher an der Arbeit ist, der eincB Tagea die Welt ♦
aus ihren Fugen hebt?" |
Nicht nur von den kommenden Wuudcrn der Technik, von
der immer vollkommeneren Dienstbarmacbung der Naturkräfi©
können wir die Veränderung des Weltbildes erwartea. auch nicht
nur von den Versuchen, die durch zweckraaseigere Verteilung der
materiellen Güter, durch die soziale Organisation das Lehen für !
den Einzelnen und für immer mehr Individuen erträglicher» an-
genehmer gestalten wollen; der Fortschritt hat einen dritten,
nicht minder hoffnungsvollen Ausblick, die Aussicht auf Höher-
entwicklung der körperlichen und geistigen Kräfte und der An- S*
passungsfähigkeit des Menschen. Im Dienste der letzteren steht
die individuelle und soziale Hygiene und jene sich immer weiter >
1
nl
Zur Erkenntnis dee Unbewussten 27
verbreitende Bewegung, die sich die Rassenverbesaerung, die
Eugenik, zur Aufgabe macht. Eine auffallende Erscheinung
letztgenannter Bestrebungen ist eine gewisse Einseitigkeit. Die
Soziologen können sich dem einseitigen Einflüsse der Naturwissen-
schaften im engeren Sinne — der Physik, Chemie, Biologie —
nicht entziehen und erwarten das Heil ausschliesslich von
ihnen, hauptsächlich von der Keimesauslese und dem Keimschutz.
"Was aber von den seelischen Erscheinungen messbar, in
mathematischen Formeln ausdrückbar und für Experimente zu-
gänglich ist, ist ein so verschwindend geringer und elementarer
Teil des Seelenlebens, dass unter der Wirkung der materialisti-
schen Strömung die Seelenkunde zu einer untergeordneten Provinz
der Sinnes-Physiologie herabsank und, wir können getrost be-
haupten, durch Jahrzehnte unfruchtbar blieb. Die zusammen-
gesetzteren psychischen Erscheinungen hingegen, bei denen uns
vorläufig nur die Beobachtung und Seelenhetrach-
t u n g als Methode zu Gebote stehen, würdigten die Gelehrten
keiner Aufmerksamkeit; Fragen der Charakterbiologie, der seeli-
schen Konflikte, die Arten der Erledigung vergänglicher und
bleibender Folgen von seelischen Eindrücken beschäftigten die
berufsmässigen Forscher nicht. Nur Poeten, Biographen und Auto-
biographen, wohl auch einzelne Historiker beschäftigten sich
mit diesem Zweige der Wissenschaft, doch konnten sie uns natür-
lich keine reine Wissenschaft bieten, denn der Poet will uns ja
nicht belehren, sondern vor allem amüsieren, den Historiker
interessieren in erster Linie die Ereignisse selbst und den Bio-
graphen nur das Seelenleben einzelner Menschen, nicht aber die
aus der Erfahrung ableitbaren allgemeinen Sätze.
Das Studium einer psychischen Erkrankung, der Hysterie,
führte die Psychologie zu ihren wirklichen Aufgaben zurück.
Die Forschungen von Charcot, Möbiue und J a n e t mach-
ten es offenbar, dass es sich bei diesem Krankheitszustande um
28 S. F
erenczi
ein sehr lehrreiches „Naturexperiment" handelt, das uns heweiat,
dass die menschliche Psyche durchaus nicht jenes einheitliche
und unteilbare Etwas ist, wie es das Wort „Individuum" ahnen
lässt, vielmehr ein Bau von höchst komplizierter Struktur, von
dem uns das Bewusstsein sozusagen mir die AuHsenfläche, die
Fassade zeigt, während die wahren motorischen Krüflc und Kraft-
mechanismen in einer dritten Dimension: in den Seelentiefen
hinter dem Bewusstsein zu suchen sind. Allerdings xogen die
genannten Forscher diese Konsequenzen aus den Erscheinungen
der Hysterie nicht; sie glauhten noch, dass die Teilharkeil und
der Zerfall des Bewusstseins nur im krankhaft entarteten seelischen
Organismus möglich ist, der zum Zusammenhalten der seelischen
Kräfte, zur Synthese, schon ah ovo zu schwach ist. Sie liemerkten
nicht, dass die Hysterie nur vergrössert und verzerrt dasselbe
zeigt, was in jedem Menschen, wenn auch nicht so aufTsllig, vor
sich geht.
Fast gleichzeitig mit diesen Hysterie-Studien wurde die Lehre
von der Einheit des Bewusstseins auch von anderer Seite kou-
zentriert angegriffen, indem Liebeault, Bernstein und die
Gelehrten der Salpetriere die his dahin für Aber-
glauben geltenden Erscheinungen der Hypnose ernster Aufmerk-
samkeit würdigten. Was die Hysterie als Krankheitssymptom
produzierte: das Zerfallen der Persönlichkeit in zwei oder mehr
Teile, konnte man mittels hypnotischer Experimente auch künst-
lich herbeiführen.
Im Pariser Siechenhause, in dem die Versuche gemacht wur-
den, „züchtete" man förmlich Menschen, die zwei, drei oder auch
vier „Ichs" besassen, welche „Ichs" über die Wunschregungen,
Absichten und Aktionen der übrigen Tch-Komponenten par nichts
oder nur wenig wussten, Persönlichkeiten von ganz gegensätz-
lichen Charakteren repräsentierten und über ganz abgesonderte
Erinnerungsgruppen verfügten.
' l~
Zur Erkenntnis des Unbewussteu
29
Es ist charakteristisch für die Trägheit des menschlichen
Geistes, dass man selbst aus diesen hypnotischen Experimenten,
obzwar man sie nicht nur hei Kranken, sondern auch bei Ge-
sunden nach Belieben hervorrufen konnte, immer noch nicht den
eeibstverständHchen Schluss zog, dass dies Zerfallen des Bewusst-
seins in Teile kein wissenschaftliches Kuriosum, kein teratologi-
scher „Lusus naturae" ist, sondern eine wesentliche Eigentümlich-
keit der menschlichen Seele überhaupt. So kam es, dass die Psycho-
logie, anstatt sich mit voller Wucht auf das Studium dieser ganz
neuen und weite Perspektiven eröffnenden Probleme zu werfen,
hartnäckig ihre sterilen psycho-physischen Messungen fort8et2te.
Von dem irrigen Gesichtspunkte ausgehend, dass die Gegenstände
der Psychologie ausschliesslich vom Bewusstsein begleitete seeli-
sche Erscheinungen sein können, schlössen sie es a priori aus,
dass die Schichte unter dem Bewusstsein anders als physiologisch
verständlich zu machen sei. Umsonst sprachen gegen diese Auf-
fassung die bei der Hysterie und Hypnose gemachten Erfahrungen,
umsonst ging aus diesen Erscheinungen hervor, dass unter der
Schwelle des Bewusstseins Komplexe von hoher Zusammengesetzt-
heit und — abgesehen von der Bewusstheitsqualität — dem Voll-
bewusstsein beinahe ganz gleichwertige Fähigkeiten vorhanden
sind. Man erledigte diesen Widerspruch entweder so, dass man
die verwickelten psychischen Gebilde unter der Schwelle des
Bewusstseins einfach zu einer „Gehirnleistung" und dadurch zur
Physiologie degradierte, oder aber wurde, entgegen unzähligen,
dem widersprechenden Tatsachen einfach dekretiert, dass die
unter dem Bewusstsein geleistete seelische Funktion immer ein
enig Bewusstheit besitzt, und man klammerte sich an die An-
w
nähme der „Halbbewusstheit", der „Unterbewusstheit" auch dort,
wo der zum Urteilen hierüber einzig Berufene, das Subjekt selbst,
von deren Existenz gar nichts wusste oder fühlte. Mit einem
Worte, wieder die Tatsachen waren es, die den Kürzeren zogen,
30 S. Ferenczi
wo sie es wagten, mit eingerosteten Theorien in Konflikt zu ge-
raten. Tant pis pour les faits!
So standen die Dinge, als in 1881 der Wiener Internist
Breuer durch eine geniale Patientin zu der Überzeugung ge-
bracht wurde, dass bei hysterisch Erkrankten die unter die Schwelle
des Bewusstseins versunkenen und von dort aua Unruhe stiftenden
Erinnerungsbilder unter gewissen Bedingungen wieder auf die
Oberfläche kommen und bewusst werden können. Abgesehen da-
von, dass sich dieses Verfahren hei diesen Kranken ala Heil-
methode bewährt hat, können wir diesem Ereignisse vom psycho-
logischen Gesichtspunkte eine ausserordentliche Bedeutung bei-
messen. Dies war das erste Mal, dass es mit zielbewusster Mithodik
gelang, den Inhalt der im Unbewussten verborgenen Vorstellungs-
gruppen und die Art der mit ihnen verknüpften Affekte feslru-
stellen.
Es täuschte sich aber, wer da glaubte, dass dieser Entdeckung
die fieberhafte Durchforschung der Rätsel der unbewussten seeli-
schen Welt auf dem Fuss folgte. Zehn Jahre lag diese Krankheits-
geschichte unbenutzt im Schubfache des Wiener Arztes, bis end-
lich Freud deren allgemeine Bedeutsamkeit erkannte.
Die Erforschung der Unterwelt der Seele knüpft sich von
da ab an den Namen Freud. Er war es, der eine immer feinere
und vollkommenere Methode der analytischen Untersuchung der
kranken und gesunden Seele entwickelte und dadurch für unser
Wissen über das Seelenleben eine ganz neue Grundlage schuf.
Seit Freud wissen wir, dass die individuelle Entwicklung der
menschlichen Seele nicht mit dem Wachsen einer Kugelfläche
zu vergleichen ist, sondern mit dem eines Baumes, dessen Stamm,
wenn er durchsägt wird, den Jahresring jedes durchlebten Lebeni-
jahres erkennen lägst. In den unbewussten Schichten der Seele |
leben die längst erledigt gewähnten, unkultivierten und amorali- -
sehen Instinkte, alle primitiven Vorsiellungskomplexe unserer ♦
I
r
5
L
^
Zur Erkenntnis des Unfaewuseten 31
Kindheit und Jugend fort, die, weil sie der mässigenden, bändi-
genden, lenkenden Macht des Bewusstseins entzogen sind, den
logischen, ethischen und aesthetischen Einklang des bewussten
„Ich'' oft empfindlich stören, Leidenschaftsausbrüche, unzweck-
mässige, zwecklose oder zwangsmässige Handlungen, seelische Er-
krankungen, viel unnötiges Leiden und Kummer verursachend.
Wir kehren zu unserem Ausgangspunkte zurück. Die Bändi-
gung der menschlichen Leidenschaften, die Verminderung der
Seelenbiirde, die Vorbeugung der psychischen Erkrankungen: das
sind nicht mehr Fragen einer abstrakten Wissenschaft, sondern
die Wegweiser einer neuen und hoffnungsvollen Richtung für das
Gedeihen und die Entwicklung der Menschheit. Noch mehr: wir
werden von einer „Gedankenfreiheit" ira vollen Sinne des Wortes
nur dann sprechen können, wenn das Denken sich nicht nur auf
der Oberfläche des Bewusstseina bewegt und nicht der Direktive
unbewusster Vorstellungen untergeordnet ist, sondern auch die
in den Tiefen verborgenen, der heute herrschenden moralischen
Ordnung vielleicht widersprechenden Vorstellungen und Tenden-
zen, mit einem Wort: alle bisher unbewussten Determinanten
berücksichtigt, um über sie mit klarer Zweckmässigkeit, das indi-
viduelle und das allgemeine Wohl klug in Einklang bringend,
souverän zu verfügen.
Was die Psychoanalyse in der Heilung der streng genommenen
seelischen Krankheiten schon bis jetzt geleistet hat, rechtfertigt
die Hoffnung, dass diese Forschungsmethode auch die wirklichen
Gründe vieler schweren seelischen Erkrankungen der Gesellschaft
ergründen, der Heilung zugänglich machen wird.
Die spätere Zukunft aber wird uns eine radikale Reform der
Erziehung der menschlichen Seele bringen und eine Generation
erziehen, die die natürlichen, mit der Kultur oftmals kontrastie-
renden Triebe und Wünsche nicht ins Unbewusste versenken, sie
nicht mit Ableugnung und instinktiver Abwehr erledigen wird,
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■'"ken. Dies al,e/„i "! '7"'" ^^ er,rag»„ „„d vernünftig'"
"•"^ Hypokride, die bL^ f"*' '■"'^'^■""■' ""- Zei.al.or.. «'1'''"
"""' ■>- Fehlen jede c ;^?'""''"« «»^ Dogmen und Au.ori
ritä«^"
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.:is:*Ät__
Beitrag zur Diskussion über Onanie
(1912)
Ein Teil der durch die Onanie verursachten neurotischen
Störungen ist sicher rein psychischer Natur und läset sich aus der
Angst ableiten, die in der ersten Kindheit, zur Zeit der Kinder-
masturbation, mit der Selbstbefriedigung in unlösbare assoziative
Verknüpfung gebracht wurde (Kaslrationsbefürchtung bei Knaben,
Angst vor Abschneiden der Hände bei Mädchen). Eine gros.e
Anzahl von Hysterien und Zwangsneurosen erweist sich bei der
Analyse als psychische Folge dieser infantilen Angst, die .ich
_ beim Erwachen der Objektliebe - mit der Angst vor inzestuö-
sen Onanie-Phantasien vergesellschaftet. Die Angst des t-r-
wachsenen vor der Masturbation ist also aus der i n f a n 1 1 1 e n
(Kastrations-) Angst und aus der juvenilen (In-
zest.) Angst zusammengesetzt und die diese Angst konvertie-
renden und substituierenden Symptome lassen sich durch Analyse
beseitigen.
Es ist mir aber nicht zweifelhaft, dass die Onanie auch un-
mittelbar gewisse nervöse und psychische Störungen hervorzurufen
imstande ist, wenn auch nicht oft genug darauf hingewiesen
werden kann, dase diese ihre Bedeutung meist viel geringfügiger
Ferenczi, Bausteine lur Psychoanalyse. IH. 8-
r
34 S. Ferenczi
ist als die der durch rohe Abschreckung und Verdrängung ver-
ursachten psychoneurotischen Symptome.
In einer Reihe von Fallen, in denen die Analyse die Angst
vor Kastrations- und Inzestgedanken bewusat gemacht und da-
durch die psychoneurotischen Symptome beseitigt hatte, in denen
aber die Onanie-Abstinenz auch während und nach der Behand-
lung keine totale war, zeigten die Patienten am Tage nach der
Masturbation eine typische Störung in ihrem psychischen und
somatischen Befinden, die ich aU E i n l a g s-N e u r a 8 t b e n i o
bezeichnen möchte. Die hauptsachlichen Klagen der Patienten
waren: starke Ermüdbarkeit und bleierne Schwere in den Beinen,
die sich besonders in der Früh heim Aufstehen zeigte; Schlaf-
losigkeit oder gestörter Schlaf; Überempfindlichkeit Licbl- und
Schallreizen gegenüber (manchmal förmliche Schmerzempfindun-
gen in Auge und Ohr); Magenstörungen; Parästhesien in der
Lendenwirhelgegend und Druckempfindlichkeit längs der Nerven-
stränge. In der psychischen Sphäre: grosse gemütliche Rrizl)arkeit,
Missmutigkeit und Nörgelsucht, Unfähigkeit oder verminderte
Fähigkeit zur Konzentration (Aprosexie). Diese Störungen hielten
am ganzen Vormittage an, wichen allmählich in den ersten Nach-
mittagsstunden, und erst gegen Abend war das körperliche Emp-
finden, die Ruhe in der Gefühlssphäre und die intellektuelle Lei-
stungsfähigkeit wiederhergestellt.
Ich bemerke ausdrücklich, dase diese Symptome mit keiner
Rezidive oder Verschlimmerung der psychoneurotischen Symptome
einhergingen und dass es in keinem einzigen Falle gelaug, diesen
Symptomen psychoanalytisch heizukommen oder sie auf diesen»
Wege zu beeinflussen. Die Ehrlichkeit gebietet also, hier von
psychologischen Spekulationen abzusehen und die bcBchriebenen
Symptome als physiologische Folgen der Onanie anzuerkennen.
Diese Feststellung stutzt aber, wie ich glaube, die Anschauung
Freuds über die Genese der Neurasthenie. Man kann eben die
^
Beitrag zur Diskussion über Onanie 35
masturbatorische Aktualneuroee als ein Chronischwerden, eine
Summierung der Symptome der onanistischen Eintags-Neurasthe-
nien au£Fassen.
Dass aber die maBturbatorische Betätigung wirklich imstande
ist, physiologische Wirkungen, die dem normalen Koitus-Akte
nicht zukommen, herbeizuführen, dafür spricht manche Beobach-
tung und es widerspricht dem auch die theoretische Überlegung
nicht.
Es gibt Männer, die mit ihren Frauen, trotz der Abnahme
der Libido, häufig sexuell verkehren, dabei aber in der Phantasie
die Person der Frau durch eine andere ersetzen, die also gleich-
sam in vaginam onanieren. Wenn solche Männer zeitweise mit
einer anderen, sie voll befriedigenden Person verkehren, so be-
merken sie einen sehr grossen Unterschied zwischen ihrem Be-
finden nach dem durch Phantasie unterstützten und nach dem
an sich zufriedenstellenden Koitus. Erfüllte die Person die Be-
dingungen ihrer Libido, so fühlten sie sich nach dem Koitus er-
quickt, verfielen in einen, wenn auch kurzdauernden Schlaf und
waren sowohl am selben wie auch am darauffolgenden Tage un-
gewöhnlich leistungsfähig. Dem onanistischen Koitus folgte aber
sicher eine Eintagsneurasthenie, mit allen oben beschriebenen
Symptomen. Besonders typisch stellten sich in solchen Fällen un-
mittelbar nach dem Verkehr Augenschmerzen bei Lichteinfall,
Schwere in den Beinen und — nebst der psychischen Reizbarkeit
— eine ausgesprochene Hyperästhesie der Haut, besonders Emp-
findlichkeit gegen Kitzelreiz ein. Die Schlaflosigkeit musate ich
auf Grund des begleitenden Hitzegefühls und der Pulsations-
gefühle als Folge vasomotorischer Reizzustände deuten.
Auch die theoretische Überlegung ergibt keinen stichhaltigen
Einwand gegen die Annahme, dass der normale Koitus und die
Masturbation nicht nur psychologisch, sondern auch physiologisch
verschieden zu wertende Vorgänge sind. Ob die Onanie mit Rei-
36
S. Fereocsi
bung durch die Hand oder durch Friklioiu-n dis Gliede» au derl
Vagina eines nichthefrifdigt-ndcn Scxualol»ji-kU'i vorgenomt&en'
wird: zwei Vorgänge sind im Vergleich /um normalen Verkehr!
wesentlich verändert. Bei der Onanie !. 1 r i h t die n o i^j
male Vorlust aus, dagegen ibt der Anteil der^
Phantasie heim Akt gewaltsam gesteigert. Ich]
glaube nun nicht, dnss die Vorlust ein rtin psychologischer Vor-
gang ist. Wenn man ein hefriedigrndi-s Sexualobjekt ansieht, be^i
tastet, küsst, umarmt, so kommt «'n zu heftiger Krrogung der
optischen, taktilen^ oralen und muskulÜrcn erogeni-n Zonen, die
einen Teil dieser Erregung autoraatiMch der Genitalzone abgeben;
der Prozess spielt eich also zunächsl in den Sinnesorganen, resp.
den Sinneszentren ab und die Phantasie wird nur sekundär in
Mitleidenschaft — richtiger in Mitfrrudc — gezogen. Bei der
Onanie schweigen aber alle Sinnesorgane und die ganxe Erregungs.
summe muss die bewusste Phantasie und der Gcnitalrei« auf-
bringen.
Das gewaltsame Festhalten eines oft mit hallu/inatorischer
Schärfe vorgestellten Bilde» während des normalerweise fast g«u,
unbewussten Sexualaktes ist über keine gerinne Aufgabe, sicher.
lieb gross genug, um eine nachfülgeude Ermüdbarkeit der Auf.
merksamfceit zu erklären.
Die Reizbarkeit der SinnesorganL- nach der Onanie (und hei
der Neurasthenie) kann man sich allerdings nicht ohne weitere«
erklaren. Dazu weiss man noch von den nervösen Vorgängen beim
normalen Koitus zu wenig. Durch die Reizung der erogenen Zocken
wird beim Koitus zunächst die Bereitschaft des Genitalorgan»
geweckt; hei den darauffolgenden Friktionen spielt dann der
genitospinale Reflex die Hauptrolle; es kommt /u einer Sumoi«.
tion der Genital-Reize, und zuletzt — gleichzeitig mit der Ejaku-
lation -— zu einer explosionsartigen Ausstrahlung der Erregung
in den ganzen Körper. Ich vermute, dass die Wollust, die wie di«
1
Beitrag zur Diskussion über Onanie 37
Gemeingefühle überhaupt, nicht lokalisierbar ist, dadurch entsteht,
dass wenn der Genitalreiz sich gehörig summiert oder eine gewisse
Spannung erreicht hat, er explosionsartig über das spinale Zentrum
hinaus in die ganze Fühlsphäre, also auch in die Haut- und
Sinnes-Zentren ausstrahlt.
Ist dem so, so mag es nicht gleichgültig sein, ob die WoUust-
welle durch Vorlust vorbereitete, oder aber unerregte, gleichsam
kalte Fühlsphären vorfindet. Es ist also zumindest nicht selbst-
verständlich, dass die nervösen Vorgänge beim Koitus und bei der
Masturbation physiologisch identisch seien, ja die erwähnten
Überlegungen geben sogar einen Fingerzeig dafür, wo man die
Ursachen der nach der Onanie verbleibenden vasomotorischen.
sensiblen, sensorischen und psychischen Überreizung zu suchen
hätte. Es ist möglich, dass die Wollustwelle normalerweise restlos
abklingt, bei der Masturbation aber ein Teil der Erregung sich
nicht ordentlich ausgleichen kann; diese restliche Erregungssumme
gäbe die Erklärung der Eintagsneurasthenie — vielleicht der
Neurasthenie überhaupt.^
Auch die Entdeckungen von F l i e 8 s über die Beziehungen
zwischen Nase und Genitale darf man nicht vergessen. Die vaso-
motorische Überreizung bei der Masturbation kann chronische
Störungen im erektilen Gewebe der Nasenschleimhaut verursachen,
die dann die verschiedensten Neuralgien und funktionellen Stö-
rungen nach sich ziehen mögen. In einigen Fällen von Mastur-
bationsneuraslhenie besserte sich das Befinden zusehends nach
1 „Einlagsneurasthenie" kommt manchmnl auch nach
ganz normalem Koitus zustande, z. B. wenn der Beischlaf ausnahmeweise
am Vormittag ausgeübt wird, wo die Libido gewöhnlich geringer ist.
Die Libido steigert sich erst in den späten Nachmiltagsstunden, was ge-
wiss Dicht ohne Beziehung zu deo abendlicben Besserungen im Befinden
der Neurastheniker ist.
^
38 S. Ferenczi
Ätzung der Genitalpunkte der Nase. Ee müestcn hierüber Unter-
suchungen in grossem Massstahe vorgenommen werden.
Während ich mit dem Gesagten davor warnen wollte, die
Folgen der Masturbation ausschliesslich vom psychologischen
Standpunkte zu betrachten, fürchte ich, dass man bei der Frage
der ejaeulatio praecox den entgegengesetzten Fehler
begeht. Nach meinen Erfahrungen tritt die vorzeitige Samen-
entleerung oft bei Leuten ein, denen der Koitus aus einem oder
dem anderen Grunde peinlich ist, die also ein Interesse daran
haben, ihn je rascher zu erledigen. Wir wissen nun, dass die
Onanisten — durch ihre Phantasien verzogen — nur zu bald mit
dem Sexualobjekt unzufrieden sind, und es ist anzunehmen, dass
sie den Verkehr in unbewusster Absicht verkürzen möchten. Da-
mit will ich nicht gesagt haben, dass lokale Ursachen (Verände-
rungen um die ductus ejaculatorii herum) für die ejaeulatio prae-
cox in keinem Falle verantwortlich zu machen sind.
Ich möchte nur noch über die Genese der Zahnreias.
Symbolik der Onanie in Träumen und Neurosen eine Bemer-
kung vorbringen. Es ist uns allen bekannt, dass in Träumen das
Zahnreissen symbolisch Onanie bedeutet. Freud und Rank
haben das mit einwandfreien Beispielen belegt und auch auf den
deutschen Sprachgebrauch, der derselben Symbolik huldigt, hin-
gewiesen. Nun kommt aber dasselbe Symbol sehr häufig bei Ungarn
vor, die jene deuteeben Ausdrücke („Sich einen heruntcrreissen^*
etc.) ganz sicher nicht kannten; und doch hat die ungarische
Sprache kein ähnliches Synonym der Masturbation. Hingegen
konnte in allen Fällen die symbolische Identifizierung von Z a h n-
r e 1 8 s e n und Kastration durch die Analyse wahrscheinlich
gemacht werden. Der Traum setzt Zahureiseen sym-
holischfürKastrationCd. h. dieStrafeanStelle
der Onanie).
Für die Bildung dieses Symboles der Onanie mag — nebst der
^
Beitrag zur Diskussion über Onanie 39
äusserlichea Ähnlichkeit von Zahn und Penis, Zahnreissen und
Penisabschneiden — ein zeitliches Moment nicht ohne Bedeutung
sein. Kastration und Zahnreissen (Herausfallen der Zähne) Bind
eben die ersten operativen Eingriffe, deren Möglichkeit an
das Kind ernstlich herantritt. Es fällt dann dem Kinde nicht
schwer, das Unlustvollere der beiden Eingriffe (Kastration) aus
der Phantasie zu verdrängen, das ihm ähnliche Zahnreissen hin-
gegen symbolisch aber zu betonen. So etwa mag die Sexualsymbo-
lik überhaupt Zustandekommen.
Es gibt übrigens auch eine eigene Zahn-Neurose (über-
mässige Angst vor jedem Eingriffe an den Zähnen; fortwährendes
Herumbohren und Stochern in den Kavitäten hohler Zähne;
Zwangsvorstellungen, die sich mit den Zähnen beschäftigen, etc.).
Bei der Analyse erweist sich diese als Abkömmling der Onanie-,
resp. der Kastrationsangst.
Varia
Zur Genealogie des „Feigenblattes"
(1912)
Dass gerade das Feigenblatt zum Vcrhüllm «Irr Schimtcüe be-
nutzt wird, findet in der symbolischen Idrniifinrr.ing de« Geni-
tales mit einer Feigenfrucht seine Erklünmg. Siehe d«zu folgen-
des Distichon des Archilochos:
„Recht gutherzige Feige am FeU, eine Spei»c für viele
Krähen: die Fremden den SchoBs öffnende PasiHphe."
(Zit. nach „Ars AmaDtli" v. Richard NordhaweD, S. 3a)
Metaphysik — Metapsychologie
(2912)
»Hoch über'm Firmament iucht ich die Ourlle
Von Vorbeatimmung. Paradiea und Hölle.
Da sprach mein weiser Lehrer: Freund, in dir
Allein sind Kismet, Paradies und IIÖllc."
Sinnspruch m a r'i dea Z <• 1 t c n m ■ c h e r •
(geK.
1025—1050, gest. 1123). Ücutarho VrrUjMii.t.It. 1909,
Varia 41
Paracelsus an die Arzte
(1912)
„. . . Und lasset euch keinen Scherz sein, ihr Ärzte, ihr
kennt die Kraft des Willens nur zum kleinsten Teil. D e n n d e r
Wille ißt ein Erzeuger solcher Geister, mit wel-
chen die Vernunft nichts zu schaffen ha t." (Die-
ser Spruch enthält die Vorahnung des Unbewussten, dem man
rationell nicht heikommen kann.)
(Paracelsus, Paramirum, Tract. IV. cap. 8.)
Goethe über den Realitätswert der Phantasie
beim Dichter
(1912)
„Es scheint, da wir Dichter hey der Teilung der Erde zu kurz
gekommen sind, uns ein wichtiges Privilegium geschenkt zu scyn,
dasa uns nämlich unsere Thorheiten bezahlt werden.
(Brief an Schiller v. 15. Dez. 1795. Reclam Nr. 4148—4150. S. 168.)
Ein treffendes Bild des „Unbewussten"
(1913)
Unter O. Liebmanns „Gedanken und Tatsachen" (2. Aufl.
Strassburg, 1899) findet sich folgende Bemerkung: „Es gibt Dramen,
die vollkommen unverständlich bleiben würden ohne das, waa
hinter der Szene vorgeht. Zu diesen Dramen gehört das mensch-
liche Seelenleben. Was sich auf der Bühne des hellen Bewusst-
seins vollzieht, sind lediglich abgerissene Bruchstücke und Fetzen
des persönlichen Seelenlebens. Es wäre unbegreiflich, ja unmöglich
ohne das, was aich hinter den Kulissen zuträgt, d. h. ohne unbe-
wusBte Prozesic." (Zit- nach M. Offner „Dai Gedächtnii").
42
S. Ferenczi
Deutung unbewuester Inzc»tphantasien aus einer
Fehlleistung (von IJnuitöme)
(1913)
In seiner „La Vie des Feoimcs Galante«, erzählt B r ■ n t 5 m e
(geb. 1539, gest. 1614) u. a. folgende Aiirkdutr: „Ich erinnere mich
eines grossen Fürsten, den ich gekannt hahe. Dipicr sagte, wenn
er eine Frau, deren Liebe er genossen, lohen wollte: „Sie ist eüt«
sehr schöne Buhlin, gross wie meine Frau Mutter", ^egen der
Zweideutigkeit dieses Ausspruches fügte rr hin/.u. er habe nic^t
sagen wollen, die Dame sei eine grosse nuhlerin wie seine Pra«
Mutter, sondern sie sei ebenso gross gcwachnen wie diese. Manch-
mal sagt man Dinge, an dir man nicht denkt, oft
aber auch, ohne daran zu denken, dass man die
Wahrheitaag t."
Liebeault über die Rolle des Unbcwussten
bei psychischen Krankhcitszuständen
(1913)
Liebeault, dem wir die Begründiwi); unserei heuti^Q
Wissens über die Hypnose verdanken, entwickrll in seiuem treff.
liehen Werke: „Le sommeil provoqu^ et Uk etat« analogiips" TKeo.
"en, die wie eine Vorahnung psychoanalytischer KenntnU««
klingen. Sie verdienen wörtlich zitiert zn werden:
«Une emotion . . ., unc fois d^vrloppee, ne s'eteinl paa ^^
meme temps, que l'idee qui en est la caum* occasionnrllc; eile p«^
siBte meme, lorsqu'une seconde idee affective et coniraire '%-!»»•
IUI succeder ... II nous arriva, une nuit, de nou* reveiller «v««
un sentimeut de peur, sans cu connaitre la cause; ce smtitueikt
n etait, sans doute, qu'un cbranlemcnt. suite de l'emotion d'un r^^e
dont les idees etaient dejä effacccs de notrc pcnncr." (1. c. p. 1^^)
I
Varia 43
■_ „On a avance que les emotions, les sentiments etc., peuvent
V naitre sans des idees qui les reveillent, et qu'ils ne tiennent de
ces idees leurs caracteres speciaux. Pour soxitenir ce paradoxe,
ont s'est base sur ce que des hypochondriaquee, des epileptiques,
[ . des maniaques ont assure eprouver le sentiment de la peur aans
motjf. II ea etait du sentiment de ces malades comme de leur
;: hallucinations; il prenait son origine dans une inconscience de sa
r cause et dans des reveries dont ils avaient perdu le souvenir."
[ (1. 1. c. p. 140.)
Diese Theorien konnte L i e b a u 1 1 allerdings in Erman-
gelung unserer analytischen Hilfsmittel nicht durch Beweise un-
terstützen. L i e b a u 1 1 8 Arbeiten stammen aus dem Jahre 1866.
Das zitierte Werk schrieb er in 1888.
ii
Hebbels Erklärung des „dejä vu
(1915)
Freud erklärt das unerklärliche Bekanntheitsgefühl, das ein
Ding, das man sicher zum erstenmal erlebt, als längst bekannt
oder in völlig gleicher Weise erfahren vortäuscht, aus vergessenen
oder verdrängten Tagträu men, die eine analoge Situation
zum Gegenstand hatten. Im Anschlüsse daran konnte ich das
„dejä vu" in mehreren Fällen auf nächtliche Träume
(aus der vorausgegangenen' oder einer läugstverflossenen^ Nacht)
zurückzuführen. Letztere Erklärung finde ich nun auch im folgen-
den auch sonst bemerkenswerten Gedichte Hebbels (unter den
Gedichten aus den Jahren 1857 — 1863 in Friedr. Hebbels
Sämtliche Werke, II. Bd. S. 12. ff., Leipzig, Max Hesae's Verlag).
' Freud, „Zur Psychopathologie des Alltagsletens".
' Ferenczi „Ein Fall von dejä vu" in „Bausteine zur Psychoanalyse",
Bd. II. 5. 161.
r
44 S. Ferenczi
HERR UND KNECHT.
„Weg das Gesicht!
Ich duld es nicht!
Wo ist der zweite Jäger?"
So ruft der Graf in zornigem Ton,
Der Alte schleicht betrüht davon.
Des Forstes hester Pfleger.
Das Hifthorn schallt.
Nun in den Wald!
Es ist zum ersten Male,
Dasfl er dies Schloss im finstem Tann
Besucht, er sah's nur dann und wann
Von fern im Mondcnatrahte.
Sie springen fort;
Was kauert dort
Am Wege hinterm Flieder?
Der Greis, er zeigt aufs graue Haupt,
Der Jüngling aber flucht und schnaubt:
„Du kehrst mir nimmer wieder!"
Mit eins so wild
Und sonst doch mild?
So fragt man in der Runde.
„Ich sah den Mann schon
Böses tun,
Doch ganz vergebens sinn*
ich nun,
Ich weiss nicht Ort noch Stunde!'
t
Varia 45
* . Er jagt allein
Im tiefsten Hain,
Den schwarzen Eher hetzend!
Die andern blieben weit zurück,
Da stürzt sein Pferd, an einem Stück
Gestein den Fusö verletzend.
Der Alte tritt,
Mit raschem Schritt
Hervor, von Gott gesendet;
Er fängt das Tier im grimm'gen Lauf
Behend mit seinem Spiesse auf.
Da liegt es und verendet!
■ Nun kehrt er stumm
f- Sich wieder um.
Dem Herrn die Hand zu geben;
Doch der springt auf: „Noch immer da,
So ist dir auch daa Ende nah!^^
Und will den Speer schon heben.
Da bringt die Wut
Das treue Blut
Des Alten auch zum Kochen.
Er zieht das Messer, eh' er's denkt
Und hat, sowie er's kaum geschwenkt.
Den Jüngling auch durchstochen.
Und blutbedeckt,
Zum Tod erschreckt
Bleibt er gebückt nun stehen.
1
46
S. F
ereDczi
Der Sterbende blickt über sich
Und murmelt nocb: „So b a b e ich
Ihn schon im Traum gcöehe n."
Der Psychoanalytiker erkennt in den Zügen des greisen
Knechtes die Merkmale des hilfsbereiten, ab.-r fürchterlichen
Vatera wieder, der mit einem lebensrcttendeii (spendenden),
aber auch todbringend gefährlichen Spieas bewaffnet ist.
■i
Erfahrungen und Beispiele aus der
analytischen Praxis
Wem erzählt man seine Träume?
(1913) . «
Wir Analytiker wissen, dass man seine Träume gerade jener
Person zu erzählen sich gedrängt fühlt, auf die deren Inhalt sich
bezieht. Das scheint aber schon Leseing geahnt zu haben, als er
folgendes Sinngedicht schrieb:
Somnium.
Alba mihi semper narrat sua aomnia mane.
Alba sibi dormit: somniat Alba mihi.
(Leasing, Siongedichte, 11. Buch.)
i
Zur Genese des Jus primae noctis
(1913)
Eb war mir von vornherein wahrscheinlich, dass das Recht
des Gutsherrn zur Deflorierung jeder Leibeigenen ein Rest patri-
archaler Zeiten war, in denen dem Familienoberhaupt das Ver-
fügungsrecht über alle Weiber des Hauses zustand. Die autori-
48 S. Fcrcnczi
\
tative Gleichstellung von Vater — Priester — Gott gestattet es,
folgende religiöse Gebräuche zur Stütze dieser Ansicht heranzu*
ziehen: „In der Umgebung von Pondichery bringt die Neuver- |
mahlte dem Göttergebilde ihre Jungfräulichkeit dar. In einigen {
Gegenden Indiens vertreten die Priester die Stelle Gottes. Der S
König von Calicut überlässt dem angesehensten Priester seines 1
Reiches -während der ersten Nacht das Mädchen, das er heiratet.** !
(H. Freimark, Okkultismus uod Sexualität, S. 75). In unserer ^ 1
nächsten Nähe, in Kroatien, soll sich mancher Familienvater noch i
heute das Recht herausnehmen, die Schwiegertochter bis zum i
Heranwachsen des sehr jung verheirateten Sohnes geschlechtlich
zu gebrauchen. Eine neuropathologische Parallele dieser religiösen
und ethnischen Bräuche finde ich in jenen meist unbewussten
Phantasien vieler Neuroliker, in denen beim Geschlechtsverkehr
der Vater als Vorgänger postuliert wird.
Ursache der Verschlossenheit bei einem Kinde
(1913)
Die junge Mutter von zwei Kindern ist untröstlich darüber,
dasB ihre Älteste (vier Jahre alt) so auffallend verschlossen ist;
mit allen Mitteln versucht sie, die Kleine zur Aussprache zu brin-
gen, ihr Vertrauen zu gewinnen, jedoch vergeblich. Selbst als die
vom Kinde sehr geliebte englische Bonne weggeschickt werden
muBB, äussert das Kind der Mutter gegenüber keine Affekle. Die
Mutter bittet sie, doch aufrichtig zu sein, sie dürfe der Mama alles
lagen, was sie am Herzen hat. „Darf ich wirklich alles sagen?"
fragt die Kleine. „Ja, frage nur", antwortete die Mutter. „Nun,
dann sage mir, woher kommen die Kinder!" — (Schlagende Bestä-
tigung der Annahme Freuds, dass die Unaufrichtigkeit der
Eltern dem wissbegierigen Kinde gegenüber zur Quelle bleibender
affektiver und intellektueller Störungen werden kann.)
Erfahrungen und Beispiele aus der analytischen Praxis 49
Zur psychischen Wirkung des Sonnenbades
(1914)
Die beruhigende Wirkung des Sonnenbades beruhte bei einem
von mir analysierten Neurotiker zum grössten Teile auf der kolos-
salen Vaterübertragung. Die Sonne war ihm das Yatersymbol, von
dem er sich gern bescheinen und wärmen Hess (sonst auch exhi-
bitionistische Bedeutung).
Angst vor Zigarren- und Zigarettenrauchen
(1914)
vertritt meist nur die Stelle der Angst vor einem anderen {eroti-
schen) Genuas, den der Patient für „gefährlich" hält. Rauchen
und Seiualverkehr sind gleicherweise Dinge, die sich nur die
Grossen gestatten, ihre Kinder aber davon mittels Drohungen und
Abschreckung abhalten. Ich erinnere an meine Erklärung des
Antialkoholismus.^
Pompadour-Phantasien
(1915)
Mit diesem Namen könnte man jene Form der Hetärenphan-
tasie benennen, in der sich auch die allerzüchtigaten Frauen solche
— in Tagesphantasien — eingestehen. Indem der Partner zum
König erhoben wird, werden auch die sonst als unmoralisch zu-
rückgewiesenen Neigungen denk- und wunschmöglich.
^ „Alkohol und Neurosen" in „Bausteine zur Psychoanalyse"
Bd. I. S. 145.
Ferenczi, Bausteine lur Psychoanalyse. IIl. 4,
50 S. Fereaczi
Der Fächer als Genitalsymbol
(1915)
Ein Patient träumte: „Ich sah eine Frau mit ein em
Fächer an Stelle des Genitales; sie ging auf die-
semFächer, ihreBeinewarenabgeschnitte n." Der
starke Kastrationskomplex des Patienten nimmt Austoss an der
Penislosigkeit der Frau; er muss eich also die Vulva als fächer-
förmig gespaltenen Penis, aher immerhin noch als Penis vorstel-
len,^ Er opfert lieber die Beine der Frau. (S. die manchmal be-
obachtete Pervereion, die sich nur durch lahme oder amputierte
Frauen befriedigt fühlt. Ich las einmal die „Kleine Anzeige" eines
Tageblattes, in der jemand Frauen mit amputiertem Bein zur Kor*
reapoodenz auffordert.)
Polykratismus
(1915)
So könnte man nach Analogie mit dem Schiller sehen Ge-
dicht „Der Ring des Polykrates" jenen Aberglauben benennen,
der sich davor fürchtet, dass es einem „zu gut" geht, weil dann
eine um so härtere Strafe Gottes zu erwarten ist. Analytisch liese
er sich in einem Falle auf schlechtes Gewissen wegen eigener
strafwürdiger Phantasien zurückführen.
Ein analerotischea Sprichwort
(1915)
Ein aus Erdely (Siebenbürgen) stammender Patient erzählt
mir, dass in seiner Gegend vop einem, den ein unwahrscheinliches
^Dae Aufwerfen des FäcfaerB erscheint in TrÜunieQ als unzweideu-
tiges Penis- (Erektions-) Symbol verwendet. (Anmerkung d. Red. der
ZeitBchr. f. Psa.)
#1
Erfahrungen und Beispiele aus der analytischen Praxis 51
Glück tri£ft (der z. B. im Spiele, auf der Lotterie gewinnt), gesagt
wird: „Der hat ein Glück, als hätte er in seiner Kindheit Dreck
gefressen. *
Spektrophobie
(1915)
Die hysterische Phobie vor Spiegeln und die Angst beim Er-
blicken des eigenen Antlitzes im Spiegel hatte in einem Falle eine
„funktionelle'^ und eine „materielle" Wurzel. Die funktionelle
war: die Angst vor der Selbsterkenntnis. Die materielle: die
Flucht vor Schaulust und Exhibitionismus. Die Teile
des Gesichts vertraten — wie in so vielen Fällen — in den unbe-
wussten Phantasien Genitalpartien.
Ptyalismus bei Oralerotik
(1923)
Ein Mediziner der höheren Jahrgänge erzählt mir, dasa er,
so oft er eine Frau auskultieren will und den Kopf zu diesem
Zweck ihrer Brust nähert, von stürmischem Speichelfluss befallen
wird; für gewöhnlich übersteigt seine Speichelsekretion das nor-
male Mass nicht. Ich zweifle nicht an der infantilen (oraleroti-
echen) Quelle dieser Besonderheit. (Vergl. dazu auch den von
Abraham mitgeteilten Fall mit „Mundpollutionen"; Ztschr. f.
Psa. IV, S. 71 ff.)
Die Söhne der „Schneider"
(1923)
In einem — im Verhältnis zur Patientenzahl — auffällig
hohen Prozentsatz der Fälle findet man unter den männlichen
52 S. Ferenczi
Neurotikern eolche, deren VHter einen in irgend welchem Sinne
„imposanlen" Beruf lifltton. Bei einer andfrcn Gelegenheit wies
ich darauf hin, dass die Lösung des Vattrideals von der Person
des Vaters — eine notwendige Forderung des SelhBtändigwerdena
— besonders erschwert ist, wenn ili:r Vater eellier die hohe Stel-
lung innehat, auf deren Träger man sonst »eine Sohneegcfühle zu
ühertragen pflegt (Fürsten, Lehrer, GeiBtesgrÖesen usw.). Dies
ist meiner Ansicht nach auch die Erklärung dessen, dass die un-
mittelbaren Nachkommen bedeutender Persönlichkeiten und Ge-
nies so leicht verkommen. Es gibt aber — wie ich nun hinzufügen
musB — Berufe, die sich keiner solch besonderen Achtung er-
freuen, im Seelenleben der Kinder aber mindestens so starke, oft
unauslöschliche Spuren xurücklasitcn. Es sind dies die Berufe,
deren Ausübung mit dem HHudbal>en scharfer, schneidender
Werkzeuge verbunden ist, in erster Linie der Beruf des Schnei-
ders, dann der des Barbiers, des Soldaten, des Metzgers, viel-
leicht auch des Arztes. Von den sieben Patienten, die ich zum
Beispiet augenblicklich in Behandlung habe, sind zwei Schneider-
BÖhne. Selbstverständlich handelt es sich bei beiden, wie auch
bei allen ähnlichen von mir beobachteten Fällen, um eine unge-
heuere Verstärkung der Kastrationsangst, die dann die
Lähmung der Potenz zur Folge hatte.
Die „Materialisation" beim Globus bystericus
;■ (1923)
S Als Beispiel der hysterischen „M aterialisation" (bei
welchem Prozess eine Idee sich im Körper plastisch verwirklicht)
nenne ich in meiner diesbozüglichen Arbeit auch den Globus hyste-
t' ricus und vertrete die Ansicht, dass es sich hiebei nicht nur um
eine Parästhesie, sondern um eine wirkliche Materialisierung han-
delt. Nun lese ich in Bernheims Buch „Uypnotisme, Sug-
Erfahrungen und Beispiele aus der analytischen Praxis 53
gestion, Psychotherapie" auf Seite 33 folgendes: „Quand j'etai»
externiBte chez M. Sedillot, ce maitre eminent fut appele d'exa-
miner un malade qui ne pouvait avaler aucun aliment solide. II
sentait ä la partie superieure de l'oesophage, derriere le cortilage
thyroide, un obstacle au niveau duquel le hol alimentaire etait
retenu, plus regurgite. En introduisant le doigt aussi profonde-
ment que possible ä Iravers le pharinx, M. Sedillot sentit une
t u m e u r qu'il decrivit comme un polype fibreux saillant dans
le calibre de Toesophage. Deux ehirurgiens distingues pratique-
rent le toucher apres lui et constaterent sans hesitation Texistence
de la tumeur, teile que le maitre l'avait decrite. L'oesophagotomie
fut pratiquee; aucune alteration n'existait ä ce niveau."
Aufmerken bei der Traumerzählung
(1923)
Der Psychoanalytiker soll bekanntlich nicht angestrengt zu-
hören, wenn der Patient vor sich hinspricht, sondern bei ,. gleich-
schwebender Aufmerksamkeit" seinem eigenen Unbewussten Spiel-
raum gewähren. Eine Ausnahme von dieser Regel mochte ich
für die T r a u m e r z ä h I u n g e n der Kranken statuieren, da
hier jedes Detail, jede Schattierung des Ausdrucks, die Reihen-
folge des Inhalts in der Deutung zur Sprache gebracht werden
mu88. Man soll also trachten, sich den Wortlaut der Träume
genau zu merken. Kompliziertere Träume lasse ich mir oft noch
einmal, nötigenfalls auch ein drittes Mal erzählen.
Das Grausen beim Kratzen an Glas usw.
(1923)
Diese sehr verbreiteten Idiosynkrasien wurden in der Ana-
lyse von Neurotikern der Deutung zugänglich. Ein Patient, den
ee „kalt überlief", wenn er Erdäpfel schälen sah. brachte mir den
ersten Wink zur Deutung: er identifixierte unbcwusst diese Erd-
früchte mit etwas Menschlichem, so daes für ihn das Abschälen
der Kartoffeln ein Schinden, Hautabzichen bedeutete, und zwar
sowohl aktiv (sadistisch) als auch passiv (masochistisch) im Sinne
der Talionstrafe. Auf diese Erfahrung gestützt, musste ich dann
auch die oben aufgezählten EigenBchaflen auf Kindheitseindrücke
zurückfuhren, auf eine frühe Lebensperiode, in der die animisti-
Bche und anthropische Auffassung des Leblosen gang und gäbe ist.
Der schrille Ton beim Kratzen des Glaaea scheint für das Kind
mit dem schmerzlichen Schrei bei Misshandbing gleichbedeutend
zu sein und auch das Leinwandgewebe macht — seiner Ansicht
nach — Schmerzensäusscrungen, wenn es in Stücke gerissen
wird. Die Berührung von Stoffen mit rauher Oberfläche, das
Streicheln von Seide, ist vielfach auch von „Gruseln" begleitet,
wahrscheinlich, weil solche Stoffe beim Darül)erfahren mit der
Hand gleichfalls ein „unangenehmes" Geräusch machen. Doch
mag auch die Rauhigkeit für sich allein genügen, die Mitempfin-
dung von etwas Rauhem oder Wundem an der eigenen Haut her-
vorzurufen, während das Streichebi von glatten und weichen Ge-
genständen auf die eigenen Hautnerven beruhigend zu wirken
Scheint. Die Neigung zur Bildung solcher Idiosynkrasien stammt
wohl in den allermeisten Fällen von unbcwussten Kastrations-
phantasien ab. Es ist nicht unmöglich, dass solche und ähnliche
Momente auch in der ästhetiHchen Wirkung verschiedener Stoffe
und Materialien von Bedeutung sind.
Zur Symbolik des Medusenhauptee
(1923)
Aus der Analyse von Träumen und Einfällen kam ich wieder-
holt in die Lage, das Medusenhaupt als schreckhaftes Symbol der
Erfahrungen und Beispiele aus der analytischen Praxis 55
weiblichen Genitalgegend zu deuten, dessen Einzelheiten „von
unten nach ohen" verlegt wurden. Die vielen Schlangen, die eich
ums Haupt ringeln, dürften — durch das Gegenteil dargestellt —
das Vermissen des Penis andeuten und das Grauen selbst den
furchtbaren Eindruck wiederholen, den das penislose (kastrierte)
Genitale auf das Kind machte. Die angstvoll und ängstigend vor-
quellenden Augen des Medusenhauptes haben auch die Neben-
bedeutung der Erektion.
Lampenfieber und narzisstische Selbstbeobachtung
(1923)
Von Personen, die bei öffentlichen Reden, musikalischer oder
schauspielerischer Produktion durch „Lampenfieber" gehemmt
sind, erfährt man, dass sie in solchen Momenten sehr häufig in
einen Zustand der Selbstbeobachtung verfallen: sie hÖren ihre
eigene Stimme, merken jede Bewegung ihrer Glieder etc., und
diese Spaltung der Aufmerksamkeit zwischen dem objektiven
Interesse am Gegenstand der Produktion und dem subjektiven
am eigenen Verhalten stört die normalerweise automatisch ablau-
fende motorische, phonatorische oder rednerische Leistung. Es
ist irrtümlich zu glauben, dass solche Leute infolge übergrosser
Bescheidenheit ungeschickt werden; im Gegenteil: ihr Narzissmus
stellt übergroase Anforderungen an die eigene Leistung. Nebst der
negativ-kritischen (ängstlichen) Beobachtung der eigenen Lei-
stung gibt es auch eine positiv-naive, wobei sich die Aktoren
gleichsam an der eigenen Stimme oder sonstigen Leistung berau-
schen und auf das Inhaltliche derselben vollkommen vergessen.
Das „dedoublement de la personalite" beim Sprechen ist oft auch
ein Symptom des inneren Zweifels an der Aufrichtigkeit des
Gesagten.
56 S. Ferenczi
Ein analer „Hohlpenis" bei der Frau
(1923)
Ein mänDÜcher Patient hatte als Kind die Vorstellung vom
weiblichen Genitale, dass es ein hinten heraushängendes Rohr ist,
das sowohl zur Dejektion als auch zur Aufnahme des Penis ge-
eignet ist, dabei auch den Wunsch befriedigt, daes die Frauen
einen Penis haben sollen.
Waschzwang und Masturbation
(1923)
Ich habe eine sehr intelligente Patientin mit einem Gemenge
von Hysterie und Zwangsneurose. Der stärkste ihrer Zwangs-
gedanken ist, dass sie verrückt werden muss; sie hat auch Wasch-
zwang. Sie war lange Zeit enragierte Onanistin, auch nach der
Verehelichung. Sie onanierte immer unter Gewissensskrupeln,
weil ihr (als Kind) die Mutter damit drohte, sie werde noch (in-
folge der Masturbation) blödsinnig. Die Erkrankung an ihrer
jetzigen Neurose fällt zeitlich mit dem Aufgehen der Onanie zu-
sammen. Einige Traumanalysen überzeugten mich, dass der
Zwangsgedanke des Verrücktwerdens eine Menge perverser Phan-
tasien substituiert. Verrücktwerden^verrückte, un-
sinnige, unzurechnungsfähige Handlungen be-
gehen, und zwar sexueller Natu r.^ Sie produziert
massenhafte Prostitutionsphantasien; die unbewussten sexuellen
Phantasien beschäftigten sich mit ihren Eltern, die sie zum Teil
durch ihre Kinder ersetzt. Sie lieht ihr Söhnlein und nennt es
^Dic hypochondrische Zwangsidee des Vor-
rücktwerdena konnte ich schon in vielen Fällen als Deckmantel
„verrückter" sexueller Wünsche entlarven.
1
ErfahrungCD uod Beispiele aus der analytiBchen PraxiB 57
„Väterchen" (im Ungarischen unauffällig), die Tochter behandelt
sie streng und nennt sie (wenn sie von einer zärtlichen Reaktion
befallen wird) „Mütterchen". Das Merkwürdige am Falle ist aber.
dasB sie ihre Waschungen so lange variierte, bis sie ihr wieder
genitale Befriedigung verschafften. Sie masturbierte end-
lich mit dem Ansatzrohr des Irrigators und
reibt sich die Vulva mit einer scharfen Bürste.
Dabei ist ihr Gewissen ruhig; sie wäscht sich ja nur und onaniert
nicht. Professor Freuds Vermutung, daas die Zwangshandlun-
gen, die Scbutzmassregeln gegen die Onanie sein sollten, auf Um-
wegen wieder zur Onanie führen, findet in diesem Fall die glän-
zendste Bestätigung.
Über zwei Typen der Kriegshysterie
Nach einem Vortrag, gehalten in einer wissenschaftlichen Versammlung
von Spitalsärzten in Budapest 1916.
Fern Hegt mir die Abeicht, über das wichtige Thema der
Kriegsneuroeeu nach verhältnismässig so kurzem Studium Ab-
schliessendes zu sagen. Ich leite die Nervenkrankcnabteilung
dieses Spitals erst seit zwei Monaten und hatte etwa zweihundert
Fälle unter meiner Beobachtung. Diese Zahl ist zu hoch, die
BeobachtungBzeit zu kurz gewesen; hat uns doch die Psycho-
analyse gelehrt, dass in der Neurosenlehre nicht von der stati-
stischen Bearbeitung vieler, sondern von der vertieften Er-
forschung einzelner Fälle Fortschritte zu erwarten sind. Diese
Mitteilungen wollen also als vorläufige gelten und nur die Ein-
drücke wiedergeben, die ein Psychoanalytiker hei der Massen-
beobachtung von Kriegsneuroaen empfängt.
Der erste Eindruck, den der mit Kriegeneurotikern gefüllte
Krankensaal auf mich machte, war ein verwirrender, und wenn
Sie einen Blick auf die vor Ihnen stehende, sitzende und liegende
Krankengruppe werfen, werden wohl auch Sie diesen Eindruck
teilen müssen. Sie sehen hier etwa fünfzig Kranke vor sich, die
fast alle den Eindruck von Schwerkranken, wenn nicht von
über zwei Typen der Kriegshysterie 59
Krüppeln machen. Viele sind ausserstande, den Ort zu wechseln,
bei den meisten ruft der Versuch des Ortswechsels ein so heftiges
Zittern der Knie und der Füsse hervor, dass meine Stimme das
Geräusch, das die beschuhten zitternden Füsse verursachen, kaum
übertönen kann.
Bei den meisten zittern, wie gesagt, nur die Füsse, doch
gibt es einzelne, bei denen — wie Sie sehen — jede Intention
der ganzen Körpermuskulatur von Zittern begleitet ist. Am
auffälligsten ist der Gang der Zitterer; er macht den Eindruck
der spastischen Parese; aber die wechselnde Mischung von Zit-
tern, Starre und Schwache bringt ganz eigenartige, vielleicht nur
kinematographisch reproduzierbare Gangarten zustande. Die
Mehrzahl der Patienten gibt an, dass sie nach einer in ihrer Nähe
erfolgten Granatexplosion erkrankten, eine ziemlich grosse Minder-
zahl beschuldigt heftige und plötzliche Erkältung (Sturz in eis-
kaltes Wasser, Durchnässtwerden im Freien) als Krankheits-
ursache, die übrigen erlitten Unfälle anderer Art oder erkrank-
ten angeblich nur durch Überanstrengung im Felde. Die von der
Granatexplosion Erschütterten reden vom „Luftdruck", der sie
umgeworfen hätte, andere sind von Erdmassen, die das
explodierende Geschoss aufwühlte, zum Teil verschüttet worden.
Die Übereinstimmung der Krankheilssymplome und -Ur-
sachen bei so vielen Kranken hätte hier wohl jedem die Annahme
einer organischen Hirn- oder Rücfcenmarksschädigung nahegelegt.
Auch ich hatte zunächst den Eindruck, dass dieser sonderbare.
bisher in der Pathologie unbekannte Symptomkomplex auf irgend
welche organischen Veränderungen des Zentralnervensystems,
auf zentrale Lähmung und Reizung zurückzuführen sein wird,
die wir bisher nur darum nie beobachten konnten, weil Erschütte-
rungen, wie sie dieser Krieg die Soldaten erleben lässt, im Frie-
den nicht vorgekommen sind. Diese Eventualität liess ich lange
nicht fallen, auch dann nicht ganz, als ich mich durch die Unter-
60 S. Ferencii
: Buchung der einzelnen Fälle ülierzcugcn konnte. dasB hier die
[ bei zentralen organischen Läaionen nie fehlenden Symptome,
l insheeondere die Zeichen einer LaBion der Pyramidenbahn
[ (spastische Kniereflexe, Bahinski'schcB Zeichen, Fufisklonus)
[ nicht vorhanden sind.* Dann musBte ich mir aber sagen, dass
nicht nur das Fehlen dieser Charakteristika, sondern auch das
Gesamtbild der einzelnen Falle, besonders die ungemein variablen
und ungewöhnlichen Innervationsstörungen aU starke Argumente
gegen eine organische, auch nur „molekulare" oder „mikroorgam-
sche" Veränderung des Nervengewehes ins Gewicht fallen.
Der Eindruck der Sonderbarkeit und Unbekanntheit zerteilte
sich erst, als ich eine kleinere Gruppe von Kranken, bei denen
nicht der ganze Körper, sondern nur einTielne Körperteile von
der Krankheit befallen schienen, einer näheren Untersuchung
unterzog. Das Verständnis dieser monosyraptomatischen
Fälle ermöglichte erst die richtige nosologische Einordnung der
ganzen Krankheitsgruppe.
Hier sehen Sie zwei Kranke. Bei beiden ist — nebst der
nicht sehr ausgesprochenen GehstÖrung {von deren Beschreibung
, ich jetzt absehe) — das fortwährende oszillierende Zittern
^ desKopfes auffällig, verursacht durch die alternierende rhyth-
J. mische Kontraktion der Halsmuskeln. Dieser dritte Kranke hält
[ seinen rechten Arm in stumpfwinkliger Kontrak-
tur des Ellbogengelenkes; diese Extremität ist zu aktiver Be-
wegung anscheinend unfähig, der Versuch jeder aktiven oder
passiven Bewegung ruft in der Muskulatur des Armes heftigstes
Zittern, dabei gesteigerte Pulsfrequenz hervor. Die Schmerz-
empfindlichkeit des Armes ist herabgesetzt, die Hand ist ryanotisch.
t
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f
1
» I«h sehe von der norflcksichligung von Fällen, in denen das
Krankheitfibilc! durch organisrhe HerclByraplomc kompliziert war, grund-
sätzlich ah.
f. .
über zwei Typen der Kriegshysterie 61
Weder in der Gesichtsmuekulatur noch in der Unterextremität
sind Spuren einer Parese nachweisbar. Strengt sich der Kranke
sehr an, so kann er die steife Haltung unter heftigstem Zittern
einigermaesen verändern. Diesem sehr ähnlich ist der Fall dieses
anderen Patienten, nur dass dessen rechter Arm im Ellbogen
spitzwinkelig k o n t r a k t u r i e r t und der Ober-
arm spastisch an den Brustkorb angedrückt er-
scheint. Bei einem anderen Kranken zeigt eich das Symptom in
der Schultergegend. Sie sehen die linke Schulter dauernd
hochgehoben, nebst dem zeitweise ticartigen Zucken dieser
Schulter.
Da sitzt ein Kranker, vollkommen ruhig; bei der Aufforderung
aufzustehen treten am linken Fuss — und nur am linken —
heftige klonische Zuckungen auf. Nach der Entkleidung stellt sich
als einziges Krankheitssymptom ein Dauerkrampf in der
Muskulatur der linken Wade, gleichsam ein perpe-
tuierter Crampus heraus. Erst beim Versuch, die Spitzfussstellung
aktiv oder passiv zu verändern (Aufstehen), kommt es zu den
klonischen Zuckungen, die aber nicht den Charakter eines typi-
schen „FuBsklonus" haben (auch fehlen alle Symptome der
Pyramidenläeion). Die Fortdauer'des Krampfes liess sich wochen-
lang beobachten, ein Nachlasa dessen war (im Wachen) niemals
festzustellen. Dieser andere Kranke hat Kontraktur und Zittern
beider rechten Extremitäten, die linke Körperhälfte
blieb verschont.
Die genauere Anamnese dieser Fälle und deren Verhältnis
zu den Einzelsymptomen lasst sie nun mit Sicherheit als „funk-
tionale" — richtiger: als Psychoneurosen erkennen. Fragen
wir z. B. diesen Mann mit Halbseitenkontraktur (der
linken Körperhälfte), wie er zu seinem Leiden gekommen ist, so
sagt er uns, dass links von ihm eine Granate einschlug und
explodierte, so dass er vom „Luftdruck" links getroffen wurde. —
f
I
62 S. Ferenczi
Hätte nun der Luftdruck wirklich eine organische Veränderung
im Gehirn des Soldaten verursacht, so hatte diese (wenn wir vom
Fall des Contre-Coup ahsehen) die linke Gehirnhälfte zumindest
stärker betroffen, die Symptome müssten ahcr dann auf der
kontralateralen (rechten) Seite, die hier ganz verschont ist, gewiss
ausgesprochener sein. Die Annahme, dasa es sich um eiueu psycho-
genen Zustand, um die traumatische Fixierung des psychischen
Akzents an eine Körperstelle, d. h. um Hysterie handelt, ist
viel plausibler.
Diese Plausibilität wird zur Gewissheit, wenn wir die Ana-
mnese aller soeben vorgestellten Fälle berücksichtigen. Der Mann,
dessen rechter Arm stumpfwinkelig kontrakturiert ist, erlitt die
Grauatenerschiitterung, als er eben — das Gewehr in der
„B a I a n c e-S t e 1 1 u n g" — vorrückte. Diese Stellung entspricht
aber vollkommen jener, die durch die Kontraktur nachgeahmt
wird. Der andere, der die Schulter an die Seite gedrückt und
den Ellbogen spitzwinkelig Bxicrt hat, perpetuiert gleichfalls die
Situation, in der ihn die Explosion traf; er lag damals, legte
das Gewehr an und zielte, — dazu musste er aber den
Arm an die Seite drücken und den Ellbogen spitzwinklig beugen.
In diesen Fällen sind organisch-zentrale Herde als Folgen der
Kommotion auszuschliessen. Es ist unvorstellbar, dass eine zere-
brale Läsion in verhältnismässig so vielen Fällen die Zentren
gerade der Muskeln angreifen könnte, die im Moment des Trau-
mas in Aktion gewesen sind. Viel näher liegt die Annahme, dass es
sich in diesen Fällen um eine Fixierung der im Moment
der Erschütterung (des Erschreckens) gerade
vorherrschenden Innervation handelt. Der Pa-
tient mit der halbseitigen Kontraktur setzt die — wahrscheinlich
als Fluchtreflex zu deutende — Innervation der zunächst be-
drohten Körperhälfte unausgesetzt fort. Die beiden anderen per-
severieren in der unmittelbar vor der Erschütterung innegehabten
über zwei Typen der Kriegshysterie 63
Stellung der Arme. („Indiebalance"-Stellung, Schieesstellung.)
Für die Richtigkreit dieser Auffassung kann ich eine bekannte
Tatsache aus dem Alltagsleben und eine weniger bekannte aus
der Psychoanalyse anführen. Bei plötzlichem Schreck kann man
oft beobachten, dass einem die Füsse in der zufällig eingenomme-
nen Stellung „festwurzeln", ja daes die gerade vorherrschende
Innervation des ganzen Körpers — der Arme, der Gesichts-
muskeln — eine ganze Weile starr fixiert bleibt. Die Schauspieler
kennen diese „Ausdrucksbewegung" und verwerten sie mit Erfolg
zur Darstellung des Schreckaffekts.
Es gibt aber eine als solche weniger bekannte Abart der
Ausdrucksbewegungen. Seit Breuer und Freud wissen wir,
dass das Wesen der hysterischen Reiz- und Lähmungserscheinungen
eigentlich in der dauernden Umwandlung, in der Konversion
eines Affekts in eine Körperinnervation besteht. Die Psychoanalyse
kann jeden solchen Fall von „K onversionshysterie'
auf ein oder mehrere Affekterlebniese zurückführen, die zwar
selbst unbewusst oder „vergessen" (wie wir heute sagen: ver-
drängt) bleiben, aber ihre Energie gewissen mit jenen Erlebnissen
gedanklich assoziierten körperlichen Vorgängen leihen, die gleich-
sam als Gedenksteine der in der Tiefe begrabenen Erinnerungen
— starr und unabänderlich wie so ein Denkmal — in die Gegen-
wart hineinragen. Es ist nicht hier der Ort, auf die Bedingungen
einzugehen, die nebst dem beschriebenen psychischen
Trauma gegeben sein müssen, damit das Symptombild einer
Konversionshysterie zustandekommt (Sexualkonstitution); es ge-
nügt festzustellen, dass die soeben vorgestellten Falle der
Kriegsneurose auf Grund ihrer Anamnese als K o n v e r ■
sionshysterien im Sinne Breuers und Freuds auf-
zufassen sind. Der plötzliche, psychisch nicht zu bewältigende
Affekt {der Schreck) setzt auch hier das Trauma; die im trau-
matischen Moment gerade herrschenden Innervationen, die als
64 S. Ferenczi
P
r-
Krankheitssymptome dauernd festgehalten werden, sind die An-
zeichen davon, daes im unhewussten Seelenleben noch immer
unerledigte Teile jener Affektregung am Werke sind. Mit anderen
Worten: Ein solcher Patient hat sich von jenem Schreck immer
noch nicht erholt, auch wenn er daran hewuset gar nicht mehr
denkt, ja zeitweise lustig und gut gelaunt ist, als wäre seine Seele
von keiner so schrecklichen Erinnerung geplagt.
Nach diesen Überlegungen hat es mich nicht mehr über-
rascht und wird auch Sie nicht überraschen, dass auch die übrigen
hier vorgestellten „mouosymptomatischen'* Fälle durch die ein-
gehendere Erhebung der Anamnese verständlich wurden. Dieser ■
Soldat mit der Dauerkontraktur der linken Wade erzählt, dass er
eben behutsam von einem steilen Berge in Serbien abstieg und j
den linken Fuss nach unten vorstreckte, um eine
Stütze zu suchen, als er, durch die Explosion erschüttert, hinunter-
kollerte. Also auch hier ein „Starrwerden" vor Schreck in der
gerade eingehaltenen Körperstellung, Von den zwei Kranken mit
Zittern des Kopfes erzählt der eine, dass er im kritischen Moment
den Kopf an die Wand der Deckung anschlug, der andere, dass er,
als er das charakteristische Pfeifen der nahenden Granate hörte,
„sich duckt e". Der Patient mit dem fortwährenden Zucken
der linken Schulter erlitt bei der Explosion eine leichte
Verwundung an der jetzt „spasmophilcn" KÖrper-
stelle. {Die Narbe ist nachweisbar.)
Die ersten dieser anamnestischen Daten erhielt ich von den
Patienten, ohne dass mir oder ihnen ihre Bedeutung bei der
Symptombildung bekannt gewesen wäre, so dass suggestive Fragen
meinerseits ausgeschlossen waren. Später allerdings lenkte ich
die Aufmerksamkeit der Patienten absichtlich auf die Umstände
ihrer Erschütterung, ohne es erkennen zu lassen, welche Bedeu-
tung ich ihrer Antwort beimesse.
Ich bin darauf gefasst, dass von Ihnen ein Einwand gegen
Über zwei Typen der Kriegshysterie 65
diese Erklärungsversuche erhoben werden wird, Sie werden sagen,
der Patient könne sich in jenem kritischen Moment die wirkliche
Situation nicht so gut gemerkt haben, diese anamnestischen Daten
seien also vielleicht nur nachträgliche Erklärungsversuche des
Patienten selbst, denen wir einfach „aufgesessen" sind.
Hierauf ist folgendes zu erwidern: Sicher war der Soldat
unmittelbar vor der Erschütterung bei vollem Bewusstsein;
er kann auch der nahenden Gefahr gewärtig gewesen sein (dies
wird von vielen, die trotz der Explosionsnähe gesund geblieben
Bind, zugegeben). Er mag dann im Moment der Erschütterung
selbst sein Bewusstsein verloren und später sogar eine retroaktive
Amnesie entwickelt haben: die Gedächtnisspur der Situation vor
der Erschütterung war einmal gesetzt und konnte dann aus
dem Unbewussten — die Symptombildung beeinflussen. Der Ver-
dacht einer „Irreführung" durch den Patienten aber und das Miss-
trauen gegen seine Angaben, dies waren die Ursachen der bis
vor kurzem herrschenden tiefen Unwissenheit der Ärzte in bezug
auf alle Fragen der Neurosenpsychologie. Erst seitdem Breuer,
dann besonders Freud die Nervösen anzuhören begannen,
fanden sie den Zugang zum geheimen Mechanismus ihrer Sym-
ptome. Selbst im Falle, dass die Patienten die Situation bei der
Erschütterung nachträglich erfunden haben, mag dieses „Erfinden"
von den unbewusst gewordenen Gedächtnisspuren des wirklichen
Herganges bestimmt worden sein.
Ob in diesen Fällen nebst dem Trauma auch irgend ein
„körperliches Entgegenkommen" als dispositionelles Moment mit-
gewirkt hat. Hesse sich nur durch eine regelrechte Psychoanalyse
der Einzelfälle ausschliessen. Es ist aber ganz gut denkbar, dass
die im Moment der Erschütterung gerade aktive Innervation an
und für sich einen „dispositionellen Faktor", „ein körperliches
Entgegenkommen" abgibt und die Fixierung der affektiven Er-
regung (die wir ob ihrer Stärke als bewusstseinunfähig denken
Ferencei, Bamteice zur Psychoanalyse. HI. 5
66 S. Ferenczi
müssen) gerade an der innervierten Körperstelle verursacht. —
Solehe „Affektverschiebungen'' auf eine indifferente, aber im
kritischen Moment gerade gangbare Kürperinnervation sind uns
aus der Psychoanalyse der Konversionshysterie wohll)ekannt.
Ich bin leider nicht in der Lage, diese Einzelheiten mit der
Psychoanalyse der Fälle zu bekräftigen, muss mich also darauf
beschränken, auf Grund der anamucstischen Daten allein diese
„monosymptomatischen" Kriegsneurosen in die Gruppe der
Konversionshysterien einzureihen.
Wenden wir uns nun der zweiten, wie Sie sehen, viel grosse-
ren Gruppe von Kranken, denen mit allgemeinemZittern
und mit Gehstörungen, zu. Auch hier müssen wir von dem
spezialisierteren Symptom, von der Gehstörung, ausgehen,
wenn wir das Gesamtbild verstehen wollen. Sehen Sie sich z. B.
diesen ruhig daliegenden Patienten an; sobald er aufzustehen
versucht, fangen seine Unterextremitäten in den Fuss- und Knie-
gelenken zu zittern an, das Zittern steigert sich immer mehr,
seine Elongationen werden immer grösser, bis schliesslich das
statische Gleichgewicht des Körpers so stark gestört ist, dass der
Patient hinfiele, finge man ihn nicht auf; setzt oder legt er sich,
so hört der Tremor sofort von selbst auf. (Ich wiederhole: orga-
nische Krankheitszeiehen fehlen vollkommen.) Dieser andere
kann, auf zwei Stöcke gestützt, gehen, doch ist sein Gang unsicher
und wir hören beim Aufsetzen des rechten Fusses ein Doppel-
geräusch; seine rechte Ferse berührt den Fussboden bei jedem
Schritt zweimal, bevor sich der Kranke getraut, sich ganz auf sie
zu stützen. Ein dritter geht wie ein Tabiker breitspurig, der
vierte neben ihm, als wäre er vollkommen ataktisch — und doch
ist bei ihnen in liegender Stellung keine Spur einer wirklichen
Ataxie, geschweige denn einer Rückenmarkskrankheit nachzu-
weisen. Die Gangart zweier der hier vorgestellten Kranken wird
man am besten als „Stechschritt" bezeichnen können; sie heben
Über zwei Typen der Kriegshysterie
67
die Beine ohne Kniebeuge und laesen sie mit starkem Geräusch
niederfallen. Am schwersten ist wohl dieser andere hier befallen,
beim Gehversuch artet bei ihm das Inteutionszittern in generali-
sierte Krämpfe der ganzen Körpermuskulatur aus, auf deren
Höhe auch das Bewusstsein gestört ist.
Dieses letztere Symptom mahnt uns, auch den Begleit-
erscheinungen der Gehstörung grössere Beachtung zu schenken.
Ausnahmslos bei allen diesen Kranken tritt beim Gehversuch
oder beim Versuch, ohne Stütze zu gehen, heftiges Herzklopfen
und Steigerung der Pulsfrequenz auf; die meisten schwitzen stark,
besonders von der Achselhöhle, auch von der Stirn, die Gesichts-
züge drücken Angst aus. — Beobachten wir sie genauer, so er-
fahren wir, dass bei ihnen ausser der Gehstörung auch Dauer-
symptome vorhanden sind. Fast alle Sinne sind überempfindlich,
bei den meisten ist besonders das Gehör, doch auch das Gesicht
empfindlich. Infolge dieser Hyperakusis und Photophobie sind sie
dann sehr schreckhaft; die meisten klagen über allzu leisen Schlaf,
der von ängstlichen, schreckhaften Träumen gestört ist, Die
Träume wiederholen meist die im Felde erlebte gefährliche
Situation. Fast alle klagen überdies über ihre ganz gelähmte oder
sehr stark herabgesetzte Sexuallibido und Potenz.
Bevor wir uns entschliessen, dieses Symptombild diagnostisch
zu klassifizieren, müssen wir auch hier, wie früher bei den
„monosymptomatischen" Fällen, die Anamnese genauer berück-
sichtigen. Die meisten geben an, vom „Granatdruck" berührt,
einige auch, von Erde verschüttet worden zu sein. Sie verloren
das Bewusstsein sofort und kamen erst in einer Sanitätsanstalt
hinter der Linie zu eich. Dann waren sie tage-, meist wochenlang
einzelne ein bis zwei Monate lang — vollkommen „gelähmt".
^ Die Beriihrungsempßndlichkeit ist manchmal so gross, dass die Unter-
suphimg der Kniereflexe die heftigsten Abwehrbewegungen hervorruft.
68 S. Ferenczi
Das Zittern trat bei den ersten Gehversuchen
auf, nachdem die Bewegungsfähigkeit im Bett länget hergestellt
war und anscheinend keine Lähmungserscheinungen mehr be-
standen. In einzelnen Fällen diente der Soldat nach der Granat-
erschütterung weiter und erkrankte später bei einem ganz gering-
fügigen — rein psychischen — Schreck. Dieser Freiwillige z. B.
wurde am Tage nach einer Granaterschütterung bei Nacht auf
Vorposten geschickt; unterwegs stolperte er über einen Graben,
erschrak davon und erkrankte erst nach diesem Erlebnisse.
Noch auffälliger ist die „Summation der Krankheitsursachen"
in jenen recht häufigen Fällen, in denen anamnestisch überhaupt
keine Granatexplosion, sondern schreckliche Erlebnisse anderer
Art, ja nur die Gesamtheit der übermenschlichen Anstrengungen
und Entbehrungen und die fortwährende ängstliche Spannung
im Kriege als Erkrankungsursache zu ermitteln ist. An Häufigkeit
den Granaterschütterungen fast gleich sind die anamnestischen
Angaben über plötzliche oder oft wiederholte, manchmal durch
ihre Dauer unerträglich gewordene Abkühlungen (Sturz in eis-
kaltes Wasser besonders beim Überschreiten von Flüssen im
Winter, Regengüsse und Schneefälle beim Lagern im Freien).
An einem Tage wurden zwölf Soldaten desselben Regiments mit
dem Symptombilde der früher beschriebenen Gehunfähigkeit in
unser Spital eingeliefert; alte erkrankten beim selben Anläse,
einer Flussüberschreitung nach tagelangem Marschieren in Schnee
und Regen. Auch bei diesen ging dem jetzigen Zustande eine
„Lähmungsperiode" voraus, die ziemlich rasch vorüberging, um
bei den ersten Gehversuchen dem jetzigen Zustands-
hilde Platz zu machen.
Ich brauche wohl nicht zu wiederholen, daas ich auch hier
genau — und erfolglos — nach organischen Symptomen gefahn-
det habe.
Bei vielen dieser Erkältungsfälle erfährt man, dass der Zu-
über zwei Typen der Kriegshysterie 69
stand in spontaner Besserung begriffen war, bis man sie wegen
ihres vermeintlichen „Rheumatismus" mit heissen Bädern zu
behandeln begann oder zur Nachbehandlung zu einer unserer
natürlichen heiasen Quellen (Trencsen-Teplitz, Pöstyen) schickte,
wo sie rezidivierten.
Resümieren wir das Gesagte: Es erkrankten Soldaten nach
plötzlicher Erschütterung oder nach wiederholten kleineren oder
grösseren Erschütterungen. Dem (nicht immer eintretenden)
Bewusstseinsverlust folgt ein lähmungsartiges Stadium, das nach
mehr-minder langer Dauer spontan vergeht, um bei den ersten
Gehversuchen oder aus Anlass gewisser therapeutischer Be-
mühungen einem chronischen Zustandsbilde Platz zu machen.
Dieses letztere ist aus gewissen Allgemeinerscheinungen und einer
organisch nicht begründeten Gehstörung zusammengesetzt. Es
besteht ein bestimmtes Verhältnis zwischen den Innervations-
BtÖrungen bei den Gehversuchen und den Allgemeinerscheinun-
gen, indem letztere durch die Gehversuche gesteigert, zum Teil
überhaupt erst ausgelöst werden. Es bestehen ausserdem gewisse
Dauersymptome, von denen die Überempfindlichkeit aller Sinne
das hervorstechendste ist.
Nun kennen wir aus der Psychoanalyse einen Zustand, bei
dem der Versuch, gewisse Handlungen auszuführen, Allgemein-
eracbeinungen hervorruft. Ea ist dies die Angsthysterie
Freuds, die in vielen Fällen dadurch gekennzeichnet ist, dass
der Versuch der r t s v e r ä n d e r u n g, die versuchte Inner-
vation zum Stehen oder zum Gehen, mit heftiger Angst verbun-
den ist, die den Patienten zwingt, bestimmte Bewegungsversuche
zu vermeiden und ihre ganze Lebensweise in diesem Sinne zu ver-
ändern. Diese Vermeidungen sind als Phobien von den Ner-
venärzten schon lange bemerkt, aber nie verstanden worden. Man
benannte die Innervationsstörungen als Astasie {Stehunfähig-
keit) oder Abasie (Gehunfähigkeit) und die genannten Ver-
70 S. Ferenczi
meidungen erhielten nach gewissen unwesentlichen Äusserlich-
kexten ihre Namen (Agoraphobie, Claustrophohie, Topophobie
etc.). ...
Erst die Psychoanalyse vermochte dieses sonderbare Krank-
heitsbild aufzuklären. Sie entdeckte, dass bei diesen Kranken
die Affektwirkungen gewisser psychischer Traumen,
meist Erlebnisse, die das Selbstvertrauen herabzusetzen
geeignet waren, ins Unbewusste verdrängt wurden und von dort
aus die Handlungsfähigkeit des Kranken beeinflussen. Bei jeder
Gefahr der Wiederholung des pathogenen Erlebnisses
kommt es zur Angstentwicklung ; der Patient lernt es
dann, diesen Angstzustäuden auszuweichen, indem er jede Hand-
lung vermeidet, die irgendwie zur Wiederholung der für ihn
pathogenen Situation führen konnte. Die Astasie-Abasie
ist nur die höchste Entwicklungsstufe dieses Systems von Ver-
meidungen; sie verhindert überhaupt jede Lokomotion, um eine
bestimmte Situation umso sicherer zu vermeiden. Dass die Wurzel
jeder neurotischen Angst eine sexuelle ist (Freu d), und dass es
auch eine konstitutionelle Disposition zur Topophobie gibt
(A b r a h a m), kann ich hier nur andeuten.
Nun entsprechen auch bei unseren Patienten die „allgemei-
nen Symptome vollkommen dem Symptombilde der Angst. Ich
sagte, dass bei unseren Kranken jeder Versuch, die scheinbare
Lähmung zu überwinden und den Ort zu verändern, Herzklopfen,
gesteigerte Pulsfrequenz, Schwitzen, Verzerrung der Gesichtszüge,
sogar einen ohnmachtsähnlichen Zustand zur Folge haben kann.
Dieses Bild entspricht aber in allen Zügen jener plötzlichen Angst-
entwicklung, wie sie uns sowohl aus dem gewöhnlichen Leben als
auch aus der Krankengeschichte der Patienten, die an Angst-
n e u r o s e leiden, wohl bekannt ist. Auch die als Dauersyraptome
beschriebene Überempfindlichkeit aller Sinne und die Schlaf-
störung durch Angstträume entspricht der fortwährenden „angst-
über zwei Typen der Kriegshysterie 71
liehen Erwartung", in der sich die Angstneurotiker befinden. Die
Störung der Sexuallibido und Potenz können wir erst recht als
eine neurotische auffassen.
Ich glaube, dass wir nach alledem das Recht haben, jeden zu
dieser Gruppe der Kriegsneurosen gehörigen Fall als Angst
Hysterie anzusehen und die Bewegungsstörung als Ausdruck
von Phobien auffassen, die den Zweck haben, die Angstentbin-
dung hintanzuhalten. Speziell können wir also die meisten hier
gezeigten Fälle mit dem Namen „hysterische Astasie-
Abasie" belegen; für diesen einzelnen Fall aber, in dem, wie
Sie sehen, auch vollständige Unfähigkeit zu sitzen besteht,
müssen wir noch die Bezeichnung „hysterische A n -
h e d r i e" prägen.
Wir wollen es nun versuchen, uns ein Bild davon zu machen,
wie die anamnestisch erhobenen Erschütterungen solche Erkran-
kungsbilder erzeugen konnten. Dieser Versuch kann nur sehr un-
vollständig gelingen, da uns systematische Psychoanalysen, wie
gesagt, nicht zur Verfügung stehen. Immerhin verschaffte mir der
tägliche Verkehr mit den Patienten und die kurze psychoanaly-
tische Befragung einzelner einiges Material, das ich zur vorlau-
figen Beantwortung dieser Frage benützen kann.
Es fiel mir auf, dass so viele unter den ängstlich gewordenen
Soldaten höhere Auszeichnungen aus Anlass früherer Verdienste
und wegen tapferen Verhaltens vor dem Feinde erhalten hatten.
Auf die Frage, ob sie auch früher ängstlich gewesen seien, ant-
worten sie zumeist, dass sie weder jetzt noch auch früher etwas
von Angst verspürt hätten. „Im Gegenteil", sagten mir einige,
„ich war immer der erste, der sich meldete, wenn es sich um eine
gefährliche Unternehmung handelte." — Von Fällen, die ich
etwas eingehender analysierte, kann ich Ihnen nur weniges he-
richten: Ein ungarischer Bauer, seit frühester Kindheit vaterlos,
mueste schon sehr früh in der Wirtschaft die Arbeiten der
"^2 S. Ferenczi
„Grossen" verrichten. Aus Gründen, deren analytische Erfor-
schung nicht mehr möglich war, wurde er sehr ehrgeizig, wollte alles
ebensogut machen wie die Grossen und war sehr empfindlich, wenn
man an seiner Arbeit etwas aussetzte oder — was oft vorkam —
ihn sogar verspottete. Er hatte später mit den Nachbarn und auch
mit der Ortsgendarraerie manchen Kampf auszufechten, schliess-
lich „fürchtete er sich vor niemand", wie er sich ausdrückt. Er er-
litt im Felde Granaterschütterung und Sturz von grosser Höbe,
seitdem hat er den Zittergang (dazu ein Konversionssymptom,
den Wadenkrampf), ist rührselig, weint bald, hat aber gelegent-
lich aucb Wutausbrüche, z. B. als er erfährt, dass er noch weiter
in Behandlung bleiben muss. — Der andere, den ich genauer ver-
hören konnte, war ein ungarisch-jüdischer Techniker; er war in
der Schule immer sehr strebsam, führte grosse Pläne im Schilde
(Entdeckungen, Reichwerden etc.); früher religiös, gelangte er
allmählich dazu, auch ohne Gott auszukommen, auch war er im
Begriflfe, seine seit sechs Jahren bestehende Verlobung mit einem
Mädchen rückgängig zu machen, weil er zur Überzeugung kam,
dass er für das in zarter Jugend gegebene Versprechen, dessen
Einhalten seine Karriere gefährden würde, nicht mehr einzu-
stehen hat. Er kam als Freiwilliger ins Feld und erinnert sich sehr
gut an die Einzelheiten seiner Erkrankung. Seine Kompagnie
stand einmal in heftigem Granatfeuer; als er das Pfeifen der Gra-
nate hörte, die dann neben ihm einschlug, gelobte er sich inner-
lich, die Braut doch zu heiraten, wenn ihm nichts geschieht; auch
murmelte er eine hebräische Gebetformel („Schema Israel") vor
sich hin. Nach kurzer Betäubung war er wieder bei Sinnen,
merkte aber bald, dass er gehunfähig geworden ist. Er geht in der
Tat eigenartig, macht ganz kurze Schritte (ohne Zittern), stützt
sich auf einen Stock, hat fortwährend Angst hinzustürzen, lehnt
sich also möglichst an die Wand oder ein Möbelstück an. Auch
sonst ist er ziemlich kleinlaut geworden, ist ungemein bescheiden.
über zwei Typen der Kriegshysterie 73
seine Stimme ist leise, seine Rede kurzatmig, hastig, die Schrift
fast unleserlich. Den Verkehr mit der Braut hat er halb und halb
wieder aufgenommen, aber (seitdem es ihm etwas besser geht)
hat er sein Verhältnis zu Gott wieder gelöst.
Eb ist nicht schwer, in diesen beiden Fällen die Bedingungen
wiederzuerkennen, unter denen es zur Produktion einer Angst-
hysterie mit Phobien kommen kann. Beide Patienten haben es an
Selbstschätzung, vielleicht Selbstüberschätzung, ziemlich weit ge-
bracht. Die Begegnung mit einer überstarken Gewalt, dem Granat-
luftdruck, die sie wie ein Nichts zu Boden warf, mag ihre
Selbstliebe aufs äusserate erschüttert haben. Die Folge
eines solchen psychischen Schocks kann sehr gut die n e u r o t i-
Bche Regression gewesen sein, d. h. der Rückfall in eine
(phylo- und ontogenetisch) längst überwundene Entwicklungs-
stufe. (Eine solche Regression fehlt niemals in der Symptomatologie
der Neurosen, da auch anscheinend ganz überwundene Phasen
ihre Anziehungskraft nie ganz einbüssen und sich bei günstiger
Gelegenheit immer wieder geltend machen.) Die Stufe nun, auf
die diese zwei Neurotiker regredierten, scheint das infantile Sta-
dium des ersten Lebensjahres zu sein, einer Zeit, in der sie noch
nicht ordentlich gehen und stehen konnten. Wir wissen, dass
dieses Stadium auch ein phylogenetisches Vorbild hat; ist doch
der aufrechte Gang ein ziemlich später Erwerb unserer Vorfahren
in der Säugetierklasse.
Es ist nicht unbedingt notwendig, dass die Selbstliebe aller
dieser Kriegsneurotiker derart übertrieben gross gewesen sei.
Beim sogenannten Normalmenschen kann ein entsprechend
grosses Trauma in gleichem Masse auf das Selbstvertrauen erschüt-
ternd wirken und ihn so ängstlich machen, dass schon der Ver-
such des Sitzens, Stehens oder Gehens — wie beim eben gehen
lernenden Kind — von einem Angstausbruch begleitet ist. (In
dieser Anschauung bestärkte mich der naive Ausspruch einer mei-
'^ S. Ferenczi
ner Pflegerinnen bei der Morgenvisite: „Herr Doktor, der geht ja
wie ein Kind, das gehen lernt".) Neben diesem regressiven Zug,
der die Patienten ans Bett fesselt oder ihre Freizügigkeit beein-
trächtigt, mag in vielen, vielleicht in allen Fallen auch die „Se-
kundär"-Funktion der Neurose am Werke sein. Es ist verständ-
lich, dass die Aussicht, nach dem Gesundwerden wieder ins Feld
geschickt zu werden, wo es ihnen einmal so schlecht ergangen ist,
auf diese Kranken abschreckend wirkt und die Heilung — mehr
minder unbewusst — verzögert.
Betrachten wir noch einige der beschriebenen Symptome.
Das auffälligste von allen ist gewiss das Zittern, das in den
meisten Fällen das Krankheitsbild beherrscht. Die soeben behan-
delten Gehstörungen werden ja fast stets durch ein klonisches
Zittern der Unterextremitäten bewerkstelligt. Auch beim Sym-
ptom des Zitterus ist der regressive Zug unverkennbar. Aus einer
mannigfach innervierbaren Extremität mit komplizierter Bewe-
gungskoordination wird bei diesen Neurotikern ein bei der Inten-
tion zwecklos zitternder, zu höheren Leistungen unbrauchbarer
Fortsatz des Körpers. Die Vorbilder für diese Reaktionsweise
müssen wir — ontogenetisch — in der frühesten Kindheit, phylo-
genetisch aber weit zurück in der tierischen Ahnenreihe suchen,
wo das Lebewesen auf Reize noch nicht mit Veränderungen der
Aussenweit (Flucht, Annäberung), sondern nur mit Veränderun-
gen des eigenen Körpers antwortete. — Ich meine also, dass es
sich bei diesem „neurotischen" Zittern um dieselbe Innervations-
f, Störung handelt, die uns auch aus dem Alltagsleben als Zittern
vor Angst — vielleicht eher aus Furcht — bekannt ist. Jede Mus-
kehnnervation kann durch die hemmende Innervierung der Anta-
^ gomsten gehindert oder verhindert werden. Ist diese Inner-
vierung der Agonisten und Antagonisten synchron, so kommt es
zur spastischen Starre, erfolgt sie rhythmisch alternierend, so
wird das innervierte Glied zittern. In unseren Fällen Enden wir
!■'
I
r
h
über zwei Typen der Kriegshysterie 75
alle möglichen Kombinationen von spastischen und Zitterzustän-
den. So kommt es zu dieser eigenartigen Gehstörung, bei der
trotz aller Gehanstrengung keine Ortsveränderung erzielt wird
und die wir am besten als „nicht vom Fleck kommen" (pietiner
sur place) bezeichnen könnten. Auch diese Koordinationsstörung
wird gleichzeitig zur Schutzvorrichtung, die den Kranken vor
dem Wiedererleben der Angst bewahren will. Es mag hier er-
wähnt sein, dass bei den gewöhnlichen Astasien-Abasien, wie wir
sie aus der Friedenspraxis kennen, diese Kombination der Gehstö-
rung mit dem Zittern fehlt. Die topophobißchen Zustände werden
dort einfach durch Schwächezustände, durch Schwindelgefühle
etc. bewerkstelligt.
Das andere auffällige Dauersymptom dieser Kriegsneurosen
ist die mehr-minder hochgradige Hyperästhesie aller
Sinne, die Photophobie, die Hyperakusie und die passive Be-
rührungsangst. (Letztere ist meist nicht mit Hauthyperästhesie ver-
bunden, die Hautempfindlichkeit kann sogar herabgesetzt sein
oder fehlen; es handelt sich dann nur um üherstarke Abwehr-
reaktionen gegen Berührung.) Zur Erklärung dieses Symptoms
müssen wir folgende Annahme F r e u d s heranziehen. Wenn man
auf eine Erschütterung, auf das Herannahen einer Gefahr gefasst
ist, 60 vermögen die bei der Erwartung mobilisierten Aufmerk-
samkeitsbesetzungen den Reiz der Erschütterung zu lokalisieren
und das Znstandekommen jener Fernwirkungen der Erschütte-
rung, wie wir sie bei der traumatischen N e u r o s e sehen,
zu verhindern. Ein anderes Lokalisationsmittel der Wirkungen
der Erschütterung ist — nach Freud - eine schwere, reale,
der psychischen Erschütterung adäquate Schädigung des Kör-
pers beim traumatischen Anlass. Bei den hier gezeigten Fällen
von traumatischer Angsthysterie trifft keiner dieser Um-
stände zu: es handelt sich um eine plötzliche, meist unerwartete
Erschütterung ohne schwere Körperbeschädigung. Doch selbst
° S. Ferenczi
in den Fällen, in denen das Herannahen der Gefahr gemerkt
wurde, kann die Erwartungsbesetzung der tatsächlichen Reiz-
Btärke der Erschütterung nicht adäquat gewesen sein und das
Abströmen der Erregung in abnorme Bahnen nicht verhindert
haben. Es ist wahrscheinlich, dass sich das Bewusstsein vor solch
überstarken Erregungen zunächst überhaupt automatisch ver-
schliesat. — Wir können annehmen, dass nach dem Trauma eine
gewisse Diskrepanz zwischen dem von der Erschütterung relativ
verschonten Bewusstsein und dem ührigen Teile des neuropsychi-
schen Apparats besteht. Zu einer Ausgleichung kann es hier nur
kommen, wenn auch das Bewusstsein der Unlusterregungen teil-
haftig wird; dies wird eben dann durch eine gewisse „traumato-
phile" Einstellung, durch die Überempöndlichkeit der Sinne be-
sorgt, die dann dem Bewusstsein allmählich, in kleinen Dosen,
gerade so viel ängstliche Erwartung und Erschütterung zuführt,
als es sich bei der Erschütterung ersparen wollte. In den immer
und immer sich wiederholenden kleinen Traumen, bei jeder Be-
rührungserwartung, bei jedem kleinen Geräusch oder plötzlicher
Helligkeit, müssten wir also — der Freud sehen Auffassung
folgend — eine Heilungstendenz, die Tendenz zur Ausgleichung
einer gestörten Spannungsverteilung im Organismus sehen.
Ähnlich deutet Freud die ängstlichen Träume der Trau-
matisch-Neurotischen, in denen der seinerzeit erlebte Unglücksfall
immer wieder erlebt wird. Hier wartet die Psyche nicht einmal
auf einen äusseren Reiz, um darauf übertrieben zu reagieren, son-
dern schafft sich selber das Bild, vor dem sie dann erschrecken
kann. Auch dieses unangenehme Symptom dient also dem Selbst-
heilungsbestreben.
Als krasses Beispiel der „traumatophilen" Überempfindlich-
keit zeige ich Ihnen diesen granaterschütterten Mann, dessen
ganzer Körper — wie Sie sehen — sich in steter muskulärer
Unruhe befindet, ohne dass er intendierte Bewegungen ausführen
-'W
über zwei Typen der Kriegshysterie 77
könnte. Seine Äugen sind so überempfindlich, dass sie, um das
Tageslicht zu fliehen, stets nach oben gerollt gebalten werden,
der Patient rollt in kurzen Intervallen — ein zweimal in der
Sekunde — das Auge soweit nach abwärts, dass er das Bild der
Umgebung flüchtig betrachten kann, sonst sind seine Pupillen
hinter dem rasch blinzelnden Oberlid versteckt. Seine Gehör-
hyperästhesie ist — wenn möglich — noch grösser, sie erinnert
an die Hörempfindlichkeit der von Tollwut Befallenen. Im ge-
meinsamen Saal kann er wegen des Lärms bei Tag überhaupt
nicht existieren, wir mussten ihn im Zimmer des Wärters allein
schlafen lassen. Es war nun auffällig, dass der Patient sofort ver-
langte, bei Nacht im gemeinsamen Saale schlafen zu dürfen. Um |
den Grund seiner Bitte befragt, antwortete er wörtlich: „Im ge-
meinsamen Saal schrecke ich allerdings sehr oft bei Nacht auf,
aber das Alieinschlafen ist noch ärger, in der grossen
Stille kann ich überhaupt nicht einschlafen,
weil ich stete angestrengt aufpassenmuss, ob
denn doch kein Geräusch zu hören is t.'" — Dieser
Fall bestätigt die oben dargelegte Auffassung, wonach die wieder-
holten Schreckaffekte und die Steigerung der Sinnesempfindlich-
keit Dinge sind, die die Traumatisch-Neurotischen unwillkürlich
selbst suchen resp. aufrechterhalten, weil sie einem Heilungsbe-
streben dienen.
Dieses Verhalten der Traumatisch-Neurotischen erinnert trotz
aller Tragik an die Situation jenes Hotelgastes, der von seinem _
Zimmernachbar, der einen Schuh beim Auskleiden gegen die Ver-
bindungstür schleuderte, aus dem besten Schlaf aufgeschreckt
wird und nachdem er vergeblich einzuschlafen versuchte, den
unruhigen Nachbar flehend ersuchen muss, doch auch den zweiten
Schuh gegen die Tür zu werfen, damit er einschlafen kann. —
Ähnlich benehmen sich — wie ea Abraham zuerst feststellte
— manche, die in der Kindheit Opfer von Sexualattentaten wa-
78 S. F
erenczi
ren. Sie haben später den Zwang, eich neuerdings ähnlichen Er-
lebnissen auszusetzen; ich glaube, sie suchen durch das nachträg-
liche bewuBBte Erlebnis das urspünglich unbewusste und
unverstandene zu bewältigen. '
Es ist nicht unmöglich, dass auch die Erfolge, die manche
Neurologen hei der Behandlung der Kriegsneurosen mit schmerz-
haften elektrischen Strömen erzielten, u. a. darauf zurück-
zuführen sind, dass diese Schmerzen die unbewusste Traumato-
philie der Patienten befriedigen.
Die Theorie F r e u d s.^ dass es sich bei den Neurosen nicht
um Gleichgewichtsstörungen der Energien im banalen Sinne,
sondern um eine Störung speziell der libidinösen Energien han-
delt, wurde von vielen mit dem Argument abgetan, dass das ge-
wöhnliche Trauma, „das ja sicher keine Sexualstörungen macht",
Neurosen hervorrufen kann. Nun sehen wir aber, dass die an sich
gewiss nicht sexuell zu nennende Erschütterung, die Explosion
einer Granate, in sehr vielen Fällen gerade das Fehlen der
Sexual libido und sexuelle Impotenz zur Folge hat.
Ea ist also anzunehmen, dass auch gewöhnliche Erschütterungen
auf dem Wege der Sexualstörung zur Erkrankung an
Neurose führen. Das scheinbar unwesentlichste Symptom der
traumatischen Neurose, die Impotenz, kann also bei der näheren
Erklärung der Pathogenese jenes Leidens noch zu Ehren kommen.
Als vorläufige Erklärung dient uns Psychoanalytikern die An-
nahme, dass es sich bei diesen Traumen um eine I c h-V e r-
letzung, um eine Verletzung der Selbstliebe, des N a r-
z i 8 s m u 6, handelt, deren natürliche Folge die Einziehung der
„Objektbeaetzungen der Libido", das heisst das Aufhören der
Fähigkeiten ist, jemand anderen als sich selbst zu lieben.^
Ich glaube nicht, dass ich in Ihnen die Erwartung geweckt
^ Siehe dazu die Referate Über „Die Psychoanalyse der Kriegs-
über zwei Typen der Kriegshysterie
79
habe, dass Sie von mir eine Erklärung der psychopathologischen
Vorgänge bei der traumatischen oder der Kriegsneurose hören
werden. Mein Ziel ist erreicht, wenn es mir gelang, Ihnen gezeigt
zu haben, dass die vorgestellten Krankheitsbilder wirklich zu
jenen zwei Krankheitsgruppen gehören, die die Psychoanalyse
mit den Namen Angsthysterie und Konversions-
hysterie bezeichnet. Ich hin auch nicht in der Lage, Ihnen
im einzelnen zu erklären, warum in einem Falle Angst, im
anderen Konversion, im dritten ein Gemenge beider zur
Entwicklung kam. So viel glaube ich aber gezeigt zu haben, dass
die psychoanalytische Untersuchung auch bei diesen Neurosen
zumindest die Wege weist, auf denen die Erklärung gesucht
werden muss, während die übrige Neurologie sich in der Deskrip-
tion und in Namengebungen erschöpft.
üeurosen" am V. Internationalen Psychoanalytischen Kongress in Buda-
pest, 1918. (Herausgegeben vom Internat, Psychoan. Verlag, Wien.)
Über Palhoneurosen
(1916)
Ein 22jähriger Student suchte mich mit der Klage auf, viel
mit „sadistischen" (z. T. raasochistischen) Phantasien zu tun zu
haben. Nebatbei teilte mir der Patient mit, dass ihm vor kurzem
eine Hode wegen tuberkulöser Entartung operativ entfernt
wurde. Monate später kam er nochmals und fragte mich, ob er,
dem Rate eines Chirurgen folgend, auch den zweiten, nun auch
erkrankten Hoden entfernen lassen soll. Es fiel mir auf, dass die
Stimmung des Patienten nicht, wie zu erwarten war, deprimiert,
sondern eigenartig erregt, gleichsam gehoben war. Unpassend
zur Tragik der Situation schien mir auch seine Bitte, ihn nach
der Operation in psychoanalytische Behandhing zu nehmen, „da
ja nach Ausschaltung der organischen Libido die pathologischen
Verschiebungen der Psyche leichter, ungestörter rückgängig ge-
macht werden könnten". Diese Idee fasste er nach der Lektüre
einiger psychoanalytischer Werke. — Die Kompetenz zur Ent-
scheidung über den Eingriff musste ich dem Chirurgen abtreten;
den Nutzen einer Psychotherapie verneinte ich. Die Kastration
wurde an einem der nächsten Tage vollzogen.
Nach kurzer Zeit erhalte ich vom Vater des Patienten einen
verzweifelten Brief, in dem er von einer auffälligen Veränderung
des Charakters und der Gebarung seines Sohnes berichtet, die
über Pathoneurosen 81
in ihm den Verdacht einer geistigen Erkrankung aufsteigen liess.
Er benehme sich sonderbar; vernachlässige seine Studien und
auch die Musik, die er bis dahin eifrig pflegte; sei unpünktlich,
wolle seine Eltern nicht sehen; zur Erklärung seines Benehmens
berufe er sich auf die Verliebtheit in ein Mädchen, Tochter eines
angesehenen Bürgers seiner Stadt.
Zweimal hatte ich Gelegenheit, den jungen Mann nach die-
sen Vorgängen wiederzusehen. Das erstemal standen bei ihm
Züge von Erotomanie und Beziehungswahn im Vor-
dergrund. Jenes Mädchen sei in ihn verliebt (das sieht er aus
verschiedenen kleinen Anzeichen). Doch alle Welt schaue auf
sein Genitale, manche machen anzügliche Bemerkungen, so dass
er einen jungen Mann deswegen zum Duell forderte. (Diese Tat-
sache wurde vom Vater bestätigt.) Er werde den Leuten schon
zeigen, daes er ein Mann ist! — Seine Kenntnisse aus der psycho-
analytischen Literatur verwandte er dazu, die Krankheit auf
andere Personen, besonders auf die Eltern zu wälzen. „Die Mut-
ter ist in mich unbewusst verliebt, darum benimmt s i e sich
mir gegenüber so sonderbar." Zum nicht geringen Schreck der
Mutter weihte er sie sogar in dieses Geheimnis ein. Der Patient
hatte zu dieser Zeit, wie das bei der Paraphrenie manchmal vor-
kommt, eine Art Selbstwahrnehmung der in ihm vor sich gegan-
genen Veränderung. Nicht nur die Menschen hätten sich verän-
dert, auch er sei anders geworden. Seine Liebe zu jenem Mad-
chen habe nicht mehr die Kraft wie früher, aber „durch Selbst-
analyse" wolle er die Sache zurechtrücken.
Nach wenigen Wochen sah ich ihn zum letztenmal. Der Pro-
zess hat inzwischen starke Fortschritte gemacht und näherte sich
auffällig, nur für ihn selbst unbemerkt, dem Kern jeder paranoi-
schen Erkrankung, der Homosexualität. Er fühle sich von Män-
nern „beeinflusst". Dieser Einflusa sei es, der seine Gefühle zum
geliebten Mädchen verändert habe. Den Einfluss denkt er sich,
ferencTi, Bausleine zur Psychoanalyie. III. S
82 S. Ferenczi
wie die meisten Paraphreniker, als „Gedankenübertragung". Er
drückt es zuerst nicht mit klaren Worten aus, lässt aber bald
erraten, dass ibm von aller Welt Homosexualität zugemutet wird.
Ausführlicli erzählt er die Szene, bei der er die Selbstbeherr-
schung schlieeslich verlor. Er reiste im Eisenbahnabteil, ihm
gegenüber saas ein kleiner lächerlicher Mann, der ihn höhnisch
anschaute, als wollte er sagen, „dich kann ich Ja koitieren". Die
Idee, dass sogar der kleine unmännliche Mann ihn für ein Weib
nimmt, erregte ihn sehr, und zum erstenmal kam ihm der Rache-
gedanke: „Dich kann auch ich noch koitieren". Trotzdem
verliess er fluchtartig den Eisenbahnzug bei der nächsten Station,
liess sogar sein Gepäck im Stiche, das längere Zeit verschollen
blieb. (Ich verweise hier darauf, dass uns aus der Traumdeutung
das „Gepäck'" als Genitalsymbol bekannt ist, so dass das Ver-
lieren des Gepäcks als Hinweis auf die stattgefundene Kastration
gedeutet werden kann.)
Der Patient musste alsbald in eine Anstalt gebracht werden,
80 dass mir von seinem weiteren Schicksal nicht viel bekannt ist.
Ich höre, dass er immer mehr der Demenz verfällt. Doch auch
das wenige, was wir vom Falle wissen, ist wichtig genug, um
uns damit eingebender zu beschäftigen.
Das nächste, was einem auffällt, ist die Prägnanz, mit der
in den Wahnideen des Patienten die sonst meist nur mittels
Deutung zu erschliessende homosexuelle Basis des psychischen
Leidens zum Vorschein kommt. Immerhin wurden solche Fälle
bereits von mir und Morichau-Beauchant (Poitiers)
veröffentlicht. Der Paranoiker mit ursprünglich ganz unklaren
Beziehungs- und Beschuldigungswahnideen kann schliesslich un-
ter anderem auch der eigenen Homosexualität, allerdings in Form
einer ungerechten Beschuldigung, bewusst werden, gleichwie der
Zwangsneurotiker, dessen Leiden sich in sinnlosen Zwangsvor-
steltuDgen äussert, mit der Zeit den ganzen realen psychischen
1
über Pathoneurosen 83
Hintergrund seines Leidens — aber in Form eines Zwangszere-
moniells, also seinem Ich wesensfremd — zur Schau tragen kann.
Ein viel tieferes Problem sieht man aber in diesem Falle
stecken, wenn man ihn von dem Gesichtspunkte aus betrachtet,
ob hier das psychische Leiden, die Paranoia, traumatisch
von der Kastration ausgelöst wurde. Die Kastration des Mannes:
die „Entmannung", ist allerdings recht geeignet, feminine Phan-
tasien zu erzeugen, oder solche aus der verdrängten bisexuellen
Kindheitserinnerung wiederzubeleben, die dann in den Wahn-
ideen Ausdruck finden.
Der Fall steht übrigens auch diesbezüglich nicht vereinzelt
da. Vor mehreren Jahren veröffentlichte ich einen Fall von
Reizung der analen erogenen Zone als auslösende Ursache
der Paranoia."* Es handelte sich dort um einen Mann, der, nach-
dem an ihm vom Arzte eine Operation am Mastdarm ausgeführt
wurde, dem Verfolguogswabnsinn verfiel. Auch der Eingriff am
Mastdarm war sehr danach angetan, Phantasien von einem erlit-
tenen homosexuellen Akte zu erregen oder wiederzubeleben.
Die ursprüngliche psychoanalytische Traumatheorie der Neu-
rosen hat sich bis auf den heutigen Tag bewährt. Sie wurde
durch die Theorie Freuds von der Sexualkonstitution und
deren dispositioneller Bedeutsamkeit hei der Neurosenbildung
nicht beseitigt, sondern e r g ä n z t, so dass wir im Prinzip nichts
gegen die Möglichkeit einer traumatischen Paranoia
einzuwenden haben, bei der trotz normaler Sexualkonstitution
gewisse Erlebnisse den Anstoss zur Entwicklung dieser Neuro-
ps^chose geben.
Vom Standpunkte der Sexualkonstitutionslehre Freuds
betrachtet, ist die Paranoia eine narzisstische Neuropsychose. Es
* In „Bausteine zur Psychoanalyse", Bd. IL, S. 281.
.1
84 S. Ferenczi
erkranken daran Personen, deren Sexualentwicklung an der
Übergangsstelle vom Narzissmus zur Objektliebe eine Störung
erlitt, eo dass sie zur bomosexuellen, also der narzisetischen
näheren Objektwahl zu regredieren geneigt bleiben.
In seiner „Einführung des Narzissmus" gedenkt nun Freud
u. a. auch meiner Annahme, wonach die eigenartigen Verände-
rungen im Liebesleben körperlich Kranker (die Zurückziehung
der Libido vom Objekt und die Konzentrierung alles egoistischen
wie libidinÖsen Interesses im Ich) mit dafür sprechen, dass hin-
ter der Objektliebe des erwachsenen Normalmenschen versteckt
ein grosser Teil des früheren Narzissmus fortlebt und nur auf die
Gelegenheit wartet, sich geltend zu machen. Eine körperliche
Erkrankung oder Verletzung kann also ganz gut eine traumatisch
zu nennende Regression zum Narzissmue, eventuell deren neuro-
tische Variante zur Folge haben.
Die Beobachtungen über das libidinöse Verhalten körperlich
Kranker haben sich inzwischen vermehrt, und ich benütze diese
Gelegenheit, über die Neurosen infolge von organischer Erkran-
kung oder Verletzung, die ich K r a n k h e i t s- oder P a t h o-
neurosen nennen möchte, einiges mitzuteilen.
Es stellte sich heraus, dass in sehr vielen Fällen die von der
Auesenwelt zurückgezogene Libido nicht dem ganzen Ich, sondern
hauptsächlich dem erkrankten oder beschädigten Organe zu-
gewendet wird und au der verletzten oder erkrankten Stelle
Symptome hervorruft, die man auf eine lokale Libidosteigerung
beziehen muse.
Leute, die einen hohlen Zahn oder Zahnschmerzen haben,
sind imstande, nicht nur — was begreiflich — ihr ganzes Inter-
esse von der Auesenwelt ab- und der schmerzhaften Stelle zuzu-
wenden, sondern sie benützen jene Stelle auch zu eigenartigen
Befriedigungen, die man nicht anders als libidinös bezeichnen
kann. Sie lutschen, ziehen, saugen am kranken Zahn mit der
-r^
über Pathoneuroseu 85
ill; ::
Zunge, stochern im hohlen Zahn mit Instrumenten herum, wobei
eie selbst zugeben, dass diese Manipulationen von auegesproche-
nen Lustgefühlen begleitet sind. Man kann nicht anders sagen:
infolge der von der Krankheit gesetzten Reize hat hier eine Kör-
perstelle, ähnlich wie bei der Hysterie auf Grund spezieller Dis-
position, Genitalqualitäten angenommen, sie wurde
,genitalisier t". Auf Grund eines von mir analysierten
Falles kann ich behaupten, dass diese Zahnparästhesien ausge-
sprochene oralerotische und kannibalische Phantasien zur psy-
chiBchen Folge haben können, d. h. auch die Psychosexualität
in entsprechendem Sinne verändern. Einen ähnlichen Reizzu-
stand der Oralerotik können — wie Freud mir mitteilte —
langdauernde Zahnbehandlungen, Zahnregulierungen etc. zur
Folge haben. t A ^^
Ein Magenkranker, dessen ganzes Interesse von der Verdau-
ung in Anspruch genommen war, tat den charakteristischen Aus-
spruch, dass ihm „die ganze Welt schlecht schmeckt"; es schien,
als sei auch seine ganze Libido um den Magen zentriert. — »^
leicht gelingt es einmal, die spezifischen Charakterveränderungen
bei organisch Kranken als Reaktionsbildungen des Ichs «"^ J'"^^^
Verschiebungen der Libido zurückzuführen. Man sagt, die Magen-
kranken seien „cholerisch", „bissig", man spricht von eine
phthisicus salax, usw. . v h-
Von Kinderärzten weiss ich, dass nach einem ^^"^ ^^
husten trotz Abheilung des Infektionsprozesses jahrelang n«^^
vöse Hustenanfälle vorkommen können; auch dieses kleine bje
rische Symptom möchte ich aus der Libidoverschiebung aut
erkrankt gewesenes Organ erklären.
Das Wiederaufleben der A n a 1 e r o t i k nach einem Uarm
leiden, meist in neurotischer Verkleidung, in ein bei Analysen
häufig zu beobachtendes Vorkommnis.
Diese Beispiele Hessen sich gewiss noch vermehren, aber
86 S. Ferenczi
unsere Betrachtungen geniigen sie. Wir ersehen aus ihnen, dass
organische Krankheit nicht nur eine narzisstische, sondern even-
tuell eine, das libidinöse Objektverhältnis noch beibehaltende,
„übertragungsneurotische" (hysterische) Libidostörung zur Folge
haben kann. Ich möchte diesen Zustand Krankheits ■
hysterie (Pathohysterie) nennen, im Gegensatz zur
Sexualneurose Freuds, bei der die Libidostörung das
Primäre, die organische Funktionsstörung das Sekundäre ist.
(Hysterische Blindheit, nervöses Asthma.)
Schwieriger ist die Abgrenzung dieser Zustände von der
Hypochondrie, der dritten Aktualneurose
Freuds. Der Unterschied ist hauptsächlich der, dass bei der
Hypochondrie nachweisbare Veränderungen in den Organen feh-
len und überhaupt nicht vorhanden waren.
Die traumatisclie Neurose ist die Folge einer star-
ken seelischen und körperlichen Erschütterung ohne erhebliche
Körperverletzung. In ihrer Symptomatologie mengen sich nar-
zisstische Regression (Auflassung eines Teiles der Objekl-
besetzungen) mit konversions- resp. angsthysterischen Krank-
heitszeichen, die wir bekanntlich zu den übertragungsneurosen
rechnen.'
Wann aber wird die Krankheit oder Beschädigung eine wei-
tergehende Regression in den Narzissmus zur Folge haben und
einen „Krankheitsnarzissmus" oder eine echte narzisstische
Neurose erzeugen? Ich meine, dies könnte unter drei Umstanden
der Fall sein. 1. Wenn der konstitutionelle Narzissmus — sei es
auch nur latent — schon vor der Schädigung allzu stark war, so
dass die kleinste Verletzung eines Körperteiles das ganze Ich
trifft; 2, wenn das Trauma lebensgefährlich ist oder für solches
^ Siehe: „über zwei Typen der Kriegshysterie" in „Bausteine zur
Psychoanalyse" Bd. III. S. 58.
über Pathoneurosen 87
gehalten wird, d. h. die Existenz (das Ich) überhaupt bedroht;
3. kann man eich das Zustandekommen einer eolchea n a r z i s e •
tischen Regression oder Neurose als Folge der
Beschädigung eines besonders stark libido-
bes, atzten Körperteils vorstellen, mit dem sich das
ganze Ich leicht identifiziert. Nur mit dieser letzten Eventualität
will ich mich hier beschäftigen.
Wir wissen, dass die Libidoverleilung im Körper keine
gleichmässige ist, dass es erogene Zonen gibt, an denen die
libidinösen Energien hochgespannt, gleichsam verdichtet sind,
während dies an anderen Körperteilen in viel geringerem Masse
der Fall ist. Es ist von vornherein anzunehmen, dass die Ver-
letzung oder Erkrankung dieser Zonen viel eher von tiefgreifenden
Libidostörungen begleitet sein wird als die des übrigen Körpers.
Während meiner kurzen, nur wenige Monate dauernden
augenärztlichen Praxis im Krankenhause konnte ich feststellen,
dass Psychosen nach Äugenoperationen nicht zu
den Seltenheiten gehören; diese Tatsache wird übrigens auch in
den Lehrbüchern der Augenheilkunde hervorgehoben. Nun ist
das Auge eines der mit Libido am stärksten besetzten KÖrper-
organe, wie dies nicht nur die Psychoanalyse der Neurosen, son-
dern auch die reiche Folklore vom Wert des Augapfels beweist.
Es ist verständlich, wenn der Verlust des Auges oder dessen Ge-
fahr das gan/e Ich in Mitleidenschaft zieht, oder eine narzissti-
sche Krankheitsneurose auslost.
Auf die von mir geleitete Nervenabteihing eines Baracken-
spitales wurde im Laufe eines Kriegsjahres von der chirurgischen
Abteilung ein einziger Kranker zur Beobachtung seines Geistes-
zustandes transferiert. Es war dies ein etwa SOjähriger Mann,
dem eine Granate fast den ganzen Unterkiefer zerstörte. Sein Ge-
sicht war durch den Defekt furchtbar entstellt. Das Auffällige an
seinem Benehmen war nun ein naiver Narzissmus. Er verlangte,
!■:
■■1
88 S. Ferenczi
daso an ihm die Pflegeschwester taglich und regelrecht eine
Manikür vornehme, wollte von der Spitalkost nicht essen, da ihm
viel feinere Speisen gebühren und wiederholte diese und ähnliche
Wünsche unablässig nach Art der Querulanten. Also ein Fall von
wirklichem „Krankheitsnarziasmus". Erst nach längerer Beobach-
tung konnte man bei ihm neben diesem anscheinend harmlosen
Symptom auch Andeutungen von Verfolgungswahn feststellen.
Gerade beim Niederschreiben dieser Arbeit las ich ein Refe-
rat über eine Arbeit Wagners vom Seelenzuatand nach schweren
Gesichtsverletzungen. Der Autor findet, dass das Gemüt nach
solchen Verletzungen viel schwerer deprimiert ist als nach noch
80 schweren Verletzungen anderer Körperstellen. Alle Verletzten
äusserten sich in dem Sinne, dass sie viel lieber einen Arm oder
ein Bein verloren hätten. Es sei auch auffällig, wie oft eich die
Gesichtsverletzten im Spiegel anschauen.
Nun kann man das Gesicht nicht eigentlich als erogene Zone
bezeichnen, aber ak Schauplatz eines sehr bedeutsamen Partial-
triehes, der normalen E x h i b i t i o n, spielt ea — als auffällig-
ster unbedeckter Körperteil — eine eminent sexuelle Rolle. Es
ist ganz gut denkbar, dass die Verstümmelung dieser so bedeut-
samen Körperstelle auch ohne besonders starke Prädisposition
zur narzisstischen Regression führen kann. Einen Fall von vor-
übergehender paraphrenierartiger Gefühlsstumpfheit konnte ich
bei einem schönen jungen Mädchen nach einer Operation am Ge-
sichte beobachten.
Die Identifizierung des ganzen Ichs mit den Geaichtspartien
ist etwas allgemein Menschliches. Es ist mir wahrscheinlich, dass
die in der Sublimierungspcriode vor sich gehende Verlegung libi-
dinöser Regungen „von unten nach oben" (Freud) die zunächst
nur exhibitionistische Sexualrolle des Gesichtes — wahrschein-
lich mit Hilfe der lebhaften Gefässinnervation — sekundär „gc-
nitalisiert". (Unter Genitalisierung einer Körperpartie verstehe
ich mit Freud die periodisch gesteigerte Hyperämie, Durch-
feuchtung, Turgeszenz, von entsprechenden Nervenreizen be-
gleitet.)
Der andere Körperpol, der Anus und der Enddarm,
behält, wie bekannt, zeitlebens einen grossen Teil seiner Ero-
geneität. Mein oben zitierter Fall von der Reizung der Analzone
als auslösende Ursache einer Paranoia spricht dafür, dass der Weg
zum Krankheitsnarzissmus und seiner neurotischen Variante
auch von hier aus gangbar ist.
Eine ganz besondere Stelle unter den erogenen Zonen nimmt
das Genitale ein. Seit Freud wissen wir, dass es schon
frühzeitig das Primat aller erogenen Zonen übernimmt, so da?8
sich die erogene Funktion aller übrigen Zonen zu Gunsten der
Genitalzone einschränkt. Hinzufügen muss man, dass sich dieses
Primat auch darin äussert, dass jede Erregung einer erogenen
Stelle sofort auch das Genitale in Mitleidenschaft zieht, so dass
das Genitale als erotisches Zentralorgan eich zu den übrigen
Zonen wie das Gehirn zu den Sinnesorganen verhält. Die Ausbil-
dung eines solchen, die übrigen Erotismen zusammenfassenden
Organes dürfte überhaupt die Vorbedingung der von Freud
postulierten narzisstischen Stufe der Sexualität sein. Mit Be-
stimmtheit können wir annehmen, dass zwischen dem Genitale
und dem narzisstischen Ich (Freud) zeitlebens die allerintim-
sten Beziehungen bestehen bleiben, ja dass das Genitale vielleicht
überhaupt der Kristallisationskern der narzisstischen Ichbildung
ist. Als psychologische Bestätigung dieser Annahmen dient uns
die weitverbreitete Identifizierung des Ichs mit dem Genitale in
Träumen, in der Neurose, in der Folklore und im Witz.
Nach alledem würde es nicht wundernehmen, wenn es sich
herausstellte, dass Krankheiten oder Verletzungen der Genitalien
besonders dazu geeignet sind, die Regression in den Krankheits-
narzissmus hervorzurufen. Ich verweise zunächst auf die soge-
J
! I
90 S. Ferenczi
nannten PuerperalpsychoBen, die sicher nicht auf „In-
fektion" oder banale „Aufregung", sondern auf die bei der Ge-
burt unvermeidliche Verletzung der zentralen erogenen Zone zu-
rückzuführen sind- Wie bekannt, gehört eine grosse Zahl dieser
Psychosen zur Gruppe der Paraphrenien (Dementia praecox).
Aber auch andere Krankheitszuatände des Genitales, Gonorrhoe,
Syphilis etc., können besonders beim männlichen Geschlechte
tiefe Gemütsalterationen hervorrufen, die das ganze Ich in Mit-
leidenschaft ziehen. Die übertriebene Behauptung eines italieni-
schen Gynäkologen, dass alle Geisteskrankheiten der Frauen auf
Genital- und Adnexerkrankungen zurückzuführen sind, ist die
ungerechtfertigte Verallgemeinerung der Möglichkeit einer geni-
talen Pathoneurose. Die an das Ausscheidungsorgan (hier die
Vagina) geknüpfte schmerzliche Lust wird zum Teil auch auf das
Ausscheidungsprodukt (das Kind) übertragen. So wird es erklär-
lich, dass so viele Mütter gerade ihr „Schmerzenskind" bevorzu-
gen. Freud machte mich auf diese Analogie aufmerksam.
Nun ist es zuzugeben, dass die Läsion der genitalen oder
einer anderen der erwähnten Zonen ebensowohl eine hysterische,
also nicbt-narzisstische Neurose zur Folge haben kann, aber
ceteris paribus sind diese Stellen eher als andere dazu geneigt,
auf ihre Erkrankung oder Verletzung narzisstisch zu reagieren.
Wir glauben also berechtigt zu sein, der Verletzung der Genital-
zone auch im eingangs mitgeteilten Fall von Paranoiaerkrankung
nach Kastration nicht nur eine banale „auslösende", sondern eine
spezifische ätiologische Bedeutung beizumessen.
Zur Stütze letzterer Behauptung kann ausser den angeführ-
ten, zum Teil theoretischen Erwägungen eine sehr häufige
psychiatrische Beobachtung herangezogen werden. An Paraphre-
nie (Dementia praecox) leidende Patienten beklagen sich sehr oft
über eigenartige Empfindungen in einzelnen Körperpartien, z. B.:
ihre Nase sei schief, ihre Augen von veränderter Stellung, ihre
p
r
■
über Pathoneurosen 91
Kopfform entstellt usw., obzwar an den betreffenden Körper-
stellen auch die genaueste Untersuchung keine objektive Ver-
änderung feststellen kann.
Es kann nun kein Zufall sein, dass sich diese hypochondri-
echen Empfindungen so häufig gerade am Gesicht, am Auge (nicht
selten an den Genitalien) äussern, also an denselben Körper-
stellen, deren narzisstische Bedeutsamkeit wir soeben hervorge-
hoben haben. Noch auffälliger ist es, dass Paraphreniker so häu-
fig Selbstverstümmelungen gerade an diesen erogenen Zonen be-
geben: sich kastrieren, eich das Auge ausstechen usw., oder den
Arzt auffordern, an ihrem Gesichte, an der Nase eine kosmetische
Operation vorzunehmen.
Wir wissen nun von Freud, dass solche lärmende Sym-
ptome der Paraphrenie im Dienste der Selbstheilungstendenz
stehen, müssen also auch in den Fällen von Selbstblendung und
Selbstentmannung annehmen, dass sich der Patient mittelst des
brutalen Eingriffes von hypochondrisch-narzisstischen Parästhe-
sien obenerwähnter Art befreien wollte. Jedenfalls spricht die
Tatsache allein, dass die rein psychogene Paraphrenie derartige
Parästhesien gerade an den erogenen Zonen hervorzurufen ver-
mag und dass der Patient als Reaktion darauf gerade zum Mittel
der Selbstverletzung greift, entschieden für die Möglichkeit, dass
dieser Prozess auch umgekehrt gangbar sein, dass also eine trau-
matische oder pathologische Störung dieser narzisstisch wichtigen
Körperstellen eher als die anderer eine narzisstische Pathoneu-
rose nach sich ziehen kann.
Solche Reziprozität zentraler und peripherer Reizzustände
ist uns auch sonst wohl bekannt. Eine Hautwunde z. B. kann
jucken, aber ein rein zentrales Jucken kann zum Kratzen, mit
anderen Worten zum Setzen von Hautwunden an der juckenden
Stelle, also zu einer Art Selbstverletzung Veranlassung gehen.
-Auf welche Art eine Körperverletzung oder krankhafte
92 S. Ferenczi
-*
r
OrganstÖrung die Libidoverteiluug verändern mag, ist noch ganz
unersichtlich, wir müssen uns zunächst mit der Konstatierung
der Tatsache selbst begnügen.
Wenn aber ein Hund seine verletzte Pfote stundenlang zärt-
lich leckt, ist es eine unangebrachte Rationalisierung, anzu-
nehmen, das6 er damit eine medizinische Heilwirkung, die Des-
infektion seiner Wunde etc. erzielen will. Viel plausibler igt die
Vermutung, daes sich seine Libido dem verletzten Gliede in er-
höhtem Masse zuwendet, go dass er es mit Zärtlichkeiten bedenkt,
wie sonst nur seine Genitalien. '- ' '
Nach alledem ist es nicht unwahrscheinlich, dass an verletz-
ten oder erkrankten Körperstellen sich nicht nur weisse Blutkör-
perchen „chemotaktisch" zusammenrotten, um ihre reparatori-
8che Tätigkeit zu entfalten, sondern dass dort auch eine grössere
Libidomenge aus den übrigen Organbesetzungen zusammen-
strömt. Vielleicht hat diese Libidosteigerung sogar an den in
Gang gesetzten Heilvorgängen ihren (eventuell statt „Teil" „An-
teil") Teil. „Mit wollüstigem Reiz schliesst sich
die Wunde ge^schwin d." (M ö r i k e.)
Wenn sich aber das Ich dieser lokalisierten Libidosteigerung
mittelst der Verdrängung erwehrt, so mag eine hysterische,
wenn es sich mit ihr vollkommen identifiziert, eine narzissti-
eche Pathoneurose, eventuell einfacher Krankheit«-
n a r z i s s m u B die Folge der Verletzung oder Erkrankung sein.
Es ist zu erwarten, dass die weitere Erforschung dieser Vor-
gänge etwas Licht auf einige sexualtheoretisch noch sehr dunkle
Probleme, besonders auf das des Masochismus und der
weiblichen Genitalität werfen wird.
Der Schauplatz der masochistischen Betätigung, mag sie spä-
ter noch so komplizierte und sublimierte Formen annehmen, ist
nach Freud ursprünglich immer die Hautdecke des Körpers.
Es scheint, dass unvermeidliche Hautverletzungen bei jedem
über Pathoneurosen 93
Menschen lokalisierte traumatische Libidosteigerungen verursa-
chen, die — zunächst reine Autoerotismen — später unter ent-
sprechenden Umständen den Kern eines echten Masochismus aus-
machen können/ Soviel ist mindestens zu behaupten, daas beim
Masochismus in ähnlicher Weise Libidosteigerungen an verletzten
Körperstellen entstehen, wie wir sie in den angeführten Fällen
von Krankheits- oder Pathoneurosen angenommen haben.
Was die weibliche Genitalität anbelangt, wissen
wir von Freud, dass die anfangs ganz virile, aktive, an die Cli-
toria gebundene Genitalfunktion des Weibes erst nach der Puber-
tät einer weiblichen, passiven (vaginalen) weicht. Vorbedingung
des ersten vollweiblichen Sexualgenusses scheint aber gerade
eine Körperverletzung: die Zerreissung des Hymen und
die gewaltsame Dehnung und Streckung der Vagina durch den
Penis zu sein. Ich vermute, dass diese Verletzung, die ursprüng-
lich keinen Sexualgenuss, nur Schmerz bereitet, nach Art der
Pathoneurosen die Verlegung der Libido auf die verletzte Vagina
sekundär mit eich bringt, gleichwie die Kirsche, an der ein Vogel
genagt hat, eher Süsse und Reife erlangt.
Es ist wahr, dass diese Verlegung der Libido von der Clitorw
(Aktivität) auf die Vagina (Passivität) sich im Laufe der Phylo-
genese bereits organisiert hat und mehr-minder auch ohne jenes
Trauma zustande kommt. In einem der von Freud beschriebe-
neu Typen des Liebeslebens aber — der Frau, die den ersten
Üherwinder hasst und nur den zweiten lieben kann — scheint
uns noch die ursprüngliche Zweizeitigkeit des Prozesses, die zur
" Ich weiss aus mündlichen Mitteilungen Freuds, dasB der Maso-
chismus immer auf Kastrationsdrohung zurückzuführen ist, und ver-
mute, dasB dabei ein zweiter, nunmehr neurotischer Vorgang zur
Verdrängung der normalen Genilaltriebe und zur regredierten, aller-
dings bereits genitalisierten Wiederbelebung des oben erwähnten Haut-
masochiemuä, d, h. des XJ r ra a s o c h i 3 m u s, führt.
"trrr^rrrrrrrr^.
94 S. Ferenczi
weiblichen (passiven) Genitalität führte, erhalten zu sein, näm-
lich die primäre Hassreaktion auf die Körperverletzung und die
sekundäre Verlegung der Libido auf die verletzte Körperstelle,
aufs Instrument, das die Wunde gesetzt hat, und auf den Träger
dieser Waffe.
Die Psychoanalyse der Kriegsneurosen
Referat, gehalten in der Diskussion „Zur Psychoanalyse der Kriegs-
neurosen" auf dem V. Internationalen Psychoanalytischen Kongress
in Budapest, 28. und 29. September 1918.
Meine Damen und Herren!
Gestatten Sie mir, dase ich die Behandlung des hochernatett
und wichtigen Gegenstandes, der das Thema meines heutigen
Referates bildet, mit der Erzählung einer kleinen Geschichte
beginne, die uns mitten in die umwälzenden Ereignisse dieses
Krieges hineinführt. Ein Ungar, der einen Teil des revolutionären
Umsturzes in Russland aus nächster Nähe zu heobachten Gelegen-
heit hatte, erzählte mir, das» die neuen revolutionären Machthaber
einer russischen Stadt mit Bestürzung konstatieren mussten, da33
die Umwälzung sich nicht so rasch einstellen wollte, wie es nach
ihren doktrinären Berechnungen hätte sein sollen. Gemäss den
Lehren der materialistischen Geschichtsauffassung hätten sie ja,
nachdem sie alle Macht in die Hand bekamen, die neue soziale
Ordnung ohneweiters einführen können. Statt dessen gewannen
unverantwortliche Elemente, Feinde jeder Neuordnung, die Ober-
hand so dass die Macht den Urhebern der Revolution allmählich
entglitt. Da steckten die Führer der Bewegung die Köpfe zu-
■■
96 S. Ferenczi
sammeu, um auszufinden, was in ihrer Rechnung nicht gestimmt
hätte. Endlich kamen sie üherein, dasa die materialistische Auf-
fassung vielleicht doch zu einseitig gewesen sei, da sie nur die
wirtschaftlichen und Kräfteverhältnisse berücksichtigt, eine Klei-
nigkeit aber in Rechnung zu ziehen vergessen hätte. Diese Kleinig-
keit war — das Gemütsleben, die Denkrichtung der Menschen,
mit einem \Cort: das Seelische. Sie waren konsequent genug,
sofort Emissäre in deutschsprechende Länder zu schicken, um
von dort — psychologische Werke zu bezieben, damit sie wenig-
stens nachträglich einige Kenntnisse über diesen vernachlässigten
Wissensstoff erwerben. Dieser VergessUchkeit der Umstürzler sind
viele tausend Menschenleben, vielleicht zwecklos, zum Opfer
gefallen, aber der Misserfolg ihrer Bemühung hat ihnen zu einer
Entdeckung verhelfen: zur Entdeckung der Seele.
Im Kreiße der Nervenärzte hat sich nun im Laufe des Krieges
etwas Ähnliches ereignet. Der Krieg hat massenhaft Nervenkrank-
heiten produziert, die nach Erklärung und Heilung verlangten;
die bisher geläufige organisch-mechanische Erklärung aber — die
etwa der materialistischen Geschichtsauffassung in der Soziologie
entspricht — versagte hiebei vollkommen. Das Massenexperiment
des Krieges hat vielfach schwere Neurosen gezeitigt, auch wo von
einer mechanischen Einwirkung nicht die Rede sein konnte, und
die Nervenärzte wurden gleichfalls zur Einsicht gezwungen, dass
in ihrer Berechnung etwas gefehlt habe, und dieses etwas war
wieder — das Seelische.
Der Soziologie können wir dieses Versäumnis einigermassen
verzeihen ; war doch die Würdigung des seelischen Elementes
in der Gesellschaftskunde bisher tatsächlich eine sehr geringe.
Den Neurologen können wir aber den Vorwurf nicht ersparen,
dass sie die bahnbrechenden Untersuchungen Breuers und
Freuds über die psychische Determinierung vieler nervöser
Störungen so lange unbeachtet Hessen und erst durch die entsetz-
Die Psychoanalyse der Kriegsneurosen
97
liehen Erfahrungen des Krieges eines Besseren belehrt werden
konnten. Und doch besteht seit mehr als zwanzig Jahren eine
Wissenschaft — die Psychoanalyse — , der viele Forscher
ihre ganze Tätigkeit widmen und die uns zu ungeahnt bedeut-
samen Erkenntnissen über den Mechanismus des Seelenlebens
und seiner Störungen verhalf.
In meinem heutigen Referate will ich mich darauf beschrän-
ken, den zum kleineren Teil offen, zumeist aber nur zögernd und
unter falscher Flagge erfolgten Einzug der Psychoanalyse in die
moderne Neurologie nachzuweisen und kurz die theoretischen
Grundsätze mitzuteilen, auf denen die psychoanalytische Auf-
fassung der im Kriege beobachteten „traumatischen Neurosen"
beruht.^
Der vor Dezennien geführte grosse Streit über das Wesen
der seinerzeit von Oppenheim als Krankheitseinheit abgeson-
derten traumatischen Neurose flammte bald nach Kriegsausbruch
wieder auf. Oppenheim beeilte sich, die Erfahrungen des
Krieges, der so viele Tausende plötzlichen Erschütterungen aus-
setzte, als Stütze seiner alten Einsicht zu verwerten, wonach die
Erscheinungen dieser Neurose immer durch physische Ver-
änderungen der nervösen Zentren (oder der peripheren
Nervenbahnen, die sekundär solche des Zentrums hervorbringen)
zustande kommen. Die Art der Erschütterung selbst und deren
Einwirkung auf die Funktionsweise beschreibt er in sehr all-
gemeinen, man mochte sagen, phantastischen Ausdrücken. Glieder
aus der Kette des Innervationsmechanismus werden da „ausge-
1 Aus der ungeheuren Fülle der neurologischen Kriegsliteratur
will ich hier nur die wesentlichsten Erscheinungen berücksichtigen, und
auch die nur, insoweit eie auf die Psychoanalyse Bezug haben. Den Herren
Dr. M. E i t i n g o n und Prof. Dr. A. v. S a r b 6 bin ich für die Über-
lasruug der Quellen zu Dank verpflichtet.
Ferencai, Bausleine zur Psychoanalyse. III. 7
98 S. Ferenczi
löst", feinste Elemente „verlagert", Bahnen „gesperrt", ZuBammen-
hänge zerrissen, Leitungshindernisse geschaffen usw. Mit solchen
und ähnlichen Vergleichen, denen aber jede tatsächliche Grund-
lage fehlt, entwarf Oppenheim ein eindruckvollee Bild vom
materiellen Korrelat der traumatischen Neurosen.
Die Strukturveränderungen, die durch das Trauma im Gehirn
erzeugt werden sollen, denkt sich Oppenheim als feinen
physikalischen Vorgang, gleich jenem, der im Eisenkern dadurch
hervorgerufen wird, dass er den Magnetismus annimmt.
Der sarkastische G a u p p bezeichnet solche scheinexakte
physische und physiologisierende Spekulationen als Hirnmytho-
logie und Molekularmythologie. Er tut aber damit, unseres Er-
achtens, der Mythologie Unrecht.
Das Material, das Oppenheim zur Stütze seiner An-
schauungen produzierte, war keineswegs geeignet, seine abstrusen
Theorien zu stützen. Zwar beschrieb er mit der ihm eigenen
Präzision charakteristische Symptombilder, die gerade dieser Krieg
in bedauerlicher Fülle gezeitigt hat, gab ihnen auch etwas hoch-
trabende, aber über das Wesen nichtsaussagende Namen (Akinesia
amnestica, Myotonoklonia trepidans); diese Beschreibungen wirk-
ten aber in bezug auf seine theoretischen Annahmen nicht be-
sonders überzeugend.^
Es gab allerdings auch Zustimmung zu den Oppenheim-
schen Anschauungen, wenn auch meist mit Einschränkungen.
Goldscheider meint, dass sich Mechanisches und Psychi-
sches in der Verursachung dieser nervösen Symptome teilen; ähn-
lich äussern sich Cassierer, Schuster und Birnbaum.
Ein Kritiker Oppenheims achlug vor, diese schwer auszu-
sprechenden Worte (damit sie wenigstens zu irgend etwas gut wären)
als Testworte bei der Prüfung auf paralytische Sprachstörung zu
verwerten.
Die Psychoanalyse der Kriegeneurosen 99
"Wollenbergs Frage, ob die Kriegsneurosen durch Emotion
oder Kommotion verursacht werdeu, beantwortet Asr haffen-
bürg dahin, dass es sich hier um die vereinr p. Wirkimg v^>p
E motioTT und Kommotion handel t. Als einen der Wenigen, die
starr auf der mechanistischen Auffassung beharren, erwähne ich
Lilienstein, der kategorisch fordert, man möge das "Wort
und den Begriff „Seele", ferner „funktionell", „psychisch" gan:^
besonders aber das „Psychogene" aus der medizinischen Termino-
logie streichen; das vereinfache den Streit und erleichtere die
Erforschung, Behandlung und Begutachtung der Unfallkranken;
die fortschreitende anatomische Technik werde doch sicher ein-
mal die materiellen Grundlagen der Neurosen entdecken.
Hier müssen wir den Gedankengang v. S a r b ö s erwähnen,
der die Ursache der Kriegsneurosen in mikrostrukturel-
1 e n Gewebszerstörungen und feinsten Blutungen im nervösen
Zentralorgan sucht; diese entstünden durch direkte Erschütte-
rung, durch plötzlichen Druck des Liquor cerebrospinalis, durch
Einzwängung des verlängerten Markes in das foramen magnum
etc. V. S a r b ö s Auffassung wird nur von wenigen Autoren
unterstützt. In diesem Zusammenhange nenne ich Sachs und
Freund, nach denen die Erschütterung die Nervenzellen in
einen Zustand erhöhter Erregbarkeit und Erschöpfbarkeit ver-
setzt, die dann die unmittelbaren Ursachen der Neurosen seien.
Bauer und F a u s e r schliesslich fassen die traumatischen
Neurosen als nervöse Folgen der durch die Erschütterung her-
vorgerufenen Störungen der endokrinen Drüsensekretion auf,
also ahnlich dem posttraumatischen Morbus Basedowii.
Einer der ersten, die sich gegen die rein organisch-mecha-
nische Auffassung der Kriegsneurosen aussprachen, war Strüm-
pell, der übrigens schon vor längerer Zeit auf gewisse psychi-
sche Momente in der Verursachung der traumatischen Neurosen
hinwies. Er machte die richtige Beobachtung, dass bei Eisenbahn-
i!
100 S. F
erenczi
katastrophen etc. zumeist solche Personen schwer an Neurose
erkranken, die ein Interesse daran haben, eine durc h dag^
Trauma verursachte Schädigung nachweise n zu können, 2. B. Per-
sonen, die gegen Unfall versichert waren und eine hohe Rente
herausschlagen wollten oder die einen Prozess gegen die Eisen-
bahngesellschaft um Schadenersatz anstrengten. Ebensolche oder
noch viel gewaltigere Erschütterungen blieben aber ohne
dauernde nervöse Folgen, wenn der Unfall beim Sport, durch
eigene Unvorsichtigkeit, überhaupt unter Umständen geschah, die
die Hoffnung auf Schadenersatz von Vorneherein ausschliessen,
so dass der Patient nicht am Krankbleiben, sondern am ehesten
Gesundwerden Interesse hatte. Strümpell behauptete, dass
sich die Erschütterungsneurosen immer sekundär, rein psychogen,
aus Begehrungsvorstellungen entwickeln; er gab den
Ärzten den wohlmeinenden Rat, die Klagen dieser Patienten
nicht, wie Oppenheim, ernst zu nehmen, sondern sie durch
möglichst karge Bemessung oder Entziehung der Rente ehestens
dem Leben und der Arbeit zuzuführen. Die Ausführungen
Strümpells machten grossen Eindruck auf die Ärztewelt
noch in der Friedenszeit, man führte den Begriff der „Renten-
kampfhysterie" ein, behandelte aber die daran Leidenden
nicht viel hesser, als wären sie Simulanten. Strümpell meint
nun, dass auch die Kriegsneuroee eine Begehrungsneurose sei,
die der Absicht des Patienten dient, mit möglichst hoher Rente
vom Militär loszukommen. Dementsprechend verlangt er eine
strenge Beurteilung und Begutachtung der Neurosen bei Militär-
personen. Der Inhalt der pathogenen Vorstellungen sei immer
ein Wunsch; der Wunsch nach materieller Entschädigung, nach
den Fernbleiben von Ansteckungen und Gefahr, und dieser
Wunsch bewirke auf autosuggestivem Wege das Haftenbleiben
der Symptome, die Persistenz von krankhaften Empfindungen
und von InnervationsstÖrungen der Motilität.
Die Psychoanalyse der Kriegsneurosen 101
Von diesem Gedankengange Strümpells klingt dem
Analytiker manches von Vornherein sehr wahrscheinlich. "Weiss
er doch aus der analytischen Erfahrung, dasa die neurotischen
Symptome überhaupt Wunscherfüllungen darstellen, auch das
Haftenbleiben von unlustvollen seelischen Eindrücken und ihre
Pathogeneität ist ihm geläufig; doch muss er dem StrümpeU-
schen Gedankengange grosse Einseitigkeiten vorwerfen, so die
ungebührliche Hervorhebung der pathogenen Vorstellung
und die Vernachlässigung der A f f e k t i v i t ä t, sowie das voll-
ständige Ausserachtlassen unbewusst-psychischer Vorgänge, was
ihm übrigens schon Kurt Singer, Schuster und G a u p p
vorgehalten haben. Strümpell ahnt es auch, dass diese neu-
rotischen Krankheitsbilder nur durch psychische Untersuchung
aufgeklärt werden können, teilt uns aber seine diesbezügliche
Arbeitsmethode nicht mit. Wahrscheinlich versteht er unter psy-
chischer Exploration einfach die genaue Ausfragung des Trauma-
tikers über seine materiellen Umstände und über die Motive sei-
ner Rentensucht. Wir müssen uns aber dagegen verwahren, dass
er diese Exploration „eine Art individuelle Psychoanalyse" nennt.
Auf diesen Namen hat nur ein Verfahren Anrecht, das sich die
genau angegebene Methodik der Psychoanalyse zu eigen macht.
Als Argument zu Gunsten der Psychogenie der Kriegsneuro-
sen gilt die auffallende Talsache, dass — wie es M ö r c h e n,
Bonhoeffer und andere mitteilten — die traumatische Neu-
rose bei Kriegsgefangenen fast nie zur Beobachtung kommt. Die
Kriegsgefangenen haben kein Interesse daran, nach ihrer Gefan-
gennahme lange zu kränkeln, auch können sie in der Fremde
nicht auf Entschädigung, Rente und auf Mitleid der Umgehung
rechnen. Sie fühlen sich in der Gefangenschaft vor den Gefahren
des Krieges einstweilen geborgen. Die Theorie von der mecha-
niecben Erschütterung kann uns diesen Unterschied im Verhalten
der eigenen Soldaten und der Kriegsgefangenen niemals erklären.
102 S. Ferenczi
Die Beweise für die Peychogenie häuften sich rasch.
Schuster und viele andere Beobachter wiesen auf die Dis-
proportion zwischen dem Trauma und deren nervösen Folgen
hin. Schwere Neurosen entstehen nach minimalen Erschütterun-
gen, während gerade die mit grosser Erschütterung einhergehen-
den schweren Verwundungen zumeist ohne nervöse Folgen blei-
ben. Noch schärfer betont das Missverhältnis zwischen Trauma
und Neurose Kurt Singer, er sucht sogar diese Tatsache
psychologisch zu erklären: ,,Bei dem hlitz jnrtiff*'" — paychistli^n
T^rauma. dem ^ ''-hree k, dem lähmenden Entsety.pn h an delt es j ich
um eine, ^rschwe r ung oder ein UnmöjtUchwfi rdf" d^I_ Anpassu ng
an den Reiz." In einer_^8C,hweixji_A^erwjiJidiiiig-*«i-eia«-JB££ixiiiiig
vo m plöt zlichen Spanmjngszuwachs ih"°- """^ "■*"■"" f^f^'^^^n- -niAtm^
aber ^^|^i5__^};^re äu68erfe,.Yerle tzung yor hanij yp jat. so ^fi nde
der übermässige Affekt seine Lösung -rirt rrli pin sprunghaftes
Abreagie ren in l^rp erlichen Erscheinunge n". — Wie der
Freu dsche ^Ausdruck „Abreagieren" zeigt, muss dem
Verfasser heim Ausdenken dieser Theorie die Psychoanalyse vor-
geschwebt haben. Sie hört sich wie eine Nachempfindung der
Breuer-Freu dschen Konversionstheorie an. Bald stellt sich
aber heraus, dass sich Singer diesen Vorgang allzu rationa-
listisch vorstellt; er hält die Symptomatik der traumatischen
Neurose nur für das Ergebnis einer Anstrengung der Kranken,
für ihr unbestimmtes Krankheitsbewusstsein eine dem Indivi-
duum fasshare Erklärung zu finden. Von der dynamischen Auf-
fassung des Psychischen, wie sie die Psychoanalyse lehrt, sind
also die Arbeiten dieses Autors noch weit entfernt.
Hauptmann, Schmidt und andere machten dann
auf die zeitlichen Verhältnisse in der Entwicklung der kriegs-
neurotischen Symptome aufmerksam. Handelte es sich um einen
mechanischen Insult, so müsste der Effekt unmittelbar nach der
Gewalteinwirkung am stärksten sein. Statt dessen beobachtet
Die Psychoanalyse der Kriegsneurosen 103
man, dass die von der Gewalt Erschütterten im Momente nach
dem Trauma oft noch zweckmässige Anstalten zu ihrer Rettung
treffen, sich zum Verbandplatz begeben etc. und erst nachdem
sie sich in Sicherheit brachten, zusammenbrechen und die Symp-
tome entwickeln. Bei Einzelnen treten die Symptome erst auf,
wenn sie nach erfolgter Labung in die Feuerlinie zurückkehren
sollen. Schmidt führt dieses Verhalten der Kranken mit
Recht auf psychische Momente zurück; er meint, dass die neu-
rotischen Symptome sich erst entwickeln, nachdem der Zustand
vorübergehender Bewusstseinstrübung geschwunden war und die
Erschütterten die gefahrvolle Situation in der Erinnerung neu
erleben. Wir würden sagen: diesen Verletzten ergeht es wie jener
Mutter, die ihr Kind mit Kaltblütigkeit und Todesverachtung
aus drohender Lebensgefahr errettet, aber nach vollbrachter Tat
ohnmächtig zusammenbricht. Dass hier das gerettete Wesen nicht
eine geliebte fremde, sondern die geliebte eigene Person war,
ist für die Beurteilung der psychologischen Situation unwe-
sentlich.
^on jenen Autoren, die die Psvchogenie der traumatische n
Npu rosen im Kriege mit besond '-r. p-roBsem Nir-hdriirk hrtont
h aben, führe ich in erster Linie N oji n e__ an^ Nicht nur, dass er
die Symptome der Kriegserschütterungsneurosen ausnahmslos als
hysterische erkannte, er war auch imstande, durch hypnotische
und suggestive Massnahmen die schwersten krieganeurotischen
Symptome momentan zum Schwinden zu bringen und wieder
hervorzurufen. Damit war die Möglichkeit einer auch nur „mole-
kularen" Störung im Nervengewebe ausgeschlossen; eine Störung,
die durch psychischen Einfluss zurecht gerückt werden konnte,
kann selber nicht anders als psychisch gewesen sein.
Dieses therapeutische Argument wirkte am stärksten; im
mechanistischen Lager wurde es allmählig recht still, es wurde
auch vielfach versucht, die früheren Äusserungen psychogenetisch
(I,
: I
l.j.
*%
104 s. Fe
renczi
umzudeuten. Den Streit führten nunmehr die Vertreter der
einzelnen psychologischen Auffassungen untereinander fort.
"Wie soll man sich die Wirkungsweise der psychischen Mo-
mente vorstellen und wie das psychogene Zustandekommen so
schwerer, als organisch imponierender Krankheitsbilder?
Man erinnerte sich der alten C h a r c o t sehen Auffassung,
wonach der Schreck und die Erinnerung an ihn nach Art einer
Hypnose oder Autohypnose in ähnlicher Weise körperliche
Symptome erzeugen kann, wie sie der posthypnotische Befehl des
Hypnotiseurs absichtlich Zustandekommen liisst.
Dieses Zurückgreifen auf C h a r c o t bedeutet nichts weni-
ger als die Auflassung der unfruchtbaren Spekulation und das
Wiederentdecken der Quelle, der letzten Endes auch die Fsycho-
analyse entstammt; wir wiesen ja, daes Breuers und Freuds
erste Untersuchungen über den psychischen Mechanismus der
hysterischen Phänomene unmittelbar unter dem Einfluss der
C h a r c o t sehen und J a n e t sehen klinischen und experimen-
tellen Erfahrungen entstanden sind. Die Hysterischen
leiden an Reminiszenzen: dieser erste Hauptsatz der
keimenden Psychoanalyse ist eigentlich die Fortsetzung, Vertie-
fung und Verallgemeinerung der C h a r c o t sehen Auffassung
der Erschütterungsneurose; beiden gemeinsam ist die Idee von
der Dauerwirkung eines plötzlichen Affekts, der bleibenden Ver-
knüpfung gewisser Affektäusserungen mit der Erinnerung an das
Durchlebte.
Vergleichen wir nun damit die Ansichten deutscher Neuro-,
logen über die Genese der Kriegsneurose. Goldscheider
sagt: „Plötzliche und schreckhafte Eindrücke können unmittelbar
und mit assoziativer Hilfe des Vorstellungslebens Affekte hinter-
lassen; diesem Erinnerungsbilde werden erregbarkeitserhöhende
und erregbarkeitsherabsetzende Folgen zukommen. So ist es die
Emotion, der Schreck, welche dem Trauma diejenige Verteilung
Die Psychoanalyse der Kriegsneurosen
105
und Fixierung der nervösen Reizfolgen verleiht, welche dem rein
somatischen Reiz an sich nie zukommt." Es ist nicht schwer zu
erkennen, dass diese Beschreibung sich an die C h a r c o t sehe
Traumatheorie und die Freud sehe Konversionetheorie anlehnt.
Ähnlich Gaupp: „Trotz aller Bestrebungen der modernen
Experimentalpsychologie, trotz aller vertieften und verfeinerten
neurologischen und psychiatrischen Untersuchungstechnik bleibt
eben ein nicht unerheblicher Rest, bei dem wir nicht durch die
noch so exakte neurologisch-psychiatrische Untersuchung des
momentanen Zustandes, sondern nur durch ihre Verbindung mit
einer sorgfältigen Anamnese, mit einer mühevollen Erforschung
der Pathogenese des vorgefundenen Zustandes zum diagnostischen
Ziele kommen." Gaup p akzeptiert sogar ausdrücklich eine
Freud sehe Annahme, indem er die Kriegsneurose als eine
Flucht vor psychischen Konflikten in die Krankheit
beschreibt und, auf die Psychoanalyse anspielend, erklärt: itViel^
lie ber doch das Postulat der Wirkungen des U n b e w u s s t e_n,
auf Be wusstsein und Körperlichkeit, ah eine p^y'^holü^ische ,
The orie, die mit Wor^n aus der anatomisch-r *' T""^"fT'"'-^'^" "^^^•
c^^r-Kflf T Hi>. Tatsache zu verschleiern su cht, dass d" ^"S ^^^
Kör perlichen zum Seelischen und umgekehrt. » "« fränzUch nnbe^
kann^ist." Ja an einer anderen Stelle geht er noch weiter und
ITdU das psychoanalytische Postulat des Unbewussten ins Zen-
trum des ganzen Problems: „Gibt man nur zu, dass seelische Vor-
gänge im Körper wirken, auch wenn sie nicht im Blickfeld des
Bewusstseins liegen, so verschwinden die meisten der vermeint-
liehen Schwierigkeiten." Hier muss auch Hauptmann ge-
nannt werden, der die traumatische Neurose als eine durch emo-
tionelle Momente ausgelöste, psychogen verarbeitete seelische
Erkrankung auffasst und ihre Symptome als „unbewusste Weiter-
verarbeitung der emotionellen Momente im Sinne der freiliegen-
den Bahnen".
1
.1
r
106 S. Ferenczi
Bonhoeffer acheint die komplex-psychologisclien Er-
fahrungen der Psychoanalyse voll akzeptiert zu haben, er hält
die traumatischen Symptome für „psychoneurotische Verankerun-
gen, Sejunktionserscheinungen, durch die unter dem Einflüsse
schwerster Emotion erfolgte Abspaltung des Affekts
vom Vorstellungsinhalt ermöglicht wird".
Birnbaum konstatiert in seinem trefflichen Sammelrefe-
rate über die Literatur der traumatischen Neurosen, dass in vie-
len Erklärungen dieser Neurosen (so z. B. in Strümpells
Begehrungstheorie) eine Wunschpgychogenie der Hyste-
rie subsumiert ist, und sagt; „Ist aber die Wunschpsychogenie,
die Wunschfixierung etc. ein wesentlicher Bestandteil der Hyste-
rie, dann gehört sie unbedingt in die Krankheitadefinition." Die-
ser Forderung hat aber die Psychoanalyse längst entsprochen, sie
fasst bekanntlich die neurotischen Symptome überhaupt als Äus-
serungen unbewuester Wünsche oder als Reaktionen auf sol-
che auf.
Auch Vogt bezieht sich auf den „berühmten Freu d'schen
Satz", nach dem die bedrängte Seele sich in die Krankheit flüchtet
und erkennt an, dass „der Zwang, der daraus entsteht, oft mehr
unbewusst als bewusst ißt". L i e p m a n n scheidet die Symp-
tome der traumatischen Neurose in die unmittelbaren Folgen des
psychischen Traumas und in „final gerichtete psychische Mecha-
nismen". Schuster spricht von Symptomen, die durch „unter-
hewusste Vorgänge" hervorgerufen werden.
Sie sehen, meine Damen und Herren: die Erfahrungen an
Kriegsneurotikern führten allmahlig weiter als zur Entdeckung
der Seele, — sie führten die Neurologen beinahe zur Entdeckung
der Psychoanalyse. Wenn wir von den in der neueren Literatur
des Gegenstandes so heimisch gewordenen Begriffen und An-
schauungen hören — Abreagierung, Unbewusstes, psychische
Mechanismen, Loslösung des Affekts von seiner Vorstellung
Die Psychoanalyse der Kriegsneurosen 107 ;;,;
etc. — , so wähnen wir in einem Kreise von Psychoanalytikern
zu sein und doch fiel es noch keinem dieser Forscher ein, sich
die Frage vorzulegen, ob man nach diesen Erfahrungen bei
Kriegsneurosen die psychoanalytische Anschauungsweise nicht
auch bei der Erklärung der uns vom Frieden her bekannten,
gewöhnlichen Neurosen und Psychosen verwerten kann. Die '-'
Spezifizität des Kriegstraumas wird ja einstimmig geleugnet; all-
gemein wird gesagt, dass die Kriegsneurosen nichts enthalten,
was der bisher bekannten Symptomatologie der Neurosen etwas ''
Neues hinzufügte, ja die Münchner Tagung deutscher Nerven-
ärzte verlangte förmlich die Abschaffung des "Wortes und des ;!
Begriffes: „K r i e g s n e u r o s e". Wenn aber Friedens- und
Kriegsneurosen im Wesen identisch sind, dann werden die Ner-
venärzte nicht umhin können, alle diese Vorstellungen von emo-
tioneller Erschütterung, vom Haftenbleiben pathogener Erinne-
rungen und von deren Fortwirken aus dem Unbewussten etc. ,|
auch bei der Erklärung der gewöhnlichen Hysterie, der Zwangs- ::;:
neurose und der Psychosen anzuwenden. Sie werden überrascht
sein, wie leicht es ihnen werden wird, den von Freud began-
genen Weg zu gehen, und werden es bedauern, seinen Weisungen
so hartnäckig Widerstand geleistet zu haben.
Auf die Frage der Disposition zur Erkrankung an
einer Kriegsneurose gaben die Autoren widersprechende Antwor- | ]
ten. Die meisten folgen der Anschauung Gaupps, Laude n-
heimers u. a., nach denen die meisten Kriegsneurotiker ab |i
ovo Neuro- und Psychopathen sind und der Erschütterung nur j^
die Rolle des auslösenden Faktors zukommt. Bonhoeffer
sagt direkt; „Die psychogene Auslösbarkeit eines psychopatholo- 1
gischen Zustandes ist ein Kriterium der degenerativen Anlage.'" i|
Ähnlich Förster und Jendrassik. Nonne hingegen - |1J
findet weniger die persönliche Konstitution, als vielmehr die Art 1,1
der einwirkenden Schädlichkeit für die Erkrankung an einer
108 S. Ferenczi
Kriegsneurose ausschlaggebend. Die Psychoanalyse nimmt in die-
ser Frage eine vermittelnde Stellung ein, die von Freud oft
und ausdrücklich präzisiert wurde. Sie spricht von einer „aetio-
logischen Reihe", in der Anlage und traumatischer Anlage als
reziproke Werte ßgurieren. Geringe Anlage und starke Erschüt-
terung können dieselben Wirkungen nach sich ziehen, wie bei
erhöhter Disposition schon ein geringfügiges Trauma. Die Psy-
choanalyse begnügte sich aber nicht mit dem theoretischen Hin-
weis auf dieses Verhältnis, sondern sie bemüht eich — mit Erfolg
— , den komplexen BegrifT der „Disposition" in einfachere Ele-
mente zu zerlegen und jene konstitutionellen Faktoren festzustel-
len, die die Neurosenwahl (die spezielle Neigung, an dieser oder
jener Neurose zu erkranken) bedingen. Auf die Frage, wo die
Psychoanalyse die spezielle Disposition zur Erkrankung an trau-
matischer Neurose sucht, will ich noch zurückkommen.
Die Literatur über die Symptomatologie der Kriegs-
neurosen ist schier unübersehbar. Von hysterischen Symptomen
z. B. werden nach Caupp beobachtet: „Anfälle leichter bis
allerschwerster Art, bis zum stundenlangen arc de cercle, manch-
mal von epileptischer Häufigkeit und Rücksichtslosigkeit des
Ablaufs, Astasie, Abasie, Haltungs- und Bewegungsanomalien des
Rumpfes bis zum Gang auf allen Vieren, alle Varianten des Tic
und Schütteltremor, Lähmungen und Kontrakturen in raonople-
gischer, hemiplegischer und paraplegischer Form, Taubheit und
Taubstummheit, Stottern und Stammeln, Aphonie und rhythmi-
sches Bellen. Blindheit, mit und ohne Blepharospasmus, Sensi-
bihtätsstörungen aller Art, dann vor allem Dämmerzustände in
nie gesehener Zahl und Kombination mit körperlichen Reiz- und
Ausfallserscheinungen." Sie sehen: es ist wie ein Museum
schreiender hysterischer Symptomhilder und wer das einmal ge-
sehen hat, wird Oppenheims Ansicht, nach der reine Neu-
rosenbilder bei den traumatischen Neurosen des Krieges selten
■ill
Die Psychoangilyse der Kriegsneurosen 109
sind, glatt ablehnen müssen. Schuster lenkt die Aufmerk-
samkeit auf die vielen vasomotorisch-trophischen Erscheinungen
hin; diese sind eeiner Anschauung nach nicht mehr psychogen.
Die Psychoanalyse wird aber jenen zustimmen, die auch diese
Symptome — analog den in der Hypnose produzierbaren Körper-
veränderungen — z. T. auf psychischem Wege enstehen lassen.
— Schliesslich weisen alle Autoren auf die Cemütsänderung,
Apathie, Übererregharkeit etc. nach dem Trauma hin. ;
Aus diesem Chaos von Symptombildern ragt durch Häufig- ]
keit und Auffälligkeit die Zitterueurose hervor. Sie kennen alle jj
die mitleiderregenden GcstalteUj die mit schlotternden Knien, |
unsicherem Gang und mit eigenartigen Bewegungsstörungen be- :;
haftet durch die Gassen humpeln. Sie machen den Eindruck hilf- j.
loser und unheilbarer Invaliden; und doch zeigt die Erfahrung, |i.
dass auch dieses traumatische Krankheitsbild rein psychogen ist. h
Eine einzige suggestive Elektrisierung, wenige hypnotische Mass- t]ij|
nahmen genügen oft, solche Leute, wenn auch nur vorübergehend
und bedingungsweise, voll leistungsfähig zu machen. Am ge-
nauesten hat diese Innervatiousstörungen Erben untersucht; - ^.
er fand, dass sich die Störungen nur dann einstellen oder steigern, ^1 n
wenn die betreffenden Muskelgruppen eine Aktion ausführen
oder intendieren. Seine Erklärung hiefür ist, dass hier „der Wil- [l
tensimpuls den Krampf bahnt", was aber nur die physiologisie-
rende Umschreibung des Tatbestandes ist. Die Psychoanalyse
vermutet hier eine psychische Motivierung: die Aktivierung eines
unbewussten Gegenwillens, der sich den bewusst gewoll-
ten Leistungen in den Weg stellt. Am auffälligsten gilt dies wohl
für jene Patienten E r b e n s, die am Vorwärtsgehen durch hef-
tigste Schüttelkrämpfe gehindert sind, aber der viel schwierige-
ren Aufgabe des Rückwärtsgehens ohne Zittern entsprechen.
Erben ist auch hier mit einer komplizierten physiologischen
Erklärung bei der Hand und vergisat, dass die Rückwärtsbewe-
110 S. Fereuczi
gung, die ja den Kranken von gefährlichen BewegungBzielen —
und schliesslich auch von der Frontlinie — entfernt, von
keinem Gegenwillen gestört zu werden braucht. Eine ähnliche
Deutung erfordern auch die (ihrigen Arten von Gehstörung, sowie
insbesondere das an die Propulsion bei Paralysis agitans gemah-
nende, unherambare Laufen vieler Kriegsneurotiker. Es sind dies
Leute, die sich von der Schreckwirkung nicht erholten und immer
noch vor Gefahren fliehen, denen sie einstmals ausgesetzt waren.
Solche und ähnliche Beobachtungen führten dann mehrere
Forscher — auch Nichtpsychoanalytiker — zur Annahme, dass
diese Störungen keine direkten Wirkungen des Traumas, sondern
psychische Reaktionen darauf sind und im Dienste der Siche-
rungstendenz gegen die Wiederholung des unluetvoUen
Erlebnisses stehen. Wir wissen ja, dass über solche Schutzmass-
regeln auch der normale Organismus verfügt. Die Symptome des
Schrecks: das Festwurzeln der Beine, das Zittern, das Stocken
der Sprache, scheinen nützliche Automatismen zu sein; man wird
durch sie an das Sich-Totstellen gewisser Tiere bei Gefahr erin-
nert. Und wenn Bonhoeffer diese traumatischen Störungen
als Fixierungen der Auadrucksmittel der erlittenen schreckhaften
Emotion auffasst, so geht Nonne weiter und entdeckt, dass
„die hysterischen Symptome zum Teil eine Reminiszenz an ange-
borene Abwehr- und Verteidigungsvorrichtungen darstellen, deren
Unterdrückung eben bei denjenigen Individuen, die wir hysterisch
nennen, nicht im normalen Masse oder überhaupt nicht gelingt".
Nach Hamburger stellt der häufiget vorkommende Typus
von Steh-, Geh- und Sprachstörung mit Schütte Itremor einen
„Vorstellungekomplcx von Hinfälligkeit, Schwäche, Versagen und
Erschöpfung dar" und G a u p p denkt bei denselben Symptomen
an das Verfallen in infantile und puerile Zustände offensichtlicher
Hilflosigkeit. Einige Autoren sprechen geradezu von der „Fest-
nagelung" in der traumatischen Körperhaltung und Innervation.
Die Psychoanalyse der Kriegsueurosen
111
Keinem Kenner der Psychoanalyse wird es entgehen, wie
6ehr sich hier die Autoren, ohne es zu bekennen, der Psycho-
analyse nähern. Die von ihnen beschriebenen „Äusdrucksbewe-
gungsfixierungen" sind ja im Wesen nur Umschreibungen der
Breuer-Freud sehen hysterischen Konversion, — und das
Verfallen in atavistische und infantile Reaktionsweisen besagt
nichts anderes und nicht mehr, als was Freud als den r e g r e 3-
8 i V e n Charakter der neurotischen Symptome hervorhob, die
nach ihm alle nur Rückfälle auf bereits überwundene onto- und
phylogene Entwicklungsstufen bedeuten. Jedenfalls konstatieren
wir mit Nachdruck , dass sich die Neurologen nnuTTiftbr e ntschloa-
sen haben, gewisse nervöse Symptombilder zu deuten, das
heiss t auf unbewueste psychische Inhalte zu beziehen, was vor
der Psychoanalyse niemandem eingefallen ist.
Ich komme nun auf die wenigen Autoren zu sprechen, die
sich mit den Kriegsneurosen im psychoanalytischen Sinne be-
schäftigen.
Stern veröffentlichte eine Arbeit über die psychoanalyti-
sche Behandlung von Kriegsneurosen im Kriegslazarett. Die
Arbeit ist mir im Original nicht zugänglich, aus Referaten er-
fahre ich, dass der Autor vom Gesichtspunkte der Verdrängung
ausgeht und die Situation des dienenden Soldaten infolge der
vom Dienste erforderten Affektunterdrückungen zur Erzeugung
von Neurosen besonders geeignet findet. Schuster gibt zu,
dass die Untersuchungen Freuds „wie man sich zu ihnen
auch stellen mag" ein Streiflicht auf die Psychogenese der Neu-
rosen geworfen haben; sie verhalfen dazu, den versteckten,
schwer auffindbaren, aber dennoch vorhandenen Zusammenhang
zwischen Symptom und psychischem Inhalt aufzudecken. Mohr
behandelt die Kriegsneurosen mit der kathartischen Methode
Breuers und Freuds, indem er die Kranken die kritischen
Szenen neu erleben lässt und ihre Affekte durch Wiederaufleben-
^|■
112 S. Ferenczi
lassen der schreckhaften Emotion zur Abreagierung l^rinfft Dpr
Einzige, der sich bisher methodisch mit , der Psychokathaj:ais_d£i_*
Kri e gsneuroseiL^befasste, war S i m m e 1, der über seine F.rfahrun-
gen dem Kongresse selber Bericht _eratatten wird. Schliesslich er-
wähne ich meine eigenen Untersuchungen über die Psychologie
der Kriegsneurosen, in denen ich den Versuch machte, die trau-
matischen Krankheitsbildcr in den Kategorien der Psychoanalyse
unterzubringen.
In diesem Zusammenhange will ich noch auf eine sehr weit
verzweigte Diskussion hinweisen, die sich unter den Autoren
über die Frage entsponnen hat, ob eine Gewalteinwirkung noch
psychogen wirken kann, wenn der von ihr Betroffene sofort be-
wusstlos wurde. Goldscheider und viele andere meinen
noch, dass eine psychiache "Wirkung durch die Ohnmacht unmög-
lich gemacht werde, und Aschaffenburg versteift sich zur
Äusserung, dass die Bewusstlosigkeit vor Erkrankung au Neurose
schützt. Dieser Anschauung tritt Nonne mit Recht entgegen,
indem er auf unhewusste seelische Strömungen, die trotz
der Bewusstlosigkeit psychisch wirken können, hinweist; L.
Mann vertritt sogar — wohl auf der Breuer sehen Hypnoid-
theorie fassend — die Ansicht, dass die Bewusstlosigkeit vor Er-
krankung nicht schützt, sondern indem sie die Entladung der
Affekte hindert, zur Erkrankung an Neurose noch disponiert. Am
vernünftigsten äussert sich in dieser Streitfrage Orlovsky,
der auf die Möglichkeit hinweist, dass die Ohnmacht selbst ein
psychogenes Symptom sein kann, eine Flucht in die Bewusst-
losigkeit, die den Betroffenen das bewusste Erleben der peinli-
chen Situation und Sensation ersparen soll.
Für uns Psychoanalytiker ist die Möglichkeit psychogener
Symptombildungen auch in der Ohnmacht, ganz gut verständlich.
Dieses Problem konnte eben nur von Autoren aufgeworfen wer-
den, die auf einem von der Psychoanalyse überwundenen Stand-
Die Psychoanalyse der Kriegsneurosen 113
punkte stehen, der das Seelische mit dem Bewusstcu gleichsetzt.
Ich weiss nicht, meine Damen und Herren, ob auch Sie aus
dieser Reihe von Zitaten und Hinweisen (die nur Stichproben
aus der Literatur wiedergeben) den Eindruck gewonnen haben,
dass sich in der Einstellung massgebender Neurologen gegenüber
den Lehren der Psychoanalyse eine, wenn auch uneingestandene
Annäherung vollzog. Es fehlt übrigens auch an offener Anerken-
nung nicht, so z. B. die Äusserung N o n n e s, wonach Freuds
Erfahrungen über die Verarbeitung im, Unbewussten durch die
Erfahrungen des Krieges interessante Beleuchtungen und Bestä-
tigungen erfahren haben.
Doch derselbe anerkennende Satz enthält ein vernichtendes
Urteil Nonne s über die Psychoanalyse; er behauptet, dass
Freuds Meinung von der fast ausschliesslich sexuellen Grund-
lage der Hysterie eine entscheidende Niederlage durch den Krieg
erfahren hätte. Diese immerhin nur partielle Ablehnung der
Psychoanalyse können wir nicht mehr unbeantwortet lassen; auch
ist uns die Antwort sehr leicht gemacht. Die Kriegsneuroseu
gehören eben laut der Psychoanalyse zu einer Neurosengruppe,
bei der nicht nur, wie bei der gewöhnlichen Hysterie, die Genital-
sexualität, sondern auch eine Vorstufe davon, der sogenannte
Narziesmus, die Selbstliebe, betroffen ist, ähnlich wie auch bei
der Dementia praecox und Paranoia. Es ist nun zuzugeben, dass
die sexuelle Grundlage dieser sogenannten narzisstischen Neuro-
-sen weniger leicht ersichtlich ist, besonders für jene, die die
Sexualität mit Genitalität gleichsetzen und es verlernt haben,
das Wort „sexuell" im Sinne des alten platonischen Eros zu
verwenden. Zu diesem uralten Standpunkte kehrt aber die Psy-
choanalyse zurück, wenn sie alle zärtlichen und sinnlichen Be-
ziehungen des Menschen zum andern und dem eigenen Ge-
schlechte, Gefühlsregungen gegenüber Freunden, Verwandten,
den Mitmenschen überhaupt, ja das ÄfFektverhältnis zum eigenen
Fcrenczi, Bftusteiae zur Psychoafialyse. III. 8
114 S. Ferenczi
Ich und zum eigenen Körper zum Teil in der Rubrik „Erotik",
respektive „Sexualität" behandelt. Es ist nicht zu leugnen, dass
die, denen diese Auffassung fremd ist, sich von der Richtigkeit
der sexuahheoretischen Annahme Freuds gerade bei einer
narzisstischen Neurose (z. B. bei der traumatischen) nicht so
leicht überzeugen können. Wir möchten ihnen raten, sich einmal
auch hei der gewöhnlichen (nicht traumatischen) Hysterie und
Zwangsneurose umzusehen und sich streng an die von Freud
vorgeschlagene Methodik der freien Assoziation, der Traum- und
Symptomdeutung zu halten. Da werden sie sich viel leichter von
der Richtigkeit der Sexualtheorie der Neurosen überzeugen kön-
nen; die Verständigung über den sexuellen Hintergrund der
Kriegsneurosen wird sich dann von selber ergeben. Jedenfalls
ist das Triumphieren über den Sturz der Sexualtheorie etwas
verfrüht.
Für die Beteiligung sexueller Momente hei der Symptom-
bildung auch der traumatischen Neurose spricht übrigens auch
die von mir gemachte Beobachtung, dass Lei den traumatischen
Neurotikern die G e n i t a 1 1 i b i d o- und Potenz zumeist
stark beeinträchtigt, in vielen Fällen und für längere Zeit sogar
ganz aufgehoben sein kann. Dieser eine positive Befund allein
genügt wohl, um die Voreiligkeit der Nonne sehen Schluss-
folgerung zu demonstrieren.^
Meine Damen und Herren! Mit dem Gesagten hätte ich die
hauptsächliche Aufgabe meines Referates, die kritische Sichtung
der Kriegsneurosenliteratur vom Standpunkte der Psychoanalyse,
erledigt. Ich benütze aber diese seltene Gelegenheit, Ihnen auch
einiges von den persönlich gemachten Erfahrungen mitzuteilen
^ Diese Tatsache ist im Laufe der Kongrcssverhandlungen von allen
DiekuBBionsteiluehmern bestätigt worden.
Die Psychoanalyse der Kriegsneurosen 115
und Gesichtspunkte zu eröffnen, die diese Zustände psychoana-
lytisch zu erklären helfen.
In der psychischen Sphäre des Traumatisch - Neurotischen
herrschen hypochondrische Depression, Schreckhaftigkeit, Ängst-
lichkeit und hochgradige Reizbarkeit mit Neigung zu Zornaus-
hrüchen vor. Die meisten dieser Symptome lassen sich auf g e-
steigerte Ich-Empfindlichkeit zurückführen (ins-
besondere die Hypochondrie und die Unfähigkeit, körperliche
oder seelische Unlust zu ertragen). Diese Uberempfindlichkeit
rührt davon her, dass infolge der — einmal oder wiederholt erleb-
ten — Erschütterung das Interesse und die Libido der Patienten
von den Objekten ins Ich zurückgezogen wurde. Es kam so zu
einer Stauung der Libido im Ich, die sich eben in jenen abnorm-
hypochondrischen Organgefühlen und der Überempfindlichkeit
äussert. Nicht selten artet diese gesteigerte Ich-Liebe in eine Art
infantilen Narzissmus aus: die Kranken möchten wie Kin-
der verhätschelt, gepflegt und bedauert werden. Man kann also
von einem Rückfall in das kindliche Stadium der Selbstliebe
sprechen. Dieser Steigerung entspricht die Abnahme der Objekt-
liebe, oft auch der genitalen Potenz. Ein schon von vornherein
narzisstisch Veranlagter wird selbstverständlich eher an trauma-
tischer Neurose erkranken; aber ganz gefeit ist niemand davor,
bildet doch das Stadium des Narzissmus einen bedeutsamen _|
Fixierungspuukt in der Libidoentwicklung eines jeden Menschen.
Häufig ist die Kombination mit anderen narzisstischen Neurosen, i
besonders mit der Paranoia und Demenz.
Das Symptom der Ängstlichkeit ist das Zeichen der vom
Trauma verursachten Erschütterung des Selbstvertrauens. Am
auffälligsten äussert sich dies bei Leuten, die infolge einer Explo- -
sion umfielen, fortgeschleudert oder verschüttet wurden und hie-
bei ihre Selbstsicherheit dauernd einbüssten. Die charakteristi-
schen Gehstörungen (Astasien • Abasien mit Zittern) sind Schutz-
^m
116
S. Ferenczi
I
r-"
i ■
[1-
r
massregeln gegen die Wiederholung der Angst, also Phobien im
Sinne Freuds. Die Fälle, in denen diese Symptome vorherr-
schen, sind als AngBthysterien anzusprechen. Jene Sym-
ptome hingegen, die einfach die Situation (Innervation, Körper-
haltung) im Momente der Explosion etc. festhalten, sind k o n-
versionshysterisch im Sinne der Psychoanalyse. Auch
bei der Ängstlichkeit gibt es natürlich ein dispositionelles Ent-
gegenkommen; es erkranken daran leichter Personen, die trotz
eigentlicher Feigheit sich aus Ambition zu mutigen Leistungen
zwangen. Die angsthysterische Gehstörung ist zugleich ein Rück-
fall auf ein infantiles Stadium des Nichtgehenkönnens oder des
Gehenlernens.
Auch die Neigung zu Wut- und Zornausbrüchen ist eine
höchst primitive Reaktionsweise auf eine übermächtige Gewalt;
sie können sich bis zu epileptischen Krämpfen steigern und
repräsentieren mehr-minder inkoordiuierte Affektentladungen,
wie sie in der Säuglingszeit zu beobachten sind. Eine mildere
Abart dieser Hemmungslosigkeit ist die Disziplinlosigkeit, die fast
bei keinem Traumatisch • Neurotischen fehlt. Die übermässige
Liebebedürftigkeit und der Narzissmus bedingt auch diese gestei-
gerte Reizbarkeit.
Die Gesaratpersönlichkeit der meisten Traumatiker entspricht
also der eines infolge Erschreckens verängstigten, sich verzärteln-
den, hemmungslosen, schlimmen Kindes. Es passt zu diesem
Bilde das übermässige Gewicht, das fast alle Traumatiker auf
gutes Essen legen. Die minder gute Bedienung in dieser Hinsicht
vermag bei ihnen die heftigsten Affektausbrüche, auch Anfälle
auszulösen. Die meisten wollen nicht arbeiten, sie wollen wie
ein Kind erhalten und ernährt werden.
Es handelt sich hier also nicht allein, wie Strümpell
meinte, um das Produzieren von Krankheitsbildern eines aktuel-
len Nutzens wegen (Rente, Schadenersatz, Flucht von der Front),
^1
Die Psychoanalyse der Kriegsneurosen 117
das sind nur sekundäre Krankheitsgewinne; das primäre
Krankheitsmotiv ist das Vergnügen selbst, im sicheren Hort der
einstmals ungerne verlassenen kindlichen Situation zu verbleiben.
Sowohl diese narzisstischen als auch die ängstlichen Krank-
heitsäusserungen haben alle auch ihr atavistisches Vorbild;
es ist sogar möglich, dass die Neurose manchmal auf Reaktions-
weisen zurückgreift, die in der individuellen Entwicklung über-
haupt keine Rolle spielten (Sichtotstellen der Tiere, Gangarten
und Säuglingsschutzarten von Tieren in der Ahnenreihe). Es ist,
h als ob ein überetarker Affekt sich nicht mehr auf den normalen
Bahnen ausgleichen könnte, sondern auf bereits aufgelassene,
r- aber virtuell vorhandene Reaktionsmechanismen regredieren 1
^ müsste. Ich zweifle nicht, dass sich noch viele andere patholo-
h cische Reaktionen als Wiederholungen überwundener Anpas-
l sungsarten entpuppen werden.
;c ^Ig noch wenig gewürdigte Symptome der traumatischen
f: Neurosen erwähne ich die Überempfindlichkeit aller Sinne (Licht-
i; scheue, Hyperakusis, ungeheure Kitzlichkeit) und die Angst-
träume. In diesen Träumen werden die real erlebten Schreck-
nisse (oder ihnen ähnliche) immer wiedererlebt. Ich folge einem
Winke Freuds, wenn ich diese Schreck- und Angstträume,
wie auch die Schreckhaftigkeit bei Tage als selbsttätige Hei-
l lungsversucheder Kranken auffasse. Sie bringen sich den
\i. in seiner Totalität unerträglichen, unf assbaren, daher in Sym-
t ptome konvertierten Schreck s t ü c k w e i s e zur bewussten Ab-
? reagierung und tragen so zur Ausgleichung des gestörten Gleich-
gewichtes im psychischen Haushalte bei.
. Diese wenigen eigenen Beiträge mögen Ihnen — meine Da-
; men und Herren — als Beweis dessen dienen, dass die psycho-
analytische Auffassung auch dort noch Gesichtspunkte eröffnet,
r; wo uns die übrige Neurologie im Stiche lässt,
Von der methodischen Psychoanalyse vieler I: alle aber dürfen
f
i
wir die volle Erklärung, vielleicht auch die radikale Heilung
dieser Krankheitszustände erwarten.
Während der Drucklegung dieses Referates las ich die inter-
essante Arbeit Prof. E. Moros, des Heidelberger Kinderarztes,
über „das erste Trimenon", d. h. die Besonderheiten der ersten
drei Lebensmonate des Säuglings. „Legt man einen jungen
Säugling auf den Wickeltisch" — heisst es dort — „und schlägt
man zu beiden Seiten mit den Händen auf das Kissen, so erfolgt
ein eigenartiger Bewegungsreflex, der ungefähr folgendermassen
verläuft: Beide Arme fahren symmetrisch auseinander, um sich
hierauf unter leicht tonischen Bewegungen im Bogen wieder an-
nähernd zu schliessen. Ein ähnliches motorisches Verhalten zeigen
gleichzeitig beide Beine." Wir würden sagen: M o r o hat hier
eine kleine Schreck- (oder traumatische) Neurose künstlich er-
zeugt. Das Merkwürdige an der Sache ist nun, dass dieser Reflex
beim Erschrecken des jungen (weniger als drei Monate alten)
Säuglings Andeutungen eines natürlichen Umklammerungsreflexea
zeigt, wie er die „T r a g s ä u g 1 i n g e" charakterisiert, d. h.
Tier- (Affen) Säuglinge, die gezwungen sind, sich mit Hilfe eines
ausgesprochenen Klammerreflexes mit den Fingern an dem
Fell der auf den Bäumen herumkletternden Mutter festzuhalten
(Siehe Abbildung). Wir würden sagen: atavistischer Rückfall der
Reaktionsweise bei plötzlichem Schreck.*
* („MÜDchner Mediz. Wochenschrift" 1918, Nr. 42, p. 1150.)
Technische Schwierigkeiten einer
Hysterieanalyse
(Zugleich Beobachtungen über larvierte Onanie
und „Onanie-Äquivalente")
(1919)
Eine Patientin, die mit grosser Intelligenz und viel Eifer den
Vorschriften der psychoanalytischen Kur zu entsprechen bestrebt
war und ee an theoretischer Einsicht nicht mangeln liesB, machte
nichtedestoweniger nach einer gewiesen, wohl der ersten Über-
tragung zuzurechnenden Besserung ihrer Hysterie lange Zeit hin- ^
durch keine Fortechritte.
Als die Arbeit überhaupt nicht von statten ging, griff ich
zum äuBsersten Mittel und bestimmte einen Termin, bis zu dem
ich sie noch behandeln will, in der Erwartung, dass ich hiedurch
in ihr ein zureichendes Motiv zum Arbeiten schaffe. Auch dies half
nur vorübergehend; bald fiel sie in die bisherige Untätigkeit
zurück, die sie hinter der Übertragungsliebe versteckte. Die
Stunden vergingen mit leidenschaftlichen Liebeserklärungen und
Beschwörungen ihrer- und mit fruchtlosen Anstrengungen meiner-
seits, ihr die Ubertragungsnatur ihrer Gefühle beizubringen und
sie zu den realen, aber unbewussten Objekten ihrer Affekte zu-
rückzuführen. Nach Ablauf des angesagten Termines entliess ich
l^O S. Ferenczi
sie ungeheilt. Sie selbst war mit ihrer Besserung ganz zw
frieden.
Viele Monate später kam sie in ganz desolatem Zustande
wieder; ihre früheren Beschwerden rezidivierten mit der alten
Heftigkeit. Ich gab ihrer Bitte nach und nahm die Kur wieder
auf. Schon nach kurzer Zeit, sobald der bereits erreicht gewesene
Grad der Besserung hergestellt war, begann sie das alte Spiel
wieder. Diesmal waren äussere Umstände die Ursache des Abbre-
chens der Kur, die also auch diesmal unbeendigt blieb.
Eine neuerliche Verschlimmerung und die Beseitigung jener
Hindernisse führten sie zum drittenmal zu mir. Auch dieses Mal
kamen wir lange Zeit hindurch nicht vorwärts.
Im Laufe ihrer unerinüdlich wiederholten Liebesphantasien,
die sich immer mit dem Arzte beschäftigten, macht sie öfters,
wie beiläufig, die Bemerkung, dass sie dabei „unten fühlt", d. h.
erotische Genitalempfindungen hat. Doch erst nach so langer
Zeit überzeugte mich ein zufälliger Blick auf die Art, in der sie
auf dem Sofa liegt, dass sie die ganze Stunde über die Beine
gekreuzt hält. Dies führte uns — nicht zum erstenmal — zum
Thema der Onanie, die ja von Mädchen und Frauen mit Vorliebe
in der Weise ausgeführt wird, dass sie die Beine einander pres-
sen. Sie negierte, wie auch schon früher, aufs entschiedenste,
jemals derartige Praktiken getrieben zu haben.
Ich muBSte gestehen — und das ist bezeichnend für die Lang-
samkeit, mit der eine sich schon regende neue Einsicht zum
Bewuestsein durchdringt — dass es immer noch längere Zeit
dauerte, bis ich auf den Einfall kam, der Patientin diese Körper-
haltung zu verbieten. Ich erklärte ihr; dass es sich dabei um eine
larvierte Art der Onanie handelt, die die unbewussten Regungen
unbemerkt abführt und nur unbrauchbare Brocken ins Material
der Einfälle gelangen lasst.
Den Effekt dieser Massnahme kann ich nicht anders als fou-
\
t
Technische Schwierigkeiten einer Hysterieanalyse 121
droyant bezeichnen. Die Patientin, der die gewohnte Abfuhr zur
Genitalität verwehrt blieb, war in den Stunden von einer fast
unerträglichen körperlichen und psychischen Rastlosigkeit ge-
plagt; sie konnte nicht mehr ruhig daliegen, sondern musste die
Lage fortwährend wechseln. Ihre Phantasien glichen Fieberdeli-
rien, in denen längstvergrabene Erinncrungsbrocfcen auftauchten,
die sich allmählich um gewisse Ereignisse der Kindheit gruppier-
ten und die wichtigsten traumatischen Anlässe der Erkrankung
erraten Hessen.
Der hierauf folgende Besserungsschub brachte zwar einen
entschiedenen Fortschritt, aber die Patientin — obzwar sie jene
Massregel gewissenhaft befolgte — schien sich mit dieser Art
Abstinenz abzufinden und machte es sich auf dieser Stufe der
Erkenntnis bequem. Mit anderen Worten: Sie hörte wieder auf
zu arbeiten und flüchtet e sich auf die Rettu nssinsel der Über-,
tragungBlieit£i_
"Durch die vorhergegangenen Erfahrungen gewitzigt, konnte
ich aber nun die Verstecke aufstöbern, in die sie ihre autoero-
tische Befriedigung rettete. Es kam heraus, dass sie zwar i n d e r
Analysenstunde die Vorschrift befolgt, sie aber in den
übrigen Stunden des Tages fortwährend verletzt. Wir erfuhren,
dass sie die meisten Betätigungen der Hausfrau und Mutter zu
erotisieren verstand, indem sie dabei die Beine unmerklich
und ihr selbst unbewusst aneinander presste; natürlich erging sie
sich dabei in unbewussten Phantasien, die sie so vor dem Entlarvt-
werden schützte. Nachdem das Verbot auf den ganzen Tag aus-
gedehnt wurde, kam es zu einem neueren, aber immer noch nicht
definitiven Besserungsschub.
Der lateinische Satz: Naturam expellas furca, tarnen ista
recurret, schien sich hier zu bewahrheiten. Ich bemerkte an ihr
im Laufe der Analyse oft gewisse „Symptomhandlungen", spie-
lerisches Drücken und Zerren an den verschiedensten Körper-
122 S. Ferenczi
stellen. Nach dem allgemeinen und ausnahmslosen Verbot der
larvierten Onanie wurden diese Symptomhandlungen zu Ona-
nieäquivalenten. Ich verstehe darunter harmlos schei-
nende Reizungen indifferenter Körperteile, die aber die Eroge-
neität des Genitales qualitativ und quantitativ ersetzen. In unse-
rem Falle war die Absperrung der Libido von jeder anderen Ab*
fuhr eine so totale, dase sie sich zeitweise an jenen harmlosen
Körperstellen, die von Natur aus durchaus keine hervorragenden
erogenen Zonen sind, zu förmlichem Orgasmus steigerte.
Erst der Eindruck, den diese Erfahrung auf sie machte,
konnte die Patientin dazu bringen, meiner Behauptung, dass sie
in jenen kleinen „Unarten" ihre ganze Sexualität vergeudet, Glau-
ben zu schenken und darauf einzugehen, der Kur zuliebe auch
auf diese seit Kindheit geübten Befriedigungen zu verzichten.
Die Plage, die sie so auf sich nahm, war gross, aber sie lohnte
der Mühe. Die Sexualität, der alle abnormen Abflusswege ver-
sperrt waren, fand von selbst, ohne hiezu der geringsten Anwei-
sung zu bedürfen, den Rückweg zu der ihr normal zugewiesenen
Genitalzone, von der sie in einer bestimmten Zeit ihrer Entwick-
lung verdrängt, gleichsam aus der Heimat in fremde Lander ver-
wiesen wurde.
Dieser Repatriierung stellte sich noch als Hindernis die vor-
übergehende Wiederkehr einer in der Kindheit durchgemachten
Zwangsneurose in den Weg, die aber schon leicht zu übersetzen
war und ihr auch ohne weiteres verständlich wurde.
Die letzte Etappe war das Auftreten eines unmotivierten und
zu Unzeiten auftretenden Harndranges, dem nachzugeben
ihr gleichfalls untersagt wurde. Eines Tages überraschte sie mich
dann mit der Mitteilung, am Genitale einen so heftigen Reiz ver-
spürt zu haben, dass sie sich nicht enthalten konnte, sich durch
heftigstes Reiben der Vaginalschleimhaut etwas Befriedigung zu
verschaffen. Meine Erklärung, sie habe biedurch die Bestätigung
Technische Schwierigkeiten einer Hysterieanalyse 123
meiner Behauptung erbracht, dass sie eine infantile aktive
Masturbationsperiode durchmachte, konnte sie zwar
nicht unmittelbar annehmen, sie brachte aber bald Einfälle und
Träume, die sie überzeugen konnten. Diese Masturbationsrezidive
währte dann nicht mehr lange. Parallel mit der Rekonstruktion
ihres infantilen Abwehrkampfes erlaugte sie nach so vielen Müh-
salen die Fähigkeit, im normalen Sexualverkehr Befriedigung zu
finden, was ihr — obzwar ihr Mann ungewöhnlich potent war
und mit ihr schon viele Kinder zeugte — bis dahin versagt blieb.
Zugleich fanden mehrere der noch ungelösten hysterischen Sym-
ptome in den nunmehr manifest gewordenen Genitalphantasien
und -erinnerungen ihre Erklärung.
Ich war bestrebt, aus der höchst komplizierten Analyse nur
das technisch Interessante hervorzuheben und den Weg zu be-
schreiben, auf dem ich zur Aufstellung einer neuen analytischen
Regel gekommen bin.
Diese lautet: Man rauss während der Kur auch an die Mög-
lichkeit der larvierten Onanie und der Onanieäquivalente dea-
ken, und wo man deren Anzeichen bemerkt, sie abstellen. Diese
scheinbar harmlosen Betätigungen können nämlich sehr gut zu
Verstecken der aus ihren unbewussten Besetzungen durch die
Analyse aufgescheuchten Libido werden und in extremen Fallen
die ganze Sexualbetätigung einer Person ersetzen. Merkt dann
der Patient, dass diese Befriedigungsmöglichkeiten dem Analyti-
ker entgehen, so heftet er alle palhogenen Phantasien an diese,
verschafft ihnen auf kurzem Wege immer wieder die Abfuhr in
die Motilität und erspart sich die mühe- und unlustvolle Arbeit,
sie zum Bewusstsein zu bringen.
Diese technische Regel bewährte sich mir seither in mehreren
Fällen. Langdauernden Widerständen gegen die Fortsetzung der
Arbeit wurde durch ihre Berücksichtigung ein Ende bereitet.
Aufmerksame Leser der psychoanalytischen Literatur werden
124 S. Ferenczi
vielleicht einen Widerspruch zwischen dieser technischen Mass-
nahme und den Urteilen vieler Psychoanalytiker über die Ona-
nie ^ konstruieren. *
Auch die Patienten, bei denen ich diese Technik anwenden
musste, versäumten es nicht, ihn mir vorzuhalten. — i,Sie be-
haupteten doch", sagten nie, „dass die Onanie ungefährlich ist,
und jetzt verbieten Sie sie mir". Es ist nicht schwer, diesen
Widerspruch zu lösen. Wir brauchen an unserer Meinung von der
relativen Harmlosigkeit z. B. der Not-Onanie nichts zu ändern
und können doch auf der Forderung dieser Art Abstinenz be-
stehen. Es handelt sich hier nämlich nicht um eine generelle
Verurteilung der Selbstbefriedigung, sondern um eine proviso-
rische Massnahme für die Zwecke und die Dauer der psychoana-
lytischen Kur. Die günstig beendigte Behandlung macht übrigens
diese infantile oder juvenile Befriedigungsart sehr vielen Patien-
ten entbehrlich.
Allerdings nicht allen. Es gibt sogar Fälle, in denen die
Patienten während der Kur — wie sie angeben, zum erstenmal
in ihrem Leben — dem Drange nach masturbatorischer Befriedi-
gung nachgeben und mit dieser „mutigen Tat" die beginnende
günstige Wandlung in ihrer lihidinösen Einstellung markieren.
Letzteres kann aber nur von der manifesten Onanie mit be-
wusstem erotischem Phantasietext gelten, nicht aber von den so
verschiedenartigen Formen der „larvierten" Onanie und ihrer
Äquivalente. Diese sind von vornherein als pathologisch zu be-
trachten und bedürfen jedenfalls der analytischen Aufklärung.
Diese ist aber, wie wir sehen, nicht anders zu haben als um den
Preis der zumindest vorübergehenden Auflassung der Betätigung
selbst, wodurch ihre Erregung auf rein psychische Bahnen und
^Über Onanie. DiskuBsion in der Wiener Psychoanalytischen
Vereinigung. II. Heft. (Wiesbaden, Bergmann, 1912.)
Technische Schwierigkeiten einer Hysterieanalyse 125
schliesslich zum Bewusstseinssystem gelenkt wird. Hat der Pa-
tient erst das Bewusstsein seiner Onaniephantasien zu ertragen
gelernt, so darf man ihm die Freiheit, darüber zu verfügen, wie-
dergehen. In den meisten Fällen wird er davon nur im Notfalle
Gehrauch machen.
Ich henütze diesen Anlass, um von den larvierten und vikari-
ierenden Onaniehetätigungen noch einiges mitzuteilen. Es gibt
viele sonst nicht neurotische Menschen, besonders aber viele
Neurastheniker, die sozusagen ihr ganzes Leben lang fast ohne
Unterlass unhewusst onanieren. Sind sie Männer, so halten sie
ihre Hände den ganzen Tag in der Hosentasche und man merkt
an den Bewegungen der Hände und Finger, dass sie dabei an
ihrem Penis zupfen, drücken oder reiben. Sie denken sich dabei
eigentlich „nichts Schlimmes", im Gegenteil, sie sind vielleicht
in tiefsinnige mathematische, philosophische oder geschäftliche
Spekulationen vertieft. Ich meine aber, mit der „Tiefe" ist es
hier nicht so weit her. Jene Probleme fesseln allerdings die ganze
Aufmerksamkeit, aber die eigentlichen Tiefen des Seelenlebens
(die unbewussten) sind inzwischen mit primitiv-erotischen Phan-
tasien beschäftigt und verschaffen sich anf kurzem, gleichsam
somnambulem Wege die gewünschte Befriedigung.
Das Herumbohren in den Hosentaschen ersetzen andere
durch ein für die Mitmenschen oft sehr lästiges klonisches Zittern-
lassen der Wadenmnskulatur, während Frauen, denen die Art
ihrer Kleidung, wie auch die Wohianständigkeit solche auffällige
Bewegungen verbietet, die Beine aneinanderpressen oder überein-
anderschlagen. Besonders während den die Aufmerksamkeit ab-
• lenkenden Handarbeiten verschaffen sie eich gern solchen unbe-
wussten „Lustnebengewinn".
Doch auch abgesehen von den psychischen Folgen kann man
dieses unhewusste Onanieren nicht für ganz harmlos erklären,
Obzwar oder gerade weil es hier nie zum vollen Orgasmus kommt.
126 S. Ferenczi
sondern immer nur zu fnistranen Erregungen, können sie eich
am Hervorbringen angstneurotischer Zustände beteiligen. Ich
kenne aber auch Falle, in denen diese kontinuierliche Reizung
durch sehr häufige, wenn auch minimale Orgasmen (die bei Män-
nern auch von Prostatorrhoe begleitet sein können) diese Leute
am Ende neurasthenisch macht und ihre Potenz beeinträchtigt.
Die normale Potenz besitzt nämlich nur derjenige, der die libidi-
nösen Regungen längere Zeil hindurch in Latenz erhalten und
anhäufen, bei Vorbandensein entsprechender Sexualzicic und
Objekte aber kraftvoll zum Genitale abströmen zu lassen versteht.
Dieser Fähigkeit tut das fortwährende Vergeuden kleiner Libido-
quantitäten Abbruch. (Von der bewusst gewollten periodischen
Masturbation gilt dies nicht in dem Masse.)
Ein zweites Moment, das in unserer Betrachtungsweise früher
geäusserten Ansichten zu widersprechen scheint, ist die Auffas-
sung der Symptomhandlungen. Wir lernten von Freud,
dass diese Äusserungen der AUtagspsychopathologie als Zeichen
verdrängter Phantasien in der Kur verwertbar, also bedeutungs-
voll, sonst aber vollkommen harmlos sind. Nun sehen wir, dass
auch sie von der aus anderen Positionen verdrängten Libido
intensiv besetzt und zu nicht mehr harmlosen Onanieäquivalenten
werden können. Es ergeben sich hier Übergänge von den Sym-
ptomhandlungen zu gewissen Formen des Ti c c o n v u 1 s i f ,
über den wir bisher allerdings keine psychoanalytischen Aufklä-
rungen besitzen. Meine Erwartung geht dahin, dass sich hei der
Analyse viele dieser Tics als stereotypisierte Onanieäquivalente
entpuppen werden. Die merkwürdige Verknüpfung der Tics
mit der KoprolaUe (2. B. bei Unterdrückung der motori-
schen Äusserungen) wäre dann nichts anderes als der Einbruch
der von den Tics symbolisierten erotischen — meist sadistisch-
analen — Phantasien ins Vorbewusste mit krampfhafter Besetzung
der ihnen adäquaten Vorterinnerungsreste. Die Koprolalie ver-
Tecbniache Schwierigkeiten einer Hysterieanalyse 127
dankte so einem ähnlichen Mechanismus ihr Entstehen, wie der,
mittelet dessen die von uns versuchte Technik gewisse bis dahin
in Onanieäquivalenten abgeführte Regungen zum Bewusstsein .
durchdringen lässt. |
Doch kehren wir nach dieser Abschweifung ins Hygienische
und Nosologische zu den viel interessanteren technischen und
psychologischen Überlegungen zurück, zu denen uns der eingangs
mitgeteilte Fall anregen kann.
Ich war in diesem Falle gezwungen, die passive Rolle, die
der Psychoanalytiker bei der Kur zu spielen pflegt und die sich
auf das Anhören und Deuten der Einfälle des Patienten be-
schränkt, aufzugeben und durch aktives Eingreifen in das psychi-
sche Getriebe des Patienten über tote Punkte der analytischen
Arbeit hinwegzuhelfen.
Das Vorbild dieser „aktiven Technik" verdanken wir
Freud selbst. In der Analyse von Angsthysterien griff er —
wenn es zu ähnlicher Stagnation kam — zum Auskunftsmittel,
die Patienten aufzufordern, gerade jene kritischen Situationen
aufzusuchen, die bei ihnen Angst auszulösen geeignet sind, nicht
etwa, um sie an die ängstlichen Dinge zu „gewöhnen", sondern
um falsch verankerte Affekte aua ihren Verbindungen zu lösen.
Man erwartet dabei, dass die zunächst ungesättigten Valenzen die-
ser zum freien Flottieren gebrachten Affekte vor allem die ihnen
qualitativ adäquaten und historisch entsprechenden Vorstellun-
gen an sich reissen werden. Auch hier also, wie in unserem Falle,
das Unterbinden angewöhnter, unbewusster Ablaufswege der Er-
regung und das Erzwingen der vorbewussten Besetzung und
bewussten Übersetzung des Verdrängten.
Seit der Kenntnis der Übertragung und der „aktiven Tech-
nik" können wir sagen, dass der Psychoanalyse ausser der Beob-
achtung und der logischen Folgerung (Deutung) auch das Mittel
des Experiments zu Gebote steht. Wie man etwa beim Tierexpe-
T
128 S. Ferenczi
; i;
nment durch Unterbinden grosser arterieller Gefäesbezirke den
Blutdruck in entfernten Gebieten heben kann, so können und
mÜBBcn wir in geeigneten Fällen die unbewussten Abflusswege
vor der psychischen Erregung absperren, um durch die so erzielte
„Druckerhöhung" der Energie das Überwinden des Zensurwider-
standes und die „ruhende Besetzung" durch höhere psychische
Systeme zu erzwingen.
Zum Unterschied von der Suggestion nehmen wir aber dabei
auf die neue Stromrichtung keinen Einfluss und lassen uns von
unerwarteten Wendungen, die dabei die Analyse nimmt, gern
überraschen.
Diese Art „Experimentalpsychologie** ist wie nichts geeignet, ;1
uns von der Richtigkeit der Freud sehen psychoanalytischen
Neuroscnlehre und von der Stichhaltigkeit der auf sie (und auf
die Traumdeutung) gegründeten Psychologie zu überzeugen. Ins-
besondere lernen wir dabei den Wert der Freud sehen An-
nahme von den einander übergeordneten psychischen In-
stanzen schätzen und gewöhnen uns daran, mit psychi-
schen Quantitäten wie mit anderen Energiemengen zu
rechnen.
Ein Beispiel wie das hier Mitgeteilte zeigt uns aber von
neuem, dass bei der Hysterie nicht banale „psychische Energien",
sondern libidinöse, genauer: genitale Triebkräfte am Werke sind
und dass die Symptombildung nachlässt, wenn es gelingt, die
abnorm verwendete Libido wieder dem Genitale zuzuführen.
i
■ 1
■r
f.
Hysterische Materialisationsphanomene
Gedanken zur Auffassung der hysterischen
Konversion und Symbolik.
(1919) .-
„Ihr habt den Weg vom Wurme
sum Menschen gemacht und vieles ist
■- : • in euch noch Wurm."
(Niefzschc. Also sprach Zaralhustra, I. Teil.
Taschenausgabe. S. 13. Leipzi« 1909.)
Die psychoanalytischen Forschungen Freuds entlarvten
die konversionshysterischen Symptome als Darstellungen
unbewusster Phantasien mit körperlichen Mitteln. Eine hyste-
rische Armlähmung z. B. kann — in negativer Darstellung —
eine aggressive Betätigungsabsicht, ein Krampf das Ringen ein-
ander widersprechender Gefühlsregungen, eine lokalisierte Anaes-
thesie oder Hyperaesthesie die unbewusst festgehaltene und aus-
gesponnene Erinnerung an eine sexuelle Berührung an jener
Stelle bedeuten. Auch über die Natur der bei der hysterischen
Symptombildung tätigen Kräfte hat uns die Psychoanalyse uner-
wartete Aufklärungen gegeben; sie zeigt uns in jedem einzelnen
Falle, dass in der Symptomatik dieser Neurose abwechselnd oder
zumeist in Kompromissbildungen erotische und egoistische Trieb-
regungen zum Ausdruck gelangen. Schliesslich entdecken die
letzten entscheidenden Untersuchungen Freuds über die
Neurosenwahl auch die genetische Fixierungsstelle in der Ent-
Ferenczi, Bausteine zur Psychoanalyse. III. U
■%
130
S. Ferenczi
wicklungBgeschichte der Libido, die die Disposition zur Hysterie
bedingt. Das disponierende Moment fand er in einer Störung der
normalen Genitalentwicklung bei schon vollkräftigem Primat der
Genitalzone. Der dieserart Disponierte reagiert auf einen erotischen
Konflikt, der das psychische Trauma abgibt, mit der Verdrängung
der Genitalregungen, eventuell mit der Verschiebung dieser Re-
gungen auf scheinbar harmlose Körperstellen. Ich möchte das so
ausdrücken, dass die Konversionshysterie jene Körperstellen, an
denen die Symptome sich äussern, genitalisiert. In einem
Versuch, die Entwicklungsstufen des Ichs zu rekonstruieren,
konnte ich auch darauf hinweisen, dass die Disposition zur Hystero-
genese auch die Fixierung an eine bestimmte Entwicklungsperiode
des WirklichkeitSBinnes zur Voraussetzung hat, in der eich der
Organismus noch nicht mit der Veränderung der Aussenwelt,
so ndern mit denen des eigenen Körpers — mit magi schen G esten
— der Realität anzupassen versucht ; und einen Kückfaffaut diese
Stufe mag die hysterische Gebärdensprache bedeuten.
Kein Einsichtiger wird leugnen, dass diese Sätze eine Fülle
von Erkenntnissen über die hysterische Neurose mitteilen, von
der die präanalytische Neurologie nicht die entfernteste Ahnung
hatte. Trotzdem glaube ich, dass es bei aller Befriedigung über
das Erreichte zweckmässig ist, auf die Lücken unseres Wissens
auf diesem Gebiete hinzuweisen. Der „rätselhafte Sprung aus
dem Seelischen ins Körperliche" (Freud) im konversions-
hysterischen Symptom z. B. ist immer noch ein Rätsel.
Versucht man diesem Rätsel an den Leib zu rücken, so kann
man verschiedene AngriiTspunkte wählen, so u. a. die eigenarti-
gen Innervationsverhältnisse, die die Bildung manchen Konver-
sionssymptoms bedingen.
Bei hysterischer Paralyse, Konvulsion, Anaesthesie und Par-
aesthesie zeigt sich die Fähigkeit der Hysterischen, die normale
Hysterische Materialisationsphänomene 131
r
t Zuleitung der sensiblen und Ableitung der motorischen Inner*
vation vom resp. zum Bewusstsein zu unterbrechen oder zu stö-
ren. Aber auch abgesehen von diesen schon im Bereiche des
h Psychischen stattfindenden Änderungen des Erregungsablaufs,
;;■ kennen wir hysterische Symptome, deren Erzeugung eine ent-
schiedene Mehrleistung an Innervation erfordert, Leistun-
gen, zu denen der normale neuropsychische Apparat unfähig ist.
k Der unbewusste Wille des Hysterischen bringt Bewegungserschei-
nungen, Veränderungen der Blutzirkulation, der Drüsenfunktion
i und der Gewebsernährung zustande, wie sie der bewusste Wille
'tr.' eines Nichthysterischen zu leisten nicht vermag. Die glatten
h Muskelfasern des Magendarmtraktes, der Bronchien, die Tranen-
'• und Schweissdrüsen, die Schwellkörper der Nase etc. stehen dem
Unbewussten des Hysterischen zur Verfügung; er kann Einzel-
f ■ ^ Innervationen, z. B. im Bereiche der Augen- und Kehlkopfmus-
keln produzieren, die dem Gesunden unmögbch sind; allgemein
bekannt ist auch seine, allerdings seltenere Fähigkeit, lokale Blu-
' tungen, Blasenbildungen, Haut- und Schleimhautschwellungen
zu erzeugen.
' Wir wollen nicht vergessen, dass nicht die Hysterie allem
; ZU solchen Leistungen befähigt. Hypnose und Suggestion, denen
l auch der Normalmensch mehr-minder zugänglich ist, vermögen
ähnliche Erscheinungen hervorzurufen. Auch gibt es sonst nor-
male Menschen, die sich in der Kindheit einzelne solcher Über-
leistungen „angewöhnen", so z. B. die isolierte Innervation sonst
nur symmetrisch beweglicher Muskeln, die gewollte Beeinflussung
der Herz-, Magen- und Darmfunktion, der Irismuskeln etc., die
sie dann eventuell als „Künstler" produzieren. Ein grosser Teil
der Erziehungsarbeit beim Kinde besteht in der Abgewöhnung
ähnlicher Kunststücke und in der Angewöhnung anderer. Jeden-
falls hat aber die Kindererziehung die psychische Beeinflusabar-
keit auch solcher Organbetätigungen zur Voraussetzung, die spä-
132 S. Ferenczi
ter Bcheinbar „automatisch''' oder „reflektorisch" einsetzen, in
Wirklichkeit aber seit Kindheit fortwirkende Befehlsautomatis-
men sind. Ich denke z. B. an das regelrechte Funktionieren der
Schliees- und Entleerungsmuskeln des Darme und der Blase, an
das Einschlafen und Erwachen in regelmässigen Zeitabstanden
usw. — Nicht gering ist bekanntlich auch die Mehrleistungsfähig-
keit der Affekte, die die verschiedensten Kreislaufs- und Aus-
scheidungsvorgänge beeinflussen können. • -
Wenn wir uns zunächst auf die Mehrleistungen beschränken,
die bei der hysteriBchen Symptombildung zur Verwendung kom-
men, so wird es zweckmässig sein, aus der fast unübersehbaren
Mannigfaltigkeit der hier gegebenen Möglichkeiten eine umschrie-
bene Gruppe hervorzuheben. Ich wähle hiezu hysterische Sym-
ptome am Magendarmtrakt, die uns in ziemlich lückenloser Serie
zur Verfügung stehen.
Eine der gewöhnlichsten hysterischen Erscheinungen ist das
Symptom des globus hystericus, jenes eigenartigen Krampfzu-
Standes der Schlundmuskulatur, der nebst einem andern Schlund-
symptom, dem Fehlen des Würgreflexes, vielfach zu den Stigmen
dieser Neurose gezahlt wird. In einer speziellen Untersuchung
muBste ich diese Anaesthesie des Rachens und der Schlundgegend
als die Reaktion auf unbewusste fellatorische, cunnilinguistische,
koprophagische etc. Phantasien zurückführen, die der G e n i t a«
ii a i e r u n g jener Schleimhautstellen ihr Entstehen verdanken.
Während nun diese Phantasien in der Anaesthesie ihren negativen
Ausdruck finden, stellt der globus hystericus, wie man sich in
allen der Psychoanalyse unterzogenen Fällen überzeugen kann,
dieselben Phantasien im positiven Sinne dar. Die Kranken selbst
reden von einem Knödel, der ihnen im Hals steckte, und wir
haben allen Grund zu glauben, dass durch entsprechende Kon-
traktionen der Ring- und Längsmuskulatur des Schlundes nicht
Hysterieche Materialisatiousphänomene 133
nur die Paraesthesie eines Fremdkörpers, sondern eine Art Fremd-
körper, ein Knödel, wirklich zu Stande gebracht wird. Nach der
Analyse erscheint allerdings jener Knödel als ein ganz besonderer,
nicht harmloser, sondern erotisch gemeinter Fremdkörper. In
nicht wenigen Fällen bewegt sich dieser „Knödel" rhythmisch
nach oben und unten und entspricht diese Bewegung unbewusst
vorgestellten Genitalvorgängen.
Einem grossen Teile der an neurotischer Essunlust, Brech-
neigung und sonstigen Magenstörungen leidenden Kranken be-
deutet das Essen, das Hinabgleiten eines Fremdkörpers durch den
engen muskulösen Schlauch der Speiseröhre, unbewussterweise
ähnliche genitale Insulte wie sie von dem mit globus Behafteten
auch ohne äusseren Reiz phantasiert -werden. Seit den Untersu-
chungen P a w 1 o w s über die psychische Beeinflussung der
Magensaftsekretion wird w^ohl niemand darüber staunen, dasa
solche Phantasien auch alle Grade von Magensaftverminderung
oder Vermehrung, von Hyper- und Anacidität zur Folge haben
können.
Auf Grund „infantiler Sexualtheorien" (Freud), die das
Kinderkriegen auf die Einverleibung einer Substanz durch den
Mund zurückführen, kann das Unhewusste mittels entsprechender
Kunststücke der Magen-, Darm- und Bauchmuskulatur, eventuell
mit Zuhilfenahme von Luftschlucken, eine eingebildete Schwan-
gerschaft produzieren.
Noch verständlicher ist dem Psychoanalytiker das Auftreten
unstillbaren Erbrechens bei wirklicher Schwangerschaft (v omitus
gravi darum ), das schon so verschiedentliche toxikologische Er-
klärung gefunden hat. Die psychoanalytische Erfahrung zwang
mich zu einer andersartigen Deutung dieses Symptoms. Es han-
delt sich hier um eine Abwehr- oder Ausstossungstendenz, die
sich gegen den im Uterus unbewusst verspürten Fremdkörper —
die Leibesfrucht — richtet, aber nach bewährtem Muster „von
1
134
S. Ferenczi
unten nach oben" verschoben und am Mageninlialt zur Ausfüh-
rung gebracht wird. Erst in der 7Wfitt>n Hälfte der Schwanger-
schaft, wo die Kindsbewegungen die genitale Lokalisation der
Veränderungen und Sensationen auch die Hysterischen nicht
mehr ableugnen lassen, hÖrt die Brechneigung auf, das heisst»
das Ich des Hysterischen resigniert, es bequemt sich der unab-
wendbaren Wirklichkeit an und verzichtet auf das phantastische
„Magenkind ".
Es ist bekannt, dass Gemütsbewegungen die Darmperistaltik
beeinflussen, dass Angst und Schreck Durchfall, ängstliche Er-
wartung Scbliessmuskelkrampf und Stuhlverbaltung zur Folge
haben können. In welch ausgiebigem Masse aber diese Einflüsae
zeitlebens wirken und welche Vorstellungskomplexe und Trieb-
regungen dabei eine spezielle Rolle spielen, dies nachzuweisen
blieb gleichfalls Freud und seiner Psychoanalyse vorbehalten.
Ein erfahrener Wiener Internist, Prof. Singer, erkannte
schon längst, dass der Dickdarm als Verdauunssorpan nur f;pringe
Bedeutung hat und dass er eigentlich a n a 1 e r Natur ist, die _
Au^Bctieidungsfunktion beherrscht. Die Psychoanalyse kann diese
Beobachtung bestätigen und um einiges ergänzen. Unsere Neuro-
tiker, besonders die Hysterischen zeigen uns in ausgeprägter
Weise, dass der Dickdarm an jeder Stelle als Sphincter fungieren
kann und dass im Dickdarm nebst der en bloc-Innervierung, die
die Kotsäule mit einem Ruck vorwärts treibt, auch fein abgestufte
und lokalisierte Kontraktionen möglich sind, die ein Kotstück
oder eine Gasblase an irgend einer Stelle festhalten, sie dort
komprimieren und gleichsam formen können, was von schmerz-
haften Paraesthesien hegleitet sein kann. Die Vorstellungen, die
auf diese Innervationen einen speziellen Einfluss nehmen, ge-
hören merkwürdigerweise einem von Besitzen-, Behalten-, Nicht-
hergehenwollen beherrschten Komplexe an. Wir erleben es in der
Analyse unzähligemale, dass der Neuroliker, dem ein Wert oder
Hysterische Materialisationsphänomene 135
etwas Wertvolles wider Willen genommeu wurde, sich zum Ersatz
einen Besitz an Darminhalt längere Zeit hindurch anhäuft; dass
er die Absicht, längst zurückgehaltene Geständnisse preiszugeben,
mit einem ungewöhnlich kopiösen Stuhl ankündigt; dass er tage-
lang von „verschlagenen Winden" geplagt wird, die sich erst
nach Aufgeben des Widerstandes gegen den Arzt entleeren kon-
neu wo der Absicht, ihm ein Geschenk zu verehren, nichts mehr
ira 'wege steht. Auch begleiten solche anale Hemmungs- oder
Lösungssymptome gerne die Konflikte, die von der Notwendig-
keit, dem sonst sympathischen Arzte ein Honorar zahlen zu müs-
sen, heraufbeschworen werden.
Die hysterogene Rolle des Mastdarms und des Anus selbst
konnte ich in einem Falle monatelang studieren. Ein Patient,
der schon als älterer Junggeselle auf Drängen seines Vaters
heiratete und dann wegen psychischer Impotenz in Behandlung
kam litt zeitweise an einer eigenartigen Verstopfung; er fühlte
genau, sogar peinlich, dass die Kotmasse sieh im Mastdarm an-
häuft, war aber ausser Stande, sie zu entleeren; kam es auch zur
Defäkation, so fehlte ihm das Gefühl der Erleichterung. Die
Analyse zeigte dann, dass dieses Symptom immer dann auttrat,
v.enn er mit einer ihm irgendwie imponierenden mä^nnhchen
Persönlichkeit in Konflikt geraten ist. Es erwies sich schhesslich
als Äusserung seiner unbewussten Homosexualität.- Gerade m den
Momenten, in denen er energisch gegen den Mann auftreten
wollte, stellte sich ihm eine unbewusste homosexuelle Phantasie
hinderlich in den Weg und war er gezwungen, sich aus dem stets
gewärtigen plastischen Material des Darminhaltes mit Hilfe der
kontraktilen Darmwand ein männliches Glied zu formen - ge-
rade das Glied des bewusst gehassten Gegners -, das sich aus dem
Darm nicht entfernen sollte, bis der Konflikt auf irgend eine
Art gelöst war. Allmählich lernte er die psychoanalytische Art
der Lösung, d. h. die Einsicht in den beschriebenen Konflikt.
__ S. Ferenczi
Was 18t nun das Gemeinsame an allen Symptomen der mit-
geteilten Serie? Offenbar die von _F r e n d entdeckte körperlich e
Darfitellunp e ines unhewusste n^^exuollen^ Wunsches . Doch gerade
an der Art dieser Darstellung isi etwas, was eingehender gewür-
digt werden muss.
Wenn beim giohus hyetericus der unbewusste Fellations-
wunech einen Knödel im Schlünde produziert, wenn die wirklich
oder eingebildet schwangere Hysterica ans Mageninhalt und
Magenwand ein „Magenkind" gestaltet, wenn der nnbewusst Ho-
mosexuelle den Darm und seinen Inhalt ^u einem Körper von
bestimmter Grösse und Gestalt formt, eo handelt es sich um Vor-
gange, die ihrem Wesen nach keiner der uns bekannten Arten
der „Trugwahrnebmungen" entsprechen. Wir können sie nicht
alluzinationen nennen. Eine Halluzination kommt zu- i
«tande, wenn einem affektbesetzten Gedankenkomplexe der pro-
gressive Weg zum Bewnestsein durch die Zensur verlegt wird
«nd die von ihm ausgehende Erregung, einen rückläufigen -
regressiven - Weg einschlagend, das im Gedüchtnis aufgespei-
cherte Rohmaterial jener Gedanken wiederhesetzt und als ak-
t^elle Wahrnehmung hewnsst werden lässt.^ Motorische Vorgänge "i
I aber d.e sich, wie wir sahen, l>ei^dei_Bildnng konversionahTI^- i
,^rSy r^^e so ausgiebig l^^^Ii^^^^^^^^ ^cr Halluzination M
^Spf^emd. Die Kontraktion der Magen-, resp. S;;;^^^!^!!^;]^' «
globus beim hysterischen Erbrechen, bei der Verstopfung ist
eben durchaus nieh,, eingebi ldet", .»^.j, ,,,^^
... ^^ 7"" ""^^ n I u s i o n im bisher gebräuchlichen Sinne
können wir hier nicht reden. Die Illusion ist die sensorische
Missdentung oder Verzerrung eines real gegebenen äusseren oder fl
mneren Reizes. Das Subjekt verhält sich aber auch hier eher ^
; über diese Auffassung der Hailuzinatioa siehe das Kapitel „Re-
gression .„ Freud« Traun^deutung. Ges.Scbr.Bd.il.
Hysterische Materialisationsphänomene 137
passiv, während der HyBtprim^hft a p; ] h g ^ die R^-i-^*- pT-rt.^..r,;prf;^
die ^r rianii jUiicnrig^h misj^d^-iii^Ti hann Für die bcschriehene
Art der hysterischen Symptombildung, aber auch für dieses psy-
chophysische Phänomen überhaupt, ist also ein besonderer Name
erforderlich. Man kann es ein Materialisationsphäno-
m e n nennen, da sein Wesen darin besteht, dass sich in ihm ein
Wunsch, gleichsam magisch, aus der im Körper verfügbaren Ma-
terie realisiert und — wenn auch in primitiver Weise — plastisch
dargestellt wird, ähnlich wie ein Künstler die Materie seiner Vor-
stellung nachformt, oder wie die Okkultisten den „Apport" oder
die „Materialisation" von Gegenständen auf den einfachen
Wunsch eines Mediums hin sich vorstellen/
Ich bemerke gleich hier, dasa dieser Vorgang nicht nur bei
der Hysterie, also einem Krankheitsprozess von verhältnismässig
geringer Bedeutung, sondern auch bei vielen Affektzuständen des
Normalmenschen vorkommt. Ein grosser Teil der sogenannten
Ausdrucksbewegungen, die die Errregungen des menschlichen
Gemüts begleiten — Erröten, Erblassen, Ohnmacht, Angst, La-
chen, Weinen etc. — dürften bedeutsame Ereignisse des Einzel-
und des Menschheitsschicksals „darstellen'', sind also gleichfalls
„Materialisationen". '■
Wie können wir nun dieses Phänomen unter die uns schon
bekannten psychischen Vorgänge einreihen, und wie haben wir
seinen Mechanismus vorzustellen? Der Vergleich, der sich einem
sofort aufdrängt, ist die Analogie mit der Traumhalluzination,
wie wir sie seit den Traumforschungen Freuds kennen. Auch
im Traume werden Wünsche als erfüllt dargestellt. Doch ist
die Wunscherfüllung hier rein halluzinatorisch; die Motilität ist
^ Nach Ansicht vieler Forscher ist zumindest ein grosser Teil der
Fälle von okkulter Materialisierung hysterische Selbsttäuschung. Man-
gels diesbezüglicher Erfahrung kann ich hierüber keine Meinung äussern.
138 S. Ferenczi
im Schlafe gelähmt. Beim Materialisationsphänomen hingegen
scheint es sich um eine noch tiefer zurückgreifende Regression
zu handeln; der unbewusste und bewusstHeinsunfähige Wunsch
begnügt eich hier nicht mit der sensorischen Erregung des psychi-
schen Wahrnehmungsorgans, sondern überspringt auf die unbe-
wuBste Motilität. Dies bedeutet eine t o p i s c h e R egregg Äfln bis
zu einer Tiefe des psychischen Apparats, in der E rregungs-
z uständ e nicht mehr mittels — wenn auch nur halluzinatorischer
— psychischer Besetzung, sondern e infach d urch motorische Ab-
f uhr erledigt w erden.
Zeitlich entspricht dieser Topik eine sehr primitive
onto- und phylogenetische Entwicklungsstufe, die no ch nich t
durch die Anpassung mittels Veränderung der Aussenwelt . son-
dern durch die mittels "Vpr--'"il.T..»jrpn ^fa P.;^j-H^^n T,j-i]ff;p J-Tiarak,
,Je ri6iert war. In Gesprächen über Entwicklungsfragen pflegen wir
mit Freud dieses ursprüngliche Stadium das a u t o n 1 a s t i-
^^h e zu nenn en, im Gegensatz zum späteren a 1 1 o p 1 a 6 L i-
s^c jh^e n.
Das Psychische müssten wir uns hier auch f o r m a 1 bis zum
physiologischen Reflexvorgang vereinfacht vorstellen.'
Wenn man sich also den Reflexvorgang nicht nur als Vor-
bild, sondern als Vorstufe des Psychischen vorstellt, zu der auch
die höchste psychische Komplikation zu regredieren geneigt
bleibt, so kommt einem der so rätselhafte Sprung vom Psychi-
schen ins Körperliche im Konversionssymptom, und das reflekto-
risch wunscherfüllende Materialisationsphänomen minder wun-
derbar vor. Es ist einfach die Regression zur „Protopsych e"-
In jenen primitiven Lebensvorgängen, auf die die Hysterie
zurückzugreifen scheint, sind Körperveränderungen, die, wenn
^ Diese dreifache Auffassiing der Regression lehnt sich gleichfalls
au die oben zitierte Stelle von Freuds „Traumdeutung" an.
■Bi
r'
Hysterische Materialisationspbänomene 139
eie psychogen auftreten, als Mehrleistungen imponieren, gang
und gäbe. Die Bewegung der glatten Muskelfasern der Gefäae-
wände, die Tätigkeit der Drüsen, die formale und chemische Zu-
sammensetzung des Blutes, die ganze Gewebsernährung wird ja
infrapsychisch reguliert. Bei der Hysterie stellen sich all diese
physiologische n Mechanismen unbew usgten^JS^jinsc hresuagen zur
Verfüjungj so dass bei voller Umkehrung des normalen Erre-
gungslaufs ein rein psychischer Vorgang in einer physiologischen
Körperveränderung seinen Ausdruck finden kann.
Freud wirft in seiner „Traumdeutung" — im Kapitel über
die Psychologie der Trauravorgänge — die Frage auf, welche
Veränderungen im psychischen Apparat die Halluzinationsbildung
im Traume ermöglichen dürften. Er findet die Lösung dieser
Frage einerseits im besonderen Charakter des Ablaufs psychischer
Erregungen im Unbewussten, anderseits in der Begünstigung
durch Veränderungen, die der Schlafzustand mit sich bringt. Das
„freie Überfliessen der Intensitäten" von einem psychischen Ele-
ment auf das andere ermöglicht eine besonders intensive Erre-
gung auch weiter entfernter Anteile des psychischen Systems,
unter anderem des psychischen Sinnesorgans, der ■Wahrnehmungs-
fläche des Bewusstseins. Nebst diesem positiven Faktor schafft
der Schlafzuatand auch einen „negativen", indem er durch Ab-
haltung von aktuellen Sinneserregungen gleichsam einen leeren
Raum am sensiblen Ende des Apparates zustande kommen lässt,
60 dass dort infolge des Ausfalls konkurrierender Aussenreize die
innere Erregung überstark zur sinnlichen Geltung gelangt. Bei
der psychotischen Halluzination nimmt Freud eine noch grös-
sere Intensität des „positiven Faktors" an, so dass sich die Hallu-
zination trotz des Wachzustandes, also der Konkurrenz der Aus-
senreize, durchsetzt.
Wie sind nun die Erregungsverhältniase beim Auftreten eines
Konversionssymptoms vorzustellen? In dem Aufsatz über die
140
S. F
erenczi
hysterischen Stigmata* musste ich die hysterische
Anaesthesie als eine Dauerveränderuug am sensiblen Ende
des W - Systems beschreiben, die ähnlich dem Schlafzustand das
Zustandekommen von Halluzinationen und Illusionen begünstigt.
In den Fällen nun, in denen ein Konversionssymptom einer anaes-
thetischen Stelle superponiert ist — übrigens ein sehr häufiges
Vorkommnis — darf man gleichfalls eine Begünstigung der Sym-
ptombildung durch den Ausfall der hewussten Erapfindungsreize
annehmen.
In allen anderen Fällen mu98 die Kraftquelle, die z. B. eine
Materialisation zustande bringt, in einem positiven Faktor ge-
sucht werden.
Die Monotonie, mit der in den psychoanalytischen Symptom-
deutungen der Hysterie immer nur Genitalvorgänge wiederkeh-
ren, beweist uns, dass die bei der Konversion sich betätigende
Kraft der genitalen Triebquelle entstammt. Es han-
delt sich hier also um einen Einbruch rohgenitaler Kräfte in
höhere psychische Schichten und diese sind es, die die Psyche zu
positiven Kraftleistungen ungewöhnlicher Art befähigten.
Es war vielleicht das bedeutendste Ergebnis der auf Arbeits-
teilung zielenden organischen Entwicklung, dass es einerseits zur
Differenzierung besonderer Organsysteme kam, die die Reizbewäl-
tigung und -Verteilung zur Aufgabe haben (psychischer Apparat)
und anderseits besonderer Organe zur periodischen Abfuhr der
sexuellen Erregungsmengen des Organismus (Genitalien). Das
Organ der Reizverteilung und Bewältigung kommt in immer
engere Beziehung zum Selbsterhaltungstriebe und wird in seiner
höchsten Entfaltung zum Denkorgan, dem Organ der Realitäte-
prüfung. Das Genitale dagegen behält auch beim erwachsenen
Siehe: „Erklärungsveraiiph einiger hysterischer Stigmata". Bau-
steine zur Pflychoaoalysc, Bd. III, S, 148.
1
L
Hysterische Materialisationsphänomene 141
Menschen Beinen ursprünglichen Charakter als Entladungeorgan
bei, 68 wird durch die Zusammenfaaeung sämtlicher Erotismen
zum erotischen Zentralorgan."* Die volle Aus-
bildung dieser polaren Gegensätzlichkeit ermöglicht dann ein
vom LuBtprinzipe relativ unabhängiges Denken und eine vom
Denken ungestörte Fähigkeit zur genitalen Sexualbefriedigung.
Die Hysterie aber ist, wie es scheint, ein Rückfall in jenen
Urzustand, in dem diese Scheidung noch nicht vollzogen war,
und bedeutet einen Einbruch genitaler Triebregungen in die
Denksphäre, resp. die Abwehrreaktion auf diesen Einbruch. Das
Entstehen eines hysteriHchen Symptoms könnten wir also folgen-
dermassen vorstellen: Eine überstarke genitale Triebanwandlung
will zum Bewusßtsein vordringen. Das Ich empfindet die Art und
die Stärke dieser Regung als eine Gefahr und verdrängt sie ins
Unbewusste. Nachdem dieser Lösungsversuch misslang, kommt es
zum noch weiteren Zurückdrängen jener störenden Energiemen-
gen aufs psychische Sinnesorgan (Halluzination) oder in die un-
willkürliche Motilität im weitesten Sinne (Materialisation). Auf
diesem Wege kam aber jene Trieb-Energie in innigste Berührung
mit höheren psychischen Schichten und unterlag deren auswäh-
lender Bearbeitung. Sie hörte auf ein einfaches Quantum zu sein,
wurde qualitativ abgestuft und so zum symbolischen Ausdrucks-
mittel komplizierter psychischer Inhalte. Vielleicht bringt uns
diese Auffassung dem Urrätsel der Hysterie, dem „Sprung vom
Psychischen ins Physische" doch um eine Spur naher. Wir kön-
nen wenigstens ahnen, wie ein psychisches Gebilde — ein Ge-
danke — zur Machtfülle gelangt, die es ihm gestattet, rohe orga-
nische Massen in Bewegung zu setzen; diese Kraft wurde ihm
eben von einer der bedeutendsten Kraftreserven des Organis-
"* Vergleiche: „Über Pathoneurosen." Bausteine zur Psychoanalyse,
Bd. III, S. 80.
L-^
142 S. Ferenczi
mue, der Genitalsexualität geliehen. Anderseits würde es auch
verständlicher, wie es möglich ist, dass im hysterischen Symptom
physiologische Prozesse die Fähigkeit zur Darstellung komplizier-
ter Seelenvorgänge und zur fein ahgestuften Anpassung an deren
wechselnde Mannigfaltigkeit erlangen. Es handelt sich hier eben
um Produktion eines hysterischen Idioms, einer aus
Halluzinationen und Materialisationen zusammengesetzten sym-
bolischen Sondersprache.
Zusammenfassend können wir uns den psychischen Apparat
des Hysterischen als ein Uhrwerk mit verkehrtem Mechanismus
vorstellen. Normalerweise versieht das Denken die Funktion des
Uhrzeigers, der die Vorgänge im inneren Räderwerk gewissen-
haft registriert. Bei der Hysterie wird der Zeiger von einem ge-
walttätigen Gesellen gezerrt und zu einer ihm sonst wesensfrem-
den Kraftleistung gezwungen; uun werden die Bewegungen des
Zeigers es sein, die das innere Werk in Bewegung setzen.
Als weiterer Ausgangspunkt zur Untersuchung hysterischer
Konversionsphänomene käme ihre Symbolik in Betracht.
Freud wies darauf hin, dass die symbolische Ausdrucks-
weise nicht nur der Traumsprache eigen ist, sondern allen Tätig-
keitsformen, bei denen das Unbewusste mitspielt. Am merkwür-
digsten ist aber die vollkommene Übereinstimmung zwischen der
Symbolik des Traumes und der Hysterie.
Alle Traumsymbolik erweist sich nach der Deutung ah
Sexualsymbolik, gleichwie die körperlichen Darstellungen der
Konversionsbysterie ausnahmslos eine sexualsymbolische Deu-
tung erfordern. Ja, die Organe und Körperteile, die im Traume
die Genitalien symbolisch zu vertreten pflegen, sind die näm-
lichen, die auch die Hysterie zur Darstellung genitaler Phanta-
sien zu verwenden pflegt.
Hier einige Beispiele: Der Zahnreiztraum stellt sym-
bolisch Onanie-Phantasien dar; in einem von mir analysierten
r^
Hysterische Materialisationsphänomene 143
Hysteriefalle äusserten sich dieselben Phantasien durch Z a h n -
paraeathesien im Wachen. — In einem Traum, den ich un-
längst zu deuten hatte, wurde einem Mädchen ein Gegen-
stand in den Hals gesteckt, wodurch es starh; die Vor-
geschichte des Falles lässt aber den Traum als symbolische Dar-
stellung des illegitimen Koitus, der Schwangerschaft und der ge-
heimen Fruchtabtreibung erscheinen, die die Patientin in ver-
meintliche Lebensgefahr brachte. Also hier dieselbe Verlegung
von unten nach oben, dieselbe Verwendung der Rachen- und
Schlundpartie anstatt der Genitalien, wie beim globushyste-
j. j c u s. Die N a B e steht im Traum oft für das männliche
Glied; in mehreren männlichen Hysteriefällen konnte ich aber
nachweisen, dass Schwellungen der Nasenmuscheln
unbewusste libidinöse Phantasien der Patienten darstellten, wäh-
rend die Schwellkörper der Genitalien selbst unerregbar blieben.
(Diesen Zusammenhang zwischen Nase und Genitalität entdeckte
übrigens Flies s schon vor der Psychoanalyse.) — Die Schwan-
gerschaft wird im Traume nicht selten durch ein „S i c h ■ Ü h e r-
essen" oder durch Erbrechen symbolisch dargestellt —
also ebenso wie wir dies vom hysterischen Erbrechen
feststellen konnten. — Stuhlabsetzen im Traume bedeutet
manchmal ein dargebrachtes Geschenk, nicht selten den Wunsch,
jemandem ein Kind zu schenken. Wir erwähnten schon, dass das-
selbe Darmsymptom in der Hysterie den nämlichen
Sinn haben kann. U. s. w. —
Die so weitgehende Übereinstimmung führt uns zur Ver-
mutung, dass in derHysterieein Stückder organi.
sehen Grundlage, auf die die Symbolik im Psy-
chischen Überhaupt aufgebaut ist, zum Vor-
scheinkommt.
Nach Freuds „Abhandlungen zur Sexualtheorie" ist es
nicht schwer, die Organe, auf die die Sexualität der Genitalien
144 S. Ferenczi
symbolisch verlegt wird, als die hauptsächlichen LokaUsatione-
etellen der Vorstufen der Genitalität, d. h. als die erogenen
Zonen des Körpers zu erkennen. Der Entwicklungeweg vom
Autoerotismus über den iVarzissmus zur Genitalität und damit
zur Objektliebe, dieser Weg wird im Traume wie in der Hysterie
rückläufig vom Genitale her begangen. Also auch hier eine Re-
gression, derzufolge statt der Genitalien jene Vorstufen und ihre
Lokalisationsstellen von der Erregung besetzt werden.
Demnach wäre die für die Hysterie so charakteristische
„Verlegung von unten nach oben" nur die Umkehruug jener
Verlegung von oben nach unten, der das Genitale sein
Primat verdankt und deren volle Ausbildung zur oben erwähnten
Polarität zwischen Sexualfunktion und Denktätigkeit führt.
Selbstverständlich meine ich nicht, dass in der Hysterie die
Genitalität einfach in ihr Rohmaterial aufgelöst wird, glaube
vielmehr, dass jene Vorstufen hier nur als Leitzonen der Erre-
gung dienen, diese Erregung selbst aber in ihrer Art und Inten-
sität den Genitalcharakler auch nach der Verlegung beibehält.
Man könnte also sagen: bei der hysterischen Konversion werden
die früheren Autoerotismen mit Genitalsexualität liesetzt, d. h.
erogene Zonen und Partialtriebe g e n i t a 1 i s i e r t." Diese Geni-
talqualität äussert sich in der Neigung zum Turgor und zur
Durchfeuchtung der Gewehe (Freud), die dann zur Reihung |
und dadurch zur Aufhebung des Reizes zwingt.
Die ursprüngliche Konversionstheorie fasste das hysterische
Konversionssymptom als Abreagierung eingeklemm-
ter Affekte auf. Diese ihrer Natur nach unbekannte ..Ein-
" „Die Hysterie ist das Negativ der Perversion", lautet einer der
Hauptsätze Freuds. TatBächlich findet man auch bei den Perversionen
Erwachsener niemals reine Autoerotismen, sondern auch hier bereits
Genitalisierung der überwundenen infantilen Vorstufen.
'•j
Hysterische MaterialisationBphänomene 145
klemmuDg" erwies sich später in jedem Falle als eine Ver-
drängung. Ergänzend muss hinzugefügt werden, dass diese
Verdrängung immer die libidinösen, speziell die genitalsexucllen
Regungen betrifft, und dass sich jedes hysterische Symptom, mö-
gen wir es von welcher Seite immer betrachten, als h e t e r o ■
tope Genitalfunktion erkennen lässt. Die Alten behal-
ten also recht, wenn sie von der Hysterie sagten: „Uterus
loquitur!"
Ich kann diese Gedankenreihe nicht abschliessen, ohne auf
einige Arbeitsthemen hinzuweisen, die sich mir im Laufe dieser
Untersuchung, wie übrigens bei vielen ähnlichen Anlässen, auf-
drängten.
In den hysterischen Symptomen sehen wir — zu unserem
nicht geringen Erstaunen — , dass sich hier lehenswichtige Or-
gane, ohne Rücksicht auf ihre eigentliche nützliche Funktion,
ganz dem Lustprinzip unterordnen. Der Magen, der Darm treibt
Puppenspiel mit der eigenen Wandung und ihrem Inhalte, an-
statt diesen Inhalt zu verdauen und auszuscheiden; die Haut ist
nicht mehr die schützende Körperdecke, deren Empfindlichkeit
vor übergrossen Insulten warnt: sie gebärdet sich als echtes
Sexualorgan, dessen Berührung zwar bewusst nicht perzipiert
wird, aber unbewusst Lustbefriedigungen bereitet. Die Musku-
latur, anstatt wie sonst durch zweckmässig geordnete Handlungen
zur Erhaltung des Lebens beizutragen, ergeht sich in der dra-
matischen Darstellung phantastischer Lustsituationen. Und es
gibt kein Organ, keine Körperstelle, die vor solcher Lustver-
wendung gefeit wäre. — Ich glaube nun nicht, dass es sich hier
um Vorgänge handelt, die nur für die Hysterie gelten, sonst
aber bedeutungslos sind oder überhaupt fehlen. Schon gewisse
Ferenczi, Bausteine zur Psychoanalyse, III. 10
146
S. Ferenczi
Vorgänge im normalen Schlafzustand weisen darauf hin, dass
phantastiBche Materialisationsphänomene auch bei Nichtneuro-
tischen möglich Bind. Ich denke an die eigenartige Mehrleistung
des Pollutionsvorganges.
Vermutlich ruhen aber diese Lusthestrebungen der Körper-
Organe auch bei Tage nicht ganz, und es wird einer eigenen
Lustphysiologie bedürfen, um sie in ihrer ganzen Be-
deutsamkeit zu erkennen. Die bisherige Wissenschaft von den
Lebensvorgängen war ausschliesslich Nutzphysiologie,
sie beschäftigte sich nur mit den für die Erhaltung nützlichen
Funktionen der Organe.
Kein Wunder, dass uns auch die besten und ausführlichsten
Lehrbücher der Menschen- und Tierphysiologie, wenn wir in
ihnen über den Koitus Aufschluss verlangen, im Stiche
lassen. Sie wissen uns weder von den sonderbaren Einzelheiten
dieses so tief eingewurzelten Reflexmechanismus, noch von ihrer
onto- und phylogenetischen Bedeutung etwas zu sagen. Und doch
glaube ich, dass dieses Problem für die Biologie von zentraler
Bedeutung ist und erwarte von seiner Lösung wesentliche Fort-
schritte dieser Disziplin.
Schon diese Problemstellungen zeigen uns nebstbei, dass
entgegen der geläufigen Anschauung, wonach die biologische
Forschung die Vorbedingung des psychologischen Fortschritts ist,
die Psychoanalyse uns zu biologischen Problemen verhilft, die
von der anderen Seite her nicht zu stellen waren.
Ein anderes bisher nur von psychologischer Seite betrachte-
tes Problem, das der künstlerischen Begabung, wird
in der Hysterie von seiner organischen Seite einigermassen be-
leuchtet. Die Hysterie ist, wie Freud sagt, ein Zerrbild der
Kunst. Die hysterischen „Materialisierungen" zeigen uns aber
den Organismus in seiner ganzen Plastizität, ja in seiner Kunst-
fertigkeit. Es dürfte sich zeigen, dass die rein „autoplastischen**
Hysterische Materialisationsphänomene 14?
Kunststücke des Hysterischen vorbildlich sind nicht nur für die
körperlichen Produktionen der Artisten und der Schauspieler,
sondern auch für die Arbeit jener bildenden Künstler, die nicht
mehr ihren Leib, sondern Material der Aussenwelt bearbeiten.
/(
^
Erklärungsversuch einiger hysterischer
Stigmata
(1919)
Das Wort „Stigma" ist kirchengeschicbtiichen Ursprungs
und bedeutete einst die wunderbare Tatsache, daes die Wund-
male Christi durch die Kraft inbrünstigen Gebetes auf Gläubige
übertragen wurden. Zur Zeit der Hexenprozesse galt die Empfin-
dungslosigkeit beim Brennen mit dem Glüheisen als Stigma der
Schuld. Die einstigen Hexen heissen heute Hysteriker, und ge-
wisse Dauersymptome, die bei ihnen mit grosser Regelmässigkeit
wiederkehren, werden als hysterische Stigmata bezeichnet.
Ein auffälliger Unterschied zwischen dem Psychoanalytiker
und den übrigen Nervenärzten in Bezug auf die Würdigung der
Stigmen tritt schoo bei der ersten Untersuchung eines Falles von
Hysterie zum Vorschein. Der Psychoanalytiker begnügt sich
damit, den Fall körperlich so weit zu untersuchen, als es nötig
ist, um die Verwechslung mit einer organischen Nervenkrankheit
auszuschliessen, und beeilt sich, die psychischen Eigenheiten des
Falles zu betrachten, mit deren Hilfe er erst die feinere Diagnose
stellen kann. Der Nichtanalytiker lässt den Patienten kaum aus-
reden, ist froh, wenn er mit seinen dem Arzte nichts sagenden
Klagen fertig ist und die organische Untersuchung heginnen
Erklärungsversuch einiger hysterischer Stigmata 149
kann. Bei dieser verweilt er dann, auch nach Ausschliessung or-
ganischer Komplikationen, mit grossem Behagen und freut sich,
wenn er am Ende konstatieren kann, dass die von der Pathologie
geforderten hysterischen Stigmen nachweisbar sind, nämlich das
halbseitige Fehlen oder die Herabsetzung der Berührungs- oder
Schmerzempfindlichkeit, das Ausbleiben des reflektorischen
Blinzelns bei Berührung der Binde- oder Hornhaut, die kon-
zentrische Einengung des Gesichtsfeldes, das Fehlen des Gaumen-
und Rachenreflexes, das Gefühl eines Knödels im Schlünde
(Globus), die Überempfindlichkeit der Unterbauchgegend
(Ovarie) etc.
Man kann nicht sagen, dass die diesbezüglichen fleissigen
Untersuchungen (mit einziger Ausnahme der geistvollen Experi-
mente J a n e t s mit der hysterischen Hemianaesthesie) etwas
zum Verständnis der Hysterie beigetragen hätten, — vom thera-
peutischen Erfolg gar nicht zu reden. Sie blieben dennoch die
wichtigsten Ingredienzien aller Krankengeschichten über Hyste-
rische und verleibten diesen durch ihre quantitative und
graphische Darstellbarkeit den Schein der Exaktheit.^
Mir war es seit langem unzweifelhaft, dass auch diese
Symptome der Hysterie von der Psychoanalyse solcher Fälle,
in denen diese Zeichen besonders stark hervortreten, ihre Er-
klärung zu erwarten haben.
Von der hysterischen Störung der Hautemp-
findlichkeit konnte ich bisher nur wenige Fälle analy-
tisch durchschauen, einen noch im Jahre 1909, den ich im Fol-
genden mitteilen möchte:
^ Ich kann auch über eine eigene Arbeit, in der ich auf gewisse
Differenzen zwischen der organischen und der hysterischen AnaeBthesie
kinwiee, nicht besEer urteilen. (Erschienen in 1900 im „G yögyäszat"
und in der „Fester M e d.-C hir. Press e".)
150 S. Ferenczi
Ein 22 jähriger junger Mann suchte mich mit der Klage auf,
dass er „sehr nervös" sei «nd an schreckhaften Traumhalluzina-
tionen leide. Es kam dann heraus, dass er verheiratet ist, aber
„weil er bei Nacht so groeae Angst hat" — immer noch nicht
neben seiner Frau, sondern im Nachbarzimmer neben dem Bette
der Mutter auf dem Fussbodeu schläft. Der Alptraum, dessen Wie-
derkehr ihn seit sieben oder acht Monaten beängstigt und den er
nicht ohne Schauder erzählen kann, verlief das erste Mal wie
folgt: „Ich erwachte — sagt er — gegen ein Uhr nachts, musste
mit der Hand an den Hals greifen und schrie: Eine Maus ist auf
mir, sie läuft mir in den Mund. Die Mutter erwachte, machte
Licht, liebkoste und beruhigte mich, ich konnte aber nicht ein-
schlafen, bis mich die Mutter zu sich ins Bett nahm."
Nach den Aufklärungen Freuds über die infantile Angst
zweifelt wohl kein Psychoanalytiker daran, das» es sich hier um
eine Angsthysterie in der Form des Pavor nocturnus handelt
und dass der Patient das allerwirksamste Mittel zu deren Hei-
lung: die Rückkehr zur liebenden Mutter gefunden hat.
Interessant ist aber der Nachtrag zu dieser Traumerzählung:
„Als die Mutter Licht machte, sah ich, dass ich statt der ge-
fürchteten Maus die eigene linke Hand im Mund
hatte, die ich mit der Rechten mit aller Kraft herauszuziehen
mich anstrengte."
Es wurde so klar, dass in diesem Traum die linke Hand
eine besondere Rolle, die Rolle einer Maus, spielte; diese Hand,
die an seinem Hals herumtastete, wollte er mit seiner Rechten
erhaschen oder verscheuchen, „die Maus" fuhr ihm aber in den
offenen Mund hinein und drohte ihn zu ersticken.
Es interessiert uns hier zunächst weniger, welche Sexual-
szenen in diesem Traume symbolisch dargestellt sind. Dafür
müssen wir auf die merkwürdige Aufteilung der Rollen zwischen
der rechten und linken Hand hinweisen, die lebhaft an den
ii'-
Erklärungsversuch einiger hysterischer Stigmata 151
Fall einer hysterischen Patientin Freuds erinnert, die im
Anfall mit der einen Hand die Röcke aufhoh, mit der anderen
sie in Ordnung zu bringen suchte.
Es muss hervorgehoben werden, dass der Patient schon aus
dem Schlafe erwacht war und mit erstickter Stimme nach Licht
schrie, die linke Hand ihm aber immer noch im Munde stak,
ohne dass er sie von einer Maus hätte unterscheiden können.
Ich musste diesen Umstand mit der hysterischen An-
aesthesie der linken Körperhälfte in Zusam-
menhang bringen, wenn ich auch gestehen muss, dass ich die
Hautempfindlichkeit nicht mit der erforderlichen Genauigkeit
untersuchen konnte. — Schon ein recht oberflächliches analy-
tisches Eindringen in diesen Alptraum zeigte mir dann, dass
der zur Mutter infantil fixierte Patient hier den „von unten
nach oben" verschobenen Sexualverkehr (aus der „ödipus-
phantasie") realisierte, wobei die linke Hand das männliche, der
Mund das weibliche Genitale vorstellte, während die rechte,
gleichsam sittlichere Hand im Dienste der sich regenden Ab-
* wehrtendenz stand und die verbrecherische „Maus" verjagen
wollte. All dies war aber nur dadurch ermöglicht, dasa der linken
Hand die bewusste Empfindlichkeit fehlte und sie zum Tummel-
platz verdrängter Tendenzen werden konnte.
Als Gegenstück führe ich einen zweiten Fall von hysterischer
l- Hemianaesthesie an, den ich vor kurzem auf meiner Abteilung
für nervenkranke Soldaten beobachten konnte. Die Aufzeichnun-
gen über den Fall lauten wie folgt:
X. Y., Artillerie-Zugsführer, aufgenommen am 6. Februar
1916. Der Patient war 14 Monate im Felde, erlitt eine leichte
Streifschusswunde an der linken Schläfe (Narbe nachweisbar) .
Nach sechswöchiger Spitalsbehandlung kam er wieder ins Feld,
doch kurze Zeit nachher fiel etwa 30 Schritte links von ihm
eine Granate ein, bei deren Explosion er vom Luftdruck nieder-
152
S. Fereuczi
geworfen und von Erdschollen getroffen wurde. Er diente eine
Weile weiter, wurde aber später „verwirrt", „schwindlig" und
da er ziemlich viel trank, schickte man ihn mit der Diagnose
„Alkoholismus" ins Hinterland. Beim Kader seines Truppen-
körpers hatte er einen Auftritt mit dem vorgesetzten Feuer-
werker, der ihn (wie er es beim analytischen Verhör, nach Über-
windung starken Wideretandes mitteilte) in sein Zimmer lockte
und mit einer Reitpeitsche züchtigte. Er verheimlichte den ihm
zugefügten Schimpf und liesB sich, da er sich krank fühlte, ins
Militärspital aufnehmen. Eine Weile war die von den Hieben
getroffene Körperhälfte fast vollständig lahm. Bei der Transfe-
rierung in ein anderes Spital, als er schon Gehversuche machte»
begann die Muskulatur der linken Körperhälfte zu zittern. Die
vom Zittern verursachte Gebstörung ist seine Hauptklage.
Aus dem Untersuchungsbefund: Patient verhält sich beim
Liegen vollkommen ruhig, beim Gehen zittert die linke Körper-
hälfte. Er stützt eich eigentlich nur auf das rechte Bein und auf
einen Stock. Die linke Ober- und Unterextremität nimmt an der
Lokomotion gar nicht teil und wird steif, die Schulter nach vorn,
vorwärts geschoben. Von organischer Nervenkrankheit sind keine
Anzeichen nachweisbar. Ausser der beschriebenen Dysbasie sind
folgende funktionelle Störungen vorhanden: Starke gemütliche
Erregbarkeit, Überempfindlichkeit gegen Schall, Schlaflosigkeit
und eine totale Analgesie und Anaesthesieder
linken Körperhälfte.
Sticht man ihm links hinten, ohne dass er es bemerkt, eine
Nadel tief in die Haut ein, so reagiert er nicht im mindesten,
wenn man eich aber seiner linken Körperhälfte mit einer Nadel
von vorne her nähert, so dass er sie sehen kann, so führt er trote
der auch links vorne bestehenden Analgesie und Anaesthesie
heftige Flucht- und Abwehrbewegungen aus. Er greift die sich
nähernde Hand, hält sie krampfhaft fest und behauptet, bei dro-
Erklärungsversuch einiger hysterischer Stigmata 153
hender Berührung einen Schauder in der anaesthetischen Körper-
hälfte zu empfinden, die ihn zu jener nicht zu unterdrückenden
Ahwehrhandlung zwingt. Verbindet man ihm die Augen, so
erweist er sich links vorne ebenso analgetisch und anaesthetisch
wie hinten. Jenes „Schaudern" ist also ein rein psychisches Phä-
nomen, ein Gefühl und keine Empfindung; es erinnert an jenes
Gefühl, das auch der Gesunde empfindet, wenn eine kitzliche
Körperstelle von einer Berührung bedroht wird.''
Der Leser wird es schon erraten haben, dass hier die Ab-
schliessung der Sensibilität der linken Körperhälfte vom Bewusst-
sein im Dienste einer Verdrängungstendenz steht. Der Ausfall
der BerührungBcmpfindungen erleichtert die Unterdrückung der
Erinnerung an jene dramatischen Erlebnisse, die sich im Laufe
des Krieges gerade an die linke Seite knüpfen und deren letzte,
die Züchtigung durch einen Vorgesetzten, die Symptome auslöste.
Ich muss hinzufügen, dass der Patient, der allgemein für einen
rabiaten Menschen gilt und sich der Spitalordnung nur schwer
fügte, sich bei jener Misshandlung — ihm selbst unerklärlicher
Weise — nicht im mindesten wehrte. Er verhielt sich dem Feld-
webel, wie seinerzeit als Kind dem damaligen Vorgesetzten, dem
Vater, gegenüber. Er fühlt nicht, damit er nicht zurückschlagen
muss und aus demselben Grunde will er jede Annäherung an die
verletzte Körperstelle verhindern.
W^enn wir nun die hier mitgeteilten zwei Fälle von Hemi-
anaesthesie miteinander vergleichen, können wir vielleicht aus
dem Gegensatze der traumatischen Hemianaesthesie und des
hemianaesthetischen Stigma die Charaktere des letzteren erraten.
* Es häufen sich bei mir Erfahrungen zu einer paychologischen
Erklärung des Kitzeig efühls, die sich auf die Freud sehe Theorie der
Witzesluat stützt.
154 S. Ferenczi
Beiden Fällen gemeinsam ist die Abschliessung der sensiblen
Erregung vom Bewuastsein, bei Erbaltung sonstiger psychischer
Verwendbarkeit dieser Erregung. Beim angstbysterischen Patien-
ten sahen wir, dass die Unempfindlichkeit der einen Körperhälfte
dazu benutzt wurde, die unbewuesten Sensationen, die die Berüh-
rungen und Stellungsänderungen dieser Körperteile hervorriefen»
zur „Materialisierung" der Odipusphantasie zu verwenden.
Im Falle der traumatischen Hemianaesthesie muss ich auf
Grund anderer Erfahrungen bei der Kriegsneurose, sowie von
Beobachtungen der Libidostörung bei körperlichen Verletzungen
überhaupt, gleichfalls eine libidinöee Verwendung der verdräng-
ten bewusstseinsunfähigen Berührungsenipfindungen annehmen.^
Allenfalls handelt es sich in beiden Fällen um dieselbe Un-
zugänglichkeit des Vorstellungskreises einer Körperhälfte für
neue Assoziationen, die Freud schon im Jahre 1893 als die
Grundlage der hysterischen Lähmungen erkannte.*
Während aber im zweiten der mitgeteilten Fälle die assozia-
tive Unzulänglichkeit davon herrührt, dass die Vorstellung der
unempfindlichen Körperteile „in die mit unerledigtem Affekte be-
haftete Erinnerung eines Traumas einbezogen ist'"^, gab es im
ersten Falle von Halbseitenanaesthesie, bei dem wir die Empfin-
dungslähmung als Stigma ansprechen mussten, kein traumatisches
Ereignis, dessen Erinnerung sich gerade mit der linken Seite ver-
knüpft hätte.
Einen Unterschied zwischen der „stigmatischen" und trau-
matischen Hemianaesthesie können wir nun nach der Art statuie-
ren, in der bei ihnen das „körperliche Entgegenkommen" seine
Rolle spielt. Beim Trauma bestand kein solches Entgegenkom-
^ S. die Aufsätze: „Über Pathoneuroeen" uod „HyBlerieche Materia-
lißationaphänomene" in „Bausteine zur Psychoanalyse, Bd. III, S. 80 u. 129.
* ArchivcB des Neurologie 1893.
^ Breuer — Freud, Studien über Hysterie, 3. Aufl., 1916
1»
Erklärungsversuch einiger hysterischer Stigmata 155
men, es wurde erst durch die erlittenen Erschütterungen ge-
schaffen. Beim anaeathetischen Stigma hingegen scheint ein solches
Entgegenkommen, eine rein physiologische Disposition der behaf-
teten Körperstellen zur Auflassung der bewussten Besetzung und
zur Überlassung ihrer Empfindungsreize an die unbewussten libidi-
nösen Regungen von vornherein zu bestehen. Wir könnten auch
sagen, daas die Anaesthesie nur im traumatischen Falle ideogen,
im stigmatischen zwar psychogen, aber nicht ideogen ist. Nach dem
Trauma ist die eine Körperhälfte unempfindlich, weil sie eine
Verletzung erlitten hat, beim Stigma: d a m i t sie zur Darstellung
unbewusster Phantasien geeignet wird und damit „die Rechte
nicht weiss, was die Linke tut".
Eine Bekräftigung dieser Auffassung verdanke ich der Be-
rücksichtigung des Unterschiedes zwischen Rechts und Links. Ls
fiel mir auf, dass das hemianaesthetische Stigma im allgemeinen
häufiger links als rechts vorkommt; dies wird auch in einzelnen
Lehrbüchern hervorgehoben. Ich musste daran denken, dass die
linke Körperhälfte unbewussten Regungen
schon a priori zugänglicher ist als die rechte,
die infolge der stärkeren Aufmerksamkeitsbeselzung dieser täti-
geren und geschickteren Körperhälfte vor der Beeinflussung
durch das Unbewusste besser geschützt ist. Es ist denkbar, dass
— bei Rechtshändern — die Fühlsphäre der linken Seite von
vornherein ein gewisses Entgegenkommen für unbewusste Erre-
gungen zeigt, so dasB sie leichter ihrer normalen Funktionen
beraubt und in den Dienst unbewusst-libidinÖser Phantasien ge-
stellt wird.
Doch selbst wenn wir von dieser — immerhin sehr inkon-
stanten — Bevorzugung der linken Seite beim hemianaestheti-
schen Stigma absehen, so viel bleibt aus diesem Gedankengang
allenfalls übrig, dass es sich bei der stigmatischen Hemianaesthesie
um eine Aufteilung der Hautdecke zwischen den miteinander in
156
S. Ferenczi
Konflikt geratenen Instanzen (dem Bewussten und dem Unbe-
wuseten, dem Ich und der Libido) handelt.
Hier eröffnet sich eine Auesicht auch zum Verständnis eines
anderen hysterischen Stigmas: der konzentrischen Ein-
engung des Gesichtsfeldes. Was wir vom Unterschiede
zwischen Rechts und Link« sagten, gilt vom Unterschiede des
zentralen und peripheren Sehens in erhöhtem Masse. Sicherlich
ist das zentrale Sehen sehon vermöge ihrer Funktionsart mit der
bewusaten Aufmerksamkeit inniger verknüpft, während die Peri-
pherie des Sehfeldes dem ßcwusBtseiD entrückter und der Schau-
platz undeutlicher Sensationen ist. Es bedarf nur mehr eines
Sehrittes, um diese Sensationen der bewussten Uesetzung ganz zu
entreissen und zum Rohmaterial nnbewusster libidinöser Phanta-
sien werden zu lassen. So käme das Gleichnis J a n e t s, wo-
nach der Hysterische an einer „Einengung des Bewusstseinsfeldes'*
leidet, wenigstens in diesem Sinne wieder zu Ehren.
Die Empfindungslosigkeit der Binde- und
Hornhaut bei Hysterischen dürfte in innigem Zusammenhang
mit der Gesichtsfeldeinengung ihre Erklärung finden. Es ist mög-
lich, dass sie der Ausdruck derselben Verdrängung optischer Sen-
sationen ist; sind wir doch daran gewöhnt, dass sich bei der
Hysterie die Anaesthesien nicht nach der anatomischen Funktion,
sondern nach dem Vorstcllungsbilde der Organe abgrenzen. Hier
muss man aber noch eines berücksiclitigen. Die Hornhaut ist
normalerweise gerade die empßndlichste Stelle des ganzen Kör-
pers, so dass die Reaktion auf deren Verletzung, das Weinen, das
Ausdrucksmittel seelischen Schmerzes überhaupt geworden ist.
Mag sein, dass das Ausbleiben dieser Reaktion hei Hysterischen mit
der Unterdrückung der Cefübleregungen in Zusammenhang steht.
Die hysterische Anaesthesie des Rachens
steht, wie ich es in vielen der Analyse unterzogenen Fällen
sehen konnte, im Dienste der Darstellung von Genitalphantasien
#
Erklärungsversuch einiger hysterischer Stigmata 157
durch den Sehluckprozees. Es ist verständlich, dass die Genital-
erregung, die von „unten nach oben" verlegt wird, sich diese ihr
so vielfach ähnliche Reizquelle nicht entgehen lässt. Bei df^r
Rachenhyperaesthesie handelt es sieb um die Reak-
tionsbildung gegen dieselben perversen Phantasien, während der
globus hystericus als „Materialisierung" solcher Wünsche
samt ihrer Abwehrtendenz angesehen werden kann. Worin die
spezielle Neigung der Schlundpartie zur Stigmatisierung besteht,
ist allerdings unersichtlich.
In vollem Bewusetsein der Unzulänglichkeit des mitgeteilten
Materials muss ich meinen Eindruck über die Entstehungsweise
der hysterischen Stigmata in folgendem Satze zusammenfassen:
' Die hysterischen Stigmata bedeuten die Lokalisation konvertierter
Erregungsmengen an Körperstellen, die infolge ihrer besonderen
Eignung zum körperlichen Entgegenkommen sich unbewussten
Triebregungen leicht zur Verfügung stellen, so dass sie zu „bana-
len" Begleiterscheinungen anderer (ideogener) hysterischer Sym-
ptome werden.
Da die hysterischen Stigmata bis jetzt überhaupt keine Erklä-
rung hatten, muss ich mich einstweilen, bis ich nicht eines Besse-
ren belehrt werde, mit diesem Erklärungsversuch behelfen.
Keinesfalls kann ich aber die „Erklärung" Bahinskis,
nach der die Stigmen (wie die hysterischen Symptome überhaupt)
nur vom Arzte suggerierte „P i t h i a t i s m e n" sind, als solche
gelten lassen. Der wahre Kern dieser besonders primitiven An-
schauung ist der, dass tatsächlich viele Kranke vom Bestehen
ihrer Stigmen nichts wussten, bevor sie ihnen vom Arzte demon-
striert wurden. Natürlich waren sie nichtsdestoweniger vorhan-
den und das kann nur jemand leugnen, der im alten Irrtum, das
Bewusste mit dem Psychischen überhaupt gleichzusetzen, be-
fangen ist.
r^
158 S. Ferenczi
Die Hysterie immer mit Suggestion, die Suggestion mit Hyste-
rie erklären zu wollen, ohne diese Erscheinungen einzeln für sich
analysiert zu haben, ist übrigens ein sehr geläufiger logischer
Fehlgriff.
Die Psychoanalyse eines Falles
von hysterischer Hypochondrie
(1919)
Die Technik der Psychoanalyse bringt es mit sich, dass sich
infolge der langwierigen, auf lange Zeiträume verteilten Entwick-
lung des Heilungs- respektive Lösungsvorganges der allgemeine
Eindruck des Falles verwischt und die einzelnen Momente des
komplizierten Zusammenhanges nur abwechselnd die Aufmerk-
samkeit auf sich lenken.
Im Folgenden kann ich aber einen Fall mitteilen, dessen
Heilung sich sehr rasch vollzog und bei dem sich das formal wie
inhaltlich sehr abwechslungsreiche und interessante Krankheits-
bild gleich einer kinematographischen Bilderserie, eigentlich ohne
Pausen, stürmisch entfaltete.
Die Patientin, eine hübsche junge Ausländerin, wurde von
ihren Angehörigen meiner Behandlung zugeführt, nachdem vorher
verschiedene andere Heilmethoden versucht wurden. Sie machte
einen sehr ungünstigen Eindruck. Als hervorstechendstes Symptom
war an ihr sehr starke Angst zu konstatieren. Ohne eigentlich
agoraphobisch zu sein, konnte sie seit Monaten keinen Moment
ohne Begleitung existieren; Hess man sie allein, so traten heftigste
Angstanfälle ein, und zwar auch bei Nacht, wo sie ihren Mann
oder die jeweilig neben ihr schlafende Person wecken und ihr
von ihren ängstlichen Vorstellungen und Gefühlen stundenlang
erzählen musste. Ihre Klagen setzen sich aus hypochondrischen
Körpergensationen und der damit assoziierten Todesangst zu-
sammen. Sie fühlt etwas in der Kehle, „Punkte" kommen ihr aus
der Kopfhaut heraus; (diese Empfindungen zwingen sie, sich fort-
während die Kehle und die Gesichtshaut zu betasten); die Ohren
wachsen ihr in die Länge, der Kopf geht ihr vorne auseinander,
ihr Herz klopft usw. In jeder solchen Empfindung — deretwegen
sie sich fortwährend beobachtet — sieht sie ein Anzeichen ihres
nahenden Todes; sie denkt auch an Selbstmord. Ihr Vater sei an
Arteriosklerose gestorben, das stehe nun auch ihr bevor. Auch sie
wird (wie der Vater) verrückt werden und im Sanatorium für
Geisteskranke sterben müssen. — Daraus, dass ich bei der ersten
Untersuchung ihren Rachen auf eventuelle An- oder Hyperoe-
fithesie explorierte, machte sie gleich ein neues Symptom: sie
musste immer vor dem Spiegel stehen und suchte Veränderungen
an ihrer Zunge. — Die ersten Stunden verliefen mit fortwähren-
dem, monotonem Jammern über diese Sensationen und Hessen
mir die Symptome des Falles als unbeeinflussbare hypochondri-
sche Wahngebilde erscheinen, besonders da mir einige solche
Fälle noch frisch in Erinnerung standen.
IVach einiger Zeit scheint sie sich aber darin etwas erschöpft
2u haben, wohl auch darum, dass ich sie weder zu beruhigen noch
auch sonst zu beeinflussen suchte, sondern ungestört ihre Klagen
hersagen Hess. Es zeigten sich auch leise Anzeichen der Übertra-
gung: sie fühlte sich nach der Stunde ruhiger, erwartete unruhig
den Beginn der nächsten Stunde usw. Sie begriff dann sehr rasch,
wie sie „frei assoziieren" soll, diese Assoziation schlug aber schon
beim ersten Versuch in ein dementes, sehr leidenschaftliches und
theatralisches Sichgebärden um. „Ich bin N. N. Grossfabrikant"
(und nannte dabei den Namen ihres Vaters mit sichtlich gestei-
gertem Selbstbewusstsein). Sie gebärdete sich dann tatsächlich.
Die Psychoanalyse eines Falles von hys terischer Hypochondrie 161
als wäre sie der Vater, der im Hofe und Geschäfte Befehle er-
teilt, flucht (und zwar ziemlich derb und ohne Scham, wie das in
jener Provinz schon üblich ist); dann wiederholte sie Szenen, die
der Vater als Irrsinniger vor seiner Internierung aufführte usw.
— Am Ende der Stunde orientierte sie sich aber ganz gut, nahm
artig Abschied und Hess sich schön nach Hause begleiten.
Die folgende Stunde begann sie mit der Fortsetzung der obi-
gen Szene, wobei sie besonders oft wiederholte: „Ich bin N. N.
(der Vater). Ich habe einen Penis." Zwischendurch erzählte sie
eine Infantilszene, bei der sie eine hässliche Amme mit dem Irri-
gator bedrohte, weil sie nicht spontan Stuhl absetzen wollte. Die
nun folgenden Stunden waren abwechselnd von den hypochondri-
schen Klagen, den Irrsinnszenen des Vaters und bald auch von
leidenschaftlichen Ubertragungsphantasien erfüllt. Sie verlangte
— in derb bäurischen Ausdrücken — sexuell befriedigt zu wer-
den und schimpfte auf ihren Mann, der das nicht recht kann
(was aber den Tatsachen nicht entsprach). Ihr Mann erzählte mir
dann, dass die Patientin von dieser Zeit an auch de facto nach
Befriedigung verlangte, während sie sich seit längerer Zeit ab-
lehnend verhielt.
Nach diesen Entladungen beruhigte sich einigermassen ihre
manische Exaltation und wir kamen in die Lage, die Vor-
geschichte des Falles zu studieren. Sie erzählte vom Erkrankungs-
anlasse. Der Krieg brach aus, ihr Mann wurde einberufen, sie
musste ihn im Geschäfte vertreten; das konnte sie aber nicht or-
deutlich, da sie fortwährend an ihre ältere Tochter (die etwa
6 Jahre alt war) denken musste und die Idee hatte: es könnte ihr
zu Hause etwas geschehen. Sie musste also fortwährend nach
Hause laufen, um nachzusehen. Diese ältere Tochter kam nämhch
mit Rachischisis und sakraler Meningokele zur Welt, die operiert
wurde, so dass die Kleine am Leben blieb, ihre Unterextremitäten
und ihre Blase aber unheilbar gelähmt waren. Sie kann nur auf
Ferenczi, Bausleine zur Psychoanalyse. III.
11
S. Ferenczi
allen Vieren am Boden herumrutschen und muss wegen der In-
kontinenz „wohl hundertmal täglich" ins Reine gebracht werden.
„Das macht aber nichts, ich liehe sie tausendmal mehr als die
«weitgeborene {die gesunde!) Tochter." Es wurde auch von der
ganzen Umgebung bestätigt, dass die Patientin dieses kranke
Kmd auch auf Kosten des zweiten, gesunden verzärtelt; sie will
auch nicht zugeben, dass man wegen der Kranken unglücklich
sein darf; sie ist ja so gut, so klug, so schön im Gesicht.
Es war mir recht bald offenbar, dass dies eine ungeheure
Verdrängungsleistung seitens der Patientin war; dass sie in Wirk-
lichkeit den Tod dieses ihres Unglückskindes unbewusst herbei-
sehnte und wegen dieser Vorbelastung den vom Krieg erforder-
ten neuen Anstrengungen nicht gewachsen war. Sie flüchtete also
in die Krankheit.
Nach schonender Vorbereitung teilte ich ihr diese Auffassung
über ihre Erkrankung mit, worauf es ihr — nach vergeblichen
Versuchen, sich nochmals in die Verrücktheit oder in die Übertra-
gungsleidenschaft zu stürzen - allmählig gelang, sich den grossen
Schmerz und die Beschämung, die ihr die Krüppelhaftigkeit ihres
Kindes verursachten, einigermassen hewusst zu machen.
Ich griff nun zu einem Mittel der „aktiven Technik".* Ich
schickte die Patientin für einen Tag nach Hause, damit sie Ge-
legenheit hat, die Gefühle, die ihr die Kinder einflössen, mit
Hilfe der neugewonnenen Aufklärungen zu revidieren. Zu Hause
ergab sie sich nun wieder leidenschaftlich der Liebe und Pflege
des kranken Kindes und sagte dann triumphierend in der darauf-
folgenden Stunde: „Sehen Sie, alles ist nicht wahr! Ich Hebe doch
nur meine Älteste!" etc. Doch schon in derselben Stunde musste
Siehe „Technische Schwierigkeiten einer Hysterie-Analyse", in
„Bausteine zur Psychoanalyse". Bd. III. S. 119.
Die Psychoanalyse eiues Falles von hysterischer Hypochondriel63
sie sich unter heftigem Weinen Jessen Gegenteil eingestehen;
ihrem impulsiv-leidenschaftlichen Wesen entsprechend, kamen
ihr nämlich plötzliche Zwangseinfälle, in denen sie dieses Kind
erdrosselte, aufhängte etc. oder es verfluchte „Gottes Blitz soll
in dich hineinschlagen". (Dieser Fluch war ihr aus dem Folklore
ihrer Heimat geläufig.)
Die weitere Fortsetzung der Kur ging auf dem Wege der
Uhertragungsliebe. Die Patientin zeigte sich ernstlich verletzt über
die rein medizinische Behandlung ihres wiederholten Liehes-
antrages und wies dabei unwillkürlich auf ihren ausserordentlich
starken Narzissmus hin. Einige Stunden verloren wir mit dem
Widerstände, den diese Verletzung ihrer Eitelkeit und Eigenliebe
hervorrief, doch bot dies uns die Gelegenheit zur Reproduktion
ähnlicher „Beleidigungen", an denen ihr Leben überaus reich
war. Ich konnte ihr nachweisen, dass sie jedesmal, wenn sich
eine ihrer zahlreichen Schwestern verlobte (sie war die jüngste
unter ihnen), sich über die Hintansetzung ihrer Person verletzt
fühlte. Ihre Eifer- und Rachsucht ging so weil, dass sie eine Ver-
wandte, die sie mit einem jungen Manne ertappte, aus purem
Neid verklagte. — Trotz ihrer anscheinenden Reserviertheit und
ihres Insichgekehrtseins war sie sehr selbstbewusst und halte von
den eigenen körperlichen und geistigen Eigenschaften eine hohe
Meinung. Um sich vor der Gefahr ihr allzu schmerzlicher Ent-
täuschungen zu schützen, zog sie es vor, trotzig abseits zu bleiben,
wo es sich um eine Konkurrenz mit anderen Mädchen handelte.
Nun verstand ich auch die merkwürdige Phantasie, die sie in
einer ihrer pseudo-dementen Anwandlungen äusserte: sie stellte
sich wieder einmal als den (irrsinnigen) Vater vor und behaup-
tete, mit eich selber den Geschlechtsverkehr ausführen
zu wollen.
Auch die Krankheit ihres Kindes wirkte nur infolge der —
recht verständlichen — Identifizierung so überstark auf
r
164 S. Ferenczi
sie, die übrigens schon früher einmal einige empfindliche Verletzun-
gen ihrer eigenen körperlichen Integrität auszustehen hatte. Auch
sie kam mit einem Körperfehler zur Welt: sie schielte und wurde
in der Jugend einer Schieloperation unterzogen, vor der sie die
heftigste Angst zu überstehen hatte und fast wahnsinnig wurde
heim Gedanken, sie könnte erblinden.
Wegen dieses Schielens war sie übrigens schon in ihrer
Kindheit der Gegenstand des Spottes ihrer Gespielen und Ge-
spielinnen.
Allmählich kamen wir auch zur Deutung der einzelnen
hypochondrischen Empfindungen. Jenes Gefühl in der Kehle war
der Ersatz für den Wunsch, ihre schöne Altstimme hören und
bewundern zu lassen. Die „Punkte", die aus der Kopfhaut
„herauskamen", war kleines Ungeziefer, das einmal — zu ihrer
grossen Beschämung — auf ihrem Kopfe entdeckt wurde; die
„Verlängerung der Ohren" ging darauf zurück, dass sie einmal
in der Schule vom Lehrer ein „Esel" geschimpft wurde usw.
Die fernste Deckerinnerung, bis zu der wir vordringen
konnten, war die mutuelle Exbibition, die sich zwischen ihr und
einem gleichalterigen Knaben am Dachboden ihres Hauses ab-
spielte und ich stehe nicht an, hinter dieser Szene den stärksten
der die Patientin getroffenen Eindrücke zu vermuten. Der P e -
n 1 6 - N e i d, der sich dabei in ihr fixierte, war es wohl, was sie
zur merkwürdig gelungenen Identifizierung mit dem Vater in
ihren Delirien befähigte. („Ich habe einen Penis" etc.) — In
letzter Linie darf man aUo nicht so sehr die angeborene Ab-
normität ihrer Erstgeborenen als Krankheitsursache betrachten,
als vielmehr die Tatsache, dass ihr kein Knabe, sondern zwei
Mädchen (Wesen ohne Penig, die nicht — wie die Knaben — or- (
deutlich urinieren können) geboren wurden. Daher wohl auch der i
unbewusste Abscheu vor der Inkontinenz ihrer kranken Tochter. \
Es scheint übrigens auch, dass die Krankheit ihrer Erstgeborenen ,
Die Psychoanalyse eines Falles von hysterischer Hypochondrie 165
erst dann stärker auf sie einzuwirken begann, als sich auch das
zweite Kind als Mädchen entpuppte.
Von einem zweiten Urlaub in die Heimat kehrte die Pa-
tientin ganz verändert zurück. Sie versöhnte sich mit der Idee,
dass sie die jüngere lieber hat, dass ihr der Tod der kranken
Tochter erwünscht ist usw., sie hörte auf über hypochondrische
Sensationen zu klagen und befasste sich mit dem Plane, bald
endgültig nach Hause zu gehen. Hinter dieser plötzlichen Besse-
rung entdeckte ich aber auch den Widerstand gegen die Beendi-
gung der Kur. Aus der Analyse ihrer Träume musste ich auf
paranoides Misstrauen gegen die Ehrlichkeit des Arztes schliessen;
sie glaubte, dass ich die Kur in die Länge ziehen will, um Ihr
mehr Geld abzunehmen. — Ich versuchte von hier aus den Zu-
gang zu ihrer mit dem Narzissmus verknüpften Analerotik zu
finden (s. die infantile „Irrigator- Angst")» *1^*9 gelang mir aber
nur zum Teil. Die Patientin zog es vor, einen Rest ihrer neu-
rotischen Eigenheiten zu bewahren und ging — praktisch wohl
geheilt — nach Hause.^
2 Hier noch einige Ergebnisse: Die ZwangBcrapfindung „D e r
Kopf geht voFD auseinander" war der Ausdruck einer „nach
oben" verlegten Schwangerschaftssehnsucht. Sie wünschte sich neue
Kinder (Knaben) an Stelle der vorhandenen (der Kranken und des an-
deren Mädchens). „Es gibt wieder nichts Neues!" — pflegte
sie auf die Stirne deutend immer zu wiederholen; auch dies gehörte zum
Schwangerachaftskomplex. Die Patientin hatte zweimal — nicht ganz
zufällig — abortiert und bedauerte das unbewusst. — Das Herzklop-
fen war die Reminiszenz Hbidinöser Anwandlungen bei Begegnung
mit sympathischen jungen Leuten, die ihr potent vorkamen. (Potent sein,
hiess bei ihr: Knaben und überhaupt gesunde Kinder zeugen kön-
nen.) Die „P unkt e", die herauskommen, waren üb erdeterminiert. Sie
bedeuteten nicht nur Ungeziefer, sondern (wie so häufig) auch kleine
Kinder. — Zwei charakteristische Träume: 1. Sie sieht aufge-
hängte Säcke (Geldsäcke?). (Deutung: Wenn sie einsieht, dass
166 S. Ferenczi
Abgesehen vom ungewöhnlich raschen Krankheitsablauf
bietet uns die Epikrise dieses Falles noch manches Interessante.
Wir haben es hier mit einem Gemenge von rein hypochondrischen
und von hysterischen Symptomen zu tun, dabei schillerte das
Krankheitsbild am Beginne der Analyse ins Schizophrene, gegen
das Ende, wenn auch nur spurweise, ins Paranoische hinüber.
Bemerkenswert ist der Mechanismus einzelner hypochon-
drischer Paraesthesien. Sie beruhen ursprünglich auf der narziss-
tischen Bevorzugung des eigenen Körpers, wurden aber dann —
etwa nach Art des „körperlichen Entgegenkommens" — zu Aus-
drucksmitteln hysterischer (ideogener) Vorgänge (z. B. das Ge-
fühl der Verlängerung der Ohren zum Erinnerungsmerkmal
eines erlittenen psychischen Traumas.)
Man wird so auf noch ungeklärte Probleme der organischen
Grundlagen der Konversionshysterie und der Hypochondrie auf-
merksam. Es hat den Anschein, als oh dieselbe Organ-Libido-
stauung^ — je nach der Sexualkonstitution der Kranken —
einen rein hypochondrischen oder aber einen konversionshyste-
rischen „Überbau" bekommen könnte. In unserem Falle handelte
es sich anscheinend um die Kombination beider Möglichkeiten
und die hysterische Seite der Neurose ermöglichte die Über-
tragung und die psychoanalytische Abtragung der hypochon-
drischen Sensationen. Wo diese Abfuhrmöglichkeit nicht besteht,
bleibt der Hypochonder unzugänglich und verbohrt sich — oft
sie ihr Kind aufhängen will, kann sie sich das weitere Honorar ersparen.)
2. Eine Schwester tanzt cake-walk; der Vater ist
auch dabei. (Reproduktion der Brautnacht, bei der sie durch die
Idee, dass der Vater in der Anstalt ist, am Genuss gestört war.)
' Siehe den Aufsatz „Über Pathoneurosen" in „Bausteine zur
Psychoanalyse". Bd. III. S. 80.
Die Psychoanalyse eines Falles von hysterischer Hypochondrie 167
auch wahnhaft — in die Empfindung und Beobachtung seiner
Paraesthesien.
Die reine Hypochondrie ist unheilbar; nur wo — wie auch
hier — übertragungsneurotische Beimengungen vorhanden sind,
kann man die psychotherapeutische Beeinflussung mit Aussicht
auf Erfolg versuchen.
--i-~^ _
r
Beitrag zur „Tic-Diskussion"
(1921)
Die ZuTorkommenfheit des Herrn Präsidenten gestattet mir,
mich wenigstens schriftlich zu dieser interessanten Diskuaeion zu
äussern. Alle Leser meiner zur Besprechung gestellten Arbeit*
werden zugeben müssen, dass Kollege v. Ophuijsen offene
Türen einrennt, wenn er auf die Unvollkommenheit besonders der
Begriffsbestimmung des Tics in diesem Aufsatze hinweist; dieser
sollte ja, wie ausdrücklich gesagt, nur zur ersten Orientierung
dienen und die sich dabei ergebenden Probleme hervorheben.
£r hat also seine Aufgabe vollkommen erfüllt, wenn es ihm, wie
Abrahams interessanter Diskussionsbeitrag beweist, gelungen
ist, andere zur Stellungnahme anzuregen.
Ich gebe zu, dass die Einschätzung der sadistischen und anal-
erotischen Triebkomponenten in der Genese des Tics, die übrigens
auch von mir nicht unberücksichtigt blieb, nach den Erfahrungen
Abrahams hoher anzuschlagen ist, als es in meinem Aufsatze
geschah. Seine „Konversion auf der sadistisch-analen Stufe" ist
ein geistvoller und auch prinzipiell bedeutsamer Gesichtspunkt.
"■ „FeychoaDaly tische Betrachtungen über den Tic" in .,BauBteine
zur Psychoanalyse", Bd. I, S. 193,
'- ^=J
Beitrag zur „Tic-Disku88ion" 169
Ich kann aber nicht umhin, auf die Punkte aufmerksam zu machen,
die auch nach Annahme des Abraham sehen Standpunktes
unerschüttert bleiben:
1. Der Tic ist auch im Abraham sehen Schema der Zwangs-
neurose und der Hysterie ebenso benachbart wie der Katatonie.
2. Die Weeensgleichheit mit der Katatonie {Abraham
sagt „Ähnlichkeit") bleibt (als lokalisierte motorische Abwehr im
Gegensatz zur generalisierten Katatonie) bestehen.
3. Die Analogie des Tics mit der traumatischen Neurose ge-
stattet die Lokalisation dieser Neurosenart zwischen die narzissti-
Bchen und die Übertragungsneurosen. Diese Doppelstellung ist be-
kanntlich auch für die Kriegsneurosen charakteristisch.
4. Der Ausgang der „Maladie des Tics" in Katatonie ist eine
wenn auch nicht allzu häuBge, aber sicher festgestellte Tatsache
(siehe die Arbeiten von Gilles de la Tourette).
Ich hoffe, dass die Berücksichtigung auch der „I c h-R e g r e s-
8 i o n e n", zu der uns die massenpsychologiscbe Arbeit Freuds
den Weg weist, auch die immerhin bestehen gebliebenen Diffe-
renzen in der Bearbeitung des Tics verwischen wird. Schon in
der Arbeit über „Entwicklungsstufen des Wirfclichkeitssinnes"
sprach ich die Ansicht aus, dass eine Neurosenart nur durch Fest-
stellung sowohl der für sie kennzeichnenden Libido-, wie auch
der Ich-Regression wird definiert werden können. Diese Ich-Re-
gression ist, glaube ich nun besonders auf Grund der Beobach-
tungen über pathoneurotische Tics, bei dieser Neurosenform viel
tiefer reichend als bei Hysterie oder Zwangsneurose. (Zwangs-
neurose regrediert auf die „Allmacht der Gedanken", Hysterie
auf „Allmacht der Gebärden", der Tic auf die Stufe der reflek-
torischen Abwehr.) — Ob die gewaltsame Unterdrückung der Tics
nur „Spannungszustände" oder auch wirkliche Angst provozieren
kann, sollen künftige Beobachtungen entscheiden.
f über den Anfall der Epileptiker
Beobachtungen und Überlegungen
(etwa 1921)
Als Sekundararzt eines städtischen Spitals für Unheilbare
•/ — •*«■* Budapestcr Salpetriere — musste ich seinerzeit Hunderte
von epileptischen Anfällen beobachten. Im Laufe der Kriegsjahre
kamen mir dann diese Erfahrungen zustatten, da ich Chefarzt
;. einer Militärspitah-Abteilung wurde, die u. a. auch die „Konsta-
; tierung" epileptischer Anfälle zur Aufgabe hatte. Ich will mich
hier nicht mit den oft sehr schwierigen, manchmal unlösbaren
Problemen beschäftigen, die mir einzelne Fälle stellten, in denen
es zu entscheiden galt, oh es sich um Simulation, Hysterie oder
r wirkliche, „genuine" Epilepsie handelt, und will nur einige Be-
;^. obachtungen und Überlegungen mitteilen, die sich an Fälle knüpf-
f ten, in denen erweiterte, reaktionslose Pupillen, tonisch-klonische
f Krämpfe, vollkommenes Erloschensein der Sensibilität (auch der
I Kornealen), Zungenbisa, stertoröses Atmen, Schaum vor dem
[ Munde, volle Bewusstlosigkeit, Nachlassen der Schliessmuskeln
r und postepileptischer Schlafzustand, also das typische Bild der
[- genuinen Epilepsie, sicher zu konstatieren war.
i Auf den Psychoanalytiker machten diese Anfälle den Ein-
\ druck einer Regression auf eine höchst primitive Organisations-
über den Anfall der Epileptiker 171
stufe, bei der noch alle inneren Erregungen auf dem kürzesten
motorischen Wege abgeführt werden und eine Beeinflussbarkeit
durch äussere Reize vollkommen fehlt. Immer wieder musste ich
mich beim Beobachten dieser Anfälle an eine längst geäusserte
eigene Vermutung erinnern/ in der ich die nosologische Ein-
ordnung der Epilepsie unter die Psychoneurosen zum ersten Male
versuchte. Ich nahm damals an, dass der epileptische Anfall einen
Rückfall auf eine sehr primitiv-infantile Ich-Organisationsstufe
bedeutet, bei der die Wünsche mit Hilfe noch unkoordinier-
ter Bewegungen geäussert werden. Diese Bemerkung wurde
bekanntlich später vom amerikanischen Psychoanalytiker Mc.
Curdy aufgegriffen und dahin modifiziert, dass die Regression
des Epileptischen viel weiter, in die intrauterine (Mutterleibs-)
Situation zurückgreift. Ähnlich äusserte sich in einem in der
ungarischen Ortsgruppe der „Internat. Psychoan. Vereinigung"
(Freud-Gesellschaft) gehaltenen Vortrage auch mein Kollege
H o 1 1 6 8, der den Seelenzustand des Epileptikers im Anfall mit
der Bewusstlosigkeit des noch Ungeborenen verglich.
Bei der in den Kriegsjahren unzählige Male wiederholten
Beobachtung der Anfälle musste ich mich nun der Ansicht dieser
Autoren nähern. Ein Hauptsymptom des Anfalles ist offenbar das
Aufhören jeder Beziehung zur Aussenwelt, jeder „v i e de r e 1 a-
t i o n", wie es der grosse L i e b e a u 1 1 sagen würde. Das hatte
aber der epileptische Anfall mit dem gewöhnlichen Schlaf-
zustande gemein, den gerade die Psychoanalyse als einen
Rückfall in die antenatale Situation au£fasst.= Auch im Schlaf-
zustande ist ja jedes Interesse von der Aussenwelt zurückgezogen
1 „Entwicklungsstufen der Wirklichkeitssinnes" in „Bausteine zur
Psychoanalyse*', Bd. I. S. 71.
2 S. in meinem oben zitierten Aufsatze über „Entwicklungsstufen
etc." das über das erste Schlafen des neugeborenen Kindes Gesagte.
172 S. Ferenczi
und die Empfänglichkeit für Äuseenreize wesentlich herabge-
setzt. Allenfalls müsste man dann die Epilepsie als einen ausser-
ordentlich tiefen Schlafzuetand bezeichnen, aus dem der
Schlafende auch durch noch so starke äussere Reize nicht zu er-
wecken ist.
Der Widerspruch zwischen meiner ursprünglichen Auffassung
(Anfall = Regression auf die infantile „Allmacht mittels un-
koordinierter Bewegungen") und ihrer Modifikation (Anfall ^
Rückfall in die intrauterine Situation) loste sich aber, wenn ich
den ganzen Ablauf des Anfalls in Betracht zog. Die Attaque be-
ginnt meist mit dem Hinstürzen (mit oder ohne Schrei), dann
folgt die allgemeine tonische Kontraktion und die klonischen
Krämpfe. Die tonisch-klonische Periode, die mehr-minder lange
andauert, wird aber durch kürzere oder längere Ruhe-Pausen
unterbrochen, in denen die Bewusstlosigkeit, die Pupillenetarre,
das etertorÖse Atmen mit den Anzeichen des drohenden Lungen-
ödems (Schaum vor dem Munde) und das starke Herzklopfen noch
andauern. In diesen Pausen gleicht allerdings das Ver-
halten des Epileptikers dem des Foetus im Mutterleibe, das wir
uns vollkommen regungs- und bewusstlos (dabei natürlich
apnoisch) denken müssen. DieersteHinfaU- und Krampf-
Periode aber erinnert meiner Ansicht nach doch eher an die
unko ordinierten Unlustäusserungen eines schon geborenen, aber
irgendwie unbefriedigten oder gereizten Kindes. Es ist also leicht
möglich, dass sowohl die ursprüngliche, als auch die modifizierte
Anschauung von der Regressionstiefe im Anfall zurecht besteht,
indem während des Anfalles eine ganze Regressionsskala
von der infantilen bis zur intrauterinen Allmachtsituation durch-
laufen wird. In Fällen mit mehrere Male wiederholten Ruhe- und
1^ Krampfperiodea müasten wir uns die Erregung auf dieser Skala
j hin- und herlaufend denken. Das „post-epileptische Stadium",
^ das meist den Übergang zwischen Anfall und Erwachen bildet,
f
. \
über den Anfall der Epileptiker 173
ähnelt schon dem einfachen Schlafzustand; der Patient macht
bereits Abwebrbewegungen, die Pupillenreaktion kehrt wieder;
nur die Neigung zum „ambulatorischen Automatismus", zu einer
Art Schlafwandeln, zeugt noch von einer pathologischen, meist
gewalttätigen Hypermotilität.
Ein Experiment, das ich, allerdings mit grosser Vorsicht,
vornahm, gestattete mir übrigens in zahlreichen Fällen, das oben
skizzierte Stadium der „epileptischen Ruhe" zu stören, um wieder
Krampfanfälle, oder gar das plötzliche Erwachen des Kranken zu
provozieren. In jenem Ruhestadium sind die Zähne des Patienten
fest zusammengebissen, die Zunge und der Gaumen nach hinten
gesunken, was sich durch lautes Schnarchen verrät; der Thorax
macht zwar Atembewegungen, aber durch den Mund ist keine
Inspiration möglich und die behinderte Atmung hat die starke
Füllung des kleinen Kreislaufes und die Expektoration starker
Massen serösen Auswurfs zur Folge. Der Patient müsste auch bei
längerer Dauer des Anfalls ersticken (was wohl in gewissen Fällen
auch vorkommt), bekäme er nicht etwas Luft durchdieNase.
Drückte ich nun dem Epileptiker im Ruhestadium auch die
Nasenflügel zu, so dasB er überhaupt keine Luft bekam,
so traten meist sofort wieder tonisch-klonische Krämpfe auf (also
eine minder tiefe Reaktionslosigkeit), und setzte ich den Nasen-
verschluss noch länger fort, so erwachten die Patienten zu-
meist, die Pupillenreaktion und die Sensibilität kehrten wieder.
Allerdings ist dieser Versuch nicht ganz ungefährlich; der Patient
könnte ja bei allzulanger Absperrung der Luft wirklich ersticken.
Es kamen tatsächlich Fälle vor, in denen sich der Zustand des
Patienten auch nach 20—30 Sekunden nicht änderte; natürlich
forcierte ich in solchen Fällen das Experiment nicht und ver-
zichtete auf dessen Fortsetzung. Den Puls des Patienten beobach-
tete ich während dieses Versuches immer sorgfältig.
Soviel lernte ich aus diesem Versuch jedenfalls, dass der
L
p=
174 S. Ferenczi
Epileptiker im Anfall gegea die Behinderung seiner restlichen
Atmung viel empfindlicher ist, als gegen andere, noch so schmerz-
hafte Arten äusserer Einwirkung (Kälte- und Wärmereize,
Schläge, Berührung der Hornhaut, etc.)- Das ist uns aber, wenn
wir das Ruhestadium des Anfalls als Regression ins Intra-
uterine auffassen, verständlich. Die Illusion der Mutterleibsituatiou
kann ja in der epileptischen Attaque — gleichwie im Schlaf —
nur bei Aufrechterhaltung einer, wenn auch reduzierten, Sauer-
stoffversorgung von aussen aufrecht erhalten werden. Behindert
man auch diese bereits eingeschränkte Atmung durch Zuhalten
der Nase, so zwingt man damit den Patienten aufzuwachen und
durch den Mund zu atmen, gleichwie der Neugeborene durch die
Unterbrechung der Blutversorgung durch die Nabelschnur zum
Atmen und zum Erwachen aus der intrauterinen Bewusstlosigkeit
gezwungen wird.
In der erwähnten Arbeit wies ich bereits darauf hin, dass die
Epileptiker als ein besonderer Menschentyp anzusehen sind, für
den das Aufstapein und die periodische motorische Abfuhr der
Unlust affekte nach infantiler Art kennzeichnend ist. Hinzufügen
müsste man nur, dass sie dabei schliesslich auch die Umweltrela-
tion, das Bewusstsein, unterbrechen und in eine reiu „autistische"
Existenzform flüchten können, in der es noch nicht zur schmerz-
lichen Spaltung zwischen Ich und Auasenwelt kam, d. h. in die
Mutterleibsituation.
Die individuellen Unterschiede zwischen den einzelnen For-
men der Anfälle könnten davon herrühren, dass beim Einen mehr
die motorische Abfuhr, beim Anderen mehr die „apnoische Re-
gression" in Erscheinung tritt. Doch auch bei einem und dem-
selben Patienten trägt der einzelne Anfall bald diesen, bald jenem
Charakter der Epilepsie zur Schau.
Die Tatsache, dass es nebst der konstitutionellen auch trau-
matische, toxische, wohl auch „reflektorische" Epilepsien gibt.
fl
über den Anfall der Epileptiker 175
bereitet uns, seit der Annahme der Freud sehen Ergänzungs-
reihen in der Ätiologie der Neurosen, wohl keine Schwierigkei-
ten. Offenbar ist auch vor einer epileptischen Regression niemand
vollkommen gefeit, nur bedarf es hiezu beim Einen eines schweren
Kopftraumas, einer chronischen Alkoholvergiftung oder einer
sehr schmerzhaften peripheren Nervenreizung, während sie sich
beim dazu Disponierten auch ohne solche Zufalle einstellt.^
Über die Natur der Affekte, die sich im epileptischen Anfall
entladen, ist ohne methodische psychoanalytische Untersuchungen
nichts Bestimmtes auszusagen. Es ist aber vorauszusehen, dass
diese Untersuchungen zumindest eine starke Beteiligung der sado-
masochistischen Trieb-Komponente ergeben werden.
Ich vermute auch, dass die Epilepsie, wie meiner Ansicht
nach auch der T i c* sich als Grenzzustand zwischen den Über-
tragungs- und den narzissti sehen Neurosen entpuppen wird.
Auf der Höhe des Anfalles ist eine den gewöhnlichen Schlaf
weit übertreffende narzisstische Regression anzunehmen, ähnlich
der kataleptischen Starre und der wächsernen Biegsamkeit des
Katatonikers. In der motorischen Entladung und im post-epilepü-
scheu Delir tobt sich aber der Patient noch an der Aussenwelt aus
oder wendet sich gegen die eigene Person, hält also noch an der
„Objektrelation" fest.
Die Regressionstheorie der Epilepsie wirft sowohl auf die
zumeist innige Verknüpfung der epileptischen Anfälle mit dem
Schlafzustande (also einem leichteren Grade derselben Regres-
sion), als auch auf die Kombination der epileptischen Disposition
3 Die Jacksonsche Epilepsie, die durch rein mechanische Reizung
motorischer Hirnzentren zustandekommt, ist eicht zu den psychogenen
Epilepsien im obigen Sinne zu zahlen.
* S. „Psychoanalytische Betrachtungen über den Tic", in „Bau-
Eteine zur Psychoanalyse", Bd. I, S. 193.
176 S. Ferenczi
mit anderen organischen Entwicklungsstörungen und Atavismen
einiges Licht.
Ich möchte auf die Fälle, in denen der Epileptiker im Anfall
wirklich erstickt, anstatt durch die Atembehinderung geweckt zu
werden, nochmals zurückkommen. In der medizinischea Literatur
sind bekanntlich Fälle verzeichnet, in denen der Kranke mit dem
Gesicht nach vorn in einen seichten Tümpel stürzt und darin er-
stickt, wo doch eine einzige Bewegung die Lebensgefahr abgewen-
det hätte; auch wurde mir von einem Falle berichtet, in dem der
Patient, der immer nächtlich im Bette den Anfall bekam, wie
absichtlich eine Lage suchte, bei der er auf den Bauch zu liegen
kam, wobei natürlich die Verlegung der Mund- und Nasenöffnung
durch das Kissen drohend wurde; (dieser Patient starb später im
Anfall, doch ohne Zeugen, so dass die Umstände seines Todes
nicht genau ermittelt werden konnten). Man könnte sagen, dass
nur diese Fälle von vollständiger, auch durch die Atembebin-
derung nicht zu beeinfluesender Bewusstlosigkeit, oder gar von
gesuchter Atembehinderung, den Namen „Epilepsie" verdienen;
doch auch jene andere Ansicht verdient Beachtung, wonach es
verschiedene Tiefengrade der epileptischen Bewusstlosigkeit gibt,
und der Fall, in dem der Patient wirklich erstickt, einen Grenz-
fall bedeutet, in dem die praenatale Regression gleichsam über
das Intrauterine hinaus, bis zum Unbelebten zurückgreift. ^
Auch aus dem Tierreiche sind uns Beispiele bekannt, in, de-
nen sich das Lebewesen vor unerträglichen Leiden durch Selbat-
zerstückelung oder Selbstverstümmelung (Autotomie) rettet. Das
könnte wohl das phylogenetische Vorbild jener „Wendung gegen
die eigene Person" sein, die sich in manchen Neurosen (Hysterie,
Melancholie, Epilepsie) äussert. Die metapsychologische Voraus-
^ S. Freuds Ausführungen über den Todestrieb in „Jenseits des
Lustprinzips". Ges. Sehr. Bd. VI. ,
über den Anfall der Epileptiker 177
Setzung dieser Reaktionsart wäre die Zurückziehung der Libido-
beeetzung auch vom eigenen Organismus, der dann wie etwas Ich-
Fremdes, d. h. feindlich behandelt wird. Grosses Leiden oder
grosser körperlicher Schmerz kann aber die Sehnsucht nach abso-
luter Ruhe, also nach der Ruhe des Totseins, so lebhaft steigern,
dass jede Störung dieser Tendenz mit feindlicher Abwehr beant-
wortet wird. Ich konnte das unlängst im traurigen Falle einer
unter unsäglichen Leiden Agonisierenden feststellen, die auf je-
den ärztlichen Versuch, sie aus der zunehmenden Lethargie zu
wecken, mit ärgerlicher, oft auch wilder Abwehrbewegung rea-
gierte. Von diesem Gesichtspunkte gesehen liesse sich der epilepti-
sche Anfall als mehr minder ernsthafter Selbstmordver-
such durch Atembehinderung beschreiben, der in
den leichten Fällen nur symbolisch angedeutet wird, in gewissen
Grenzfällen aber auch wirklich zur Ausführung gelangt.
Es ist möglich, dass beim epileptischen Anfall die respira-
torische erogene Z o n e, die D. Forsyth (London)
hei gewissen Atemstörungen der Kinder vorherrschend fand, als
Leitzone dient.
Für den, der die ungeheuer grosse reale Bedeutung der Sym-
bolik im Leben und die Regelmässigkeit kennt, mit der die Todes-
und die Mutterleibs-Symholik in Traum und Neurose miteinander
verknüpft sind\ wird es keine Überraschung sein, wenn schliess-
lich auch der epileptische Anfall diese zwiefache Deutung erfor-
derte.
Die Persönlichkeit des Epileptikers erschiene nach dieser
Deutung seiner Anfälle als die eines mit sehr starken Trieben
und gewalttätigen Affekten behafteten Menschen, der sich vor
S. meine letzten MitteiluDgen über Symbolik: „Die Symbolik
der Brücke", „Die Brücken Symbolik und die Don Juan -Legende" in
,.Ba..stcine zur Psychoanalyse" Bd. 11, S. 238 und 244.
Ferenczi, Bausleine zur Psyclioaiialyse. 111, 1?
178 S. Ferenczi
( -
den Ausbrüchen seiner Leidenschaft lange Zelten hindurch durch
äusserst starke Triebverdrängungeu, manclimal auch durch Reak-
.tionsbilduDgen, wie übertriebene Unterwürfigkeit und Religio-
sität, schützt; in angemessenen Zeitintervallen aber jene Triebe
frei entfesselt und gegen die ganze Umwelt, sowie gegen die
fremd und feindlich gewordene eigene Person ungehemmt, manch-
mal mit bestialischer Rücksichtslosigkeit wüten lässt. Diese Affekt-
abfuhr verschafft ihm dann, oft nur für wenige Momente, einen
schlafähnlichen Ruhezustand, dessen Vorbild die intrauterine
Ruhelage, respektive der Tod ist.
In gewissen Fällen herrscht, besonders in der Aura, in dea
sogenannten epileptischen Dämmerzuständen und „Äquivalen-
ten", die Aggressivität gegen die Umwelt vor, und kann sich in
Massenmordimpulsen und blinder Zerstörungswut äussern. In
anderen Fällen wendet sich die Wut hauptsächlich gegen die
eigene Person und ruht nicht, bis die unbewuaste Selbstmord-
absicht ihr Ziel erreicht hat. Die Fälle des sogenannten „Petit
mal" — die Anfälle vorübergehender Bewusstlosigkeit ohne
Krampfzustände — betreffen anscheinend Kranke, denen es ge-
lingt, das Glück jenes passageren embryonalen RuhezustandcB
auch ohne die krisenhafte Affektabfuhr einfach durch Einziehung
der Libido und des Interesses von der Umwelt, durch Einstellung
der Wahrnehmungsfunktion zu erreichen.
Eine wie hohe Bedeutung unter den sich beim Epileptiker
im Anfalle Luft machenden Trieben der Sexualität zukommt, da-
für spricht schon die ausserordentliche Häufigkeit von sogenann-
ten Sexual-Verbrechern bei Epileptikern und die vielfachen se-
xuellen Perversionen, die bei ihnen, oft in ganz sonderbaren Kom-
binationen, vorkommen (wie sie z. B. auch durch M a e d e r, im
Jahrbuch f. psychoanalytische und psychopathologische Forschun-
gen, Bd. I, 1909, verzeichnet werden). In manchen Fällen erweist
sich der Anfall formlich als „Koitus-Äquivalent", so z. B. bei
über den Anfall der Epileptiker 179
einem von mir beobachteten Kranken, den nur der tägliche, oft
täglich mehrmals wiederholte Koitus vor Anfallen schützen
konnte. Daes der epileptische (wie übrigens nach Freud auch
der hysterische) Anfall in mancher Hinsicht an den Ablauf des
Koitusaktes e.-iunert (Konvulsionen. Veränderung des Atemtypus,
Bewusstseinsstörung etc.), wurde bereits von den alten Ärzten
richtig erkannt. Einen theoretischen ^^'^ink zur Erklärung der
vielfachen Analogien zwischen Schlaf, Anfall und Orgasmus
hoffe ich bei einer anderen Gelegenheit geben zu können, wo ich
einiges über den Sinn jener sonderbaren Koordination von aggres-
siven Handlungen und psycho-physischen Zustandsveränderungen,
die man Geschlechtsakt nennt, und die bei so vielen Tiergattun-
gen mit solch merkwürdiger Gleichartigkeit wiederkehren, aussa-
gen möchte.
Vorgreifend teile ich davon nur soviel mit, dass sich im Zu-
stande des Orgasmus, meiner Ansicht nach, die ganze PerBÖnlich-
keit (das Ich) mit dem Genitale identifiziert und (ähnlich wie im
Schlaf und in gewissen Stadien des epileptischen Anfalls) hallu-
zinatorisch die Mutterleibsituation erlangt; das gegen die
Gebärmutter vordringende männliche Glied erreicht dieses Ziel
partiell, richtiger: „symbolisch" und nur dem Genitalsekret,
dem Sperma, wird dieses Schicksal in der Realität zuteil.
Beitrag zum Verständnis der Psycho-
neurosen des Rückbildungsalters
(Etwa 1921—1922) .
Die Fälle, in denen ich Gelegenheit hatte, die Entstehungs-
bedinguugen von Psychoneurosen des RückbildungBalters analy-
tisch zu studieren, lassen sich auf folgende Art erklären: es ban-
delte sich um Personen, die an der die Rückbildungsvorgänge be-
gleitenden Veränderung der Libidoverteilung scheiterten, resp.
sich an diese neue Verteilung der libidinösen lateressen nicht
akkomodieren konnten.
Seitdem mich Prof. Freud darauf aufmerksam machte,
weiss ich (und kann es meinerseits nur bestätigen), daes der
alternde Mensch die „Emanationen der Libido"^ von den Objek-
ten seiner Liebe zurückzuziehen und das ihm zu Gebote stehende
an Quantität wahrscheinlich überhaupt verminderte Übidinöse
Interesse dem eigenen Ich zuzuwenden geneigt ist. Alte Menschen
werden — wie die Kinder — wieder narzisstisch, Bussen viel von
ihren familiären und sozialen Interessen ein, verlieren einen gros-
^ S. Freud „Zur Einführung des Narziasmus", 1914. Ges. Sehr.
Bd. VI.
^k
Psychoneurosen des Rückbildungsaltere 181
sen Teil der früheren Sublimierungsfähigkeit, besonders der
Scham und des Ekels; sie werden zynisch, boshaft, geizig, d. h.
ihre Libido regrediert auf „prägenitale Entwicklungsstufen" und
äussert sich manchmal in unverhüllter Anal- und Urethralerotik,
Homosexualität, Voyeurtum, Exhibitionismus und Onanienei-
gung =*
Der Vorgang ist also scheinbar derselbe, der nach Freud
der Paraphrenie zugrundeliegt: hier wie dort handelt es sich um
Auflassen von Objektbesetzungen und um Regressionen auf den
Narzissmus. Aber beim Paraphrenen müssen wir die Libidoquan-
tität unverändert, nur ganz auf das Ich gelenkt denken, während
im Senium das Nachlassen der Libidoproduktion eine Verminde-
rung ihrer Gesamtquautität zur Folge hat, und diese sich zuerst
an den äussersten und lockersten Libidobesetzungen, den „Erna-
nationen" aufs Objekt bemerkbar macht. Die Paraphreniesym-
ptome gleichen Inseln, die bei einer Erderschütterung plötzlich
auB der Meerestiefe emporsteigen; die Symptome des Seniums
sind wie der Fels, der beim Eintrocknen einer vom Meere abge-
schnittenen und von keinem Fluss gespeisten Bucht nackt zu tage
tritt.
Die neurotischen Klimakteriker beiderlei Geschlechts
zeigen uns von all diesen seelischen Zeichen des Altwerdens auf-
fallend wenig. Im Gegenteil: sie produzieren übertriebene fami-
Uäre und soziale Hilfsbereitschaft, Uneigennützigkeit und Schara-
2 Daß Voyeurtum des Greisenalters ist in der Legende von „Su-
Baunc im Bade" dargestellt, in der die Badende von lüsternen Alten
erspäht wird; Exhibitionismus ist ein häufiges Symptom der sogenannten
„dementia senilis". - Auf die Regression der alternden Frau auf pra-
genitale Erotismen (Sadismus und Analerotik) machte uns F r e u d s Ar-
beit über die Disposition zur Zwangsneurose aufmerksam. 1913, Ges,
Sehr. Bd. V. .....
L
r
182 S. F
erenczi
haftigkeit, sie leiden meist an Depressionszuständen und werden
von an Melancholie gemahnenden Versündigungs- und Verar-
mungsideen geplagt, vor denen sie gerne in die Arme der Religion
flüchten. Diese Depressionen können aher von Anfällen intensi-
ver Verliebtheit unterbrochen sein, deren sich die Kranken ob
ihrer Unverträglichkeit mit dem vom Alter gebotenen Anstands-
gefühle vergeblich zu erwehren suchen. Diese lezteren sind es,
die dem Klimakterium den populär gewordenen Namen des „ge-
fährlichen Alters" einbrachten.
Und doch glaube ich, dass dieser Liebeslarra der Klimakteriker
dem Trommelwirbel zu vergleichen ist, der das Wehgeschrei eines
zum Tode Verurteilten, hier das der Objektlibido, zu übertönen
sucht. In Wirklichkeit hat sich die Libido des Patienten von den
Objekten bereits zurückgezogen und nur mehr das Ich zwingt das
Individuum zum Festhalten an den bisherigen Liebesidealen und
zur Verhüllung der stattgehabten Regression durch Kundgebun-
gen des Liebesinteresses. Der verhängnisvolle Dyschronismus der
Ich- und der Libidoentwicklung verfolgt also den Menschen bis
ins hohe Alter und zwingt ihn zur Verdrängung des Idealwidrigen.
Die übertriebene sexuelle Interessenvergeudung mancher
Klimakteriker ist ein Symptom der Überkompensation, der Hei-
lungstendenz, während der eigentliche Stand der Libidoverteilung
sich in den die Depression begleitenden Verarmungs- und Ver-
sündigungsideen darstellt. Diese bringen die Verarmung der Ob-
jektbeaetzungen aa Libido funktionell zum Ausdruck und verra-
ten die Regression zum asozialen (daher „sündhaften") Narzisa-
mu8 und Autoerotismus. Die Depression selbst ist die Äusserung
der Unlust, des Widerstrebens eines hochkultivierten Bewnsst-
seins solchen inkompatiblen Gelüsten gegenüber.
Als charakteristisches Beispiel dafür erzähle ich den von mir
zuletzt beobachteten Fall. Der Patient, der von jeher als Frauen-
jäger bekannt war und sich oft in galante Abenteuer verstrickte.
Psychoneurosen des Rückbildungsalters 183
bei denen er seine nicht geringe soziale Position und alle familiä-
ren Interessen sorglos aufs Spiel setzte, erkrankte im Alter von
55 Jahren an Depressionszuständen mit ausgesprochener Neigung
zu (real nicht begründeten) Verarmungs- und Versündigungs-
ideen. Diese Zustände wurden zeitweise von Perioden des {extra-
matrimonialen) Koituszwanges unterbrochen, wobei er sich aber
mehr-minder als impotent erwies. Bei der vorgenommenen Ana-
lyse ergab sich als auslösende Ursache der Neurose die nicht ein-
mal gefährliche Drohung eines Ehemaunes, der die galanten Ab-
sichten des Patienten seiner Frau gegenüber merkte. Die Gefahr,
von der er bedroht wurde, war viel geringer, als die, der er sich
früher hunderte Male sorglos aussetzte, und doch wurde der dabei
erlebte kleine Schreck für ihn diesmal pathogen. Es stellte sich
dann in der weiteren Analyse heraus, dass ihm mit den Jahren
seine persönliche Sicherheit, sein Ansehen und der gute Ruf
eines ehrsamen Familienvaters, sowie das Geld viel wertvoller
geworden sind, als er sich darüber Rechenschaft gab, dass hin-
gegen die Liebesabenteuer für ihn viel an wirklicher Anziehungs-
kraft einbüssten, obzwar er sich dieser Einsicht durch Über-
treibung des Interesses für Frauen, ja durch förmlichen Koitus-
zwang zu entziehen wusste. Die psychische Impotenz aber erwies
sich als ein Abkömmling der lange Zeit hindurch mit Leichtigkeit
abgewehrten, obzwar ursprünglich starken narzisstischen Kastra-
tionsangst, die bei der Altersregression der Libido derart über-
hand nahm, dass sie sich überall äusserte, wo nur die leiseste Ge-
fahr für die persönliche Sicherheit, des Geldverlustes oder des
„Ehrabschneidens" bestand. Im Laufe der Analyse akkomodierte
der Patient seine Lebensweise und seine Anschauungen recht bald
an die wirkliche Verteilung seiner lihidinÖsen Interessen, stellte
die Frauenjagd und die überflüssigen Geldausgaben ein, worauf
die Depressionszustände aufhörten und auch die Potenz wieder-
kehrte, allerdings nur seiner früher vernachlässigten Frau gegen-
184 S. Ferenczi
über und auch bei ihr nur, wenn aie vor dem Koitus durch Berüh-
rung seiner Genitalien symbolisch ihren guten Willen und die
Gefahrlosigkeit des Unternehmens bezeugte. Der Patient war mit
diesem Erfolg zufrieden und stellte die Fortsetzung der Kur, die
die Analyse gewiss noch vertieft hätte, aus Geldrücksichten ein.
So gelangte er auf dem Umwege der Psychoanalyse dazu, die Allü-
ren eines jugendlichen Lebemannes mit der Bescheidenheit eines
alternden Philisters zu vertauschen, ein Vorgang, der so vielen
anderen ohne diese ärztliche Nachhilfe gelingt. Allenfalls bewei-
sen aber Fälle wie dieser, dass der Mensch beim Altwerden kaum
weniger Klippen zu umschiffen hat, um nicht zu erkranken, als
beim Übergang aus dem Kindesalter in die sexuelle Reife.
Die psychoanalytische Einsicht in Fälle, in denen die Libido-
verarmung und deren Abwehrreaktionen als Folgen der Alters-
veränderung auftreten, wirft auch auf Zustände, in denen diese
Verarmung aus anderen Ursachen aiiftritt, einiges Licht. Ich
denke zunächst an die Folgen der übertriebenen Onanie. Der
Onanismus ist — und der natürliche Sinn des Volkes Hess sich
davon durch keine „Onanieadvokaten'' abbringen — zweifellos
eine Verschwendung von Libido, die nur auf Kosten anderer In-
teressen des Organismus erfolgen kann. Die endlosen Klagen der
Onanisten über „neurasthenische" Störungen werden gewiss
ebenso ihre reale Begründung finden, wie wir nach Freud die
hypochondrischen Organempfindungen auf wirkliche Veränderun-
gen der Lihidoverteilung in den Organen zurückführen müssen;
nur handelt es sich bei der Hypochondrie um Lihidostauung, bei
der Neurasthenie um Libidoverarmung im Organismus. Die die
Onanie begleitenden Depressionszustände, die Verarmungs- und
Versündigungsideen sind aber vielleicht ähnlich wie bei der kli-
makterischen Neurose — der psychische Ausdruck der stattge-
habten Verarmung an Libido und der Schädigung des geliebten Ich
durch die Libidoverschwendung, die „Sünde wider sich selbst."
Psychoneurosen des Rückbil du ngs alters 185
Auch die dem normalen Geschlechtsverkehr folgende trorüber-
gehende Depression, das bekannte „Omne animal triste" könnte
man als Reaktion des Ichs auf die im sexuellen Enthusiasmus viel-
leicht zu weit gegangene Selbstvergesaenheit auffassen, d. b. als
Ausdruck der Besorgnis um das eigene Heil und des narzissti-
schen Bedauerns über den Verlust von Körpersäften. Der Weg
von der Empfindung des Samenverlustes zur Verarmungsidee
führt über die Analerotik, während die Tendenz zum verschwen-
derischen Onanismus und die Ejaculation überhaupt ein Ab-
kömmling der Urethralerotik zu sein scheint. Die postcoitale und
postonanistische organische und psychische Depression wäre dann
die Unlustreaktion aller den Narzissmus konstituierender Ero-
tismen auf die übermässige Inanspruchnahme der Libido durch
eine einzige — hier allerdings die leitende, urogenitale — Zone.
Während ich also die klimakterische Neurose auf einen Konflikt
zwischen Objektlibido und Narzissmus zurückzuführen versuche,
glaube ich, dass bei der postcoitalen und onanistischen Depres-
fiion, nebst diesem, auch ein Konflikt der Autoerotismen innerhalb
des Narzissmus eine Rolle spielt.
Dass nach dem zitierten Sprichwort die Frau von der Regel
der postcoitalen Depression ausgenommen ist (und das Sprich-
wort sagt auch hierin die Wahrheit), konnte zwei Ursachen haben:
erstens vergisst „sich" ja die Frau sogar beim Geschlechtsverkehr
nicht so weit wie der Mann; ihr Narzissmus hindert eine zu weit-
gehende „Emanation" der Libido auf das Objekt; es bleibt ihr also
auch die postcoitale Enttäuschung zum Teil erspart; zweitens
„verliert" sie ja beim Coitus nichts, im Gegenteil: sie wird um
die Hoffnung auf Kindersegen reicher. Hat man sich erst durch
^ Diese vielleicht nur vorläufigen Ideen zum Verständnis der
Hierarchie der Erotiemen" will ich demnächst mit analytisch erforsch-
ten Beispielen aus der Pathologie belegen.
löö S. Ferenczi
i die Erfahrung von der ungeheuren Bedeutung des im wesentli-
I chen immer ganz primitiv-körperhchen Narzissmus überzeugen
lassen, so versteht man die unausrottbare Furcht der Männerwelt
f. vor „Säfteverlust" besser.
1 Die Art, in der mancher neurotische Klimakteriker sein
f schwindendes Interesse für die Aussenwelt mit stürmischer Libido-
; Produktion zu kompensieren sucht, erinnert uns auch an die 0.
I Gros s'sche Auffassung manischer Exaltationszu-
stände. Nach Gross ist die Manie der Effekt einer Art endo-
gener Lustproduktion, die den Zweck hat, Unlustgefühle zu ver-
i decken. Diese manische Lusterzeugung erinnerte mich gelegent-
lich an den Alkoholismus*, nur verschafft sich der Alkoholiker
i den Vergessenheitstrank von aussen, während der Manische solche
Stoffe endogen zu produzieren versteht. Erst wenn der manische
t Rausch verflogen ist und die endogene Lusterzeugung versiegt,
t" kommt die eigentliche Grundstimmung des Manischen: die melan-
\ choIiBche Depression, zum Vorschein. Nach den obigen Erfahrun-
^ gen bei den senilen — oft an Melancholie gemahnenden — neuro-
I tischen Zuständen wäre aber die Möglichkeit in Betracht zu
ziehen, ob nicht auch die nichtsenile melancholische Depressioa
■, (mit dem für sie charakteristischen Versündigungs- und Verar-
L mungswahn) nur die Reaktion des Narzissmus auf die Schädigung
b durch Libidoverarmung ist.
In den allerdings nur wenigen Fallen von melancholischer
Verstimmtheit, die ich analytisch zu studieren Gelegenheit hatte,
steckte hinter den Verarmungsideen immer die Angst vor den
Folgen der Onanie und war der Versündigungswahn der Ausdruck
der konstitutionell mangelnden oder mangelhaft gewordenen
i^ Alkohol und Neurosen, 1911, in „Bausteine zur Psychoanalyse".
I Bd. L S. 145.
Psychoneurosen des Rückbildungsaltere 187
Fähigkeit zur Objektliebe. ^ Auch fand sieh in der Vorgeschichte
meiner Patienten stets ein Krankheitsbild, das man nur als Neur-
asthenie ansprechen kann. Die die Melancholie begleitenden kör-
perlichen Störungen erinnern übrigens z. T. gleichfalls an Krank-
heitserscheinungen der Neurasthenie, so besonders die Schlaflo-
sigkeit, das Müdigkeitsgefühl, die Temperatursenkungen, der
Kopfdruck und die hartnäckige Stuhlverstopfung.
Die der melancholischen Verstimmung zugrundeliegende Ak-
tualneurose ist also möglicherweise nichts anderes als eine ur-
sprünglich von onanistischer Libidovergeudung verursachte —
Neurasthenie, die in derselben Weise den organischen Kern
des manisch-depressiven Irreseins ausmachen könnte wie die
Angstneurose den der paraphreuen Krankheitszuslände.
Die Berücksichtigung der Libidoverteilung im höheren Alter
wird vielleicht auch das so verwirrende Bild der senilen De-
menz dem Verständnis etwas näher bringen. Ausser als Folgen
des senilen Hirnsch wundes, der bis jetzt fast aussehliesBlich be-
rücksichtigt wurde, wird man einen Teil der Symptome als Zei-
chen der senilen Libidoveränderung, andere als kompensatorische
Heilungsversuche, wieder andere als „Resterscheinungen" ausle-
gen müssen (vgl. dazu diese Art Gruppierung der paraphrenischen
Symptome durch Freud in seiner „Einführung des Narziss-
mus")- Es kommt mir z. B. sehr plausibel vor, dass der auffällige
Verlust der Merkfähigkeit für neue Sinneseindrücke, bei
Erhaltenbleiben alter Erinnerungen, nicht durch histo-pathologi-
sche Veränderungen des Gehirns verursacht ist, sondern eine
" Vgl. damit auch Abrahams analyliBche Untersuchungen über
Manisch - DepreBsive. Auch dieser Autor hebt die mangelhafte Anleh-
nungsfähigkeit der Manisch - Depressiven hervor. (Ansätze zur paycho-
analytischen ErforBchung und Behandlung des man.-depr. Irreseins.
— Ztbl. für Psychoanalyse, IL p. 306.)
'
188 S. Ferenczi
Folge der Verarmung an verfügbarer Objektlibido ist: die alten
Erinnerungen verdanken ihre Reproduzierbarkeit dem lebhaften
Gefüniston, der ihnen — als Rest der seinerzeit noch unvermin-
derten Objektlibido — - auch dann noch assoziiert bleibt, wenn
das aktuelle Interesse für die Aussenwelt zur Erwerbung bleiben-
der Erinnerungen nicht mehr ausreicht.
Jedenfalls verschwindet infolge der grob anatomischen und
der psychischen Altersveränderungen in der senilen Demenz ein
grosser Teil jener Differenz zwischen dem Niveau der Ich-Inter-
essen und der Libido, die bei der klimakterischen Neurose die
Verdrängung und die damit zusammenhängende Symptombildung
veranlasst. Bei den Dementen sinkt auch die Intelligenz auf jene
tiefere Stufe zurück, auf die beim Älters-Neurotikcr nur die Li-
bido regrediert. So kommt es bei ihnen zu jenen unverhüllten
Durchbrüchen des sonst Verdrängten, die Swift von seinem
Gulliver hei den Struldbruggs beobachten Hess. Unter
den Struldbruggs soll es Leute geben, die nicht sterben können
und zum ewigen Leben verurteilt sind. Diese werden „melancho-
lisch und niedergeschlagen, und diese Stimmung steigt bis zum
achtzigsten Jahre". Nach Erreichen dieses Alters verliert sich
die Depression, dafür werden sie „nicht allein eigensinnig, höl-
zern, habgierig, mürrisch, eitel und geschwatzig, sondern auch der
Freundschaft unfähig und für jede natürliche Neigung erstorben".
«Neid und ohmächtige Begierde sind ihre überwiegenden Leiden-
schaften." „Sie erinnern sich nur an diejenigen Dinge, die sie in
ihrer Jugend und in ihrem Mannesalter beobachteten." „Jene un-
ter ihnen, welche ganz kindisch werden, besitzen aber viele der
schlechten Eigenschaften, die man bei den Übrigen findet, nicht."
Die Äusserungen der psychischen Konflikte heim Altwerden,
sowie ihrer schliesslichen Ausgange sind in dieser Beschreibung
treffend geschildert.
1
Zur Psychoanalyse der paralytischen
Geistesstörung
Theoretisches
r
*' - - (1922)
Man kann sich dem Problem der paralytischen Geistesstörung
psychoanalytisch von verschiedenen Punkten her nähern; die Be-
ziehung körperlicher Krankheiten zu den Geisteszuständen über-
haupt scheint mir der geeigneteste Ausgangspunkt zu sein. Was
uns die deskriptive Psychiatrie hierüber lehrt, Hesse sich in einer
Variante der banalen Redensart „mens sana in corpore sano"" zu-
sammenfassen. Es gibt, heisst es da, Geistesstörungen, die als un-
mittelbare Folgen körperlicher Krankheiten oder Verletzungen
auftreten. Über das „Wie" des Zusammenhanges Hess uns die
vor-Freudsche Psychiatrie ganz im. unklaren. Auch die Psycho-
analyse interessiert sich für diese Frage erst seit der „Einführung
des Nar zissmus".* Eines der Motive, die Freud bestimm-
ten, den Narzissmus, die libidinöse Beziehung zum eigenen Ich,
nicht wie bisher als eine seltsame Perversion, sondern als eine
allgemeinmenschliche Tatsache hinzustellen, war das psychische
^ Freud, GeB. Sehr. Bd. VI.
190 S. Ferenczi
t
L
Verhalten der Menschen zu Zeiten körperlicher Invalidität.^ Der
kranke Mensch zieht sein Interesse und seine Liebe von den Ob-
jekten der Umwelt zurück und verlegt sie mehr- minder aus-
schliesslich aufs eigene Selbst oder auf das erkrankte Organ. Er
wird „narzisstisch", das heisst durch die Krankheit auf eine Ent-
wicklungsstufe zurückgeworfen, die er einstmals in der Kindheit
durchmachte. In Fortführung dieses Gedankens schilderte dann
der Autor dieses Abschnittes^ das Krankheitabild der P a t h o-
n e u r o s e, jener speziellen narzisstischen Neurose, die die Er-
krankung oder Verletzung lebenswichtiger oder vom Ich hochge-
schätzter Körperteile oder Organe, besonders der erogenen Zonen
zur Folge haben kann. Die Lehre von den Pathoneurosen gipfelt
in dem Satze, dass nicht nur im Ich im allgemeinen, sondern im
erkrankten Organe selbst (oder in dessen psychischer Repräsen-
tanz) Libidoquantitäten aufgespeichert werden können, denen
auch bei den organischen Regenerationa- und Heilungstendenzen
eine Rolle zuzuschreiben sein dürfte. Eine Bestätigung fand diese
Annahme durch gewisse Beobachtungen bei den traumatischen
Neurosen der Kriegszeit.* Es wurde festgestellt, dass eine Erschüt-
terung, die mit gleichzeitiger schwerer Verwundung einherging,
keine oder nur eine viel geringergradige traumatische Wirkung
zurückliess als eine solche ohne Körperverletzung. Diese anschei-
nend paradoxe Tatsache wird erst erklärlich, wenn man annimmt,
dass die durch das Trauma mobilisierte narzisstische Libido, die
die Psychoanalyse als die Ursache der traumatischen Neurose hin-
t Freud führt die Würdigung des Kraukheitsmotivs auf eine
mündliche Anregung des Autors zurück.
\ rerenczi: „Über Pathoneurosen" in „Bausteine zur Psychot.
[ analyse". Bd. III. S. 80.
f „Zur Psychoanalyse der Kriegeneurosen" mit Beiträgen von
■ Freud, Ferenczi, Abraham, S im mel und Jones. Intern. Psa.
;, Bibliothek Nr. 1, 1919.
...
Zur Psychoanalyse der paralytischen Geistesstörung 191
stellt, bei gleichzeitiger Verwundung zum Teil „pathoneurotiech"
verwendet, an das verletzte Organ gebunden wird, so dass sie
nicht mehr frei flottieren, nicht neurosogen wirken kann. Schliess-
lich kann hier noch zweierlei vorgebracht werden, erstens, dass die
Verletzung oder Erkrankung erogener Zonen schwere psychoti-
sche Erkrankungen zur Folge haben kann — nach Anschauung
des Autors sind zum Beispiel die Puerperalpsychosen eigentlich
solche Pathopsychosen — ; sodann, dass, wie dies auch Freud
hervorhebt, schwere narzisstische Psychosen rein psychogener
! Natur, z. B. Melancholien, infolge einer interkurrenten organi-
schen Krankheit, die die überschüssige Libido bindet, oft unver-
muteterweise ausheilen.
Alle diese unserem Thema scheinbar fernliegenden Tatsachen
werden hier zitiert, weil der Versuch gewagt werden soll, zumin-
dest einen Teil der Symptome der paralytischen Geistesstörung
als Symptome einer zerebralen Pathoneurose, als neu-
rotische Reaktion auf die Schädigung des Gehirns, respektive
seiner Funktionen darzustellen.
Es fällt natürlich niemanden ein, die primordiale Rolle und
Bedeutsamkeit der rein körperlichen Symptome der Paralyse, der
Lähmungen und Reizerscheinungen auf motorischem, sensiblem
und sensorisehera Gebiete zu unterschätzen; es wird auch zuge-
geben, dass ein grosser Teil der psychischen Funktionsstörungen
als Ausfalls- oder Keizerscheinung, als unmittelbare Folge des or-
ganischen Prozesses anzusprechen ist. Es wird dem nur hinzuge-
fügt, dass ein anderer, vielleicht nicht minder bedeutsamer Teil
der psychischen Symptome eigentlich der psychischen Be-
wältigung der durch die zerebrale Läsion mo-
bilisierten Libidoinenge entspricht.
Der in die neuere Literatur der Psychoanalyse nicht Einge-
weihte wird hier sicherlich erstaunt fragen, was denn die Erkran-
kung des Gehirns mit der Libido zu tun hätte; das Gehirn sei doch
192 S. Ferenczi
keine „erogene Zone", dereu Verletzung eine Pathoneuroee im
obigen Sinne provozieren könnte. Dieser Einwand lässt sich aber
leicht widerlegen. Denn erstens glauben wir im Sinne der „Sexual-
theorie", dase es kein Körperorgan gibt, dessen Erregung oder
Erschütterung nicht auch die Sexualität in Miterregung brachte;
sodann liegen besondere Gründe zur Annahme vor, dass gerade
das Gehirn und seine Funktionen sich einer besonders hohen nar-
zisstisch-libidinösen Besetzung, respektive Wertschätzung erfreuen.
Denn gleichwie die peripheren erogenen Zonen im Laufe der Ent-
wicklung auf den grÖssten Teil ihrer Selbstbefriediguug zugunsten
der führenden (genitalen) Zone verzichten, so dass leztere das
Primat über alle anderen übernimmt, so wird auch das Gehirn bei
der Entwicklung zum Zentralorgan der Ichfunfctio-
n e n.^ „Es war vielleicht das bedeutendste Ergebnis der auf Ar-
beitsteilung zielenden organischen Entwicklung, dass es einerseits
zur Differenzierung besonderer Organsysteme kam, die die Reizbe-
wältigung und -Verteilung zur Aufgabe haben (psychischer Appa-
rat), und andererseits besonderer Organe zur Abfuhr der sexuellen
Erregungsmengeu des Organismus (Genitalien). Das Organ der
Reizbewältigung kommt in immer engere Beziehung zu den Ich-
trieben, das Genitale dagegen... wird zum erotischen Zentralorgan."*
Während aber das Genitale, das der ObjektÜebe geweihte ExekM-
tivorgan, den sexuellen Charakter auffällig zur Schau trägt, Ist
der narzisstisch-libidinöse Unterton, der alle unsere höheren psy-
chischen Akte im Sinne eines nicht mehr rationellen „Selbstge-
fühles" oder „Selbstbewusstseins" begleitet, nur aus gewissen psy-
chopathologischen Vorgängen zu erschliessen.
Unsere Vermutung gebt nun dahin, dass die metaluetische
* Schopenhauer bezeichnet den Intellekt und sein Organ, das Gehirn,
als Gegenpol zur Sexualität und ihrem Organ.
'^ Ferenczi; „Hysterische Materialisationsphänomene" in „Bau-
steine zur Psychoanalyse". Bd. III. S, 129.
Zur Psychoanalyse der paralytischen Geistesstörung 193
Gehirnaffektion, indem sie das Zentralorgan der Ichfunfctiouen
angreift, nicht nur „Ausfallserscheinungen", sondern nach Art
eines Traumas auch eine Gleichgewichtsstörung im narziastischen
Libidohaushalt provoziert, die sich dann in Symptomen der pars-
lytischen Geistesstörung äussert.
Diese Vermutung hat natürlich nur dann auf einigen Glauben
Anspruch, wenn sie dazu beiträgt, die einzelnen Symptome der
Paralyse sowie den Gesamtverlauf der Krankheit für uns ver-
etändlicher zu machen. Die typischen Stadien der Paralyse müs-
sen darum diesbezüglich einer neuerlichen Prüfung unterzogen
werden.
Im grossen und ganzen können wir uns auch heute noch an
das von B a y 1 e vor hundert Jahren gegebene Schema halten,
nach dem der Ablauf der Paralyse aus den Stadien der initia-
len Depression, dermaniakalischen Erregung,
der paranoiachen Wahnbildung und der termina-
len Demenz zusammengesetzt ist.
Die Paralyse setzt oft mit Symptomen ein, die auf den Kran-
ken den Eindruck einer „Neurasthenie" machen, welcher Gesamt-
eindruck sich aus den Anzeichen von herabgesetzter körperlicher
und psychischer Leistungsfähigkeit zusammensetzt. Dies ist wohl
auch das einzige Stadium des Leidens, das ausschliesslich durch
Ausfallserscheinungen gekennzeichnet ist, und gerade dieses bleibt
sehr häufig unbeachtet; kommen doch die Kranken zumeist in
einem späteren, bereits durch Kompensationsbestrebungen cha-
rakterisierten Zustand in ärztliche Behandlung. Aus den zahl-
reichen Symptomen dieser „neuras thenischen" Periode heben wir
die sehr häufig zu beobachtende Herabsetzung der Genitallibido
und Potenz hervor; wir können dieses Symptom, gestützt auf Er-
fahrungen bei anderen Krankheiten, besonders bei den traumati-
schen Neurosen, getrost als Zeichen der Abziehung des libidinö-
sen Interesses von den Sexualobjekten auffassen; auch bereitet
Ferpnczi, Bausteine zur Psychoanalyse. III. 13
194 S. F
erenczi
uns dieees Krankheitszeichen darauf vor, dass die den Objekten
entzogene Libidomenge in irgend einer anderen Verwendung wie-
der auftauchen wird/ ,
Auf die Bestätigung dieser Erwartung braucht man nicbt
lange zu warten. Bei den depreeeiveu Formen der Paralyse treten
oft unmittelbar nach diesem Initialstadium absonderliche hypo-
chondrische Sensationen im ganzen Körper auf. Die
Patienten klagen, dass ihnen ein Stein im Magen Hege, dass der
Kopf ein leerer Hohlraum geworden sei, dase ihr ganzer Körper
fortwährend von Würmern geplagt, ihr Glied abgenagt sei usw.
Nun bekennen wir uns bezüglich der Hypochondrie zur Freud-
schen Ansicht, wonach diese eine narzisstische Aktual-
n e u r o s e und als solche auf die peinlich wirkende Aufspeiche-
rung narzisstischer Libido in den Körperorganen zurückzuführen
18t. Es ist dem nur hinzuzufügen, daes es Hypochondrien nicht
nur bei Personen gibt, deren Organe im anatomischen Sinne un-
verletzt sind — denn das ist der Fall bei der gewöhnlichen neuro-
tischen Hypochondrie — , sondern auch im Anschluss an wirkliche
Verletzungen und Erkrankungen, wenn die als „Gegenbesetzung*'
des organischen Prozesses mobilisierte Libidomenge die von den
Heilungstendenzen erforderte Höhe übersteigt und psychisch be-
wältigt werden muss. Dass aber ist gerade bei den Pathoneurosen
der Fall; das Aufflackern des hypochondrischen Syndroms hei der
depressiven Paralyse ist also ein nicht zu verachtendes Argument
für die pathoneurotische Grundlage der paralytischen Geistes-
störung. — Das neurasthenisch-hypochondrische Aufangsstadium
Gegen die Annahme, dass die Potenzstörung rein anatomisch,
etwa durch Degenerationsprozesee in den nervösen Zentren der Erektion
und Ejakulation oder in den Leitungsbalincn zu erklären sei, sprechen
später auftretende Exaltationszustäade und die Zustände der Hemissioa,
in denen die Potenz des Mannes und das ihr adäquate Sexualempfinden
der Frau in juveniler Stärke wiederkehren kann.
{'■
Zur Psychoanalyse der paralytischen CeistesetöruDg 195
bleibt in recht vielen Fällen latent und die Kranken kommen —
wie das besonders von H o 1 1 6 s betont wird — meist bereits in
einem Stadium übermässiger Geschäftigkeit, mit wiedererwachter
Libido und Potenz euphorisch in die ärztliche Behandlung.
Diese Euphorie und dieses gesteigerte Interesse für die Umwelt,
nicht zu guter Letzt für die Objekte der Sexualität, ist aber nur
ein Versuch, die narzisstisch-hypochondrische Unlust durch
krampfhafte Objektbesetzung zu überkompensieren. In Wirklich-
keit schimmert der hypochondrische Grundton zeitweilig durch
die infolge der gesteigerten Körperfunktionen gehobene Stimmung
des Kranken gut kenntlich durch, so dass es nicht schwer fällt,
diese Euphorie als eine „Hypochondrie mit positivem
Vorzeichen" zu entlarven.
Die Symptome dieser beiden Vorstadien, die, wie gesagt, nicht
in jedem Falle deutlich zur Entwicklung gelangen müssen, spielen
sich noch hauptsächlich auf organisch-physiologischem Gebiete ab
und ziehen die Psyche nur insoferne in Mitleidenschaft, als diese
auf die pathoneurothische Hypochondrie mit übertriebener Un-
lust, auf die gelungene euphorische Überkompenaation mit Lust-
gefühlen reagiert. Diese zwei Vorstadien verdienen als Stadien
der paralytischen Aktualpsychose vom späteren,
Bich meist auf psychischem Gebiete abspielenden psychotischen
überbau isoliert zu werden.*
Die paralytische Aktualpsychose setzt sich also aus Sympto-
men zusammen, die sich zum Teil auf Libido-Entleerung, respek-
tive krampfhafte Wiederbesetzung der Objekte, zum Teil auf eine
^ Die psychogene Hypochondrie (der Schizophreoen) entsteht nach
Freud, wenn die psychisch nicht zu bewältigende narzisstische Libido
eich an ein Organ haftet. Bei der pathoneurotiechen Hypochondrie nines
die vom organischen Prozess nicht genügend gebundene narzisstische
Libido psychisch bewältigt werden.
196 S. Ferenczi
von der organischen Läsion provozierte pathoneurotisch-narzisBti-
sche Libidosteigerug zurückführen lassen.
Die euphorische Stimmung hält bei den Kranken zumeist
nicht lange vor. Wenn eich die Anzeichen der körperlichen und
geistigen Insuffizienz steigern und mehren, wenn schliesslich die
einfachsten und selbstverständlichsten Fähigkeiten des Ichs, re-
spektive des Organismus Schaden leiden, Dysarthrie, Sphinkter-
paresen usw. und intellektueller Verfall sich bemerkbar machen,
kommt es zur Entfaltung einer förmlichen paralytischen
Melancholie mit Schlaflosigkeit, Selbstvorwürfen, Selbst-
mordneigung, Essunlust und Abmagerung, die sich von der psycho-
genen Melancholie manchmal nur durch das Vorhandensein der
unheilvollen körperlichen Zeichen der Gehirnerkrankung unter-
scheidet.
Es liegt kein Grund vor, die Gültigkeit der psychoanalyti-
schen Theorie, in der es Freud als erstem gelang, den Mecha-
nismus und die psychische Ökonomie der psychogenen Melan-
cholie verständlich zu machen,^ nicht auch bei der paralytischen
zu verwerten.
Diese psychogene Melancholie ist nach dieser Theorie eine
narzisstische Psychose; ihre Symptome sind der psychische Aus-
druck jener grossen Verwundung und Libidoverarmung, die das
Ich des Kranken durch den Verlust oder die Werteinhusse eines
Ideais, mit dem es sich vollkommen identifizierte, getroffen hat.
Die Traurigkeit ist die unbewusste Trauer über diese Entwertung,
die Selbstanklagen sind eigentlich Anklagen, hinter der Selbst-
mordneigung verstecken sich Mordimpulse gegen das frühere Lie-
besobjekt, respektive gegen den mit jenem Objekt identifizierten
Teil des eigenen Selbst. Ein anderer Teil der Symptome erklärt
S. Freud : ..Trauer und Melancholie." Ges. Sehr. Bd. V.
Zur Pgychoanalyee der paralytischen Geistesstörung 197
ßich aus der Regression der Libido auf archaische Organisations-
etufen (Oralerotik und Sadismus).
Die Frage, ob es nur solche „Identifizierungsmelancholien"
gibt oder auch Melancholien infolge unmittelbarer Schädigung
des Ichs selbst, lässt Freud offen.
Meine Ansicht geht nun dahin, dass es sich bei der paralyti-
schen Melancholie um eine solche Psychose infolge direkter Ich-
verletzung handelt, deren Symptome: die Traurigkeit, die Seibat-
vorwürfe und die Selbstvernichtungstendenzen, einem Teile
des Selbst gelten, das infolge der Gehirnkrank-
heit seine frühere Leistungsfähigkeit und
Tüchtigkeit verlor, was das Selbstgefühl des Kranken
tief erschüttert, seine Selbsteinschätzung herabsetzt. Der paraly-
tische Melancholiker betrauert den Verlust des bereits
erfüllten Ichideals.
Solange die Ausfallserscheinungen nur einzelne periphere
Organe betrafen, konnte sich der Paralytiker psychisch mit einer
pathoneurotischen Hypochondrie oder gar mit reaktiver Euphorie,
also immerhin noch „aktual neu rotisch", aus der Affäre ziehen.
Wenn aber der Destruktionsprozess auf die höchstgeschätzten Lei-
stungen des Ichs, den Intellekt, die Moral, die Ästhetik, übergreift,
muss die Selbstwahrnehmung eines solchen Verfalle das Gefühl der
Verarmung um den ganzen Betrag narzisstischer Libido nach sich
ziehen, der nach unserer obigen Andeutung an die Tadellosigkeit
der höheren geistigen Funktionen geknüpft ist.
Eine von den Objekten zurückgezogene Libidomenge kann
sich noch ans Ich heften, und diese IchvergrÖsserung kann vor
Erkrankung schützen; selbst die Verstümmelung des Körpers, der
Verlust ganzer Gliedmassen oder Sinnesorgane braucht durchaus
nicht zur Neurose zu führen; solange die Libido sich an dem Wert
der eigenen seelischen Leistungen sättigt, kann jeder körperliche
Mangel mit Philosophie, mit Humor oder Zynismus, ja mit Stolz,
198 S. F
erenczi
Trotz, Hochmut oder Hohn überwunden werden. W^oran aher
soll sich die Libido klammern, wenn sie von den Objekten längst
zurückgezogen, an den Leistungen des gebrechlich und untüchtig
gewordenen Organismus kein Genügen findet und nun auch aus
ihrem letzten Schlupfwinkel, der Selbstachtung und der Hoch-
sehätzung des geistigen Ichs, vertrieben wird. Das ist das Problem,
das an den armen Paralytiker herantritt, mit dem er in der melan-
choliechen Phase zu kämpfen hat.^'^
Mancher „mikromanische" Paralytiker wird mit dieser
Trauerarheit bis zu seinem Tode nicht fertig, der andere grössere
Teil der Kranken versteht es aber, sich dieser Trauer durch einen
manisch-grÖBsenwahnsinnigen Reaktionsme-
chaniemus oder — seltener — mittels der halluzinatorischen
Wunschpsychose zu entledigen.
Die im vorigen Abschnitt mitgeteilten Beobachtungen zeigen
ans die Kranken zumeist mit dieser Abwehrarheit beschäftigt,
also in maniBch-halluzinatorischem Zustande; kommt doch eine
sehr grosse Zahl von Kranken erst in diesem Stadium in die An-
stalt. Während aber die „aktualpsychotische" und auch die de-
pressiv-melancholische Phase oft latent bleibt und rasch vorüber-
Dass das körperliche Ich leichter preiBgegeben, also weniger hoch-
geschätzt wird als das geistige, dafür spricht die alltägliche psychoana-
lytische Beobachtung, dags weibliche Patienten, die sich ohne weiteres
von einem Frauenarzt genital untersuchen lassen, oft wochenlang zaudern,
bis BJC ßich entschlieesen, dem Psychoanalytiker etwas von ihrem Sexual-
leben zu erzählen. „II y a des choscs qui se foot, mals qui ne se disent
paa. ' Auch der Katatoniker im Zustande der flexibüitas cerea lässt alles
mit seinem Körper geschehen, der für ihn ebenso gleichgültig geworden
ist wie die Aussenwelt; sein ganzer Narzissmus zieht sich auf das geistige
Ich zurück, das gleichsam die Zitadelle ist, die noch verteidigt wird,
wenn schon alle Aussen- und Innenforts verloren sind. Vergl. dazu den
Aufsatz „Psychoanalytische Betrachtungen über den Tic" in „Bausteine
zur Psychoanalyse". Bd. I. S. 193.
Zur Psychoanalyse der paralytischen Geistesstörung 199
geht, von der Umgebung euphemistisch als „Stimmungsschwan-
kung" ausgelegt wird, lassen die lärmenden und andauernden
Symptome des paralytischen Grössenwahns über die Schwere der
ausgebrochenen Geisteskrankheit keinen Zweifel mehr auf-
kommen.
Mit einem Wort, wir folgen auch bei der psychoanalytischen
Deutung der raanisch-grössenwahnsinnigen Symptome der Para-
lyse jener Freud sehen Theorie der psychogenen Manie, nach
der diese eigentlich einen Triumph über die melancholische
Trauer bedeutet, erzielt durch die Auflösung des durch Identifi-
zierung veränderten (und wegen der Entwertung betrauerten und
verhassten) Ichideals im narzisstischen Ich."
Bei der psychogenen Manie ist uns dieser Vorgang verständ-
lich; der Patient braucht nur die Identifizierung mit einem frem-
den Objekt (Person) aufzugeben und die zur Bewältigung der
Trauer um diese Person mobilisierte „Gegenbesetzung" wird zur
manischen Verwendung frei; das narzisstische Ich kann sich, un-
gestört von den Forderungen des Ideals, wieder glücklich fühlen.
Wie geht das aber bei der paralytischen Melancholie zu? Kann
man sich denn auch von integrierenden Bestandteilen des eigenen
Ichs wenn sie unmittelbar durch die Krankheit entwertet wurden,
befreien? Die in der obigen Notiz angeführte Tatsache, die „Se-
questration" des Körpers aus dem Ich bei gewissen Katatonien,
lässt die Erwartung gerechtfertigt erscheinen, dass ein solcher
Vorgang auch tiefer greifen, auch Anteile des geistigen Ichs betref-
fen kann. Nach der hier vertretenen Auffassung geschieht dies
bei der Paralyse mit Hilfe der Regression auf frühere
Stufen der Ichentwicklung.
Es ist unvermeidlich, hier den Entwicklungsweg des Ich8, se-
il S. Freuds diesbezügliche Ausführungen in seiner „Trauer und
Melancholie", Ges. Sehr. Bd. V und in seinem Werke: „Massenpsychologie
und Ichaoalyse", Ges. Sehr. Bd. VI.
weit er für den Psychoanalytiker fassbar geworden ist, kurz zu
rekapitulieren. Der Mensch kommt mit der Erwartung jener be-
dingungslosen Allmacht zur Welt, zu der ihn die vor jeder Unlust
gesicherte wunschlose Existenz im Mutterleibe berechtigt. Die
Pflege, die dem Neugeborenen zuteil wird, ermöglicht ihm auch,
den Schein dieser Allmacht zu wahren, wenn er sich nur gewissen,
anfangs belanglosen Bedingungen, die ihm von der Umwelt auf-
gezwungen werden, fügt. So kommt es zur Entwicklung der Stu-
fen der halluzinatorischen Allmacht, spater der Allmacht mit
Hilfe magischer Gebärden und Gesten. Dann erst kommt es zur
Herrschaft des „Realitätsprinzips", zur Anerkennung der Gren-
zen, die den eigenen Wünschen von der Wirklichkeit gesteckt
sind.^^ Die Anpassung an die Kultur erfordert aber noch mehr
Verzicht auf narzisstische Selbstbehauptung, als die uotgedrun-
gene Anerkennung der Realität. Die Umwelt verlangt vom Er-
wachsenen nicht nur, dass er logisch, sondern auch dass er auf-
merksam, geschickt, klug, weise, dazu noch moralisch und ästhe-
tisch wird, sie versetzt ihn sogar in Situationen, wo er sich opfer-
willig, ja heldenhaft betragen soll. Diese ganze Entwicklung vom
primitivsten Narzissmus bis zu der von der Gesellschaft (wenig-
stens theoretisch) geforderten Vollkommenheit geschieht nicht
ganz spontan, sondern unter steter Leitung der Erziehung. Wenn
wir aber den Ideengang Freuds über die Rolle der Idealbil-
dung bei der Ichentwicklung*^ auf diesen ganzen Entwicklungs-
prozees ausdehnen, so lässt sich die Erziehung der Kinder und
der Jugendlichen als eine fortgesetzte Reihe von Identifizierungen
mit den zum Ideal genommenen Erziehern beschreiben. Im Laufe
dieser Entwicklung nehmen die Ichideale mit den von ihnen
^^S. Fercnczi: „Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes" in
„Bausteine zur Psychoanalyse". Bd. I. S. 62.
^' S. Freud: „Zur Einführung des Narzissmus** und „Maasen-
jiByrhoIogie und Ichanalyse". Ges. Sehr. Bd. VL
Zur Psychoanalyse der paralytischen Geistesstörung 201
'i!
geforderten Verzichten und Entsagungen einen immer breiteren
Raum ein, sie sind nach Freud jener „I c h k e r n", der sich \',
als Subjekt gebärdet, das narzisstlsch gebliebene restliche Ich zum
Objekt seiner Kritik macht und die Institutionen des Gewissens,
der Zensur, der Realitätsprüfung, der Selbstbeobachtung errich-
tet. Jede neue Fähigkeit oder Fertigkeit, die man erreicht, be-
deutet die Erfüllung eines Ideals und verschafiFt nebst dem rein
praktischen Nutzen auch narzisstische Befriedigung, die Erhöhung
des Selbstgefühls, das Wiedererlangen der durch die unerfüllten
Idealforderungen geschmälerten Ichgrösse.
Selbstverständlich muss sich auch die den Objekten zugewen-
dete Libido eine gewisse, wenn auch nicht so strenge Erziehung
gefallen lassen und zumindest auf grobe Verstösse gegen die Se-
xualmoral (Inzest, ein Teil der Perversionen) verzichten lernen;
auch die Objektliebe muss also „ichgerecht" werden, sich den
Gesichtspunkten der Nützlichkeit und der narzisstischen Selbst-
achtung unterordnen.
Wenn nun infolge der paralytischen Gehirnkrankheit wesent-
liche Produkte dieser Entwicklung zerstört werden, wenn die
Selbstbeobachtung dem Ichkern die Meldung erstattet, dass nicht
nur wertvolle körperliche Fertigkeiten, sondern auch hÖchstge-
Bchätzte geistige Fähigkeiten zugrunde gehen, antwortet der Ich-
kern auf diesen Verlust an Eigenwert mit der oben kurz geschil-
derten paralytischen Melancholie. Wenn aber der Schmerz dar-
über unerträglich wird — und das wird er in den allermeisten
Fällen — so steht dem Narzissmus der Weg offen, auf Ent-
wicklungsperioden zu regredieren, die für ihn
einstmals trotz ihrer Primitivität ichgerecht
waren. Gelingt es dem Kranken, die ihm von der Kulturer-
ziehung auferlegten Ideale aufzugeben und Erinnerungen an pri-
mitiv-narzisstische Betätigungs- und Befriedigungsarten regressiv
zu beleben, so ist sein Narzissmus wieder in sicherem Hort und
202 S. Ferenczi
der progressive Niedergang seines wirklichen Wertes kann ihm
nichts mehr anhaben. Wenn dann der paralytische Prozess immer
tiefer greift, gleichsam von der Rinde her alte Jahresringe des
Lebensbaumes annagt, den Kranken auf immer primitivere
Funktionen beschräukend, so schleicht die narzisstische Libido
diesen Zuständen regressiv immer nach, und das kann sie, da es
doch eine juvenile und infantile Vergangenheit gab, in der der
Mensch trotz seiner Unbeholfenheit sich selbstzufrieden, ja mehr
noch: allmächtig fühlen durfte.
Die manisch-grössenwahttsinnige (scheinbar oft primär ein-
setzende) Phase der Paralyse ist also eine stufenweise
Regression der narzisstischen Libido zu den
überwundenen Ichentwicklungsstufen. Die Para-
lysis progressiva ist vom psychoanalytischen Standpunkte gesehen
eigentlich eine Paralysis regressiv a.
So kommt es nacheinander zur Wiederbelebung juveniler und
schliesslich auch infantiler Arten der Realitätsprüfung und der
Selbstkritik, zu immer naiveren Formen der Allraachtsphantasien,
verzerrt durch Rudimente der gesunden Persönlichkeit (wie sie
Freud auch bei der schizophrenen Grössensucht aufzeigte) und
zeitweilig unterbrochen durch luzide Intervalle der Depression,
in denen die stattgefundene Zerstörung wenigstens zum Teil für
die Selbstwahrnehmung erkennbar wird.
Am deutlichsten kommt der hier skizzierte Entstehungs-
mechanismus der paralytischen Psychose in den zyklisch ver-
laufenden Fällen zum Ausdruck. Hier wechseln tiefe melancho-
lische Depressionen, provoziert durch die psychische Bewältigung
des schubweise fortschreitenden Zerstörungsprozesses, mit Zu-
ständen manisch-gesteigerten Selbstgefühls, also mit gelungenen
Selbstheilungsperioden ah. Die Depression ist der Weltunter-
gang, den der Ichkern bei der Wahrnehmung der Entwertung des
Gesamt-Ichs konstatieren muss, wahrend die manisch exaltierten
Zur Psychoanalyse der paralytischen Geistesstörung 203
„W iedergeburten" uns anzeigen, dass es dem Ich gelungen
ist, mit Hilfe der Regression auf primitivere Befriedigungssitua-
tionen das Trauma der Libidoverarmung zu überwinden und die
verlorene Selbstgefälligkeit wiederzufinden.^*
Es bewahrheitet sich hier wiederum Freuds Voraussage,
dass die Analyse der Psychosen auch auf dem Gebiete der Ich-
psychologie ähnliche Konflikts- und Verdrängungsmechanismen
unter den Ichelementen nachweisen wird, wie sie sich uns hei den
Ütertragungsneurosen zwischen Ich und Objekt enthüllt haben.
Der „Sequestrationsprozess", das Unwirksamwerden der stattge-
habten Ichverletzung in der manischen Phase, ist der neurotischen
Verdrängung, dem Unbewusstwerden einer Libidoversagungssitua-
tjon seitens des Objekts vollkommen analog. Dies kann natürlich
nur mit Hilfe von „Rekompensen" (T a u s k) gelingen, von Ent-
schädigungen, die die Regression auf früheres Glück für das ver-
lorene Glück der Gegenwart bietet.
Betrachtet man die Symptome des paralytischen Grössen-
wahns von diesem Gesichtspunkte aus, so werden sie jedenfalls
verständlicher. Man versteht, warum der Kranke, dessen siecher
Körper für sich wie für andere ein Bild des Jammers sein sollte,
sich nicht nur ganz gesund fühlt, sondern noch eine Panazee ge-
gen alle Krankheiten erfindet und den Menschen ewiges Leben
schenkt; auf d e r psychischen Stufe, auf die sein Ich regredierte,
genügt ja dazu das Vorsichhinsummen magischer Worte oder die
Ausführung magischer Reibbewegungen. Die Fähigkeit zur hallu-
zinatorischen oder illusionären Regression gestattet ihm, trotzdem
er nur einen Zahn im Munde hat, sich mit mehreren Reihen präch-
tiger Zähne ausgerüstet zu fühlen; trotz seiner evidenten Impo-
tenz kann er sich rühmen, der Erschaffer alle r Menschen zu sein,
"Dr. Hollös meint, dass Zerstörungsprozesae des Gehirns, Ge-
websverluste: Libidoverarmung, die Restitutionsprozesse dagegen Li-
bidozuwachs im Organ bedeuten.
•1,
204 S. F
erenczi
er braucht ja nur zu den extrageuitalen Sexualtheorien seiner
Kindheit zurückzugreifen, um dieses Wunder zu vollbringen. Die
kolossale Einbusse an geistigem Wert verursacht ihm keinen
Schmerz mehr, es ist ihm ja gelungen, für das Verlorene in ar-
chaischen, oralen und analen Befriedigungen {Fress-Sucht, Kot-
echmieren) Entschädigung zu finden.
Vermag die halluzinatorische Magie die Wahrnehmung des
Verfalle der Individualität nicht zu bannen, so projiziert er ein-
fach alles Unangenehme „auf seinen Kompagnon" oder seque-
striert seine ganze leibliche Existenz aus seinem Ich und behaup-
tet, „jener" (sein kranker Körper) sei ein kranker Christ, e r aber
sei der König der Juden, der mit Riesensummen um sich werfen,
mit kolossalen Dimensionen prahlen kann. So wird mancher
Kranke, wie dies Hollös beobachtet hat, sukzessive Graf, Prinz,
König und Gott. Jede reale Einbusse wird durch Rangerhöhung
wettgemacht.*''
Mag er durch einfache Rechnung, zu der er ja noch intellek-
tuell befähigt sein kann, noch so genau die Zahl angehen, die sich
aus der Summe seines Alters bei der Aufnahme und der in der
Anstalt verbrachten Jahre ergibt: auf die Frage, wie alt er ist,
wird er, dem die Selbstzufriedenheit seines Icha viel wichtiger ist
als jede Mathematik, konsequent das Alter vor dem Niedergang
angeben; die bösen Jahre seit der Erkrankung werden einfach für
nngültig erklärt, gleichwie das Kind in Wordsworths schö-
Das so charakteristische Symptom der Körpergewicht s-
z u D a h m e beim Paralytiker darf man — seil den Beobachtungen
Groddecka, der einen starken psychischen Einfluas auf die Ernäh-
rung der Menschen psychoanalytisch erwies — als körperlichen Ausdruck
der angestrebten „Ichvergrösserun g", also des Narzissmus, an-
sehen. Vergleiche dazu die Redensart: „Er hlaht sich vor Stolz." „Auf-
pehlasen." Der Ungar sagt vom Eitlen: „Er wird von Schmeichelreden
fett.'-
Zur Psychoanalyse der paralytischen Geistesstörung 205
nem Gedicht nicht aufhört zu beteuern: „We are seven!" — auch
wenn die Geschwister schon im Kirchhof liegen.
Gleichzeitig mit diesem Niedergang der Pereönlichkeitshöhe
leben der Reihe nach alle überwundenen Stufen der Erotik und
der Libidoorganisation auf; Inzestneigung, Homosexualität, Ex-
hibition, Schaulust, Sado-Masochismus etc. Es ist, als ob der ganze
ProzesB, der im Laufe der Entwicklung zur „polaren Teilung" der
Triebbesetzungen zwischen Ichzentrum (Gehirn) und Genitale
führte, stufenweise rückgängig gemacht und das von solchen „un-
schönen ' RegunTriebbefriedigung oder höchstens die Lenkung der
Triebe."
Diese Gedanken als solche folgen konsequent aus der psycho-
analytischen Betrachtung der Seelenvorgänge und entsprechen
speziell meiner eigenen Überzeugung hierüber; einige Irrtümer
aber, die sie enthalten, dürfen nicht unwidersprochen bleiben.
1. Die Auffassung des Bewusstseinsaktes als rein passive Lei-
stung liegt der psychoanalytischen Theorie nicht nur nicht fern,
sondern galt von jeher als ein allgemein gekannter Bestandteil der-
selben. Schon in der „Traumdeutung", wo Freud zum ersten-
mal die topische Lokalisation der seelischen Funktionen in ,tpsy-
chische Systeme" versuchte, spricht er vom Bewusstsein als von
einem Sinnesorgan für (unbewusst) psychische
Qualitäten, womit der passive Wahrnehmungscharakter des
Bewusstseinaktes klar gekennzeichnet ist. Aber auch das V o r-
bewuBste (das Alexander etwas zu schematisch mit dem
Bewussten vermengt, obzwar letzteres eine neuerliche Über-
besetzung zur Voraussetzung hat) wird von Freud stets als ein
durch auswählende Tätigkeit der Zensur zustandekommendes
System aufgefasst, das sich aus dem tiefer und den Trieben naher-
liegenden Unbewussten durch Hemmung und Niveau-
Erhöbung ergibt.
2. Diese Auffassung ist nicht nur die persönliche Ansicht
Freuds, sondern wird von allen psychoanalytischen Autoren
geteilt. Ich kann mich hier auf eine eigene Arbeit aus dem Jahre
1915 beziehen, die das von Alexander Behauptete nicht nur
J
TT.
Die Psyche ein Hemmungsorgan 215
für das Bewusstsein, sondern für das Psychische überhaupt postu-
liert. Ich will die bezügliche Stelle ausführlich zitieren.^
„Das Mystische und Unerklärliche, das in jedem Willens-
oder Aufmerksamkeitsakte immer noch steckt, schwindet zum
grössten Teile, wenn wir uns zu folgender Annahme entschliessen:
Das Primäre beim Aufmerksamkeitsakte ist die Hemmung
aller Akte mit Ausnahme des intendierten. Wenn alle Wege, die zum
Bewusstsein führen, mit Ausnahme eines einzigen gesperrt wer-
den, so fliesst die psychische Energie spontan, ohne dass hiezu
eine eigene ,Anstrengung' nötig wäre (was überdies auch unvor-
stellbar wäre), in die einzige, offen gelassene Richtung. Will ich
etwas aufmerksam anschauen, so tue ich das, indem ich alle Sinne
mit Ausnahme des Gesichtssinnes vom Bewusstsein absperre, das
gesteigerte Aufmerken bei optischen Reizen kommt dann von
selbst zustande, gleichwie die Steigung des Flussniveaus von selbst
zustande kommt, wenn die mit ihm kommunizierenden Kanäle ab-
gesperrt werden. Ungleiche Hemmung ist also das
Wesen jeder Aktion; der Wille ist nicht wie die Lokomo-
tive, die auf den Schienen dahinbraust, sondern er gleicht mehr
dem Weichensteller, der vor der an sich qualitätslosen Energie —
der eigentlichen lokomotorischen Kraft — alle Wege mit Aus-
nahme eines einzigen verschliesst, so dass sie den einzigen offen
gebliebenen befahren m u s s. Ich vermute, dass dies für alle Arten
von ,Aktionen', also auch für die physiologischen gilt, dass also
die „Innervation" einer bestimmten Muskelgruppe eigentlich nur
aus der Hemmung aller Antagonisten resultiert."
Diese Sätze, die alle psychischen, ja auch die komplizierteren
physiologischen Vorgänge als „Zielhemmungen" primitiver Trieb-
befriedigungstendenzen (den eigentlichen Motoren der Aktion)
r;
^ „Analyse von Gleichmseen" in „Bausteine zur Psychoanalyse"
Bd. II, S. 164.
r-- — I iiij
r
216 S. Ferenczi
auffassen, blieben bisher unwidersprochen, wohl weil sie sich in
die psychoanalytische Theorie gut einfügen.
3. Die von Alexander aufgestellte Behauptung, nach der
Freud „im System Bw oder an seiner Grenze durch die Zensur
eine exquisit aktive Tätigkeit" postuliert, ist nicht richtig.
Auch Freud fasste die Tätigkeit der Zensuren nie anders denn
als Lenkung der Triebe, d. h. als Hemmung primitiver Ablaufs-
weisen auf. Das „Kapital" zu jedem psychischen Unternehmen
liefern auch nach Freud die Triebe, während die höheren In-
stanzen, an sich machtlos, nur für die Anordnung der gegebenen
Triebkräfte sorgen.
4. Nach alledem ist es wohl für jeden zweifellos, dass Freud
auch das Beherrschtwerden der Motilität durch das Vorbewußste
niemals so meinte, als enthielte das Vorbewusste etwa eigene mo-
torische Kräfte, die zur Muskulatur abfliessen, sondern so, dass
das Vorbewusste den Zugang zur Motilität beherrscht, also
gleichwie im oben gebrauchten Bilde der Weichensteller, den aus
tieferen Quellen stammenden Triebkräften den motorischen Ab-
lauf gestattet oder verweigert.
5. Selbstverständlich gilt diese psychoanalytische Auffassung
für alle „höheren", „sozialen", seelischen Leistungen des Vorbe-
wussten, also sowohl für die Intellektualitat als auch für die Moral
und die Ästhetik. Sagt uns doch Freud gelegentlich ganz aus-
drücklich, dass der „Vervollkommnungsdrang" der Menschen
nichts anderes ist, als eine immer und immer wiederholte Reak-
tion gegen die im Unbewussten fortlebenden und stets nach Be-
friedigung verlangenden primitiven, amoralischen Triebe. Auch
wenn diese Tendenzen sekundär eine scheinbare Selbständigkeit
erlangen, ist und bleibt ihre eigentliche Quelle immer das Trieb-
leben, während die Rolle der höheren Systeme sich in der „sozia-
len" Umsetzung, Abschwächung, Anordnung der Triebkräfte, also
in ihrer Hemmung erschöpft.
Die Psyche ein Hemmungsorgan 217
6. Diese Überlegungen schliessen es aber durchaus nicht aus,
dass ein sehr frühzeitig, vielleicht schon im Momente der
Entstehung des Lebens abgespaltener Teil der Triebbefriedigungs-
tendenzen, sowie dessen Abkömmlinge eine relative Autonomie
erlangen, sich als „Regenerations-, Fortpflanzungs-, Lebens- und
Vervollkommnungstriebe" etabliert haben und sich so den egoisti-
schen Ruhe- und Todestrieben immer wieder gegenüberstellen.
Man kann also — entgegen der A 1 e x a n d e rscben Auffassung —
die Freud sehe Idee der selbständig organisierten, immanenten
Lebenstriehe ganz gut akzeptieren. Bleibt man sich nur dabei des
ab ovo stets exogenen Ursprungs dieser Triebe bewusst, so entgeht
man der Gefahr, dem Mystizismus, etwa der mystischen „evolution
creatrice" Bergsons zu verfallen.
Die an sieb löbliche Neigung Alexanders, den Monismus
der Welt in Sicherheit zu bringen, darf und braucht ihn also nicht
dazu zu verführen, die psychoanalytisch und biologisch überall
nachweisbare Zweiheit der Kräfte vorzeitig abzulehnen. Ist es
doch nicht nur reizvoller, sondern auch korrekter und auch heu-
ristisch aussichtsvoUer, die Konflikte der miteinander ringenden
Kräfte genau zu verfolgen, bevor man zur philosophischen Ver-
einheitlichung aller psychophysiologischen Dynamik schreitet.
Bei dieser Gelegenheit möchte ich übrigens darauf hinweisen,
dass der Begriff „Monismus" selbst nicht eindeutig bestimmt ist.
Es gibt gewiss viele unter uns, die gerne voraussetzen, dass
schliesslich alles Physische, Physiologische und auch Psychische
auf elementare Gesetzmässigkeiten rückfübrbar sein wird; diese
können wohl in gewissem Sinne für Monisten gelten. Die An-
nahme solcher Gesetzmässigkeit auf allen Gebieten menschlicher
Erfahrung ist aber nicht identisch mit dem Monismus, der bei
der Eklärung dieser Erscheinungen mit einem Prinzip auskom-
men zu müssen glaubt.
Der Traum vom „gelehrten" Säugling
(1923)
Nicht allzu selten erzählen einem die Patienten Träume, in
denen Neugeborene oder ganz junge Kinder, Wickelkinder, vor-
kommen, die vollkommen fliesaend reden oder schreiben können,
tiefsinnige Sprüche zum Besten geben oder gar gelehrte Unter-
haltungen führen, Reden halten, wisBenschaftliche Erklärungen
geben usw. Ich vermute, dass hinter solchem Trauminhalt etwas
Typisches verborgen ist. Die Oberschichte der Traumdeutung
ergab in mehreren Fällen die Ironisierung der Psychoanalyse, die
bekanntlich den Ergebnissen der frühen Kindheit weit mehr psy-
chischen Wert und Dauerwirkung zuschreibt, als man im allge-
meinen anzunehmen pflegt. Die ironische Übertreibung der Intel-
ligenz der Kleinen drückte also den Zweifel an den diesbezügli-
chen analytischen Mitteilungen aus. Da aber ähnliche Vorkomm-
nisse in Märchen, Mythen und Überlieferungen der Religionsge-
achichte recht häufig sind und auch von der bildenden Kunst wirk-
sam dargestellt werden (siehe die Disputation der jungen Maria
mit den Schriftgelehrten), glaube ich, dass sich hier die Ironie
tieferer und ernsthafter Erinnerungen der eigenen Kindheit nur
als Mittel bedient. Ist doch der Wunsch, wissend zu werden und
die „Grossen'' an Weisheit und Kenntnissen zu überflügeln, nur
Der Traum vom „gelehrten" Säugling
219
eine Umkehrung der gegenBätzlichen Situation des Kindes. Ein
Teil der von mir beobachteten Träume dieses Inhalts wird von
der bekannten witzigen Bemerkung des Wüstlings erläutert, der
da sagte: „Hatte ich nur die Situation des Säuglings besser aus-
zunützen verstanden." Wir dürfen schliesslich nicht vergessen,
dass dem jungen Kinde tatsächlich manches Wissen noch geläufig
ist, das später durch Verdrängungsschühe verschüttet wird.^
1 Diese Mitteilung hat, wie ich glaube, die Bedeutung dieses Trauin-
typuB keineswegs erschöpft und will nur die AufmerkHamkeil der Psycho-
analytiker auf ihn lenken. (Eine neuerliche Beobachtung der gleichen
Art lehrte mich, dass solche Träume das tatsächliche Wissen der
Kinder um die Sexualität illustrieren.)
Entwicklungsziele der Psychoanalyse*
Zur Wechselbeziehung von Theorie und Praxis
(1924)
I
Einleitung
I
Die psychoanalytische Methode entwickelte sich bekanntlich
im Laufe von etwa dreissig Jahren aus einem schlichten ärztlich-
therapeutischen Verfahren zur Behandlung gewisser neurotischer
Störungen zu einem umfangreichen wissenschaftlichen Lehr-
gebäude, das sich allmählich aber stetig vergrÖsaerte und zu einer
neuen Weltauffassung zu führen scheint.
Wollte man den Gang dieser Entwicklung im einzelnen ver-
folgen und dabei die wechselseitige Beeinflussung der therapeuti-
^ Im Vorwort deB Buches erwähnen die Autoren bloss vom Kap. II,
dass es von Rank, und von Kap. III, dasa ea von F e r e n c z i verfasät
wurde. Frau Dr. Fereoczi glaubt aber sich erinnern zu können, dasa
auch die Kap. I und V vorwiegend von ihrem Manne geschrieben worden
Bind, auch wir glauben in diesen Teilen den Stil Ferenczis erkennen
zu können. Unsere diesbezügliche briefliche Anfrage bei Dr. Rank
blieb unbeantwortet und ao haben wir beschlossea, auch diese zwei
Kapitel hier mit abzudrucken (Die Herausgeber).
EntwicklungBziele der PBychoanalyse 221
sehen Methodik und ärztlichen Technik einerseitB, ihres wissen-
schaftlichen Aushaues andererseits im Detail studieren, so hiesse
dies nichts weniger als eine Fortsetzung zur „Geschichte der
psychoanalytischen Bewegung'"- schreihen. Bei Inangriffnahme
dieser heute noch unlösbaren Aufgabe wäre es aber unvermeid-
lich, auch Probleme zu berühren, die weit über das Thema dei.'
Psychoanalyse als solches hinausgehen und das Verhältnis zwischsn
den von einer Wissenschaft verarbeiteten Tatsachen und dieser
seihst zum Gegenstand hätten. Ist diese Aufgabe schon an und
für sich äusserst schwierig, weil sie his zu den Grundfragen unserer
ganzen wissenschaftlichen Methodik führt, so wird sie fast unlös-
bar für die Psychoanalyse, die sich eben noch in Entwicklung
befindet und wo wir als unmittelbar an diesem Prozess beteiligte,
sozusagen mitten drin stehende Vertreter beider Gruppen, d. h.
der ärztlich-therapeutischen sowohl als der wissenschaftlich-theo-
retischen, sehr schwer zu einer objektiven Erfassung des Tat-
bestandes dieser wechselseitigen Beziehungen gelangen können.
Tatsächlich ist nicht zu leugnen, dass in den letzten Jahren
eine zunehmende Desorientiertheit der Analytiker, insbesondere
in bezug auf die praktisch- technischen Fragen, Platz gegriffen hat.
Im Gegensatz zum rapiden Anwachsen der psychoanalytischen
Lehre ist das technisch-therapeutische Moment, das ja der ur-
sprünghche Kern der Sache und auch der eigentliche Ansporn
zu jedem bedeutenden Fortschritt der Theorie gewesen ist, zweifel-
los auch in der Literatur auffällig vernachlässigt worden.^ Das
2 Siehe Freud: „Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewe-
gung." Ges. Sehr. Bd. IV.
* Eine Ausnahme bilden die Versuche F e r e n c z i s, die Notwendig-
keit eines aktiven Eingreifens in der Technik zu begründen, welche Ver-
suche aber von der Mehrzahl der Analytiker entweder ignoriert oder
miss verständlich ausgelegt wurden, vielleicht weil der Autor damals in
Betonung des neuen Gesichtspunktes zu wenig Werl darauf gelegt hatte,
_
könnte den Anschein erwecken, als wäre die Entwicklung der
Technik inzwischen stille gestanden, insbesondere da Freud
selbst in diesem Punkte bekanntlich immer äusserst zurückhaltend
■war, so dass er 2. B. seit beinahe zehn Jahren keine technisch
orientierte Arbeit veröffentlicht hat. Seine wenigen technischen
Artikel (die in der Samml. kl. Sehr. z. Neurosenlehre, IV. Folge, ge-
sammelt sind) waren auch für die Analytiker, die sich nicht selbst
einer Analyse unterzogen, die einzigen Richtlinien ihres thera-
peutischen Tuns, obwohl sie, auch nach Freuds eigener An-
sicht, sicherlich unvollständig und in gewissen Punkten auch
durch die seitherige Entwicklung überholt, einer Modifikation
bedürftig scheinen. So ist es erklärlich, dass die grosse Zahl der-
jenigen Analytiker, die auf das literarische Studium angewiesen
waren, allzu starr an diesen technischen Regeln fixiert blieben
und den Anschluss an die Fortschritte, die die Wissenschaft der
Psychoanalyse inzwischen gemacht hatte, nicht finden konnten.
Unzufrieden mit diesem Stand der Dinge, fühlten wir uns
wiederholt dazu gedrängt, in der praktischen Arbeit innezuhalten,
um uns über diese Schwierigkeiten und Probleme Rechenschaft
zu geben. Dabei fanden wir denn auch, dass unser technisches
Können inzwischen nicht unbedeutende Fortschritte gemacht
hatte, deren volle bewusste Erfassung und Würdigung uns auch
in den Stand setzte, unser Wissen nicht unbeträchtlich zu er-
weitern. Wir fanden es schliesslich notwendig, angesichts eines
offenbaren allgemeinen Bedürfnisses nach Klärung der Sachlage,
diese unsere Erfahrungen auch anderen mitzuteilen, und glauben
dies am besten in der Weise zu tun, dass wir zunächst darzustellen
versuchen, wie wir heute die Psychoanalyse betreiben und was
den Leser darüber zu orientieren, wie sich dieser Gesichtspunkt in die
bisherige Theorie und Technik einordnen läset (s. bes. „Weiterer Ausbau
der aktiven Technik in der Psa." in „Bausteine zur Psa." Bd. II, S. 62.)
Entwicklungsziele der Psychoanalyse 223
wir jetzt darunter verstehen. Erst dann wird es uns möglich sein,
die Ursachen der heute allenthalben hervortretenden Schwierig-
keiten Zu verstehen und ihnen — wie wir hoffen — abzuhelfen.
Wir müssen dazu unmittelbar an die letzte technische Arbeit
Freuds über „Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten" (1914)
anknüpfen, in der den im Titel angeführten drei Momenten eine
ungleichwertige Bedeutung beigemessen wird, insofern als das
eigentliche Ziel der analytischen Arbeit das Erinnern hingestellt
wird, während das WiedererlehenwoUen an Stelle des Erinnerns
als Symptom des Widerstandes betrachtet, daher als solches zu
vermeiden empfohlen wird. Vom Standpunkt des Wiederholungs-
zwanges ist es jedoch nicht nur absolut unvermeidlich, dass der
Patient in der Kur ganze Stücke seiner Entwicklung wiederhole,
sondern es hat sich in der Erfahrung gezeigt, dass es sich dabei
gerade um jene Stücke handelt, die als Erinnerung überhaupt
nicht zu haben sind, so dass dem Patienten kein anderer Weg
Übrig bleibt als sie zu reproduzieren, aber auch dem Analytiker
kein anderer, um das eigentlich unbewusste Material
zu fassen. Es handelt sich nur darum, auch diese Form der Mit-
teilung, sozusagen die Gebärdensprache (Ferenczi), zu ver-
stehen und dem Patienten zu erklären. Sind doch auch, wie
Freud uns gelehrt hat, die neurotischen Symptome selbst nichts
anderes als entstellte Mitteilungen in einer zunächst unverstande-
nen Aus drucTts weise des Unbewussten.
Die aus diesen Einsichten sich zunächst ergebende praktische
Notwendigkeit war die, Reproduktionstendenzen in der Analyse
nicht nur nicht zu hemmen,' sondern sogar zu fördern, voraus-
* Wobei sie übrigens oft genug zum Schaden der Analyse sich in der
Realität durchsetzen; insbesondere betrifft dies das Liebeslebeo (Ver-
hältnisse, EheschliesBung, Scheidung etc.), das ja in der Analyse der
VerssgUDg am meisten unterliegt.
224 S. Ferenczi
gesetzt, dass man sie zu beherrschen versteht, weit sonst das
wichtigste Material überhaupt nicht zur Äueeerung und Erledigung
gebracht werden kann^ andererseits stellen sich dem Wieder-
holungszwang oft gewisse — vielleicht auch biologisch begrün-
dete — Widerstände, vor allem Angst- und Schuldgefühle ent-
gegen, die wir nicht anders als durch aktives Eingreifen, Im
Sinne einer Förderung der Wiederholung, überwinden können.
So kamen wir schliesslich dazu, anstatt dem Erinnern
dem Wiederholen die Hauptrolle in der analy-
tischen Technik zuzuteilen. Dies darf allerdings nicht
einfach als ein Verpuffenlassen der Affekte in „Erlebnissen" ver-
standen werden, sondern besteht, wie weiter unten des Näheren
ausgeführt ist, in einer schrittweisen Gestattung und Auflösung,
beziehungsweise Verwandlung des Reproduzierten
in aktuelle Erinnerung.
Die Fortschritte, die wir bei dieser Bilanzierung unseres
Wissens feststellen konnten, lassen sich unter zwei Aspekten
betrachten und formulieren. Von der technischen Seite handelt
es sich unverkennbar um einen Verstoss der „A k t i v i t ä t ' im
Sinne einer direkten Förderung der bisher vernachlässigten, ja als
störende Nebenerscheinung betrachteten Reproduktions-
tendenz in der Kur. In theoretischer Hinsicht um die ent-
sprechende Würdigung der inzwischen von Freud festgestellten
überragenden Bedeutung des Wiederholungszwanges
auch in den Neurosen.'^ Diese letztere Einsicht macht erst so recht
eigentlich die Resultate der „Aktivität" verständlich und be-
gründet ihre Notwendigkeit auch theoretisch. Wir glauben daher
durchaus in keinen Widerspruch mit Freud zu geraten, wenn
■wir nunmehr dem Wiederholungszwang auch in der Therapie die
Rolle einräumen, die ihm biologisch im Seelenleben zukommt.
" „JenBeitB des Luetprinzips", 1921. GeB. Sehr. Bd. VI.
Entwicklungsziele der Psychoanalyse 225
III
Historisch-kritischer Rückblick
Nachdem wir so in kurzen Umrissen dargestellt haben, was
unter analytischer Methode zu verstehen ist, sind wir rück-
blickend imstande zu erkennen, dass eine Reihe von fehlerhaften
Techniken nur einem Stehenbleiben auf einer gewissen Entwick-
lungsphase der analytischen Erkenntnis entspricht. Es ist nur
natürlich, dass solche Entwicklungshemmungen auf allen Stufen
des analytischen Fortschrittes möglich waren und auch vorkamen,
ja, auch heule noch bestehen oder sich wiederholen.
Wir wollen versuchen, an einzelnen Punkten zu zeigen, in
welcher Weise dies zu verstehen ist, und damit nicht nur Streif-
lichter auf die historische Entwicklung der Psychoanalyse zu
werfen, sondern hauptsächlich zur künftigen Vermeidung ähn-
licher Fehlentwicklungen beizutragen. Was nun folgt, ist also
eigentlich die Darstellung einer Reihe von unrichtigen, d. h. dem
heutigen Begriff der Psychoanalyse nicht mehr entsprechenden
technischen Methoden.
Bei der in der Medizin allgemein üblichen klinisch-phäno-
menologischen Betrachtungsweise war es nicht zu verwundern,
wenn es in der ärztlichen Praxis vielfach zu einer Art deskrip-
tiver Analyse, eigentlich einer contradictio in adjecto, kam.
Eine solche beschränkte sich in der Regel auf das Anhören,
respektive die breite Schilderung von Symptomen oder perversen
Regungen des Patienten, ohne wesentlich therapeutisch 2u wirken,
weil sie das dynamische Moment vernachlässigte.
Eine ähnliche missverständliche Art der Analyse bestand
im Sammeln der Assoziationen, als wären -sie das
Wesentliche und nicht bloss aufsteigende Bewusstseinsblasen, die
uns nur anzeigen, an welcher Stelle, eventuell in welcher Tiefe
unter der Oberfläche sich die wirksamen Affektregungen ver-
Ferenczi, Bausteine zur Psychoatialyse. lll. 15
226 S. Ferenczi
bergen und besonders welche Motive den Patienten dazu
drängen, sich im gegebenen Falle gerade der von ihm bevorzugten
Ässoziationswege zu bedienen.
Weniger harmlos war der Deutungefanatismue, der
dazu führte, dasa man über der Fixigkeit lexikonhafter Über-
setzungen übersah, dass auch die Deutungstechnik nur eines der
Hilfsmittel zur Kenntnis des unbewussten Seelenzustandes des
Patienten ist und nicht der Zweck oder gar der Hauptzweck der
Analyse. Dieses Übersetzen der Einfälle des Patienten ist ähnlich
zu werten wie auf sprachlichem Gebiet, von wo der Vergleich
auch genommen ist; das Nachschlagen der unverständlichen
Vokabeln ist die unvermeidliche Vorarbeit zum Verständnis
des ganzen Textes, nicht aber Selbstzweck an sich. Dieser
„Übersetzung" muss erst die eigentliche „Deutung" im Sinne des
verständlichen Zusammenhanges folgen. Unter diesem Gesichts-
punkt verschwinden die so häufigen Streitigkeiten über die Richtig-
keit einer Deutung, i. e. Übereetzung. Fragen von Analytikern,
ob diese oder jene „Deutung" — in unserem Sinne ist Über-
setzung gemeint — richtig sei, oder die Frage, was dieses oder
jenes — etwa im Traume — „bedeute", zeugen von unvoll-
kommenem Verständnis der analytischen Gesamtsituatiou und von
der eben angedeuteten Überschätzung isolierter Einzelheiten.
Diese können einmal das, ein andermal etwas anderes bedeuten.
Das gleiche Symbol kann beim selben Patienten in einem anderen
Zusammenhang, in einer verschiedenen Situation, unter dem Druck
oder Nachlassen des Widerstandes, andere Bedeutung haben oder
annehmen. Es kommt in der Analyse so viel auf feine Details,
scheinbare Nebensächlichkeiten, wie Tonfall, Gebärde, Miene an;
es hängt so viel von der gelungenen Interpolation ab, vom ver-
ständlichen Zusammenhang, vom Sinn, den die Äusserungen des
Patienten durch seinen unbewussten Kommentar mit Hilfe unserer
Interpretation bekommen. Die Überaetzungstechnik vergass also
über dem Interesse an der „richtigen" Detailübersetzung, dass
das Ganze, das heiest die analytische Situation des
Patienten als solche, auch eine Bedeutung hat, u. zw. die
Hauptbedeutung; aus dem Gesamtverständnis ergibt sich erat
jeweils die richtige Detailinterpretation der übersetzten Stücke,
dann aber zwanglos und zweifellos, während der Übersetzungs-
fanatismus zur Scbematisierung führt und therapeutisch un-
fruchtbar ist.
Ein anderer methodischer Fehler war das Festhalten an der
überwundenen Phase der Symptomanalyse. Bekanntlich
gab 68 eine Frühperiode der Analyse, in der von den einzelnen
Symptomen ausgegangen und durch suggestives Drängen jene
Erinnerungen wachgerufen wurden, die, aus dem Unbewussten
wirkend, die Symptome produzierten. Diese Methode ist durch
die seitherige Entwicklung der psychoanalytischen Technik längst
überholt. Handelt es sich doch gar nicht darum, die Symptome
zum Verschwinden zu bringen, was ja jede Suggestivmethode leicht
erreichen kann, sondern darum, ihre Wiederkehr zu verhindern,
d. h. das Ich des Kranken widerstandsfähiger zu machen. Dazu
bedarf es eben einer Analyse der ganzen Persönlichkeit. Der
Analytiker hat daher nach Freuds Vorschrift immer von der
jeweiligen psychischen Oberfläche auszugehen und darf nicht den
assoziativen Verknüpfungen mit dem Symptom nachjagen. Offen-
bar war es zu verlockend und bequem, auf dem direkten Wege
der Befragung des Patienten über die Einzelheiten seines neuro-
tischen oder perversen Tuns Auskunft zu holen und so die Ent-
stehungsgeschichte seiner Abnormität direkt erinnern zu lassen.^
^ Die prinzipielle Ablehnung der „Symptomanalysen" achliesst die
gelegenlliche Befragung des Patienten über die Ursachen der besonderen
Vordringlichkeit einer Symptomausserung (z. B. der sogenannten passa-
gören Symptome) natürlich nicht aus,
228 S. Ferenczi
Erst eine Reihe von konvergenten Erfahrungen kann uns in den
Stand setzen, die vielen „Bedeutungen", die einem Symptom im
bestimmten Falle zukommen können, zu verstehen. Mit der di-
rekten Befragung erreichte mau nur, dass die Aufmerksamkeit
des Patienten unzeitgemäss auf diese Momente hingelenkt, da-
durch aber auch der Widerstand dort etabliert wurde, indem der
Patient dieses an sich nicht gerade unberechtigte Hinlenken der
Aufmerksamkeit missbrauchen konnte. So konnte es dazu kom-
men, dass übermässig lang „analysiert" wurde, man aber nicht zur
infantilen Urgeschichte kam, ohne deren Rekonstruktion keine
Behandlung eine wirkliche Analyse genannt werden kann.
Etwas eingehender müssen wir uns mit einer Phase der Ana-
lytik beschäftigen, die „K o m p 1 e x a n a 1 y s e" genannt werden
kann und die eine wichtige Etappe der Verbindung mit der Schul-
psychologie konserviert. Das Wort „Komplex" wurde zuerst von
Jung verwendet, als Vereinfachung eines komplizierten psycho-
logischen Tatbestandes, als Bezeichnung gewisser für die Person
charakteristischer Tendenzen, oder einer zusammenhängenden
Gruppe affektbetonter Vorstellungen. Diese immer mehr umfas-
sende und daher beinahe nichtssagend gewordene Bedeutung des
Wortes wurde dann von Freud dahin eingeschränkt, dass er
nur die unbewusst-verdrangten Anteile jener
Vorstellungsgruppen mit dem Namen „Komplex" umschrieb. Je
feiner aber die labilen, hin und her wogenden Besetzungsvor-
gänge im Psychischen der Untersuchung zugänglich wurden, um
so überflüssiger erschien die Annahme von solchen starr abgeson-
derten, in sich zusammenhängenden und nur in toto erregbaren
und verschiebbaren Seelenbestandteilen, die, wie die genauere
Analyse zeigte, viel zu „komplex" waren, als dass sie wie weiter
nicht zerlegbare Elemente hätten behandelt werden dürfen. In
den neueren Werken Freuds figuriert denn auch dieser Be-
griff nur mehr als Survival einer Periode der Psycho analytik, dem
Entwicklungsziele der Psychoanalyse 229
im psychoanalytischen System insbesondere seit Schaffung der
Metapsychologie eigentlich kein Platz mehr zukommt.
Es wäre wohl am folgerichtigsten gewesen, mit diesem nun-
mehr unbrauchbar gewordenen Rudiment aus früherer Zeit über-
haupt aufzuräumen und die den meisten Analytikern liebgewor-
dene Terminologie zugunsten eines begseren Verständnisses auf-
zugeben. Statt dessen wurde vielfach die ganze Psyche gleichsam
als ein Mosaik solcher Komplexe vorgestellt und die Analyse
dann so betrieben, dass man einen Komplex nach dem anderen
„herauszuanalysieren" bestrebt war; oder es wurde versucht, die
ganze Persönlichkeit als eine Summe von Vater-, Mutter-, Bruder-,
Schwesterkomplexen usw. zu behandeln. Es war natürlich leicht,
Material zu diesen Komplexen zu sammeln, da doch jeder Mensch
alle „Komplexe" besitzt, das heisst jeder im Laufe seiner Ent-
wicklung mit dem Verhältnis zu den ihn umgebenden Personen
und Dingen irgendwie fertig werden musste. Die zusammenhän-
gende Aufzählung der Komplexe, beziehungsweise Komplexmerk-
male mag in der beschreibenden Psychologie am Platze sein, nicht
aber in der praktischen Analyse der Neurotiker, selbst nicht bei
der analytischen Bearbeitung literarischer oder völkerpsycholo-
gischer Produkte, wo sie unweigerlich zu einer durch die Viel-
deutigkeit des Stoffes durchaus nicht gerechtfertigten Monotonie
führen musste, die dadurch kaum gemildert wurde, dass bald
dieser, bald jener Komplex bevorzugt ward.
Mochte auch eine derartige Flächenhaftigkeit bei der wissen-
schaftlichen Darstellung manchmal als unvermeidlich hingenom-
men werden, so durfte man doch nicht ein solches eingeengtes
Interesse in die Technik hineintragen. Die Komplexanalyse ver-
leitete den Patienten leicht dazu, seinem Analytiker angenehm zu
sein, indem er ihm beliebig lang „Komplexmaterial'* lieferte,
ohne seine wirklichen unbewussten Geheimnisse preiszugeben.
So kamen Krankengeschichten zustande, in denen die Patienten
230 S. Ferenczi
Erinnerungen erzählen, offenbar erdichten, wie sie bei unvorein-
genommenen Analysen nie vorkommen und nur als Produkte
einer solchen „Komplexzucht'* aufgefasst werden können. Derlei
Ergebnisse sollten natürlich weder subjektiv für die Richtigkeit
der eigenen Deutungsteehnik, noch auch zu theoretischen
Schlussfolgerungen oder Beweisführungen verwertet werden.^
Besonders häufig geschah es, dass die Assoziationen des Pa-
tienten unzeitgemäss aufs Sexuelle hingelenkt oder er dabei
belassen wurde, wenn er — wie so häufig ~ mit der Erwartung
in die Analyse kam, dass er fortwährend nur von seinem aktuel-
len oder infantilen Sexualleben zu erzählen habe. Abgesehen da-
von, dass dies in der Analyse gar nicht so ausschliesslich der
Fall ist, wie unsere Gegner meinen, kann ein solches Gewähren-
lassen des Schwelgens im Sexuellen dem Patienten oft die Mög-
lichkeit bieten, die ihm auferlegte Versaguug auch in ihrer the-
rapeutischen Wirksamkeit zu paralysieren.
Auch das Verständnis für die vielgestaltigen und bedeutsa-
men Seeleninhalte, die sich unter dem Sammelnamen „Kastra-
tionskomplex" verbergen, wurde durch das Hineintragen
der Komplexlehre in die Dynamik der Analyse nicht gerade ge-
fördert. Im Gegenteil meinen wir, dass die voreilige theoretische
Zusammenfassung der Tatbestände unter einem Komplexgebriff
die Einsicht in tiefere Schichten gehindert hat. Wir glauben,
dass die volle Würdigung dessen, was der analytische Praktiker
sich gewöhnt hat, mit der Etikette „Kastrationskomplex" abzu-
tun, noch aussteht, so dass dieser Erklärungsbehelf nicht leicht-
^ AU extremes Beispiel für die Subjektivität solcher Komplcxvor-
lieben sei auf S t e k c 1 hingewiesen, der dieselben neurotischen
Symptome zuerst auf Sexualität, dann auf Kriminülitat, endlich auf
Religiosität zurückführte. Er mag ja, da er alles mögliche behauptet
hatte, auf dteee Weise auch mit manchen Beincr EinzclhcliiiuptuDgen
recht behalten.
hin als ultima ratio so vieler und so verschiedener Seelenzustände
und Vorgänge im Patienten hingestellt werden sollte. Wir können
von dem in der Praxis einzig gerechtfertigten dynamischen Stand-
punkt in den Äusserungsformen des Kastrationskoraplexes, wie
sie eich im Verlauf einer Analyse manifestieren, oft nur eine der
Widerstandsformen erkennen, die der Patient den tiefer
gelegenen libidinösen Regungen vorgeschaltet hat. Im Frühsta-
dium mancher Analysen lässt sich die Kaslrations angst als
Ausdrucksmittel der auf den Analytiker übertragenen Angst zum
Schutz vor der weiteren Analyse entlarven.
Wie wir schon angedeutet hahen, erwuchsen technische
Schwierigkeiten auch aus einem Zuvielwisaen des Analy-
tikers. So hat die Bedeutsamkeit der von Freud ausgebauten
Theorie der Sexualentwicklung manche dazu ver-
leitet, gewisse Autoerotismen und Organisations-
systeme der Sexualität, die uns das Verständnis für die nor-
male Sexualentwicklung erst eröffneten, missverständlich und in
allzu dogmatischer Weise in der Therapie der Neurosen anzu-
wenden. Auf der Suche nach den konstruktiven Elementen der
Sexualtheorie wurde so in einzelnen Fällen die eigentliche analy-
tische Aufgabe vernachlässigt. Diese Art Analysen waren gleich-
sam psychochemische „Elementaranalyse n". Auch hier
wieder zeigte sich, dass die theoretische Bedeutsamkeit nicht im-
mer mit der Bewertung in der praktischen Analyse korrespon-
diert. Die Technik braucht nicht schulmässig alle sozusagen vor-
geschriebenen Phasen der Libidoentwicklung historisch blosszu-
legen, geschweige denn, dass die Aufdeckung aller theoretisch
festgestellten Details und Rangordnungen als Heilungsprinzip der
Neurose zu verwerten ist. Auch ist es praktisch überflüssig, alle
Grundelemente einer hochkomplizierten „Verbindung" aufzuzei-
gen, die ja im voraus bekannt sein müssen, während das geistige
Band, das wenige Grundelemente zu immer neuen, andersartigen
1
232 S. Ferenczi
Phänomenen verbindet, unserer Hand entschlüpft. Gilt doch von
den Erotismen {z. B. Urethral-Analerotik usw.) und den Organi-
sationsstufen (orale, sadistisch-anale und andere prägenitale Pha-
sen) dasselbe wie von den Komplexen: es gibt keine menschliche
Entwicklung ohne sie, man darf ihnen aber in der Analyse nicht
die Bedeutung für die Krankheitsentwicklung zuschreiben, die
der Widerstand unter dem Druck der analytischen Situation
vortäuscht.
Bei näherem Zusehen Hess sich dann ein gewisser innerer
Zusammenhang zwischen „Elementaranalysen" und „Komplex-
analysen" insofern erkennen, als die letzteren bei ihrem Bemühen,
die seelische Tiefe zu erfassen, auf den Granit der „Komplexe"
Btiessen und ihre Arbeit in die Breite anstatt in die Tiefe ging.
Gewöhnlich versuchten sie dann, die mangelnde Tiefe der Lihido-
dynamik durch einen Sprung in die Sexuallehre zu ersetzen und
verknüpften starre Komplexmerkmale mit ebenso schematisch
behandelten Bausteinen der Sexualtheorie, während ihnen gerade
das dazwischenliegende Kräftespiel der libidinÖsen Tendenzen
entging.
Dieses Verhalten musste zu einer theoretischen Überschät-
zung des Quantitätsmomentes führen, die alles Patho-
gene einer stärkeren Organerotik usw. zuschrieb, eine An-
schauung, die ähnlich wie die voraualytischen Neurologenschulen
durch die Schlagworte „Vererbung", „Entartung" oder „Disposi-
tion" sich den Zugang zur Einsicht in das wirksame Kräftespiel
der pathogenen Ursachen verlegte.
Seitdem die Trieblehre und mit ihr auch biologische
und physiologische Kenntnisse zum Teil als Erklärungsbehelfe
psychischer Vorgänge herangezogen wurden, insbesondere seit-
dem die sogenannten „Pathoneurosen", die Organneurosen, ja
auch organische Erkrankungen psychoanalytisch behandelt wer-
den, ergaben sich zwischen Psychoanalyse und Physiologie Grenz-
Entwicklungsziele der Psychoanalyse 233
Streitigkeiten. Die schablonenhafte Übersetzung physiologischer
Vorgänge in die Sprache der Psychoanalyse ist unzulässig. Inso-
fern man organischen Prozessen analytisch nahezukommen ver-
sucht, müssen die Regeln der Psychoanalyse auch hier streng ein-
gehalten werden. Man soll bemüht sein, das organisch-medizini-
sche und physiologische Wissen sozusagen zu vergessen, und ein-
zig die psychische Persönlichkeit und ihre Reaktionen im Auge
behalten.
Verwirrend wirkte es auch, wenn einfache klinische Tatsa-
chen gleich mit Spekulationen über Werden, Sein und
Vergehen verknüpft und diese wie feststehende Regeln in die
praktische Analyse hineingezogen wurden, während Freud
selbst in seinen letzten synthetischen Arbeiten deren hypothetischen
Charakter immer wieder betont. Oft genug scheint denn auch
ein solches Abgleiten in die Spekulation nur ein Ausweg aus un-
bequemen technischen Schwierigkeiten gewesen zu sein. Wir wis-
sen, wie sich ein vorzeitiges ZusammenfaBsenwollen unter ein
spekulatives Prinzip in technischer Hinsicht rächen kann (Jung-
sche Theorie).^
Fehlerhaft war es auch, unter Vernachlässigung des Indivi-
duellen, bei der Erklärung von Symptomen sogleich kulturge-
schichtliche und phylogenetische Analogien heranzuziehen, 80
aufschlussreich letztere auch an sich sein mögen. Anderseits ver-
leitete die Überschätzung des Aktuellen zu einer prospektiv-
3 Bekanntlich ging Jung so weit, die ranemiBclie Bedeutsamkeit
der in der Analyse zutage geforderten infantilen Erleboisse und der in
ihnen eine tätige Rolle spielenden Persönlichkeiten zugunsten einer
Analyse auf der „Subjektslufe" zu vernachläasigen. Es verrät einen
hohen Grad von Rcalitätsflncht, wenn man nur den idealisierten oder
gar zu unpersönlichen Begriffen verdunkelten Abkömmlingen der ur-
sprünglichen Erinnerungen an Dinge und Personen Realität und Wirk-
samkeit zugestehen will.
'■:\
234 S. Ferenczi
anagogischen Interpretation, die den pathologischen Fixierungen
gegenüber unfruchtbar blieb. Sowohl die „Anagogen" als auch
manche „Genetiker" vernachlässigten über Zukunft und Vergan-
genheit die Gegenwart des Patienten; und doch äussert
sich fast alles Vergangene und alles unbewusst Angestrebte, inso-
ferne es nicht direkt bewusst oder erinnert wird (und das ge-
schieht nur äusserst selten), in aktuellen Reaktionen im Verhält-
nis zum Arztj respektive zur Analyse, mit anderen Worten in der
Übertragung auf die analytische Situation.
Die theoretische Forderung der Breuer-Freud sehen
Katharsis, die auf Symptomäusserungen verschobenen Affektmen-
gen direkt zu den pathogenen Erinnerungsspuren zurückzufüh-
ren und dabei doch zur Abfuhr und Wiederverankerung zu brin-
gen, erwies sich als unerfüllbar, d. h. dies gelingt nur in bezug
auf unvollständig verdrängtes, meist vorbewusstes Erinuerungs-
material, also auf gewisse Abkömmlinge des eigentlichen Unbe-
wusfiten. Dieses selbst, dessen Aufdeckung die Hauptaufgabe der
Psychoanalyse ist, kann — da es nie „erlebt" wurde — auch
nicht „erinnert" werden, man muss es auf gewisse Anzeichen hin
reproduzieren lassen. Die blosse Mitteilung, etwa als „Rekon-
struktion", ist allein nicht geeignet, Affektreaktionen hervorzu-
rufen; sie prallt von den Patienten zunächst wirkungslos ab. Erst
wenn sie etwas dem Analoges aktuell, in der analytischen Situa-
tion, d. h. in der Gegenwart erleben, können sie sich von
der Realität des Unbewussten, meist auch nur nach wiederholtem
Erleben überzeugen. Unsere neuen Einsichten in die Topik der
Seele und die Funktionen der einzelnen Tiefenschichten geben
uns die Erklärung dieses Verhaltens. Das Unbewusst- Verdrängte
hat keinen Zugang zur Motilität, auch nicht zu jenen motorischen
Innervationen, deren Summe die Affektabfnhr ausmacht; das
Vergangene und Verdrängte muss also im Gegen-
wärtigen und Bewussten (Vorbewussten), also in der
Entwicklungsziele der Psychoanalyse 235
aktuellen psychischen Situation eine Vertretung finden, um
affektiv erlebt werden zu können. Im Gegensatze zu den stür-
mischen kathartiechen Abreaktionen wäre der in der psychoana-
lytischen Situation stückweise vor sich gehende Affektablauf als
eine fraktionierte Katharsis zu bezeichnen.
Wir glauben übrigens im allgemeinen, dass Affekte, um über-
haupt wirksam zu werden, erst aufgefrischt, das heisst gegen-
wärtig gemacht werden müssen. Denn was uns nicht unmittelbar
in der Gegenwart, also real affiziert, muss psychisch unwirksam
bleiben.
Der Analytiker soll immer mit der Mehrzeitigkeit
fast jeder Äusserung des Patienten rechnen, wird aber auf die
gegenwärtige Reaktion sein Hauptaugenmerk richten. Unter die-
sem Gesichtspunkte kann es ihm erst gelingen, die Wurzeln der
aktuellen Reaktion in der Vergangenheit aufzudecken, dass heisst,
die Wiederholungsbestrebung des Patienten in ein Erinnern zu
verwandeln. Die Zukunft braucht ihn dabei wenig zu kümmern.
Man kann diese Sorge jedem, der über seine gegenwärtigen und
vergangenen seelischen Strebungen genügend aufgeklärt wurde,
ruhig selbst überlassen. Die kulturgeschichtlichen und phylogene-
tischen Analogien aber müssen in der Analyse zumeist gar nicht
zur Erörterung kommen. Mit dieser Vorzeit braucht sich der
Patient fast niemals und auch der Arzt nur höchst selten zu
beschäftigen.
An dieser Stelle müssen wir uns auch mit gewissen Missver-
ständnissen in bezug auf die Aufklärung der zu Analysie-
renden beschäftigen. Es gab eine Phase in der Entwicklung der
Psychoanalyse, in der man das Ziel der analytischen Behandlung
darin erblickte, gewisse Erinnerungslücken des Patienten durch
Wissen auszufüllen. Später erkannte man, dass das neurotische
Nichtwissen aus dem Widerstand, das heisst dem Nichtwissenwol-
len hervorgehe, und dieser Widerstand es sei, der immer wieder
1
(
236 S. Ferenczi
entlarvt und unschädlich gemacht werden müsse. Geht man in
dieser Weise vor, so füllen sich die bisherigen amnestischen
Lücken in der Erinnerungsfcette des Patienten zum grossen Teil
automatisch, zum andern Teil mit Hilfe sparsamer Deutungen
und Erklärungen. Der Patient lernt also nicht mehr und nichts
anderes, als was und wieviel er zur Beseitigung der herrschenden
Störungen braucht. Es war ein verhängnisvoller Irrtum zu glau-
ben, dass niemand vollständig analysiert sei, der nicht auch
theoretisch in alle Einzelheiten der eigenen Abnormität
eingeweiht wurde. Freilich ist es nicht leicht, die Grenze abzu-
stecken, bis zu der die Instruktion des Patienten durchzuführen
ist. Unterbrechungen der regelrechten Analyse durch förmliche
Aufklärungskurse mögen Arzt und Patienten gleicherweise befrie-
digen, können aber an der Libidoeinstellung des Kranken nichts
ändern. Eine weitere Folge solchen Vorgehens war es auch, dass
man den Patienten unmerklich dazu drängte, sich auf dem Wege
der Identifizierung mit dem Analytiker der eigentlichen analyti-
schen Arbeit zu entziehen. Es ist ja bekannt, sollte aber viel
ernster gewürdigt werden, dass das Lehren- und Lernenwollen
eine für die Analyse ungünstige psychische Einstellung schafft.
Gelegentlich hörte man von Analytikern die Klage, diese
oder jene Analyse wäre an den „zu starken Widerständen" oder
an der zu „heftigen Übertragung" gescheitert. Die Möglichkeit
solcher extremen Fälle ist prinzipiell zuzugeben; stellen sich uns
doch tatsächlich manchmal quantitative Momente entgegen, die
wir praktisch keineswegs unterschätzen dürfen, da sie doch am
Endausgang der Analysen ebenso wie an ihrer Verursachung
' Das gilt auch für die Personen, die sich nur zu Lernzwecken
einer Analyse unterziehen (sogenannte „Lehranalysen"). Es passiert
dabei nur zu leicht, daBB die Widerstände sich auf intellektuelles Gebiet
(Wissenschaft) verschieben und so unaufgeklärt bleiben.
Entwicklungsziele der Psychoanalyse 237
einen entscheidenden Anteil haben. Doch kann das Quantitäts-
tnoment, an und für sich so bedeutsam, zum Deckmantel für man-
gelhafte Einsicht in das Motivenspiel werden, das schliesslich
über die Verwendungsart und die Verteilung jener Quantitäten
entscheidet. Weil Freud einmal den Satz aussprach: „Alles
was die analytische Arbeit stört, ist ein Widerstand", dürfte man
nicht bei jeder Stockung in der Analyse einfach sagen: „Das ist
ein Widerstand." Dies brachte namentlich bei Patienten mit stark
ansprechbarem Schuldgefühl eine analytische Atmosphäre zu-
stande, in der sie sich quasi ängstigen, den faux pas eines „Wider-
standes" zu begehen, während der Analytiker der Situation hilf-
los gegenüberstand. Man vergass dabei offenbar eine andere Aus-
sage Freuds, nämlich, dass wir in der Analyse darauf vor-
bereitet sein müssen, denselben Kräften, die seinerzeit die Ver-
drängung verursachten, als „Widerstand" zu begegnen, sobald
wir uns anschicken, diese Verdrängungen aufzuheben.
Eine andere analytische Situation, auf die die Etikette „Wi-
derstand" ebenfalls unkorrekt angewendet zu werden pflegte, ist
die negative Übertragung, die sich ihrer Natur nach
gar nicht anders denn als „Widerstand" äussern kann und deren
Analyse die Hauptleistung der therapeutischen Beeinflussung dar-
Btellt. Vor den negativen Reaktionen des Patienten hat man sich
natürlich nicht zu ängstigen, denn sie gehören zum eisernen Be-
stand einer jeden Analyse. Auch die stürmische positive Über-
tragung, besonders wenn sie sich am Anfang der Kur äussert, i3t
oft nur ein Widerstandssymptom, das nach Demaskierung ver-
langt. In anderen Fällen, und besonders in den späteren Stadien
der Analyse, ist sie aber das eigentliche Vehikel für die Zutage-
förderung unbewusst gebliebener Strebungen.
In diesem Zusammenhang ist auch eine wichtige Regel der
psychoanalytischen Technik zu erwähnen, und zwar in bezug auf
die persönliche Beziehung zwischen Arzt und Patienten. Die
238 S. Ferenczi
theoretisch geforderte Vermeidung jedes pereönlichen Kontaktes
ausserhalb der Analyse führte meist auch in der Analyse
selbst zu einer unnatürlichen Ausschaltung alles Menschlichen
und damit wieder zur Tbeoretisierung des analytischen Erlebnisses.
Unter dieser Einstellung waren manche Praktiker allzu leicht
geneigt, einem Wechsel in der Person des Analytikers
nicht jene Bedeutsamkeit beizulegen, die ihm vermöge der Auf-
fassung der Analyse als eines seelischen Prozesses, dessen Ein-
heitlichkeit durch die Person des Analytikers bedingt ist, zu-
kommt. Ein Wechsel des Analytikers mag ja in seltenen Aus«
nabniBfällen aus äusseren Gründen nicht zu umgehen sein, doch
glauben wir, dass man technische Schwierigkeiten — z. B. bei
Homosexuellen — nicht einfach durch die Wahl eines Analytikers
vom anderen Geschlechte umgehen kann. Denn in jeder regel-
rechten Analyse spielt der Analytiker ohnehin alle möglichen
Rollen für das Unbewusste des Patienten; es liegt nur an ihm,
dies jeweils rechtzeitig zu erkennen und unter Umständen auch
bewussterweise auszunützen. Insbesondere handelt es sich dabei
um die Rollen der beiden Eltern-Imagines (Vater und Mutter),
in denen der Analytiker eigentlich ständig alterniert (Übertra-
gung und Widerstand).
Es ist kein Zufall, dass technische Missgriffe gerade bei den
Äusserungen der Übertragung und des Widerstandes so häufig
vorkamen. Man liess sich eben leicht von diesen elementaren
Erlebnissen in der Analyse überrumpeln und vergass merkwür-
digerweise gerade hier die Theorie, die man an unrichtiger Stelle
in den Vordergrund gerückt hatte. Es mag dies auch auf subjek-
tiven Momenten beim Arzt beruhen. Der Narzissmus des
Analytikers erscheint geeignet, eine besonders ausgiebige
Fehlerquelle zu schaffen, indem er mitunter eine Art narzissti-
scher Gegenühertragung zustande bringt, die den Ana-
lysierten veranlasst, einesteils Dinge in den Vordergrund zu schie*
"T
Entwicklungsziele der Psychoanalyse 239
ben, die dem Arzt echmeicheln, andernteils ihn betreffende Be-
merkungen und Einfälle abfälliger Art zu unterdrücken. Beides
ist technisch unrichtig; das erste, indem es zu Scheiube&serungen
des Patienten führen kann, die nur darauf berechnet sind, den
Analytiker zu bestechen und ihm auf diese Weise libidinöae Ge-
gensympathie abzugewinnen; das zweite, indem es den Analytiker
von der technischen Notwendigkeit abhält, bereits leise Anzeichen
der sich meist nur zaghaft hervorwagenden Kritik aufzuspüren
und dem Patienten zur unverhüllten Aussprache, beziehungsweise
Abreaktion, zu verhelfen. Die Angst und das Schuldhewusstsein
des Patienten können ohne diese, allerdings einige Überwindung
erfordernde Selbstkritik des Analytikers niemals bewältigt wer-
den, und doch sind diese zwei Gefühlsmomente die wesentlichsten
Faktoren für das Zustandekommen und die Aufrechterhaltung
der Verdrängung.
Eine andere Form, hinter der sich technische Unzulänglich-
keit verbarg, fanden manche Analytiker in einer gelegentlichen
Äusserung Freuds, die lautet, dass der Narzissmus des
Patienten seiner Beeinflussbarkeit durch die Analyse eine
Schranke setzen könne. Wenn die Analyse nicht recht vonstatten
gehen wollte, tröstete man sich damit, dass der Patient eben „zu
narzisstisch" sei. Und da der Narzissmus als Bindeglied zwischen
Ich- und Libidostrebungen ebenfalls bei jedem normalen und ab-
normen Seelenvorgang irgendwie beteiligt ist, war es nicht
schwer, aus dem Tun und Denken des Patienten Beweise für sei-
nen „Narzissmus" zu erbringen. Aber auch die narzisstisch' be-
dingten „Kastrations"-, heziehungaweise „Männlichkeitskomplexe"
darf man nicht so behandeln, als bezeichneten sie bereits die
Grenze der analytischen Auflösbarkeit."^
^ Wir wissen, dass Adler, der offenbar mit der Analyse der
Libido nicht weiter kam^ an diesem Punkte stecken blieb.
240 ^' Ferenczi
« Eine solche zu „passive Technik" ihres Analytikers machen sich
besonders gerne Patienten mit stark „masochiBtischer" Einstellang zu-
nutze, indem sie «elbst Deutungen auf der .SubjektBtufe" vornehmeo
wobei sie gleichzeitig ihre selbstquälerischen Tendenzen befriedigen und
Wo die Analyse auf den Widerstand des Patienten stiesa,
übersah man oft, inwieweit es sich dabei nur um p s e u d o n a r-
z i 8 8 t i s c h e Tendenzen handelte. InsbeBondere Analysen von
Personen, die bereits mit einer gewissen theoretischen Vorbildung
zur Analyse kommen, können einen davon überzeugen, dass vie- , j
leB von dem, was man theoretisch geneigt ist, dem Narzissmus 1|
zuzusehreihen, tatsäehlich sekundär, pseudonarzisstisch ist und |
sich bei fortgesetzter Analyse restlos im Klternverhältms auflösen
läsftt. Natürlich ist dabei ein analytisches Eingehen auf die Ich- ,
entwicklung des Patienten notwendig, wie überhaupt bei der Ana- ;
lyse der Widerstände die bisher allzusehr vernachlässigte Analyse
des Ichs herangezogen werden muss, für die Freud in letzter
Zeit wertvolle Winke gegeben hat. li
Die Neuheit eines technischen Gesichtspunktes, der in letzter 5?
Zeit unter dem Namen „Aktivität" (F e r e n c z i) eingeführt ^
wurde, hat es mit sich gebracht, dass manche, um technische» \
Schwierigkeiten auszuweichen, dem Patienten oft mit gewaltsa-
men Ge- und Verboten an den Leib rücken, was man als eine ^
Art „wilde Aktivität" charakterisieren konnte. Dies ist allerdings ^
auch aU Reaktion auf das andere Extrem, das strenge Festhalten
an einer allzu starren „Passivität" in der Technik zu verstehen.
Letzteres ist wohl durch die theoretische Einstellung des Analy- j
tikers, der zugleich Forscher sein muss, einigermassen gerecht-
fertigt. In der Praxis aber führt es leicht dazu, dass man dem
Patienten auch den Schmerz notwendiger Eingriffe ersparen will i
und ihm die Führung in den Assoziationen wie in der Deutung ,
seiner Einfälle allzusehr überläsßt.^
Die von der Analyse geforderte massvolle, aber wenn nötig
energische Aktivität besteht darin, dass der Arzt es über-
nimmt, jene Rolle bis zu einem gewissen Grade auch wirklich zu
erfüllen, die ihm das Unbewusste des Patienten und seine Flucht-
tendenzen vorschreiben. Hiedurch wird der etwa gehemmten
Wiederholungstendenz früherer traumatischer Erleb-
nisse Vorschub geleistet, natürlich mit dem weiter führenden
Ziele, diese "Wiederholungsneigung gerade durch die Aufdeckung
ihres Inhaltes endgültig zu überwinden. Wo diese Wiederholung
spontan zustande kommt, ist ein Provozieren derselben überflüs-
sig und der Arzt kann ohneweiters die Umwandlung der Wieder-
holung in Erinnerung (oder plausible Rekonstruktion) herbei-
führen.
Diese letzten rein technischen Bemerkungen führen uns »u
dem bereits öfter gestreiften Thema der Wechselwirkung von
Theorie und Praxis zurück, dem wir nunmehr einige allgemeine
methodologische Bemerkungen widmen können.
V
Ergebnisse
Die Anfänge der Psychoanalyse waren rein praktisch. Sehr
bald jedoch ergaben sich als Nebenprodukt der therapeutischen
Beeinflussung der Neurotiker wissenschaftliche Ein-
sichten in den Aufbau und die Funktion des psychischen Ap-
parates, seine individuelle und Artgeschichte, endlich in die bio-
logischen Grundlagen (T r i e b 1 e h r e).
der tieferen Deutung ungläubigen Widerstand entgegensetzen. — In
ähnlicher Weise kann man übrigens beliebig „anagogische" Traumdeu-
tungen erzielen, wenn man dem in der Analyse etwas unterrichteten
Patienten selbst die Deutung der Traumelemente überlässt, ohne hinter
die durch die Moral überkompensierte Widerstandsdynamik zu gehen.
F c r c n c z i, Bausicine zur P^ychoa^ialyse. III, ■ ■ iß
242
S. Ferenczi
Als Hauptergebnis der günstigen Rückwirkung dieser Er-
kenntnisse auf die psychoanalytische Praxis stellte
sich die Entdeckung des Ödipuskomplexes als Kern-
komplex der Neurose und die Bedeutung der Wiederho-
lung der Ödipusrelation in der analytischen Situa-
tion (Übertragung) dar.
Das Wesentliche des eigentlichen analytischen Eingriffes be-
steht jedoch weder in der Konstatierung eines „Ödipuskom-
plexes", noch in der einfachen Wiederholung der ödipusrelation
im Verhältnis zum Analytiker; vielmehr in der Auflösung, be-
ziehungsweise Ablösung der infantilei^ Libido von
ihrer Fixierung an die ersten Objekte.
So entwickelte sich das psychoanalytische Heilverfahren,
wie wir es heute verstehen, zu einer Methode, welche das volle
Durchleben der ödipusrelation im Verhältnis des Patienten
zum Arzt zum Zwecke hat, um sie dann mit Hilfe der Erkenntnis
einer neuen, günstigeren Erledigung zuzuführen.
Diese Relation stellt sich unter den Bedingungen der Analyse
von selbst her; dem Analytiker fällt die Aufgabe zu, sie schon
an leisen Anzeichen zu entdecken und den Patienten zur vollen
Reproduktion im analytischen Erlebnis zu
veranlassen; gelegentlich muss er durch entsprechende Massnah-
men diese Spuren zur Entfaltung bringen (Aktivität).
Die theoretisch bedeutsamen und an sich unentbehr-
lichen Kenntnisse über die normale seelische Entwicklung
(Traumlehre, Sexualtheorie usw.) sind in der Praxis nur insoweit
2u verwenden, als sie dazu verhelfen, die in der analytischen
Situation zu erstrebende Reproduktion des ödipusverhältnisses
zu ermöglichen, beziehungsweise zu erleichtern. Ein Sich-Verhe-
ren in Einzelheiten der Entwicklungsgeschichte des Individuums,
ohne diesen Zusammenhang immer wieder herzustellen, ist
praktisch unrichtig und erfolglos, liefert aber auch theoretisch
I
^
h'
_... i
Entwicklungsziele der Psychoanalyse 243
■>
viel weniger verläßsliche Resultate als die, die sich im Sinne der
obigen Darstellung praktisch bewährt haben.
Die bis jetzt vernachlässigte wissenschaftliche
Bedeutsamkeit der richtig gehandhahten
Technik muss die ihr gebührende Würdigung finden. Es
sollen also weniger als bisher theoretische Resultate mechanisch
auf die Technik rückangewendet werden; vielmehr muss eine
stetige Korrektur der Theorie durch die in der
Praxis gewonnenen neuen Einsichten erfolgen.
Von ihrem rein praktischen Ausgangspunkt gelangte die
Psychoanalyse unter dem Eindruck der ersten überraschenden
Einsichten in eine E r fc e n n t n i s p h a s e. Mit der rasch wach-
senden Erkenntnis der allgemeinen seelischen Mechanismen
wurden aber die anfangs so frappanten Heilerfolge im Verhältnis
unbefriedigender, so dass man darauf bedacht sein musste, das
neu erworbene Wissen, das dem therapeutischen Können weit
vorausgeeilt war, damit wieder in Einklang zu bringen.
Unsere eigenen Ausführungen bezeichnen in diesem Sinne
den Beginn einer Phase, die wir im Gegensatz zur vorherigen als
Erlebnisphase bezeichnen mochten. Während man sich
nämlich früher bemühte, die therapeutische Wirkung als Reaktion
auf die Aufklärung des Patienten zu erzielen, bestreben wir uns
nunmehr, das von der Psychoanalyse bisher erworbene Wissen
weit unmittelbarer in den Dienst der Therapie zu stellen, indsm
wir auf Grund unserer Einsicht die entsprechenden Erleb-
nisse in direktererweise provozieren und dem Pa-
tienten nur dieses ihm natürlich auch unmittelbar evidente Er-
lebnis erklären.
Das Wissen, auf Grund dessen wir imstande sind, an rich-
tiger Stelle und in entsprechender Dosierung einzugreifen, be-
steht im wesentlichen in der Überzeugung um die universale Be-
deutsamkeit gewisser fundamentaler Früherlebnisse
244
S. Ferenczi
(wie z. B. des Ödipuskonfliktes), deren traumatische Wirkung
in der Analyse — nach Art der „Reizkuren" in der Medizin —
wieder neu entfacht und unter dem Einfluss der in der analy-
tischen Situation erstmalig bewusst durchlebten Erfahrung zu
einem zweckmässigeren Ablauf gebracht wird.
Diese Art der Therapie nähert eich in gewisser Hinsicht
einer Erziehungstechnik, wie ja auch die Erziehung
selbst — schon durch das affektive Verhältnis zum Erzieher —
viel mehr im Erlebnis- als im Äufklärungsraoment wurzelt. Auch
hier, wie in der Medizin, wiederholt sich allerdings der un-
geheure Fortschritt vom rein intuitiven und dabei oft fehlgehen-
den Eingreifen zu der zielbewussten, weil auf Verständnis
beruhenden Einleitung des analytischen Erlebnisses.
>
U
Zur Psychoanalyse
von Sexualgewohnheiten
(mit Beiträgen zur therapeutischen Technik)
(1925)
Einige meiner letzten psychoanalytischen Aufsätze beschäftigen
sich mit der Ergänzung unserer therapeutischen Technik durch
gewisse „aktive" Massnahmen, Diese Arbeiten waren mehr Im
Allgemeinen ^elialten; sie brachten keine Einzelheiten über die
Art und Weise der Anwendung dieses psychotherapentischen
Hilfsmittels und Hessen so für missverständliche Auffassung zu viel
Spielraum übrig. Ich halte es darum für meine Pflicht, mich über
meine technischen Erfahrungen etwas eingebender zu äussern.
Allerdings bin ich auch heute nicht in der Lage, den Gegenstand
systematisch zu behandein, das gestattet mir die Vielseitigkeit
und Weitverzweigtheit des Materials einstweilen nicht; immerhin
hoffe ich durch Hervorhebung charakteristischer Beispiele aus der
Praxis zeigen zu können, wie etwa die sogenannte Aktivität mit
Erfolg gehandhabt werden kann, wie man sich ungefähr die Erfolge
theoretisch klar machen dürfte und wie sich diese Einzelheiten
in das übrige analytische Wissen einreihen. Natürlich werde ich
ea nicht versäumen, an passender Stelle auf die Grenzen der An-
246
S. Ferenczi
wendbarkeit der Aktivität, ja auch auf neue Schwierigkeiten
hinzuweisen, die sich gelegentlich statt der erwarteten Förderung
aus ihr ergeben können. Wie jede Einzeluntersuchung, ist auch
die vorliegende notwendigerweise mit dem Übel einer gewissen
Einseitigkeit behaftet. Indem man seine Thesen gegen alle erdenk-
lichen Einwände verteidigt, erweckt man nur zu leicht den Ein-
druck, als wollte man das als Neuigkeit Vorgeschlagene auf Kosten
desaen, was bisher für richtig galt, anpreisen; man verfällt hei
dieser Verteidigungsarheit leicht ins Advokatorische. Zur Abwehr
dieses sicherlich falschen Anscheines bleibt dem Autor nichts
anderes übrig, als wiederholt zu versichern, dass die sogenannte
Aktivität die bisherige Analyse keineswegs ersetzen, sondern sie
an einigen Punkten und bei gewissen Gelegenheiten ergänzen will.
Der Versuch, die bisherige psychoanalytische Technik einfach
durch eine Reihe von aktiven Massnahmen und Abreaktionen zu
ersetzen, würde sieh bitter rächen. Endzweck der psycho-
analytischen Therapie ist nach wie vor die vorhewusste psychische
Bindung des Verdrängten mit Hilfe wiedererweckter Erinnerungen
und notgedrungen angenommener Rekonstruktionen. Die Aktivität
ist nur ein Hilfsmittel, das in der Hand des Geübten die analytische
Arbeit fördern kann. ; '
Die Zusammenfassung des Mitzuteilenden unter dem Gesichts-
punkte einer „Psychoanalyse von Sexualgewohnheiten" ergab sich
erst während der Niederschrift, als es sich zeigte, dass die wissen-
schaftlichen Assoziationen an unser ursprünglich rein technisches
Thema sich von selbst um den im Titel angegebenen Gegenstand
herum gruppieren.
Zur Psychoanalyse von Sexualgewohnheiten
247
Zur Analyse urethro-analer Gewohnheiten
Als eine der Hauptregeln in Bezug auf das allgemeine Ver-
halten dem Analysierten gegenüher kann die F r e u d sehe Formel
gelten, wonach die Analyse in der psychischen Situation der
Versagung durchgeführt werden soll. Wir verstanden dies
bisher nur in dem Sinne, dass man die vom Patienten in der Über-
tragung gestellten Wünsche und Forderungen unerfüllt lässt,
insbesondere seine Sehnsucht nach Zärtlichkeit und die Tendenz,
sich beim Analytiker sozusagen fürs ganze Leben häuslich ein-
zurichten. Dem möchte ich nun hinzufügen, dass dem Patienten
nicht nur diese Entbehrung, sondern auch Entbehrungen ver-
schiedener anderer Art mit Vorteil auferlegt werden können;
die wichtigste der diesbezüglichen Beobachtungen will ich gleich
hier vorausschicken.
In einer meiner früheren Arbeiten führte ich unter den Bei-
spielen zur Illustration der aktiven Aufgaben während der Analyse
den Fall an, dass man Patienten, die in der Stunde das „passagere
Symptom" des Harndranges produzieren, möglichst davon
abhält, diesem Drange nachzugehen, in der Erwartung, dass die
durch die Verhinderung der Entleerung hervorgerufene Span-
nungssteigerung, die sich auf das Psychische erstreckt, leichter
das Material zutage fordert, das sich hinter jenem Symptom zu
verstecken suchte. Später sah ich mich veranlasst, bei einzelnen
Patienten Verhaltungsmassregeln auch in Bezug auf die Stuhl-
entleerung zu geben, besonders wo ich eine überängstliche Tendenz
zur Einhaltung bestimmter Zeitintervalle beobachtete. Auch hier
gingen meine Erwartungsvorstellungen vorerst nicht weiter, als
dass die Störung dieser Gewohnheiten die Analyse irgendwie
fördern dürfte. Die Ergebnisse brachten aber mehr, als ich er-
wartet hatte. Die Patienten mit Harndrangsymptom erwiesen sich
248 S. Ferenczi
als Personen, die überhaupt viel zu häufig urinieren, das helsst
an einer unauffälligen Art der Pollakisurie leiden, hinter der eich
aber die unbewusste Angst vor der unvollkommenen Beherrschung
des Blasenschliesemuskels versteckt, ein Abkömmling und Rest
der infantilen Schwierigkeiten bei der Anpassung an die dies-
bezüglichen Exkretionsvorschriften. Bei den Stuhlpedanten Hess
sich ähnliches feststellen. Sie kompensierten mit ihrer Über-
promptheit und Pünktlichkeit die infantil-analerotische Tendenz,
den Stuhl möglichst lange zurückzuhalten; aber auch hier wirkte
unbewussterweise die Angst mit, dass bei längerer Zurückhaltung
sich zu viel Exkret ansammeln und beim Durchgang zu starke
Schmerzen verursachen würde. Oft war es ein und derselbe Patient,
an dem ich die anale wie auch die urethrale Massregel anzuwenden
mich veranlasst sah; meistens waren es impotente Männer oder
frigide Frauen.
Die erste Reaktion, die ich auf diese Störung langgewohnter
Entleerungegewohnheiten bekam, war nicht selten die folgende:
das Urethralverbot wurde vom Patienten ganz selbstbewuast mit
der Äusserung abgewiesen, er wäre imstande, auch einen Tag lang
den Harn zurückzuhalten, er sei in dieser Hinsicht überpotent usw.,
und als ich darauf einging und dem Patienten den Auftrag gab,
den Harn so lange als er nur kann, zurückzuhalten, kam es in der
Tat gelegentlich zu erstaunlichen Mehrleistungen, zur Zurück-
haltung bis zu 8, bis 10, ja einmal bis zu 28 Stunden. Allerdings
meist nur das erstemal, oder nur eine Zeit lang. Dem Auftrage,
diesen Versuch fortzusetzen, kamen sie gewöhnlich nur sehr un-
vollkommen nach, ja, es zeigte sich, dass manchmal schon eine
ein- bis zweimalige Erschnpfung imstande war, die hinter der
„üherpotenz" versteckte, dem Patienten bisher ganz unbekannte
Neigung zur Enuresis zu entlarven, was dann zur Aufhellung
bedeutsamer Stücke der Kleinkindergeschichte des Patienten
führte. Es war, als ob hier die erhalten gebliebene Schwäche des
Zur Psychoanalyse von Sexualgewohnbeiten
249
inneren Schliessmuskels der Blase durch überstarke Innervation
der auxiliären externen Schliesamuskeln wettgemacht worden,
aber nach der Erschöpfung der letzteren unverhüllt zutage ge-
treten wäre.
Auch dem Stuhlpedanten gab ich den Auftrag, abzuwarten,
bis sich der Drang von selbst äussere. Da kleidete sich der Wider-
stand (wie übrigens auch manchmal beim Harnversuch) in die
Form hypochondrischer Befürchtungen. Der Darm könne platzen;
man bekäme Hämorrhoiden durch die Zurückhaltung; die un-
ausgeschiedenen Exkremente wirkten auf den Organismus schäd-
lich, ja, giftig ein; einzelne klagten über Kopfschmerzen, Appetit-
losigkeit, Denkunfähigkeit als Folgeerscheinungen; sie sprachen
von Fällen, in denen nach langer Obstipation Kotbreehen aufge-
treten sei und waren nur mit Mühe davon abzuhalten, die ihnen
zur Gewohnheit gewordene Abführpille oder Irrigation wieder
zu gebrauchen. Alle diese Befürchtungen waren aber nur phobische
Vorbauten, die den Zugang zur verdrängten Analerotik und zur
analen Angst versperrten; Hess man sich durch sie nicht ab-
schrecken, so bekam man nicht selten tiefe Einblicke in das hinter
Charaktermerkmale verdrängte Triebleben. Allerdings gab es auch
hier Trotzige, die gleichsam, um mich ad absurdum zu führen,
ihren Stuhl 4, 5, 8, ja in einem gut beglaubigten Falle 11 Tage
lang zurückhielten, um schliesslich, offenbar nachdem sie ein-
sahen, dass ich nicht nachgebe, unter heftigen wehenartigen
Schmerzen einen ungeheuren harten Knollen mit nachfolgenden
riesigen Stuhlmassen zutage zu fordern.
Auch bei der Stuhlaufgabe genügte zumeist, wenn auch nicht
immer, ein einziger Versuch, um den Trotz des Patienten zu
brechen; gab man den Patienten neuerlich den Auftrag zur Zurück-
haltung bis zum Äussersten, so war dies ihnen bei weitem nicht
mehr so leicht, ja, es kam vor, dass eine seit undenklichen Zeiten
bestehende Stuhlverstopfung durch diese Massregel beseitigt
250 S. Ferenczi
wurde. Auch bei der Stuhlentleerung kann, wie ea scheint, die
Mehrleistung der externen Schliessmuskeln die Schwäche der
internen verdecken.^
Selbstverständlich hätte ich mich nicht so ausführlich mit
diesen beiden Funktionen beschäftigt, hätte ich nicht die merk-
würdige, anfangs mich selber überraschende Beobachtung gemacht,
dass man durch sie rascher gewisse, sonst unzugängliche Ver-
bindungswege zwischen den Charaktereigenschaften und den
neurotischen Symptomen einerseits, ihren Triebquellen und der
infantilen Vorgeschichte andererseits aufdecken kann. Speziell
die sogenannten „Charakteranalysen" dürften eine solche Re-
duktion zu den anal-, urethral- und oralerotischen Interessen mit
Hilfe aktiver Aufgaben erfordern, als gälte es hier, auf die Ur-
quellen zurückzugreifen und deren Triehenergien neu- und
andersartig zu vermischen und zu verwenden.
Als unerwarteten Nebengewinn brachten mir die exkremen-
teilen Zurückhaltungsversuche Bestätigungen zur „Amphimixis-
theorie" der Genitalität, wie sie in meinem „Versuch der Genital-
theorie" ausgeführt ist.'' In einigen Fällen fiel mir nämlich auf,
dass das urethrale Verbot einen unverkennbaren Einfluss auf die
Analfunktion merken Hess, als ob die Entleerungstendenz sich
sozusagen nach rückwärts verschoben hatte; die Patienten bekamen
häufigeren Stubldrang, Blähungen, reichlichen Abgang von Darm-
gasen. Aber auch anderweitige Verschiebungen wurden merklich,
* Wer meine Bcobaelitiingen über die oft ganz erstaunlichen „hyste-
rischen Matcrialisatioiiaphänomcne" kennt (siehe „Hysterie und Patho-
neurosen", und in „BauBteine zur Psychoanalyse", Bd. III. S. 129), wird
C8 nicht von vornherein als absurd zurückweisen, dass das Unbewusste
sich auch in Form und Gliederung der Exkretc inhaltlichen Ausdruck
verschaffen kann, eine Möglichkeit, auf die schon Groddeck in sei-
nem „Seelensucher" halb scherzhaft hingewiesen hat.
= Ferenczi, Versuch einer Genitallheorie, Internat. Paychoanalyt.
Bibliothek, Bd. XV. 1923.
Zur Psychoanalyse von Sexualgewohnheiteu 251
so ein deutlicher Einfluss auf die Esslust und was wohl das Merk-
würdigste und Wichtigste war, das Auftreten von Erektionen selbst
bei solchen Impotenten, die solches bei sich lange nicht mehr
beobachtet hatten. Es war unvermeidlich, diese Dinge mit ge-
wissen, in meiner „Genitaltheorie" geäusserten theoretischen An-
1-* sichten über die Genese der Genitalität in Zusammenhang zu
bringen, ja, sie als experimentelle Bestätigung der dort dargelegten
Ansicht aufzufassen, dass sich anale und urethrale Innervations-
qualitäten in amphimikti scher Vermengung in den Entleerungs-
und Hemmungsfunktionen der Blase und des Mastdarms nach-
weisen lassen, dass diese Tendenzen sekundär auf das Genitale
verlegt werden und beim Begattungsakte die Ejakulationsbestre-
' bungen und deren Hemmungen beherrschen. Nebst der theoreti-
schen Wichtigkeit dieses Fundes erschien es mir aber auch in
praktischer Hinsicht sehr bedeutsam, dass sich durch die er-
I wähnten aktiven Massnahmen eine Aussicht auf die leichtere
Rekonstruktion der prägenitalen Struktur der Impotenzfälle er-
> öffnete. Ich teile übrigens vollkommen W. Reichs Ansicht,
dass nicht nur die manifesten Fälle von Impotenz, sondern sozu-
' sagen alle Neurosenfälle mit irgendwelchen Störungen der Geui-
talität einhergehen, und konnte die Verwendbarkeit der urethro-
r analen Aktivität bei den verschiedensten Neurosenformen er-
I proben.
Dem nächstliegenden Einwand, dass es sich bei der Retention
nur um eine mechanische Reizung der benachbarten Genitalien
handelt, kann ich die Beobachtung entgegenstellen, dass die
] Erektionen sich nicht nur als „Wassersteife'*, das heisst bei ge-
füllter Blase meldeten, sondern auch nach der Entleerung. Viel
; zwingender als dieses Argument sprach aber für den beschriebenen
Zusammenhang das psychische Benehmen des Analysierten. Die-
^ KongreBsvortrag, Salzburg 1924: „Die therapeutische Bedeutung
der genitalen Libido".
252
S. Ferenczi
jenigen, hinter deren „Überpotenz" latente kindliche Schwächen
verborgen waren, wurden merklich bescheidener, während jene,
die bei den gelungenen Zurückbaltungsversuchen eine gewisse
Ängstlichkeit überwanden, eine bemerkenswerte Hebung des
Selbstvertrauens auch in sexueller Hinsicht zeigten. Unter anderem
bekamen sie auch Mut zu tiefergreifenden Assoziationen und
Erinnerungen, wohl auch zu Fortschritten in der analytischen
Übertragungssituation, zu denen sie sich vorher nicht empor-
schwingen konnten. Auch bin ich dessen nicht so gewiss, ob über-
haupt die sogenannte Wassersteife rein mechanisch, ohne Zuhilfe-
nahme amphimiktischer Innervationsverlegung erklärbar ist.
Diese Beobachtungen verschafften mir Gelegenheit, die Ver-
hältnisse bei der prägenitalen Erziehung der Kinder gleichsam
in der analytischen Nacherziehung mitzuerleben und eingehend
zu studieren. Als letztes Motiv sowohl der urethralen Entleerungs-
ale auch der analen Zurückhaltungstendenz fand ich die Angst
vor einem Schmerz; bei der Blasenentleerung die Angst
vor der durch die Blasenfülle verursachten Spannung, bei der
Darmcntleerung die Angst vor dem Schmerz beim Passieren der
Kotsäule, die die Wandung des Analringes dehnt und zerrt.
Darum bedeutet für die Blase die Entleerung Lust,
für den Darm Unlust.^ Die erotische Verwendung
dieser Funktionen erfordert ein relativ starkes Anwachsenlassen
dieser Spannungen. Wirkliche Lust folgt der Blasenentleerung
nur, wenn die Spannung der Blasenwand eine gewisse Höhe über-
schritten hatte; ebenso meldet sich der von Freud festgestellte
erotische Lustnebengewinn bei der Darmcntleerung nur dann,
wenn die vor der Entleerung empfundene Unlust oder Spannung
eine erhebliche war, wie überhaupt, meiner Ansicht nach, das
spezifisch Erotische in der lustvolleu Überwindung einer sich
* Siehe auch D. Forsyths diesbezügliche Beobachtungen.
b
Zur Psychoanalyse von Sexualgewohnheiten 253
f ■
selbst verschafften organischen Schwierigkeit besteht.^ Viele
Neurotiker erweisen sich nun als Überängstliche, sie versagen sich
aus Furcht vor dem dabei unausweichlichen Schmerz die Lust der
analen und urethralen Erotik und es hat den Anschein, als oh
das Aufbringen des Mutes zur prägenitalen Erotik unumgänglich
wäre, ohne ihn kommt eine gut fundierte Genitalerotik nicht zu-
stande. In der Analyse wird nun der anale und urethrale Abge-
wöhnuQgskampf wiederholt und diesmal zu einem gedeihlicheren
Ende geführt, wobei natürlich vorerst gewisse Fähigkeiten und
Gewohnheiten, die die gelungene Erledigung dieser Erziehungs-
phase vortäuschen, abgebaut werden müssen.
Doch nicht nur die physiologischen Folgeerscheinungen dieser
Zurückhaltungsversuche sind bedeutsam, sondern auch das sich
dabei ergebende assoziative Material. Die Identifizierung der Kinder
mit ihren Eltern hat eben eine prägenitale Vorstufe. Bevor das
Kind eich genital mit den Eltern zu messen wagt, versucht es
dies mit Hilfe der analen und urethralen Leistungen, wobei den
Exkreten — ganz im Sinne der „Genitaltheorie" — die Kinder-
rolle, den Entleerungsorganen selbst aber die noch geschlechtlich
undifferenzierte Rolle des Erzeugers zukommt.
Unser aktives Eingreifen, speziell bei der Darmaufgabe, lässt
sich nach alledem auch so beschreiben, dass wir dabei gewisse
Spannungen so weit steigern, bis der Schmerz der Zurückhaltung
über die Angst vor der Entleerung Überwiegt; bei den Urethralen
handelt es sich eher um eine Art Angewöhnung und um das Er-
tragenlernen der Spannungen der Blasenwand. Selbstverständlich
darf neben diesen physiologischen Momenten die elterliche Über-
tragungsroUe des Arztes nicht unberücksichtigt bleiben. Die ärzt-
lichen Gebote und Verbote wiederholen gewissermassen die auto-
ritativen Befehle der bedeutsamen Persönlichkeiten der Kinder-
'^ Genitaltheoric, S. 11.
254 S. Ferenczi
zeit, allerdings mit dem nicht unwesentlichen Unterschiede, dasa
in der Kindheit alles zur Abgewöhnung von den Lustnebenge-
winnen hinarbeitet, während wir in der Analyse die erste, zu gut
gelungene Erziehung durch eine neue ersetzen, in der auch der
Erotik ein ihr rechtmässig zukommender Spielraum gewährt wird.'
Im Zusammenhang mit der Regelung der analen und urethralen
Funktion kommt es in der Analyse gewohnlich auch zur Revision
gewisser Charakterzüge, die, wie es uns Freud zeigte,
nur Ersatz-, Gärungs- und Sublimierungsprodukte jener organi-
schen Triebanlagen sind. Die analytische Auffrischung der Anal-
erotik geschieht auf Kosten des Analcharakters; der bisher ängst-
liche, geizige Patient wird allmählich, und zwar nicht nur mit sei-
nen Exkreten, freigebiger; der leicht entflammte Urethralcharak-
ter, der auch psychisch keine Spannung ohne sofortige Entladung
ertrug, wird zurückhaltender. Im allgemeinen kann man sagen,
dasa die bei diesen Massnahmen gewonnene Überzeugung, dass
man mehr Unlust ertragen, ja, diese zu grösserer erotischer Lu3t-
gewinnung verwenden kauu, ein gewisses Gefühl der Freiheit
und des Selbstvertrauens zu erwerben hilft, das dem Neurotiker
* Die Ausdrücke „Gebot" und „Verbot" sind einigermassen irre-
führend, sie geben zutniDdeet nicht ganz genau die Art wieder, in der,
meiner Ansicht nach, solche Massnahmen angewendet werden sollen.
Ich hätte sie lieber positive und negative Ratschläge nennen aollen
und damit andeuten, dass es sich hier nicht um autoritative Befehle
handelt, wie solche in der Kindererziehung üblich sind, sondern um
Verhaltungsweisen, die der Patient im Einverständnis mit dem Arzte
oder wenigstens im Vertrauen auf ihre ßchliessliche Zweckmässigkeit
gleichsam experimentell sich gefallen lässt. Nichts liegt dem Psycho-
analytiker ferner, als sich in der Rolle des allmächtigen Befehlshabers
zu gefallen oder sich gar zn sadistischer Strenge hinrcissen zu lassen.
Letzteres hiesse auf das Niveau der früheren Psychotherapie der Gewalt
zurückzusinken. Nur selten kommt man in die Lage, die Fortsetzung der
Kur von der Annahme unserer Ratschläge abhängig zw machen.
Zur Psychoanalyse von Sexualgewohnheiten 255
Bo sehr mangelt; erst mit diesem Gefühle der Überlegenheit
gehen Sexualbtrebungen höherer, genitaler Natur einher; schliess-
lich auch der Mut zur Auffrischung des Ödipuskonflikts und zur
Überwindung der Kastrationsangst.
Am Ende einer durchgeführten Analyse erscheinen nämlich
die neurotischen Stuhl- und Harnsymptorae wohl nur zum Teile
'- ' als Wiederholungstendenzen der Anpassungskämpfe zwischen
den EntleerungBtrieben und den ersten sozialen Forderungen.
Als die eigentliche traumatische Kraft entpuppt sich vielmehr auch
hier wie in den Neurosen überhaupt, die Fluchttendenz vor dem
Ödipuskonflikt und damit vor der Genitalität; die manifesten und
latenten Äusserungen der Anal-, Urethral-, Oral- und sonstiger
'^ Erotik in der Neurose sind also zumeist sekundäre, das heisst
" regressive Ersatzbildungen der eigentUchen neurosogenen
Momente, besonders der Kastrationsangst.
Bei der vorhin erwähnten analen und urethralen Identifizie-
[ rung mit den Eltern scheint sich schon in der kindlichen Seele
i eine Art physiologische Vorstufe des Ichideals
I' oder Ü b e r-I c h B zu etablieren. Nicht nur, dass das Kind
^ seine diesbezüglichen Leistungen fortwährend mit denen der Er-
1- wachsenen vergleicht, sondern es errichtet in sich auch eme
[ strenge Sphinktermoral, gegen die man sich nicht ohne
i. schwere Selbstvorwürfe und Gewissensstrafen versündigen kann.
r Es ist gar nicht so unmöglich, dass diese halb noch p h y s i o 1 o-
( ■ gischeMoral eine der wesentlichen Grundlagen der späteren,
! rein psychischen ist, gleichwie nach einer von mir geäusserten
'■ Vermutung der physiologische Akt des Riechens (vor dem Essen)
Vorbild oder Vorstufe aller höheren intellektuellen Leistungen
' sein dürfte, bei denen es sich um einen Aufschub von Trieb-
:• befriedigungen handelt (Denken).
■■ Es ist gar nicht ausgeschlossen, dass wir die biologische und
psychologische Bedeutung der Sphinkteren bisher viel zu wenig
^
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[1
256
S. Ferenczi
würdigten. Ihr anatomischer Bau und ihre Funktionaweiße scheiot
flie zur Erzeugung, Anhäufung und Abfuhr von Spannungen be-
sonders geeignet zu machen; sie wirken eben nach Art von
Schleusen, an den Aus- und EingangaatcUen der Körperhöhlen an-
gebracht, und ihre wechselnde Inncrvalionsstärke vermag eine
unendliche Variation von Spannungs- und Entspannuogagefühle"
zu vermitteln, indem sie die Zu- und AbstrÖmung von Korper-
inhalten erleichtern oder erschweren. Bisher wurden diese ve .
hältnisse nur vom Nützlichkeitsstandpunkte gewürdigt, wahren
die iuBt- und unlustbereitende, besonders aber die erotisc
Wichtigkeit des Spieles der Sphinkteren ganz vernachlässigt bhe ■
Es ist leicht, die Verlegung der Innervationequantitaten ^*'*
einem Sphinkter auf den anderen oder auf mehrere zu koneta^'**
ren. Bei der Angst zum Beispiel meldet sich gewöhnlich ""^'^
starke Verengerung der Analöffnuug, gewöhnlich gleichzeitig ^\
Entleerungstendenzen der Blase. Diese Kontraktion kann sich ^«^
der Hyaterie auf andere Organe verschieben, als Globus ^^'M
Schlundmuekulatur, als Zuschnürung der Kehle (hysteriBcU« »1
Aphonie), als Kontraktion des Pylorus, als Bildung atyp'sch«^
Sphinkteren an beliebigen Stellen des Darmschlauches. Als Aus-
gangspunkt aller dieser Krämpfe lässt sich bei der Hysterie d-e
Angst vor der entsprechenden Innervation der Genitalsphiülttere'»
nachweisen, die sich beim Manne in Störungen der Potenz, ^e'
der Frau auch in Menstruatlonaheschwerden (Mutterroundkontra •
tion) äussern kann. Auch von diesen Beobachtungen an d«"
Sphinkteren führen Gedankenverbindungen zur Erklärung viel«^
neurotischer Symptome als Kaslrationa-, Geburlsangst {B.^^^'
und zu der in ihrer Bedeutung noch nicht voll gewürdigte» G
liär angst. Zur Messung der Stärke emotioneller Schwank"«*
gen, besonders der Angst, könnte man den Experimentalpey*=*^*'
logen die Manometrie der Sphinklerspannung""
Anus empfehlen, gleichwie die Berücksichtigung der Sphinkter
Zur Psychoanalyse von Sexualsewohnheitea 257
k
l
Wirkungen am Mund «nd in der Kehle unser Verständnis fnr die
Physiologie und Pathologie des Atmens, des Sprechens nnd de«
Singens, besonders in ihren^ emotionellen Beziehungen, steigert.
(S. Pfeifer, Forsyth.)'
In einzelnen Fällen, in denen die Retentionsubungen «her em
gewisse. Mass getrieben wurden, meldete sich, meist unter as^o
iativer Auffrischung infantiler Erlebnisse, grosse fn^ , .e»e^ -
lieh auch passagere Inkontinenz. Man kann dieses letztere Begleit
tptomd. A- ^-/^ r^^^^"'/a\:d ai:
Rücksicht auf die „Sphinktermoral" fallen gelassen wird und die
Orgte auf die Stufe der infantil-autoelithonen Selbstbefriedigung
zurückfallen. i «al
Auf das Überfliessen der Spannungssteigerung von den anai-
arogenitalen Höhlen auf den allgemeinen psychophysischen Tonus
habe ich bereits hingedeutet. Die Träume eines Patienten wahrend
einer solchen Aktivitätsperiode zeigten mir recht deutlich, dass
bei ihm das Sieb-Recken sozusagen die Erektion des ganzen
Körpers bedeutete, mit dem er an Stelle des mangelhaft erektilen
Penis den Koitus mit der Mutter unhewusst phantasierte.
Diese neurotische IdentiGzierung des ganzen Korpers mit
dem Genitale wird sich, wie ich glaube, in der Pathologie der
Neurosen sowohl als der Organerkrankungen ^^^^ ^^'^^'^^J^^
.eisen. Professor F r e u d, als ich ihm dieses Beobachtungsma^^^^^^^^^^^
vorlegte, fasste die hier versuchte Ansicht in knappster Formuhe
,..g in dem Satze zusammen, dass die potenten, denen d
Mut zum Genitalverkehr fehlt, in ihrer (unbewussten) Phant sie
r. Koitus mit dem ganzen Leibe ausführen; vielleicht ist dies
die Quelle jeder „Mutterleibsphantasie".
Einige weitere auffällige Beispiele dafür, in ^welcher We.se
^^^^^^^^r;^;^;;;;;;;.;^^ s. 12).
SS I plötzliche Einstellung Jeder Sphinkterkontrolle bei über-
grosser Angst, Schreck, beim Erhängen usw.
Perenczi. Bausleine zur Psychoanalyse. HI.
258
S. Ferenczi
I /
die Beeinflussung der Exkrctionsvorgänge die Analyse fördern
kann, mögen hier folgen. In einem Falle von fast unerträglichem
neurotischem Jucken in der Analgegend, gefolgt von unwider-
stehlicher analer und Mastdarmonanie, wollte das Symptom trotz
langwieriger assoziativer Durchforschung nicht weichen. Erst
nachdem eine recht lange fortgesetzte, willkürliche Stuhlzuriick-
haltung und die damit zusammenhängeuden Spannungsgefühle
den Darm als unbcwusstes Lustorgan ausgeschaltet hatten, machte
sich die Tendenz bemerkbar, die Erotik aufe Genitale zu ver-
legen. — Ein Patient, der nur bei ganz entleerter Harnblase und
auch dann nur unvollkommen den Beischlaf ausführen konnte,
erreichte nach gelungenen Harnzurückhallungsversuchen den Mut
zu stärkeren und länger dauernden Erektionen, zugleich einen
wesentlichen Fortschritt im analytischen Verständnis für seinen
Zustand. Bei recht vielen Patienten (auch männlichen Geschlech-
tes) brachte die Stuhlverhallung interessante Einblicke in die
Gebärbedeutung des Stuhlabsetzens. Ein Patient, bei dem die
gewöhnlich mit Gewalt erzwungene Stuhlentleerung auf Kosten
der Genitalität Lustempfindungen mit Spermaabflues verursachte,
verzichtete auf dieses Symptom nach forcierter Retention mit
schmerzlicher Entleerung. < ■ . ■ .
Es ist schwer zu sagen, wann und in welchen Fallen der
Versuch gemacht werden darf und soll; jedenfalls müssen wichtige
Gründe zur Annahme vorliegen, dass eine Rückverlegung (oder
der Zerfall) der Genitalerotik in ihre biologischen Vorstufen vor-
liegt, die die gefürchtete Kastrationsbedrohung, die ursprünglich
ans Genitale geknüpft ist^ auf die harmloseren analen und
urethralen Ausscheidungsfunktionen verschiebt. Die beschriebenen
Massnahmen verfolgen dabei den Zweck, die Verlegung aufs
Genitale zu fördern.
Daes unbewussterweise grosse Libidomengen an die Darm-
funktionen geknüpft sein können, zeigt unter anderem folgender
Zur Psychoanalyse von Sexualgewohnheiten 259
Fall. Eine Patientin hat sonderbare Zustände mit „Ewigkeits-
gefühlen'', bei denen sie lange Zeit hindurch regungslos in sich
gekehrt ruhen muss. Diese „Ewigkeit" war eigentlich die ewig
auf sich warten lassende Darmentleerung, die nach der schmerz-
Hchen Erfahrung der forcierten Stuhlzurückhaltung endlich vom
unwiderstehlichen Drang nach Beendigung dieser Ewigkeit abge-
löst wurde. Erst nachdem sich die Patientin diesen Orgasmus
auf der analen Stufe gönnte, vermochte sie sich dem ihr
bisher unzugänglichen Gcnitalorgasmua zu nähern. — Ein Patient
mit unerhört starker Kastrationsbefürchtung gewöhnte es sich an,
den Stuhl immer in einer einzigen Säule zu entleeren, unter phobi-
scher Vermeidung ihrer Zerstücklung durch die Sphinkteren.
Nebstdem hatte er die sonderbare Fähigkeit, auf eine mir anato-
misch nicht ganz verständliche Weise eine passagere Einschnürung
des Penis, etwa ein Zentimeter hinter der Glans, ohne äussere Hilfe
zustande zu bringen; die Einschnürung meldete sich gewöhnlich
bei der Stuhlentleerung. Erst die Rückverlegung der ganzen Erotik
auf das Genitale behob allmählich die hei ihm bestehende Potenz-
lähmung und erst die Klarlegung des Ödipuskomplexes, die
Überwindung der sexuellen Angst Vater und Mutter gegenüber
brachte dauernde Besserung. In diesem wie in vielen ähnlichen
Fällen hatten die plastisch geformten Kotmassen auch Kinds-
bedeutung. — Meine Schülerin V. K o v ä c a in Budapest ver-
mochte einen seit Kindheit bestehenden Gesichtsmuskel-Tic mit
der latenten Onanietendenz und ihrer Verlegung auf den Darm
zu erklären und mit Hilfe der Psychoanalyse und der Benützung
gewisser Stuhlaufgaben dauernd zu heilen. . .
All dies trägt dazu bei, die Ansicht zu rechtfertigen, dass die
„bioanalytische" Zerlegung der Genitalfunktion nicht nur theore-
tische Bedeutung hat, sondern auch unser therapeutisches Können
zu fördern geeignet ist.
Zur Vervollständigung des hier Gesagten diene, dass die
rr-
260 , S. Ferenczi
B
Aktivität in geeigneten Füllen nebst den Ausscheidungsfunktionen
auch die Nahrungsaufnahme betreffen kann und dass der Verzicht
auf gewisse Ess- und Triukgenüsse in qualitativer und quantita-
tiver Hinsicht sowie das Forcieren der Aufnahme bisher idiosyn-
kratisch gemiedener Nahrungs- und Genuasmittel den Triebhinter-
grund der Oralcharakterzüge aufdecken kann.
II
Zur Analyse einzelner Genitalgewohaheiten
Freud sagte uns in seinem Budapester Kongreesvortrage
ausdrücklich, dass er die Regel, die Analyse müsse in der Ver-
sagung durchgeführt werden, nicht im Sinne einer dauernden
sexuellen Abstinenz während der Analyse verstanden haben will.
In diesem Kapitel möchte ich aber unter anderem den Nachweis
erbringen, dass es von verschiedentlicheni Vorteil ist, wenn wir
auch vor dieser letzten Konsequenz nicht zurückweichen. Das
schlagendste theoretische Argument dafür schöpfe ich aus einer
Arbeit Freud s,^" in der er uns zeigt, dass nur zielgehemmte
Sexualtriebe die dauernde Bindung der Massen an eine Autorität
begünstigen, während die Befriedigung die Kraft dieser Bindungen
immer wieder herabsetzt. Dasselbe gilt aber — wie ich vermute —
für die „Massenbildung zu zweien", wie sie die analytische Situa-
tion zwischen Arzt und Patient zeitigt. Es war gleichfalls Freud,
der uns schon vor langem sagte, dass habituelle Sexualbefriedigung
das Kind unerziehbar mache, wahrscheinlich weil bei ihrer Zu-
lassung der Narzissmus immer wieder ansteigt und das Kind von
fremdem Einfluss unabhängig macht. Dasselbe gilt aber auch für
' Wege dct psychoanalytischen Therapie. 1918. (Geß. Sehr., Bd. VI.)
" Massenpsychologie und Ich-Analyse. (Ges. Schriften, Bd. VI.)
Zur Psychoanalyse von Sexualgewohnheiten 261
jene Nacherziehung, die wir mit unserer Psychoanalyse anstreben.
Die Erziehungsarbeit sowohl als auch die analytische muss gleich-
sam die Latenzzeit [die — wie ich es anzudeuten wagte — selbst
eine Nachbildung urzeitlicher Entbehrungen, vielleicht der Eia-
zeiten ist] wiederholen und zu einem neuen, glücklicheren Ab-
schluss bringen. Bei dieser Arbeit muss der Arzt die Rolle des
Vaters, respektive des Urvaters übernehmen," sie erfordert
anderenteils vom Analysierten eine Beeinflusebarkeit, die eine Art
Regression zur Massenpayche (Freud) zur Voraussetzung hat.
Darf sich aber die Sexualspannung während der Analyse immer
wieder durch Befriedigung entlasten, so fehlen die Bedingungen
zum Zustandekommen der zur Übertragung nötigen psychologi-
schen Situation. In diesem Lichte betrachtet, erscheinen die dem
Lustprinzip zuwiderlaufenden Gebote und Verbote als Förderer
der Übertragung. Der Analytiker wirkt auf den Patienten wie
jener Befehlshaber, der niemanden liebt und den alle lieben und
det durch das Verbot gewohnter Befriedigungsarten die Gefühls-
bindung der Analysierten sichert, um den so gewonnenen Emflusa
zur Aufhebung der Verdrängungen, schliesslich auch zur auf-
hebung der Bindung selbst zu verwerten.^^
Die Notwendigkeit dessen, dass die Analyse mit der sexuellen
Askese kombiniert wird, ergab sich aber nicht etwa nur spekulativ,
sondern auch als die Folgerung aus schlechten Erfahrungen, die
ich bei Nichterteilung des Abstinenzgeboles machte, oder m
Fällen, in denen die Versuchung des Patienten zur Übertretung
11 Daae dem Arzt gelegentlich auch die MutterroUc zukommt, ver-
steht sich von Belhst.
" Dieses letztere Moment unterscheidet allerdings die psychische
Situation des AnalyBiertcn von der Zugehörigkeit zu einer religiösen
oder sonstigen Sekte, in der ja der Gehorsam gleichfalls durch Ent-
behrungen (Hunger, Schmerz, sexuelle Askese, Schlaflosigkeit) gesichert
wird.
262
S. FereDCzi
derselben zu gross war. Eine junge Frau mit akuter Melaneholie,
bei der ich mit RückBicht auf die Suizidgefahr nicht wagte, den
persönlichen Verkehr mit jenem Manne, mit dem sie ein uner-
laubtes Verhältnis hatte, vollkommen zu verbieten, liess sich von
mir nur so lange beeinflussen, als ihr psychischer Zustand uner-
träglich war, entzog sich aber bald nachher meinem Einflüsse
und kehrte mit unbeendigler Analyse zum Liebhaber zurück.
Eine andere junge Frau suchte bei mir wegen ihrer unglücklichen
Liebe zu einem Arzte Hilfe, der sie zu gewissen sexuellen Prak-
tiken missbrauchte, ohne ihre zärtlichen Gefühle zu erwidern,
Sie brachte ohne Schwierigkeit die Übertragung auf mich zustande,
flüchtete aber aus der Analyse, wo ihr keine Befriedigung winkte,
mehrere Male zu jenem wenig skrupulösen Kollegen zurück.
Wiederholt nahm ich die reuig Wiederkehrende in Behandlung,
doch wählte sie jedesmal beim Ansteigen des Widerstandes den-
selben Ausweg. Zuletzt blieb sie für längere Zeit aus, wahrschein-
lich schämte sie sich ihrer Schwäche, und ich hörte nichts mehr
von ihr, bis die Zeitungen die Nachricht von ihrer Selbstentleihung
brachten. — Einen sehr interessanten Fall von Zwangsneurose
mit normaler Übertragung und glattem Fortschritt verlor ich,
weil ich der Patientin nicht energisch genug verboten hatte, sich
mit einem Herrn — der charakteristischerwcise meinen Familien-
namen trug — einzulassen. Ähnliche Erfahrung machte ich mit
einer anderen Neurotischen, die Sommerferien zu einer solchen
„Untreue" benutzte.
Man kann nicht umhin, aus dieser Beobachtungsreihe zwei
Folgerungen zu ziehen, erstens die, dass man wenig Aussicht hat,
jemanden von einer noch so unglücklichen Verliebtheit analytisch
zu befreien, so lange noch reale Befriedigungsmöglichkeiten
seitens des Liebesobjektes winken, zweitens dass es überhaupt
nicht günstig ist, wenn sich die Patienten während der Analyse
realen sexuellen Vergnügungen hingeben können. Selbslverstand-
^.
Zur Psychoanalyse von Sexualgewohnheiten 263
lieh ist die Bedingung der sexuellen Askese bei Unverheirateten
viel leichter zu erfüllen als bei Verheirateten; bei letzteren manch-
mal nur mit Hilfe zeitweiliger Entfernung aus der Familie.
Gerade bei verheirateten Neurotikern ist aber die Neuregelung
der ehelichen Sexualbeziehungen in der Analyse meist unumgäng-
lich. Männer von halber oder dreiviertel Potenz strengen eich
in der Ehe oft zu sexuellen Leistungen an, die weit über ihre
eigene Lust hinausgehen/^ rächen sich dann an der Frau mit ihrer
schlechten Laune oder sie produzieren oder verstärken neurotische
Symptome. Aber auch von den anscheinend Hyperpotenten erweiat
es sich oft, dass sie mit ihren Leistungen nur ein Schwächegefühl
kompensieren, ungefähr so wie ich es von der urethralen Über-
potenz sagen konnte. Eine solche Gemütsverfassung ist für das
Zustandekommen der Übertragung ungünstig, verdeckt aber auch
den wirklichen Sachverhalt, sie muss also beseitigt werden, damit
man in der Analyse weiterkommt. Zur Illustration diene folgendes
charakteristische Beispiel: Ein seit seiner frühesten Jugend neu-
rotischer Patient wurde vor seiner Ehe von einer Impotenz mit
Hilfe urologischer Massnahmen „geheilt". Diese Heilung bestand
darin, dass er zwangsneurotisch wurde und bei Einhaltung einer
Unzahl von Zeremonien den Beischlaf mit halbsteifem Gliede
auszuführen und auch zwei Kinder zu zeugen im Stande war.
Die erste Vorschrift, zu deren Einhaltung er nun in der Analyse
angehalten wurde, war die der vollständigen Enthaltsamkeit, die
. auf den Zustand sichtlich beruhigend wirkte, und da in seinem
Zeremoniell ein urethraler Akt (Harnentleerung unmittelbar vor
der Immission) eine hervorragende Rolle spielte, wurde ihm
nebstdem die Harnverhaltungsmassregel aufgetragen. Selbstver-
ständlich wurde inzwischen die Analyse der Zwangsimpulse und
Gedanken fortgesetzt und bald war auch ei n Zusammenhang
^' S. auch Rank: „Pervereion und Neuroee". Intern. Zeitschrirt
für Psychoanalyse, VIII, 1922, S. 397.
264
S. Ferencai
zwiscl
riBchen den Zwangssymptomen und den gezwungenen, unbewusst
gefürchteten Sexualbetätigungen festgestellt; der Zwang war auch
hier, wie nach Freud immer, die Korrektur des Zweifels, dessen
Motiv die gewöhnliche KaHirationsangst gewesen ist. Im weiteren
Verlaufe der Kur bekam der Patient spontane Erektionen, er
wurde aber dazu angehalten, auch diesem Drange nicht nach-
zugeben, und zwar weder seiner Frau noch anderen Frauen
gegenüber. Eigentlich war dies nur die Ausdehnung der vorher
erwähnten urethral-analen Zurückhaltiingsübungen auch auf das
genitale Gebiet. Auch hier musste die Spannung über die sonst
von der Angst gesetzte Grenze hinaus gesteigert werden, was
nicht nur eine stärkere Aggressionslust im physiologiechen Sinne
zur Folge hatte, sondern auch den psychischen Mut, den unbe-
wuBBten Phantasien energisch an den Leib zu rücken. So ver-
quickte sich diese Analyse wie so viele andere erfolgreich nut
einer Art sexueller Anagogie.
Einer solchen Anagogie scheinen übrigens nicht nur die
Neurotiker bedürftig zu sein; so mauche schlechte Ehe lässt sich
durch sie verbessern, denn nichts schadet in der Ehe mehr als
die Vorspiegelung von mehr Zärtlichkeit und hesonders mehr
Erotik als wirklich vorhanden ist, und die Unterdrückung von
Hass und sonstigen Unlustregungen. Ein gelegentlicher zorniger
Ausbruch und zeitweilige Abstinenz können hei der darauffolgen-
den Versöhnung Wunder wirken. Die unrichtige Einstellung in
sexualibus beginnt der Gatte oft schon in der Brautnacht, wo er
der zu solchem Treiben gar nicht vorbereiteten jungen Frau seine
starke Manneskraft in einer die Realität weil übersteigenden Weise
vorführen zu müssen glaubt. Die Folge ist eine erotische Erkaltung
schon während der Hochzeitsreise, mürrisches Wesen seiner-
Verzweiflung darob ihrerseits. Dieses Übel kann sich aber auch
chronisch ins Eheleben einnisten. Der Gatte empfindet dann die
„ehelichen Pflichten" als einen förmlichen Zwaag, gegen den
Zur Psychoanalyse von Sexualgewohnheiten 265
seine Libido gleichfalls mit zwanghaften polygamen Anwandlun-
gen remonstriert. Die Enthaltsamkeitsregel kann auch in solchen
Fällen helfen. Der Begattungsakt soll nämlich seinem Wesen nach
nicht reiner Willensakt oder eine gewohnheitsmässige Handlung
sein, sondern gleichsam ein Fest, bei dem sich bisher zurückge-
haltene Energien in archaischer Form austoben können.» Übrigens
ergibt die psychoanalytische Untersuchung, dass hinter der Unlust
zum Geschlechtsverkehr mit der Ehefrau zumeist die Angst vor
der ödipusrelation versteckt ist, die durch die Gleichstelhing der
Frau mit der Mutter zustande kommt. Paradoxerweise erfordert
also die eheliche Treue zum eigenen Weibe mehr Potenz als die
noch so abenteuerreiche Polygamie. Der gar nicht so seltene
schlechte Ausgang so vieler Liehesehen liess sich durch das Nach-
lassen der Zärtlichkeit nach der überspannten Befriedigung er-
klären; die Ehehälften sehen sich In ihren Erwartungen getäuscht,
die Männer haben etwa sogar den Eindruck, ins Ebenetz gelockt
worden zu sein und zeitlebens als Sexualsklaven dienen zu müssen.
Die genitosexuelle Mehrleistung hat körperliche und psychi-
sche Störungen, besonders auch Depressionszustände zur Folge.
die wir aus dem Symptomkomplexe der N e u r a s th e ni e ken-
nen Die analytische Beobachtung und Heilung dieser Symptome
(unter anderem mit Zuhilfenahme der Abstinenzregel) ermög-
lichte es mir, wie ich glaube, etwas mehr von der Pathologie
dieses analytisch noch vernachlässigten Zustandes zu erfahren.
Was Freud in seinen ersten Arbeiten über Neurasthenie als
ihre Ursache beschrieb, die „inadäquate Entlastung", erweist s.ch
bei näherem Zusehen als ein ängstlicher Protest des körperlichen
und psychischen Ichs gegen die libidinöse Ausbeutung; demnach
läge der Neurasthenie eine h y p o c h o n d r i s c h e Ichangst
zugrunde, ganz im Gegensatz zur Angstneurose, bei der die
" S. Genitaltheorie. S. 58.
r^—
266 S. Ferenczi
Angst aus gestauter Objektlibitlo hervorgeht. Die
Neurastheniker werden bei ihren Onanie- und sonstigen Genital-
betätigungen auch nach der normalen Begattung sozusagen von
„körperlichen Gewissensskrupeln" geplagt; sie haben die Empfin-
dung, sich den Orgasmus gleichsam durch Ahreisaen einer
unreifen Frucht, das heisst durch Befriedigung der noch nicht
zum vollen Drange gediehenen Sexualspanniing, auf Kosten der
Icbfunktionen verschafft zu haben; dies könnte eine der Quellen
der „Abreiaa-Symbolik" der Onanie sein. Die Behandlung der
Neurasthenie kann natürlich auch eine rein palliative sein (Ein-
stellung der pathogenen Befriedigungsarten). Wesentlich unter-
stützt wird sie aber durch die analytische Aufdeckung der Motive
der OnanieangBt und durch die Überwindung dieser Angst im
Laufe der Behandlung.
W. Reich (1. c.) hat vollkommen recht mit der Be-
hauptung, dass man das Zustandekommen einer bisher ängstlich
gemiedenen onanistischen Befriedigung nicht unbedingt zu ver-
hindern braucht. Man möchte dem nur noch hinzufügen, dass,
nachdem der Patient die Onanie zu ertragen gelernt hat, als
zweite Behandlungsetappe das Erlernen des Ertragen» stärkerer
Sexualspannungen auch ohne Onanie, das heisst eine absolute
Abstinenzperiode zu folgen hat. Erst in dieser kann der Patient
den Äutoerotismus voll überwinden und den Weg zu den nor-
malen Sexualobjekten finden. In der Terminologie unserer
Wissenschaft ausgedrückt, hiesse das, die narzisstische Li-
bidospannung zu einer Höhe anwachsen zu lassen, bei der die
Entladung nicht mehr als Opfer, sondern als Erleichterung und
Befriedigung gefühlt wird.
Ein wichtiger Nebenbefund schien mir bei diesen Neur-
astheniestudien, zu denen fast jede Neuroee, auch jede Psycho-
neuroae, Gelegenheit bietet, die Entlarvung der nächtlichen
Pollutionen als gewollte, aber ob ihrer Bewusstseinsunfähig-
Zur Psychoanalyse von Sexualgewohnheiten 267
keit in das Traumleben verbannte Onanieafcle und Phantasien,
die nicht selten auch durch das Einnehmen bestimmter Körper-
lagen unterstützt werden. Die Aufklärung über das Unbewusst-
Gewollte dieser Befriedigungsart wird nach mehr-minder langem
Widerstreben unter dem Druck des Beweismaterials akzeptiert
und die Verantwortlichkeit auch auf diese Art der Selbstbefriedi-
gung ausgedehnt, mit dem Erfolg, dass sie ungleich seltener wird
oder ganz aufhört. Die Pollutionsträume sind ausnahmslos ver-
kappte Inzestträume und gerade diese ihre Herkunft erklärt es,
dasB sie nicht als Wacbonaniephantasien erlebt werden wollen.
Man kann es also als Fortschritt begrüsaen, wenn statt der Pollu-
tionen die eigentlich weniger pathologischen Onanieakte sich
melden, die man dann eine Zeitlang gewahren lassen darf, bevor
die Vorschrift der vollständigen Abstinenz in Anwendung ge-
bracht wird.
Auch die A n g s t n e u r o s e, die wir an der Wurzel jeder
Angsthysterie und der meisten Konversionshysterien antreffen,
kann palliativ oder kausal bebandelt werden, — denn auch diese
hängt eigentlich von zwei Faktoren ab: von der Quantität der
gestauten Libido auf der einen, von der EmpHndlichkeit gegen-
über Libidostauungen auf der anderen Seite. Mit der Abstinenz
sind nämlich, gleichwie mit der onanistiscben Mehrausgabe an
Libido, hypochondrische Angstvorstellungen und Angstgefühle
verbunden. Der Samen wird von Neurasthenikern als der kost-
barste Saft geschätzt, dessen Verlust die schwersten Zustände und
Krankheiten zur Folge hat, während der Angstneurotiker von
der gestauten Libido vergiftet zu werden oder einen Hirnschlag
zu bekommen fürchtet. Die kausale Behandlung ist hier die A n-
wendung, ja Verstärkung der Ab s t i n e n z r e g e 1
trotz derAngßt, unter fortwährender analytischer Zerlegung
und allmählicher Beherrschung der Angst selbst und ihrer psychi-
schen Abkömmlinge,
268 S. Ferenczi
Sicherlich handelt es sich auch bei den Störungen der Ejaku-
lation, wie sie sich als ejaculatio praecox bei der Neurasthenie,
als ejaculatio rctardata bei der Angstneurose melden, um Störun-
gen in der Funktion der Samenblasen und ihrer Sphiakteren ia
urethralem oder analem Sinne, was eine Kombination der geni-
talen mit der prägcnitalen Abstinenz notwendig machen kann.
Ein in der indischen Erotik bewanderter Mohammedaner erzählte
mir, dass er und seine Landsleute den Koitus in infiuitum ohne
Ejakulation fortsetzen können, wenn die Frau während des Aktes
mit den Fingern dauernd einen Druck auf die Dammgegend des
Mannes ausübt und ihn so der Sorge um den Sphinktcrschluss der
Samenblasen enthebt.
Die verschiedenen ALstinenzmassnahmen haben, wie schon
angedeutet, nicht nur die Wirkung, dass die unterdrückte Inner-
vation auf andere Körpergebiete verschoben wird, es gehen mit
ihnen auch seelische Reaktionen einher, durch die manches bisher
versteckt gebliebene unbewusste Materia! aufgescheucht wird.
Von der Angstreaktion haben wir schon gesprochen; nicht minder
ausgeprägt kommen aber häufig Anwandlungen von Wut- und
Racheimpulsen, die sich selbstverständlich vorerst gegen den
Analytiker richten, die aber dann leicht auf ihre infantilen
Quellen zurückzuführen sind. Und gerade diese Reaktionefreiheit
unterscheidet die Gebote und Verbote in der analytischen Nach-
erziehung von jenen, die in der Kindheit erlebt wurden und später
zur Neurose geführt haben. Mit dieser Aggression werden wir uns
noch etwas eingehender beschäftigen müssen. Nicht zu verkennen
ist ferner die Hebung der psychischen Leistungsfähigkeit unter
dem Einflüsse der Abstinenz, besondere aber bei der Einstellung
der sexuellen „Überleietungen", als ob die ersparte Libido nicht
nur den Tonus der Muskulatur," sondern auch den des Denk>
^^ Erfahrene Landwirte beurteilen die Leistungsfähigkeit der Zucht-
stiere nacb dem Bestehen oder Fehlcu der Tendenz „sich zu recken".
Zur Psychoanalyse von Sexualgewohnheiten 269
Organs steigern würde, wie dies übrigens schon von Schopen-
hauer behauptet wurde. Beim Neurotiker stellt sich aber die
Genuss- und Leistungsfähigkeit ohne Analyse nicht her, die Tonus-
eteigerung dient hier nur dazu, das verdrängte psychische Material
zu heben, und erst die weitere Sichtung desselben kann die Lei-
stungefähigkeit fördern. Wir wissen seit Freud, dass weder
Askese noch Ausleben ohne Lösung der inneren Konflikte eine
Neurose heilen kann.*^"
III
Über unbewußte Lustmordphantasien
Die Psychoanalyse der Fälle mit genito-sexueller Mehrleistung
führte bei Anwendung der urethralen, analen und genitalen Ver-
sagungsmassregel mit auffallender Regelmässigkeit zur Aufdeckung
heftiger aggressiver Regungen, zumeist von Regungen der Mord-
lust. Sie äusserten sich nicht selten in sadistischen Phantasien
vom Erwürgen, Erstechen oder sonstiger vollständiger Über-
wältigung der Frau, gelegentlich verbunden mit der scherzhaften
oder spielerischen Andeutung solcher Handlungen. Die Einfälle
der Patienten gestatteten mir, festzustellen, dass diese meist nur
unbewusst phantasierte Absicht der Ermordung der Frau vielfach
determiniert ist. Vor allem dient sie der Rache wegen der der Frau
zugemuteten Tendenz des „Samenraubes", sodann äussert sich
in ihr die Angst vor der Kastration, die wegen des Geschlechts-
verkehres seitens der väterlichen Autorität droht; dieser Teil der
Mordlust wird eigentlich vom Manne (Vater) auf die Frau
(Mutter) übertragen. Andererseits gaben diese Fälle auch Anlasa
zur Deutung der Angst (im Sinne Ranks) als Angst vor der
mütterlichen Vagina (Vagina dentata — Geburtsaagst). Ob und
*^ Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, Taschenaus-
gabe, S. 458. (Ges. Schriften, Bd. VII, S. 449.)
270 S. Ferenczi
inwieweit letztere wirklich als traumatisches Moment, als Wieder-
holung des Geburtstraumas oder eher als Ausdruckemittel der
Kaetrations- und Gebärangst aufzufassen ist, bleibe hier unent-
schieden, möglicherweise wirken beide Angstmomente in den ein-
zelnen Fällen verschieden stark.
Jedenfalls konnte ich in einer Sitzung der Budapester
Psychoanalytischen Vereinigung die kasuistische Mitteilung
S. Pfeifers, die einen nekrophilcn Traum auf Angst vor dem
Koitus zurückführte, dahin verallgemeinern, dass dieses Motiv
der sadistischen Impulse bei Neurotikern ein recht häufiges ist.
Vielen Neurotikern erscheint der Koitus direkt oder in seinen
Folgen unbewuseterweiae als ein ihr Leben oder ihren Körper,
besonders aber ihr Genitale gefährdender Akt, in dem sich also
die Befriedigungslust mit grosser Angst vergesellschaftet. Die
Tötungsahsicht verfolgt, wenigstens zum Teile, den Zweck, das
Angstmomeut durch vorherige Unschädlichmachung des Liebes-
objektes auszuschalten, um dann die Lust ohne Kastraiionsangst
ungestört zu geniessen. In diesen Angriffsphanlasien werden gegen
das Weih vorerst äussere Waffen (Messer, Dolche oder minder
geschonte Körperteile, besonders die Hand, beim Erwürgen) in
Anwendung gebracht und erst dann der Koitus ausgeführt, das
heisst der Penis als Waffe nur gegen ein harmlos gewordenes
Objekt benützt. Die intime Verquickung aggressiver und libidi-
nöser Akte im normalen Koitueakte erscheint hier gleichsam
entmischt, in zwei gesonderten Aktionen. Im normalen Koitusakt
des Nichtneurotischen überwiegt schliesslich die innere Spannung,
die zur Entladung drängt, über die Angst, aber Spuren davon
dürften auch hier in jedem Falle nachweisbar sein, wie dies übri-
gens auch die von mir versuchte onto- und phylogenetische ,,Ka-
tastrophentheorie" des Koitus^^ voraussetzt.
17
S. Genitaltheoric. Kapitel 5 u. 6. ^^^
Zur Psychoanalyse von Sexual gewohnheiten
271
Bei den Abstinenzversuchen zwingt man die Nefarotiker zum
Ertragen starker Spannungen, die echliesslick die Angst vor dem
Koitus überwinden. In einem Falle konnte ich besonders schön
die Progression von der Lustmordphantasie zum Koitus in den
Träumen verfolgen. Nach Träumen, in denen die Frau (Mutler)
tot gemacht wurde, kamen solche von heftigen Kämpfen mit dem
Manne (Arzt, Vater), die in Pollutionen endeten. Dann kamen
aktiv homosexuelle Träume, das heisst die Kastration der Männer,
und erst nachdem der Vater überwunden und mit ihm sozusagen
das Mass der Gefährlichkeit überschritten war, kamen manifeste
Koitusträume mit Frauenpersonen.^*
Ich musste nun diese Beobachtungen mit meiner allerdings
nur spärlichen Erfahrung über die manifest masochistische
Perversion in Zusammenhang bringen. Ich weiss es von einem
sehr intelligenten jungen Manne, der an dieser Perversion litt,
dass die Masochisten nur gewisse, individuell verschiedene Grade
der Erniedrigung und des körperlichen Leidens wollüstig emp-
finden, zu denen sie den Partner oder die Partnerin förmlich ab-
richten; geht die Stärke der Beleidigung oder des Leidens über
dieses Mass hinaus, so erkalten sie und werden der Leidenschaft
wenigstens jener Person gegenüber frei. Es ist, als ob das Straf-
bedürfnis, allgemeiner gesagt, das L e i d e n 8 b e d ü r f n i s der
Masochisten, dessen tiefere Quellen F r e u d in einer seiner letzten
Arbeiten beleuchtet hat,^'' auch gewissen sozusagen praktischen
Zielen dienen sollte, nicht unähnlich den von mir versuchten Ex-
perimenten, die bestrebt sind, die Fähigkeit zum
Ertragen von Schmerzen über die Angstgrenze
hinaus zu steigern, um dadurch das Aufbringen des zum
" Die weitere Verfolgung dieses Gegenstandes könnte nicht nur
zum Verständnis der kriminellen Lustmordtendenzen, sondern auch der
gemeinen Mordimpulae beitragen.
" Das Ökonomische Problem des Masochiamus (Ges. Sehr. Bd. V.)
272 S. Ferenczi
KoituB erforderlichen Mutes zu fördern. Allerdings erreichen die
Masochisten dieses Ziel nie: der Orgasmus knüpft sich bei ihnen
an das Leiden selbst, während sie zur normalen Begattung gar
nicht oder nur nach vorhergehenden Schmt-rzempfindungen fähig
sind. Die der Algolagnie preisgegebenen Körperstellen sind fast
immer extragenital, als handelte es sich auch hier darum, das
Sehmerz- und Angstmoment auf andere Körperstellen zu ver-
schieben, um dem Genitale eine schmerz- und angstlose, sozusagen
kastrationsfreie Befriedigung zu gewähren. Schön zeigte sich dies
in dem Falle einer masochistischen Patientin, deren wollüstige
Phantasien das GcBchlagenwerden an den Nates zum Gegenstand
hatten. Sclion als Kind ersetzte sie die Genitalonanie durch die
Analerotik, liess sich aber gerne unmittelbar nach dem Stuhl-
absetzen hinten schlagen. Ich glaube, dass ich in diesem Falle
weiter gekommen wäre, hätte ich mit Hilfe der analen Retentions-
übung die Rückverlegung der Erotik auf das Genitale und damit
das Ertragenlernen der Kaatrations-, Geburts- und Gebärpbanta-
sien gefördert.
Ein gemeinsames Motiv sowohl der sadistischen Mordlust als
auch der masochistischen Lust am Leiden wäre demnach die
psychische und physische Schmerzempfindlichkeit der Genital-
region und die daraus folgende Angst vor der normalen Sexual-
betätigung. Die Entscheidung darüber, eine wie grosse Rolle dabei
die unbewusste Identifizierung des ganzen Ichs mit dem Genitale
spielt,^" bleibe weiteren Untersuchungen vorbehalten.
'" S. GcnitaUheorie. S. 52.
^
Zur Psychoanalyse von Sexualgewolmheiten 273
IV
Gewohnheit und Symptom
Alles, was wir bisher als Urethral-, Anal- und Sexualgewohn-
heiten beschrieben, Hesse sich auch als Symptom definieren,
hinter dem die Analyse andere, verdrängte Tendenzen und
Regungen aufdeckt. Eine sehr unvollkommene Aufzählung anderer,
nicht unmittelbar um das Genitale herum gruppierter „Symptom-
gewohnheiten" möge hier folgen.
Das Verhalten der Motilität des Patienten während der
Analyse, auf das wir bereits hindeuteten, verdient eingehende
Beachtung. Viele Patienten zeigen eine übermässige Steifheit in
allen Gliedern, die hei der Begrüssung oder beim Abschiednebmen
zu katatonieartiger Starre anwachsen kann, ohne dass man darum
gleich an Schizophrenie zu denken brauchte. Schreitet die Analyse
fort, 80 mag mit der Lösung von psychischen Spannungen auch
die körperliche schwinden; gelegentlich aber kommt man damit
allein nicht aus und sieht sich veranlasst, den Patienten auf sein
Verhalten aufmerksam zu machen und ihn dadurch einigermassen
zu „mobilisieren". Im Anschlüsse daran kommt dann zumeist
manches bisher Versteckte oder Unbewusste zur Sprache, be-
sonders zärtliche und feindliche Tendenzen, die durch die
Spannung gehemmt wurden, sowie Schwierigkeiten bei der sexu-
ellen Entladung und Erektion. Man sieht dann auch den Hände-
druck der Patienten ungezwungener, ihre Haltung etwas mobiler
werden, womit eine entsprechende psychische Einstellung parallel
laufen mag.^^ Schon vor langer Zeit fesselten aber nebst diesen,
- gleichsam konstanten, auch gewisse „passagere" Symptome meine
si „Zur psychoanalytischen Technik" in: Bausteine zur Psychoana-
lyse, Bd. 11, S. 38.
FerenczJ, Bausteine zur Psychoanalyse. III. 18
274
S. Ferenczi
Aufmerksamkeit" und auch das plötzliche Einstellen einer ge-
wohnheitsmäsfiig wiederholten rhythmischen Bewegung mag in der
Analyse als Zeichen einer unterdrückten Denkoperation gedeutet
und als solche dem Patienten vorgehalten werden.*''
Eine ungewohnte Geste während der Stunde mag sich als
Zeichen unterdrückter Emotion entpupprn. Am hedeutsamsteo
für die Analyse sind aher die ßogenannten „Unarten"' und
„schlechten Gewohnheiten'^ der Menschen, das Nagelbeissen,
Nasenhohren, Sichkratzen, das Zupfen am Schnurrhart usw. Auf
die Möglichkeit ihrer Entlarvung als Onanieäquivalente habe ich
bereite anderwärts hingewiesen.^* Jedenfalls tut man gut daran,
auf sie zu achten und hei passender Gelegenheit den Rat zu ihrer
Einstellung zu erteilen, nicht so sehr zum Zwecke der Abge-
wöhnung, als vielmehr in der Erwartung, daes durch die so ge-
schaffene innere Spannungssteigerung unhewusstes Material auf-
gewühlt und analytisch verwertbar wird. Das hartnäckigste unter
den passageren Symptomen, der tic convuUif, ist ohne diese Ma^ss-
uahme weder unserem Verständnis, noch der Beeinflussung zu-
gänglich.
AU besonders charakteristisches Beispiel erwähne ich den Fall
eines an schwerer narzisstischer Neurose Leidenden, der einerseits
von der (eingebildeten) Idee der Verunstaltung seiner Nase ge-
1
m
I
^^ Vgl. über paasagerc S>mplombilduDgen während der Aiialyse, m:
Bausteine zur Psychoanalyse, Bd. 11, S. 9.
'■'^ Es scheint eine gewisse Beziehung zwischen der Fähigkeit allge-
meiner Entspannung der Muskulatur und der Fähigkeit zum freien Asso-
ziieren zu liestehen. Gckgimlliili verhalte ich di« Paticntt-n zu solcher
Entepannung. S. auch „Denken und Muskclinncrvulion". in Bausteine
zur Psychoanalyse, Bd. I. S. 189.
" S. Ober den Tic, in Bausteine zur Pflyehoanalyse, Bd. I- S. 193;
Techn. Schwierigkeiten einer Hyslerlcaniilysc, in Bausteine zur Psycho-
analyse, Bd. III. S. 119.
Zur Psychoanalyse von Sexualgewohnheiten
275
(-—
plagt war, anderseits fortwährend, besonders aber bei seelischer
Erregung die heftigsten grimassierenden Zuckungen der Gesichts-
muskeln produzierte. Ausserdem war bei ihm eine Unzahl manie-
rierter Körperhaltungen und Bewegungen vorhanden, die er hei
gewissen Anlässen als eine Art Zwangszeremonieli einhalten
musste. Die Analyse dieser Zustände wurde wesentlich durch das
strenge Untersagen auch der leisesten Andeutung seiner Tics
während der Analysenstunde, später auch ausser derselben, ge-
fordert, allerdings gestaltete sich hiedurch die analytische Arbeit
"für Arzt und Patient recht anstrengend. Indem aber den inneren
Spannungen statt des reflektorischen, sozusagen symbolischen,
der Weg zur bewusst-psychischen Erledigung gewiesen wurde,
bekam mau Einsicht in den Zweck, resp. die Motivierung jeder
einzelnen Bewegung. So entpuppten sich die Grimassen als eine
Art unbewusste muskuläre Nasenkosmetik, die durch entsprechen-
des Pressen und Zerren der Nase ihre frühere ideale Form wieder-
geben sollte; dabei war diese Tendenz durch das Abschreckende
der Gesichtsverzerrungen verdeckt. Auch die übrigen Manieren
standen unbewussterweise im Dienste der Schönheitspflege. Die
weitere assoziative Durchforschung brachte Erinnerungen der
Kindheit, aus denen wir erfuhren, dass alle diese Haltungen und
Bewegungen seinerzeit bewusst und gewollt geübt und gepflegt
wurden, während sich der Patient über ihren Sinn und Bedeutung
später nur sehr unvollkommen Rechenschaft gab.
Nun ist aber diese letztere Beobachtung durchaus keine
vereinzelte, ja, ich möchte mich getrauen, meinen Eindruck über
^* Dieses Beispiel ist übrigens eines unter vielen, die für die Richtig-
keit meiner Aauahme sprechen, dase der Tic in nächster Beziehung zu
den narzisatischen Neurosen steht. Der Narzissmus war hier, wie so
häufig, ein sekundärer, eine Rückverlegung der gefürchteten Genitalerotik
auf den ganzen Körper, ja auf das ganze psycho-physiache Ich des
Patienten.
276 S. Ferenczi
r-
'^ Ein Neurotiker mit DarmstÖruagcD erinnert Bioh, als Kind in
BpieleriBcher Absicht sielizigmal tiintereinaiidür laut vernehmlich Winde
gelassen zu haben; ein anderer mit Atemstörungen pflegte im Alter von
3 bis 4 Jahren den Bauch an die Tiachkante zu drücken, bis er einen
ExepiratiouBkrampf bekam.
die Genese der liyaterisclien und überhaupt der neurotischen Kör-
persymptome dahin zu präzisieren, daßs vielleicht keines dieser
Symptome ohne die Präexietenz der nämlichen Symptomäusserung
als infantile „Gewohnheit" zustande kommen kann. Nicht umsonst
bekämpfen die Pflegepersonen die sogenannten kindlichen Unarten,
indem sie z. B. dem grimassierenden Kinde mit der Aussicht
drohen, sein Gesicht würde „so bleiben". So bleibt ea nun in den ^
meisten Fällen wohl nicht, aber unter den Bedingungen neuroso- f
gener Konflikte können sich die unterdrückten infantilen Gewohn-
heiten dem Verdrängten aU Symptommalerial zur Verfügung
stellen. Wenn manches hysterische Symptom uns aU eine Mehr- j
leietung imponiert (z. B. isolierte Innervii-rung sonst nur symme- ;
trisch beweglicher Augen- oder Kehlkopfmiiskeln, des Platysma, i
Bewegung der Galea, Einflussnahme auf die gewöhnlich unwill- |
kürlich ablaufenden Blutkreislauf-, Atmungs- und Darmbewe-
gungsprozesse), Bo dürfen wir nicht vergessen, dass dem kind-
lichen Organismus auch bei den auto- oder organerotischeu Spiele-
reien noch Erregungewege offen stehen, die für den Erwachsenen
ungangbar sind. Besteht doch die „Erziehung" nicht nur im Erler-
nen neuer, sondern nicht «um geringsten Teil auch im Verlernen
solcher „übernormalen" Fähigkeiten. Die vergessene (oder ver-
drängte) Fähigkeit kann aber in der Neurose als Symptom wieder-
kehren.^" Alle Zwangszeremonielle haben übrigens gleichfalls
wenigstens eine ihrer Wurzeln in kindlichen Spielen und Ver-
anstaltungen. Die sonderbare Behauptung so vieler Neurotiker
am Ende der Kur, sie hätten die ganze für sie doch so quälende
und ihre Leistungsfähigkeit fast vernichtende Krankheit nur
Zur Psychoanalyse von Sexual^ewohnheiten 277
„simuliert"', wäre aUo nach alledem in dem Sinne teilweise rich-
tig, daas sie als Erwachsene vielfach als Symptome äussern, was
sie einstmals in der Kindheit gewollt und spielerisch produziert
hahen.
Die Psychoanalyse kann auch als ein fortwährendes An-
kämpfen gegen Denkgewohnheiten aufgefasst werden.
Das freie Assoziieren 2. B. erfordert die ununterbrochene Auf-
merksamkeit des Arztes und des Patienten, damit letzterer
nicht in die Gewohnheit des gerichteten Denkens zurückfällt. Wo
man hingegen bemerkt, dass mit Hilfe der freien Assoziation vor
peinlichen sinnvollen Zusammenhängen ausgewichen wird, muss
der Patient zu letzteren gedrängt werden.'^ Im Gegensatz hiezu
stehen die Fälle, in denen hypochondrische oder querulierende
Monotonie statt freier Assoziation die Stunden ausfüllt. Nachdem
ich sie eine Weile habe gewähren lassen, musste ich manchmal
den Patienten beauftragen, statt der langwierigen Erzählung mir
nur mit einer verabredeten Geste mitzuteilen, dass er sich wieder
mit der uns schon wohlbekannten Idee beschäftigt. Unter diesen
Bedingungen blieb ihm der bequeme Weg der Erleichterung ver-
sperrt und wurden die Hintergründe des Seelenzustandes eher
zugänglich. In ähnlicher Weise kann man es versuchen, durch
konsequentes Verbot des „Vorbeiredens" (Gansersches Symptom)
die Patienten zum Zuendedenken peinlicher Gedankengänge zu
bewegen, was nicht ohne Widerstand seitens der Analysierten
zugeht.
" S. „Missbrauch der Asaoziationstreiheit" in Bausteine zur Psycho-
analyse. Bd. n, S. 38.
278 S. Ferenczi
Zur Metapsychologie der Gewohnheiten
im allgemeinen
^
t
I-
„Die Gewohnheit wird zur zweiten Natur", in diesem Spruche
der Volksweisheit ist wohl alles enthalteD, was wir bisher über
die Psychologie der Gewohnheiten wussten. Die Lehre von der
„Bahinung" der Abflusswege der Erregung durch die Wiederholung
besagt eigentlich nicht mehr als jener Satz, sie drückt dasselbe
nur mit einem physiologischen Kuustworte aus. Freuds Trieb-
lehre verhalf uns zum erstenmal zu einem Einblick in die psychi-
sche Motivierung der Neigung zur gewohnheitsoiässigen Wieder-
holung des früher Erlebten; sein „Wiederholungszwang" ist ein
Abkömmling der Lebens- und Todestriebe, die alles Bestehende
in eine frühere Gleichgewichtssituation zurückzuführen trachten.
Jedenfalls ist mit der Wiederholung eine „Ersparnis an psychi-
schem Aufwand" verknüpft, mit der verglichen das Suchen neuer
Wege der Erledigung eine neue Anpassungsleistung, d. h. etwas
verhältnismässig Unlustvolleres wäre. Doch erst Freuds letztes
Werk über „Das Ich und das Es" (1923) versetzt uns in die Lage,
uns von der psychischen Topik der Vorgänge, die bei der An- und
Abgewöhnung in Betracht kommen, eine Vorstellung zu bilden; ;,
cfie Dynamik und die Ökonomie dieser Prozesse war schon in der
Trieblehre Freuds angedeutet. Die Sonderung des früher ein-
heitlich gedachten Ichs in ein eigentliches Ich, ein Üher-Ich
und ein E s erlaubt uns, wie ich glaube, die psychische Lokalität
näher zu bezeichnen, an der gewollte Handlungen zu automati-
schen werden (Angewöhnung), andererseits automatisch gewor.
dene einer Neuorientierung, überhaupt einer Änderung zugeführt
werden können (Abgewöhnung). Jene Stelle des seelischen Appa<
..,>
Zur Psychoanalyse von Sexualgewohnheiten 279
ratee, in der wir die Gewohnheitstendenzen aufgestapelt denken
können, ist wohl das grosse Trieh- und Libidoreservoir des Es,
während das Ich sich nur in Bewegung setzt, wenn es einen neuen
Störungsreiz zu beseitigen gilt, d. h. eben bei den Änpassungs-
leistungen. Das Ich wirkt hier demnach wie ein „Gelegenheits-
apparat" im Sinne Bleulers. Jede Neuanpaseung erfordert
die Zuwendung der Aufmerksamkeit, eine Arbeitsleistung des
Bewusstseins und der Wahrnehmungsfläche, während die Ge-
wohnheiten im Unbewussten des Individuums deponiert sind.
Eine Gewohnheit aneignen, hiesse demnach eine vorgängige Ich-
(Anpassungs-)Leistung dem Es zu überantworten, während bei
der AhgewÖhnung umgekehrt eine vorher automatische Er-
ledigungsart hehufs neuer Verwendung vom Es nochmals der
Kompetenz des hewussten Ichs überliefert wird.^^ Es ist klar, dass
diese Auffassung Gewohnheiten und Triebe unter einen Hut
bringt; die Berechtigung hiezu verschafft uns die Tatsache, dass
auch die Triebe immer die Wiederherstellung eines früheren Zu-
standes anstreben, in diesem Sinne also auch nur „Gewohnheiten
sind, mögen sie direkt der Todesruhe zuführen oder dies auf dem
Umwege der „süssen Gewohnheit des Seins" erreichen. Es ist aber
vielleicht zweckmässiger, die Gewohnheit, anstatt sie ganz mit
dem Triebe zu identifizieren, als eine Art Übergang zwischen den
Wahlhandlungen und den eigentlichen Trieben aufzufassen und
den Ausdruck Trieh nur für jene sehr alten Gewohnheiten zu
reservieren, die nicht im individuellen Leben erworben, sondern
als fertige Erbschaft von den Vorfahren überliefert wurden. Die
Gewohnheiten wären sozusagen die Kambiumschichte der Trieh-
'^ Das Gefühl der freien WillenscDtscheidung, des liberum arbitrium,
haftet nur jenen Handlungen an, die nicht trieb- oder gewohnheitsmäaaig
als Reaktionen des Es, sondern als Ichleiatungen zustande kommen.
1 ■'
\
280
S. Ferenczi
bildung, die Stellen, an denen die Umwandlung von Willenshand-
lungen in triebhaftes Tun auch heute noch stattfindet und der
Untersuchung zugänglich ist. Die Motive einer Willenshandlung
sind Wahrnehmungeakte, Reize, die die Wahrnehraungsfläche des
Individuums treffen, die nach Freud allein die Zugänge zur
MotiHtät behütet. Im Falle der Angewöhnung werden d i e
AuBsenreize sozusagen introjiziert und wirken von
innen heraus spontan oder bei geringfügigen Signalen aus der
Aussenwelt.
luBoferne nun die Psychoanalyse, wie wir vordem ausführten,
eigentlich ein Kampf gegen die Cewohuheiten ist und darauf
ausgeht, jene un zweck massigen gewohnheitsmässigen Erledigungs-
arten der Konflikte, die wir Symptome nennen, durch eine neue,
eine Realanpassung zu ersetzen, wird sie „jenes Werkzeug, welches
dem Ich die fortschreitende Eroberung des Es ermöglichen soll'*
(Freud).
Auch der dritten Ichkomponente, dem Üher-Ich, kommen
bei den Vorgängen der An- und Ahgewöhnung wichtige Funk-
tionen zu. Gewiss würde die Annahme und das Aufgehen von
Gewohnheiten nicht so bald gelingen, ginge ihnen nicht eine
Identifizierung mit den erziehenden Mächten voraus, deren Bei-
spiel dann als ständige Norm der Lebensführung im Innern auf-
gerichtet wird. Welche libidinösen Strehungen und welche maasea-
psychologischen Bindungen dabei in Betracht kommen, braucht
hier nicht wiederholt zu werden. Die Art, in der der äussere Ein-
fluss der erziehenden Mächte veriunerlicht wird, können wir aber
gleichfalls als Beispiel für das Zustandekommen einer neuen Ge-
wohnheit oder eines neuen Triebes betrachten. An diesem Punkte
hängt das Problem der Triebbildting mit dem der Bildung dauer-
hafter mnemischer Eindrücke in der Psyche und in der organischen
Materie überhaupt innig zusammen und es ist vielleicht förder-
licher, die Erinnerungsbilduug mit Hilfe der Trieblehre zu er-
Zur Psychoanalyse von Sexualgewohnheiten 281
klären, als letztere in die Terminologie nicht näher charafcterisier-
barer „Mnemen" zu kleiden,^^
Die Psychoanalyse bezweckt, unbewusst und automatisch
gewordene Anteile des Es wieder unter die Botmäseigkeit des Ichs
zu bringen, das dann mit Hilfe seiner engen Beziehungen zu allen
realen Mächten eine dem Realitätsprinzip besser entsprechende
Neuregelung anbahnen kann. Die Verknüpfung des Bewusstseins
mit dem unbewuseten Es geschieht in der Analyse „durch Ein-
schaltung vorbewusster Mittelglieder" (Freud). Nun ist das
aber nur bezüglich des unbewussten Vorstellungsmate-
r i a 1 8 möglich; unhewuaste innere Antriebe aber, die
ßich dort „wie Verdrängte gebärden", d. h. weder als Emotionen
noch als Gefühle zum Bewusstsein gelangen, können durch Ein-
schaltung solcher vorbewusster Glieder nicht zum Bewusstsein
gebracht werden. Die unbewussten inneren Unlustempfindungen
z. B. können „treibende Kräfte entfalten, ohne dass das Ich den
Zwang bemerkt. Erst Widerstand gegen den Zwang, Aufhalten der
Abfuhrreaktion macht dieses Andere sofort als Unlust bewusst."
(Freud, Das Ich und das Es, S. 23.) In diesem Lichte betrachtet,
erscheint die sogenannte „Aktivität", die gerade mit dem Auf-
halten der Abfuhrreaktionen (Abstinenz, Versagung, Verbot lust-
" Hier fügt sich auch das Problem der Vererbung organisch ein.
„Die Erlebnisse des Ichs" — sagt Freud in seinem „Das Ich und das Es"
(S. 46) — „scheinen zunächst für die Erbschaft verloren zu gehen,
wenn sie sich aber häufig und stark genug bei den generationsweise
aufeinanderfolgenden Individuen wiederholen, setzen sie sich Bozusagen
in Erlebnisse des Es um, deren Eindruck durch Vererbung festgehalten
wird." Die Betrachtungen über Angewöhnung im Laufe des Individiial-
lebens zeigen uns, wie ich glaube, den Weg dieser Einverleibung nur
etwas näher; die Vererbung der individuell erworbenen Eigenschaft
mag dann durch Parallel-Induktion oder sonstwie das Keimplasma und
damit die kommenden Generationen beeinflussen, (Siehe dazu auch
Genitaltheorie, S. 91.)
282
S. Ferenczi
voller, Gebot unlustvoller Betätigungen) die inneren Bedürfnis-
Spannungen steigert und dadurch auch bisher unbewuaste Uol"«*
zum Bewuasteein fortleitet, eine notwendige Ergänzung zur rein
passiven Assoziationstechuik, die von der jeweiligen psychischen
Oberfläche ausgehend die vorbewusste Besetzung unbewussieß
VorstellungsmateriaU anstrebt. Letzteres könnte man als „Ad«-
yee von o b e n" von der ersteren, die ich „A u a 1 y s e von
u n t e n" nennen möchte, unterscheiden. Der Kampf gegen äi^
„(.ewohnheiten", insbesondere gegen die unbewusstcn und un-
bemerkten, larvierten Abfuhrmöglichkeiten der Libido ist dabei
eines der wirkeamsten Mittel zur Steigerung der inneren Span-
nungen. ^
VI
Einige technische Bemerkungen
Die Berücksichtigung des bisher Gesagten gestattet uns, 3»
ruhere, von theoretischen Erwartungsvorstellungen noch g««^
treie Versuch, einer „aktiven" Förderung der Techüik anzu-
knüpfen, a.e stellenweise abzurunden, gelegentlich zu korrigiere"-
Wenn unsere Auffassung von der Doppelrichtung der Analy^«
ncht,g .st, erhebt sich sofort die Frage, wie sich beide zueinander
verhalten, wann hat z. B. „die Analyse von unten" einzusetzen-
de lange ist sie fortzuführen usw. Genau Antworten können wir
auf diese Fragen nicht geben, so dass sowohl was wissenschaftlich«
Durchsichtigkeit, als auch was die Genauigkeit der Vorschriften
^u Ihrer Anwendung anbelangt, die Analyse von oben immer noch
als die klassische genannt zu werden verdient. Immerhin gl«"»'^
ich insbesondere an den Beispielen der urethro-analen «nd geni-
talen Beeinflussung der Analysierten wenigstens die Art ge^eig*
fc M
1
Zur Psychoanalyse von Sexualgewohnheiten 283
zu haben, in der die aktive Technik die nichtaktive fordern kann,
ich denke auch, daes die soeben geführte kurze theoretische Er-
örterung zum Verständnis dieser Wirkung einiges beigetragen hat.
Nun möchte ich zur Ergänzung einige Bemerkungen anführen,
die sich mir im Laufe der praktischen analytischen Arbeit zu
diesem Thema aufdrängten.
Solange die bestehenden inneren Spannungen allein hin-
reichen, das zur Fortführung der Analyse erforderliche Material
zutage zu fördern, braucht man nicht für die künstliche Steigerung
der Spannung zu sorgen und unser ganzes Augenmerk mag auf die
analytische Zerlegung des spontan Gelieferten gerichtet sein. Wie
sich diese Arbeit ungefähr gestaltet, wurde in den technischen
Arbeiten Freuds auseinandergesetzt. Wenn es sich aber der
Patient auf einer gewissen Stufe der analytischen Entwicklung
sozusagen bequem macht, wird man wohl ohne eine gewisse Akti-
vität nicht auskommen, deren Erfolg dann wieder das zwangslose
Produzieren spontaner Einfälle sein kann. Durch dieses Wechsel-
spiel emotioneller und intellektueller Perioden gestaltet sich
manche Analyse sehr anregend; man muss dabei wieder einmal
das Gleichnis vom Tunnelbohren heranziehen, mit dem Unter-
schied, dass hier oft abwechselnd von der einen oder der anderen
Seite gearbeitet werden muss.
Entsprechend der Hauptregel der Aktivität (der Versagung)
soll man Vorschlägen, die vom Patienten selber ausgehen, nicht
ohne weiteres zustimmen. Abgesehen davon, dass man natürlich
vorerst mit der stereotypen Frage zu antworten hat, was dem
Patienten zu seinen Vorschlägen einfällt, wird man gut tun, dem
Patienten zu raten, sich des Vorgeschlagenen zunächst zu enthalten
oder gar das Gegenteil dessen zu tun. Jedenfalls hat man so mehr
Aussicht, die psychische Motivierung aufzudecken, als wenn man
den Patienten gewohnheitemässig den ihm bequemeren Weg gehen
lässt. Es wirkt z. B. frappant, wenn der Patient in der analytischen
284 S. Ferenczi
r
Situation, wie es ihm im Leben eo oft gelang, einen Konflikt
heraufbeschwören möchte und statt dessen vom Arzte mit voller
Nachgiebigkeit behandelt wird. In solchen Fallen besteht die Ver-
sagung darin, dass man dem Patienten die Möglichkeit zu gewissem
Affektentladungen durch Nachgiebigkeit erschwert. Im Gegensatz
hiezu erfordert die Behandlung stark verzärtelter und empfind-
licher Naturen, die die Freundlichkeit des Arztes auf alle mög-
liche Weise zu erpressen trachten, eine gewisse Strenge, zumindest
kühle Objektivität. Selbstverständlich darf aber diese Behandlung
„wider den Strich" erst einsetzen, wenn die Bindung des Patienten
an die Analyse tragfähig geworden ist.
Im allgemeinen tut man gut, ganz am Beginne der Analyse
sich längere Zeit hindurch rein auf den beobachtenden Standpunkt
zu stellen und die Gebarung des Patienten im gewohnten Milieu
unter den wechselnden Verhältnissen des Alltags zu studieren.
Erst allmählich darf man dem Patienten Deutungen uud analyti-
sche Aufklärungen geben und erst später kommt man gelegentlich
in die Lage, zwecks Förderung der analytischen Arbeil Ver-
haltungsmassregeln vorzusehreiben. In erster Linie handelt es sicli
natürlich um eine Einflussnahme auf das Verhältnis zu den näch-
sten Familienangehörigen, zu Freunden, Kollegen und Vorgeaetzen,
dann auch um Vorschläge in Bezug auf die verschiedenen eigenen
Gewohnheiten, auf die Lebensweise, wobei man sein Augenmerk
auch auf kleinliche Einzelheiten der diätetischen, Schlaf-, An-
kleide- und Auskleidegewohnheiten usw., insbesondere auf die
physischen Befriedigungsarten zu richten hat. Die zeitweilige Aus-
setzung leidenschaftlich betriebener Lektüre, künstlerischer Ver-
gnügungen, ist manchmal nicht zu vermeiden. In gewissen Fällen
muss man eich dazu entschliessen, den Patienten für kürzere oder
längere Zeit seinem gewohnten Milieu zu entziehen, doch ist es \
vorteilhaft, wenn die Analyse in dem gewohnten Milieu endet,
in dem ja schliesslich die in der Analyse erworbene Fähigkeit zu |
Zur Psychoanalyse von Sexualgewohnheiten 285
veränderter Einstellung zur Geltung kommen soll. Es ist auch
zweckmässig, Personen, die sich der Analyse nicht in ihrem Wohn-
orte Ullierziehen, zeitweise nach Hause zu schicken, gleichsam um
zu sehen, wie sie mit ihrer neuen Psyche auf die alte Umgehung
reagieren.
Am schwierigsten gestaltet sich in jedem Falle die technische
Beherrschung der Übertragung, an der sich ja bekanntlich der
entscheidende Kampf zwischen dem Arzt und dem Patienten, oder
besser gesagt, zwischen Gesundheit und Krankheit abspielt. Un-
endliche Geduld seitens des Arztes mnss da der treibenden Un-
geduld des Patienten entgegengestellt werden; das passive Dulden
hat in solchen Fällen den Wert eines besonders wirksamen aktiven
Eingriffes.^" Wenn z. B. bei stürmischer Liebesübertragung die
objektive Kühle des Arztes vom Patienten mit eisiger Kälte
beantwortet wird, kostet es oft Wochen, ja, ein bis zwei Monate
beschwerlichen „Durcharbeitens", bis es gelingt, dem Patienten
zu beweisen, dass im Unbewussten die positiven Gefühle trotz der
Nichter widerung fortleben. Die Anerkennung dieser Tatsache
bedeutet oft einen grossen Fortschritt in der Analyse, zugleich
einen Fortsehritt in der Charakterentwicfclung des Patienten, der
irgendwann in der Kindheit im Hassen und Schmollen stecken
blieb; die diesbezüglichen Kindheitserinnerungen können auch
nach solchem analytischem Erlebnis leichter auftauchen und re-
konstruiert werden. ^^
Wie soll man sich der impulsiven Zärtlichkeit der Patienten
gegenüber verhalten? Auch über diese oft nicht geringe Schwierig-
st „Zur psychoanalytischen Technik" in Bausteine zur Psychoanalyse.
Bd. II, S. 38.
^* S. hiezu F e r e n c z i-R a n k : „Entwicklungsziele der Psycho-
analyse". (Neue Arb. z. ärztl. Psychoanalyse Nr. I, 1924, S. 23.) Wieder-
holung der unerwiderten Odipusliebe In der analytischen Situation.
286 S. F
erenczi
keit kann uns die Versagungsregel hinweghelfen. So lange sicti
ein Patient im Widerstand hefindet, müssen wir selbst, wie soebea
auseinandergesetzt, die Aufmerksamkeit auf die unhewussten
zärtlichen Regungen hinlenken; ee mag ihnen vorerst allerdings
eine gewisse Schonzeit gegönnt sein, bis sie eich voll entfalten.
Es ist nicht ratsam, wie das bei einfach suggestiven und hypno-
tischen Behandlungsmethoden oft der Fall ist, den Wünschen der
Patienten nach Zärtlichkeit und Schmeichelei einfach entgegen
zu kommen; die Uberlragungsliebe darf nur einseitig sein. Sobald
die bisher verdrängten Gefühlsregungen Wunsch- oder gar Zwangs-
Charakter angenommen haben, muss die Versaguug wieder einsetzen.
Alles, was ich als Aktivität bezeichnet habe, bezieht sich auf
die Tätigkeit und auf das Verhalten des Patienten; nur er ist also
unter Umständen „aktiv" uud nicht der Arzt. Man kann es aber
nicht leugnen, dass es Ausnahmsfalle gibt, in denen man die
gewöhnlichen Erziehungsmittel der Freundlichkeit und der Strenge
anwenden muss, merkwürdigerweise seltener hei den echten
Neurosen als bei wirklichen Psychopathen oder Psychotikern,
dann auch bei Leuten, die nicht wegen neurotischer und psycho-
tischer Symptomen, sondern wegen Abnormitäten des Charakters
in Behandlung stehen, wohl auch bei der Analyse von „Gesunden'\
Charakteranalysen können sich beinahe so schwierig gestalten
wie die Analysen von Psychosen, da ja doch Charaktereigenschaften,
mit denen sich das Ich einverstanden fühlt, wie Symptome ohne
Krankheitaeinsicht sind, jedenfalls rührt ihre Behandlung am
Narzissmus des Patienten. Charaktereigenschaften
sind gleichsam „Privatpsychosen" und darum sind
wohl paradoxerweise Gesunde analytisch schwerer zu „heilen"
als beispielsweise Ühertragungsneurotiker, Bei einem psycho-
pathischen Narzissten, der mit Neigung zu katatonischer Steifheit
und Mutazismus behaftet war, löste sich die Spannung, nachdem
ich ihm erlaubte, mir einen Schlag zu versetzen. Ich glaube hie-
t
■«■
Zur Psychoanalyse von Sexualgewohnheiten 287
durch einer vielleicht gefährlichen Impulehandlung zuvorge-
- kommen zu sein. Bei einem mit ungeheuren Angslzuständen
kämpfenden Psychopathen war es unvermeidlich und wirkte angst-
lÖsend, als er es über sich brachte, seine infantil gebliebenen
Genitalien von mir ärztlich besichtigen zu lassen.
Mit den Kunstworten der Ich-Analyse Hesse sich der Hergang
der Analyse auch so beschreiben, dass dabei auf assoziativem Wege
oder durch Spannungssteigerungen bald verdrängte Regungen
des Es unter Bekämpfung von Ichwiderständen zur Entfaltung
gebracht, bald sich allzu stark vordrängende Bestrebungen des Es
(oft gerade jene Regungen, die eben erst zur Entfaltung gekommen
sind) unter Heranziehung starker Ichkräfte an der Entladung
gehindert werden. Das dabei anzustrebende Resultat ist die
Entwicklung zu einer Persönlichkeit mit starken
Trieben, aber auch mit starker Kraft, sie zu be-
herrschen. Der ideale Fall eines gut erzogenen oder gut
analysierten Menschen wäre ein Mensch, der seine Leidenschaften
nicht verdrängt, ihnen aber auch nicht sklavisch gehorchen muss.
Auf die Frage, bei welchen Neurosenformen man die Methode
der Spannungssteigerungen und der Bekämpfung von Gewohn-
heiten anwenden soll, könnte ich keine einheitliche Antwort
geben. Bei der Hysterie treten Emotionen und körperliche Reiz-
symptome auch spontan derart in den Vordergrund, dase man sie
nicht künstlich zu provozieren braucht, allerdings können ge-
eignete Massnahmen die Rückverlegung des Reizes aufs Genitale
auch hier beschleunigen. Bei der Zwangsneurose trachtet der
Patient, seiner Gewohnheit nach, die ganze Analyse auf das
intellektuelle Gebiet zu verschieben und die Assoziation als Mittel
zum Grübelzwang zu missbrauchen. Es wird sich wohl keine
Zwangsneurosenbehandlung beendigen lassen, bevor es uns nicht
gelingt, gewöhnlich auch mit Hilfe aktiver Vorschriften, den
Kampf auf das Gebiet der Emotionen zu verlegen, d. h. den
288 S. Ferenczi
Zwangsneurotiker vorübergehend hysterisch zu machen. In einem
der Schizophrenie nahestehenden Falle mit Gesichtshalluzinationen
veränderte sich unter der sehr aktiven Analyse das Symptombild
zunächst so, dass eine vor der Psychose hestandene Crübelsucht
die paraphrenischen Symptome ablöste. Im weiteren Fortschreiten
der Kur kamen der Reihe nach konversionshyslerische, dann
angsthysterische Zeichen zum Vorschein (typische Phobien) und
erst von hier aus wurde die lihidinöse Grundlage des Leidens
analytisch zugänglich. Es war, als ob die Krankheit sich schritt-
weise vor der analytischen Umstellung zurückgezogen hätte, doch,
nicht ohne bei jeder Fixierungsstellc lialt zu machen und der
Therapie in neu befestigter Stellung mit erneutem Widerstand
entgegenzutreten. Diese Beobachtungen und ähnliche mehr über-
zeugten mich, dasB die „Analyse von unten" nicht nur als Hilfs-
mittel der analytischen Technik brauchbar, sondern auch für die
Theorie förderlich ist. Sie leuchtet oft scharf in die Struktur der
Neurosen ein und gibt uns eine Ahnung von dem, was ich
„Schwanken in der Neurosenwahl" nennen möchte.
VII
Die Entwöhnung von der Psychoanalyse
Freud lehrte uns, dass die Psychoanalyse im Laufe der Kur
selber zur Gewohnheit, ja zum Symptom eines Zuatandes, eine
Art Neurose wird, die der Behandlung bedarf. Über die Art dieser
Behandlung hat er uns aber bisher nicht viel mitgeteilt. Sich selbst
überlassen, will dieses „Leiden", wie es scheint, nur langsam
heilen. Wenn die äusseren Verhältnisse nicht ganz aussergewöhn-
lich stark drängen, so bat der Patient kein Motiv, die ihm vielfach
zusagende Situation des Analysiertseins zu beenden. Denn obzwar.
Zur Psychoanalyse von Sexualgewohnheiten 289
wie wir sahen, diese Behandlung eigentlich aus einer langen Reihe
von Entsagungen, Versagungen, Geboten und Verboten besteht,
bietet sie dem Patienten in der Übertragungssituation immerhin
eine Neuauflage der glückseligen Kindheit, dazu noch eine vorteil-
haftere Neuauflage. Es wird viel feinfühliger und freundschaft-
licher, besonders aber verständnisvoller in das Gefühls- und
Geistesleben des Kranken eingedrungen, als es bei der ursprüng-
lichen Erziehung jemals geschehen konnte. Dies mochte die Ver-
anlassung dazu sein, dase Freud in einem von ihm ausführlich
mitgeteilten Falle'^ dem Patienten einen Termin stellte, bis
zu dem die Analyse beendigt sein musste. Die Reaktion auf diese
sehr energisch aktive Massnahme war eine äusserst intensive und
brachte Bestätigungen zur Lösung der äusserst komplizierten
infantilen Vorgeschichte. Nach der Ansicht Ranks, dem ich
beipflichtete, ist diese „Entwöhnungsperiode" eine der wichtig-
sten und bedeutsamsten der ganzen Kur.'' Ich kann hier neuerlich
bestätigen, dafiß die Erfolge, die man diesem therapeutischen Hilfs-
mittel, wenn im geeigneten Zeitpunkte erteilt, verdanken kann,
hervorragende sind. Um den Unterschied zwischen dieser Art
Entwöhnung und meiner bis dahin geübten Praxis zu charakteri-
sieren, muss ich auf das Gleichnis Freuds hinweisen, das er
zwischen der Analyse und dem Schachspiel aufstellte. Früher
wartete ich darauf, dass der Patient das Spiel als hoffnungslos
aufgebe. Züge und Gegenzüge wiederholten sich, bis irgend ein
äusseres Ereignis dem Patienten die Zuwendung an die Aussenwelt
erleichterte; die Termingebung aber ist als eine endgültige Absage,
eine Art Schachmatt gedacht, in das der Patient gedrängt wird,
nachdem man ihm vorher analytisch alle Rückzugswege mit ein-
ziger Ausnahme des Gesundwerdens abgesperrt hat.
32 ÄuB der Geschichte einer infantilen Neurose (Ges. Sehr. Bd. VIII).
»»Ferenczi.Rank, „Entwicklungsziele der Psychoanalyse" (Neue
Arb. z. ärztl. PbA. Nr. I) 1924.
Ferenc2i, Bausteine zur Psychoanalyse. III. 19
290 S. Ferenczi
*
Nun, das klingt alles sehr erfreulich, würde sich nur nickt
allsogleich eine ganze Reihe von schwierigen Fragen erheben,
auf die man Antwort geben muss, bevor man die Termingebuag
als allgemein anzuwendende Methode annimmt. Gibt es sichere
Zeichen dafür, dass der Patient zur Ablösung reif ist, und wenn ja,
welche sind sie? Was ist zu tun, wenn man sich geirrt hat und
der Patient, anstatt gesund zu werden, bei der Kündigung einen
bisher unbeachteten Ruckzugsweg in die Neurose einschlägt?
Gilt die Regel der Termingebung tatsächlich für alle Fälle ohne
Ausnahme?
Schon die Beantwortung der ersten Frage ist keine voll-
befriedigende. Man kann nur sagen, dass natürlich vor allem der
Arzt selbst die ganze Struktur des Falles durchschaut, die Symp-
tome in eine verständnisvolle Einheit geordnet haben muss. Aber
auch der Patient soll bereits diese Zusammenhänge intellektuell
verarbeitet haben und nur mehr durch die Übertragungswider-
stände an der Überzeugung gehindert sein. Als feine Andeutungen
des Gesundwerdens kam man die bereits erwähnten Äusserungen
hinnehmen, in denen der Patient davon faselt, eigentlich nie
krank gewesen zu sein, immer simuliert zu haben usw. Nimmt man
ihn beim Worte und sagt man ihm in aller Freundlichkeit, dass er
der Analyse nur mehr wenige Wochen lang bedarf, so wird er t<
natürlich erschrecken und sagen, dass er nur gescherzt hätte.
Er wird auch, soferne er es imstande ist, eine kleine Rezidive J
der Symptome produzieren. Wenn wir uns dadurch nicht irre- 1
machen lassen und am gegebenen Termin festhalten, kann der |^
AblÖsungsversuch in vielen, wenn auch nicht in allen Fällen vom {'
erwarteten Erfolge gekrönt sein. i
Ein Irrtum in Bezug auf die Zeitgemässheit der Kündigung j
ist, wie gesagt, nicht ausgeschlossen und kann recht unangenehme t
Folgen nach sich ziehen. Vor allem verwirkt man dadurch das J
Vertrauen des Patienten und verdirbt seine Re.nktion auf eine .'
Zur Psychoanalyse von Sexualgewohnheiten 291
spätere Wiederholung der Terminstellung. Es bleibt einem da
nichts anderes übrig, als das Eingestehen dieses Irrtums, wie denn
"wir Analytiker überhaupt nicht so sorgfältig unsere ärztliche
Unfehlbarkeit wahren müssen. Erspart bleibt uns die Termin-
stellung und die damit zusammenhangende Schwierigkeiten in den
Fällen, in denen der Termin nicht von uns, sondern von den
Verhältnissen diktiert wird. Wenn aber nur irgend möglich,
■werden wir uns um die äusseren Verhältnisse nicht kümmern und
den Termin uns nicht von den oft nur als Widerstand vorge-
schobenen äusseren Verhältnissen des Kranken aufzwingen lassen.
Keinesfalls darf man natürlich den Termin stellen, wenn dies
vom Patienten gefordert wird; seine Ungeduld sei eher das
Motiv zum geduldigen Ausharren unsererseits. Die Fälle solcher
Forderungen dürften sich natürlich mit der Zeit, wenn die Existenz
der Kündigungsregel in weiteren Kreisen bekannt sein wird, häufen
und als Mittel des Widerstandes öfter verwendet werden.
In einzelnen Fallen sieht man sich veranlasst, vor der eigent-
lichen Termingebung eine Anspielung auf die Möglichkeit des
nahen Endes fallen zu lassen. Schon dies mag heftige Reaktionen
hervorrufen, was zur Erleichterung der Reaktion auf die später
folgenden genauen Zeitangaben beitragen kann; also sozusagen
eine zweizeitige Kündigung. (Die Kündigungsfrist betrug meist
nur Wochen, in gewissen Fällen 2 — 3 Monate.)
Wenn ich die Erfahrungen, die ich seit dem Herbst 1922
mit der Termingebung machte, objektiv zusammenfasse, muss ich
nach wie vor bestätigen, dass diese Massnahme in vielen Fallen
ein wirksames Mittel der Beschleunigung der Ablösung vom Arzte
sein kann; von ihrer ausnahmslosen Anwendung, wie ich sie mit
"* Nicht zu umgehen ist diese Widerstandsform bei Lehranalysen,
wo der Analysand meist die Keuntnis aller technischen Kunstgriffe mit-
bringt. - " •
292 S. Ferenczi
Rank versuchte, mueste ich aber zurückkommen. In mehreren
Fallen musste ich den Palienlen, der auBcheinend geheilt entlassen
wurde, neuerlich in Behandlung nehmen, um gewisse unerledigt
gehliebeue Momente nachzuholen. Selbstverständlich hütete ich
mich diesmal, neuerlich einen Termin zu stellen, und wartete,
bis die AussichtBlosigkeit der realen Befriedi-
gungen in der analytischen Situation und die
Anziehung der äusseren Wirklichkeit den Sieg
über die allmählich entwertete Übertragung
davontrug.
Gegen das Ende der Kur, aber auch schon mitten in der
Analyse kamen recht häufig Träume und passagere Symptome
zur Zergliederung, die als Gehurtsphantasien im Sinne Ranks
(„Das Trauma der Geburt'", Internat. Psychoanalyt. Bihl. Bd. XIV,
1924) gedeutet werden muesteu. Die von Rank betonte tech-
nische Förderung der Analysen durch eine Art Wiedererleben
der Geburt in der Übertragung konnte ich ahnen, aber nicht genau
nachprüfen, da zu diesem Versuch die Mitteilungen Ranks zu
wenig Handhabe boten. Jedenfalls war es sein Verdienst, auf die
Existenz der unbewussten G e b u r t s phantasie hingewiesen zu
haben, die nebst der Mutterleibs phantasie unsere Beachtung
erfordert. Ob es sich dabei, wie Rank glaubt, nur um Reminis-
zenzen an das „Trauma der Gehurt" handelt oder, wie ich es eher
vermute, um eine phantastische Regression vom Ödipus-
konflikt zum glücklich überwundenen, daher
relativ weniger unlustbetonten Geburtserleb-
nis, mögen weitere Untersuchungen entscheiden.
Bei der Frage der Beendigung der Kur müssen wir schliesslich
Freuds Mahnung beherzigen, dass man als Analytiker nicht die
Ambition haben darf, den Patienten die eigenen Ideale aufzu-
drängen. Sieht man also, dass das Ich des Patienten die Leiden-
schaften (das Es) den Forderungen seines Über-Ichs und den
Zur Psychoanalyse von Sexualgewohnheiten 293
Notwendigkeiten der Realität bereits anpassen kann, so ist es an
der Zeit, ihn selbständig zu machen und seine weitere Erziehung
dem Schicksale zu überlassen.
Der Verfasser ist sich dessen bewusst, dass in dieser Ab-
handlung das Prinzip der Versaguug als Mittel der inneren
Spannungssteigerung einseitig hervorgehoben, das der Gewäh-
rung dagegen fast unbeachtet gelassen wurde, obzwar es unleug-
bar Fälle gibt, in denen auch der Analytiker zu diesem in der
Medizin sonst allgemein gebräuchlichen psychischen Beeinflus-
sungsmittel greifen muss. Als die wichtigste der „Gewährungs-
massnahmen" nenne ich die zeitweilige oder dauernde Aufhebung
gewisser Versagungs- Vorschriften.
Organneurosen und ihre Behandlung
(1926)
Es gibt viele und häufige Krankheiten, die seelisch bedingt
sind und doch in wirklichen Störungen der normalen Lebenstätig-
keit eines oder mehrerer Organe bestehen. Man nennt sie Organ-
neurosen. Von der Hysterie muss man sie deshalb unterscheiden,
weil es sich nicht nur um subjektive, eondern um objektive Störun-
gen handelt. Scharf sind sie aber weder von der Hysterie noch
von manchen organischen Erkrankungen abtrennbar. Das liegt
nicht nur an der Mangelhaftigkeit unseres bisherigen Wissens,
sondern auch daran, dass viele organische Leiden von einer
Neurose desselben begleitet sind; auch knüpfen sich hysterische
Symptome oft an organneurotische oder an organische Leiden,
die dann hysterisch gesteigert empfunden werden.
Die bekannteste Organneurose ist wohl die sogenannte Neur-
asthenie, zu deutsch „Nervenschwäche", die in der ersten
Hälfte des XIX. Jahrhunderts von einem amerikanischen Nerven-
arzt zuerst beschrieben und auf die Erschütterungen zurückgeführt
wurde, die die damals noch ungewohnten Eisenbahnfahrten im
Nervensystem hervorrufen sollten. Seitdem ist die Harmlosigkeit
des Eisenbahnfabrens längst erwiesen. Der schöne griechische
Krankheitsname aber hat sich in der Medizin und im Volke ein-
Organneurosen und ihre Behandlung 295
gebürgert und bezeichnet noch immer eine Anzahl verschiedener
Zustände, seelische Depressionen, körperliche Reizbarkeit und
Schwäche, psychische und körperliche Angst- und Zwangasym-
ptome. Erst die Psychoanalyse hat einen grossen Teil der so-
genannten neurasthenischen Krankheitsbilder als rein psy-
chische und psychisch heilbare Störungen entlarvt. Nach Aus-
scheidung aller psychisch erklärbaren Zustände ist aber eine
Krankheitsgruppe übriggeblieben, die wir auch heute als Neur-
asthenie bezeichnen. Neurastheniker ermüden sehr leicht körper-
lich und seelisch, ihre Aufmerksamkeit ist verringert, ihre Emp-
findlichkeit gegen äussere Reize gesteigert, sie leiden an Kopf-
schmerzen und an Verdauungsstörungen. Beim Manne ist auch die
Potenz gestört, oft mit vorzeitigem Samenerguss und mit Pollu-
tionen, denen oft unangenehmes bis schmerzhaftes Ziehen im
Kreuze (früher als Spinalirritation bezeichnet) sich zugesellt.
Doch ist keine Organerkrankung, insbesondere kein RÜckenmarka-
leiden vorhanden, auch nicht irgendwie zu fürchten.
Die Ursachen des neurasthenischen Zustandeß sittd bestimmte Fehler
in der sexuellen Hygiene. Über die Selbstbefriedigung (Onanie), d. h.
die Erregung sexueller Lust durch Praktiken am eigenen Körper (meist
Reiben der Genitalien unter wohHÜBtigcn Vorstellungen), sind seit jeher
ungeheuerlich angstvolle Ansichten verbreitet. Schon die Bibel verurteilt
sie als Todsünde; im vorigen Jahrhundert wollte man die Rückenmarks-
Bchwindsucht, in diesem das Jugendirresein als Folge der Selbstbefriedi-
gung erklären. Dieser Aberglaube ist auch heute noch nicht ausgerottet.
In Wirklichkeit ist die Selbstbefriedigung eine normale Entwicklungs-
stufe der Sexualität eines jeden Menschen. Nur die, die auf dieser Stufe
allzulange und allzustark haften bleiben, die Onanie also lange über die
Reifezeit hinaus, in manchen Fallen zwanghaft, fortsetzen, bekommen
dadurch Neurasthenie.
Die Neurasthenie ist aber auch in diesen Fallen nicht nur
durch den körperlichen Vorgang bei der Onanie, sondern zumeist
auch durch die seelischen Vorgänge des Zwanges und des Schuld-
gefühls verursacht. ,'-
r
296 S. Ferenczi
Bevor man sich also für einen Neurastheniker und für nerven-
krank erklärt, tut man gut, den Rat eines psychoanalytisch ge-
schulten Arztes einzuholen, dem es oft gelingt, durch Aufklärung
und auch durch Beruhigung des belasteten Gewissens den grÖssten
Teil der Symptome zu beseitigen. Reicht das nicht aus, so muss
eine regelrechte seelische Behandlung die Hindernisse der normalen
Sexualentwicklung aus dem Wege räumen. In jedem Falle wird
durch das Aufgeben der unreifen Befriedigungsart Heilung erreicht.
Das Wesen der echten Neurasthenie ist also so zusammen-
zufassen, dass sie fast immer in der Sexualität wurzelt und psy-
chisch und sexualhygienisch heilbar ist. Viele als schwer emp-
fundene Neurasthenien würden auch ohne ärztliches Eingreifen
durch harmlose Beurteilung der Selbstbefriedigung von selbst
schwinden.
Eine zweite Krankheit ist die sogenannte „Angstneu-
r o B e". Auch sie vereinigt körperliche und seelische Erscheinun-
gen: ganz unbegründete oder ungenügend begründete allgemeine
Ängstlichkeit, fortwährende ängstliche Erwartung (Unglücksbe-
fürchtung, pessimistische Auslegung auch ganz geringfügiger
Krankheitssymptome bei sich und hei anderen usw.), Angstanfälle
mit Zittern, Angstschweiss, Herzklopfen, Alpträume und Herz-
druck, Abführen, Harndrang uew. Wie die neuraethenischen, so
können auch die Angstsymptome als Begleiterscheinung einer
unbemerkten wirklichen Organkrankheit, z. B. der Nase, der
Atmungsorgane oder des Herzens auftreten. Die Angstsymptome
können aber auch Teilerscheinungen einer Angsthysterie sein.
j Zur Unterscheidung ist immer sowohl eine sorgfältige interne als
[,. auch eine psychoanalytische Untersuchung nötig. Ergeben diese
I aber nichts Verdächtiges, dann muss man die Aufmerksamkeit
, wiederum der Sexualhygiene des Kranken zuwenden. Und da
I stellt sich dann sehr häufig heraus, dass auch die an diesen Sym-
ptomen Leidenden wohl den Geschlechtsverkehr üben, aber ge-
I
-' — ■*«
Organneurosen und ihre Behandlung 297
wohnheitsmässig in einer ungesunden Art. Sie verhüten den Kinder-
segen durch Unterbrechung des Geschlechtsaktes vor dem Samen-
ergues oder sie verlängern absichtlich die Dauer des Aktes oder
sie regen sich mit Vorlustbetätigungen auf und lassen es überhaupt
zu keiner Befriedigung kommen.
Es ist die Regel, dass eine entsprechende Änderung der Sexual-
hygiene die oft schwer und bedenklich erscheinende Krankheit
in kurzer Zeit (ein bis zwei Wochen) zum Schwinden bringt.
Wo das nicht zutrifft, da handelt es sich um einen Mischfall von
organischer und neurotischer Erkrankung, die beide ärztlich zu
behandeln sind.
Ein nicht seltenes und sehr unliebsames ZusammentrefFeii ist es, weun
ein Gatte, der an ncurasthenischem, vorzeitigem Samenergues leidet,
mit einer zur Ängstlichkeit neigenden „gefühlskalten" Frau vermählt ist.
Es kostet da dem Arzte Mühe, dass in der Ehe die für das Eheglück so
bedeutsame Harmonie des Geechlechtaaktes hergestellt werde. Hier
wirken wirtschaftliche und soziale Schädlichkeiten mit, von letzteren
besonders der übergrosse Unterschied im Sexualleben beider Geschlechter
vor der VereheUchung: die Beseitigung oder Verminderung dieseB Unter-
schiedes darf als eine höchst wichtige Aufgabe der Hygiene bezeichnet
werden, wobei nicht zu verschweigen ist, dass dem wiederum andere,
schwerwiegende Hindernisse im Wege stehen.
Ausser diesen beiden gibt es eine ganze Reihe sogenannter
„E i n-S y m p t o m-N e u r o s e n", die als Organneurosen be-
zeichnet werden können. Das bekannteste Beispiel dieser Er-
krankungsart ist das sogenannte nervöse Asthma: anfallsweise
auftretende Atembeschwerden, meist von Angst begleitet, mit
deutlichen Anzeichen einer krankhaften Zusaramenziehung der
Muskulatur der Bronchien. Bei der Lösung des Anfalles wird meist
zäher Schleim ausgehustet. Noch häufiger als diese Krankheit
kommen neurotische Störungen an den Verdauungsorganen vor.
Bei den sogenannten Magen neurosen wird gewöhnlich zu viel
oder zu wenig Magensäure ausgeschieden. Sehr häufig ist die
298 S. Ferenczi
„nervöse Darm8töruDg'\ die sich ohne jede organische Veränderung
in Durchfall, Stuhlverhaltung, Schleimahsonderung, Krämpfen,
Blähungen und in einem oder mehreren dieser Symptome äussert.
Bei den sehr häufigen sogenannten Herzneurosen sind
Stärke und Rhythmus der Herztätigkeit ohne nachweisbare orga-
nische Herzveränderung gestört; der Kranke hat dabei sehr pein-
liche Empfindungen, die ihn immer wieder an ein Herzleiden
glauben machen.
ÄD die Möglichkeit eiaer Organcrotik hat die WisBenichaft erst in
der neuesten Zeit glauben gelernt, namentlich seit sie Freud darauf
aufmerksam gemacht hat, dass auch die erotischen Belätigungen wissen-
schaftliche Untersuchung verdienen. Es steht nunmehr ausser Zweifel,
dass nicht nur die Geschlechts- und Sinnesorgane dem Luetgewinn dienen,
sondern dasa alle unsere Organe ausser ihrer LeistuDg im Dienste der
Selhaterhallung mit einem Teil ihrer Lebenstätigkeit dem Lueterwerbe
dienen, eine Art Organlust (Alfred Adler) verschaffen, die bei-
nahe als erotische Selbstbefriedigung der Organe durch ihre eigene
Lebenetätigkeit angesehen werden kann. Im Kindesalter ist eine spieleri-
sehe Freude an Organbetätigungen aller Art deutlich und dem Kinde
wohl bewuBst, bei allen Erwachsenen ist sie wenigstens in Spuren nach-
weisbar. Was „gesundes körperliches Behagen" genannt wird, hängt sebr
mit dem Lustgefühl, welches das gesunde Funktionieren der Organe gibt,
zusammen. Zu diesem Behagen gehört z. B. das Vergnügen am Essen,
das nickt nur am Stillen des Hungers und am guten Geschmack der
Speisen liegt. Mehr oder weniger haben die meisten Menschen Vergnügen
am Kauen, Schlucken und Schlingen, und die Mehrzahl auch an den
weiteren Verdauungsvorgängen. Bei vielen Individuen ist diese Organlust
besonders, oft bereits krankhaft, gesteigert. Sie können den Reiz zu
schlingen oder die Lust zum Schlucken oder den Stuhl zu verhalten,
nicht unterdrücken. Im Worte „Reiz" liegt schon das Vergnügen ausge-
drückt, das dem krankhaften Vorgang anhaftet.
Analytische Untersuchungen haben nun festgestellt, dass gerade
bei den Organneurosen solche kindhaft spielerische oder erotische Funk-
tion eines Organes überhandnehmen kann und sogar seine eigentliche
nützliche Leistung beeinträchtigt. Gewöhnlich geschieht das, wenn die
normale Geecblechtlicbkeit aus psychischen Gründen gestört ist. Damit ist
auch der Weg zur Heilung durch Psychotherapie gegeben und auch er-
Organneurosen und ihre Behandlung 299
klärt, weshalb diese Leiden so hartnäckig sind, ohne je das Leben zu
gefährden.
In Kürze wollen wir hier einige Organneurosen anführen.
Die M i -^ r ä n e hierher zu rechnen, ist noch zweifelhaft.
Sicherlich giht es organneurotische Formen des Kopfschmerzes.
Neigung zur Ohnmacht ist in vielen Fällen, nach sorgfältigem
Ausschluss organischer Verursachung, als neurotische Störung
der Blutgefässinnervation aufzufassen. Auch die besondere Emp-
findlichkeit gegenüber Erschütterungen des Eisenbahnfah-
re n s und die damit verwandte Neigung zur Seekrankheit
haben neurotische Wurzeln. SchlieBslich möchten wir darauf hin-
weisen, dass rein organische Krankheitsprozesse nach ihrer Ab-
heilung organneurotische Störungen zurücklassen können. Bekannt
ist z. B. das Auftreten von Blinzeln nach Augenkatarrhen, das
lange Zeit nach der Heilung der Augenkrankheit als sogenannter
„Tic" fortbestehen oder sich sogar als dauernde Gewohnheit
festsetzen kann. Ähnlich behalten Kinder nach der Heilung des
Keuchhustens oft jahrelang ein nervöses Hüsteln. Die unter dem
Namen Tic bekannten gewohnheitsmässigen Grimassen und sonstige
Zuckungen sind wahrscheinlich alle organneurotißche Funktions-
störungen. An der Grenze zwischen den psychischen und den
organischen Neurosen stehen auch die nach Operationen gelegent-
lich auftretenden lokalen und allgemeinen nervösen Erscheinungen;
an ihrer Verursachung haben die seelische Erschütterung, die
die Lebensgefahr mit sich bringt, und der Reizzustand, in den das
betreffende ldeter Laien-
analytiker in der medizinischen Praxis wie in der sozialen und
der Erziehungsarbeit erwachst. Der Ärztestand ist nicht zahlreich
genug, um sich aller neurotischen Fälle, aller schwer erziehharen
Kinder und aller erwachsenen Verbrecher anzunehmen. Ausser-
dem sind wir zur Zusammenarbeit mit analytisch geschulten nicht-
ärztlichen Forschern, z. B. auf dem Gebiete der Ethnologie,
Pädagogik, Geschichte und Biologie, gezwungen. Ich hoffe, dass
sich diese Meinungsverschiedenheit zwischen Freud und seinen
amerikanischen Schülern bald befriedigend lösen lassen wird.
Ich hatte zuerst die Absicht, Ihnen in meinem heutigen Vor-
trag eine allgemeine Darstellung des Verhältnisses zwischen
Psychiatrie und Psychoanalyse zu geben. Aber damit hätte ich die
bereits existierenden zahlreichen Essays über die Psychoanalyse,
die Sie gelesen haben, nur um einen vermehrt. Ich ziehe es daher
vor, Ihnen an einem konkreten Beispiel zu zeigen, wie die Psycho-
analyse mit einem spezielleren psychiatrischen Problem fertig
wird. Der Gefahren dieses Experiments bin ich mir vollkommen
hewusst. Indem ich Sie mitten in den Hexenkessel der psycho-
310 S. Ferenczi
analytischen Arbeit führe, werde ich sicherlich den "Widerstand
aller wachrufen, die nicht gewohnt sind, seelische Symptome mit
' dem analytischen Verständnis für Symbole zu betrachten. Ich
hoffe, dass der dadurch hervorgerufene Widerstand nur ein vor-
übergehender sein und spätere Erfahrung Sie davon überzeugen
V wird, dass unsere Wissenschaft weder so mystisch, noch so epeku-
I lativ ist, wie sie auf den ersten Blick erscheinen mag.
Gestatten Sie mir, nunmehr auf den Gegenstand der heutigen
Vorlesung einzugehen. Sie alle haben schon Psychotiker beoh-
! achtet, die von Riesen und Zwergen halluzinierten, wobei diese
Halluzinationen von Angst- und Furchtgefühlen begleitet waren,
' Zwerge und kleine Tiere erscheinen häufig in erschreckenden
Massen. Mikr optische und makroptische illusionäre Verzerrungen
> der Umwelt sind zwar etwas seltener, aber bei Alkoholikern nnd
Hysterikern nichts Ungewöhnliches. Die alten Lehrbücher der
Psychiatrie haben im allgemeinen kaum den Versuch gemacht,
diese Art von Symptomen zu erklären, und soweit sie dies über-
haupt unternahmen, versuchten sie es auf rein physiologischer
Grundlage. Eine entoptische Sensation erklärten sie beispielsweise
durch Krämpfe in der Akkomodationsmuskulatur des Auges oder
durch zirkulatorische Störungen in der Netzhaut bzw. in den opti-
L. sehen Gehirnzentren.
Wohl unter dem Einfluss der Freud sehen Lehren beginnen
[ sich die Psychiater für diese Symptome von einem mehr psycho-
: logischen Gesichtspunkt aus zu interessieren. Manche von ihnen
haben diese Symptome als Hliputanische Halluzinationen be-
zeichnet.
Die tiefere, psychoanalytische Erklärung dieser Symptomato-
f logie steht jedoch noch aus. Rückschauend auf zwei Jahr- f
'•■. zehnte psychoanalytischer Arbeit, traue ich es mir zu, diese Frage l
:• ein wenig klären zu können. Den grössten Teil meiner dieabezüg- i
. liehen Erfahrungen habe ich aus den Traumen von Neurotikern j^
Gulliver-Phantasien 311
gesammelt, zumal von aolchen, die an Angetneurose litten. Die
Träume, in denen Riesen und Zwerge erscheinen, tragen zumeist,
wenn auch nicht durchwegs, einen ausgesprochenen Angstcharak-
ter. Zuweilen wirken sie wie ein Alp, in anderen Fällen dagegen
ist die Vergrösserung oder Verkleinerung einer Person, eines
Tieres oder eines Gegenstandes nicht von einem Angst-, sondern
eher von einem gewissen Lustgefühl begleitet. In Freuds
Traumdeutung, der wichtigsten Quelle unserer psychologischen
Kenntnisse vom Wesen des Traumes, finden wir eine Erklärung
für diesen Traumtypus. Freud lehrte uns, dass eine visuelle
Disproportionalität stets irgendwie mit der frühesten Kindheit
zusammenhänge. Meine Erfahrungen haben diese Auffassung voll-
auf bestätigt. Das plötzliche Erscheinen von Riesen oder ver-
grösserten Gegenständen ist immer das Überbleibsel einer Kind-
heitserinnerung, die zu einer Zeit entstanden war, als uns infolge
unserer eigenen Kleinheit alle übrigen Gegenstände riesengross
erschienen. Die ungewöhnliche Verkleinerung von Gegenständen
und Personen hingegen ist die Folge von kompensatorischen
Wunscherfüllungephantasien des Kindes, das die Proportionen
der furchterregenden Umgebung auf ein möglichst geringes Mass
reduzieren möchte. In vielen Träumen ist die Verkleinerungs-
oder Vergrösserungstendenz nicht so deutlich, weil die verkleiner-
ten oder vergrÖsserten Personen nicht als Lebewesen erschemen,
sondern in symbolischer Entstellung. Träume von Landschaften
mit Bergen und Tälern zum Beispiel, die männliche oder weibliche
Körper oder Körperteile darstellen, könnte man psychoanalytisch
als liliputanische Träume bezeichnen, wenn wir die Grössenver-
hältnisse des Träumers mit den Grössenverhältnissen der symbo-
lisch von der Landschaft dargestellten Personen oder Organe
vergleichen. Der Symbolismus von Treppenhäusern, Häusern und
tiefen Schächten als Muttersymbole, die Erscheinung des Vaters
oder seines Geschlechtsorgaus in Form eines riesigen Turmes
312 S. Ferenczi
oder Baumes weist gewisse Analogieo mit den Gulliverschen
Phantasien auf. Eines der häufigsten Traumbilder ist die Rettung
einer Person aus dem Wasser, der See oder einem tiefen Brunnen,
die den Mutterleib symbolisieren. Diese Rettungsträume sind von
Freud als symbolische Geburtsträume gedeutet worden. In
anderen FäHen, wo der Traum ein Eindringen in Keller oder
unterirdische Räumlichkeiten, Klettern, Auf- und Abfahren in
Fahrstühlen usw. darstellt, erklärt ihn F r e u d als eine Verzerrung
der Koitusphantasie, gewöhnlich des Koitus mit einer besonders
respektierten weiblichen Person. Nach meiner Erfahrung sind die
Geburtsphantasien, die durch Rettung aus dem Wasser oder Er-
steigen von, bzw. Versinken in Gruben dargestellt werden, in den
meisten Fällen doppelt zu deuten. Die oberflächlichere Deutung,
die von dem Patienten ohne weiteres angenommen, zuweilen sogar
von ihm spontan angeboten wird, ist die Geburtsphantasie. Die
verborgenere und nicht so leicht akzeptierte Überdeterminierung
ist die Phantasie über den sexuellen Verkehr mit einer besonders
geschätzten Frau, deren Verehrungswürdigkeit und Gefährlichkeit
für uns durch die grosse Proportion des Symbols dargestellt ■wird.
Die Entstellung der Geschlechtsverkehrsphantasien in eine symbo-
lische Geburt wird dadurch bedingt, dass es dem Träumer
gelungen ist, seine Geschlechtsorgane durch
seinen ganzen Körper zu ersetzen. Das ist mei-
ner Meinung nach das Hauptmotiv der liliputa-
nischenTräume.
Sie wissen wahrscheinlich, dass Freud selbst der erste war,
der die Bedeutung der Mutterleibsphantasien für das Unbewusste
erkannte. Ich habe spater die Bedeutung dieser Phantasien ^u
einer Genitaltheorie erweitert, in der ich auseinandergesetzt habe,
dass der Geschlechtsakt symbolisch den Wunsch darstellt, in die
Mutter zurückzukehren. Diese Phantasien über die Rückkehr in
den Mutterleib oder über das Geborenwerden aus der Mutter
VH
Gulliver-Phantasien 313
erhöhte nun Rank zum Zentralproblem der ganzen Neurosen-
psychologie. Er glaubt, dass das „Trauma der Geburt" sowohl die
psychologische Entwicklung des Gesunden, wie die Symptomatolo-
gie des Neurotikers bestimme. Freud lehnt, ebenso wie auch ich,
diese einseitige, übertriebene Auffassung ab. Ebensowenig ver-
mögen wir der neuen therapeutischen Technik zu folgen, die
Rank auf seine Theorie vom Geburtstrauma aufbaut." Er scheint
dabei viele seiner eigenen wertvollen Beiträge zur Traumpsycho-
logie, speziell zur Überbestimmtheit des Trauminhalts und der
neurotischen Symptome, vergessen zu haben. Selbst in Fällen,
in denen er die komplizierten Strukturen der Traumfabrikation
berücksichtigt, unterwertet er die wirkliche Bedeutung des
sexuellen Elements und des Kastrationskomplexes und ist allzu
geneigt, jede Assoziation und jede Phantasie des Patienten, die
an das Geburtstrauma anklingt, wortwörtlich zu nehmen.
Erfahrungen mit Gulliverschen Phantasien und Symbolen bei
Neurotikern bewiesen mir auf ganz unmissverständliche Weise,
dass die Phantasien über die Geburt oder die Rückkehr in den
Mutterleib im allgemeinen eine Flucht vor dem sexuellen Trauma
zu der weniger schrecklichen Vorstellung des Geborenwerdena
bedeuten. Eine meiner letzten Patientinnen träumte beispielsweise
häufig, sie würde in einer Höhle lebendig begraben oder sie sei
ein winziges Persönchen, das rhythmisch über die Speichen eines
sich ganz schnell drehenden Rades hüpfen müsse, dauernd in Ge-
fahr, von dem Rade zerquetscht zu werden. Manchmal überfallt
sie auch die Versuchung, aus dem Fenster zu springen. Alle diese
Traumphantasien und Impulse werden von der Patientin selbst
als Geburtsvorstellungen erklärt, aber die genauere Analyse hat
' Vgl.: Zur Kritik der Ranksclien „Technik der Psychoanalyse",
in „Bausteine zur Psychoanalyse", Bd. II. S. 116.
314 S. Fereoczi
gezeigt» dass der ganze Komplex vou Gcburts- und Mutterleibs-
phantasien nur die liliputanische Entstellung sexueller Versuchun-
gen war. Dieselbe Patientin träumte häufig von winzigen schwarzen
Männlein, und in einer ihrer Assoziationephantasien fühlte sie den
Drang, sie alle aufzuessen. Auf diesen Gedanken assoziierte sie
ganz spontan das Essen von schwarzen Fäzes und dann das
Beissen und Verzehren eines männlichen Gliedes. Durch dieses
Aufessen fühlte sie ihren ganzen Körper gewissermassen in einen
männlichen Penis verwandelt; als solcher konnte sie in ihren nn-
bewussten Phantasien mit Frauen geschlechtlich verkehren. Diese
Assoziationen enthüllen die männliche Veranlagung der Patientin
sowie die Tatsache, dass ihre winzigen Traumgeschöpfe nicht
bloss die Geburt, sondern in tieferem Grunde ihre sexuellen
Neigungen und ihren Penisneid darstellen.
Einer meiner männlichen Patienten erinnert sich, in seinen
jugendlichen Masturbationsphantasien ein kleines weibliches
Phantasiegeschöpf benützt zu haben, das er dauernd in der Tasche
bei sich trug, von Zeit zu Zeit herausnahm und mit ihm spielte.
Derselbe Patient hatte sein ganzes Leben hindurch und auch
während der Analyse eine Menge Träume, in denen er sich in
ein riesiges Zimmer versetzt sah. Sie werden schon erraten haben,
dass die sexuelle Potenz dieses Mannes sehr gering war. Er gehört
zu denen, die entweder an ejaculatio praecox oder an völliger
Erektionsunfähigkeit bei einer verehrten und gebildeten Frau
leiden und nur bei Prostituierten potent sind. Das sind nur einige
der vielen Beispiele, die mir bewiesen haben, dass die liliputani-
schen Mutterleibsphantasien charakteristisch sind für solche
Personen, deren sexuelle Entwicklung nicht so normal verlief,
dase sie im Geschlechtsakt den Penis zu einem vollwertigen Äqui-
valent des ganzen Körpers erhoben hätten. Auch Freud kam
zu der Schlussfolgerung, dass entsprechend meiner Genitaltbeorie
Personen, die diese Stufe sexueller Wirklichkeit nicht erreichen
Gulliver-Phantasien 315
können, Phantasien vorziehen, in denen sie das Geschlechtsorgan
durch ihren ganzen Körper ersetzen.
Ein Patient mit sehr schwerer Zwangsneurose erzählte mir
von seinen Masturbationsphantasien; er hätte sich dabei immer
als grossen Mann geträumt, der von einem ganzen Harem winziger
Frauen umgeben war, die ihn bedienten, ihn wuschen, ihn strei-
chelten, seine Schamhaare kämmten und dann mit seinen Ge-
schlechtsorganen spielten, bis die Ejakulation erfolgte. Bei den
beiden zuletzt angeführteo Patienten ist die wirkliche Angst die
Kastrationsfurcht, die mit der Idee des Geschlechtsverkehres
verbunden ist, und die Gulliverschen sowie Mutter-
Icibsphantasien sind nur Verschiebungsersatz
für die peinliche Vorstellung, wegen inzestu-
öser Gelüste kastriert zu werden.
Die Phantasien über das Geburtstrauma lassen sich sehr gut
den Prüfungsträumen vergleichen, die bei impotenten Neurotikera
häufig in der Nacht vor einem sexuellen Vorhaben, dem sie sich
nicht gewachsen fühlen, vorkommen. In der Regel träumen sie
voller Angst davon, aus einem Gegenstand geprüft zu werden,
auf den sie in Wirklichkeit vorzüglich vorbereitet waren, ja, das
Examen bereits erfolgreich bestanden haben. Auch die Geburts-
erfahrung ist für uns alle ein erfolgreich bestandenes Examen,
das sich daher dazu eignet, als weniger schrecklicher Ersatz für
eine reale und aktuelle, gefürchtete Sexualaufgabe und die mit
ihr verbundene Kastrationsdrohung zu dienen. Der Vergleich
von liliputanischen und Geburtsphantasien mit Examensträumen
ist, wie ich glaube, auch in der Hinsicht stichhaltig, dass wir auf
kein anderes Trauma so gut vorbereitet waren, wie auf die Geburt.
Die Geburt selbst ist allerdings ein Schock, wie es F r e u d selbst
als erster betont hat, aber die Vorbereitung zu den Schwierig-
keiten des extrauterinen Lebens und die grosse Sorgfalt, die der
mütterliche Instinkt dem Kinde unmittelbar nach der Geburt
'./r-'
^
316 S. F
erenczi
angedeihen lägst, machen dieses Trauma so sanft als möglich.
Hingegen scheinen weder Vater noch Mutter einen Instinkt geerbt
zu haben, der dem Kinde bei dessen sexueller Entwicklung be-
hilflich wäre. Im Gegenteil, die Eltern pflegen durch ihre Kas-
trationsdrohungen die Kinder einzuschüchtern, und dies ist das
wichtigste und grösste „Trauma", das zu Neurosenbildungen
führt. — Vorübergehende oder „passagere" Symptome, die ich
bei Analysen beobachtet habe, enthüllten zuweilen eine plötzliche
Verschiebung von Genitalempfindungen oder Geschlechtserregun-
gen auf die ganze Körperoberfläche; beispielsweiee erfolgte die
hysterische Konversion der Erektion in den Blutandrang zum
Kopf, In einer ganzen Reihe von Fällen verdrängter männlicher
Homosexualität zeigte es sich, dass in Momenten sexueller Er-
regung die ganze Hautoberfläche vor Hitze glühte. Es ist nicht
unwahrscheinlich, dass die deutsche Bezeichnung „warmer Bruder"
auf dieses Symptom zurückzuführen ist. In einigen anderen Fällen
berichtete man mir von der plötzlichen Starre der gesamten
Körpermuskulatur als Ersatz für eine Erektion. Die gleiche Er-
klärung fand ich für manche Fälle von neurotischer Rücken-
steifigkeit oder vorübergehenden Beinmuskelkrämpfen. MÖgHcher-
r~ weise ist diese Art von hysterischen Konversionssymptomen der
physiologische Untergrund, auf dem sich der psychische Überbau
der Gulliverschen Phantasien erhebt.
Wie ich schon sagte, ist die Neigung zur VergrÖssernng und
zur Verkleinerung des männlichen Körpers fast ebenso häu6g
wie zu der des weihlichen. Das Asaoziationsmaterial von Patienten
mit derartigen Phantasien ist hei männlichen Kindern deutlich
mit der Angst des Kindes vor dem riesigen Vater verknüpft, die
aus dem Vergleiche der eigenen Genitalorgane mit denen des
Vaters herrührt.
Die Furcht vor Kastration und Verstümmelung, etwa die
Angst vor Aufgegessen- oder Verschlungen werden, ist im Uä-
Gulliver-Phantasien 317
bewusslen anscheinend noch grösser als die Angst vor dem Tode.
So lange wir nicht verstümmelt sind, betrachtet das Unbewusste
das Begraben-, Ertränkt- oder Verschlungenwerden immerhin
noch als eine Art Existenz in toto. Das Unbewusste vermag
anscheinend die Vorstellung nicht zu fassen, dass der Tod ein
völliges Aufhören der Existenz bedeutet, wahrend selbst die leise
symbolische Andeutung einer Verstümmelung, wie Haar- und
Nägelschneiden, Drohung mit Schwert, Messer oder Schere, ja
auch nur mit dem Zeigefinger, eine intensive reaktive Kastratioas-
angst auslösen kann. Der kleine Knabe denkt sich in seinen
Träumen und Phantasien lieber als Zwerg, der von dem furcht-
baren Vater gefressen wird, wobei aber sein Genitalorgan vor
Kastration bewahrt bleiben kann, als dass er sich vorstellte, dass
er von natürlicher Grösse ist, aber seine Genitalien der Gefahr
einer Verstümmelung ausgesetzt sind. Ebenso zieht das kleine
Mädchen die orale Phantasie des Gefressenwerdens mit intakten
Genitalorganen der Vorstellung vor, von einem männlichen Glied
an ihren Geschlechtsorganen geschädigt zu werden (was das volle
Zugeben der Penislosigkeit bedeuten würde).
Ich muss gestehen, dass ich nicht den Mut besessen hätte,
Ihnen von all diesen nur aus Träumen rekonstruierten und auf
Äusserungen von Patienten gegründeten unbewussten Phantasien
zu erzählen, wenn ich nicht die Gewissheit hätte, dass gerade Sie
als Psychiater häufig Gelegenheit gehabt haben müssen, sich von
der Existenz aktiver und passiver Kastrationstendenzeu, die sich
in Psychosen oft ganz deutlich manifestieren, zu überzeugen.
Die theoretische Erklärung für diese hohe Einschätzung des Penis
versuchte ich in meiner Monographie „Versuch einer Genital-
theorie"^ zu geben, in der ich nachwies, dass das Geschlechts-
organ, speziell der Penis und die Klitoris, das Lustreservoir des
^ Int. Psa. Verlag, Wien, 1923.
F=
318 S. Ferenczi
ganzen Individuums ist und von dem Ich als eine Art zweiter
Persönlichkeit geschätzt wird, die ich als libidinöses Ich bezeich-
net habe. Sie wissen, wie oft Kinder und der Volksmund das
Geschlechtsorgan mit Kosenamen belegen, als ob es ein selbstän-
diges Lebewesen wäre.
Um die Monotonie dieser etwas trockenen und theoretischen
Beweisführung zu beleben, möchte ich Ihnen einige Stellen aus
den beiden ersten Reisen unseres Freundes und Kollegen Gulliver
ins Gedächtnis rufen, in der Hoffnung, dass vielleicht durch sie die
Wahrscheinlichkeit meiner Konstruktionen etwas gesteigert wird.
Nehmen wir die Beschreibung vom Erwachen Gullivers im
Lande der Liliputaner: „Als ich erwachte, war es gerade hell
geworden. Ich versuchte aufzustehen, aber ich war ausserstande,
mich zu rühren, denn da ich auf dem Rücken lag, so entdeckte
ich, dass meine Arme und Beine auf beiden Seiten kräftig an den
Boden gefesselt waren, und auch mein langes und dichtes Haar
war ebenso gebunden. Ich fühlte auch, dass von meinen Achsel-
höhlen an bis zu den Schenkeln hinunter mehrere dünne Fesseln
quer über meinen Körper liefen. Ich konnte nur nach oben sehen;
die Sonne begann zu brennen und das Licht tat meinen Augen
weh. Ich hörte rings um mich ein wirres Geräusch, aber in meiner
Lage konnte ich nichts als den Himmel sehen. Bald darauf spürte
ich, wie sich auf meinem linken Bein etwas Lebendiges bewegte,
was vorsichtig über meine Brust weiterstieg und fast bis an mein
Kinn herantrat; als ich nun meine Augen, soweit ich konnte, nach
unten drehte, erkannte ich in ihm ein menschliches Wesen Ton
nicht ganz sechs Zoll Höhe, das Pfeil und Bogen in den Händen
und einen Köcher auf dem Rücken trug. Zugleich bemerkte ich,
dass dem ersten mindestens vierzig weitere derselben Art (so
vermutete ich) folgten. Ich war aufs höchste erstaunt und brüllte
laut auf, so dass sie alle voll Entsetzen flohen, und einige voq
ihnen, so erzählte man mir später, erlitten, als sie von meiner
^
Gulliver-Phantasien 319
Seite zu Boden sprangen, im Sturz allerlei Verletzungen."
Diese Beschreibung hat eine grosse Ähnlichkeit mit den
Spukgestalten unserer neurotischen Patienten, die uns so häufig
erzählen, wie sie von kleinen, auf ihrer Brust sitzenden Tieren
und Menschlein erschreckt werden.
Jemand, der alles durch das Geburtstrauma erklären will,
würde vielleicht den Nachdruck auf ein anderes Detail legen,
auf eine verdächtige Zahl, die auf Seite 89 dieser Ausgabe* an-
gegeben ist. Gulliver berichtet dort, er habe neun Monate und
dreizehn Tage im Lande der Liliputaner gelebt, was genau der
Dauer der Schwangerschaft entspricht. Dagegen können wir
wiederum die Tatsache anführen, dass die kleinen Liliputaner
gerade sechs Zoll lang sind, und dass diese Zahl in anderer Hin-
sicht verdächtig ist, zumal da Gulliver gelegentlich sagt, die Lili-
putaner seien „etwas länger als mein Mittelfinger'* und weiter,
er könne sich in dieser Schätzung nicht täuschen, denn „ich habe
sie oft genug in der Hand gehabt.'' (Er meint die Liliputaner!)
Etwas weiter sagt er: „Zweihundert Näherinnen waren damit
beschäftigt, mir Hemden und Wäsche zu machen . . . Sie nahmen
mir Mass, wenn ich am Boden lag; eine trat neben meinen Hals,
die andere an die Mitte meines Beines . . . Dann massen sie meinen
rechten Daumen und mehr verlangten sie nicht; denn nach einer
mathematischen Berechnung ist der doppelle Umfang des Daumens
der einfache Umfang des Handgelenks und so fort bis zum Hals
und Gürtel . . ." Es ist bezeichnend, dass gerade ein Finger, das
typische Genitalsymbol, als Massetab des ganzen Körpers genommen
wird. Es wird Ihnen, wie seinerzeit auch mir, die Ähnlichkeit
dieser Phantasie, von so viel kleinen Weibchen bedient zu werden,
mit den Masturbationsphantasien des einen meiner Patienten
auffallen. — Die starken exhibitionistischen Neigungen Gullivers
Swift, Guüiver'a Travels, Tauchnitz Edition.
320 S. Fereuczi
und wie sehr er wünschte, von den Liliputanern ob der Grösse
seines Genitalorgans bewundert zu werden, offenbart sich sehr
deutlich in der folgenden Beschreibung einer Parade, welche die
Liliputanerarmee ihm zu Ehren abhielt: „Der Kaiser wünschte,
dass ich meine Beine so weit spreizte, wie ea ohne Unbequemlich-
keit angängig war, und mich dann gleich einem Kolosaus aufstellte.
Hierauf befahl er seinem General . . ., die Truppen in geschlosse-
ner Ordnung aufzustellen und unter mir durchziehen zu lassen;
. . . und zwar sollte das unter dem Wirbel der Trommeln mit
fliegenden Fahnen und eingelegten Lanzen geschehen . . . Seine
Majestät befahl hei Todesstrafe, dass jeder Soldat im Hinblick
. auf meine Person den strengsten Anstand wahren sollte; was freilich
ein paar der jüngeren Offiziere nicht hinderte, die Augen empor-
zuheben, als sie unter mir durchschritten . . . Und um die Wahr-
heit zu gestehen, so war meine Hose damals in so schlechtem
Zustand, dass sie nicht wenig Gelegenheit für Gelächter und Ver-
wunderung ergab." Klingt dies nicht genau wie die Trostphantasie
oder der Trosttraum eines Impotenten, der im Wachen unter der
Vorstellung eines zu kleinen Penis leidet und sich infolge seines
Minderwertigkeitsgefühles scheut, seinen Penis zu zeigen und sich
im Traum an der Bewunderung derer erlabt, deren Penis noch
kleiner ist als der seine?
Ein noch schlimmeres Vergehen bringt Gulliver in höchste
Todesgefahr. Ich meine sein Urinieren vor der Kaiserin. Wie Sie
vielleicht wissen, ist Königin oder Kaiserin eines der typischen
Symbole der Mutter. In den Gemächern der Kaiserin bricht ein
Feuer aus, das die Liliputaner nicht zu löschen vermögen. Zum
Glück ist unser Held Gulliver bei der Hand und erfüllt diese
heldenhafte Aufgabe in folgender Weise: „Ich halte am Abend
zuvor reichlich von einem köstlichen Wein getrunken . . ., der
sehr urintreibend wirkt. Infolge des glücklichsten Zufalls von der
. Welt hatte ich noch nicht den geringsten Teil wieder von mir
■
Gulliver-Phantaeien 321
gegeben. Die Hitze, in die ich durch die grosse Nähe der Flammen
und durch die Anstrengung, mit der ich sie zu löschen suchte,
geraten war, bewirkte, dass der Wein mich trieb, Urin zu lassen;
und ich entleerte ihn in solcher Menge und richtete ihn so trefflich
auf die gefährdeten Punkte, daes der Brand in drei Minuten
völlig gelöscht war ...
Jedermann, der mit der Aus drucks weise des Unbewussten
vertraut ist, wird wissen, dass eine Brandlöschung im Hause einer
Frau, noch dazu durch Hineinurinieren, die kindliche Vorstellung
vom Geschlechtsverkehr darstellt, in der die Frau durch das Haus ^
symbolisiert wird. Die von Gulliver erwähnte Hitze ist das Symbol <
des leidenschaftlichen Verlangens des Mannes {das Feuer ist \
gleichzeitig ein Symbol der Gefahren, denen sich das Geschlechts-
organ aussetzt). Und wirklich folgt die Straf drohung der Missetat
auf dem Fusse und charakteristischerweise kommt sie vom Kaiser,
diesem typischen Vatersubstitut. „. . . so konnte ich doch nicht
sagen, wie übel seine Majestät die Art aufnehmen würde, auf die
ich ihn vollbracht habe. Denn nach den Grundgesetzen des Reiches
stand die Todesstrafe darauf, wenn irgend jemand, wes Standes
er auch sein mochte, innerhalb der Bezirke des Palastes Wasser
Hess . . ." „Man versicherte mir insgeheim, dass die Kaiserin m
hellstem Abscheu vor meiner Tat den entlegensten Flügel des
Schlosses bezogen hatte . . ., und - . . dass sie es sich . . - nicht
versagen konnte, Rache zu geloben." Die Todesstrafe wird ihm
zwar durch des Kaisers Gnade erlassen, aber einer Bestrafung
anderer Art kann er nicht entgehen. Das Urteil lautet wie folgt:
„Zwar hat der besagte Quimbus Flestrin (Menschberg)", so
nannten die Liliputaner Gulliver, „in offener Übertretung des
genannten Gesetzes, unter dem Vorwand, er wolle das Feuer im
Gemach der geliebten Kaiseringemahlin löschen, tückisch, ver-
räterisch und teuflisch besagtem Feuer in besagten Gemächern
durch Entleerung von Urin Einhalt getan, während er lag und
Ferenczi, Bausteine zur Psychoanalyse. III. 21
P'
•i
322 S. Ferencz»
anwesend war in den Bezirken des besagten königlichen Palastes",
aber gemäes seiner barmherzigen Veranlagung hat der Kaiser ihti
nur zum Verlust der Äugen verurteilt, was seine Körperkraft
nicht hemmen und ihm weiter ermöglichen würde, sich seiner
Majestät nützlich zu erweisen. Die Strafe ist, wie Sie sehen, die
gleiche, die König Odipus sich selbst als Strafe für das sexuelle
Zusammenleben mit seiner Mutter auferlegt hatte. Zahllose psycho-
analytische Erfahrungen beweisen übrigens ganz unzweideutig,
dass das Ausstechen der Äugen eine symbolische Verzerrung der
KastrationsBtrafe bedeuten kann.
Aber selbst in dieser Todes- und Verstümmelungsgefahr kann
sich unser Held Gulliver das Vergnügen nicht versagen, eine
Begründung des Urteilsspruchs anzuführen, nämlich dasa er nicht
nur imstande war, „das Feuer durch Entleerung von Urin in die
Gemächer Ihrer Majestät zu löschen . . ., sondern zu anderer Zeit
auf dieselbe Art und Weise eine Überschwemmung herbeiführen
könnte, um den ganzen Palast zu ertränken".
Bekanntlich gelang es Gulliver, den ihm so feindlich ge-
wordenen Liliputanern zu entfliehen, aber das Schicksal verfolgte
^ ihn weiter, und bei der nächsten Reise fiel er den Riesen von
Brobdingnag in die Hände. Schon die erste Erfahrung mit einem
der dortigen Eingeborenen ist eine symbolische Darstellung der
Kastratiousgefahr. „Der Mann war so gross wie ein durchschnitt-
hcher Kirchturm und hatte eine Sichel in der Hand, die etwa so
gross wie sechs Sensen war. Gulliver wäre beinahe von der Sichel
f; entzweigeschnitten worden, aber da schrie er in seiner Furcht auf,
so laut er nur konnte, worauf ihn die riesige Gestalt mit Zeigen
finger und Daumen packte, wie eine Kuriosität betrachtete und
ihn dann als Spielzeug seiner Frau und seinen Kindern schenkte.
Er rief seinem Weibe und zeigte mich ihr; sie aber schrie auf
und lief davon, wie es in England Frauen tun, wenn sie eine
Kröte oder eine Spinne sehen."
Gulliver-Phantasien 323
Der Abscheu der Frauen vor Spinnen, Kröten und kleinen
Kriechtieren ist als hysterisches Symptom wohl bekannt. Ein
Anhänger der Theorie des Geburtstraumas würde sagen, diese
Angst sei nur dadurch bedingt, dass die kleinen Würmer das
Symbol für kleine Kinder seien, die in das Genitalorgan hinein-
oder aus ihm herauskriechen könnten. Meine analytischen Er-
fahrungen jedoch weisen alle auf die Idee Freuds hin, dass
die tiefere Bedeutung der kleinen Tiere, besondere solcher, die
sich rhythmisch bewegen, in Wirklichkeit eine symbolische Dar-
stellung des Genitalorgans und der Genitalfunktion sei, ihr An-
blick oder ihre Berührung daher den gleichen Ekel hervorrufe,
der die primäre Reaktion der Frau auf die erste Berührung mit
Genitalien ist. Ich würde nicht zögern, einen Traum, der eine
solche Szene enthält, als die Identifizierung eines ganzen (hier
tierischen) Körpers mit dem männlichen Geschlechtsorgan zu
deuten und ihn den Fällen an die Seite zu stellen, in denen die
Frauen in ihren Träumen oder Phantasien durch kleine Geschöpfe
oder kleine Männergestalten beunruhigt werden.
Da er ein Spielzeug wurde, hatte Gulliver Gelegenheit, die
intimsten Funktionen der Riesenfrauen und -mädchen aus nächster
Nähe zu beobachten, und er ist unermüdlich in der Schilderung
der fürchterlichen Eindrücke, die die monströsen Dimensionen in
ihm hervorriefen. Nehmen wir zum Beispiel die Beschreibung,
die er von der weiblichen Brust gibt: „Ich muss gestehen, dass
ich mich noch nie so geekelt habe, wie bei dem Anblick ihrer
ungeheuren Brust; ich weiss gar nicht, womit ich sie vergleichen
Süll, um dem wissbegierigen Leser von ihrem Umfang, ihrer
Gestalt und Farbe eine Vorstellung zu geben. Sie ragte sechs Fuse
vor und konnte nicht weniger als sechzehn Fuss Umfang haben.
Die Warze war etwa halb so gross wie mein Kopf, und die Farbe
sowohl der Warze wie des Hofes war so mit Flecken, Sommer-
sprossen und Finnen übersät, dass nichts ekelhafter aussehen
324 S. Ferenczi
r
konnte; ich sah sie ganz nah, denn sie setzte eich, um das Kind
bequemer saugen zu können, und ich stand auf dem Tisch. Ich
musste an die weisse Haut unserer englischen Damen denken,
die uns so schön erscheinen, weil sie von unserer Grösse sind
und weil man ihre Mängel nur durch ein Vergrösserungsglas
sehen kannj da freilich lehrt uns die Erfahrung, das» die glatteste
und weisseste Haut rauh und grob und missfarben aussieht.*^*'
Es wäre meiner Meinung nach eine hei den Haaren herbei-
gezogene Deutung, wenn wir die Angst vor den grossen Löchern
in der Frauenhaut mit der Erinnerung an das Geburtstrauma
erklären wollten. Es ist viel wahrscheinlicher, dass Gulliver einen
Mänuertypus verkörpert, dessen sexueller Mut in Gegenwart
einer jungen, zarthäutigen, englischen Dame schwindet, und der
sich lieber über die Schwere der zu erfüllenden Aufgabe und die
Reizlosigkeit des Gegenstandes seiner Liebe beklagt, als dass er
sich seine eigene Unzulänglichkeit eingesteht. — Ein interessanter
Kontrast zu der heroischen Feuerlöschaktion wird in einem
späteren Kapitel gegeben, in einer Szene, in der Gulliver sich
genötigt fühlt, in Gegenwart einer der Riesenfrauen Urin zu lassen.
Er winkte ihr, nicht hinzusehen und ihm nicht zu folgen; dann
versteckte er sich zwischen zwei Sauerampferblättern und be-
friedigte dort die Bedürfnisse der Natur. Ferner berichtet er,
dass die jungen Ehrendamen ihn oft aus blossem Vergnügen be-
trachteten und befühlten. „Sie zogen mich oft vom Scheitel bis
zur Sohle nackt aus und legten mich in voller Länge zwischen
ihre Brüste, wovor ich mich sehr ekelte. Denn, um die Wahrheit
zu sagen, so entstieg ihrer Haut ein sehr unangenehmer Geruch.
Ich sage das nicht, um diesen ausgezeichneten Damen, vor denen
ich jede Achtung habe, etwas anzuhängen ... Am meisten be-
unruhigte es mich bei diesen Ehrendamen . . ., dass sie mich ganz
ohne Förmlichkeiten als ein Geschöpf behandelten, das in keiner
Weise zu beachten war. Sie zogen sich in meiner Gegenwart
L
Gulliver-Phantaeien 325
splitternackt aus und legten ihre Hemden ab, während ich genau
vor ihren nackten Leibern auf dem Toilettetisch stand; und frei-
lich war das für mich keineswegs ein verführerischer Anblick,
und ee löste in mir keinerlei andere Erregungen aus als die des
Grauens und des Abscheus. Ihre Haut erschien mir, wenn ich sie
aus der Nähe sah, als rauh, uneben und scheckig; und überall
lag hier und da ein tellergrosses Mal und Haare hingen daraus
hervor, die waren dicker als Bindfäden; nicht zu reden erst von
dem Rest ihrer Gestalt. Sie besannen sich auch keineswegs, in
meiner Gegenwart zu entleeren, was sie getrunken hatten; und
oft war es eine Menge von wenigsten zwei Oxhoften; und das
Gefäss fasste mehr als drei Stückfässer. Die hübscheste unter
diesen Ehrendamen, ein angenehmes, lustiges Mädchen von sech-
zehn Jahren, setzte mich zuweilen rittlings auf eine ihrer Brust-
warzen; und so machte sie noch viele andere Scherze, die ich
nicht allzu sehr bis ins einzelne schildern will, was der Leser
gewiss entschuldigt. Mir missfiel das alles so sehr, dass ich
Glumdalklitsch anflehte, irgend eine Entschuldigung zu ersinnen,
damit ich jene junge Dame nicht mehr zu sehen brauchte."
Sie wissen sicherlich, dass nach den Erfahrungen der Psycho-
analyse zwei in der gleichen Nacht geträumte Träume sich häufig
gegenseitig illustrieren. Das gleiche könnte man von den beiden
ersten Kapiteln von „Gullivers Travels" behaupten. Die Abenteuer
bei den Liliputanern stellen den Wunscherfüllungsteil des
Traumes dar, eine Beschreibung der eigenen Grösse und männ-
lichen Potenz. Die schrecklichen Erfahrungen in Brobdingnag
erhellen uns die Motive der Selbstvergrösserungstendenz, d. h. die
Angst vor dem Versagen im Wettbewerb und Kampf mit anderen
Männern und die Impotenz gegenüber den Frauen.
Natürlich finden sich in dieser zweiten Beise auch An-
deutungen von Gehurts- und Mutterleibssituationen. Während der
ganzen Dauer seines Aufenthaltes im Lande der Riesen wird
326 S. F
erenczi
Gulliver von einem jungen Mädchen in einer Reieeschachtel
herumgetragen, in der an den vier Enden der Decke mit seidenen
Stricken eine Hängematte befestigt ist, um die Stösse abzu-
schwächen; und die Art, wie er schliesslich dem gefährlichen
Lande der Riesen entkam, ist noch bezeichnender. Er erwachte
aus dem Schlaf und fühlte, wie seine Schachtel sehr hoch in die
Luft emporgehoben und mit ungeheurer Geschwindigkeit vorwärts
getragen wurde. „Der erste Stoss hätte mich fast aus meiner
Hängematte herausgeschleudert, nachher aber war die Bewegung
sehr glatt . . . Jetzt begann ich zu merken, in welcher grauenhaften
Lage ich war. Irgendein Adler hatte mit dem Schnabel deu
Ring meiner Schachtel gepackt, um sie wie eine Schildkröte in
ihrer Schale auf irgendeinen Felsen fallen zu lassen und meinen
Leib herauszupicken und zu verschlingen." „Ich hörte, wie an-
scheinend dem Adler mehrere Schläge oder Stösse versetzt wur-
den. . ., und dann fühlte ich plötzlich, wie ich über eine Minute
lang senkrecht hinunterstürzte, und zwar mit so unglaublicher
Geschwindigkeit, dass mir fast der Atem verging. Mein Fall
endete mit einem furchtbaren Klatschen, das mir lauter in den
Ohren gellte als der Katarakt des Niagara; dann war ich eine
weitere Minute lang ganz im Dunkeln, und schliesslich stieg meine
Schachtel so hoch, dass ich oben durch meine Fenster Licht sehen
konnte. Ich merkte jetzt, dass ich ins Meer gafallen war . . . Ich
stieg mit vieler Mühe aus der Hängematte . . ., um Luft herein-
zulassen, denn ich erstickte fast vor Atemnot. Wie oft wünschte
ich nun, bei meiner lieben Glumdalklitscb zu sein (so hiess das
Mädchen, das ihn herumtrug und dessen Spielzeug er war), von
der mich eine einzige Stunde so weit getrennt hatte!"
Kein Analytiker würde etwas dagegen einwenden, wenn man
dieses Entkommen als Geburtsphantasie zu deuten versuchte, als
das natürliche Ende der Schwangerschaft, die durch das Herum-
tragen in der Schachtel dargestellt wird. Hingegen haben wir
Gulliver-Phantasien 327
in den Träumen gleicher Art keinerlei Anhaltspunkt dafür, dass
diese Szene Details der individuellen Geburt darstellt, wie Rank
annimmt. Es ist viel wahrscheinlicher, dass Gulliver und die
anderen von Geburtsphantasien träumenden Personen ganz reale
sexuelle Gefahren, denen sie sich nicht gewachsen fühlen, zu
Schädigungen aus der Kindheit oder gar des Fotallebens ver-
wandeln und verkleinern. — Fast als ob der Autor uns nicht im
Zweifel darüber lassen wollte, dass in Gullivers erster Reise der
gesamte Körper wirklich das männliche Glied und den Geschlechts-
verkehr darstellt, fügt er der Beschreibung des Entkommens noch
hinzu, eines der wenigen Andenken, die er von der Riesenmutter
gerettet habe, sei „ein goldener Ring, den sie mir in sehr liebens-
würdiger Weise zum Geschenk gemacht hatte, indem sie ihn vom
kleinen Finger zog und mir wie ein Halsband über den Kopf warf."
Folkloristen und Psychoanalytiker sind übereinstimmend der
Ansicht, dass die Sitte des Eheringes eine symbolische Darstellung
des Geschlechtsaktes ist, wobei der Ring das weibliche und der
Finger das männliche Geschlechtsorgan bedeutet, und wenn die
Riesin ihren Ring vom kleinen Finger zieht und ihn Gulliver um
den Hals wirft, so drückt sie durch diese Geste lediglich aus,
dass nur Gullivers Kopf ausreichen würde, die sexuelle Aufgabe
zu erfüllen, zu der normalerweise ein Glied von FingergrÖsse
genügt.
Die bemerkenswerte Vieldeutigkeit, die alle genialen Schöp-
fungen auszeichnet, hat es mit sich gebracht, dass Gullivers Reisen
die verschiedensten Deutungen erfuhren, die trotz ihrer Ober-
flächlichkeit einer tatsächlichen Grundlage nicht ganz entbehren.
Walter Scott erzählt uns in seiner kurzen Biographie von
Jonathan Swift, des Autors des „Gulliver", wie die ver-
schiedenen Gesellschaftsklassen auf Gullivers Reisen reagiert
haben. Die Leser der höheren Gesellschaftskreise sahen in ihnen
eine persönliche und politische Satire, das gewöhnliche Volk
1
if
328 S. Fcrenczi
spannende Abenteuer, romantische Personen bewunderten das
Element des Übernatürlichen darin, junge Leute liebten seine
Klugheit und seinen Witz, nachdenkliche Personen nahmen sie
für moralische und politische Lehren. Das vernachlässigte Alter
und der enttäuschte Ehrgeiz jedoch fanden in dem Buche nur die
Maximen einer traurigen und verbitterten Menschenfeindlichkeit.
Ich könnte diese Kommentare als vorbewusste Deutungen
bezeichnen, während die Psychoanalyse auch den unbewusstezi
Sinn der Reisen erklären will. Vielleicht verhilft uns das Studiuzu
der Lebeusgeschichte Jonathan Swifta zu einer Entschei-
dung über den "Wert oder Unwert unserer Deutung. Ich kenne
eine grosse Anzahl von ScbriftHtellern, die dem Studium dieser
ungewöhnlichen Persönlichkeit ganze Bände gewidmet haben,
aber Hanns S a c h s ist meines Wissens der einzige Psychoanalyti-
ker, der Swift zum Gegenstand einer psychoanalytischen Sttitlie
gemacht hat. Doch selbst die ganz flüchtigen Einblicke, die ich
selbst in Swifts Lebensgeechichte machen konnte, geben uns Datea^
die meine Auffassung der Vergrösserungs- und Verkleinerungs-
phantasien in Gullivers Reisen unterstützen. Ich will einige der
wichtigsten Daten aus Swifts Leben kurz anführen:
Jonathan Swift wurde am 30. November 1667 geboren.
Gegen das Ende seines Lebens beging er die Wiederkehr seines
Geburtstages stets als Tag des Fastens und der Trauer und unter-
liess es nie, das dritte Kapitel des Buches Hiob zu lesen. Richard
Brennan, der Diener, in dessen Armen er gestorben ist, berichtet,
dass in den seltenen lichten Momenten während Swifts ver-
hängnisvoller Krankheit er sich dieses Datums bewusst zu sein
schien; das gab sich dadurch kund, dass er immer und immer
wiederholte: „Möge der Tag verflucht sein, an dem ich geboren
bin, und die Nacht, in der verkündet wurde, es sei ein Knabe
empfangen worden." Swift war ein nachgeborenes Kind. Ein
fieltsames Ereignis entzog ihn eine Zeitlang der Fürsorge seines
Gulliver-Phantasien 329
Onkels und seiner Mutter. „Das mit seiner Aufsicht betraute
Kindermädchen . . . hing mit solcher Liebe an dem Kinde, dass sie
es seiner Mutter stahl und über den Kanal entführte. Die zarte
Gesundheit des Kindes und die Schwierigkeit, in jenen Tagen
eine Gelegenheit zur Überfahrt zu finden, verhinderten drei Jahre
lang seine Rücksendung."
Die Annahme ist wohl nicht zu gewagt, dass diese anormalen
Verhältnisse und Ereignisse seiner Kindheit auf Swift einen
unauslöschlichen Eindruck gemacht und seine spätere Entwick-
lung stark beeinflusst, vielleicht auch sein Interesse für Reise-
Abenteuer gesteigert haben. Es scheint mir unnötig, nach ab-
normen physiologischen Schwierigkeiten bei der Geburt des
Kindes zu suchen, wo wir doch so greifbare pathogenetische
Faktoren während der Kindheitsentwicklung vor Augen haben.
Die psychoanalytischen Erfahrungen lehren uns, dass Söhne,
die ohne Vater aufwachsen, in ihrem Sexualleben selten normal
Bind, die meisten werden neurotisch oder homosexuell. Die
Fixierung an die Mutter ist in diesen Fällen keineswegs die Folge
irgendeines Geburtstraumas, sondern muss dem Fehlen des Vaters
zugeschrieben werden, mit dem der Knabe den Ödipuskonflikt
auszufechten hat und dessen Gegenwart die Kastrationsanget .
'durch Identifizierung zu lösen hilft. Naturgemäss macht den
Knaben die übertriebene Verwöhnung durch Mutter und Kinder-
mädchen weniger geeignet, den Wettbewerb mit anderen Knaben
aufzunehmen, und dieses Unvermögen ist häufig eine der haupt-
sächlichsten Ursachen von Störungen der sexuellen Potenz. Über-
dies wird, wenn der Vater fehlt, die Mutter zur einzigen Diszipli- _
nar- oder — in sexuellen Dingen — Kastrationsgewalt, und dies
führt häufig zu einer Übertreibung der normalen Zurückhaltung
und Scheu gegenüber verehrten Frauen, ja, Frauen gegenüber
überhaupt. Swifts späteres Verhalten, speziell auf sexuellem
Gebiete, zeigt denn auch wirklich, dass er ein Neurotiker war.
330 S, Ferenczi
So begann er beispielsweise einen Flirt mit einem Fräulein
Waring, die er liebevoll „Varina'^ nannte, wie sein Biograph uns
berichtet. „Sein Liebeswerben war, 8o viel wir davon in Erfahrung
bringen konnten, höchst lächerlich. So lange die Dame spröde
und kalt blieb, war nichts dem Ungestüm des Liebhabers ver-
gleichbar, aber als sie sich nach langem Widerstand unerwartet
bedingungslos für besiegt erklärte, verschwand der Liebhaher
plötzlich von der Bildfläcbe und die glühenden Briefe an ,Va-
rina' verwandelten sich in kalte und formelle Episteln an ,Mis8
Jane Waring' . . . „in denen in unmissverständlicher Weise an-
gedeutet wurde, dasB der ungeduldige Freier einen sehr wider-
strebenden Bräutigam abgeben würde. Die Dame brach verstän-
digerweise jeden Verkehr ab, und Swift war nunmehr frei und
konnte seine Künste an einem ung\ück\icheren Opfer erproben.'*
Es ist interessanl, dass sich im Gegensatz zu dieser übergrossen
Bedenklicbkeit in jener Gegend Englands das Gerücht erhält,
Swift sei beschuldigt worden, die Tochter eines Farmers in
anstössiger Weise attackiert zu haben, und vor Herrn Dobbs, dem
Bürgermeister des Nachbarortes, seien unter Eid kriminelle An-
klagen gegen ihn erhoben worden.
Die Berichte über seine spätere berühmte Ehe mit Frau
Esther Johnson — bekannter unter ihrem poetischen Namen
tella — zeigen dagegen von Anfang ihrer Bekanntschaft an eine
starke Anhänglichkeit und Leidenschaft. Im Gegensatz dazu er-
wähnt allerdings Walter Scott eine Äusserung Swifts über
seme Liebesgeschichte: „Sie ist eine Gewohnheit, auf die ich
leicht verzichten und die ich ohne Bedauern noch vor der Pforte
des Allerheiligsten im Stiche lassen könnte." Und so geschah es
auch wirklich. Swift heiratete Stella nur unter der Bedingung,
dass ihre Ehe geheim bleiben müsse und sie beide auch weiterhin
getrennt lebten. Diese Einzelheiten aus seinem Privatleben zeigen
also in der Tat die späten Folgen von Störungen der Kindheitsent-
GuUiver-Phantaaien 331
Wicklung. Psychoanalytisch würde man sein neurotisches sexuelles
Verhalten als Hemmung der normalen Potenz bezeichnen, verbun-
den mit einem Mangel an Mut gegenüber rcBpektahlen Frauen und
vielleicht mit erhaltener Aggressivität gegen Frauen von niedrige-
rem Typus. Diese Einsicht in das Leben Swifts gab uns wohl
nachträglich das Recht, die Phantasien in Gullivers Reisen genau
80 zu behandeln wie die freien Assoziationen der Neurotiker in
psychoanalytischer Behandlung, speziell in der Traumdeutung.
Der Nachteil einer solchen Analyse in absentia ist der, dass wir uns
die Bestätigung des Patienten nicht verschaffen können; der
wissenschaftliche Vorteil einer posthumen Analyse hingegen der,
dass man in diesem Falle den Analytiker nicht beschuldigen
kann, er habe der analysierten Person die Angaben suggeriert.
Ich glaube, dass das biographische Argument unsere Annahme
bestätigt, derzufolge die Vergrösserungs- und Verkleinerungs-,
Phantasien der Gulliverschen Art Ausdruck des Gefühls der ge-
nitalen Unzulänglichkeit einer Person sind, deren Sexualbetati-
gungen durch infantile Einschüchterungen und Fixierungen
gehemmt wurden.
Ich denke also, dass der Eindruck dieser vielleicht allzu
langen Analyse Swifts und seines Meisterwerks zugunsten der
von mir versuchten Deutung der liliputanischen und brobding-
nagschen Phantasien und Symptome bei psychotischen und neu-
rotischen Patienten sowie bei Träumen spricht.
Ich schliesse wohl am besten mit einem etwas veränderten
Zitat aus „Gulliver" selbst: „Ich hoffe, meine Hörer werden mich
entschuldigen, wenn ich so lange auf diesen und ähnlichen Ein-
zelheiten verweilt habe; so unbedeutend sie erscheinen mögen,
werden sie doch vielleicht einem Philosophen helfen, sein Denken
und seine Phantasie zu erweitern, so dass er zum Wohl des
Lebens der Allgemeinheit und der Einzelnen seine Schlüsse
daraus zieht."
r«"
Aktuelle Probleme der Psychoanalyse'
Vortrag, gehalten in der „American Psychoanalytic Association**
am 26. Dez. 1926.
Eine der gewichtigsten Schwierigkeiten, durch welche die
amerikanischen Mitarbeiter der psychoanalytischen Bewegung he-
hindert sein dürften, zur Förderung der psychoanalytischen For-
schung und Kenntnisse mit ihren eigenen Originalarbeiten beizu-
tragen, ist wohl hauptsächlich der Tatsache zuzuschreiben, dass
ihnen die europäische Literatur nur in Übersetzungen, also erst
nach Verlauf einer beträchtlichen Zeit bekannt wird. Dies bezieht
sich auf die deutschen Arbeiten und selbst auf gewisse Werke
Freuds. Dies dürfte wohl die Ursache sein, warum ich eingela-
den wurde, Ihnen eine kurze Zusammenfassung der wichtigsten
praktischen und theoretischen Probleme vorzutragen, welche der-
zeit unsere Aufmerksamkeit beschäftigen. Die Zeit, welche mir zu
einer eolchen Zusammenfassung zu Verfügung steht, ist im Ver-
hältnisse zu der Vielseitigkeit des Gegenstandes so kurz, dass ich
mich darauf beschränken muss, die betreffenden Probleme ebea
nur zu berühren. Demzufolge wird das, was ich Ihnen jetzt vor-
legen werde, nur eine Art von Speisekarte sein, welche, wie Sie
^ Aue dem Englischen übersetzt von Dr. Geza Dukes, Budapest.
>
I
i.
Aktuelle Probleme der Psychoanalyse 333
wissen, an sich nicht geeignet ist, den Hunger zu stillen. Mein
Zweck ist bloss, Ihren Appetit zu erregen, dessen Befriedigung nur
durch das Studium der Originalwerke erlangt werden kann.
Es ist ein grosser Irrtum das Alter eines Menschen nach der
Zahl seiner Lebensjahre zu messen. Produktivität und die Fähig-
keit zur Änderung seiner Ansichten bewahren, heisst jung blei-
ben. Professor Freud — wie seine letzten Werke bezeugen —
besitzt die beiden Eigenschaften in hohem Masse. Nichts von Be-
harrung bei dogmatischen Behauptungen, oder von erschöpfter
Phantasie. Gegen seine eigenen früheren Thesen ist er oft viel-
leicht zu schonungslos und die Weite seiner Perspektive über-
trifft oft alles, was er früher schuf. Zufolge des Anwachsens sei-
nes Materials hat sich auch sein Stil geändert und er macht es uns
nicht so leicht ihm zu folgen wie ehedem. Seine neuesten Werke
müssen öfter und mit grosserer Konzentration gelesen werden.
Doch kann ich behaupten, dass der Gewinn an intellektueller
Einsicht diese Mühe wohl aufwiegt.
Freuds letzte Arbeiten sind meistens theoretischer Natur.
Seine Gedankenzüge geben uns auf unerwartete Weise Einsicht
in die Struktur, Dynamik und Ökonomik nicht nur der verschie-
denen Neurosen und Psychosen, sondern des konkreten Einzel-
falles, mit dem wir es eben zu tun, den wir zu verstehen haben.
Und wer die Mühe nicht scheut, den manchmal nicht leichten
Konstruktionen Freuds zu folgen, hat viel mehr Aussicht auf
praktischen Erfolg und auf Verständnis der Ursachen eventueller
Misserfolge.
Als Beispiel dafür, wie uns ein scheinbar rein spekulativer
Gesichtspunkt Freuds zum Verständnis eines einzelnen psychi-
schen Symptomes verhilft, möchte ich Ihre Aufmerksamkeit auf
seine Auffassung bezüglich eines Triebes lenken, der bis dahin
weder von Biologen noch von Psychologen gewürdigt wurde, näm-
lieh bezüglich des Todestriebes. Nur mit Hilfe dieses Begriffes
334 S. Ferenczi
wird uns der Masochiemue, der Lustgewinn am Leiden und die
Selbstzerstörung verständlich; sowohl der rein sexuelle Masochis-
mus als auch jene Üherstrenge gegen das eigene Ich, welche den
Betreffenden in der Form eines übertriebenen Gewissens und als
Strafbediirfnis quält. Freud bezeichnete diesen Charakterzug
als moralischen Masochismus und konnte sowohl diesen wie auch
alle anderen Arten des Masochismus auf den Trieb zur Selbstver-
nichtung zurückführen. Die Lust an der Selhstbeschädiguno-
hörte auf, ein psychologisches Wunder zu sein, seitdem sie als Be-
friedigung eines besonderen Triebes, also als Wunscherfüllung er-
kannt wurde.
Von nicht geringerer praktischer Bedeutung ist die weitere
Entwicklung der Ich-Paychologie, welche den Gegenstand von
mehreren neueren Arbeiten Freuds bildet. Es handelt sich um
die Sonderung der anscheinend einheitlichen Persönlichkeit in
ein „Es", „Ich" und „Uber-Ich". Das „Es" — wie wohlbekannt — ■
ist ein Sammelbegriff für alle unsere primitiven Triebregungen:
einerseits den Todestrieb, andererseits die Lebenstriebe, welche
letztere wieder als erotische und als Selbsterhaltungstriebe be-
schrieben werden. Das Über-Ich ist jener Teil der Persönlichkeit,
welchen wir nach dem Muster oder Beispiel derjenigen Autori-
täten entwickelten und formten, die unsere Erziehung beeinflus&t
hatten. Ich meine besonders das introjizierte Bild des Vaters oder
der Mutter, von denen die Absichten des Ichs dann als von einer
moralischen Macht von innen her kritisiert werden. Nun hat das
Ich nicht nur den Forderungen des triebhaften Es zu widerstehen,
nicht nur der Kritik des Üher-Ichs gerecht zu werden, sondern
ausserdem auf die realen Möglichkeiten der Aussenwelt zu ach-
ten; so dass ein psychisch gesundes Ich sich nach drei Seiten hin
anzupassen und die drei Prinzipien der Lust, der Realität und der
Moral mit einander in Einklang zu bringen hat. Diese Auffassun-
gen führen zu einer neuen Klassifikation in der Psychopathologie
Aktuelle Probleme der Psychoanalyse 335
und zu neuen Auffassungen der Pathogenese. Die Übertragungs-
neurosen entstehen als Folge übertriebener Ansprüche des trieb-
haften Es, welche das Ich unter der Kontrolle der Moral und der
Realität nicht anerkennen kann und daher verdrängen muss. Jene
Zustände, in welchen die Beziehungen zwischen dem Ich und der
Äussenwelt gestört sind, bezeichnet Freud als Psychosen. In der
Meynert sehen Amentia wird die Realität vollkommen ver-
leugnet; z. B. wird der Tod einer geliebten Person einfach nicht
zur Kenntnis genommen. In der Schizophrenie und in der Para-
noia liegen die Verhältnisse anders. Bei dem Schizophrenen ist
das Interesse für die Aussenwelt nach innen gewendet. Der Para-
noiker verfälscht die Aussenwelt bis zu dem Grade, als dies not-
wendig ist, um den Ansprüchen des Es und des Über-Ichs gerecht
zu werden. Die Analyse von manisch-depressiven Zuständen,
welche wir bis nun von den übrigen Psychosen nicht gesondert
hatten, gibt uns darüber Aufschluss, dass wir es hier mit einer be-
sonderen Form von psychischer Störung zu tun haben, mit einem
Konflikt zwischen dem Ich und denjenigen Idealen des Ichs, un-
ter deren moralischem Einfluss wir stehen. Die Melancholie ist
eine Verleugnung der Entwertung der Ich-Ideale, wobei die Li-
bido von denjenigen Personen zurückgezogen wird, mit denen
man sich bis nun identifiziert hat. Anstatt sich gegen die entwer-
teten Autoritäten zu wenden, wendet sich der Melancholiker —
offenbar durch Regression zu seinen Selbstzerstörungstrieben
(Todeswunsch) — gegen die eigene Person. Die Manie dagegen
ist ein periodischer oder zeitweiliger Versuch, die Tyrannei des
Üher-Ichs abzuschütteln. Infolge dieser genetischen Sonderstel-
lung entschloss sich F r e u d, die Zustände, in denen es sich nicht
um einen Konflikt mit der Aussenwelt, sondern um einen solchen
zwischen dem Ich und seinen Idealen handelt, mit einem beson-
dern Namen zu bezeichnen. Er benennt diese Zustände als narziss-
tische Neurosen. Das Wissen um diese ätiologischen Unterschiede
r
336 S. Fercnczi
bringt uns der Möglichkeit einer rationellen Therapie der Psycho-
seu näher.
Des weiteren will ich Ihnen eine scheinbar rein theoretische
Erklärung erwähnen, die uns Freud in bezug auf ein bisher un-
erkanntes Element bei der Wahnbildung der Paranoia brachte.
Freud zeigte uns — etwas, das wir schon früher geahnt hatten
■ — nämlich, dass der Paranoiker für die ÄuBserung des Unbewuss-
ten seiner Mitmenschen eine überscharfe Beobachtungsgabe be-
sitzt. Die Erkenntnis seines geschärften Sinnes für die Symbolik
z. B. ermöglichte es mir vor einigen Jahren, die Traumsymbole bei
einem Paranoiker zu deuten. Nun zeigte uns Freud, dass auch
in den abstrusesten Wahnideen ein Körnchen Wahrheit steckt,
aber allerdings nur im Sinne des Unhewussten. Der an Verfol*
guugswahn Leidende z. B. hat nicht so ganz unrecht, wenn er sagt,
dass ihn Leute auf der Strasse mit scheelen Augen ansehen, j«
ihn umbringen wollen. Er erkennt und übertreibt alle die unhe-
wussten Reaktionen und aggressiven Tendenzen, welche in uns
allen vorhanden sind und die eich in uns gegen unsere Mitnien.<
sehen regen, sobald uns jemand im Weg ist ■ — z. B. uns beim Ein.
steigen in die Untergrundbahn hindert. Bewusst fühlen wir nur
einen unbestimmten Ärger darüber. Diesem entspricht aber im
Unbewusten eine aggressive Absicht und vielleicht sogar eine Ah-
sieht zum Töten, Aber der sensitive Paranoiker liest uns diese un.
bewuBSten Absichten von unserem Mienen- und Gebärdenspiel ab;
er hält sie für bewusste Tendenzen und trachtet, sich für die ihm
angetane Ungerechtigkeit an uns zu rächen. Seitdem ich diese ge-
niale Erklärung Freuds kenne, gelang es mir viel besser als
ehedem, das Übertragungsverhälinis mit dem Paranoiker aufrecht
zu erhalten, so dass er sich dem analytischen Einfluss nicht bo
rasch entziehen konnte. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass sich
auf dieser Basis eine erfolgreiche Technik für die Analyse des
Paranoiker» aufbauen lassen wird.
I
Aktuelle Probleme der Psychoanalyse 337
Ein ganz neues Gebiet von psychischen Zustanden wurde dem
Einfiuss des Analytikers zugänglich durch den Fortschritt, wel-
cher sich in der Ich-Psychologie ergab. Ich meine die Störungen
und Absonderlichkeiten des Charakters. In unseren bisherigen
Neurosenanalysen bekümmerte uns hauptsächlich deren Sym-
ptomatologie. Um die Widerstände des Patienten nicht heraufzu-
beschwören, Hessen wir die Besonderheiten seines Charakters un-
berührt; das heisst wir schlössen mit dem Ich des Patienten einen
Bund und als Belohnung für diese Rücksicht wurde das Ich des
Patienten unser Verbündeter im Kampfe zur Entlarvung der vom
Es herrührenden Symptome. Wo neurotische Symptome keine
grosse Bolle spielen, bekommt es der Analytiker mit den Charak-
tereigenheiten des Patienten zu tun. Abraham war einer der
ersten, die dieses Gebiet der Analyse systematisch aufarbeiteten.
Allerdings verdanken wir den ersten Wink zum Verständnis der
Charakterbildung ebenfalls Freud. Er zeigte uns, dass die Ent-
wicklung der frühen autoerotischen Organisalionsslufeüi der Li-
bido so verläuft, dass die libidinösen Äusserungen der psychischen
Energie in typische Charakterbildungen umgewandelt werden.
Das Aufgeben der Analerotifc z. B. hat die Entwicklung ganz be-
stimmter analer Charakterzüge zur Folge: Reinlichkeit, Geiz,
Trotz, Pedanterie, Umständlichkeit. Aus der orallibidinösen Phase
ergibt sich der Charakterzug der Gier, vielleicht auch des Neides
und wahrscheinlich auch ein Hang zur Zärtlichkeit, während den
analen Charakterzügen auch weiter die ursprüngliche Ver-
quickung mit Hass und Sadismus anhaftet. Die Urethralerotik
wird durch die Züge von Scham und Ambition abgelöst, scheinbar
auch durch die Neigung zu weniger scharf kontrollierten Ge-
fühlsergüssen. Doch erst die neuesten Untersuchungen Freuds
über die feineren Vorgänge in der Struktur des Ichs beim Ein-
setzen der Latenz verhelfen uns zum Verständnis der Entwick-
lung des Uber-Ichs, dieser wichtigsten Etappe der Charakter-
Ferenczi, Bausteine zur Psychoanalyse. III. 2S
338 S. Ferenczi
bildung. Auch hier handelt es sich um die Überleitung grosser
Energiemengen von der lihidinösen Seite auf diejenige des
Charakters. Die grosse Libidomenge, welche als Sublimierung
zum Aufbau des Über-Ichs verwendet wird, entstammt beioi
Manne der hohen narzisstischen Einschätzung des Genitales zur
Zeit der Entwicklung der phalliscben Organisatioosstufe. In
diesem Stadium cntetcht aus dem bis dahin noch ungestörten
Verhältnis der tragische Konflikt zwischen Sohn und Vater.
Schon die Icisesteu Andeutungen phallisch inzestuöser Regungen
werden vom Vater mit mehr oder minder deutlichen Kastratioas-
drohungcn beantwortet und unter dem Drucke dieser Gefahr
erfolgt die Zertrümmerung des Ödipuskomplexes. Der Wunsch,
den Vater zu töten und die Mutter zu besitzen, wird durch die
Tendenz zur Identifizierung mit den Eltern, besonders mit dem
gleichgeschlechtlichen Elternteil abgelöst. Der früher gehasste
Vater wird zum Ich-Ideal erhöht; seine Macht und Vollkommen-
heit zu erreichen, wird zum weseotlichsten Lebenszwecke; seine
früher verhassten Massregelungen wirken von nun an von innen
heraus als Strafen oder Belobnungen des inneren Vaters, des
Gewissens. Warum die Kastration eine so fürchterliche Strafe
bedeuten soll und so nachhaltige Wirkungen nach sich zieht,
trachtete ich in meinem „Versuch einer Genitaltbeorie"" zu er-
klaren. Ich kam zu dem Schluss, dass in der phallischen Phase
der Penis der Vertreter aller libidinösen Interessen wird und als
solcher die Lust der Wiederkehr in den Frauenleib geniessen darf.
Die Kastrationsdrohung zwingt das Individuum, einen Teil seiner
Persönlichkeit aufzugeben und sich psychisch der väterlichen
Macht anzupassen.
Beim Weibe spielt der Ödipuskonflikt nicht dieselbe Rolle
wie beim Manne. Anknüpfend an die neuesten Untersuchungen
Freuds kann ich behaupten, dass der Ödipuskomplex nur beim
Manne den Kernkomplex der Neurose bildet; die grössten Schwie-
Aktuelle Probleme der Psychoanalyse 339
rigkeiten des Weibes liegen in einer anderen Richtung und setzen
viel früher ein. Sie liegen, wie Freud uns zeigte, in der Ent-'
deckung des körperlichen Unterschiedes zwischen dem männli-
chen und dem weiblichen Genitale und in der psychischen Re-
aktion auf diese Entdeckung. Während das männliche Kind von
der Furcht, den Penis zu verlieren, dazu getrieben wird, sich der
Zivilisation anzupassen, wird sich das Weih viel früher seiner
tatsächlichen genitalen Benachteiligung dem Manne gegenüber
bewuBst. Der glückliche Ausgang dieses Traumas ist das Aufgeben
der phallischen (männlichen) Befriedigung und die Anpassung
an die Trostmechanismen der vaginalen Befriedigung und der
Mutterschaft. Grössere Nachgiebigkeit, Zärtlichkeit, eine gleich-
sam organische Güte, Verständnis und Takt sind die Charakter-
züge, welche sich im Weibe diesem Trauma zufolge entwickeln.
In weniger glücklichen Fällen lässt der Penisneid eine ungeheilte
Wunde zurück, welche das Weih zu einem ständigen Protest
gegen die Überlegenheit des Mannes, zum Konkurrenzkampf mit
ihm drängt, und zur Betonung der phallischen Sexualität, zur
Frigidität, Eifersucht und Aggressivität führt. Natürlich findet
man beim Weibe keine reinen Charaktertypen, vielmehr Mischun-
gen der zwei beschriebenen Charakterformen. Der grosse Unter-
schied der Geschlechter ist jedoch hauptsächlich der, dass beim
Manne die Kastrationsdrohung zu einem Aufgehen fast aller
sexuellen Strebungen, während beim Weibe erst die Einsicht in
die schon vollendete Tatsache des Penisverzichtes zur Entwicklung
der weiblichen Geschlechtezüge führt, wodurch die sexuelle An-
lehnung an den Vater ermöglicht wird. Logischerweise wäre zu
folgern — was denn auch meine Beobachtungen aus den Analysen
bestätigen — , dass die Inzestschranke eine rein männliche Er-
findung sein dürfte, welche jedoch auch vom Weibe übernommen
wurde, aber ohne den tragischen Zug, der das Inzestproblem des
Mannes kennzeichnet.
340 S. F
erenczi
Nicht unerwähnt darf der neue Begriff bleiben, den Freud
bei der Verfolgung dieses Problems einführte. Es handelt sich
um den psychischen Prozess, den er als Überwindung bezeichnet.
Dem Nichtneurotiker scheint es gelungen zu sein, der psychischen
Überwältigung durch den Ödipuskomplex zu entrinnen, diesen
sozusagen inaktiv zu machen, ausser Funktion zu setzen. Man kann
das auch so ausdrücken, dass beim Nichtneurotiker der emotio-
nelle Inhalt des Ödipuskomplexes sowie auch das Interesse für
denselben vollstätfdig aufgegeben und von gelungenen Über-
tragungen, Sublimierungea und Ichveränderungen abgelöst wurde.
Die wichtigste Folge dieses Gesichtspunktes ist die, dass wir nur
bei den Neurotikern einen verdrängten Ödipuskomplex annehmen
können, der im TJnbewussten oft grosse Quantitäten psychischer
Energie bindet, welche unter gewissen Bedingungen das Liebes-
ieben des Individuums erheblich stören können. Eines der Zu-
kunftsprobleme wird es sein, diesen Vorgang eingehender xu
studieren. Solche Untersuchungen werden vielleicht einiges Licht
auf diese Arbeitsweise der Psyche werfen, besonders auf die phylo-
genetische Überwindung von frühen primitiven Methoden.
Betreffend eines der neuesten Werke Freuds: „Hemmung,
Symptom und Angst", möchte ich zwei Punkte hervorheben. Der
eine, dass dem Ich nicht nur eine, wie Freud dies früher be-
tonte, rein passive Vermittler-Rolle zwischen dem Es, dem Über-
ich und der Aussenwelt zukommt, sondern dass ea gelegentlich
auch gewiss sehr wichtige aktive Einflüsse auf den Endausgang der
psychischen Geschehnisse hat. Dass das Ich trotz seiner verhältnis-
mässigen Schwäche es zustande bringt, grosse Energiemengen des
Es zu kontrollieren, ist durch seine hohe Organisation zu er-
klären, welche das Ich scheinbar in seinem langen diplomatischen
Dienste als Vermittler zwischen den verschiedenen seelischen
Kräften erworben hat. Das Ich ist schwach, aber gewandt, das Es
stark, aber roh und primitiv; es lässt sich von höheren Mächten
'
Aktuelle Probleme der Psychoanalyse 341
leiten. So wird das Ich zum Wächter, auf dessen Signale hin die
Triebenergie diese oder jene Richtung nimmt. Eines dieser Signale
ist die Angst. Entgegen seiner früheren Behauptung betrachtet
Freud die Angst nunmehr nicht als einen Fall von Libido-
umwandlung, sondern als ein vom Ich gegebenes Signal.
Nun kommen wir zu einer Frage, welche in letzterer Zeit auch
in Amerika Gegenstand vieler Diskussion gewesen ist. Ich meine
die Zurückfübrung jeder Angst auf die individuelle Geburt und
jeder Neurose auf das individuelle Geburtstrauma. Rank stellte
dliese Theorie auf, ohne — meiner Ansicht nach — für dieselbe
genügend stichhaltige Beweise zu erbringen. Freuds Stand-
punkt, dem ich beipflichten muss, ist, dass die Angst wohl manche
charakteristische Züge der Geburtssituation nachahmt, — es war
ja gerade Freud, der auf diese Analogie als erster hingewiesen
hat, — doch sei es nicht bewiesen, dass diese Nachahmung mehr
wäre als ein symbolischer Ausdruck für eine jede Art von Gefahr.
Am auffälligsten kann dieses vom Ich ausgesandte Angstsignal
beobachtet werden, wenn der wichtigste Lustrepräsentant, der
Penis, gefährdet ist, und tatsächlich findet die Analyse hinter den
meisten Neurosen als Grundstörung die durch die Kastrations-
drobung hervorgerufene Angst. In einem Vortrage, welchen ich
unlängst in der „New York Society for Clinical Psychiatry" ge-
halten habe, trachtete ich an einigen Beispielen nachzuweisen,
dass die Mutterleibs- und Gehurtsphantaeien und Träume der
Neurotiker nur symbolischer Ersatz der wegen der Kastrations-
gefahr meistgefürchteten Koitussituation sind, wobei der ganze
Körper symbolisch für den Penis eintritt. Es ist hier eine wahr-
haftig phantastische Umkehrung der normalen Entwicklung der
Genitalität zu beobachten, bei welch letzterer der Penis als Surro-
gat des ganzen Körpers die Mutterleibsituation herzustellen sucht.
Wie dem auch sei, sicherlich ist es ungerechtfertigt, eine neue
Technik der Psychoanalyse auf eine so sehr bestrittene Theorie,
r
342 S. Ferenczi
wie es diejenige vom Geburtstrauma ist, zu gründen, welche
Theorie einen grossen Teil der wertvollen Beobachtungen über
die von Freud und anderen so mühsam ausgebaute Psychogenese
der Neurosen ausser acht lässt und fast alle Symptome auf die
Erfahrung der individuellen Geburt zurückzuführen sucht. Aus
dem Bisherigen dürfte es Ihnen klar geworden sein, dass Ranks
neueste Theorie sowohl von Freud als auch von mir abge-
wiesen wird.
Eine andere Streitfrage in bezug auf die psychoanalytische
Technik ist eine Methode, welche ich vor einigen 8 — 10 Jahren
unter dem Terminus „aktive Therapie" vorgeschlagen hatte. Sie
werden sich vielleicht erinnern, dass der Kerngedanke meiner
Methode darin bestand, vom Patienten gelegentlich nebst der
freien Assoziation auch gewisse Verhaltuugsweisen zu fordern,
von denen man hoffen durfte, dass durch dieselben, wenn auch
nur mittele unlustvoller Spannungssteigerungen, neues, noch im
Ünbewussten verborgenes psychisches Material zutage gefordert
werden konnte. Diese Massregeln waren eigentlich nur die Fort-
setzung eines die Technik berührenden Gedankenganges Freuds
über das Verhältnis der Erinnerung zur Wiederholungstendenz
in der Analyse. Freud sagte uns, dass es Zweck der Analyse
und der wahre Triumph unserer Technik ist, wenn es uns gelingt,
die sich in der analytischen Situation ergebende Wiederholungs-
tendenz in Erinnerungen umzuwandeln. Nun meinte ich, dass es
in gewissen Fällen notwendig und dem Analytiker nützlich wäre,
die Wiederholungstendenz vorerst nicht nur zu dulden, sondern
zu fördern. Die von mir gegebenen Weisungen halfen dem Patien-
ten im Kampf gegen gewisse neuroliacbe Gewohnheiten, d. h.
erleichterten es ihm, auf die subjektiven Vorteile des primären
und sekundären Krankheitsgewinnes zu verzichten. Freud
akzeptierte meine Methode nur insofern, als er zugab, dass die
Analysen am besten in der Versagung durchgeführt werden
Aktuelle Probleme der Psychoanalyse 343
können. Ich hatte immer betont, dass diese Massnahme nur in
Ausnahmsfällen und auch dann nur gelegentlich anwendbar ist.
Aber einige Kollegen scheinen meine Methode missverstanden zu
haben, indem sie diese den schon längst bekannten Erziehungs-
und Abgewöhnungsübungen gleichsetzten. Aktive Therapie aber
ist nur Mittel zum Zweck. Unser Zweck bleibt nach wie vor, das
unbewusete Material ins Bewusstsein zu bringen und die der
Kontrolle des Bewusstseins entzogene Symptombildung durch
Einsicht und solche Erledigungsarten zu ersetzen, welche der
Realität gerecht werden.
Die Übertreibung aktiver Massnahmen führt zu starker Stei-
gerung des Widerstandes seitens des Patienten und kann die
Analyse gefährden. Ich war gezwungen, gegen gewisse Über-
treibungen dieser Art, welche ich selber zeitweise versuchte, zu
warnen, besonders gegen die Termingebung für die Analyse zum
Zwecke ihrer Beschleunigung. Ich bin zu jener früheren Ansicht
zurückgekehrt, dass der Analytiker mehr Geduld haben mus8 als
der Patient und dass man die analytische Arbeit unter günstigen
Umständen auch dann noch ruhig fortsetzen sollte, wenn das
Material scheinbar schon erschöpft ist — solange, bis der Patient
das Gefühl hat, die emotionelle Bindung zum Analytiker über-
wunden zu haben. Der günstige Termin für die Beendigung der
Behandlung und für die Wendung zur Realität wird also vom
Patienten seihst bestimmt. Diese Erfahrung ändert nichts an der
Tatsache, dass die mutigere Deutung der Träume und Symptome
im Sinne der analytischen Situation — wie dies von Rank und
von mir empfohlen wurde — gute Erfolge zeitigt. Unglücklicher-
weise konnte mein ehemaliger Kollege in seinem neuesten Buche
über die Technik der Versuchung nicht widerstehen, die Bedeu-
tung der analytischen Situation auf Kosten des historischen
Materials viel zu einseitig zu würdigen. Auf die Entwicklung der
psychoanalytischen Technik zurückblickend müssen wir zugeben.
344 S. F
erenczi
dass Freud recht hatte; dass die frühere Formulierung, die
Analyse wirke durch Aufklärung, durch das Bestreben verwirklicht
wurde, die Widerstände des Patienten konsequent abzutragen.
Die „aktive Therapie" ist nur ein Detail dieser letzteren Tendenz;
nur dass der Analytiker sich nicht scheut, den Widerstand des
Patienten auch selbst zu erregen, d. h. man schont nicht immer
so vorsichtig den ehemaligen Verbündeten im Kampfe mit dem
Symptom. Eine übertriebene Inteliektualisierung ist nicht weniger
unrichtig als die einseitige Emotionalisierung derselben. Die
erstere führt unbedingt zur Degradierung der Analyse zu einer
rein pädagogischen Massnahme, hiemit auch zur Gefahr, sich
aller Vorteile der Erforschung des Unbcwussten zu berauben.
Das Thema der Erziehung führt mich zu der interessanten
Frage der Kinderanalyse und zu dem Verhältnisse der Psycho-
analyse zur Pädagogik. Meine ehemalige Schülerin, Frau M e 1 a-
n i e K 1 e t n in Berlin, tat auf diesem Gebiete den ersten mutigen
Schritt. Sie analysierte kleine und kleinste Kiuder mit derselben
Unerschrockenheit, wie wir es mit den Erwachsenen tun. Sie be-
obachtete die Kinder beim Spielen, forcierte ihre Phantasie un-
gefähr im Sinne meiner diesbezüglichen aktiven Vorschläge für
Erwachsene und fand, dass die symbolischen Deutungen und
Erklärungen neurotischen und schwer erziehbaren Kindern zum
Vorteile gereichen. Eine andere, konservativere Richtung der
Kinderanalyse wird durch Fräulein Anna Freud vertreten.
Sie ist der Ansicht, dass der Analytiker beim Kinde nicht die
ganze Gefühlsbindung in die analytische Situation überleiten darf,
sondern sich darauf zu beschränken hätte, normale Beziehungen
mit den Eltern, Geschwistern etc. herzustellen. Der VeröfFent-
hchung ihrer in Wien gehaltenen Vorträge sehen wir gerne
entgegen. Unsere Analysen haben uns bisher nur gezeigt,
wie man Kinder nicht erziehen darf; wir hoffen nun auch
positivere Auskünfte darüber zu bekommen, wie Eltern und
^
■ I
Aktuelle Probleme der Psychoanalyse 345
Lehrer die Kinder im Lichte des analytischen Verständnisses er-
ziehen sollen. i
Auch andere wertvolle Beiträge zur angewandten Psychoanalyse 3
seien hier erwähnt; so das Werk Theodor Reiks (Wien) über
„Geständniszwang und Strafbedürfnis", welches der analytischen
Kriminalpsychoiogie neue Wege weißt; weiters das umfangreiche
Buch von Dr. G. R ö h e i m (Budapest) über „Australian Tote-
mism" und viele andere. Sie sehen, wie notwendig die Mitarbeit
auch nichtmediziniecher Psychoanalytiker zur Förderung unserer
Erkenntnisse und zu deren Anwendung in der sozialen Für-
sorge ist.
August A i c h h o r n, Leiter der Wiener städtischen Fürsorge-
abteilung, hat über analytische Fürsorgeerziehung ein ausgezeich-
netes Buch veröffentlicht.
Die Angriffe gegen die Laienanalyse beantwortete Freud
in einer Monographie, die bald auch englisch erscheinen wird.
Natürlich verleidigt Freud das analytische Wirken nur solcher
Nichtmediziner, die eine ebenso gründliche analytische Ausbildung
durchmachten wie die ärztlichen Analytiker. Auch macht er
Vorschläge in bezug auf die Ermöglichung einer Zusammenarbeit
von Arzt und Laienanalytiker, um für die Person des Analysanden
jeden Nachteil zu verhüten.
Die vor längerer Zeit von Dr. Groddeck (Baden-Baden)
mit Erfolg versuchte Ausdehnung der Psychoanalyse auf gewisse
rein organische Krankheitsfälle wurde in letzterer Zeit durch
ihn selbst und einen Wiener Universitäts-Dozenten, Dr. Felix
Deutsch, fortgesetzt und vertieft. Es ist dies ein Gebiet, das
vom therapeutischen und biologischen Standpunkte gleicherweise
bedeutsam ist.
Die Tätigkeit der europäischen Psychoanalytiker auf wissen-
schaftlichem Gebiete bekam ihren grössten Ansporn von den
psychoanalytischen Lehrinstituten, die zuerst in Berlin unter
346 S. Ferenczi
Leitung Dr. E i t i n g o n s, später in Wien und jüngst in London
— alle auf Grundlage derselben Prinzipien — errichtet wurden.
In Budapest machten wir bereits einen erfolgreichen Beginn,
indem eich ein Ausschuss unserer Vereinigung der Fortbildung
der Analytiker widmet.
Der nächste Kongress der Internationalen Psychoanalytischen
Vereinigung wird in Stuttgart stattfinden und wir erhoffen eine
aktive Beteiligung der amerikanischen Kollegen. Der Gedanken-
austausch und der persönliche Kontakt zwischen europäischen
und amerikaniecbeD Analytikern wäre sehr erwünscht.
Die Anpassung der Familie
an das Kind
Vortrag, gehalten in London am 13. Juni 1927 in der gemeinsamen
Sitzung der medizinischen und pädagogischen Sektionen der British
Psychological Society.
i Der Titel, den ich diesem Vortrag gegeben habe, ist einiger-
'■ maasen ungewöhnlich, denn wir beschäftigen uns gewöhnlich nur
L mit der Anpassung des Kindes an die Familie, nicht mit der der
t FamilieandasKind. Aber gerade unsere psychoanalyti-
t sehen Forschungen haben uns gezeigt, dass der erste Schritt zur
[ Anpassung von uns ausgehen sollte, und den ersten Schritt nach
J dieser Richtung haben wir zweifellos gemacht, wenn wir das Kind
; verstehen. Man macht der Psychoanalyse oft zum Vorwurf, dass
'■: sie sich allzu sehr mit primitivem und pathologischem Material
1 beschäftigt; das stimmt; aber die Erforschung der Anormalen
{- hilft uns zu Kenntnissen, die wir mit grossem Nutzen bei den
[■ Normalen anwenden können. Ebenso wären wir in der Kenntnis
; der GehirnphyBiologie nie so weit gekommen ohne die Erforschung
!, der Vorgänge bei Funktionsstörungen. Durch die Forschungen
, an Neurotikern und Psychotikern zeigt die Psychoanalyse, wie
\ sich hinter der normalen Oberfläche verschiedene Zonen oder
348 S. Fere nczi [
Schichten oder verschiedene Funktionsarten verbergen. Bei der
Beobachtung der Primitiven oder Kinder finden wir Züge, die
bei den Menschen höherer Zivilisation unsichtbar geworden sind;
in der Tal, wir schulden den Kindern Dank für das Licht, das
von ihnen auf die Psychologie gefallen ist, und die folgerichtigste
Art, diese Schuld zu bezahlen (was ebenso in unserem Interesse
liegt wie in ihrem), ist die Bemühung, sie mit Hilfe unserer
psychoanalytischen Studien besser zu verstehen.
Ich muss gestehen, wir sind noch nicht in der Lage, den
erzieherischen Wert der Psychoanalyse genau zu umschreiben;
wir können auch noch keine praktischen Vorschriften im einzelnen'
für die Erziehung geben. Denn die Psychoanalyse, die Ratschläge
nur mit grosser Vorsicht erteilt, beschäftigt sich meist mit Er-
scheinungen, mit denen sich die Erziehungswissenschaft gar nicht
oder in sehr unrichtiger Weise beschäftigt hat. Wir können Ihnen
also eher sagen, wie Sie Ihre Kinder nicht erziehen sollen, als
wie Sie sie erziehen sollen. Letzteres ist eine viel kompliziertere
Frage, aber wir hoffen, Ihnen eines Tages auch darauf zufrieden-
atellende Antwort gehen zu können. Aus diesem Grunde bin ich
gezwungen, meine Ausführungen allgemeiner zu halten, als mir
lieb ist.
Die Anpassung der Familie an das Kind kann erst beginnen,
wenn die Eltern anfangen, sich selbst besser zu ver-
stehen und so eine gewisse Vorstellung vom Seelenleben der
Erwachsenen zu bekommen. Bis jetzt schien man es als erwiesen
zu betrachten, dass die Eltern von Natur aus wissen, wie sie ihre
Kmder zu erziehen haben; allerdings gibt es ein deutsches Zitat,
welches das Gegenteil besagt: Vater werden ist leichter, denn
Vater sein. Der Fehler beginnt also damit, dass die Eltern ihre
eigene Kindheit vergessen. Wir Bnden auch beim normalsten
Menschen einen erstaunlichen Mangel an Erinnerungen an die
ersten fünf Lebensjahre, und in pathologischen Fällen geht diese
Die ÄnpasBung der Familie an das Kind 349
Amnesie noch viel weiter. Das sind aber Jahre, in denen das Kind
tatsächlich bereits die meisten geistigen Fähigkeiten der Er-
wachsenen erlangt hat. Und doch bleiben diese Jahre vergessen!
Dieser Mangel an Verständnis für die eigene Kindheit ist das
grösste Hindernis für die Eltern, um die wesentlichen Erziehungs-
fragen zu erfassen.
Bevor ich zu meinem eigentlichen Thema — der Erziehung —
komme, erlauben Sie mir ein paar Bemerkungen über Anpas-
sung und über ihre Rolle im psychischen Leben im allgemeinen.
Das Wort „Anpassung' ist bekanntlich ein biologischer Ausdruck,
und das lenkt unsere Aufmerksamkeit auf einige biologische
Vorfragen. Dieser Begriff bat drei verschiedene Außlegungen:
die D a r w i n s, die L a m a r c k s und eine dritte, die wir die
psychologische nennen könnten. Die erste bezieht sich auf die
natürliche Auswahl und ist im Grunde eine „statistische Erklä-
rung" der Anpassung, die sich mit dem allgemeinen Problem der
Erhaltung der Arten von diesem Gesichtspunkte aus befasst; die
Giraffe zum Beispiel, die zufällig mit längerem Hals zur Welt
kam, kann sich Nahrung beschaffen, die Tiere mit kürzerem Hals
nicht erreichen, sie hat also mehr Aussicht, am Leben zu bleiben
und die Art fortzupflanzen; die Wirksamkeit dieses Faktors ist
bei allen Lebewesen anzunehmen. Nach Lamarcks Ansicht
wird das Individuum durch die Übung einer bestimmten Funktion
kräftiger, und diese erhöhte Fähigkeit geht auch auf seine Nach-
kommen über. Dies wäre die „physiologische Erklärung" der
Anpassung. Es gibt aber auch eine dritte Art, in der sich Indivi-
duen an ihre Umgebung anpassen können, die wir die psychologi-
sche nennen möchten. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass auch
eine Änderung in der Verteilung der psychischen, resp. nervösen
Energie die Fähigkeit hat, ein Organ wachsen oder degenerieren
zu lassen. Ich erinnere daran, da es in Amerika modern ist, die
Existenz der Psychologie als Wissenschaft zu leugnen; jedes Wort,
w
350 S. Ferenczi
daß mit „psych" beginnt, trägt das Brandmal der Unwissenschaft-
lichkeit, angeblich, weil es ein mystisches Element enthalte.
Dr. W a t s o n forderte mich einmal auf, ihm genau auseinander-
zusetzen, was Psychoanalyse sei. Ich musste zugeben, dass sie
weniger „wissenschaftlich" sei als der Behaviourismus, wenn man
nämlich die Wissenschaftlichkeit ausschliesslich als eine Ange-
legenheit des Messens und Wagens ansieht. Die Physiologie for-
dert, dass jede Veränderung mit einem Instrument gemessen
werden könne. Die Psychoanalyse aber ist nicht in der Lage,
Gemütsbewegungen auf diese Weise zu behandeln; allerdings
wurden schüchterne Versuche gemacht, dieses Ziel zu erreichen»
aber sie waren bis jetzt alles eher als befriedigend. Wenn aber
eine Erklärung versagt, ist es nicht verboten, andere zu versuchen,
und gerade eine derartige verdanken wir Freud. Er fand, dass
wir durch wissenschaftliehe Gruppierung der Ergehnisse der
Introspektion ebenso sicher zu einer neuen Einsicht gelangen
können wie durch Verwertung der Ergebnisse äusserer Wahr-
nehmung, die wir aus Beobachtung und Experiment schöpfen.
Diese introspektiven Tatsachen sind zwar unmeßsbar, aber nichts-
destoweniger Tatsachen, und als solche dürfen wir sie auswerten
und nach Wegen suchen, uns durch sie zu etwas Neuem zu ver-
helfen. Freud hat, indem er einfach das introspektive Material
unter einem neuen Gesichtspunkt betrachtete, ein psychisches
System postuliert; gewiss sind darin Hypothesen enthalten, aber
die finden sich ebenso in den Naturwissenschaften. Unter diesen
Hypothesen spielt der Begriff des Unbewussten eine grosse Rolle,
mit dessen Hilfe wir zu manchen Schlussfolgerungen kommen,
die mit den Hypothesen der Physiologie und Gehirnanatomie
nicht zu erreichen waren. Erst wenn die Fortschritte der Chemie
und der Mikroskopie Freuds Hypothesen überflüssig machen
werden, werden wir bereit sein, unseren Anspruch auf Wissen-
schaftlicbkeit aufzugeben. Dr. W a t s o n meint, man kann das
r
Die Anpassung der Familie an das Kind 351
Kind ohne Hilfe der Psychologie verstehen; er meint, Reflex-
bewegungen seien eine genügende Erklärung für das Verhalten
des Individuums. Ich musste ihm aber antworten, dass das physio-
logische Schema höchstens zum Verständnis des Verhaltens von
Mäusen und Kaninchen genügt, nicht aber menschlicher Wesen.
Aber selbst bei den Tieren wendet er, ohne es zu gestehen, un-
unterbrochen Psychologie an — er ist ein unbewusster Psycho-
analytiker! Wenn er z. B. vom Angstreflex der Maus spricht, so
wendet er den psychologischen Ausdruck „Angst" an. Er ge-
braucht das Wort ganz richtig, aber nur aus der Introspektion
weiss er, was Angst ist; andernfalls hätte er keine Vorstellung
davon, was das Davonlaufen für die Maus bedeutet. Doch wir
müssen zur Frage der Anpassung zurückkehren. Die vor-
stehenden Bemerkungen wollten nichts anderes, als die Berechti-
gung psychologischer Gesichtspunkte bezüglich des Anpassungs-
problems hervorheben. Der Psychoanalyse verdanken wir die
Ordnung einer neuen Tatsachenreihe, die von der Waturwissen-
schaft vernachlässigt war, — sie zeigtuns die Wirksam-
keit innerer Faktoren, dienur durch Introspek-
tion entdeckt werden können. ,
Ich will nun versuchen, die praktischen Probleme zu
behandeln, die mit der Anpassung der Eltern an die Kinder zu-
sammenhängen. Die Natur ist sehr sorglos, sie kümmert sich
wenig um das Individuum, wir Menschen aber denken anders,
wir wünschen das Leben aller unserer Sprösslinge zu erhalten
und ihnen unnötige Leiden zu ersparen. Wenden wir daher unsere
besondere Aufmerksamkeit den Entwicklungsstadien zu, in denen
das Kind mit Schwierigkeiten zu kämpfen hat; es gibt deren viele.
Freud lehrte uns, dass die Symptome der Angst mit den be-
sonderen physiologischen Veränderungen in Zusammenhang stehen.
r
352 S. Ferenczi
die der Übergang aus dem Leib der Mutter in die Aussenwelt mit
sich bringt. Einer seiner früheren Schüler machte diese Ansicht
neuerdings zum Ausgangspunkt einer Theorie, in der er von den
psychoanalytischen Ansichten abweichend, alle Neurosen und
Psychosen einfach aus diesem ersten grossen Trauma zu erklären
sucht; er nannte es das „Trauma der Geburt". Ich habe micli
selbst sehr eingehend mit dieser Frage beschäftigt, aber je langer
ich beobachtete, desto klarer wurde es mir, dass das Individuum
für keine der Änderungen und Entwicklungen, die das Leben
mit sich bringt, so gut vorbereitet ist wie gerade für die Geburt.
Physiologische Vorsorge und der Instinkt der Eltern macheu
diesen Übergang so sanft wie möglich. Er würde tatsächlich ein
Trauma sein, wären nicht Lungen und Herz so gut vorgebildet;
so aber ist die Geburt eine Art Triumph, der normalerweise
für das ganze Leben vorbildlich bleibt. Bedenken wir die Einzel-
heiten: Das drohende Ersticken hört sofort auf, denn die Lungen
sind da und beginnen in dem Moment zu funktionieren, wo die
Zirkulation durch die Nabelschnur aufhört; die linke Herz-
kammer, die bis jetzt untätig war, übernimmt energisch ihre
Aufgabe. Nebst dieser physiologischen Hilfe veranlasst ihr Instinkt
die Eltern, die Situation des Neugeborenen so angenehm wie mog.
lieh zu gestalten; das Kind wird warm gebettet, gegen störende
optische und akustische Reize so weit als möglich geschützt; sie
lassen tatsächlich das Kind vergessen, was geschehen ist, als ob
gar nichts vorgefallen wäre. Es ist fraglich, ob eine so schnell
und gründlich beseitigte Erschütterung als „Trauma" gelten darf.
Die Nachwirkung anderer wirklicher Traumen ist schwerer zu
beseitigen — sie sind nicht von physiologischer Natur, sondern
betreffen den Eintritt des Kindes in die Gesellschaft seiner Mit-
menschen; für diesen Vorgang scheint der Instinkt der Eltern
vielfach zu versagen. Ich erwähne die Traumen der Entwöhnung,
der Reinlichkeit, des Ausmerzens „schlechter Gewohnheiten", und
r
Die Anpassung der Familie an das Kind 353
schliesslich das wichtigste von allen, den Übergang von der Kind-
heit zum Leben der Erwachsenen. Das sind die schwersten Trau-
men der Kindheit und weder die Eltern im besonderen noch die
Zivilisation im allgemeinen haben bis jetzt hier genügende Vor-
sorge getroffen.
Die Entwöhnung ist und war immer eine wichtige medi-
zinische Angelegenheit, es ist der Übergang von der primitiven
Art der Ernährung zur Tätigkeit des Kauens, es ist ein Wechsel
von nicht nur physiologischer, sondern grosser psychologischer
Bedeutung. Die ungeschickte Art der Entwöhnung kann die Be-
ziehung des Kindes zu den Objekten und die Art, sich Objektlust
zu verschaffen, ungünstig beeinflussen und so einen grossen Teil
des Lebens verdunkeln. Wir wissen allerdings nicht viel über
die Psychologie des einjährigen Kindes, aber wir bekommen lang-
sam eine schwache Vorstellung von den tiefen Eindrücken, die
die Entwöhnung vermutlich hinlerlässt. Schon eine leichte Wunde,
ein blosser Nadelstich in einem frühen Stadium der embryonalen
Entwicklung kann ja die Ausbildung ganzer Körperteile verhindern.
Ein anderes Beispiel: In einem Raum, mit einer einzigen Kerze
darin, kann eine Hand, nahe der Lichtquelle, den halben Raum
verdunkeln. Ähnlich beim Kinde: Wenn Sie ihm nahe dem Lebens-
beginn auch nur eine geringfügige Schädigung zufügen, so kann
das einen Schatten auf sein ganzes Leben werfen. Es ist sehr
wichtig, sich klarzumachen, wie empfindlich Kinder sind; aber
Eltern glauben das nicht, sie können sich keine Vorstellung von
der hochgradigen Empfindlichkei ihrer Kleinen machen und be-
nehmen sich in ihrer Gegenwart, als empfänden die Kinder nichts
von den aufregenden Szenen um sie herum. Wenn das Kind in
seinem ersten und zweiten Lebensjahre den intimen Verkehr
zwischen seinen Eltern beobachtet, zu einer Zeit, wo es schon
erregbar ist, aber noch kein intellektuelles Ventil für seine Er-
regung besitzt, so kann das eine Infantilneurose zur Folge haben,
Ferenczi, Bausteine zur Psychoanalyse. IIl. 23
354 s. F
crenczi
die das Affektleben vielleicht fürs ganze Leben schwächt. Kind-
liche Phobien und hysterische Angsterscheinungen sind in den
frühen Entwicklungsjahren häufig. Gewöhnlich verschwinden sie,
ohne das spätere Lehen zu stören; aber sehr oft finden wir, dass
sie tiefe Spuren im Seelenleben und Charakter des Kindes zu-
rücklassen.
/ Das Erlernen der Reinlichkeit ist eine der schwierig-
sten Phasen in der Entwicklung des Kindes. Sie kann sehr ge-
fährlich werden, ist es aber nicht immer. Es gibt eben Kinder,
die so gesund veranlagt bind, dass sie auch die Massnahmen der
terichtesten Eltern ertragen; aber das sind Ausuahmen, und selbst
wenn sie ihre verkehrte Erziehung gut überstehen, bemerken wir
oft, dass sie etwas von dem Glück einbüssen» welches das Leben
ihnen bringen könnte. Dies sollte Ellern und Erzieher veranlassen,
den Reaktionen des Kindes weit mehr Aufmerksamkeit zu schenken
und die Schwierigkeiten, mit denen es zu kämpfen hat, richtig
einzuBchätzen. Freuds Beobachtungen der Gemüteveränderung
des Kindes während der Anpassung an den Roinlichkeitskodex
des Erwachsenen brachte ihn auf die wichtige Entdeckung, dass
ein bedeutsamer Teil des Charakters sich während dieses Prozesses
formt. Anders ausgedrückt: Die Art, wie das Individuum in seinen
ersten fünf Lebensjahren seine primitiven Bedürfnisse an die
Forderungen der Zivilisation anpasst, wird auch die Art bestim-
men, in der es sich mit allen späteren Schwierigkeiten im Leben
auseinandersetzt. Vom Standpunkt der Psychoanalyse aus ist
„Charakter" gleichsam die Mechanisierung eines bestimmten Re-
aktionsmodus, nicht unähnlich einem Zwangssymptom. Wir er-
warten von einem Individuum, dass es sich einer gegebenen
Situation genau bis in die Einzelheiten anpassen kann, aber be-
denken Sie, wie wenig das mit dem vereinbar ist, was der Cha-
rakter aus dem Menschen macht! Wenn Sie den „Charakter"
eines Menschen kennen, können Sie ihn, so oft Sie wollen, ver-
Die Anpassung der Familie an das Kind 355
anlassen, eine Handlung zu vollführen, weil er wie eine Maschine
arbeitet. Sie brauchen vor ihm nur einen gewissen Namen zu
nennen, und er schüttelt ganz bestimmt den Kopf; er gibt diese
automatische Antwort auf Ihr schlau ausgesuchtes Wort, weil
das in „seinem Charakter liegt". — Als ich Student war, wurde
den ererbten Eigentümlichkeiten in ärztlichen Kreisen zuviel
Gewicht beigelegt; die Ärzte meinten, dass wir nur Produkt
unserer Konstitution seien. C h a r c o t, einer der besten Lehrer
der Medizin in Paris, hielt ganze Vorlesungen über dieses Thema.
Ich will einen typischen Vorfall, der das besser beleuchtet, er-
zählen. Eines Tages kam eine Mutter zu ihm in eine seiner
„Le^ons du Mardi'' und wollte mit ihm über ihr neurotisches
Kind sprechen. Wie immer, begann er nach dem Grossvater des
Kindes zu fragen, was für Krankheiten er gehabt habe, woran er
gestorben sei, dann nach der Grossmutter, nach dem anderen
Grossvater und der anderen Grossmutter und nach allen anderen
Verwandten. Die Mutter versuchte, ihn zu unterbrechen und ihm
etwas zu erzählen, was dem Kind vor einer Woche oder einem
Jahr begegnet war. C h a r c o t wurde ärgerlich und wollte davon
nichts hören, er war eifrig beschäftigt, den ererbten Eigentümlich-
keiten nachzugehen. Wir Psychoanalytiker leugnen deren Wichtig-
keit keineswegs, im Gegenteil, wir halten sie für wichtige Fak-
toren in der Ätiologie neurotischer oder psychotischer Erkran-
kungen, aber nicht für die einzigen. Die angeborene Neigung
mag vorhanden sein, aber ihr Einfluss kann durch Erlebnisse
nach der Geburt oder durch Erziehung modifiziert werden. Ver-
erbung sowohl als auch individuelle Ursachen müssen in Betracht
gezogen werden. Reinlichkeit z. B. ist nichts Angeborenes, sie
ist keine ererbte Eigentümlichkeit, sie muss gelehrt werden.
Ich meine nicht, dass Kinder für diese Unterweisung unempfäng-
356 S. Ferenczi
lieh sind, wohl aher glaube ich, dass sie ohne Unterweisung nicht
reinlich würden.
Die natürliche Neigung des kleinen Kindes geht dahin, sich
seihst zu lieben und ebenso alles, was es als einen Teil seiner
selbst betrachtet; seine Exkremente sind tatsächlich ein Teil von
ihm, ein Zwischending zwischen Subjekt und Objekt. Das Kind
hat noch ein gewisses Gefühl für seine Dejekte, allerdings zeigen
auch Erwachsene Spuren dieses Verhaltens. Bisweilen analysiere
ich sogenannte normale Menschen und ich habe in dieser Hinsicht
niemals einen wesentlichen Unterschied zwischen ihnen und
Neurotikern bemerkt, ausser dass die letzteren etwas mehr un-
bewusstes Interesse für den Schmutz haben. Und gleichwie die
Hysterie nach Freud das Negativ einer Perversion ist, so liegt
auch der Reinlichkeit des Normalmenschen das Interesse für den
Auswurf zugrunde. Wir brauchen aber darob nicht allzu betrübt
sein, denn gerade solche primitive Strebungen versorgen uns
mit der Energie für die grossen Leistungen der Zivilisation. Wenn
wir aber das nicht wissen und bei diesen Schwierigkeiten des
Kindes grausam und blind wüten — dadurch deren Verdrängung
herbeiführend — , dann bringen wir diese Energien auf falsche
Fährte. Die Reaktion wird verschieden sein, je nach der konsti-
tutionellen Verschiedenheit des Individuums; das eine wird wahr-
scheinlich ein Neurotiker werden, ein anderes ein Psycholiker,
ein drittes ein Verbrecher. Wenn wir aber hier Bescheid wissen,
die Kinder vorsichtig behandeln, sie bis zu einem gewissen Grade
entsprechend ihren Impulsen gewähren lassen, andererseits ihnen
die Möglichkeit bieten, sie zu suhlimieren, dann wird der Weg
viel sanfter werden und sie lernen es, ihre primitiven Bedürfnisse
auf die Pfade der Nutzbarkeit zu lenken. Die Erzieher versuchen
aber gar zu oft, diese primitiven Bedürfnisse auszumerzen (obwohl
sie, wie gesagt, wichtige Energiequellen sind), als ob sie etwas
an sich Böses wären.
Die Anpassung der Familie an das Kind 357
Das eigentlich Traumalische bei der Anpassung der Familie
an das Kind ereignet sich also beim Übergang von der frühesten
primitiven Kindheit zur Zivilisation; dies hängt nicht nur mit
der Reinlichkeit, sondern mit der Sexualität zusammen.
Man hört oft, dass Freud alles auf Sexualität zurückführt.
Das ist ganz unrichtig. Er spricht von einem Konflikt zwischen
egoistischen und sexuellen Tendenzen und hält sogar die ersteren
für stärker. In der Tat verwenden die Psychoanalytiker den gröss-
ten Teil ihrer Zeit auf die Analyse der verdrängenden Faktoren
bei dem betreffenden Individuum.
Sexualität beginnt nicht mit der Pubertät, sondern mit den
„schlechten Gewohnheiten" der Kinder. Diese „schlech-
ten Gewohnheiten'', wie sie irrtümlich genannt werden, sind
Manifestationen der A u t o e r o t i k, sind also primitive Äusse-
rungen des Sexualinstinkts. Erschrecken Sie nicht vor diesem
Ausdruck! Das Wort Masturbation erregt gewöhnlich mass-
loses Entsetzen. Wenn der Rat des Arztes bezüglich der auto-
erotischen Betätigung des Kindes eingeholt wird, so sollte er
den Eltern raten, es nicht zn tragisch zu nehmen. Allerdings
müssen die Eltern in dieser Frage sehr taktvoll behandelt werden,
und zwar wegen ihrer eigenen masslosen Angst. Sonderbar, was
die Eltern nicht verstehen, sind gerade Dinge, die den Kindern
selbstverständlich sind; und was die Kinder nicht erfassen, ist
für die Eltern klar wie der Tag. Ich will dieses Rätsel später
erklären: es enthält das Geheimnis der ganzen Verwirrung in
den Beziehungen zwischen Eltern und Kind.
Für einen Moment wende ich mich von diesem Paradoxon
zu der gewichtigen Frage, wie man ein neurotisches Kind
zu behandeln hat. Es gibt nur einen Weg: die Motive auf-
zufinden, die in seinem Unbewussten verborgen
und doch wirksam sind. Es wurden bereits einige solche
Versuche gemacht; eine frühere Schülerin von mir und Dr. A b r a-
358 S. Ferenczi
h a m, Frau Melanie Klein, hat mutig die Analyse von
Kindern versucht, als wären sie Erwachsene, und hat üher grosse
Erfolge berichtet. Ein zweiter Versuch nach anderen — konserva-
tiveren — Grundsätzen wurde von Frl. Anna Freud, Professor '
Freuds Tochter, gemacht. Die beiden Methoden sind recht ver-
schieden, und es ist abzuwarten, ob und in welcher Kombination
die schwierige Frage von Analyse und Erziehung gelöst werden
kann; wir können jedenfalls sagen, dis&s der Beginn vielver- j
sprechend ist.
Ich hatte kürzlich hei meinem Aufenthalt in Amerika
Gelegenheit, die Methoden einer Schule kennen zu lernen, die
von psychoanalytisch geschulten Lehrern geleitet wird, deren
grösster Teil analysiert ist. Es ist eine Schule namens „Walden-
School". Die Lehrer versuchen es, die Kinder gruppenweise zu
unterweisen, da eine individuelle Analyse jedes einzelnen Kindes,
was viel besser wäre, aus Zeitmangel nicht in Frage kommt. Sie
versuchen ee, die Kinder so zu erziehen, dass eine regelrechte
Analyse nicht notwendig wird. Wenn sie ein neurotisches Kind
haben, so studieren sie es natürlich speziell, lassen ihm eine indi-
viduelle Analyse zuteil werden und widmen ihm so viel Aufmerk-
samkeit, als es deren bedarf. Ich war besonders neugierig, auf
welche Art sie die sexuelle Erziehung handhaben. Die Schule
betont in den Unterredungen mit den Eltern die Notwendigkeit,
die Fragen der Kinder, die sich auf Sexualität beziehen, einfach
und natürlich zu beantworten. Aber sie verwenden dabei die
„botanische Methode", d. h. sie machen Gebrauch von der Analo-
gie mit Pflanzen, wenn sie die Fortpflanzung der Menschen er-
klären.
Ich habe gegen diese Methode einen Einwand. Sie ist zu
belehrend und nicht genügend psychologisch. Sie mag
em guter Beginn sein, aber sie schenkt den inneren Bedürfnissen
und Bestrebungen des Kindes keine genügende Aufmerksamkeit;
L,
Die Anpassung der Familie an das Kind 359
gewöhnlich befriedigt auch die genaueste physiologische Erklärung
über die Herkunft der Kinder das fragende Kind nicht und es
reagiert auf diese Erklärung der Eltern bisweilen mit vollkom-
menera Unglauben. Es sagt, wenn auch nicht mit klaren Worten:
„Du erzählst mir das, aber ich glaube es nicht." W a s d a s K i n d
in der Tat braucht, ist das Zugeständnis der
erotischen (sinnlichen) BedeutungdesGenita 1-
o r g a n s. Das Kind ist ja kein Wissenschaftler, der wissen will,
woher die Kinder kommen; es interessiert sich natürlich auch
für diese Frage, so wie es sich für Astronomie interessiert. Aber
es verlangt viel dringender von den Eltern und Erziehern das
Geständnis, dass das Genitalorgan eine libidinÖse Funktion hat;
solange dies von den Eltern nicht zugestanden wird, befriedigen
ihre Erklärungen das Kind nicht. Es stellt sich selbst Fragen
folgender Art: Wie oft findet der Sexualverkehr statt? und es
versucht, die Antwort mit der Zahl der Kinder in der Familie
in Übereinstimmung zu bringen. Dann sagt es vielleicht: „Es mus3
sehr schwer sein, ein Kind hervorzubringen, weil das so lange
dauert." Es ahnt dunkel, dass der Sexualakt öfters wiederholt
wird und dass er den Eltern Vergnügen bereitet. Sympathetisch,
wie wir sagen, hat es erotische Sensationen in seinem eigenen
Genitale, die sich durch bestimmte Betätigungen befriedigen
lassen, und es ist klug genug, zu wissen und zu fühlen, dass das
Genitalorgan eine libidinÖse Funktion hat. Es fühlt sich schuldig,
(weil es in seinem Alter libidinÖse Gefühle hat) und denkt:
„Was für ein gemeines Geschöpf hin ich, wollüstige Gefühle in
meinen Genitalien zu haben, während meine Eltern, die ich ver-
ehre, von diesen Organen nur Gebrauch machen, um Kinder zu
bekommen." Solange die erotische oder Lustfunktion des Genitales
nicht eingestanden ist, wird stets zwischen Ihnen und Ihrem Kind
ein Abstand bestehen und Sie werden in seinen Augen ein un-
erreichbares Ideal, und das ist es, was ich vorhin mit jenem
.360 S. Ferenczi
Paradoxon meinte. Die Eltern können nicht glauben, class das
Kind in seinen Genitalien ähnliche Sensationen hat wie sie selbst.
Das Kind hingegen dünkt sich aber wegen dieser Gefühle ver-
worfen und glaubt, die Erwachsenen seien in dieser Hinsicht rein
und makellos. So besteht ein Abgrund zwischen Ellern und Kind
in dieser intimen häuslichen Angelegenheit. Wenn zwischen Mann
und Frau — wie es häufig vorkommt — ein ähnlicher Abgrund
bestehen bleibt, weil die Madchen künstlich auf kindlicher Stufe
gehalten werden, so dürfen wir nicht erstaunt sein, wenn das
zu einer „Entfremdung" zwischen den Ehegatten führt. Infolge
der Einsichtslosigkeit, die unsere Erkenntnis in allen Angelegen-
heiten behindert, die mit der Sexualbetätigung des Kindes zu-
sammenhängen (Schuld daran trägt unsere eigene infantile Amne-
sie), erwarten wir von den Kindern blinden Glauben und die
Missachtung ihrer eigenen physischen and psychischen Erfahrun-
gen. Eine der grössten Schwierigkeiten, mit denen das Kind zu
kämpfen hat, erhebt sich später, wenn es erkennt, dass all sein
hoher Idealismus der Wirklichkeit nicht entspricht; es wird
enttäuscht und glaubt überhaupt nicht mehr den Autoritäten.
Dem Kinde braucht der Glaube an die Autorität nicht geraubt
zu werden, der Glaube an die Wahrheit der Dinge, die die Eltern
und andere zu ihm sprechen, aber es soll natürlich nicht ge-
zwungen sein, alles auf Treu und Glauben hinzunehmen. Ich kann
das am besten erläutern, wenn ich es auf andere Weise ausdrücke:
es ist ein Unglück für ein Kind, wenn es frühzeitig enttäuscht
und misstrauisch wird. Die „Walden-School" leistet in dieser
Hinsicht gute Arbeit, aber es ist natürlich nur ein Anfang. Ihre
Methode, das Seelenleben des Kindes mit Hilfe des Verständnisses
der Eltern zu beeinflussen, ist manchmal sehr gut und mag sogar
in frühen Stadien neurotischer Schwierigkeiten erfolgreich sein.
Wir müssen dabei erinnern, dass Prof. Freud die erste Kinder-
1
Die Anpassung der Familie an das Kind 361
analyse auf ähnliche Art durchführte. (Der kleine Hans.^) Er
fragte den Vater des neurotischen Kindes aus und alle Erklärun-
gen an das Kind wurden vom Vater weitergegeben.
Die Anpassungsschwierigkeiten des Alters, in dem das
Kind von der Familie unabhängig wird, sind mit
der Sexualentwicklung aufs engste verknüpft. Es ist das Alter,
in dem der sogenannte „Ödipuskonflikt" entfacht wird. Wenn
Sie sich daran erinnern, wie sich die Kinder bisweilen in dieser
Angelegenheit äussern, so werden Sie das nicht so tragisch finden.
Das Kind sagt manchmal ganz von selbst dem Vater: „Wenn du
stirbst, werde ich die Mutter heiraten." Niemand nimmt das sehr
ernst, denn es wird in der Zeit vor dem Ödipuskonflikt gesagt,
d. h. in einer Zeit, in der das Kind alles tun und denken darf,
ohne für seine Gedanken bestraft zu werden, besonders weil die
Eltern die sexuelle Grundlage solcher Äusserungen nicht verstehen.
Von einem gewissen Alter an werden solche Dinge sehr ernst
genommen und bestraft. Auf diese Umstände reagiert das arme
Kind auf eine sehr eigenartige Weise. Um Ihnen dies verständlich
zu machen, muss ich eine vereinfachte Zeichnung über das
Freud sehe Schema der menschlichen Persönlichkeit geben.
Das „Es" (die Triebe) bildet den zentralen, das „Ich" den
anpassungsfähigen, peripheren Teil der Persönlichkeit, den Teil,
der sich in jeder Beziehung in seine Umwelt finden soll. Auch
menschliche Wesen bilden einen Teil dieser Umwelt, unterschei-
den sich aber von allen anderen Objekten durch ihre besondere
Bedeutung und noch in einem anderen wichtigen Zug: alle andern
Objekte haben immer die gleichen Eigenschaften, sie sind verläss-
lich. Der einzige Teil der Umwelt, auf den man sich nicht verlas-
sen kann, sind die anderen Menschen, vor allem die Eltern. Wenn
* Freud, „Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben." Ges.
Schriften, Bd. VIII.
L,.
362
S. Ferenczi
wir etwas auf irgendeinem Platz lassen, so werden wir es auf dem-
selben Platz ebenso wiederfinden. Auch Tiere verändern sich
nicht wesentlich. Sie lügen nicht; wenn man sie einmal kennt,
kann man sich auf sie verlassen. Der Mensch ißt das einzige Lebe-
wesen, das lügt. Das macht es für das Kind so schwer, sich an
diesen Teil seiner Umgebung anzupassen. Auch die so hochver-
ehrten Eltern sprechen nicht immer die Wahrheit, sie lügen mit
T«il dar- Vmaiili: eJ/eaut
Ümvtlt
m
fl^I
Eliifru
Überlegung, ihrer eigenen Ansicht nach allerdings nur im Interesse
des Kindes. Aber wenn das Kind das einmal erfahren hat, wird
68 misstrauiech. Das ist die eine Schwierigkeit. Die andere Hegt
in der Abhängigkeit des Kindes von seiner Umgebung. Die Ideen
und Ideale der Umgebung zwingen auch das Kind, zu lügen. Die
Eltern haben ihm da eine Art von Falle gestellt. Die ersten An-
sichten des Kindes stammen natürlich von ihm selbst: Süssigkeiten
sind gut und erzogen (gehindert) werden ist schlecht; eine Gruppe
von dem entgegengesetzten Ansichten findet das Kind in dem Geist
seiner Eltern tief eingewurzelt, dass nämlich Süssigkeiten
„schlecht" seien und dass Erzogenwerden „gut" sei. So stehen die
eigenen realen angenehmen und unangenehmen Erlebnisse den
Äusserungen der Erziehungspersonen gegenüber, die trotz dieser
offenbar unrichtigen Ansichten von dem Kind heiss gelieht wer-
Die Anpassung der Familie an das Kind 363
den und von denen es auch in physischer Hinsicht abhängt. Ihnen
zuliebe muss es sich an den neuen und schwierigen Kodex anpas-
sen. Es schlägt dabei einen besonderen Weg ein, den ich an einem
Fall illustrieren will. Ich hatte einen Patienten, der sich an seine
Kinderzeit sehr gut erinnerte. Er war nie das, was wir ein gutes
Kind nennen würden. Er wahr eher schlimm und wurde jede
Woche geprügelt, bisweilen im voraus. Wenn man ihn prügelte,
begann er plötzlich ganz bewusst zu denken; „Wie hübsch wird
das sein, wenn ich Vater sein und mein Kind prügeln werde!" So
zeigte er, daes er in seiner Phantasie schon damals die künftige
Vaterrolle annahm. Solche Identifikation bedeutet eine Verände-
rung in einem Teile der Persönlichkeit. Das „Ich" ist um eine
Erwerbung aus der Umwelt bereichert, die nicht ererbt war. Dies
ist auch die Art, in der man gewissenhaft wird. Zuerst hat man
Angst vor der Strafe, dann identifiziert man sich mit der strafen-
den Autorität. Dann mögen der wirkliche Vater und Mutter ihre
Bedeutung für das Kind verlieren, es hat sich in seinem Innern
eine Art inneren Vater und Mutter aufgerichtet. So kommt das
zustande, was Freud das Über-Ich nennt (s. die Zeichnung).
Das Über-Ich ist also das Resultat einer Wechselwirkung
zwischen dem Ich und einem Teile der Umwelt. Wenn Sie zu
streng sind, können Sie das Leben des Kindes unnötig beeinträch-
tigen, indem Sie ihm ein allzu hartes Über-Ich geben. Ich glaube
allen Ernstes, dass es notwendig wäre, einmal ein Buch zu schrei-
ben, nicht nur, wie üblich, über die Bedeutung und den Nutzen
der Ideale für das Kind, sondern über die Schädlichkeit über-
triebener Idealforderungen. In Amerika sind die Kinder manch-
mal enttäuscht, wenn sie hören, dass Washington nie in seinem
Leben log. Ich fühlte dieselbe Niedergeschlagenheit, als ich in
der Schule lernte, dass Epaminondas nicht einmal im Scherz log.
„Ne joco quidem mentiretur.**
Ich habe nur noch weniges hinzuzufügen. Die Frage der
1
364 S. Ferenczi
Koedukation, deren Auswirkung ich in Amerika beobachten
konnte, erinnert mich an die Zeit, in der ich mit meinem Freund
Dr. Jones und einigen anderen Psychoanalitikern in Amerika
war, um Freuds erste amerikanische Vorlesung mit anzu-
hören. Wir begegneten Dr. Stanley Hall, den grossen ameri-
kanischen Psychologen, der uns scherzend sagte: „Schauen Sie sich
diese Buben und Mädeln an, sie sind imstande, wochenlang zusam-
men zu sein, und unglücklicherweise ist nie eine Ge-
fahr dabei." Das ist bis zu einem gewissen Masse mehr als ein
Scherz. Die Verdrängung, auf der „das gute Betragen" der Jugend
beruht, ist unvermeidlich, kann aber, wenn übertrieben, grosse
Schwierigkeiten im späteren Leben verursachen. Wenn Sie die
Koedukation für notwendig erklären, dann müssen Sie eine bes-
sere Art finden, die Geschlechter zusammenzubringen, denn die
jetzige Methode, sie zusammenzupferchen und sie gleichzeitig zu
zwingen, ihre Empfindungen um so mehr zu verdrängen, mag das
Entstehen von Neurosen begünstigen. — Schliesslich nur noch ein
Wort über die Strafen in der Schule. Es versteht sich von selbst,
dass die Psychoanalyse aus dem Strafen, soweit es überhaupt
nötig ist, den Geist der Vergeltung auszumerzen bestrebt ist.
Meine Absicht, ah ich Ihre Einladung annahm, war nicht,
Definitives über die Verbindung zwischen Psychoanalyse und Er- j
Ziehung zu sagen, sondern nur Interesse und Lust zu weiterer
Arbeit anzuregen. Freud nannte die Psychonalyse eine Art
Nacherziehung des Individuums, aber die Dinge
entwickeln sich so, dass bald die Erziehung mehr von der Psycho-
analyse zu lernen haben wird, als umgekehrt. Die Psychoanalyse
wird die Pädagogen und Eltern lehren, ihre Kinder so zu behan-
deln, dass diese „Nacherziehung" überflüssig wird-
(An der Diskussion nahmen teil: Dr. Ernest Jones, Mrs. Klein,
Dr. Menon, Mrs. Susan Isaacs, Mr. Money-Kyrle, Miss Barbara Low,
Dr. David Forsyth.
Die Anpassung der Familie an das Kind 365
Dr. F. antwortete wie folgt:)
In Erwiderung auf Dr. Jones'' Einwand bedauere ich, dasB
meine Äusserungen den Eindruck erwecken konnten, als ob ich
eine Methode nur dann als wissenschaftlich ansähe, wenn bei ihr
alles auf Messbares zurückzuführen ist. Ich nahm diese Ansicht
nur ,Posito, sed non concesso' an. Ich schätze die Mathematik,
doch glaube ich, dass auch die beste Messmethode die Psychologie
nicht ersetzen kann. Auch wenn Sie eine Maschine hätten, die die
feinsten Vorgänge im Gehirn auf einen Schirm projizierte und
jede Gedanken- und Gefühlsänderung genau registrierte, würden
Sie immer noch nebstdem die innere Erfahrung besitzen und
müssten diese beiden miteinander verknüpfen. Es gibt keinen
anderen Ausweg aus dieser Schwierigkeit, als beide Wege der
Erfahrung anzuerkennen, die physische und die psychische.
Mrs. Klein kann ich nur erwidern, dass die volle Phantasie-
freiheit eine ausserordentliche Erleichterung für das ganze Leben
wäre. Würde man diese den Kindern gewähren, so fänden sie sich
leichter in die Veränderungen, die der Übergang von der autieti-
schen Betätigung zum Leben in der Gemeinschaft fordert. Natür-
lich müssten auch die Eltern anerkennen, dass sie selbst die gleiche
Art von Phantasien haben. Das enthebt die Eltern nicht von der
Aufgabe, das Kind auch den Unterschied zwischen Phantasien
und irreversiblen Handlungen zu lehren. Das Kind darf sich also
die Allmacht einbilden. Natürlich wird es dann diese Situation
auszunützen suchen, und dann kommt wohl auch ein Moment,
wo Sie von Ihrer Autorität Gebrauch machen müssen. (Die Psy-
choanalyse verbietet nämlich nur unbegründete Autorität.)
Ich erinnere mich an einen Vorfall mit einem kleinen Neffen,
den ich so sanft behandelte, wie meiner Ansicht nach ein Psycho-
analytiker muss. Er nützte das aus und begann mich zu quälen;
am Ende begann er mich zu prügeln. Die Psychoanalyse lehrte
mich nicht, dass ich ihm ad infinitum erlauben müsse, mich zu
366 S. Ferenczi
schlagen, deshalb nahm ich ihn in meine Arme, hielt ihn fest, so
dass er sich nicht rühren konnte, und sagte: „Jetzt schlag, wenu
du kannst." Er versuchte es, konnte es nicht, beschimpfte mich,
sagte, dass er mich hasse; — ich antwortete: „Sehr gut, nur weiter,
du kannst das alles fühlen und sagen, aber schlagen darfst du
nicht." Endlich erkannte er, dass meine Kraft grösser ist und dass
er nur in der Phantasie schlagen darf, und wir schieden als gute
Freunde. Solche Unterweisung zur Selbstbeherrschung hat natür-
lich mit Verdrängung nichts zu tun und ist gewiss unschädlich.
Was die Frage betrifft, wie man den Kindern Symbole zu
übersetzen hat, so sollten wir im allgemeinen eher von den Kin-
dern lernen als sie von uns. Symbole sind die Sprache der Kinder,
man muss sie nicht lehren, wie sie sie zu gehrauchen haben.
Ich glaube, das ist alles, was ich Ihnen heute sagen kann, und
hoffe, dass diese Auseinandersetzung den Ansporn zu weiterer
Arbeit geben wird.
Das Problem der Beendigung
der Analysen
Vortrag, gehalten auf dem X. Internationalen Psychoanalytischen
Kongress in Innsbruck am 3. September 1927
Meine Damen und Herren!
Lassen Sie mich mit dem Hinweis auf einen Fall anfangen,
der mich vor einiger Zeit intensiv beschäftigte. Über einen Patien-
ten, bei dem nebst verschiedenen neurotischen Beschwerden
hauptsächlich Abnormitäten und Absonderlichkeiten des Charak-
ters den Gegenstand der Analyse abgaben, erfuhr ich plötzlich,
notabene nach einer mehr als achtmonatigen Analyse, dass er
mich bezüglich eines bedeutsamen Umstandee finanzieller Natur ]
die ganze Zeit über irreführte. Zunächst brachte mich dies in die
höchste Verlegenheit. Die Grundregel der Analyse, auf der unsere
ganze Technik aufgebaut ist, fordert ja das restlose und wahrheits-
getreue Hersagen aller Einfälle und Assoziationen. Was macht man
also in einem Falle, in dem das Pathologische gerade in der Lügen-
haftigkeit besteht? Soll man die Kompetenz der Analyse für
solche Charakterschwierigkeiten von vornherein ablehnen? Dieses
Armutszeugnis unserer Wissenschaft und Technik hatte ich nicht
die geringste Lust zu unterschreiben. Ich setzte also die Arbeit
fort, und erst die Erforschung dieser Lügenhaftigkeit verschuf mir
368 S. Fereaczi
die Gelegenheit, gewisse Symptome des Patienten überhaupt zu
verstehen. Es ereignete sich nämlich schon vor der Entdeckung
der Lüge, während der Analyse, dass der Patient einmal die Stunde
versäumte und Tags darauf das Versäumnis gar nicht erwähnte.
Zur Frage gestellt, behauptete er steif und fest, er sei am Vortage
da gewesen. Da es sicher war, dass ich selbst nicht das Opfer einer
Erinnerungstäuschung war, drängte ich energisch auf die Fest-
stellung des Tatbestandes. Bald kamen wir beide zur Überzeugung,
dase der Patient nicht nur den vermisstcn Besuch bei mir, sondern
die Geschehnisse des ganzen vorhergehenden Tages vergessen hatte.
Nur schrittweise Hess sich damals ein Teil dieser Erinnerungs-
lücke, zum Teil durch Befragung von Augenzeugen, füllen. Ich
will nicht auf Einzelheiten des auch an eich interessanten Vor-
kommnisses eingehen und beschränke mich auf die Mitteilung,
daaa der Patient den vergessenen Tag halb betrunken in verschie-
denen Tages- und Nachtlokalen im Kreise ihm unbekannter
Männer und Frauen niedrigster Sorte verbrachte.
Es stellte sich dann heraus, dass derlei Gedächtnisstörungen
bei ihm auch schon früher vorgekommen sind. In dem Momente
nun, als ich untrügliche Beweise seiner bewussten Lügenhaftig-
keit erhielt, war ich überzeugt, dass das Symptom der Spaltung
der Persönlichkeit, wenigstens bei ihm, nur das neurotische Zeichen
eben dieser Lügenhaftigkeit ist, eine Art indirektes Bekenntnis
dieser Charakterschwäche. So wurde in diesem Falle das Auf-
kommen der Beweise einer Lüge ein für das analytische Ver-
ständnis vorteilhaftes Vorkommnis.*
^ Ich habe keine Bedenken, diese Einzelbcobacbtung zu generalisie-
ren und alie Fälle sog. „ Spaltu ng der Persöpliclilu iUi' als S^ nxiilfi m p dec
. z. T. bewuBsten Unaufrichtiskeit auszule s en, die, iene Mcne clm p zwin gt,
.a^^jUC ^elnd nur Teile ih re r Peraon zu iDaüif<;Btiercn . In der Aus druckg-
weise d er MetuoB ychologie kontit e mau eagun, daea diee Pe cag fl^". mit
mehr c r e u Üb «■. r -T <■ h « Rind , iIp^^pii Vfr'^'Phe'tl't^hmuLJlic ht gelungen
1
Bald fiel mir aber auch ein, dass das Problem der Simulation
und des Lügens während der Analyse schon mehrere Male Gegen-
stand der Überlegung war. In einer frühereu Arbeit äusserte ich
die Vermutung, dass alle hysterischen Symptome in frühester
Kindfafii r ""^^ a '^ h^^ ^^te Kuns ts tücke" pro du ziert wurden ; ich
entsann mich auch, dass uns Freud gelegentlich sagte, dass es
ein prognostisch günstiges Zeichen, ein Anzeichen nahender Ge-
sundung sei, wenn der Patient plötzlich die Überzeugung äussert,
er hät te eigen tlich die ganze ^Zeit seiner Kr an k h eit tihfiF P Ur
^m3ili££t; im Lichte seiner neu gewonnenen analytischen Einsicht
in das Getriebe des Unbewussten kann er sich nämlich nicht mehr
in die Stimmung zurückversetzen, in der er jene Symptome auto-
matisch, ohne die leiseste Einmischung seines bewussten Wissens,
zustande kommen Hess. Das wirkliche Aufgeben der Lügenhaftig-
keit scheint also wenigstens eines der Zeichen der nahenden Be-
endigung der Analyse zu sein.
Demselben Tatbestand sind wir übrigens schon früher, wenn
auch unter anderem Namen, begegnet, ^as Moral^jisiRealitäUr
Prinzip Lüg_e G eissen, ne nnen wi ^jieim_^inl^-B-A-~B£i^'^-3-qg£;g,.
P^iW^gie ei^^TpEiHtiTie. Unsere Hauptaufgabe bei der Behand-
][;;;^~^i^;r^i^;^in^r^U;^t im wesentlichen das Ausforschen der
automatisch und unbewusst produzierten Phantasiegebilde. Ein
grosser Teil der Symptome schwindet in der Tat durch dies Ver-
fahren. Wir meinten denn auch, dass das Aufdecken der Phan-
tasie, die ja eine besondere Art von Realität für sich beanspruchen
könne (F r e u d nannte sie psych is ^ihe Realiti l), zur Heilung
genüge; wie viel vom Phautasieinhalt auch wirkliche, d. h. physi-
kalische Realität, resp. die Erinnerung an eine solche darstelle.
i8t. Auch Gelehrte, die die Möglichkeit „mehrerer Wahrheiten" über
denselbeD Gegenstand nicht von vornherein ablehnen, dürften Leute sein,
deren wisBenBchaftliche Moral nicht zu einer Einheit gediehen ist.
Ferenczi, Bausteine zur Psychoanalyse. III. *i
370 S. F
ereuczi
sei für die Behandlung und ihren Erfolg nebensächlich. Meiae
Erfahrung hat mich eines anderen belehrt. Ich überzeugte mich,
dass kein Fall von Hysterie als erledigt betrachtet werden kann,
solange die Rekonstruktion im Sinne der strengen Sonderung des
Realen vom bloss Phantasierten nicht durchgeführt ist. Jemand,
der zwar die Wahrscheinlichkeit der analytischen Deutungen zu-
gibt, von ihrer Tatsächlichkeit aber nicht überzeugt ist, behält
sich damit noch das Recht vor, vor gewissen unlustvoUeu Ereig-
nissen in die Krankheit, d. h. in die Phantasiewelt zu flüchten,
seine Analyse kann also nicht als eine beendete gelten, wenn man
nämlich unter Beendigung eine Heilung auch im Sinne der
Prophylaxe versteht. Man könnte also verallgemeinernd sagen,
dass de r Neurotiker nicht als eeheilt betrac htet werden kann , bis
.er da s Ve rgnügen am unbewussten Phantasieren, d. h. die unbc:
_ wus5te Lügenhaftigkeit nicht aufgibt . Ein nicht schlechter Weg
zum Aufstöbern ^Icbcr Phantasienester ist gerade das Ertappen
des K r a nken hei einer, wenn auch noch so u uscheinharen Ent -
stellung der Tatsachen.^ wie sie im Laufe der Analyse so häufig
vorkommen. Die Rücksicht auf die eigene Eitelkeit, die Angst,
die Freundlichkeit des Analytikers durch Blossstellung gewisser
Tatsachen oder Gefühle zu verlieren, verführen die Patienten
ohne Ausnahme gelegentlich zur Unterdrückung oder Ent gl&Uung,
von Tat sachen. Beobachtungen dieser Art überzeugten mich, dass
die Forderung der vollkommen realisierten freien Assoziation,
mit der wir an den Patienten von Anfang an herantreten, eine
ideale Forderung ist, die sozusagen erst nach beendigter Analyse
erfüllt wird. Assoziationen, die von solchen aktuellen kleinen
Entstellungen ausgehen, führen sehr oft zu analogen, aber viel
bedeutsameren infantilen Vorkommnissen, zu Zeiten also, in denen
die jetzt automatische Täuschung noch eine bewusste und ge-
wollte war.
Wir können g etrost ied ^fi Ifin.llir ;!»^ Lüp ;Rn als Notlüge be-
Das Problem der Beendigung der Analysen 371
zeichnen, und da auch die spätere Lügenhaftigkeit damit zu-
•;W^^ängt, ist vielleichtj^ des Lügen etw a s Notgedrungenes.
Das wäre auch ganz logisch. Aufrichtig und offen sein ist gewiss
bequemer als lügen. Man kann also nur durch die Gefahr einer
drohenden noch grössejxi . i^ hm d a^ u gezwungen sem. Was w
miTl^n schön kli^^I^n Namen: Jdeal^jchideal,JJb^^
nennen, verdankt sein e Entstehung einer gew olltenUnte^drnckgng
müssen, während d lTdiirch die Erziehung aufgedrungenen Moral-
-;:;^^^ten und moralischen Gefühle mit übertriebener Gefhssen-
heit zur Schau getragen werden. So peinlich dies also Ethiker
und Moraltheologen berühren muss, können wir nicht umhin zu
behaupten, dass Lüge und Moral etwas mit einander zu tun haben.
Das Kind findet ursprünglich alles gut, was ihm gut schmeckt.
Es hat dann zu lernen, manches Gutschmeckende für schlecht zu
halten und zu fühlen und statt dessen die Erfüllung schwieriger
Entaagungsvor^chriften die Quelle höchster Seligkeit und Zu-
friedenheit werden zu lassen. Es ist von vornherein wahrschein-
lich, unsere Analysen aber zeigen es mit voller Gewissheit, dass
die zwei Stadien der ursprünglichen Amoralität und der erworbe-
nen Moral durch eine mehr-minder lange Übergangszeit von ein-
ander getrennt sind, in der jeder Triebverzieht und jede Unlusl-
bejahung.noeh denüj^hmjtJs^^M^^
der H e u c h e 1 e i verbunden,_i8t^
Aus diese -^-^^IiaSpunkte betrachtet, muss man allerdings
die ganze Charakterbildung des Menschen, die ja bei der Trieb-
Verdrängung als schützender Automatismus entstanden .st, m der
Analyse in regressiver Richtung bis zu ihren Triebgrundlagen
zurückverfolgen, soll die Aoaly.e eine wirkliche Reedukation des
Menschenkindes werden. Ee muss sozusagen alles wieder flüssig
werden, um dann aus dem vorübergehenden Chaos unter gunsti-
geren Bedingungen eine neue, besser angepasste Persönlichkeit
tt^l^
372 S. Ferenczi
entstehen zu lassen. Das würde mit anderen Worten heisBen, dass
keine Symptomanalyse theoretisch als beendigt betrachtet werden
kann, die nicht gleichzeitig oder anschliessend eine vollständige
Charakteranalyse ist. Praktisch kann man ja LekanutHch viele
Symptome auch ohne so tiefgreifende Änderungen analytisch
heilen. — Naive Seelen, die das unwillkürliche Streben der Men-
schen nach Harmonie und Stabilität nicht kennen, werden natür-
lich erschrecken und fragen, was denn aus einem Menschen wird,
der seinen Charakter in der Analyse verliert. Können wir ver-
sprechen, daes wir für das Verlorene gleichsam als neues Kleid
einen neuen Charakter nach Bestellung werden liefern können?
Kann es uns nicht passieren, dass der Patient, seines alten Charak-
ters bereits entkleidet, ausreisst und in charakterloser Nacktheit
von uns zieht, bevor die neue Hülle fertig ist? Freud hat uns
schon gezeigt, wie unberechtigt diese Bedenken sind, wie der
Psychoanalyse automatisch die Synthese folgt, In der Tat ist die
Auflösung der kristalUnischen Struktur eines Charakters eigentlich
nur die Überleitung zu einer allerdings zweckmäseigeren neuen
Struktur, mit anderen Worten, eine Umkristallisierung.
Im einzelnen vorhersagen lässt sich das Aussehen des neuen
Kleides allerdings nicht, mit der einzigen Ausnahme vielleicht,
dass es gewiss passender, d. h. zweckmässiger sein wird.
Gewisse gemeinsame Charaktere von Persönlichkeiten nach
beendigter Analyse lassen sich immerhin angeben. Die um so viel
schärfere Sonderung der Phantasiewelt von der Realität, wie sie
die Analyse bewerkstelligt, verhilft den Menschen zu einer fast
grenzenlosen inneren Freiheit, doch gleichzeitig zu einer viel
sichereren Beherrschung der Handlungen und Entscheidungen;
mit anderen Worten, zu einer ökonomischeren und wirkungs-
volleren Kontrolle.
In den wenigen Fällen, in denen ich mich diesem idealen
Ziele näherte, sah ich mich gezwungen, auch auf gewisse Ausser-
Das Problem der Beendigung der Analysen 373
lichkeiten im Aussehen und Benehmen der Kranken Gewicht zu
legen, die wir bisher oft unbeachtet Hessen, Schon in meinem
Versuch, dem Verständnis der narzisstischen Besonderheiten und
Manierismen der Tic-Kranken beizukommen, wies ich darauf bin,
wie oft Neurotiker mit relativer Heilung bezüglich dieser Sym-
ptome in der Analyse ungeschoren bleiben. Eine tiefgreifende
Analyse der Persönlichkeit kann natürlich auch vor solchen
Eigenheiten nicht halt machen; wir müssen den Patienten schliess-
lich förmlich einen Spiegel vorhalten, damit sie sich der Be-
sonderheiten ihres Benehmens, ja, ihres körperlichen Aussehens
erstmalig bewusst werden. Nur wer, wie ich, es erlebt hat, dass
selbst analytisch geheilte Menschen wegen ihrer Gesichtsbildung,
Körperhaltung, ihrer Bewegungen, ihrer Unarten usw. nach wie
vor von aller Welt heimlieh belächelt werden, ohne dass sie selbst
eine Ahnung von ihren Eigenheiten hätten, wird es für eine grau-
same, aber unvermeidliche Aufgabe einer radikalen Analyse an-
sehen, diese sozusagen öffentlichen Geheimnisse auch jenem be-
wusst werden zu lassen, den sie am nächsten angeben. Der
Analytiker muss bekanntlich immer taktvoll sein, wohl am takt-
vollsten aber in der Behandlung dieses Teiles der Selbsterkennt-
nis. Ich habe mir zum Grundsatze gemacht, sie den Kranken
niemals unvermittelt vorzuhalten; bei Fortführung der Analyse
muss es früher oder später dazu kommen, dass der Patient dieser
Dinge mit unserer Hilfe selber gewahr wird.
Dieses „früher oder später" enthält einen Hinweis auf die
Bedeutsamkeit des Zeitmomentes für eine voll zu beendigende
Analyse, Eine solche ist nur möglich, wenn der Analyse sozusagen
' Dies ist die Stelle, an der die Psychoanalyse zum erstenmal mit Pro-
blemen der Physiognomik und der körperlichen Konstitutionslelire über-
haupt (sowie mit ihren Abkömmlingen, wie Mimik, graphologische Eigen-
heiten usw.) praktisch in Berührung tritt.
374 S. Ferenczi
endlose Zeiten zu Gebote stehen. Ich stimme also mit jenen über-
ein, die behaupten, daas die Behandlung um so mehr Aussichten
auf rascheren Erfolg hat, je unbeschränkter wir über die Zeit
verfügen. Ich meine damit nicht so sehr die physikalische Zeit,
die dem Patienten zur Verfügung steht, als den inneren Entschluss,
wirklich solange auszuhalten, als es überhaupt notwendig ist, un-
bekümmert um die absolute Dauer der Zeit. Damit will ich aber
nicht gesagt haben, dass es nicht Fälle gibt, in denen die Patienten
diese Zeit- oder Termiulosigkeit ausgiebig missbrauchen.
Im Laufe der uns zur Verfügung gestellten Zeit muss nicht
nur das ganze unbewusste psychische Material in Form von Er-
innerungen und Wiederholungen neu erlebt werden, sondern auch
das dritte Mittel der analytischen Technik zur Verwendung
kommen. Ich meine das von Freud als gleichwertig hervorge-
hobene, aber in seiner Bedeutsamkeit noch nicht gebührend ge-
würdigte Moment des analytischen Durcharbeiten s. Dieses
Durcharbeiten, resp. die Mühe, die mau darauf verwendet, haben
wir mit dem Kräfteverhältnis des Verdrängten und des Wider-
standes, also mit einem rein quantitativen Moment in Beziehung
zu bringen. Das Finden der pathogenen Motive und Entstehungs-
bedingungen der Symptome ist gleichsam eine qualitative Analyse.
Diese mag beinahe eine vollständige sein, ohne doch die erwartete
therapeutische Veränderung hervorzurufen. Doch nach der viel-
leicht ungezählte Male analytisch erlebten Wiederholung der-
selben Übertragungs- und Widerstandsmechanismen kommt es
manchmal unversehens zu einem bedeutenden Fortschritt, den
wir uns nicht anders als aus der Wirkung des Momentes des
schliesslich gelungenen Durcharheitens erklären können. Sehr oft
geschieht aber das Umgekehrte, dass nämlich nach langem Durch-
arbeiten plötzlich der Zugang zu neuem Erinnerungsmaterial er-
reichbar wird, was das Ende der Analyse ankündigen mag.
Eine recht schwierige, allerdings interessante Aufgabe, die
Das Problem der Beendigung der Analysen 375
meines Erachtens in jedem einzelnen Falle zu bewältigen ist, ist
die stufenweise Abtragung jener Widerstände, die in dem mehr
oder minder bewussten Zweifel an der Verlässlichkeit des Analy-
tikers bestehen. Unter Verlässlichkeit muss man aber eine Ver-
trauenswürdigkeit unter allen Umständen verstehen, insbesondere
das unerschütterliche Wohlwollen des Analytikers dem Patienten
gegenüber, mag sich letzterer in seinem Benehmen und in seinen
Äusserungen noch so ungebührlich gebärden. Man könnte tatsäch-
lich von einem unbewussten Versuch des Patienten reden, die
Tragfestigkeit der Geduld des Analytikers bezüglich dieses Punktes
konsequent und auf die verschiedenste Art auf die Probe ai
stellen, und dies nicht nur einmal, sondern zu ungezählten Malen.
Die Patienten beobachten dabei die Reaktionaweise des Arztes,
mag sie sich in Rede, Geste oder in Stillschweigen manifestieren,
aufs allerscharfsinnigste. Sie analysieren ihn oft mit grossem
Geschick. Sie entdecken die leisesten Anzeichen unbewusster
Regungen im Analytiker, der diese Analysenversuche mit uner-
schütterlicher Geduld zu ertragen hat; eine oft fast übermensch-
liche Leistung, die aber die Mühe in jedem Falle lohnt. Denn:
ist es dem Patienten nicht gelungen, den Analytiker bei irgend
einer Unwahrheit oder Entstellung zu ertappen, und kommt der
Patient allmählich zur Erkenntnis, dass es wirklich möglich ist,
die Objektivität auch dem schlimmsten Kinde gegenüber zu be-
wahren, lässt eich also beim Arzt keine Tendenz zur Selbstüber-
hebung feststellen (bei aller Anstrengung, Anzeichen davon zu
provozieren), und muss der Patient zugeben, dass der Arzt willig
auch Irrtümer und Unbedachtsamkeiten seinerseits einbekennt,
die er gelegentlich begeht, so kann man nicht selten eine mehr
minder rasche Veränderung im Verhalten des Kranken als Lohn
für die nicht geringe Mühe einheimsen. Es kommt mir höchst wahr-
scheinlich vor, dass die Patienten mit diesen ihren Versuchen
Situationen aus ihrer Kindheit wiederholen mochten, bei denen
'^
376 S. F
erenczi
unverständige Erziehungspersonen und Verwandte auf die soge-
nannten Schlimmheiten des Kindes mit der eigenen intensiven
Affektivität reagierten und das Kiud in eine trotzige Einstellung
drängten.
Das Standhalten gegen diesen Generalangriff der Patienten
setzt beim Analytiker seihst eine voll beendigte Analyse voraus.
Ich erwähnte dies, weil es vielfach für genügend erachtet wird,
wenn der Kandidat der Psychoanalyse, sagen wir, ein Jahr lang
mit den hauptsächlichen Mechanismen, mit einer sogenannten
Lehranalyse Bekanntschaft macht. Man überlässt seine weitere
Entwicklung den Lernmöglichkeiten, die in der Autodidaxis ge-
geben sind. Bei früheren Gelegenheiten wies ich oft darauf hin,
dass ich keinen prinzipiellen Unterschied zwischen einer thera-
peutischen und einer Lehranalyse anerkennen kann. Ich möchte
diesen Satz nun in dem Sinne vervollständigen, dass in der Praxis
die Therapie nicht in jedem Falle bis zu jener Tiefe vorzudringen
braucht, die wir eine vollständige Beendigung der Analyse nennen,
während die Persönlichkeit des Analytikers, von dem das Schick-
sal so vieler anderer Menschen abhängt, auch die verstecktesten
Schwächen der eigenen Persönlichkeit kenneu und beherrschen
muss, was ohne voll beendigte Analyse unmöglich ist.
Selbstverständlich zeigen die Analysen, dass schliesslich nicht
banales Gellungs- oder Rachebestrehen, sondern libidinöse Ten-
denzen die wirklichen Motive der Charakterbildung waren und
der oft in groteske Formen gekleideten Widerstände sind. Nach-
dem das schlimme, trotzige Kind alle seine Geschosse unwirksam,
verpufft hat, kommen seine versteckten Ansprüche auf Zärtlich-
keit und Liebe in naiver Offenheit zutage. Keine Analyse ist
beendigt, bei der nicht die meisten Vor- und Endlustbetätigungen
der Sexualität, sowohl in ihren normalen wie in ihren abnormen
Äusserungsfoimen in der bewussten Phantasie gefühlsmässig
durchlebt werden ; jeder männliche Patient muss dem Arzte
^
Das Problem der Beendigung der Analysen 377
gegenüber als Zeichen der Überwindung der Kastrationsangst ein
Gefühl der Gleichberechtigung erlangen; alle weiblichen Kranken
müssen, soll ihre Neurose als eine vollständig erledigte gelten,
mit ihrem Männlichkeitskomplex fertig werden und eich ohne
Ranküne den Denkmöglichkeiten der weiblichen Rolle hingeben.
Dieses der Analyse gesetzte Ziel entspricht ungefähr jener Tendenz
zur Auffrischung der paradiesischen Naivität, die Groddeck
von seinen Patienten fordert. Der Unterschied zwischen mir und
ihm ist nur der, dass er oft direkt vom Symptom ausgehend diesem
Ziele zustrebt, während ich dasselbe Ziel mit den Hilfsmitteln
der „orthodoxen" analytischen Technik, wenn auch in langsamerem
Tempo, zu erreichen trachte. Bei entsprechender Geduld fällt uns
dieses selbe Resultat auch ohne besonderes Drängen in den Schoss.
Das Aufgeben des Drängens bedeutet nicht das Aufgeben
jener technischen Hilfsmittel, die ich seinerzeit unter dem Namen
der Aktivität vorschlug. Was ich darüber an unserem Homburger
Kongress sagte, kann ich auch heute aufrecht erhalten. Wohl
keine Analyse kann beendigt werden, bevor sich der Patient im
Einverständnis mit unseren Weisungen, denen aber der Charakter
des Befehls genommen werden muss, dazu entschliesst, nebst dem
freien Assoziieren auch auf Änderungen seiner Lebens- und Ver-
haltungsweise einzugehen, die gewisse, sonst unzugänglich ver-
steckte Verdrängungsnester aufzustöbern und zu beherrschen
helfen. Das Hinausdrängen des Patienten aus der Analyse mit
Hilfe der Kündigung mag in einzelnen Fällen Resultate zeltigen,
ist aber prinzipiell zu verwerfen. Während ein zufällig drängender
äusserer Umstand die Analyse manchmal beschleunigt, verlängert
das Drängen des Analytikers oft unnötigerweise die Analyse. Die
richtige Beendigung einer Analyse ist wohl die, bei der weder der
Arzt noch der Patient kündigt; die Analyse soll sozusagen an
Erschöpfung sterben, wobei immer noch der Arzt der Argwöhni-
schere bleiben und daran denken muss, dass der Patient mit seinem
378 S. Ferenczi
Weggehenwollen etwas Neurotisches retten will. Ein wirklich
geheilter Patient lost sich langsam, aber sicher von der Analyse
los; solange also der Patient noch kommen will, gehört er noch
in die Analyse. Man könnte diesen Ablösungsprozess auch so
charakterisieren, dass der Patient schliesslich vollkommen davon
üherzeugt wird, dass er sich in der Analyse ein neues, immer
noch phantastisches Befriedigungsmittel vorbehielt, das ihm
realiter nichts einbringt. Hat er die Trauer über diese Einsicht
langsam überwunden, so sieht er sich unweigerlich nach anderen,
realeren Befriedigungsmöglichkeiten um. Im analytischen Lichte
betrachtet, erscheint dann seine ganze neurotische Lebenaepoche
wirklich, wie es Freud schon vor ao langer Zeit gewusst hat,
als eine pathologische Trauer, die er auch auf die Übertragungs-
situation zu verschieben suchte, die aber in ihrer wirklichen Natur
entlarvt wird, was dann der zukünftigen Wiederholungstendenz
ein Ende setzt. Die analytische Entsagung ist also die aktuelle
Erledigung jener infantilen Versagungssituationen, die den Sym-
ptombildungen zugrunde lagen.
Eine auch theoretisch wichtige Erfahrung bei wirklich zu
Ende geführten Analysen ist die fast stets eintretende S y m ■
ptomwandlung vor dem Ende. Wir wissen ja von Freud,
dass die Symptomatik der Neurosen fast immer das Resultat einer
psychischen Entwicklung ist. Der Zwangskranke zum Beispiel
tauscht erst allmählich seine Emotionen in Zwangshandeln und
Zwangsdenken um. Der Hysterische mag längere Zeit mit irgend
welchen peinlichen Vorstellungen kämpfen, bevor es ihm gelingt,
seine Konflikte zu körperlichen Symptomen zu konvertieren.
Der später dement oder paranoisch Werdende beginnt seine patho-
logische Laufbahn etwa als Angsthysteriker, es gelingt ihm oft
erst nach harter Arbeit, in dem gesteigerten Narzissmus eine Art
pathologische Selbstheilung zu finden. Wir dürfen uns also nicht
wundern, wenn beim Zwangsneurotiker nach genügender Auf-
Das Problem der Beendigung der Analysen
379
lockerung und Unterwiihlung seines intellektuellen Zwangesystems
hysterische Symptome sich zu zeigen beginnen, und dass der früher
so sorglose Konversionshysteriker, nachdem seine Körpersymptome
infolge der Analyse unzureichend werden, Gedanken und Er-
innerungen zu produzieren beginnt, während er früher Ausdrucka-
bewegungen ohne bewussten Inhalt produzierte. Es ist also ein
gutes Zeichen, wenn der Zwangsneurotiker statt affektloser Gs-
danken hysterische Emotivität zu zeigen beginnt und wenn beim
Hysteriker vorübergehend das Denken zum Zwang wird. Un-
. angenehm ist allerdings, wenn im Laufe dieser Symptomwand-
lungen auch psychotische Züge zum Vorschein kommen. Es wäre
aber verfehlt, darüber allzusehr zu erschrecken. Ich habe schon
Fälle gesehen, in denen kein anderer Weg zur definitiven Heilung
führte, als der durch eine passagere Psychose.
All diese Beobachtungen habe ich Ihnen heute zur Stütze
meiner Überzeugung vorgebracht, dass die Analyse kein endloser
Prozess ist, sondern bei entsprechender Sachkenntnis und Geduld
des Analytikers zu einem natürlichen Abschluss gebracht werden
kann. Fragen Sie mich, ob ich schon viele solche vollständige
Analysen zu verzeichnen habe, so muss ich darauf mit Nein ant-
worten. Doch die Summe aller meiner Erfahrungen drängt zu dem
in diesem Vortrag dargelegten Schlüsse. Ich bin fest davon über-
zeugt, dasB, wenn man aus seinen Irrungen und Irrtümern ge-
nügend gelernt hat, wenn man mit den schwachen Punkten der
eigenen Persönlichkeit allmählich zu rechnen lernt, die Zahl der
zu Ende analysierten Fälle wachsen wird.
Die Elastizität der psychoanalytischen
Technik
Vortrag, gehalten in der Vngarländischen Psychoanalytischen Vereirugung
(Zyklus 1927J28).
Bemühungen, die Technik, die ich in meinen Psychoanalysen
anzuwenden pflege, auch anderen zugänglich zu machen, brachten
mich wiederholt auf das Thema des psychologischen Verständ-
nisses überhaupt. Wäre es wirklich wahr, was von so vielen be-
hauptet wird, dass das Verständnis für die Vorgänge im Seelen-
leben eines Dritten von einer besonderen Fähigkeit abhängt,
die man Menschenkenntnis nennt, die aber als solche unerklärlich,
daher unübertragbar sei, so wäre jede Bemühung, etwas von
dieser Technik andere zu lehren, von vornherein aussichtslos.
Zum Glück ist es anders. Seit der Publikation von Freuds
Ratschlägen zur psychoanalytischen Technik besitzen wir die
ersten Ansätze einer methodischen Seelenuntersuchung. Jeder, der
die Mühe nicht scheut, den Weisungen des Meisters zu folgen,
wird, auch wenn er kein psychologische? Genie ist, bis zu unge-
ahnten Tiefen eines fremden, ob gesunden oder kranken Seelen-
lebens eindringen können. Die Analyse der Fehlhandlungen des
Alltagslebens, der Träume, besonders aber der freien Assoziationen,
Die Elastizität der psychoanalytischen Technik 381
wird ihn in den Stand setzen, so manches von seinen Neben-
menschen zu erfahren, degBen Erfassen vorher vielleicht nur Aua-
nahmsmenschen möglich war. Die Vorliebe der Menschen für das
"Wunderbare wird diese Umwandlung der Kunst der Menschen-
kenntnis in eine Art Handwerk mit Missvergnügen verfolgen.
Insbesondere Künstler und Schriftsteller scheinen dies als eine
Art Eingriff in ihre Domäne zu betrachten und pflegen die Psycho-
analyse nach anfänglichem Interesse als eine sie wenig reizende
mechanische Arbeitsweise weit von sich zu weisen. Diese Anti-
pathie nimmt uns kaum wunder; die Wissenschaft ist ja eine fort-
schreitende Desillusionierung, sie setzt an Stelle des Mystischen
und Sonderbaren Erklärungen, immer und überall dieselben un-
abwendbaren Gesetzmässigkeiten, die in ihrer Einförmigkeit leicht
Langweile, in ihrer ehernen Zwangsläufigkeit Unlust hervorrufen.
Zur teilweisen Beruhigung der Gemüter möge allerdings dienen,
dass es natürlich auch hier, wie in allen Handwerken, immer
auch künstlerische Ausnahmen geben wird, von denen wir die
Fortschritte und die neuen Perspektiven erhoffen.
Vom praktischen Standpunkte gesehen, ist es aber ein an-
leugbarer Fortschritt, dass die Analyse allmählich auch dem nur
durchschnittlich begabten Arzt und Gelehrten die Werkzeuge der
feineren Menschenforschung in die Hand gibt. Es ist wie in der
Chirurgie: vor der Entdeckung der Anästhesie und der Asepsis
war es das Vorrecht einiger weniger, die wundärztliche ,tHeil-
kunst" auszuüben; nur diese konnten „cito, tuto et jucunde"
arbeiten. Wohl gibt es auch heute noch Künstler der chirurgischen
Technik, doch die Fortschritte ermöglichen all den Tausenden von
Durchschnittsärzten, ihre nützliche, oft lebensrettende Tätigkeit
zu entfalten.
Allerdings sprach man auch ausserhalb der Seelenanalyse von
psychologischer Technik; man verstand darunter die Messmethoden
der psychologischen Laboratorien. Diese Art „Psychotechnik" ist
382 S. Ferenczi
auch heute im Schwange, sie mag auch für einzelne einfache
praktische Aufgaben geuiigen. In der Analyse handelt es sich um
etwas viel Höheres: um die Erfassung der Topik, Dynamik und
Ökonomie des ganzen seelischen Betriebes, dies zwar ohne die
imponierende Apparatur der Laboratorien, doch mit stetig wach-
sendem Anspruch auf Sicherheit uud vor allem mit unvergleich-
lich grösserer Leistungsfähigkeit.
Immerhin gab und gibt es auch innerhalb der psychoanalyti-
schen Technik noch vieles, wovon man den Eindruck hatte, dass
es sich dabei um etwas Individuelles, mit Worten kaum Definier-
bares handle. Da war vor allem der Umstand, dass der „persön-
lichen Gleichung" bei dieser Arbeit eine viel grössere Wichtigkeit
beizukommen schien, als wir sie in der Wissenschaft auch sonst
akzeptieren mussten. Freud selbst Hess in seinen ersten Mit-
teilungen über die Technik die Möglichkeit offen, dass nebst der
seineu auch für andere Methoden der Arbeit in der Psychoanalyse
Spielraum zu gewähren sei. Diese seine Äusserung stammt aller-
dings aus der Zeit vor der Herauskristallisierung der zweiten
psychoanalytischen Grundregel, der nämlich, dass
jeder, der einen anderen analysieren will, zu-
erst selber analysiert sein muss. Seit der Befolgung
dieser Regel schwindet immer mehr die Bedeutsamkeit der persön-
lichen Note des Analytikers. Jeder, der gründHch analysiert wurde,
der seine unvermeidlichen Schwächen und Charaktereigenheiten
voll zu erkennen und zh beherrschen gelernt hat, wird hei der
Betrachtung und der Behandlung desselben psychischen Unter-
suchungsohjektes unvermeidlich zu denselben objektiven Fest-
stellungen gelangen und logischerweise dieselben taktischen und
technischen Massnahmen ergreifen. Ich habe tatsächlich die
Empfindung, dass seit der Einführung der zweiten Grundregel die
Differenzen der analytischen Technik im Schwinden begriffen sind.
Wenn man sich nun Rechenschaft über den noch immer un-
.^L^
Die Elastizität der psychoanalytischen Technik 383
gelösten Rest dieser persönlichen Gleichung zu geben versucht
und wenn man in der Lage ist, viele Schüler und Patienten zu
sehen, die bereits von anderen analysiert wurden, besonders aber,
wenn man, wie ich, so viel mit den Folgen eigener, früher be-
gangener Missgriffe zu kämpfen hatte, so masst man sich das Recht
an, ein zusammenfassendes Urteil über die Mehrzahl dieser Diffe-
renzen und Irrtümer zu fällen. Ich kam zur Überzeugung, dass
es vor allem eine Frage des psychologischen Taktes ist, wann
und wie man einem Analysierten etwas mitzuteilen, wann man
das Material, das einem geliefert wird, für zureichend erklären
darf, um aus ihm eine Konsequenz zu ziehen; in welche Form
die Mitteilung gegebenenfalls gekleidet werden muss; wie man
auf eine unerwartete oder verblüffende Reaktion des Patienten
reagieren darf; wann man schweigen und weitere Assoziationen
abwarten soll; wann das Schweigen ein unnützes Quälen des
Patienten ist, usw. Sie sehen, mit dem Worte „Takt" gelang es
mir nur, die Unbestimmtheit in eine einfache und ansprechende
Formel zu bringen. Was ist überhaupt Takt? Die Antwort auf diese
Frage fällt uns nicht schwer. Takt ist Einfühlungsver-
mögen. Gelingt es uns mit Hilfe unseres Wissens, das
wir uns aus der Zergliederung vieler menschlicher Seelen, vor
allem aber aus der Zergliederung unseres Selbst geholt haben, die
möglichen oder wahrscheinlichen, aber ihm selbst noch ungeahnten
Assoziationen des Patienten zu vergegenwärtigen, so können wir,
da wir nicht, wie der Patient, mit Widerständen zu kämpfen
haben, nicht nur die zurückgehaltenen Gedanken des Patienten
erraten, sondern auch Tendenzen, die ihm unbewusst sind. Indem
wir gleichzeitig der Stärke des Widerstandes fortwährend ge-
wärtig bleiben, wird es uns nicht schwer fallen, die Entscheidung
über die eventuelle Aktualität einer Mitteilung und auch über die
Form, in die sie gekleidet werden muss, zu fällen. Diese Einfühlung
wird uns davor hüten, den Widerstand des Patienten unnötig oder
384 S. Ferenczi
unzeitgemäss zu reizen; das Leiden ganz zu ersparen, ist allerdings
auch der Psychoanalyse nicht gegeben, ja, ein Leid ertragen zu
lernen, ist einer der Haupterfolge der Psychoanalyse. Doch ein
taktloses Darauflosdrängen würde dem Patienten nur die unbe-
wusst heiss ersehnte Gelegenheit verschaffen, sich unserem Ein-
flüsse zu entziehen.
In ihrer Gesamtheit machen alle diese Vorsichtsmassnahmen
auf die Analysierten den Eindruck der Gut e, auch wenn die
Motive der Feinfühligkeit rein aus dem Intellektuellen des Ana-
lytikers stammen. In den später folgenden Ausführungen werde
ich aber auch diesen Eindruck des Patienten in gewissem Sinne
rechtfertigen müssen. Besteht doch im Wesen kein Unterschied
zwischen dem von uns geforderten Takt und der moralischen
Forderung, dass man keinem was antun soll, was man unter den
gleichen Verhältnissen selber nicht von anderen erfahren mochte.
Ich beeile mich, gleich hier einzufügen, dass die Fähigkeit
zu dieser Art „Güte" bloss eine Seite des analytischen Verständ-
nisses bedeutet. Bevor sich der Arzt zu einer Mitteilung ent-
schliesst, muss er vorerst seine Libido vom Patienten für einen
Moment abziehen, die Situation kühl abwägen, er darf sich also
keinesfalls von seinen Gefühlen allein leiten lassen.
In den nun folgenden Sätzen will ich aphoristisch einzelne
Beispiele zur lUustrierung dieser allgemein gehaltenen Gesichts-
punkte vorbringen.
Es ist zweckmässig, die Analyse eher als einen Entwicklunga-
prozess, der sich vor unseren Augen abspielt, denn als das Werk
eines Baumeisters aufzufassen, der einen vorgefaasteu Plan zu
verwirklichen sucht. Man lasse sich also unter keinen Umständen
dazu verleiten, dem zu Analysierenden mehr zu versprechen, als
dass er, wenn er sich dem analytischen Prozesse unterwirft.
Die Elastizität der psychoanalytischen Technik 385
schlieBslich viel mehr von sich wissen und wenn er bis zum
Schlüsse ausharrt, sich in erhöhtem Masse und mit richtigerer
Energieverteilung den unvermeidlichen Schwierigkeiten des
Lebens anpassen können wird. Man kann ihm allenfalls auch sagen,
dass wir keine bessere und gewiss keine radikalere Behandlung
von psychoneurotischen und Charakterachwierigkeiten kennen.
Wir verheimlichen es vor ihm durchaus nicht, dass es auch andere
Methoden gibt, die viel raschere und bestimmtere Aussichten
auf Heilung versprechen, und sind eigentlich froh, wenn uns dann
die Patienten sagen, dass sie bereits jahrelang suggestiv, arheits-
therapeutisch oder mittels Methoden der Willensstärkung be-
handelt worden sind; anderenfalls stellen wir es dem Patienten
anheim, eine dieser vielversprechenden Heilmethoden zu ver-
suchen, bevor sie sich mit uns einlassen. Den gewöhnlich er-
hobenen Einwand der Patienten aber, dass sie an unsere Methode
oder Theorie nicht glauben, lassen wir nicht gelten. Wir erklären
von vornherein, dass unsere Technik auf das unverdiente Ge-
schenk eines solchen antizipierten Vertrauens überhaupt ver-
zichtet; der Patient braucht uns nur dann zu glauben, wenn ihn
die Erfahrungen der Kur dazu berechtigen. Einen anderen Ein-
wand, den nämlich, dass T\ir auf diese Weise von vornherein jede
Schuld am eventuellen Misslingen der Kur auf das Konto der
Ungeduld des Patienten setzen, können wir nicht entkräften und
müssen es dem Patienten überlassen, ob er unter diesen schwie-
rigen Bedingungen das Risiko der Kur tragen will oder nicht.
Sind diese Teilfragen nicht von vornherein in diesem Sinne genau
geregelt, so spielt man dem Widerstand der Patienten die gefähr-
lichsten Waffen in die Hand, die er früher oder später gegen die
Zwecke der Kur und gegen uns zu wenden nicht versäumen wird.
Man lasse sich dabei durch keine noch so erschreckende Frage
von dieser Basis abbringen. „Kann also die Kur auch zwei, drei,
fünf, zehn Jahre dauern?" wird mancher Patient mit sichtlicher
Ferenczi, Bausteine zur Psychoanalyse. III. 25
386 S. Ferenczi
Feindseligkeit fragen. „All das ist möglich" — werden wir ihm
antworten. „Natürlich iet aber eine zehnjährige Analyse praktisch
gleichbedeutend mit einem Misslingen derselben. Da wir in keinem
Falle die Grösse der zu überwindenden Schwierigkeiten im voraus
abschätzen können, dürfen wir Ihnen nichts Sicheres versprechen,
und berufen uns nur darauf, dasa in vielen Fällen auch viel kürzere
Zeiten genügen. Da Sie aber wahrscheinlich im Glauben sind,
dass Ärzte gerne günstige Prognosen stellen, da Sie ferner gewiss
schon manches Ungünstige über die Theorie und Technik der
Psychoanalyse gehört hahen oder bald hören werden, ist es besser,
wenn Sie, von Ihrem Standpunkt aus, diese Kur als einen ge-
wagten Versuch betrachten, der Ihnen viel Mühe, Zeit und Geld
kosten wird; Sie müssen es also vom Grade Ihres Leidens abhängig
sein lassen, ob Sie trotz alledem den Versuch mit uns machen
wollen. Jedenfalls überlegen Sie sich genau, bevor Sie anfangen,
denn ein Beginnen ohne die ernste Absicht, auch unvermeidlichen
Verschlimmerungen zum Trotz auszuharren, wird Ihre bisherigen
Enttäuschungen nur um eine neue vermehren."
Ich glaube, dass diese gewiss zu pessimistische Vorbereitung
doch die zweckmässigere ist; jedenfalls entspricht sie der For-
derung der „Einfühlungsregel". Hinter der oft allzu laut zur
Schau getragenen Glaubeneseligkeit der Patienten steckt nämlich
fast immer eine starke Dosis Misstrauen, das der Kranke durch
die von uns stürmisch geforderten Heilungsversprechungen über-
schreien möchte. Charakteristisch ist z. B. die Frage, die oft an
uns gerichtet wird, auch nachdem wir uns etwa eine Stunde lang
damit abgemüht hahen, dem Patienten beizubringen, dass wir im
gegebenen Falle eine Analyse für angezeigt halten: „Glauben Sie,
Herr Doktor, dasa mir Ihre Kur auch wirklich helfen wird?"
Es wäre verfehlt, auf diese Frage einfach mit einem „Ja" zu ant-
worten. Man sage lieber dem Patienten, dass wir uns von einer
neuerlichen Versicherung unsererseits nichts versprechen. Auch
J
Die Elastizität der psychoanalytischen Technik 387
die noch so oft wiederholte Anpreisung der Kur kann in Wirk-
lichkeit den versteckten Verdacht des Patienten nicht aus der
Welt schaffen, dass der Arzt ein Geschäftsmann ist, der seine
Methode, d. h. seine Ware, um jeden Preis an den Mann bringen
will. Noch durchsichtiger ist der versteckte Unglaube, wenn der
Patient etwa fragt: „Und glauben Sie nicht, Herr Doktor, dass
mir Ihre Methode auch schaden kann?" Gewöhnlich antworte ich
mit der Gegenfrage: „Was ist Ihre Beschäftigung?" Die Antwort
lautet etwa: „Ich bin Architekt." „Nun, was würden S i e jeman-
dem antworten, der, nachdem Sie ihm den Plan eines Neubaues
vorlegten, Sie fragen würde, ob der Bau nicht zusammenstürzen
■wird?" Gewöhnlich verstummen darauf die Forderungen nach
weiterer Versicherung, als Zeichen dessen, dass der Patient zur
Einsicht gekommen ist, dass man dem Fachmanne ein gewisses
Mass von Vertrauen bei jeder Art Arbeit kreditieren muss, wobei
natürlich Enttäuschungen nicht ausgeschlossen sind.
Es wird der Psychoanalyse oft vorgeworfen, dass sie sich
auffällig viel mit finanziellen Fragen beschäftigt. Ich glaube,
immer noch viel zu wenig. Auch der wohlhabendste Mensch gibt
nur höchst ungern sein Geld an den Arzt ab; etwas in uns scheint
die ärztliche Hilfe, die tatsächlich in der Kindheit zuerst von den
Pflegepersonen geleistet wurde, als etwas uns selbstverständlich
Zukommendes zu betrachten, und am Ende jeden Monats, zur
Zeit, wo die Patienten ihre Honorarrechnungen erhalten, löst sich
der Widerstand des Kranken nicht, bevor alles Versteckte oder
unbewusst rege gewordener Hass, Misstrauen und Verdächtigung
nochmals zur Sprache gebracht wurde. Das charakteristischeste
Beispiel für die Distanz zwischen bewusster OpferwilUgkeit und
versteckter Unlust gab wohl jener Patient, der am Beginn der
ärztlichen Unterredung die Äusserung tat: „Herr Doktor, wenn
Sie mir helfen, schenke ich Ihnen mein ganzes Vermögen!" Der
Arzt antwortete : „Ich begnüge mich mit drelssig Kronen per
388 S. Ferenczi
Stunde." „Ist das nicht etwas zu viel?" war die unerwartete Ant-
wort des Kranken.
Im Laufe der Analyse ist es gut, mit einem Auge stets nach
versteckten oder unbewuseteu Äusserungen des Unglaubens und
der Ablehnung zu spähen und sie dann schonungslos durchzu-
sprechen. Es ist ja von vornherein verständlich, dass der Wider-
stand des Patienten keine sich ihm darbietende günstige Gelegen-
heit unbenutzt lässt. Jeder Patient, ausnahmslos, bemerkt die
kleinsten Absonderlichkeiten im Benehmen, in der äusseren Er-
scheinung, in der Sprechweise des Arztes, doch keiner entschliesst
sich, ohne vorherige Aufmunterung, dazu, sie uns ins Gesicht uu
sagen, auch wenn er damit in gröblicher Weise gegen die analy-
tische Hauptgrundregel verstösst; es bleibt also nichts anderes
übrig, als dass wir auf Grund des eben vorausgegangenen Assozia-
tionsmaterials immer selber erraten, wann etwa der Patient durch
ein allzu lautes Niesen oder Nasenschneuzen des Arztes in seinem
ästhettechen Fühlen verletzt wurde, wann er au der Form unseres
Gesichtes Anstoss nahm oder unsere Statur mit anderen, viel
imposanteren vergleichen musste. — Ich habe schon hei vielen
anderen Gelegenheiten darzustellen versucht, wie der Analytiker
in der Kur oft wochenlang sich zur Rolle des „Watschenmannes'*
-■- hergeben muss, au dem der Patient seine Unlustaffekte aus-
probiert. Wenn wir uns davor nicht nur nicht hüten, sondern
r den allzu zaghaften Patienten dazu bei jeder sich darbietenden
Ci^lfigenheit aufmuntern, so werden wir früher oder später den
wohlverdienten Lohn unserer Geduld in der Form der sich mel-
■^ denden positiven Übertragung einheimsen. Jede Spur von Ärger
c oder Beleidigtsein seitens des Arztes verlängert die Dauer der
. Widerstandsperiode; wenn aber der Arzt sich nicht verteidigt,
' so wird der Patient des einseitigen Kampfes allmählich müde;
i hat er eich genügend ausgetobt, so kann er nicht umhin, auch die
i hinter der lauten Abwehr versteckten freundlichen Gefühle, wenn
M
i.
Die Elastizität der psychoanalytischen Technik 389
auch mit Zaudern, zu bekennen, womit eventuell ein tieferes
Eindringen ins latente Material, insbesondere in jene infantilen
Situationen ermöglicht wird, in denen die Grundlage zu gewissen
maliziösen Charakterziigen (gewöhnlich durch unverständige
Erziehungspersonen) gelegt wurde.^
Nichts ist schädlicher in der Analyse als das schulmeisterische
oder auch nur autoritative Auftreten des Arztes. Alle unsere
Deutungen müssen eher den Charakter eines Vorschlages, denn
einer sicheren Behauptung haben, und dies nicht nur, damit wir
den Patienten nicht reizen, sondern weil wir uns tatsächlich auch
irren können. Das nach uralter Sitte des Handelsmannes jeder
Verrechnung angehängte Zeichen „S. E." (salvo errore), d. h.
Irrtum vorhehalten, wäre auch bei jeder analytischen Deutung
zu erwähnen. Doch auch unser Vertrauen zu unseren Theorien
darf nur ein bedingtes sein, denn vielleicht handelt es sich im
gegebenen Falle um die berühmte Ausnahme von der Regel oder
gar um die Notwendigkeit, an der bisherigen Theorie etwas lu
ändern. Es ist mir schon passiert, dass ein ungebildeter, anschei-
nend ganz naiver Patient Einwände gegen meine Erklärungen
vorbrachte, die ich reflektorisch abzulehnen bereit war, doch die
bessere Überlegung zeigte mir, dass nicht ich, sondern der Patient
im Rechte war, ja, dass er mir mit seiner Einwendung zu einem
viel tieferen Erfassen des Gegenstandes im allgemeinen verhalf.
Die Bescheidenheit des Analytikers sei also
nicht eine eingelernte Pose, sondern der
Ausdruck der Einsicht in die Begrenztheit
unseres "Wissens. Nebenbei bemerkt, ist dies vielleicht
der Punkt, an dem mit Hilfe des psychoanalytischen Hebels die
^ S. dazu auch meinen Innsbrucker Kongressvortrag „Das Problem
der Beendigung der Analysen", in „Bausteine zur Psychoanalyse",
Bd. III, S. 367.
390 S. Ferenczi
Umwälzung in der bisherigen Einstellung des Arztes zum Patien-
ten einsetzen wird. Man vergleiche nur mit unserer Einfühlungs-
regel die Überhebung, mit der bisher der allwissende und allver-
mögende Arzt sich dem Krauken gegenüberzustellen pflegte.
Selbstverständlich meine ich nicht, dass der Analytiker üher-
bescheiden sei; er ist vollauf berechtigt, zu erwarten, dass sich
in den allermeisten Fällen früher oder später seine auf Erfahrung
gestützte Deutung bewahrheiten und der Patient sich vor den
sich häufenden Beweisen beugen wird. Jedenfalls aber muss man
geduldig abwarten, bis die Entscheidung vom Patienten gefällt
wird; jede Ungeduld seitens des Arztes kostet dem Patienten Zeit
und Geld und dem Arzte eine Menge Arbeit, die er sieh ganz gut
hätte ersparen können.
Ich akzeptiere den von einem Patienten geprägten Ausdruck
von der „Elastizität der analytischen Technik". Man hat, wie ein
elastisches Band, den Tendenzen des Patienten nachzugeben, doch
ohne den Zug in der Richtung der eigenen Aneichten aufzugeben,
so lange die Haltlosigkeit der einen oder der anderen Position
nicht voll erwiesen ist.
Keinesfalls darf man sich schämen, früher gemachte Irrtümer
rückhaltlos zu bekennen. Man vergesse nie, dass die Analyse
kein Suggestivverfahren ist, bei dem vor allem das Ansehen des
Arztes und seine Unfehlbarkeit zu wahren ist. Das einzige, worauf
auch die Analyse Anspruch erhebt, ist das Vertrauen zur Offen-
heit und Aufrichtigkeit des Arztes, und diesem tut das offene
Bekennen eines Irrtums keinen Schaden an.
Die analytische Einstellung fordert vom Arzte nicht nur die
strenge Kontrolle des eigenen Narzissmus, sondern auch die
scharfe Überwachung von Gefühlsreaktionen jeglicher Art. War
man früher etwa der Ansicht, dass ein allzu hoher Grad von
„Antipathie" eine Gegenanzeige gegen die Durchführung einer
analytischen Kur abgeben kann, so müssen wir nach tieferer
'ffln
i
i
Die Elastizität der psychoanalytischen Technik 391
Einsicht in die VerhältniBse eine solche Gegenindikation von
vornherein ausschliessen und vom analysierten Analytiker er-
warten, dass seine Seibatkenntnis und Selbstkontrolle stärker ist,
als dasB er sich vor Idiosynkrasien beugen müsste. Jene „anti-
pathischen Züge" sind ja in den meisten Fällen nur Vorbauten,
hinter denen sich ganz andere Eigenschaften verstecken. Es biesse
also dem Patienten aufzusitzen, ginge man auf solche Fallen ein;
das Weggejagtwerden ist oft der nnbewusste Zweck des unaus-
stehlichen Benehmens. Das Wissen um diese Dinge befähigt uns,
auch den unerquicklichsten oder abstossendsten Menschen in voller
Überlegenheit als einen heilungsbedürftigen Patienten zu be-
trachten und ihm, als solchem, sogar unsere Sympathie nicht zu
versagen. Diese mehr als christliche Demut zu erlernen, gehört
zu den schwersten Aufgaben der psychoanalytischen Praxis. Brin-
gen wir sie aber zustande, so mag uns die Korrektur auch in ver-
zweifelten Fällen gelingen. Ich muss nochmals betonen, dass auch
hier nur die wirkliche Gefühleeinstellung hilft; eine nur gemachte
Pose wird von scharfsinnigen Patienten mit Leichtigkeit entlarvt.
Allmählich wird man dessen gewahr, wie kompliziert die
psychische Arbeitsleistung eines Analytikers eigentlich ist. Man
hat die freien Assoziationen des Patienten auf sich einwirken zu
lassen; gleichzeitig lässt man seine eigene Phantasie mit diesem
Assoziationsmaterial spielen; zwischendurch vergleicht man die
neuen Verknüpfungen, die sich ergeben, mit früheren Ergehnissen
der Analyse, ohne auch nur für einen Moment die Rücksicht und
Kritik in bezug auf die eigenen Tendenzen ausser acht zu lassen.
Man könnte förmlich von einem immerwährenden Oszillieren
zwischen Einfühlung, Selbstbeobachtung und Urteilsfällung spre-
chen. Dieses letztere meldet sich von Zeit zu Zeit ganz spontan
in Form eines Signals, das man natürlich zunächst nur als solches
wertet- erst auf Grund weiteren Beweismaterials darf man sich
endlich zu einer Deutung entschliessen.
392 S. Ferenczi
Mit Deutungen sparsam zu sein, überhaupt: nichts Über-
flüssiges zu reden, ist eine der wichtigsten Regeln in der Analyse;
der Deutungsfauatismus gehört zu den Kinderkrankheiten der
Analytiker. Wenn man die Widerstände des Patienten analytisch
auflöst, Bo kommt man gelegentlich zu Stadien in der Analyse,
in denen der Patient die ganze Deutungsarbeit fast ganz allein
oder nur mit geringer Nachhilfe leistet.
Und nun nochmals ein Wort über meine viel gelobte und
viel getadelte „Aktivität"." Ich glaube, endlich in der Lage zu sein,
die von vielen mit Recht geforderte präzise Indikationsstellung
bezüglich des Zeitpunktes dieser Massnahme anzugeben. Sie wissen
vielleicht, dass ich ursprünglich geneigt war, nebst der freien
Assoziation auch gewisse Verhaltungsmassrcgeln vorzuschreiben,
sobald der Widerstand eine solche Belastung gestattete. Später
lehrte mich die Erfahrung, dass man Gebote und Verbote nicht,
höchstens etwa Ratschläge zu gewissen Änderungen der Ver-
haltungsweise geben darf, und immer bereit sein muss, eie zurück-
zuziehen, wenn sie sich als hinderlich erweisen oder Widerstände
provozieren. Meine von vornherein festgehaltene Ansicht, dass
immer nur der Patient und nie der Arzt „aktiv" sein darf, führte
mich schliesslich zur Feststellung, dass wir uns damit begnügen
müssen, versteckte Aktionstendenzen des Patienten zu deuten, leise
Versuche, die bisher bestandenen neurotischen Hemmungen zu
überwinden, zu unterstützen, ohne vorerst auf die Durchführung
von Gewaltmassregeln zu drängen oder sie auch nur an-
zuraten. Sind wir geduldig genug, so kommt der Patient früher
oder später selber mit der Frage, ob er diesen oder jenen Ver-
such (z. B. einen phobischen Vorbau zu übertreten) wagen darf;
da werden wir ihm allerdings unsere Einwilligung und Ermutigung
" Vgl. die technischen Arbeiten in „Bausteine zur Psychoanalyse",
Internat, Psychoanalyl. Verlag, Leipzig und Wien, 1928 und 1938.
Die Elastizität der psychoanalytischen Technik 393
nicht versagen und auf diese Weise alle von der Aktivität er-
warteten Fortschritte erreichen, ohne den Patienten zu reizen
und es mit ihm zu verderben. Mit anderen Worten: den Zeitpunkt [
zur Aktivität hat der Patient selber zu bestimmen oder wenigstens '
unmissverständlich als gegeben anzudeuten. Es steht aber nach
wie vor fest, dass solche Versuche der Patienten Spannungs-
änderungen in den psychischen Systemen hervorrufen und sich
dadurch als Mittel der analytischen Technik nebst den Assoziatio-
nen voll bewähren.
In einer anderen technischen Arbeit^ habe ich bereits auf die
Wichtigkeit des Durcharbeitens hingewiesen, doch habe ich davon | *
etwas einseitig als von einem rein quantitativen Moment ge-
sprochen. Ich meine aber, dass das Durcharbeiten auch eine
qualitative Seite hat und dass die geduldige Rekonstruktion des
Mechanismus der Symptom- und Charakterbildung bei jedem
neueren Fortschritt in der Analyse zu wiederholen ist. Jede
bedeutsame neue Einsicht erfordert die Revi-
sion des ganzen bisherigen Materials und mag -
wesentliche Stücke des vielleicht schon fertig geglaubten Baues
umstürzen. Es wird wohl die Aufgabe einer ins Einzelne gehenden
Dynamik der Technik sein, die feineren Beziehungen dieses quali-
tativen Durcharbeitens zum quantitativen Moment (Affektabfuhr)
festzustellen.
Eine spezielle Form der Revisionsarbeit scheint aber in je-
dem Falle wiederzukehren. Ich meine die Revision der Er-
lebnisse während der analytischen Behand-
lung seihst. Die Analyse wird allmählich selber zu einem
Stück Lebensgeschichte des Patienten, die er, bevor er von uns
Abschied nimmt, nochmals Revue passieren läset. Bei dieser Re-
^ „Das Problem der Beendigung der Analysen" in „Bausteine zur
Psychoanalyse", Bd. HI, S. 367.
^
394 S. Ferenczi
Vision betrachtet er die Erfahrungen am Beginne seiner Bekannt-
schaft mit uns und die darauffolgenden Peripetien des Wider-
standes und der Übertragung, die ihm seinerzeit so aktuell und
lebenswichtig erschienen, nunmehr von einer gewissen Distanz
und mit viel grösserer Objektivität, um dann seinen Blick von
der Analyse weg in die Richtung der realen Aufgaben des Lebens
zu lenken.
Schliesslich möchte ich einige Bemerkungen zur Metapsycho-
logie der Technik riskieren.* An vielen Orten wurde, unter ande-
ren auch von mir, darauf hingewiesen, dass der Heilungsvorgang
zu einem grossen Teil darin besteht, dass der Patient den Analy-
tiker (den neuen Vater) an die Stelle des in seinem Über-Ich so
breiten Raum einnehmenden wirklichen Vaters setzt und nun-
mehr mit diesem analytischen Über-Ich weiterlebt. Ich leugne
nun nicht, dass dieser Prozess in allen Fällen wirklieb vor sich
geht, gebe auch zu, daes diese Substitution bedeutende tberapeu-
ti&che Erfolge mit sich bringen kann, möchte aber hinzufügen,
dass eine wirkliche Cbarakteranalyse, wenigstens vorübergehend,
mit jeder Art von Über-Ich, also auch mit dem des Analytikers,
aufzuräumen hat. Schliesslich muss ja der Patient von aller ge-
füblsmässigen Bindung, soweit sie über die Vernunft und die
eigenen libidinösen Tendenzen hinausgeht, frei werden. Nur diese
Art Abbau des Über-Ichs überhaupt kann eine radikale Heilung
herbeiführen; Erfolge, die nur in der Substitution des einen
Über-Ichs durch ein anderes bestehen, müssen noch als Übertra-
gungserfolge bezeichnet werden; dem Endzweck der Therapie,
) Unter „MetapBychologie" verstehen wir bckaimtlich die Sumnie
von Vorstellungen, die wir uns auf Grund psychoanalytischer Erfahrung
Über die Struktur und die Energetik des psychischen Apparates machen
können. S.: Freuds metapsychologische Arbeilen im V. Bande der
Gesamtausgabe seiner Werke.
Die Elastizität der psychoanalytischen Technik 395
auch die Übertragung loszuwerden, werden sie gewiss nicht
gerecht.
Als ein bisher unberührtes Problem weise ich auf eine mög-
liche Metapsychologie der Seelenvorgänge des Analytikers wäh-
rend der Analyse hin. Seine Besetzungen pendeln zwischen Iden-
tifizierung {analytischer Objektliebe) einerseits und Selbstkon-
trolle, respektive intellektueller Tätigkeit andererseits hin und her.
Während der langen Tagesarbeit kann er sich dem Vergnügen
des freien Auslebens seines Narzissmus und Egoismue in Wirk-
lichkeit überhaupt nicht, und in der Phantasie nur für kurze
Momente hingeben. Ich zweifle nicht daran, dass eine solche,
sonst im Leben kaum vorkommende Überbelastung früher oder
später die Schaffung einer besonderen Hygiene des Analytikers
erfordern wird.
Unanalysierte (wilde) Analytiker und unvollkommen geheilte
Patienten sind mit Leichtigkeit daran zu erkennen, dess sie an
einer Art „Analysierzwang" leiden; die freie Beweglichkeit der
Libido nach beendigter Analyse gestattet dagegen, dass man
zwar, wenn nötig, die analytische Selbsterkenntnis und Selbstbe-
herrschung walten lässt, sonst aber am naiven Lebensgenuss
keineswegs gehindert ist. Das ideale Resultat einer beendigten
Analyse ist also gerade jene Elastizität, die die Technik auch vom
Seelenarzte fordert. Wohl ein Argument mehr für die Unerläss-
lichkeit der „zweiten psychoanalytischen Grundregel".
Mit Rücksicht auf die, wie ich glaube, grosse Bedeutsamkeit
jedes technischen Ratschlages konnte ich mich nicht entschliessen,
den vorliegenden Aufsatz zu publizieren, ohne ihn vorher der
Kritik eines Kollegen unterworfen zu haben.
„Der Titel (Elastizität) ist ausgezeichnet", so lautete die
Äusserung eines Kritikers, „und verdiente auf mehr angewendet
396 S. Ferenczi
zu werden, denu Freuds Ratschläge zur Technik waren we-
sentlich negativ. Er hielt es für das Wichtigste, herauszuheben, |
was man nicht tun soll, die der Analyse widerstrebenden Versu-
chungen aufzuzeigen. Fast alles, was man positiv tun soll, hat er
dem von Ihnen eingeführten „Takt" überlassen. Dabei erzielte er
aber, dass die Gehorsamen die Elastizität dieser Abmachungen
nicht bemerkten und sich ihnen, als oh es Tabu- Verordnungen
wären, unterwarfen. Das musste einmal revidiert werden, aller-
dings ohne die Verpflichtungen aufzuheben." (
„So wahr das ist, was Sie über den ,Takt' sagen, so bedenk- <
lieh erscheint mir das Zugeständnis in dieser Form. Alle, die
keinen Takt haben, werden darin eine Rechtfertigung der "Will-
kür, d, h. des subjektiven Faktors (d. h. des Einflusses der unbe-
zwungenen Eigenkomplexe) sehen. Was wir in Wirklichkeit vor-
nehmen, ist eine meist vorbewusst bleibende Abwägung der ver- j
schiedenen Reaktionen, die wir von unseren Eingriffen erwarten,
wobei €8 vor allem auf die quantitative Einschätzung der dyna-
mischen Faktoren in der Situation ankommt. Regeln für diese
Abmessungen lassen sich natürlich nicht geben. Erfahrung und
Normalität des Analytikers werden darüber zu entscheiden haben.
Aber man sollte den Takt so seines mystischen Charakters ent-
kleiden."
Ich teile vollkommen die Ansicht meines Kritikers, dass
auch diese wie jede vorherige technische Anweisung trotz der
grössten Vorsicht in ihrer Abfassung unweigerlich zu Missdeutun-
gen, zu Missbräuchen führen wird. Zweifellos werden manche,
u. zw. nicht nur Anfänger, sondern alle, die zu Übertreibungen
neigen, meine Ausführungen über die Bedeutsamkeit der Ein-
fühlung zum Anlass dazu nehmen, das Hauptgewicht in der Be-
handlung auf den subjektiven Faktor, d. h. auf die Intuition zu
Die Elastizität der psychoanalytischen Technik 397
legen und den anderen, von mir als entscheidend hervorgehohe-
nen Faktor, die bewusste Abschätzung der dynamischen Si-
tuation, missachten. Gegen solche Missbräuche ist wohl auch
die wiederholte Warnung wahrscheinlich nutzlos. Habe ich es
doch erlebt, dass einzelne Analytiker meine vorsichtigen und
immer vorsichtiger werdenden Versuche der Aktivität dazu be-
nützten, um ihrer Neigung zur ganz unanalytischen, manchmal
sadistisch anmutenden Gewaltmassregel zu frönen. Es würde
mich also nicht wundern, wenn ich es nach einiger Zeit zu hören
bekäme, dass jemand meine Ansichten über die notwendige
Duldsamkeit des Analytikers als Grundlage einer masochistischen
Technik betrachtet. Und doch ist das von mir befolgte und
empfohlene Verfahren, die Elastizität, durchaus nicht gleich-
bedeutend mit widerstandslosem Nachgeben. Wh trachten zwar,
alle Launen des Kranken nachzufühlen, halten aber auch den
uns von der analytischen Erfahrung diktierten Standpunkt bis
zum Äussersten fest.
Den „Takt" seines mystischen Charakters zu berauben, war
gerade das Hauptmotiv, das mich zum Schreiben dieses Aufsatzes
bewog; ich gehe aber zu, dass ich dieses Problem nur ange-
schnitten, keineswegs aber gelöst habe. Bezüglich der Möglich-
keit zur Fassung auch positiver Ratschläge zur Abschätzung
gewisser typischer dynamischer Verhältnisse bin ich vielleicht
etwas optimistischer als mein Kritiker. Übrigens ist seine For-
derung, dasB der Analytiker erfahren und normal sein soll, unge-
fähr gleichbedeutend mit meiner Forderung, dass eine
beendigte Analyse des Analytikers die einzig verlässlicbe
Grundlage einer guten analytischen Technik sei. Selbst-
verständlich werden sich beim gut analysierten Analytiker die
von mir geforderten Einfühlungs- und Abschätzungsprozesse
nicht im unbewussten, sondern auf dem vorbewussten Niveau
abspielen.
r
398 S. Ferenczi
Offenbar angeregt durch die obigen Warnungen, drängt es
micb, auch eine andere der von mir hier geäusserten Ansichten
klarer auszudrücken. Ich meine den Satz, dass eine tief genug
reichende Charakteranalyse mit jeder Art von Über-Ich aufzu-
räumen hat. Ein gar zu konsequenter Geist könnte das so
ausdeuten, dass meine Technik die Menschen aller ihrer Ideale
berauben will. In Wirklichkeit richtet sich mein Kampf nur
gegen den unbcwusst gewordenen und daher unbeeinflussbaren
Teil des Uber-Ichs; natürlich hat er aber nichts dagegen einzu-
wenden, dass der normale Mensch in seinem Vorbewussten
auch weiterbin eine Summe von positiven und negativen Vor-
bildern beibehält. Allerdings wird er diesem vorbewussten
Uher-Ich nicht so sklavisch gehorchen müssen, wie vorher
der unbewussten Elternimago.
Psychoanalyse und Kriminologie
Vortrag, gehalten im „Verein f. angewandte Psychopathologie" in Wien
am 30. April 1928
Verehrte Kollegen!
Die freundliche Einladung, an Ihrer Diskuseion als Vertreter
der psychoanalytischen Richtung teilzunehmen, empfinde ich nicht
als persönliche Ehrung, sondern als Zeichen der beginnenden Äu<
erkennung unserer Forschungsmethode. Das Thema, das zur Dis-
kussion steht, ist ein Problem der angewandten Psychologie und
als solches von psychoanalytischer Seite her noch nicht genug
eingehend studiert, so dass es mir viel lieber gewesen wäre, die
Leistungsfähigkeit unserer Arbeitsweise an irgend einem Problem
der Neurosenpsychologie Ihnen vor Äugen führen zu dürfen;
doch auch zum vorliegenden Gegenstände dürften sich von der
Psychoanalyse her Anregungen zu künftiger Arbeit und zur kriti-
schen Revision bisheriger Anschauungen ergeben, die unsere Teil-
nahme an dieser Beratung einigermassen rechtfertigen.
Bekanntlich beginnen die meisten Vortrage mit einer Ent-
schuldigung; mein beutiger Vortrag muss sogar mit mehreren
eingeleitet werden. Die Stadt Wien ist das Athen der Psychoana-
lyse, wozu eine psychoanalytische Eule aus dem Nachbarlande
400
S. Ferenczi
r
t-
t.
l-
r
importieren? Zur Erklärung dieses Problems müssen wir wahr-
scheinlich das lateinische Sprichwort vom Propheten im eigenen
Lande heranziehen. Ich beruhige also mein Gewissen, indem ich
mich gleichsam nur als Auatauschpropheten betrachte.
Vor mehr als Jahresfrist wurde ich bereits zu einer ähnlichen
kriminologischen Beratung herangezogen. Es war in New York,
wo die hervorragendsten Psychiater und Juristen — erschüttert
Über einen neuerlichen Anstieg der sogenannten „Crime-wave" —
unter der Leitung eines unserer berühmten Kollegen eine intime
Zusammenkunft zur möglichst raschen Entscheidung in dieser
wichtigen Frage zusammenriefen. Die Zahl der Anwesenden belief
sich auf etwa 25 und jeder hatte etwas Wichtiges zu sagen. Der
Psychiater, der den einleitenden Vortrag hielt, gab ein düsteres,
aber in seiner Klarheit einleuchtendes Bild über die herrschenden
Zustände und über die Beziehungen des Verbrechertums zu den
Geisteskrankheiten. Ein Politiker fand die Ursache allen Übels
im herrschenden System, das verschiedenen Missbräuchen Tür und
Tor öffne. Ein Vertreter der „Mental Hygiene-Bewegung" teilte
uns mit, dass die Versuche, auf die Kriminalität durch ent-
sprechende Erziehung der Eltern, Lehrer und der Führer der
öffentlichen Meinung eindämmend zu wirken, bereits von einigem
Erfolg gekrönt seien. Ein begabter Universitätsprofessor, der das
Glück hatte, über die Summen aus einer der bekannten amerika-
nischen Millionen-FoundationB zu verfügen, erzählte uns, dass
sein Fonds bereits ein kleines Heer von Ärzten mobilisiert hat,
um genaue, medizinisch-statistische und psychologische Daten
über die Insassen einiger grossen Strafanstalten zu sammeln;
auch dieser Kollege äusserte sich ziemlich optimistisch über die
Zukunft seines Werkes.
Schliesslich wurde auch ich als Gast und als Vertreter der
Psychoanalyse aufgefordert, mitzureden. Ich erklärte mich un-
fähig, zur raschen Lösung dieses schwierigen Problems auch nur
l
4
i
i
n
Psychoanalyse und Kriminologie 401
das mindeste beizutragen. Es handle sich um ein wissenschaft-
liches Problem, das sich notgedrungea überhaupt nicht lösen
Hesse. Es sei Sache der Legislative und der Gerichte, im Falle
akuter Not abzuhelfen, die Wissenschaft aber müsse ruhig, wenn
auch mit erneutem Fleiss, ihre Forschungen fortsetzen. In Sachen
der Kriminalpsychologie müsse, so sagte ich, die Forschungsarbeit
eigentlich neu beginnen, seitdem uns die Psychoanalyse Mittel
an die Hand gegeben hat, das banale Schlagwort von der Deter-
miniertheit jeder menschlichen Handlung durch exakte Bestim-
mung der seelischen Determinanten zu ersetzen. Es müsse also
vorerst eine auch die unbewussten seelischen Regungen berück-
sichtigende Kriminalpsychologie geschaffen werden, bevor wir
als Ratgeber in diesen für das Individuum wie für die Gesellschaft
so wichtigen Angelegenheiten überhaupt in Frage kommen.
Ich gestehe, dass mir auch seit Jahresfrist nichts bekannt
wurde, was mich zur Änderung meiner damaligen Ansicht hatte
zwingen können. Ich glaube zwar, dass die Psychoanalyse auch
schon früher, besonders aber in den letzten Jahren wichtige Bau-
steine zu einer künftigen Psychologie des Verbrechertums geliefert
hat, doch sind diese Beiträge vorerst fast ausnahmslos rein theo-
retischer Natur und weit entfernt, dem Gesetzgeber oder dem
ausübenden Juristen mit praktischen Ratschlägen an die Hand
gehen zu können.
Die wenigen praktischen Vorschläge, die von psychoanalyti-
scher Seite ausgingen, sind rasch hergezählt. Sie erinnern sich
wohl alle jener Versuche, die auf Grund des Bleuler-Jung-
schen Assoziationsexperiments in der Schweiz und in Deutschland
gemacht wurden, um mit Hilfe der sich ergebenden sogenannten
Komplexmerkmale, das heisst der auffälligen Länge der Reaktions-
zeit oder der Sonderbarkeit des Reaktionswortes, die Schuld
oder die Schuldlosigkeit des Inkulpaten festzustellen. Es dürfte
Ihnen auch nicht unbekannt sein, dass die theoretische Kritik
Ferenczi, Bausteine zur Psychoanalyse. Ul. 26
402 S. Ferenczi
dieser Versuche seitens Freuds die praktische Anwendbarkeit
dieses Verfahrens sehr in Frage stellte. Das Assoziationsexperi-
ment, das man mit der Fünfteisekundenuhr in der Hand ausführt,
liefert nichts mehr zur Feststellung des Seelenzustandes des Be-
schuldigten als die gewöhnliche analytische Beobachtung. Das
Moment der Überrumpelung aber, die im Experiment enthalten
ist, mag zu Ergebnissen führen, die die Quelle von Justizirrtümern
werden könnten; zum Beispiel, jemand, der von der Tat etwas
weiss, und vielleicht nur als Zeuge in Betracht kommt, kann, wenn
überrumpelt, den Verdacht der Täterschaft auf sich lenken. Es
ist wohl nur eine Steigerung der Scheluexaktheit, wenn man das
Resultat der Assoziationsexperimente mit der gleichzeitigen Ein-
schaltung eines Apparates kontrollieren will, der die sogenannten
psychogalvaniachen Reflexkurven notiert.
In neuester Zeit ist es allerdings unserem Berliner Kollegen
Alexander, gelungen, im Falle eines Kapitalverbrechens die
Gerichte über die unbewussten Motive der begangenen Tat auf-
zuklären und hiedurch die Entlastung des Täters herbeizuführen.
Dieser unser Kollege neigt bezüglich dieser Art Anwendung der
Psychoanalyse in noch schwebenden Strafsachen einem gewissen
Optimismus zu. Ich, für meine Person, kann dieser Anschauung
einstweilen nicht beipflichten. Im Gegenteil, ich muss meine
früher geäusserte Meinung wiederholen, dass unsere Methode in
Fällen, die noch sub judice sind, unanwendbar ist. In der neurolo-
gischen Praxis bekommen wir nur Patienten zu sehen, die ein
starkes Interesse daran haben, uns die Wahrheit zu sagen, wissen
sie doch, dass sie nur bei uneingeschränkter Aufrichtigkeit in der
Mitteilung ihrer Einfälle und ihrer Lebensgeschichte auf die
von ihnen heiss ersehnte Gesundung Aussicht haben. Ähnliches
können wir von jenen voraussetzen, die nicht als Kranke, sondern
als Lernende zu uns in die Analyse kommen. Auch diese wissen,
dass die Übertretung des Aufrichtigkeitsgebotes ihren ganzen
Psychoanalyse und Kriminologie 403
Aufwand an Zeit, Mühe und Geld nutzlos machen würde. Wie aber
könnten wir von dem vermutlichen Täter einer verbrecherischen
Handlung erwarten, das. er uns seine Einfälle ohne Entstellung
preisgibt, wo doch das Bekennen der Schuld sicher zur Verurtei-
lung führen würde. Unser ganzes heutiges Strafrechtsverfahren
achtet das Recht des Angeklagten, alles zu tun und zu sagen,
womit er sich verteidigen kann, wohl auch alles zu verheimlichen,
was ihm schaden könnte. Eine Methode also, die die Aussagen
im guten Glauben an ihre Wahrhaftigkeit ihren Scblussfolge-
rungen zu Grunde legt, kommt während der Untersuchung oder
der Strafverhandlung kaum in Betracht. In ferner Zukunft winkt
uns allerdings die einstweilen noch utopische Möglichkeit,
dass im Verhandlungssaale, wohl auch in der menschlichen
Gesellschaft überhaupt, eine wohlwollende, man könnte auch
sagen liebevolle Atmosphäre auch Verbrechern gegenüber herr-
sehen wird, in der der Täter in kindlicher Zerknirschung vor der
gerechten Autorität selber alles gestehen und die ihm auferlegten,
man möchte sagen kriminal-therapeutischen Massnahmen mit
freudiger Hoffnung auf Genesung und im Gefühle der ihm zuteil-
gewordenen Verzeihung zur Kenntnis nehmen und ausführen
wird. Ich brauche Ihnen wohl nicht erst zu sagen, wie weit wir
von diesem Ziele entfernt sind, aber gerade in Ihrer Stadt ist es
einem ausgezeichneten Kenner der Kinderseele, dem auch analy-
tisch geschulten August Aichhorn gelungen, allerdings
nur im engeren Kreise der seiner Obhut anvertrauten verwahr-
losten Kinder der Gemeinde, diese Atmosphäre zu schaffen und,
einerseits durch analytische Behandlung der kriminell Veranlag-
ten oder so Gewordenen, andererseits durch Einbeziehung der
Eltern und Lehrer der Verwahrlosten eine grosszügige und bereits
erfolgreiche Kriminaltherapie in Gang zu setzen. Solche Beispiele
gestatten es, dass man bezüglich der Zukunft etwas weniger pessi-
mistisch wird. Im grossen und ganzen aber muss sich die prak-
404 S. Ferenczi
tische Hilfe, die wir der Kriminalistik leisten können, darauf
beschränken, dass wir uns bereit erklären, unser theoretisches
Rüstzeug allen Faktoren der Kriminalistik zur Verfügung zu stellen.
Und da ist der Ort, wo wir eine grosse Schwierigkeit des
psychoanalytischen Unterrichts nochmals betonen müssen. Man
kann allerdings durch Anhören von Vorträgen und durch eifrige
Lektüre einen Begriff davon bekommen, was wir Analytiker über
Inhalt und Wirkungsweise des unbewussten Anteils der Seele
wissen. Doch von der wirklichen Existenz dieses Unbewussten,
von seiner Bedeutsamkeit im Seelenleben und von der Art, wie
die Persönlichkeit durch die Überwindung der Widerstände gegen
seine Zurkenntnisnahme verändert wird, kann man sich nur über-
zeugen, wenn man sich selbst vorher einer Psychoanalyse unter-
zieht. Auch darf diese Vorarbeit keine Selbstanalyse sein, sie muss
von einem bereits Geschulten durchgeführt werden. Doch der
Erfolg lohnt die Mühe, denn erst die Aufhellung der Skotome
im eigenen Seelenleben, von denen keiner von uns frei ist, setzt
uns in den Stand, das Unbewusete unserer Mitmenschen lückenlos
zu durchschauen und die so gewonnenen Erkenntnisse richtig zu
verwerten. Eine solche Zumutung erscheint nur darum ungeheuer-
lich, weil wir uns in Sachen der Psychologie für geborene Ge-
lehrte hielten. Seit Freuds Entdeckungen mussten wir es lernen,
uns mit der narzisstischen Kränkung zu versöhnen, dass wir auch
bezüglich des eigensten Innern einer Belehrung von aussen be-
dürftig sind, und wenn dies die Bedingung des Wissens um das
Unbewusste ist, wird sich dieser Forderung des Analysiertseins
niemand entziehen können, der als Arzt, Lehrer oder Richter
praktischen Einfluss auf das Schicksal von Mensehenseelen zu
nehmen wagt und vor dem Vorwurf der Oberflächlichkeit ge-
feit sein will.
Die nächste Aufgabe der Psychoanalyse wäre also, die Fach-
kreise auch analytisch auszuhilden. Als Gegenleistung würden wir
1
.u_
Psychoanalyse und Kriminologie 405
von den Behörden fordern, dass sie uns das Material der Ge.
fangenenanstalten für die Zwecke der Untersuchung der bereits
verurteilten geständigen Verbrecher überlassen. Wir haben alle
Hoffnung zu glauben, dass diese unter möglichst methodischer
und einheitlicher Leitung anzustellenden psychoanalytischen Un-
tersuchungen nicht nur ein reiches Archiv für eine zukünftige
wirkliche Kriminalpsychologie liefern, sondern auch den Unter-
suchten zum Heile gereichen dürfte.
*
Das ist so ziemlich alles, was ich Ihnen von der heutigen
praktischen Nutzanwendung psychoanalytischer Kenntnisse als
möglich hinstellen kann. Viel interessanter und erfolgversprechen-
der sind die Annäherungen an die kriminalpsychologische Theorie
von der Neurosenlehre her. Da bin ich allerdings des so oft ge-
hörten Widerspruchs gewärtig, dass man die Erfahrungen bei
Neurotikern nicht ohne weiteres auf Gesunde übertragen darf.
Nun, mit diesem „Ohneweiteres" bin auch ich einverstanden.
Keinem Verständigen wird es einfallen, Erfahrungen an Neuroti-
kern en bloc auf Seelenvorgänge Gesunder anzuwenden. Prof.
Freud zumindest hat sich solche Oberflächlichkeiten nie zu
Schulden kommen lassen. Wenn er, zum Beispiel, im Zeremoniell
der Zwangskranken Züge wiederfindet, die im Ritual religiöser
Sekten gang und gäbe sind, so fällt es ihm nicht ein, Zwangsneurose
und Frömmigkeit völlig zu identifizieren, im Gegenteil, er betont
die wesentlichen Unterschiede, insbesondere bezüglich der sozialen
Natur der Religionsgebräuche und der Asozialität der Neurotiker.
Ähnlich wertet er die Ähnlichkeiten und Unterschiede der hyste-
rischen Produktionen der Hysteriker mit den Leistungen künst-
lerischer Naturen und die Beziehungen spekulativ-philosophischer
Lehrgebäude zu paranoischen Wahnsystemen.
Vor der Beendigung der erwähnten kriminalanalytischen
406 - , . S. Ferenczi
Untersuchungen wissen wir übrigens nicht, ob und wieviel von
der Kriminalität in die Rubrik Neurose gehört und wieviel auch
ohne Annahme neurotischer Mechanismen wird erklärt werden
können. Meine Vermutung geht dahin, daes die Lösung dieses
Problems keine einheitliche sein wird. Das Begehen einer Straftat
an sich ist sicherlich kein bestimmtes Zeichen einer bestehenden
Neurose, gibt es doch unzählige Verhältnisse, die auch den Ge-
sündesten zur Verübung einer für gewöhnlich verurteilten, weil
antisozialen Tat drängen können. Bezüglich der restlichen Fälle,
die wir also als neurotisch erkennen, wird sich aber auch die
Frage erheben, ob die Kriminalität eine besondere Art der Neu-
rosen repräsentiert, oder nur eine gefährlichere Form der uns
schon bekannten neurotischen Krankheitsbilder darstellt.
Es gibt ein Gebiet, das sich Kriminalpsychologie und Neuro-
senlehre streitig machen. Die sogenannten sexuellen Perversionen
sind einerseits verbotene Handlungen, die vom Gesetze geahndet
werden, weil sie die Sicherheit der Gesellschaft und auch einzelner
Individuen gefährden, anderseits bilden sie gelegentlich den
Gegenstand psychoanalytischer Behandlung. Ich sage „gelegent-
lich", weil die Mehrzahl der sogenannten Perversen, und zwar
gerade die Gefährlicheren, mit ihrem Zustande und ihren Hand-
lungen ganz einverstanden sind und nichts Hegt ihnen ferner, als
dagegen ärztliche Hilfe zu suchen. Gestützt auf Freuds Sexual-
theorie, können wir diese als Personen betrachten, die an ein
frühes Stadium der sexuellen Entwicklung fixiert blieben, oder
auf eine solche Stufe regrediert sind. In den meisten Fällen, die
wir zu sehen bekommen, ist der Konflikt zwischen der Anziehung
der perversen Neigung und zwischen der Tendenz zur Normalität
noch nicht abgeschlossen, oder nicht vollkommen gelungen, und
mit Hilfe dieses neurotischen Anteiles lässt sich die Behandlung
solcher Fälle mit einiger Aussicht auf Erfolg in Angriff nehmen.
Das, was die Perversion mit anderen verbotenen Handlungen
I
1
I
i
i
Psychoanalyse und Kriminologie
407
gemein hat, ist der stärkere Impuls zur Ausübung, oder der
schwächere Widerstand gegen die Anziehung von Tendenzen, die
in der Entwicklung auch des Normalmenschen vorübergehend
eine Rolle spielten, deren Reste in gewissen Vorlustaktionen,
noch mehr aber in den Äusserungen des normalen Unhewussten,
zum Beispiel im Traume, zur Geltung kommen. Im ganzen und
grossen handelt es sich also bei den Perversionen um sogenannte
Infantilismen. Vermutlich werden die Einzeluntersuchungen bei
sehr vielen Kriminellen zum selben Ergebnis führen, sie werden
sich als Entwicklungshemmungen oder als Rückfälle auf frühere
Stufen erklären lassen. Vom Studium der Perversionen und der
sogenannten Süchte (wie Alkoholismns, Morphinismus) her er-
öffnet sich ein Blick auf die wahracheinlichen Techniken einer
zukünftigen Kriminaltherapie. Wir wissen, dass in einem grossen
Teil solcher Fälle die analytische Behandlung allein nicht hin-
reicht, gewisse Erziehungsmassnahmen, wie zum Beispiel Schutz-
haft, Anstaltsbehandlung, sind in manchen Fällen unerlässlich.
E6 ist also wahrscheinlich, dass sich die Gesellschaft, auch wenn
sie noch so milde und einsichtsvoll mit den Kriminellen verfahren
wird, in einer grossen Zahl der Fälle die Kriminaltherapie unter
Bewachung der zu Heilenden wird ausführen müssen. Die neuesten
Untersuchungen AnnaFreuds über die Art, wie die Analyse
auch hei noch unverantwortlichen Kindern durchzuführen ist,
dürfte uns irgend einmal der Wegweiser bei der praktischen Be-
handlung jener gefährlichen grossen Kinder sein, die wir Ver-
brecher nennen; wahrscheinlich wird man die Analyse auch hier
mit Erziehungsmassnahmen vermengen müssen.
Ein anderer Weg zur Erforschung der Kriminalität eröffnet
eich von jenen neueren Leistungen der psychoanalytischen The-
rapie her, die wir unter dem Namen von Charakteranalysen zu-
sammenzufassen pflegen. Wie Sie wissen, hat sich die Psycho-
analyse aus sehr bescheidenen Anfängen zu dem hereits respek-
^
408 S. Ferenczi
tablen Gebäude entwickelt, als welches es sich heute präsentieren
kann. Ursprünglich wollte sie bloss einzelne neurotische Krank-
heitssymptome beseitigen. Im Laufe dieser Bestrebungen gelang es
ihr, bis zu den Triebgrundlagen der Persönlichkeit vorzudringen
und gewisse Neurosenarten auf spezielle Triebanteile zurück
zuführen, zum Beispiel die rücksichtslosen Selbstbestra
fungstendenzen und die unerbittliche Pedanterie der Zwangs
neurotiker auf eine stärkere Dosis von Sadismus und Analerotik
gewisse körperliche Äusserungen der Hysterie auf stärkere Be
tonung der infantilen phallischen Periode mit nachträglicher
Verschiebung der Genitalität auf die verschiedensten Körperteile
und Sinnesorgane usw. Im Laufe dieser und ähnlicher Unter-
suchungen gelang es Freud, gewisse übertönte Triebanlagen
der Infantilzeit mit ganz bestimmten Charakterzügen des erwach-
senen Lebens in genetischen Zusammenhang zu bringen und im
Laufe einer analytischen Kur nicht nur Symptome zu heilen,
sondern auch die Härte von Charaktereigenschaften zu mildern.
Die berühmte Frage also, ob Verbrechertum angeboren ist oder
nicht, lässt sich aller Voraussicht nach auch schon jetzt dahin
beantworten, dass nicht das Verbrechen als solches, das heisst der
Mangel an Anpassungsfähigkeit, sondern wahrscheinlich die
stärkere Betonung der einen oder der anderen Triebanlage die
konstitutionelle Grundlage ausmacht, die dann die Anpassung
an die Gesellschaftsordnung erschwert und zum Konflikt mit der
sozialen Umgebung, die die Äusserungen der Triebe hindern oder
mildern will, später zum Verbrechertum führt. Die Psychoanalyse
neigt übrigens zur Anschauung, dass die Bedeutung des Konstitu-
tionellen hei der Neurose und wahrscheinlich auch bei der Krimi-
nalität bisher einseitig betont wurde. In Unkenntnis der — von
der Psychoanalyse entdeckten — infantilen Amnesie, das heiast
der Tatsache, dass wir die Erfahrungen der ersten Kinderjahre,
mit Ausnahme weniger Deckerinnerungen, frühzeitig verdrängen,
•
■i'i
Psychoanalyse und Kriminologie 409
konnte man nicht anders, als das Mitgeborensein fast aller Charak-
terzüge, so auch der kriminellen, annehmen. Die Analyse dagegen
hat uns gezeigt, dass auch die normale Anlage unter ungünstigen
Verhältnissen oder unter dem Einflüsse von traumatischen Er-
lebnissen, die aber vom Kinde verdrängt, von dem Erwachsenen
wegen ihrer anscheinenden Bedeutungslosigkeit gar nicht beachtet
werden, in eine pathologische oder kriminelle verwandelt werden
kann. Es kann also sein, dass ein relativ normal geborenes Kind
frühzeitig in die sogenannte kriminelle Richtung getrieben wird,
zum Beispiel der Knabe zum schlimmen Jungen wird und auf alle
den Eindruck eines geborenen Verbrechers macht, wahrend er
in Wirklichkeit sein ganzes Leben lang unter einem sogenannten
■Wiederholungszwange bandelt, das heisst, dem Zwange, die patho-
genen Traumata unter den verschiedensten Umständen immer
und immer zu wiederholen. Es gelingt manchmal der Psycho-
analyse, durch Wiederauffrischung des alten Konflikts und durch
dessen günstigere Lösung dem Wiederholungszwange ein Ende zu
bereiten, also gleichsam den Charakter des Menschen und nicht
nur seine Symptome zu heilen. Auch diese Tatsache gestattet uns,
der zukünftigen Entwicklung der Kriminaltherapie, besonders der
bisher für unbeeinflussbar geltenden rückfälligen Verbrecher, mit
etwas mehr Hoffnung entgegenzusehen.
Den Eingeweihteren unter Ihnen dürfte es bekannt sein, dass
die Psychoanalyse im letzten Jahrzehnt endlich dazu kam, nebst
der Analyse und der Entwicklungsgeschichte der Triebanlagen
auch das Studium der sich den Trieben entgegensetzenden Schich-
ten der Persönlichkeit nicht nur in Angriff zu nehmen, sondern
zu einem gewissen, wenn auch nur vorläufigen Abschluss zu brin-
gen. Prof. Freud sah sich zur Annahme gezwungen, dass dieses
verdrängende Ich, das sich den Trieben, die den innersten Kern
der Persönlichkeit, das sogenannte „Es" ausmachen, entgegensetzt,
selber nicht einheitlich ist. Ein grosser Teil des Ichs, das sich, wie
410 S. Ferenczi
wir glauben, als modifizierter Anteil des Es an seiner Peripherie,
das heisst, an der Grenze zwischen der Person und der Umwelt
etabliert, bleibt zeitlebens damit beschäftigt, uns vor drohenden
äusseren Gefahren und vor gefährlichen Triebimpulsen zu warnen.
Es gibt aber gewisse besonders bedeutsame und gefährliche Ob-
jekte in der Aussenwelt, die gerade wegen ihrer Bedeutsamkeit
und Gefährlichkeit sich eine besondere und vom übrigen Ich
einigermassen unabhängige Vertretung erzwingen. Diese Objekte
sind jene Personen, die uns als wohlwollende oder als böse, hinder-
liche Mächte vom Anfang an entgegentreten. Wir wissen bereits
das typische Schicksal dieses Verhältnisses zwischen dem Kinde
und dem Elternpaare. Ehe Sie, verehrte Kollegen, sich vom Gegen-
teil nicht aus eigener Erfahrung überzeugt haben, müssen Sie
es auf Treu und Glauben hinnehmen, dass es einen sogenannten
Ödipuskonflikt gibt, in dem das Kind im Kampf um den gegen-
geschlechtlichen Elternteil mit dem gleichgeschlechtlichen unter-
liegt. Ich bitte diejenigen unter Ihnen, die keine Gelegenheit
haben, analytisch zu arbeiten, vor dem Schlagwort Ödipuskomplex
nicht allzu sehr zu erschrecken. Diese Rivalität des Sohnes mit
dem Vater ist eine Kinderkrankheit, die wir alle durchmachen
müssen, die aber nur bei den Neurotikern unerledigt bleibt. Bei
denen, die gesund bleiben sollen, erledigt sich die Rivalität durch
den merkwürdigen Prozess der Identifizierung. Der Knabe, der
bisher den Vater um die Gunst der Mutter beneidete und zu be-
kämpfen suchte, gibt diese unmöglichen Pläne auf, beginnt statt
dessen den Vater nachzuahmen, sucht seine Hilfe und Unter-
stützung zu erlangen und, mit einem Wort, er nimmt ihn zum
idealen Vorbild, in der Hoffnung, einmal selber ao ein mächtiger
und imponierender Vater werden zu können. Später kann der
Einfluss dieses leibhaftigen Vaters untergehen, aber die Sehn-
sucht nach dem Ideal bleibt bestehen, sie wird auf Lehrer und
Heroen übertragen, schliesslich vielleicht nur auf gewisse Moral-
Psychoanalyse und Kriminologie ^i^
* •
Prinzipien, die in seinem Ich allmählich die warnende, lobende
und strafende Rolle des Vaters übernehmen. Diesen Teil des Ichs
nennt Freud das Über-Ich und glaubt, dass es auf diesem Wege
der Introjektion äusserer strafender Mächte auch zur Bildung
jener sonderbaren inneren Macht kommt, die wir Gewissen nennen.
Nun sehen Sie, warum ich diesen Umweg über den Ödipuskomplex
machen musste. Da das Gewissen, wie wir glauben, hauptsachlieh
aus dem Detritus des Ödipuskomplexes, sozusagen als Schutz-
massnahme dagegen entsteht, muss die Kriminalpsycholog.e, d,e
die Ursachen der Schwäche oder der Stärke des Gewissens vor
allem zu prüfen haben wird, in jedem Falle von Kriminahtat den
Sehickaalen des Ödipuskomplexes nachforschen. Es ist voraus-
zusehen, dass es sich in sehr vielen Fällen um eine Störung der
normalen Erledigung dieses Komplexes handeln dürfte. Ich weiss
im vorhinein, dass dies der Punkt ist, der auf den stärksten Wider-
stand hei Ihnen zu rechnen hat, es wäre aber für mich ein Sacri-
ficium intellectus, würde ich, mit Rücksieht auf Ihre diesbezügliche
EmpEndlichkeit, diese unsere nunmehr auf jahrzehntelanger Er-
fahrung beruhende Überzeugung vorenthalten.
Von unerwarteter Seite empfing die Psychoanalyse eine Be-
stätigung dieser ihrer Anschauungen über den dunklen Hinter-
grund unserer Moralvorschriften. Es war die glänzende Unter-
suchung über die Kultur der Primitiven, besonders über die
Genese der sogenannten Tabu- und Totem- Vorschriften der Wilden
Australiens, in der uns Freud eine glänzende phylogenetische
Parallele zur Individualgeschichte der Über-Ich-Bildung geschenkt
hat. Gestützt auf das grosse Sammelwerk des englischen Ethno-
logen F r a z e r, auf geistvolle Reproduktionsversuche des Lebens
der primitiven Urhorde seitens Darwins und Robertson-
S m i l h 8, kam F r e u d zur Überzeugung, dass wir in unseren
moralischen Traditionen, vielleicht aber auch schon in der An-
lage die Erinnerung, und damit gleichsam auch die Mitschuld an
412 S. F
erenczi
einem grossartigen Verbrechen als das Erbe unserer Vorfahren
mitbekommen. Diese dürfte die psychologische Basis der Erbsünde
sein, die uns schon kleine Verfehlungen gegen die elterliche
Autorität unbewusst als tödliche Sünde empfinden lässt und aus
der die oft übertrieben harten Selbstanklagen und Selbstbestra-
fungen entspringen.
Ich bitte Sie, verehrte Kollegen, diese Zerlegung der PereÖn-
lichkeit in Es, Ich und Über-Ich, das dynamische Kräftespiel in
diesem Schema nicht etwa als leere wissenschaftliche Spielerei
zu betrachten. Ich kann Ihnen versichern, dase uns dieses Schema
bei der Erklärung vieler Neurosen bereits unschätzbare Dienste
geleistet und die Erklärung des manisch-depressiven Irreseins
von der psychologischen Seite her das erstemal ermöglicht hat.
In gleicher Weise hilft die psychoanalytische Auffassung des Tabus
das grosse Schuldbewusstsein bei den Neurotikern besser verstehen.
Es ist keine künftige Kriminalpsychologie denkbar, die sich mit
diesen Neuerwerbungen der psychoanalytischen Lehre nicht aus-
einandersetzt.
In diesem Zusammenbange habe ich noch mitzuteilen, dass
es Prof. Freud bereits gelungen ist, einen besonderen Typus
des Verbrechers zu isolieren; es sind dies die sogenannten Ver-
brecher aus Schuldbewusstsein. Er stellte fest, dass es Fälle gibt,
in denen das Schuldgefühl des Präexistente ist, während die Straf-
tat selbst aus einem dunklen Drange entsprang, die Spannung
aus dieser Gewissenspein irgendwie abzuführen, zugleich mit ihrer
Hilfe die bisherige innere Peinigung durch äussere Bestrafung ^
ablösen zu lassen.
Der Wiener Psychoanalytiker Dr. Theodor R e i k hat diese
Beobachtungen Freuds in einer brillanten Monographie zur
Grundlage der ganzen psychoanalytischen Kriminologie und Straf-
rechtstheorie genommen. Es ist als sicher anzunehmen, dass seinen
Ausführungen ein ehrenhafter Platz in einer zuknüftigen Kriminal-
■
'
I',
Paychoanalyse und Kriminologie
413
Psychologie gebühren wird. Sie werden sich aber eine Erweiterung
gefallen lassen müssen, wollen Sie alle beim Verüben von Ver-
brechen gegebeneu Möglichkeiten umfassen. Wenn wir nämlich
wieder die uns von Freud gegebene Zusammengesetztheit der
Persönlichkeit aus einem Trieb-Ich (Es), aus einem Real-Ich (das
eigentliche Ich) und einem Über-Ich (das moralische Ich) uns vor
Augen halten, so kann die Ausführung einer Triebhandluag min-
destens aus drei verschiedenen Quellen stammen: aus der über-
grossen Stärke der Triebgrundlage, deren Kontrolle durch die
ihr vorgesetzten Ichorganisationen nicht gelingt, dann aus der
Schwäche des Real-Ichs, oberflächlich gesagt, der intellektuellen
Urteilsfähigkeit und erst an dritter Stelle kommt die Freud-
R e i k sehe Möglichkeit des Verbrechens aus Schuldbewusstseia
in Betracht, die in der sadistischen Übermoralität des Über-Ichs
ihre Erklärung findet. Wir können übrigens darauf gefasst sein,
dass die kriminalanalytische Praxis auch noch neue Modalitäten
der Psychogenese der Kriminalität zutage fördern wird. Ich hatte
zum Beispiel Gelegenheit, bei einem Besuche im grosszügig ge-
leiteten Saint Elizabeth Hospital in Washington in die vorläufigen
Ergebnisse der Untersuchungen an geisteskranken Verbrechern
durch Dr. K a r p m a n Einblick zu gewinnen. Dieser junge
Forscher nimmt an, dass ein grosser Teil der Kriminellen infolge
ungünstiger Milieueinflüsse überhaupt kein Über-Ich entwickelt
hat und erst die liebevolle Erziehung in der Anstalt vermochte,
die ersten Anzeichen auch dieser seelischen Anlage zum Vorschein
zu bringen; wie Sie sehen, ein neuerlicher Beweis für die fast
unvermeidliche Vermengung von rein psychoanalytischen und von
erzieherischen Einflüssen bei der Behandlung von Verbrechern.
Ich sprach vorhin von einem Sadismus des Über-Ichs; das
will besagen, dass nach der analytischen Auffassung die Moralitat
nicht wie ein deus ex. machina in unsere seelische Maschinerie
eingreift, sondern als Reaktionsbildung gegen die eigenen Trieb-
414 S, Ferenczi
regungen, mit anderen Worten: die Psychoanalyse gibt jenen |
Frommen recht, die da behaupten, dase wir alle arme Sünder sind.
Der Unterschied zwischen uns und dem Verbrecher ist nur der, ,
dass dem letzteren aus einem der vorhin erwähnten Gründe die
Fähigkeit abgeht, die egoistischen Bestrebungen zu kontrollieren. ;
Je stärker die Trieb- oder verbrecherische Anlage, umso strenger 1
muss die Moralität werden, und es ist verständlich, wenn gelegent-
lich die scharfe Selbstbeobachtung und Selbstkonirolle zu einer \
übertriebenen Selbstbestrat'ungstendenz ausartet. Auch die über- ;
starke Tendenz, bei andern nach verbrecherischen Handlungen zu
fahnden, lässt sich letzten Endes als Schutzvorrichtung gegen
die eigenen Triebe sowie als Wunsch nach Beseitigung der bösen
Beispiele auslegen, die einen in Versuchung bringen können.
Der überraschende, logisch nicht motivierbare Geständnis- i
zwang so vieler Verbrecher und die unverkennbare Beruhigung, |
die nach abgelegtem Geständnis trotz der drohenden Strafe den
Verbrecher erfüllt, ist ein eprechender Beweis für die Grösse der
Pein, die diese Selbstbestrafung durch Gewissensangst verursachen
kann. Dr. R e i k ist optimistisch genug zu hoffen, dass eine Zeit ;
kommen mag, in der äussere Strafen überhaupt überflüssig sein
werden und das Strafverfahren in der Überführung und der vollen
Bewusstmachung der Tragweite der Tat bestehen wird, wonach
der Inkulpat der Bestrafung durch das eigene Gewissen überliefert ,
wird. Uns dünkt, dass man der äusseren Strafe noch lange Zeit nicht ]
wird entraten können und dass das Gewissen der Menschen nicht
ßo gefestigt ist, dass wir ihm den Strafvollzug überlassen können.
Im Prinzip muss man allerdings zugeben, dass das wirkliche,
sich auch auf das Unbewusste erstreckende Wissen eine Macht sei,
die zur Mitteilung drängt. Wir dürfen ja nicht vergessen, dass i
das Denken gleichsam nur ein zwischen Fühlen und Wollen '
eingeschalteter Rheostat ist. Ist die Denkarbeit so vollkommen ;
beendigt, dass wir zu einer Überzeugung gelangen, so öffnen sich, '
t
Psychoanalyse und Kriminologie 415
wie von selbst, die Schleusen der Motilität und wir fühlen Emotio-
nen, Handlungs- und Redeimpulse, die der gewonnenen Über-
zeugung entsprechen. Man kann also vermuten, dass nicht nur die
angelernten, von Autoritäten übernommenen Prinzipien des Uber-
Ichs, sondern dass aus wirklichem Wissen gestützte Überzeugung
die Kraft oder zumindest die Tendenz hat, Ungerechtigkeiten zu
beseitigen, was wir mit Rücksicht auf das verdächtige Schwanken
der autoritäten Gewalten als eine tröstliche Aussicht begrüssen
müssen. Man könnte dem noch hinzufügen, dass Aufrichtigkeit
und Gerechtigkeit eigentlich auch eine Sache der Bequemlichkeit
ist. Dem vorhin erwähnten Satze, dass wir alle arme Sünder sind,
können wir also getrost die andere Feststellung Freuds an die
Seite stellen, dass wir im Unbewussten auch moralischer sind, als
wir zu sein wähnen. Es genügt wohl, hier auf die verschämte
Moralität der Zyniker und auf die Häufigkeit der Strafträume
bei ihnen hinzuweisen.
Einen neuen Zugang zum Verständnis sadistischer Triebhand-
lungen, wohl auch des gegen sich selbst gerichteten Sadismus,
eröffneten Freuds Versuche zur Grundlegung einer psycho-
analytischen Trieblehre. Einen Gedankengang zu Ende verfolgend.
dessen auch ich nicht entraten konnte, hat bekanntlich Freud
das Lustprinzip, das heisst die Unlustflucht und das Lustsuchen
als das Grundmotiv aller Äusserungen der Seele, wohl auch des
Körpers, annehmen müssen. Der Zweck jeder Triebhandlung ist
also die Ruhe und das Ende aller Triebhandlungen, vielleicht
auch ist ihr Endzweck der Tod. Nun lässt sich die Ruhe auf zwei
"Wegen erreichen, auf direktem Wege durch den Tod, das heisst
durch die Zerstörung aller lästigen und beschwerlichen Lebens-
arbeit, oder durch die Anpassung an die Schwierigkeiten der
Umwelt. Die Lebenstriebe sind Diener der Anpassung, die Todes-
triebe locken ständig in die Regression zum Anorganischen. Nun
glaubt Freud, dass die sadistischen Triebkomponenten nach
416
S. Ferenczi
aussen gewendete, aggressiv gewordene SelbstzerBtörungsimpulse
sind. Im Verbrechen und im Selbstmord gelingt es diesen de-
struktiven Mächten, die normalerweise zu sozialer Tätigkeit und
zum Bemächtigungsanteil der sexuellen Triebausserungen gezähmt
sind, ihre elementare und rohe Äusserungsart wiederzugewinnen.
Die Einzeluntersuchungen, die wir über diese Vorgänge bei den
verschiedenen Neurosenformen bereits anstellen können, werden
einmal ein Licht auch auf die Bedingungen werfen, unter denen
diese schädlichen Triebe in verbrecherischen Taten sich austoben
müssen. Die Kenntnis dieser Triebschicksale wird vielleicht einmal
auch die erzieherische Prophylaxe der Kriminalität und die Rück-
führung der gefährlich gewordenen Antriebe in die Kanäle der
Sublimierung ermöglichen.
Wie Sie sehen, ist es uns Psychoanalytikern zur Gewohnheit
geworden, die Vorgänge im Seelenleben als ein Spiel von Trieb-
energien auf festgelegten, entwicklungsgeschichllich erklärbaren
Mechanismen vorzustellen. Man wird uns fragen, ob in einem
solchen System von Mechanismen Raum ist für das, was ma«
Verantwortlichkeit nennt und was man bei Gewissensbissen oder
bei Ablehnung einer strafbaren Handlung subjektiv empfindet.
Oder schliesst sich die Psychoanalyse jenen Strafrechtstheorien an,
die gestützt auf das Prinzip des Determinismus die wissenschaft-
liche Berechtigung des Problems der Verantwortlichkeit von vorn-
herein abiebnen? Wäre es wirklich wahr, dass Determinismus mit
Verantwortlichkeit unverträglich ist, so müsste die Psychoanalyse
sich für einen entschiedenen Leugner jeder Verantwortlichkeit
erklären, ist es doch bekannt, dass sie — wie keine andere psycho-
logische Richtung — auf das feste Gefüge des psychischen Deter-
minismus schwört; und doch antwortet Freud auf die Frage,
ob wir die Verantwortung für unsere Triebhandlungen übernehmen
sollen, mit der verblüffenden Gegenfrage, was sollen wir denn
sonst mit ihnen anfangen?
Psychoanalyse und Kriminologie 417
Um diesen anscheinenden Widerspruch aufzulösen, muss ich
Erfahrungen heranziehen, die uns ein besonderes Kapitel der
psychoanalytischen Praxis schenkte. Ich meine die analytische
Erklärung all jener Verfehlungen der geistigen Tätigkeit und der
körperlichen Leistung, die Freud in seinem Buche „Z u r
PsychopathologiedesAlltagsleben8"mitso vielen
Beispielen belegte. Das anscheinend nur rein zufällige Versprechen,
Vergessen, Vergreifen, Verlegen, ein grosser Teil unserer Irrtümer
und komplizierten Fehlhandlungen erweist sich, wenn wir sie mit
dem technischen Hilfsmittel der Psychoanalyse untersuchen, als
durch unseren Willen, allerdings durch unbewusste Willensvor-
Btellungen bestimmt. Im Laufe einer analytischen Behandlung
muss der Patient oder Schüler lernen, seine Verantwortlichkeit
auch auf diese unbewussten Tendenzen auszudehnen und es ge-
lingt ihm, mit Hilfe der erweiterten Verantwortlichkeit, vieler
bisher für fatalistische Notwendigkeit gehaltener unwillkürlicher
Akte Herr zu werden. Es folgt daraus, dass die Psychoanalyse die
Tatsache der Verantwortlichkeit nicht nur anerkennt, sondern ihr
eine bisher ungeahnte Leiatungsfähigkeit beimisst.
Und das verträgt sich ganz gut mit ihrer deterministischen
Grundlage. Ea ist eben determiniert, dass wir in unserer Ich-
Organisation eine psychische Macht besitzen, die die Triebäusse-
rungen hemmen oder auch unterdrücken kann. Natürlich ist diese
Triebbeherrschung nicht identisch mit der Willensfreiheit der
Philosophen, sie ist selber ein Entwicklungsprodukt und in ihrer
Stärke individuell verschieden. Ihre Existenz ist aber unleugbar,
ja ihre künftige Weiterentwicklung gehört gleichfalls zu den
Hoffnungen der analytischen Kriminologie.
Ganz kurz will ich noch auf zwei Gebiete hinweisen, auf
denen die unter gewissen Umständen eintretende Einschränkung
der Verantwortlichkeit von der Psychoanalyse nachgewiesen wurde.
Es sind dies die Erscheinungen des Massenpsyche und des gemein-
Ferenczi, Bausleine zur Psychoanal>;s«. ni. ' 27
418 S. Ferenczi
samen Kunstgenusses. In der Masse fühit sich der Mensch unver-
antwortlich, er wird gleichsam wieder zum Kinde, für dessen
Handlungen der mit beiuahe väterlicher Macht ausgestattete
Führer allein die Verantwortung trägt. Der Künstler aber vermag
das ästhetische Interesse der Masse sozusagen durch Gaukelspiele
derart zu fesseln, dass sie sich im Uahewussten dem Cenuss sonst
verbotener Seelenregungen, ungeplagt von Gewissensangst, hin-
geben kann. Massenbewegungen, wie Kriege und Revolutionen,
verschafften denn auch der Psychoanalyse die traurige Genug*
tuung, dass die von ihr immer behauptete Existenz verdrängter
verbrecherischer Neigungen des Seelenlebens ad oculoa demon-
striert wurde.
Nun sind Sie aber des vielen Theoretisierens recht müde!
Zum Glück fällt es mir ein, dass ich eine nicht unwichtige analy-
tische Quelle der praktisch-kriminologischen Erfahrung zu er-
wähnen vergaas, nämlich die Beobachtungen, die wir im Laufe
unserer Analysen über wirklich begangene Verfehlungen und
Straftaten gesammelt haben. Lassen Sie mich also meinen heutigen
Vortrag mit der Erzählung eines Fragments aus einer solchen
Analyse beendigen. Es handelt sich um einen Arzt, der zu Zwecken
der Lehranalyse in Behandlung ging. Da er über kein ausge-
sprochen neurotisches Symptom verfügte, bestand seine Analyse
hauptsächlich in der Rekonstruktion der Psychogenese seines
Charakters. Auf diesen Charakter war er nicht wenig stolz. Er
gehörte zu jenen, die sich auf ihren Wahrheitsfanatismus etwas
zugute tun. Er war unter anderem gerichtlicher Sachverständiger
und ständiger Mitarbeiter einer medizinischen Zeitschrift, die sich
als Hüterin der ärztlichen Berufsmoral hervortat. Sein Ideal war
der Schriftleiter jener Zeitung, der sozusagen als strafende Instanz
jede Scheinwissenschaftlichkeit, jede unerlaubte Reklame, jede
Unanständigkeit und finanzielle Unsauberkeit bis aufs Blut ver-
folgte. Der in Analyse befindliche jüngere Kollege hatte als hoch-
Psychoanalyse uad Kriminologie 419
Btes Ziel vor Äugen, einmal die hohe justizärztliche Stellung und
den redaktionellen roten Stift seines verehrten Freundes zu erben.
Als er in die Analyse kam, war allerdings seine Selbstzufriedenheit
durch die Autoanalyse einigermassen geknickt, wie Ihnen das
folgende kleine Beispiel beweisen kann: Mehrere Jahre vor der
Analyse geschah es, dass eines Tages in einer gegnerischen medizi-
nischen Zeitung ein ironisches Entrefilet erschienen ist, in dem
erzählt wurde, dass ein junger Kollege, der sich in der Verfolgung
der Reklamesucht hervortut, in einem vielgelesenen Buche der
medizinischen Leihbibliothek einen an ihn gerichteten Brief liegen
Hess, damit alle Welt erfahre, dass ein sehr hoher staatsrechtlicher
Dignitär ihn zu einem Konsilium berief. Unser Kollege, den wir
vorläufig Dr. X nennen wollen, griff sich an den Kopf, da in der Tat
er es war, dem diese hohe Ehre ziemlich unerwartet zufiel; und
der Brief war tatsächlich verschollen. Tm Bewusstsein seiner Un-
schuld griff er den spöttischen Kollegen energisch au, es kam zu
einer erbitterten ZeJtungsfehde, in der fast alle Welt an seiner Seite
stand, kannte man doch seinen besonders untadelhaften Charakter.
Im Laufe seiner Selbstanalyse musste er aber in Gedanken seinen
satyrischen Kollegen um Verzeihung bitten. Er musste sich mehr
und mehr mit der Möglichkeit befreunden, dass sein Unbewusstes
vielleicht doch nicht ohne Absicht jenen Brief in das vielgelesene
Buch hineineskamotiert hatte. Er erinnerte sich, wie ungerecht
vernachlässigt und zurückgesetzt er sich seinerzeit erachtet hatte,
wie willkommen ihm jener Brief als Hoffnungsstrahl der begin-
nenden vornehmeren Praxis erschien, und so weiter. In der Lehr-
analyse nun kam es zur Erinnerung an all die infantilen kleinen
und grossen Verfehlungen, die er als tiefe Geheimnisse hütete und
später ganz vergass. Erschütternd aber wirkte die Reproduktion
folgender Geschehnisse: Am Tage nach dem Tode seines abgöttisch
geliebten Vaters — er war damals 15 Jahre alt — konnte er der
Versuchung nicht widerstehen, ein kleines Fläschchen Äther,
420 S. Ferenczi
das als Medikament zur Belebung des sterbenden Vaters benützt
wurde, sich anzueignen, sich damit an einem abgelegenen Ort
einzusperren, den Äther anzuzünden, wodurch er leicht eine
Feuersbrunst hatte verursachen können. Er war sich des Blasphemi-
sehen und Unerlaubten seines Tuns vollkommen bewusst. Er erin-
nert sich noch des beinahe hörbaren Herzklopfens, das ihm die
schauerliche Tat verursachte. Die Reaktion darauf war Zerknir-
schung und das Gelöbnis, das Andenken des Vaters dadurch zu
wahren, dass er jeden Tag zeit seines Lebens mindestens einmal
an ihn denken müsse. Im weiteren Verlauf der Analyse kam dann
die noch tiefere Triebgrundlage dieses traumatischen Durchbruchs
in den Ereignissen des Ödipuskonflikts zur sicheren Rekonstruk-
tion. Die unsterbliche Rivalität mit dem Vater war also letzten
Endes das Motiv zum Abbrennen des Triumphfeuers bei seinem
Tode. Wir sehen also, dass der wunderschöne, ja überstrenge Cha-
rakter auch hier auf die triebhafte Grundlage der Kinderzeit aU
Kompensation, ja Überkompensatiou aufgebaut wurde. Ich will
es nicht weiter verheimlichen, dass dieser Herr Dr. X. ich selber
war und dass ich keinen Zweifel darüber habe, dass hinter den
Eigenschaften, auf die ich so stolz war, unter ungünstigen Umstan-
den leicht ein blasphemischer Mordbrenner sich hätte entwickeln
können. Das gütige Schicksal begnügte sich damit, mich einen
Psychoanalytiker werden zu lassen. Wieviel daran gelungene Sub-
limierung ist, das überlasse ich Ihrer Entscheidung.
Nur noch eine einzige Bemerkung. Naive Gemüter, die aber
von der Technik der Psychoanalyse nichts verstehen, warnen die
Menschheit vor den Gefahren, die ihr durch die Psychoanalyse
drohen. Die Analyse, so sagen sie, befreie die Triebe und lasse
sie auf die Menschheit los. Die Hinfälligkeit solcher Behauptun-
gen ist vielfach erwiesen, vielleicht haben Sie aus meinem heuti<
gen Vortrag gleichfalls den Eindruck erhalten, dass die Psycho-
analyse, wie jedes tiefere Wissen, eher zur Hemmung als zur Ent-
i
I
Psychoanalyse uud Kriminologie
421
fachung von Leidenschaften geeignet ist. Allerdings bekämpft
6ie den sadistischen Eifer des Über-Ichs, ist aber weit davon ent-
fernt, der unbewachten Herrschaft der Triebe das Wort zu reden.
Ich danke für Ihre Einladung und für die Geduld, mit der
Sie mich anhörten.
« «
Über den Lehrgang
des Psychoanalytikers
Vortrag, gehalten in der Rcsidencia de Estudiantes (Sociedad de Cursos
y Conferencias) in Madrid.
(Oktober 1928)
Es ist für mich eine besondere Freude und, eine grosse Ehre,
vor einem erlesenen Kreise der spanischen Hauptstadt einen Vor-
trag über Psychoanalyse halten zu können. Ich habe dabei das
Gefühl, als würde ich damit wenigstens einen kleinen Teil der
Schuld abtragen, zu der uns Mitteleuropäer all das Vergnügen ver-
pflichtet, das wir dem spanischen Geiste, der spanischen Kunst
und Literatur verdanken. Allerdings bringe ich keine wirkliche
Neuigkeit für Sie. Hat doch der Fleiss und Enthusiasmus eines
Ihrer Kompatriolen, des Herrn Lopez-Ballesteros es
zuwege gebracht, dass Sie bereits eine fast vollständige spanische
Ausgabe der Werke des grossen Meisters dieser Wissenschaft, Prof.
Freuds besitzen. In Wahrheit übertrifft diese Übersetzung an
Genauigkeit und Verlasslicbkeit viele derartigen Versuche in den
Ländern des europäischen und amerikanischen Kontinents. Indem
ich Sie also bezüglich der theoretischen Grundlagen der neuen
Psychologie auf diese Gesamtausgabe verweise, möchte ich mich
in unserer heutigen Unterredung zunächst mit einigen mehr prak-
tischen Fragen beschäftigen.
über den Lehrgang des Psychoanalytikers 423
Auf welche Art kann die Psychoanalyse erlernt werden? Wer
hat das Recht, sich einen Psychoanalytiker zu nennen, der Pro-
bleme und Konflikte der menschlichen Seele in ihrer Tiefendimen-
sion erfassen und Schwierigkeiten des gesunden und kranken
Seelenlebens auch praktisch lösen kann? Sie werden über diese
Fragestellung wohl etwas erstaunt sein; sind Sie doch fast alle ge-
wohnt, sich auch komplizierte Lehrgebäude Ihres Spezialgebietes
durch eifriges Lesen einschlägiger Werke, durch Anhören von Uni-
vereitätsvorträgen und Seminaren zu eigen zu machen und nach
dem Bestehen strenger Prüfungen zur praktischen Arbeit des
Pädagogen, des Juristen, des Arztes, des Ethnologen usw. zugelas-
sen zu werden. In den rein logischen und mathematischen Wissens-
zweigen gar genügen einige einfache Grundvorstellungen von un-
leugbarer Evidenz als Basis, auf der solides Wissen aufgebaut wer-
den kann; in der Naturwissenschaft kommt bereits auch die Empi-
rie dazu: die Beobachtung und das Experiment. Die psychoanaly-
tische Erfahrung hat uns aber gezeigt, dass zur Ausübung der
Psychologie nebst theoretischem Wissen, äusserer Erfahrung
und logischer Verknüpfung der Erfahrungstatsachen eine tief-
greifende Durchforschung der eigenen Persön-
lichkeit und eine ausserordentlich scharfe Kontrolle der eige-
nen Geistes- und Gemütsregungen unerlässlich ist. Ja, die Analyse
betrachtet diese Schulung zur Selbsterkenntnis und Selbstbeherr-
schung als den wichtigeren Teil der Erziehung zum Psychologen;
sie ist die conditio sine qua non, nach deren Erfüllung erst Theo-
rie und Praxis folgen müssen. Es handelt sich hier, allerdings in
einem viel weiter reichenden Masse um eine Forderung, wie sie
bereits auch in der Astronomie aufgestellt ist. Jeder Beohachter
des Sternenhimmels kennt seine „persönliche Gleichung", die
Eigenheiten seines Sehorgans, und muss sie zur Korrektur des
Beobachtungsmaterials verwenden, ohne dies wären seine Feststel-
lungen sicher inkorrekt. In der Psycholog^ie ist aber die Bedeut-
424 S. Ferenczi
sarakeit des subjektiven Momentes noch viel grösser; beschäftigt
sich doch die Psychologie zu einem grossen Teile mit der intro-
spektiven, subjektiven Erfahrung; die subjektiven Angaben ande-
rer aber sind nicht anders als durch einen Vergleich mit den eige-
nen Gemüts- und Geiatesvorgängen verständlich.
Sie wissen, dass die wunderbaren Fortschritte der Naturwis-
senschaften und deren objektiver Methode allmählich eine Art
Geringschätzung alles Seelischen zur Folge hatten und ich be-
trachte es in wissenschaftlicher Hinsicht als eines der grÖssten Ver-
dienste Freuds, dass er den Übertreibungen der Objektivitäta-
Fanatiker mutig entgegentrat und nebet der physikalischen auch
die psychische Realität wieder ernst nimmt. Vor etwa
zwei Jahren wurde ich, wahrend meiner Lehrtätigkeit in Amerika,
von dem Vertreter der sogenannten Behavioristen Dr. W a t s o n
zu einer Art wissenschaftlichem Duell herausgefordert. Seine
These war und ist, dass die Berücksichtigung introspektiv erfass-
barer Veränderungen ganz unnötig ist; es sei vollkommen genü-
gend, die Tätigkeit und Handlungsweise tierischer und mensch-
licher Lebewesen als eine Summe von Reflexen und Tropismen
zu beschreiben. Ich forderte ihn auf, ein Beispiel zu nennen, und
Dr. W a t 8 o n beschrieb den Schreckreflex bei weissen Mäusen
und ganz kleinen Kindern als Folge eines unerwarteten Geräu-
sches. Ich musate ihm antworten, dass er von der schreckhaften
Natur der Fluchtreflexe nur durch die eigenen Gefühle hei ähn-
lichen Anlässen einen Begriff haben können; er abstrahiere also
konsequent vom fortwährenden Gebrauch der Seibatbeobachtung
als Vergleichmaterial; der Behaviorist ist also, wie ich ihm sagen
müsste, ein verkappter Psychologe.
Freud verfällt nicht in das andere Extrem, er leugnet nicht
die Wichtigkeit und Notwendigkeit objektiver Forschung, setzt j
aber hinzu, dass auch die Gruppierung des subjektiven Tatsachen-
materials zu wissenschaftlichen Ergebnissen führt, ja dass es nur
über den Lehrgang des Psychoanalytikers 425
mit Hilfe einer Art Identifizierung mit anderen Menschen möglich
ist, die Motive des Denkeos, Fühlens und Handelns zu erkennen.
Mit anderen Worten: der Psychoanalytiker muss imstande sein,
die Gefühle, Gedanken und Handlungen einer zweiten, gesunden
oder kranken Person, allerdings mit Hilfe des von ihr gelieferten
Assoziationsmaterials, zu rekonstruieren. Auch vor Freud gab
es Künstler dieser Art, man nannte sie Menschenkenner. Doch
Freuds Psychoanalyse wandelte diese Kunst in ein Wissen um.
das allen Denkenden und nicht nur dem auserwählten Genius zu-
gänglich ist. Allerdings kann uns dieses Wissen, wie schon gesagt,
nur auf dem Wege der eigenen Erfahrung, d. h. Eigenanalyse, zur
Überzeugung werden.
Ich fürchte, Sie werden mich da nicht ohne Besorgnis fragen:
soll denn der zukünftige Psychoanalytiker ein Neurotiker, ein
Verrückter, ein Krimineller oder ein Kind werden, um Neurotiker,
Irrsinnige, Verbrecher und Kinder verstehen und behandeln zu
können? Leider muas ich darauf mit einem Ja antworten, aber
gleich mit dem beruhigenden Zusatz, dass dies beileibe nicht iden-
tisch ist mit einer Selbstkorruption der Seele des Analytikers.
Eine der groseartigeten Entdeckungen der Analyse ist nämlich
die Erkenntnis, dass alle früheren, anscheinend ganz überwunde-
nen primitiven und infantilen Reaktionsweisen der Psyche, gleich
den Jahresringen des Baumes unter der Rinde, in unbewusst-ver-
drängtem Zustande in uns fortexistieren und durch die analytische
Methode wieder bewusst gemacht werden können. Sie brauchen
übrigens nur an die wirren und oft so amoralischen Halluzinatio-
nen Ihrer eigenen Träume zu denken und werden zugeben müs-
sen, dase wir zeitweise wie Geisteskranke fühlen und denken; die
kleinen, für gewöhnlich unbeachteten Angst- und Zwangsvorstel-
lungen, von denen kein Mensch ganz frei ist, sind ihrer Natur
und ihrem Ursprünge nach neurotischen Symptomen vollkom-
men analog, und wer könnte behaupten, dass er sich in seinen
426 s. F
erenczi
Tagträumen nie bei Gedanken ertappt, die, wenn zur Tat gewor-
den, ihn zum Verbrecher stempeln würden. Auf eine an mich
gestellte Frage, worin denn der Unterschied zwischen dem gesit-
teten Bürger und dem Kriminellen bestehe, konnte ich nicht an-
dere antworten, als dass der sittsame Bürger seine primitiven In-
stinkte sehr gut beherrscht. Und schliesslich, was die Kindlich-
keit anbelangt: ist es nicht wahr, dass sobald wir die Maske der
Konvention fallen lassen, kindliche Naivität, Spielsucht, aber
auch kindische Grausamkeit und Unzivilisiertheit leicht zum Vor-
schein kommen? Die Methode der Psychoanalyse verhilft dem
zukünftigen Analytiker zur vollen Aufdeckung und Beherrschung
des Unbewussten. Das hauptsächliche technische Mittel zu die-
sem Zweck ist die sogenannte freie Assoziation: das rücksichts-
lose Hersagen aller Einfälle, aller Gefühls- und Gedankenregun-
gen, die für gewöhnlich unbeachtet bleiben und gewiss niemals
einer dritten Person mitgeteilt werden. Der Analytiker oder analy- ]
tische Lehrer, den seine Eigenkomplexe nicht daran hindern, lässt "
dann mit Hilfe des Assoziationsmaterials den verdrängten Teil
der Vergangenheit, der Ozeanien gleich am Seelengrunde ver- ^
senkt ist, wieder ins Licht des Bewusstseins auftauchen. Die von
Freud aufs feinste ausgearbeitete Kunst der Traumdeutung \
ist ein anderes Hilfsmittel zur Aufdeckung jener amnestischen |
Lücken. |
Nun werden Sie vielleicht fragen, ob man diese Arbeit nicht
auch allein, ohne die Hilfe eines Führers leisten kann? Sicher- ;
lieh, doch nur bis zu einer gewissen Tiefe, so dass eine Selbst- [
analyse an Wert nicht im entferntesten an das Analysiertworden- \
sein heranreicht. Wir wissen auch schon, warum dies der Fall ist, 1
Die Verdrängung, die jene Amnesien in der Kindheit verur- '
sachte, war ein soziales Phänomen, eine Reaktion des Indivi- f
duums auf die Erziehungsraassnahmen der Umgebung, und nicht ;
anders als durch eine allerdings verbesserte Auflage dieser Er-
über den Lehrgang des Psychoanalytikers 427
Ziehung, also durch eine Nacherziehung durch den Analytiker,
kann man die seinerzeit unvermeidlichen Fehler oder Übertrei-
bungen aufdecken und wieder gutmachen. Der Aualysand ver-
sucht in der sogenannten „Übertragung" während der „Behand-
lung", alle Liebes- und Hassregungen auf die Person des Analy-
tikers zu konzentrieren, eine Erscheinung, die übrigens auch aus-
serhalb der Analyse zwischen Lehrer und Schülern, zwischen Arzt
und Patienten immer zu Worte kam, wenn sie auch ungenügend
beachtet wurde. Auch der sogenannte Widerstand, d. h. die Un-
lust zur Kenntnisnahme unangenehmer Wahrheiten, kann in der
Selbstanalyse nur halb gelöst werden; es gehört dazu die starke,
wenn auch taktvolle Führung eines Dritten. Nach genügender
Durcharbeitung der Assoziationen, nach entsprechender Aus-
nützung des Einflusses, den wir der Übertragung verdanken, nach
Aufdeckung und Abbau der Widerstandstendenzen gilt es dann,
den zukünftigen Analytiker von dieser persönlichen Abhängig-
keit zu befreien und ihn selbständig zu machen, ein Prozesfl,
der bei anderen psychotherapeutischen Massnahmen (z. B. bei
der Suggestion und Hypnose) überhaupt nicht zur Anwendung
gelangt.
Sie sehen, diese Erziehungs- und Unterrichtsmethode hat
eine gewisse Ähnhchkeit zur Erziehung zum Handwerker. Man
mu89 sich zuerst als Lehrling die Handgriffe des Meisters aneig-
nen, wohl auch den erzieherischen Einfluss des Lehrers spüren,
um dann als Gehilfe, einstweilen immer noch unter Aufsicht und
Kontrolle, auch eigenes Arbeiten zu versuchen.
Dieser zweiten Etappe entsprechen in der psychoanalytischen
Erziehung die sogenannten kontrollierten Analysen.
Dem Schüler werden einige Analysenfälle zugeteilt, die er ganz
selbständig zu behandeln hat, doch hat er über den Fortgang
der Analyse in regelmässigen Abständen seinem Lehrer Bericht
zu erstatten, der ihn auf gewisse Mängel und Fehler der Technik
428 S. Ferenczi
aufmerkeam macht, ihm Winke bezüglich der richtigen "Weiter-
führung der Analyse erteilt und diese Kontrolle nicht eher auf-
gibt, als bis der Schüler der ihm zugeteilten Aufgabe ganz gerecht
geworden ist. Im Laufe dieser Gehilfenarbeit mu38 er sich auch
die theoretischen Kenntnisse erwerben, die von dem Begründer
der Psychoanalyse und seinen Nachfolgern in der einschlägigen
Literatur niedergelegt wurden.
Nun muss ich Ihnen aber einige Aufklärungen darüber ge-
ben, wo denn die Schulen sind, in denen dieser dreifache Lehr-
gang durchgeführt und die Meisterschaft der Psychoanalyse er-
worben werden kann. Vor 18 Jahren gruppierten sich auf mei-
nen Vorschlag hin die Anhänger der Psychoanalyse zu einer
„InternationalenPsychoanalytischenVereini-
g u n g", die es sich zur Aufgabe machte, die Analyse Freuds
als selbststäudige Wissenschaft in möglichster Reinheit zu pfle
gen und zu fördern. Das Prinzip, das mir beim Gründungsvor
schlag vorschwebte, war, dass dieser Vereinigung nur solche an
gehören sollen, die bezüglich der Grundideen übereinstimmen
neuerdings gehört auch das Analysiertsein zu den Aufnahmsbe
dingungen. Ich glaubte und glaube auch heute noch, dass Dis
kussionen nur unter Gleichgesinnten förderlich sind und dass
Leute mit verschiedenen Grundgedanken ihre eigene Arbeitszen-
tren haben aollen. Diese Tendenz, die unsere Vereinigung auch
heute verfolgt, verschaffte uns das nicht immer liebenswürdig
gemeinte Adjektiv der Orthodoxie, wobei diesem Worte unge-
rechtfertigter Weise auch der Sinn des nicht Fortschreitenwollens
angehängt wurde. Nun gibt es aber bekanntlich auch Spaltungen
und Aufstände gegen den Fortschritt und Zeiten, in denen die
Jungen reaktionärer als die Alten sind. Ich stehe nicht an, die
bisherigen zwei grossen Abspaltungen von Freud in wissen-
schaftlicher Hinsicht als Rückschritte zu kennzeichnen. Die eine,
die sich an den Namen Jungs knüpft, nähert sich wieder dem
über den Lehrgang des Psychoanalytikers 429
bereits glücklich überwunden gewähnten Mystizismus; die soge-
nannte „Individualpsychologie" dagegen scheint nach Art der
Behavioristen die Psychologie ganz beiseite zu lassen und alles
Heil in einer neuen sozialen Ordnung zu suchen.
Unsere Freudscbe orthodoxe Vereinigung gründete Vereini-
gungen in vielen Ländern, so in Wien, Deutschland, Ungarn, in
der Schweiz, in England, Holland, in den Vereinigten Staaten
von Amerika, in Frankreich, Russland und Ostindien. Auf Vor-
schlag des jetzigen Präsidenten Dr. Eitingon gründeten einige
dieser Zweiggruppen Lehrinstitute und Lehrkommissionen, in
denen die Möglichkeit zur Vollendung eines richtigen psychoana-
lytischen Lehrganges gegeben ist. Es sind dies zunächst die Städte
Berlin, Wien, London und Budapest, die Hauptstadt meiner eige-
nen Heimat Ungarn.
Es ißt in der Tat ein grosses Opfer, das das Erlernenwollen
der Psychoanalyse vom Adepten fordert; er muss, gewöhnlich
nach Vollendung anderweitiger Fachstudien, sich zwei oder drei
Jahre lang in einer dieser Städte aufhalten und etwa in der gan-
zen ersten Hälfte dieser Zeit täglich eine Stunde dem Erlernen
der analytischen Selbsterkenntnis widmen. Die Strenge dieser
Forderung dürfte aber in nicht zu langer Zeit dadurch gemildert
werden, dass es wahrscheinlich kein bedeutenderes Kulturzen-
trum ohne solche psychoanalytische Schulen geben wird. Anfangs
hat die Analyse haptsächiich in den germanischen und anglosach-
sischen Ländern und in Ungarn Fuss gefasst. Vor etwa 15 Jahren
schrieben noch die hervorragenden Lehrer der Psychiatrie an
der französischen Universität in Bordeaux in einem ausführli-
chen kritischen Essay über Psychoanalyse, die analytische Me-
thode sei dem lateinischem Geiste nicht genehm, werde also dort
nie angenommen werden. In meiner antikritischen Entgegnung
darauf vertrat ich den Standpunkt, dass in der Wissenschaft na-
tionale und Rassenunterschiede nicht gelten dürfen. Die Gesetze
430
S. Ferenczi
der Physik und der Psychologie sind entweder richtig und dann
haben sie in Deutschland, in Palästina und in Frankreich glei-
cherweise Geltung, oder sie sind falsch, dann muss sie die Wissen-
schaft auf der ganzen Erdoberfläche zurückweisen. Ee wird Sie
interessieren zu erfahren, daes im lateinischen Volke der Franzo-
sen, wenn auch etwas verspätet, ein immer steigendes Interesse
für die Psychoanalyse sich kundgibt. Der offizielle Professor der
Psychiatrie an der Pariser Universität, Professor Claude,
sympathisiert mit unseren Bestrebungen; einer seiner Assisten-
ten, Dr. Laforgue, gründete auch bereits in Paris die fran-
zösische Gruppe unserer internationalen Vereinigung und die
Vizepräsidentin dieser Gruppe, die Prinzessin Marie von Griechen-
land, eine geborene Prinzessin Bonaparte, spendete unlängst eine
namhafte Summe, mit deren Hilfe einer meiner Kompatrioten,
der ungarische Ethnologe Geza R ö h e i m sich für einige Jahre
nach Zentralaustralien begeben kann, um psychoanalytische Stu-
dien an den primitivsten Völkern der Erde zu machen. Ich hoffe
bestimmt, dass sich auch in Madrid, trotz des noch beetehenden
lateinischen Widerstandes, um die Person unseres Freundes
Senor Ballesteros eine Gruppe bilden und die Psychoana-
lyse auch hier von der ausländischen Hilfe unabhängiger machen
wird.
Sie hörten soeben von einem psychoanalytisch geschulten
Ethnologen, von einem Sprach- und Rechtsgelehrten, der eine
analytische Gruppe bilden soll. Erstaunt werden Sie fragen, ist
denn die Psychoanalyse keine medizinische Wissenschaft? Die
Antwort wird lauten: nein, sie ist eine neue Psychologie, die
überall gelehrt und gelernt werden muss, wo es sich um mensch-
liche Seeleu handelt. Eines der bedeutendsten Gebiete ihrer An-
wendung ist allerdings das der neurotischen und psychotischen
Störungen des Geistes, deren Symptome in karikierter Ver-
gröberung die normalerweise versteckten seelischen Mechanismen
über den Lehrgang des Psychoanalytikers 431
aufzeigen und so die einzige Gelegenheit zur Aneignung des
analytischen Wissensstoffes bieten. Aber um diese Mechanismen
zu verstehen, muas man kein Mediziner sein. Die Brücken zwischen
der körperlichen Organisation und der Gehirnanatomie einerseits,
der Psychiatrie und Neurosenlehre andererseits, sind noch nicht
geschlagen, eo wunderbar auch die Fortschritte auf jenen organi-
schen Gebieten sind. Darum ist jedem Kriminologen, Pädagogen,
Soziologen auch ohne gründliche naturwissenschaftliche Schulung
die analytische Technik und der analytische Wissensstoff offen.
Ja, ich möchte weiter gehen und für die ferne Zukunft eine ge-
wisse Kenntnis der analytischen Psychologie von jedem Vater
und jeder Mutter fordern, denn von ihrem Takt und verständnis-
vollen Benehmen den Nachkommen gegenüber hängt das Glück
oder Unglück der künftigen Generation ab.
Nicht nur der lateinische Geist, auch der offizielle Geist der
Universitäten sieht die Analyse mit scheelen Augen an. Die
Lehrer der Psychiatrie fangen erst jetzt, also nach mehr als
30 Jahren an, den ersten primitiven, sogenannten kathartischen
Versuchen Breuers und Freuds, über die wir inzwischen
meilenweit hinausgekommen sind, einige Anerkennung zu zollen.
Wir können nicht umhin, unserer Dankbarkeit den durch tradi-
tionelle Geistesrichtung weniger beengten Künstlern und Intel-
lektuellen wiederholt Ausdruck zu verleihen; ihr Interesse und
Verständnis schützte die Psychoanalyse vor der Vernichtung
durch den Misoneismus der Gelehrten.
Nun halten wir so weit, dass auch die Gelehrten anfangen,
uns, wenn auch noch zögernd, die Hand zu reichen, so dass die
Aussicht berechtigt ist, dass bald Gelehrte und andere Intellek-
tuelle mit vereinten Kräften an der Förderung dieser neuen
Psychologie mitarbeiten werden.
Die psychoanalytische Therapie
des Charakters
Vortrag, gehalten in der Residencia de Estudiantes (Sociedad de Cursos
y Conferencias) in Madrid.
(Oktober 1928)
Meine Damen und Herren!
So mancher von Ihnen, der die frühere Literatur der Psycho-
analyse kennt, wird in dem ersten Teile meines Vortrages die
besondere Hervorhebung der sexuellen Insliokle unter den ver-
drängten Triebregungen vermissen. Hat sich denn Freud eines
besseren besonnen und sich auf Umwegen jenen genähert, deneu
die Bedeutsamkeit des sexuellen Faktors immer antipathisch war?
Diese Frage können wir mit Entschiedenheit verneinen. Aller-
dings müsste Freud und muss jeder gewissenhafte Forscher
die ersten Hilfsvorstellungen und theoretischen Konstruktionen
auf Grund weiterer Erfahrung oftmals modiflzieren, aber die
Grundpfeiler seines Lehrgebäudes hielten der Erfahrung stand
80 insbesondere die grundlegende Wichtigkeit des Ödipuskonflik-
tes für die Bildung neurotischer Symptome und der nicht minder
wesentliche Einfluss frühinfantiler Lustbetätigungen und ihrer
Schicksale auf die Entwicklung der Persönlichkeit. Es ist also nur
die Kürze der mir zur Verfügung stehenden Zeil und die Voraus-
f
Die paychoaaalytieche Therapie des Charakters 433
Setzung, daes Sie über infantile Sexualität, über SexuaUymbolik
u. fl. w. bereits einigermassen informiert sind, was mich veranlasst,
heute von gewissen, ich möchte sagen asexuellen sozialen Ent-
Wicklungen der Freudischen Psychologie zu berichten, über neue
Einsichten in die Formierung des menschlichen Charaktere und
über deren praktische Konsequenzen.
Ursprünglich stellten wir uns den Akt der Verdrängung als
ein Unbewusstwerden rein egoistischer und libidinöser Tendenzen
unter dem Einfluss der Notwendigkeit der Anpassung an die
Gesellschaftsordnung vor; man dachte sich also das Verdrängte
immer als etwas Böses, Eigenwilliges. Wie gross war aber unsere
Überraschung, als wir Menschen zu behandeln hatten, die dem
Anscheine nach böswillig und rücksichtslos waren, und bei denen
die Analyse versteckte Zärtlichkeit, Takt, Scham, also lauter
Tugenden im Zustande der Verdrängung nachwies. Schon lange
kannten wir und kannten auch andere Menschenkenner und
Romanschreiber den Zyniker, hinter dessen schroffem Wesen sich
ein weiches Herz versteckt, und in unzähligen Beispielen mussten
wir Psychoanalytiker solchen Zynikern die ihnen selbst ganz un-
bewusst gewordenen Züge der Güte nachweisen. Doch die Be-
deutsamkeit dieses Momentes wurde erst von Freud ^^ "^^*'
als er uns die Existenz eines unbewusstenSchu e-
wusstseins bei vielen Analysierten nachwies. Noch merk-
würdiger waren die Beispiele von Verbrechern, die F r e u d nicht
anders als durch unbewusstes S t r a f b e d ü r f m s moti-
viert erklären konnte. Sie wissen, dass das umgekehrt zu sein
pflegt; jemand begeht ein Verbrechen oder verübt eine hose lat
und bekommt dann Gewissensbisse. Hier aber ist der Tater durch
ein dumpfes inneres Schuldgefühl, dessen Ursprung und Tat-
sächlichkeit ihm selber ganz unbekannt ist, gezwungen, eine
asoziale Tat zu begehen und sich dafür bestrafen zu lassen. Nur
die feinfühligen Analysen einzelner russischer Belletristen, 2. B.
F e r e n c z i, Bausteine zur Psychoanalyse. III. 88
434
S. F
erenczi
Dostojewski j 8, scheinen diesen Mechanismus des „V e r -
brechens aus Schuldbewusslsein" geahnt zu haben.
Doch erst Freud hat diese Erscheinung wissenschaftlich er^j
forscht und einige seiner Schüler (R e i k, Alexander) habei
dieses Thema monographisch bearbeitet.
Die nächste Frage war, was denn überhaupt das Gewisaenj
«ei, jene innere Macht, die uns den Cenuss unrechtmässig er-
worbenen Vergnügens nicht gönnt, uns für unsere Schwächen ^
und Verfehlungen innerlich bestraft oder uns sogar die Be-
strafung suchen lasst, ohzwar wir uns davor äusserlich schützen
könnten. Es würde hier zu weit führen, Ihnen den Weg zu zeigen,
auf dem Freud dieses Problem löste. Beobachtungen an der
Massenseele, an der Symptomatologie der hypnotischen nad
suggestiven Hörigkeit, welche letztere auch ich schon früher auf
das Fixiertbleiben im kindlich-elterlichen Gehorsam zurückführte,
und feine Bemerkungen über den Untergangsmodus des ödipus'
konfliktes halfen da weiter Doch ich ziehe es vor, ein einfaches
Beispiel Freuds zu zitieren, das Ihnen diesen Prozess vielleicht
erklärlicher macht. Einem kleinen Mädchen bereitet der uner-
wartete Tod ihrer kleinen Katze unsäglichen Schmerz. Die Trauer
dauert tagelang, die Verluattragende ist nicht zu beruhigen. Doch
ohne jeden Übergang wird sie plötzlich lustig und gutgelaunt;
man kann sich diese Wandlung nicht erklären, bis die Mutter
darauf kommt, dass das Mädchen stundenlang katzenartige Be-
wegungen macht und nach Katzenart miaut. Was ist da geschehen?
Die Kleine hat den Verlust überwunden, indem sie sich mit dem
verlorenen Objekte in ihrer Phantasie identifizierte, oder um
meinen eigenen psychologiechen Ausdruck zu gebrauchen: sie
int rejizierte die Person der Katze in das eigene Ich. Sie
brauchte nicht mehr darüber zu trauern, dass sie keine Katze hat
sie wurde ja selber zur Katze und das Katzesein ersetzte bei ihr
das Katzehabeu.
Die psychoanalytische Therapie des Charakters 435
Ähnlich müssen wir uns aber nach Freud die Erledigung
jener anderen, viel grösseren Trauer vorstellen, die das Aufgeben
der kindlichen Allmacht und die Unterordnung unter die väter-
liche Gewalt der Familie, später unter die soziale Autorität, mit
sich bringt. Der kleine Knabe stellt sich zunächst zur Wehr und
möchte die Autorität vernichten, besonders um alle Freundlich-
keit und Zärtlichkeit der Mutter für sich zu erwerben. Nachdem
er aber einsieht, dass er im offenen Kampfe unterliegen muss,
introjiziert er die mächtige Figur des Vaters in seine eigene
Person; er wird strenge gegen sich selber, wie
früher der Vater es war; nicht mehr, weil er vor dem
Vater Angst hat, sondern, weil ein Teil seiner Persönlichkeit
dabei das Vergnügen hat, die Vorrechte des Vaters gegen einen
anderen Teil seiner Persönlichkeit zu gemessen. Die Zeit, in der
diese Identifizierungen angeeignet werden, ist die sogenannte
Latenzzeit, d. h. die Zeit zwischen der Niederwerfung der ödipus-
revolution und der Erreichung der vollen sexuellen und sozialen
Reife, liegt also etwa zwischen dem 5-ten und 10-ten Lebensjahre.
Dies ist also die Zeit, in der aus der Summe und Verwebung
jener Introjektionen und Identifizierungen das von Freud so-
genannte Üb er- Ich gebildet wird. Solange dieses Über-Ich in
gemässigter Weise dafür sorgt, dass man sich als gesitteter Bürger
fühlt und als solcher handelt, ist es eine nützliche Einrichtung,
an der nicht gerüttelt werden muss. Es gibt aber pathologische
Übertreibungen der Uber-Icb-Bildung, und als solche können wir
den Verbrecher aus Scbuldbewusstsein bezeichnen. Solche patho-
logische Charaktere sind der analytischen Therapie ebenso he-
dürftig wie die an hysterischen und zwangsneurotischen Sympto-
men Leidenden. Am Beginn meiner analytischen Laufbahn hütete
ich mich vorsichtig, an den Charakterzügen meiner Patienten
zu rühren, — im Gegenteil, ich gab mir alle Mühe, diese Eigen-
6chaften zu schonen, d. h. ich machte durch diese schonungsvolle
436 S. Ferenczi
BehandlungaweUe die Peraönlichkeit, also daa Ich und das Über-
ich des Kranken zu meiuea Freunden. Dieser unausgesprochene
Freundschaftsvertrag ermöglichte ea nun, daas wir beide, Analy.
sand und Analytiker, gemeineara an der Aufdeckung des unbe-
wusst Verdrängten arbeiten konnten. In so manchem Falle ge-
nügte das zur Beseitigung des neurotischen Symptoms und es
kam gar nicht zu einer tiefergreifeuden Analyse des Charakter-
aufbaus. Doch in vielen anderen Fallen sah ich mich gezwungen,
auch an diese zweite, heiklere, energischer hcrauzugehen, da der
Mechanismus des Symptoms allzuinnig mit pathologischen Cha-
rakterzügen verzwickt war. Diese Charakterzüge werden eben oft
unbewussterweise als Widerstände in der Kur verwendet und
müssen erst als solche aufgezeigt, eventuell auf vergessene Kind-
heitseindrücke zurückgeführt werden, bevor die Analyse weiter
fortschreiten kann. Ich denke z. B. an dm Fall eines hervor-
ragenden Gelehrten, der, ohne es eigentlich zu wissen, in der
Art seiner Assoziationen und sonstigen analytischen Arbeit deut-
liche, wenigstens für mich deutliche Züge der Verachtung der
analytischen Methode manifestierte. Als ich dies dem seiner
Überzeugung nach äusserst bescheidenen Manne vorsichtig mit-
teilte, reagierte er zunächst Wochen, ja ein-zwei Monate lang mit
dem grössten Unglauben an mich und die Analyse Überhaupt.
Doch die Zeichen mehrten sich, dass ich recht hatte, und nach
einiger Zeit kam es zu einer Art Zusammenbruch meines Schülers
und m weiterer Folge zum Bewusstwerden unerfüllter GrÖssen-
und Glücksphantasien, gegen die der Charakterzug der Beschei-
denheit aU schützender Panzer aufgebaut wurde. Sein Benehmen
als immer ernsthafter, zu Spässen wenig geneigter Lehrer war
nur die Stabilisierung jener Einstellung, die wir alle als Kinder
annehmen, wenn wir Hut, Stock und ernsthafte Miene des Vaters
anlegen. Weiters denke ich an einen allerdings nicht analysierten
Freund, der sich immerfort beklagte, dass ihn das Pech unaus-
Die psychoanalytische Therapie des Charakters 437
gesetzt verfolge. Ich konnte ihm an einigen Beispielen zeigen,
daes eigentlich nicht sein Schicksal ihn, sondern er sein Schicksal
verfolgt, um wenigstens im Unglück dem tragisch geendeten Vater
gleichzukommen.
Vielfach beobachtete ich den von Freud sogenannten Pro-
zess des „'Wiederholungszwanges'' in Fällen, wo der Patient mit
allen nur erdenklichen Mitteln der Sekkatur und der Pedanterie
einen Bruch mit dem Analytiker provozieren, d. h. das trotzige
Insichkehren bei ungerechter Behandlung in der Kindheit um
jeden Preis wiederholen wollte.
Einer solchen Patientin musste ich förmlich sagen, dass ich,
mag sie sich benehmen wie immer, als Arzt mit unwandelbarer
ärztlicher Sympathie und Verständnis ihrem Falle folgen werde,
und schliesslich erlahmt in solchen Fällen der "Wiederholungs-
zwang; neuartige Gefühle und Tendenzen kommen zum Vorschein,
was den Beginn einer Charakterveränderung anzeigen mag.
Ich war nicht ganz genau, als ich die Notwendigkeit einer
Charakteranalyse für pathologische Fälle reservierte. Auch dem
sogenannten Normalmenschen, der mit gewissen Übertreibungen
und Empfindlichkeiten hei sich unzufrieden ist, gibt die Analyse
Gelegenheit zu einer ökonomischeren Losung seiner Reaktionen,
Doch unvermeidlich ist es, wie ich schon im ersten Teile meines
Vortrages auseinandersetzte, dass der Analytiker nicht
nur symptomfrei sei, sondern auch einen bis in
möglichste Tiefe analysierten Charakter habe.
Oft wurde der Analytiker mit dem sogenannten Ohrfeigenmann
der Wiener und Budapester Vergnügungslokale verglichen, an dem
jeder die Starke seiner aggressiven Fähigkeiten ausprobieren darf;
natürlich ist dies in der Analyse nur figürlich gemeint. Aber
seihst dies erfordert eine Art Beherrschung der eigenen Empfind-
lichkeit, des sogenannten Narzissmus, die nur eine tiefe Charakter-
analyse ermöglicht. Der Analytiker geht also mit dem guten Bei-
438 s. r
ereuczi
spiele voran, nachher kann er sich erlauhcn, dem Analysanden
auch Dinge ins Gesicht zu sagen — die zwar oft öffentliches Ge-
heimnis sind, aber vor dem, den sie betreffen, von der ganzen
Gesellschaft geheim gehalten werden. Ich meine nicht nur über-
triebene Reaktionsweisen, sogenannte Lächerlichkeiten, sondern
auch Sonderbarkeiten des Auftretens und der äusseren Erechei-
nung. In meiner sogenannten aktiven Technik verhalte ich die
Patienten manchmal zur Beherrschung gewohnheitsmässiger psy-
chischer und somatischer Abläufe und war oft in der Lage, hie-
durch tiefere, primitivere, in der kindlichen Vergangenheit weiter
zurückliegende Schichten aufzudecken.
Theoretisch angesehen bedeutet der Terminus „Charakter"
den weiteren, das Uber-Ich den durch psychische Identifizierung
(Introjektion) erworbenen engeren Begriff der Persünlichkeit.
Die ganze Persönlichkeit aber hat uns Freud als aus drei mehr-
minder isolierten Teilen bestehend beschrieben: das Zentrum der
Person wird durch die organisch bedingten Triehanlagen, das
sogenannte E e konstituiert; die Peripherie dieses Es ist bereits
durch den Kontakt mit der Umwelt modifiziert, respektive pay.
chjsch überbaut, diese heisst das eigentliche Ich; dazu kommt
dann das Über-Ich als Anpaaeungsresultat an die Personen der
ersten sozialen Umgebung. Das Es und das Ich haben also mehr
mit der konstitutionell organischen Grundlage, d. h. mit dem
Ererbten, das Über-Ich mehr mit späteren psychischen Entwick-
lungen zu tun. Doch auch das Es und das Ich darf man nicht
gemeinhin als unvermeidliche Folgen der Erbanlage betrachten;
auch sie sind von der Umgehung wesentlich heeinflusshar, wenn
wirkliches Verständnis eine wirklich individuelle Behandlung er-
möglicht. Dies lässt eine zukünftige, zum Teil schon begonnene
psychoanalytische Pädagogik hoffnungsvoller erscheinen, als es
die früheren, mehr fatalistischen Anschauungen der Biologen ver-
muten Hessen. >
Die psychoanalytische Therapie des Charakters 439
Dies will durchaus keine Geringschätzung der Wirksamkeit
der organischen Konstitutionstheoretiker besagen. Wir Psycho-
analytiker schätzen die diesbezüglichen noch naiven Versuche
eines L a v a t e r, eines Franz Josef G a 11, eines Morel und
L m b r o 8 o, noch mehr die grossartigen Fortschritte der Gehirn-
anatomie und Pathologie, wie wir sie Hitzig und F r i t b c h,
F 1 e c h 8 i g, H u g h li n g 8 Jackson und dem in der ganzen
Welt so hochgeehrten Ramon y Gayal verdanken. Wir ver-
folgen auch mit grossem Interesse die Ergebnisse der konstitu-
tionellen Endokrinologie und die empiriechen Parallelen zwischen
geistiger und körperlicher Anlage, wie sie uns K r e ts ch m e r s
Forschungen lehren. Wir setzen nur hinzu, dass ein grosser Teil
dessen, was man Charakter nennt, nicht unmittelbar angeboren ist,
sondern sehr früh, in der Latenzzeit und auch vorher als Re-
aktion auf die Umwelt entsteht und durch die analytische Technik
einer Revision zugeführt werden kann.
Selbstverständlich meine ich damit nicht, dass wir jemandem
einen Charakter auf Bestellung liefern können. Das Endresultat
einer Charakteranalyse lässt sich nur insoweit angeben, als dass
wir dem Analysierten im ganzen und grossen versprechen, dass er
nach der Analyse den Aufbau seiner Persönlichkeit viel genauer
kennen und auf Grund dieser Kenntnisse die bislang automati-
sehen Charakterreaktionen besser beherrschen und verstandes-
gemässer an die Realität wird anpassen können.
Bei ähnlichen Anlässen bekomme ich oft den Einwand zu
hören, dass wir Psychoanalytiker eine etwas einseitige männliche
Psychologie betreiben; alles oder sehr vieles dreht sich bei um
um den Ödipuskomplex, d. h. den atavistischen und in jedem
Einzelleben wiederholten Konflikt zwischen Vater und Sohn.
Ich persönlich müsste von diesem Vorwurf freigesprochen wer-
den, habe ich doch in einer sogenannten „Genitaltheorie" unter
anderem auch für die körperlich-geistigen Charakterunterschiede
r
^\
440 S. Ferenczi
der Geschlechter eine Erklärung zu geben versucht. Diese Er-
klärung stützt sich zum Teil auf biologische, zum anderen auf
psychologische Erfahrung; sie ist unbestritten sehr gewagt und
beruht zu einem grossen Teil auf Analogie, die sich als wissen-
Bchaftliche Methode keines besonders guten Rufes erfreut. Einst-
weilen ist aber diese Theorie nicht widerlegt, allerdings auch nicht
sehr beachtet. Ich möchte mir trotzdem erlauben, den Teil der
Theorie, der sich auf das heutige Thema bezieht, kurz darzulegen.
Mein Ausgangspunkt war die Tatsache, dass die innere Be-
fruchtung meist erst mit der Eintrocknung von Meeren beginnt,
während die meisten Fische sich durch äussere Befruchtung der
Keimzellen im Seewasser fortpflanzen; die sogenannten sekundä-
ren Geschlechtscharaktere entwickeln sich auch meist erst hei den
Landtieren. Es war, wie ich vermute, nicht von vornherein sicher,
ob das Männchen oder das Weibchen die Mutterrolle übernehmen
wird. Doch diese Frage entschied eich zu Gunsten des Männchens,
das diese Aufgabe von sich wälzen konnte. Die sekundären
psychischen und physischen G e s c h 1 e c h t s c h a -
raktere des Mannes sind also primitiver, man könnte
sagen, brutaler geblieben; doch im wunderbaren Kompensa-
tions- und Hemmungsvorgang kontrolliert der Mann seine Primi-
tivität mit Hilfe eines grossartigen logischen, ethischen und
ästhetischen Überbaues. Das weibliche Geschlecht dagegen kann
sich biologisch als weiter fortgeschritten betrachten, da es sich
ausser der Umwelt auch dem Manne anzupassen hatte. Dieser
biologische Fortschritt macht es für das Weib überflüssig, dem
von Männern ausgearbeiteten intellektuellen und ethischen Über-
bau wörtlich zu folgen. Dafür besitzt sie die Fähigkeit zum
Leidenkönnen und die zur Mutterschaft in einzigartiger Weise,
so dass schliesslich beide Geschlechtscharaktere ihre Vorzüge und
ihre Schwächen haben.
Eme grosse Anzahl von anscheinend männlichen Charakter-
Die psychoanalytische Therapie des Charakters 441
Zügen beim Weibe, und umgekehrt, lassen sich auf psychoanaly-
tischem Wege beeinflussen.
Die wenigen Andeutungen, die ich Ihnen über die Charakter-
analyse, dieses neueste Anwendungsgebiet der psychoanalyti-
schen Theorie und Technik gab, sind nur Ausschnitte aus einem
bereits ganz respektablen Wissensstoffe, vielleicht werden sie aber
den einen oder den anderen von Ihnen veranlassen, tiefer in diese
Probleme einzudringen.
Ich danke nochmals für die ehrenvolle Einladung und schliesse
mit dem Ausdrucke meiner Hoffnung, dass unter den Ländern,
in denen die Psychoanalyse wirklich fachgemäss gelehrt und ge-
lernt werden kann, bald auch das grosse Land Spanien nicht
fehlen wird.
1. (Einzuschalten an später anzugebenden Stellen)
Man kann natürlich nicht behaupten, dass das Kind ohne
Charakter geboren wird; das scharfe Auge der Mutter sieht Unter-
schiede bereits in den Äusserungsformen der Neugeborenen. Doch
ist der grösste Teil dessen, was wir als das Ich des Kindes bezeichnen,
sozusagen eine chemische Reaktion auf die ersten Eindrücke des
Lebens, die dann die Tendenz hat, im Leben immer und immer
— schon auf leise äussere Anlässe hin — wiederzukehren. Der
allererste Schock, den die Lebewesen durchzumachen haben, ist
der der Gehurt. Freud vermutet, dass wenigstens eine der
Wurzeln aller späteren Angst und Ängstlichkeit in dieser Er-
schütterung zu suchen ist. Doch ich meine, dass die Fürsorge der
Mutter und die gute physiologische Vorbereitung zum Extra-
uterinleben diese Erschütterung rasch überwindet: das neuge-
borene Kind schläft ruhig ein, als wäre nichts passiert, und Endet
es ganz selbstverständlich, dass sich die ganze Welt nur um es
kümmert. Ich denke, dass dieser Zustand, in dem man Mittelpunkt
442 S. Ferenczi
der Welt und gleichsam ein Allmächtiger ist, von manchen Men-
schen nur allzu ungern verlassen wird; sie möchten zeitlebens
Regierende, Herrscher, Tyrannen bleiben, insbesondere wenn die
Verzärtelung der Mütter diese Fixierung begünstigte. Recht bald
muss sich aber das Kind mit der Idee versöhnen, dass es ausser
ihm noch andere, ja viel mächtigere Wesen gibt, deren Gunst es
sich durch gewisse magische Gebärden und Worte, die man Bitten
nennt, gewinnen muss, um seine Wünsche erfüllt zu sehen. Dies
ist die Zeit, wo der Glaube an die eigene Allmacht durch den
Glauben an die Autorität abgelöst wird; gewiss eine nützliche
Wandlung, die aber — falls übertrieben — leicht die Grundlage
der Charakterzüge der Liebedienerei, die Tendenz zu eklaviachem
Gehorsam, kindischer Gläubigkeit und Suggestibilität werden un^
die Fähigkeit zu selbständigem Denken für Lebensdauer hemmen
kann. Entscheidende Prozesse der Charakterbildung, oder sagen
wir genauer, der Ichentwicklung, spielen sich ab, wenn das wenig-
stens in dieser Hinsicht souverän gebliebene Kind gezwungen
wird, sich an gewisse Regeln bei der Ausübung der Körperfunk-
tionen anzupassen. Die Stärke des Instinkts zur Nahrungsauf-
nahme, die taktvolle oder rücksichtslose Behandlung des Kindes
m dieser Hinsicht, insbesondere bei der Entwöhnung von der
Mutterbrust, mag den späteren Charakterzug der Gierigkeit, der
Habgier, oder der Bescheidenheit, Zufriedenheit fördern. Schwere
Kämpfe kostet die Anpassung an die Regeln der körperlichen
Reinlichkeit, insbesondere der Ausscheidungsfunktionen, die —
wie wir wissen — dem Kinde nicht nur Erleichterung, sondern
auch einen Lust-Nebengewinn einbringen. Die Störung dieser
Funktionen durch den Zwang zur Zurückhaltung ruft eine förm-
liche Empörung beim Kinde hervor, deren Endausgang über wich-
tige Charakterzüge des späteren Lebens entscheiden mag. Eine
etwas stärkere Unfähigkeit zur Befolgung dieser Regeln und die
Bescbäraung darüber mag den bestimmenden Faktor für alle
Die psychoanalytische Therapie des Charakters 443
spätere Ambition, für Freigebigkeit oder Geiz, für die Neigung
zu Nachlässigkeit oder Ordentlichkeit und Pedanterie abgeben,
vor allem aber hängt es von der taktvollen Behandlung bei dieser
Anpassungsleistung ab, ob einer in späterer Zeit trotzig oder
nachgiebig werden soll. Es ist nicht aussichtslos, auch diese primi-
tiven, oft übertriebenen Kompensationsleistungen durch eine tief-
reichende Psychoanalyse wesentlich zu mildern.
2. Einschaltung.
Die Bestrebungen zum Verständnis der Charakterdifferenzen
von der organischen Seite her sind aussichtsvoll, aber einstweilen
nicht sehr weitreichend. Auch der ausgezeichnetste Gehirnanatom
kann mir auf Grund morphologischer und mikroskopischer Ana-
lyse eines Gehirns nicht sagen, ob es das eines Gesunden oder
eines funktionell Geisteskranken war, noch weniger, an welcher
Neurose er litt, oder gar etwas über seine Charakterzüge aus-
sagen; auch das Urteil über die Geisteseigenschaften, auf Grund
des allgemeinen körperlichen Habitus, ist noch recht schwankend.
Doch selbst wenn diese organischen Probleme vollkommen gelöst
wären, ja wenn wir bereits im Besitze des spezifischen chemischen
Antidots gegen Trotz, Empfindlichkeil, übertriebenen Ehrgeiz,
soziale und patriotische Nachlässigkeit oder Übereifer etc. waren,
wäre unser Wissen über die Charakter-Reaktionen ohne die
Kenntnis von psychologischer Seite her unvollständig, wenn auch
die praktische Bedeutung der Psychologie wesentlich herabge-
setzt sein würde. Doch ist diese „Gefahr", wie gesagt, noch eine
recht entfernte.
3. Einschaltung.
Der Fatalismus der seit dem vorigen Jahrhundert in der
Psychiatrie eingebürgerten Lehre von der Degeneration hat etwas
444 S. Ferenczi
voo der Starrheit aetrologischer Vorhersagen; die Psychoanalyse,
die die arg vernachlässigten, ja der Amnesie verfallenen Kind-
heitseindrücke als charakterbildend hervorhebt, erlöste uns von
diesem Gefühle der Hilfslosigkeit. Der „Degenerierte" war von
vornherein stigmatisiert und beinahe der Pathologie verfallen;
die psychoanalytische Auffassung lässt die Möglichkeit der Kom-
pensation auch der ungünstigen Geistesrichtung durch ent-
sprechende Prophylaxe der Erziehung offen, ja ihre Anstrengua-
gen zur Korrektur bereits schiefgewachsener Charaktere sind nicht
ohne Erfolg geblieben (Melanie Klein, Anna Freud). In einer
früheren Arbeit wagte ich sogar schon die Dämmerung einer indi-
viduellen und sozialen „Kriminaltherapie'* auf analytischer Grund-
lage anzuzeigen, die vom Wiener Kinderfürsorger Aichhorn
bereits auch begonnen wurde.
4. Einschaltung.
Vor der Vornahme einer Charakter-Analyse ist es angezeigt,
den zu Analysierenden der Untersuchung durch einen analytisch
geschulten Arzt zu unterziehen, um die Gefahr der Verwechslung
mit einer organischen Abnormität, die rein ärztlicher Behandlung
bedarf, zu vermeiden.
5. Einschaltung.
Ich bin natürlich auf die besorgte Frage vorbereitet, ob ein
analysierter Charakter nicht mit Charakterlosigkeit gleichbedeu-
tend sei. Die Antwort fällt mir nicht schwer. Es liegt in der Natur
des Menschen und der analytischen Methode, dass in dem Masse,
wie die neurotischen Symptome und Charakterzüge schwinden,
andere, ökonomischere und verstandesgemässere Wege des Fühlens
und Handelns auch ohne besondere Anweisung, des Analytikers,
spontan Zustandekommen. Vielleicht ist der Analysierte in der
Die psychoanalytische Therapie des Charakters 445
Tat nicht mehr der verlässliche, aber immer gleich funktionierende
Automat wie ein Mensch mit starrem Charakter. Dafür reagiert
er nicht mehr mechanisch, auf Grund infantiler Vorstellungen
und Einstellungen, sondern mit der vollen Verantwortlichkeit
eines Erwachsenen. Den gar zu Ängstlichen wäre aber zu erwidern,
dass die Ziele der Moral und die des Verstandes fast die gleichen
sind: beide bezwecken die Sicherung des Wohlergehens des In-
dividuums mit möglichster Schonung der Interessen anderer.
Der Psychoanalytiker würdigt ausserdem, vielleicht noch mehr als
der Moralist, die Wichtigkeit der Gefühlsbeziehungen der Men-
sehen untereinander.
In diesem Zusammenhange sei es mir gestattet, einige Worte
darüber zu sagen, wie die Analyse die Charakterzüge der Hyper-
moralität erklärt. Freud zeigte uns, dass Gerechtigkeitssinn
und moralische Abscheu vor der Verletzung sozialer und religiöser
Gebote als Reaktionsbildung und Sicherung gegen die eigenen
bösen Absichten, müder gesagt: die animalen Triebe, entstanden
sind. Natürlich muss dort, wo der Trieb
[ForlselzuQg fehlt. (Herausgeber)]
Das unwillkommene Kind und sein
Todestrieb
(1929)
In einer kleinen Arbeit über „Kälte, Krankheit und Geburt**»
führte Ernest Jones — anknüpfend an Gedankengänge meiner
„Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnee"" (sowie an damit
zusammenhängende Ideen von T r o 1 1 e r, S t ä r c k e, Alex-
ander und Rank) — die Neigung so vieler Menschen zu
Erkaltungskrankheiten teilweise auf frühinfantile traumatische
Eindrücke, insbesondere auf Unlustempfmdnngeu zurück, die das
Kind bei der Entfernung aus dem warmen mütteilichcn Milieu
empfinden und später nach dem Gesetze des Wiederholungszwan-
gas immer wieder neu erleben muss. Die Folgerungen vor»
Jones waren hauptsächlich auf physiopathologische, zum Teil
aber auch auf analytische Überlegungen gegründet. In der nun
folgenden kurzen Mitteilung möchte ich einen ähnlichen, aber
ein etwas weiteres Gebiet berührenden Ideengang veiöffentlichea.
* Int. Zlschr. f. Psa., Bd. IX, 1923.
2 Vgl. „Bausteine zur Psychoanalyse'', Bd. I. Int. PsycKoanalyt.
Verlag, Wien, 1927.
i
Das unwillkommene Kind und sein Todestrieb 447
Seit der epochemachenden Arbeit Freuds über die nicht
weiter analysierbaren Triebgrundlagen alles Organischen (in
„Jenseits des Lustprinzips") haben wir uns daran gewöhnt, alle
Lebenserscheinungen, auch die Erscheinungen des Seelenlebens,
schliesslich als ein Gemisch von Äusserungsformen der zwei
Grundtriebe: des Lebens- und des Todestriebes, zu betrachten.
Ein einziges Mal hörten wir von Freud auch die Zurückfüh-
rung einer pathologischen Erscheinung auf die fast vollkommene
Entmischung der zwei Haupttriebe; seiner Vermutung nach äus-
sert sich in der Symptomatik der E p i 1 e p s i e das Toben einer
von den Hemmungen des LebenwoUens fast freien Tendenz zur
Selbstvernichtung. Psychoanalytische Untersuchungen haben
mich seither in der Plausibihtät dieser Auffassung gestärkt. Ich
weiss von Fällen, in denen der epileptische Insult sich an unlust-
volle Erlebnisse anschloss, die dem Patienten das Leben kaum
mehr lebenswert erscheinen Hessen. (Natürlich will ich damit
über das Wesen der Attacke selbst nichts Definitives ausgesagt
haben.)
AU leitender Arzt eines Kriegslazaretts hatte ich unter anderem
die Aufgabe, mich über die DienßttaugHchkeit vieler Epileptiker zu
äussern. Nach Ausschluss der nicht seltenen Fälle von Simulation und
der hysterischen Anfälle verblieb eine Serie mit typischen epileptischen
Erscheinungen, an der ich die Äusserungen des Todestriebes naher
untersuchen konnte. Nach Ablauf der tonischen Starre und der klonischen
Zuckungen folgte meist — bei noch immer andauerndem tiefem Koma
mit Pupillenstarre — völlige Relaxation der Muskulatur und äusserst
penibles, offenbar durch Erschlaffung der Zungen- und Kchlkopfmuskeln
verursachtcB, höchst insuffiziente», stertorÖses Atmen. In diesem Sta-
dium nun vermochte sehr oft ein kurzdauerndes Verlegen der noch pas-
siblen Luftwege den Anfall zu kupieren. In anderen Fällen musste
dieser Versuch wegen drohender Erstickungsgefahr unterbrochen werden.
Es lag nahe, hinter dieser Verschiedenheit in bezug auf die Tiefe des
Komas eine Differenz bezügÜch der Vollkommenheit der Triebentmi-
I
448 §• Fereaczi
Bchung zu vermuten. Die tiefere aoalytiflche Durclidringuiig dieeer Fülle
war aber durch äussere Umstände leider verbinden.
Einen etwas tiefereu Einblick in die GeneBe von unbewussten,
Selbslzerstörungstendenzen erhielt ich bei der Analyse von ner-
vösen Kreislaufs- und Atemstörungen, insbesondere von
Asthma bronchiale, doch auch von anatomisch nicht
erklärbaren Fällen vollkommener Appetitlosigkeit und
Abmagerung. Alle diese Symptome passten gelegentlich vollkom-
men zur psychischen Gesamttendenz der Patienten, die viel mit
Selbetmordneigungen zu kämpfen hatten. Auch die retrospektive
Analyse einiger Fälle von infantilem Glotliskrampf musste
ich in zwei Fällen als Selbstmordversuch durch Selbelerdrosse-
lung deuten. In der Analyse dieser letzteren Fälle nun kam ich
zu jener Mutmassung, die ich hier mitteilen möchte, in der Hoff-
nung, dass ein weiterer Kreis von Beobachtern (ich denke da
besonders an Kinderärzte) weiteres Material zu ihrer Stütze bei-
bringen wird.
Beide Patienten kamen sozusagen als unwillkommene
Gäste der Familie zur Welt. Der eine als zehntes Kind
der offenbar stark überbelasteten Mutter, der andere als Nach-
komme des todkranken, bald darauf auch wirklich verstorbenen
Vaters. Alle Anzeichen sprechen dafür, daaa diese Kinder die
bewussten und unbewussten Merkmale der Abneigung oder Un-
geduld der Mutter wohl bemerkt und durch sie in ihrem Leben-
wollen geknickt wurden. Im späteren Leben genügten dann ver-
hältnismässig geringe Anlässe zum Sterbenwollen, auch wenn die-
ses durch starke Willensanspannung kompensiert wurde. Mora-
lischer und philosophischer Pessimismus, Skeptizismus und Miss-
trauen wurden hervorstechende Charakterzüge bei ihnen. Man
konnte auch von schlechtverhüllter Sehnsucht nach (passiver)
Zärtlichkeit, von Arbeitsunlust, von Unfähigkeit zu längerer
Kraftanspannung, also von einem gewissen Grade von emotio-
A
Das unwillkommene Kind und sein Todestriefa 449
nellem Infantilismus sprechen, natürlich nicht ohne Versuche
einer forcierten Charakierbefestigung. AU ein besonders schwe-
rer Fall von seit Kindheit bestehender Lebensunlust entpuppte
eich der Fall von Alkoholismus bei einer noch jugendlichen
Dame, die natürlich auch Schwierigkeiten in der analytischen
Situation wiederholt zum Anlass zu nur schwer beberrschbaren
Selbstmordimpulsen nahm. Sie kann sich erinnern, aber auch
Mitglieder ihrer Familie bestätigen es, dass sie als drittes Mädchen
einer knabenlosen Familie höchst unliebsam empfangen wurde.
Sie fühlte sich natürlich unschuldig und trachtete durch früh- '3@S
reifes Grübeln den Hass und die Ungeduld der Mutter zu erklä- '^
ren. Eine Neigung zu kosmologischer Spekulation mit einem
Einschlag von Pessimismus behielt sie zeitlebens bei. Ihre Grü-
beleien über die Herkunft alles Lebendigen waren gleichsam
nur die Fortsetzung der unbeantwortet gebliebenen Frage, warum
man sie denn überhaupt zur Welt gebracht hat, wenn man sie
nicht freundlich zu empfangen gewillt war. Wie in allen ande-
ren, so auch in diesem Falle war natürlich der Ödipuskonflikt
eine Kraftprobe, der die Patientin nicht gewachsen war, ebenso-
wenig wie den zufällig ungewöhnlich grossen Schwierigkeiten der
Anpassung ans Eheleben; sie blieb frigid, gleichwie alle anderen
von mir beobachteten „unwillkommenen Kinder" männlichen
Geschlechts unter mehr oder minder schweren Störungen der Potenz
litten. Die von Jones in ähnlichen Fallen postulierte Neigung
zu Erkältungen war vielfach vorhanden; in einem speziellen Fall
sogar ganz besondere, organisch schwer erklärbare, hochgradige
Abkühlung bei Nacht mit subnormalen Temperaturen.
Es kann natürlich nicht meine Aufgabe sein, die Semiotik
dieses hier nur ätiologisch gemeinten Erkrankungstypus auch nur
halbwegs zu erschöpfen; dazu reicht, wie schon angedeutet, die
Erfahrung eines Einzelnen nicht aus. Ich wollte nur auf die
Wahrscheinlichkeit dessen hinweisen, dass barsch und unliebens-
F e r e n c z 1. Bausteine zur Psychoanalyse. III. 20
m
würdig empfangene Kinder leicht und gerne sterlien. Entweder
benützen sie eine der vielen gegebenen organischen Möglichkei-
ten zum raschen Abgang, oder wenn sie diesem Schicksale auch
entgehen, behalten sie einen Anflug von Lebensunlust und Pessi-
mismus hei.
Diese ätiologische Annahme fusst auf einer von der geläufi-
gen verschiedenen theoretischen Auffassung über die Wirksamkeil
der Lebens- und Todestriebe in den verschiedenen Lebensaltern.
Geblendet durch die imposante Wachstumsentfaltung am Leheng-
beginn, war man zur Ansicht geneigt, dass bei den eben zur Welt
gebrachten Individuen die Lebenstriebe bei weitem überwiegen;
überhaupt war man geneigt, Todes- und Lebenstriebe als einfache
Ergänzungsreihen vorzustellen, in denen das Lebensmaximum
am Beginn des Lebens, der Nullpunkt des Lebenstriebes aber im
späteren Alter gedacht war. Dem scheint nun nicht ganz so zu
sein. Allerdings entfalten sich die Organe und ihre Funktionen
intra- und extrauterin am Lebensanfang in überraschender Fülle
und Schnelligkeit — doch nur unter den ganz besonders günsti-
gen Bedingungen des Keim- und Kinderschutzes. Das Kind muss
durch ungeheuren Aufwand von Liebe, Zärtlichkeit und Fürsorge
dazu gebracht werden, es den Eltern zu verzeihen, dass sie es
ohne seine Absicht zur Welt brachten, sonst regen sich alsbald
die Zerstörungstriebe. Und das ist eigentlich nicht zu verwun-
dern; ist doch der Säugling dem individuellen Nichtsein noch viel
näher und ihm nicht durch Lebenserfahrung entrückt wie der
Erwachsene. Das Zuriickgleiten in jenes Nichtsein mag also bei
den Kindern viel leichter vor sich gehen. Die den Schwierigkei-
ten des Lebens standhaltende „Lebenskraft" ist also nicht eigent-
lich angeborenerweise von grosser Stärke, sondern sie befestigt
sich anseheinend nur, wenn taktvolle Behandlung und Erziehung
eine fortschreitende Immunisierung gegen physische und psy-
chische Schäden allmählich herbeiführen. Entsprechend dem
Das unwillkommene Kind und sein Todestrieb
451
Abslieg der Morbiditäts- und Mortalitätskurve im mittleren Le-
bensalter dürfte also der Lebenstrieb den Vernicbtungstenden-
zen erst im Alter der Reife die Wage halten.
Wollen wir die Fälle dieser Ätiologie in die von Freud
so frühzeitig und doch so erschöpfend gegebenen neurotischen
„Erkrankungslypen" einreihen, so müssen wir sie etwa an der
Übergangsstelle der rein endogenen und der exogenen, d. h. Ver-
sagungsneurosen, unterbringen. Die so frühzeitig lebensunluetig
Werdenden machen den Eindruck von Lebewesen mit mangel-
hafter Anpassungsfähigkeit, ähnlich denen, die nach der Grup-
pierung Freuds an einer mitgebrachten Schwäche ihrer Le-
bensfähigkeit leiden, doch mit dem Unterschied, dass in unseren
Fällen das Angeborensein der Kränklichkeit durch die Frühzei-
tigkeit des Traumas vorgetauscht wird. Natürlich bleibt es eine
noch zu lösende Aufgabe, die feineren Unterschiede der Neuro-
sensymptomatik bei den von Anfang an misshaudelten und jenen
Kindern festzustellen, die anfangs enthusiastisch, ja mit leiden-
schaftlicher Liebe behandelt, dann aber „fallen gelassen'' wurden.
Nun erhebt sich natürlich die Frage, ob ich auch zur spe-
ziellen Therapie dieser Erkrankungsgruppe etwas zu sagen habe.
Entsprechend meiner anderwärts mitgeteilten Versuche einer
„Elastizität" der analytischen Technik^, sah ich mich in diesen
Fällen von verminderter Lebenslust allmählich gezwungen, in
den Anforderungen an die Leistungsfähigkeit der Patienten wäh-
rend der Kur mehr und mehr nachzulassen. Schliesslich stellte
sich eine Situation heraus, die man nicht anders beschreiben
kann, als dass man den Patienten eine Weile, gleichsam wie ein
Kind, gewälircn lassen muss, nicht unähnlich jener „Vorbehand-
lung", die Anna Freud bei der Analyse von Kindern für
notwendig hält. Durch dieses Gewährenlassen lässt man diese
" S. Bausteine zur Föychoanalysc, Bd. IIL S. 380.
p
452 S. Ferenczi
Patienten eigentlich erstmalig die Unverantwortlichkeit des Kin-
desalters genieesen, was gleichbedeutend ist mit der Einführung
positiver Lebensimpulse und Motive für die spätere Existenz.
Erst später kann man vorsichtig an jene Versagungsforderungen
herangehen, die unsere Analysen sonst kennzeichnen. Natürlich
muss aber auch diese, wie jede andere Analyse, mit der Abtragung
der unvermeidlich geweckten Widerstände und mit der Anpas-
sung an die versagungffi'olle Realität enden, hoffentlich aber
ergänzt durch die Fähigkeit, das Glück, wo es real gegeben isx^
auch zu geniessen.
Eine von der ichpsychologischen Richtung einseitig beein-
flusste, sonst sehr intelligente Dame machte mir, als ich von der
Wichtigkeit der Zuführung „positiver Lebensimpulse", d. h. von
der Zärtlichkeit Kindern gegenüber sprach, sofort den Einwand,
wie denn dies mit der von der Psychoanalyse behaupteten Be-
deutung der Sexualität in der Verursachung der Neurosen zu ver-
einbaren sei. Die Antwort fiel mir nicht schwer; musBte ich doch
in der „Genitaltheorie"* die Ansicht befürworten, dass die Le-
bensäusserungen der kleinsten Kinder fast ausschliesslich libi-
dinös (erotisch) sind, diese Erotik aber, eben wegen ihrer
Ubiquität, unauffällig ist. Erst nach Ausbildung eines be-
sonderen Organes für Erotik macht sich die Sexualität unverkenn-
bar und unableugbar. Damit will ich auch allen jenen geantwor-
tet haben, die aus Anlass dieser Mitteilung die libido-theoretische
Neurosenlehre Freuds angreifen sollten. Übrigens wies ich
bereits darauf bin, dass oft erst die Kämpfe des Ödipuskonfliktes
und die Anforderungen der Genitalität die Folgen der früherwor-
benen Lebensunlust manifest werden lassen.
♦ lot. Psa. Verlag. Wien, 1924.
n
Männlich und Weiblich
Psychoanalytische Betrachtungen über die „Genital-
theorie", sowie über sekundäre und tertiäre
Geschlechtsunterschiede
(1929)
Gegen einen Vorwurf, den wir sonst oft genug zu hören
bekommen, fühle ich mich heute ziemlich gefeit. Man sagt von
der Psychoanalyse {bei zweifelloser Übertreibung des Tatsächh-
chen), sie wolle alles mit der Sexualität erklären. Da ich
heute von Geschlechtsunterschieden zwischen
Mann und Weib reden will, ist es wohl nicht zu gewagt, im
Zusammenhang damit auch von Sexualität zu sprechen, denn
darüber ist wohl niemand im Zweifel, dass die äussere Erschei-
nung und die psychischen Züge der Männlichkeit und der Weib-
lichkeit entfernte Folgen der Funktion der Sexualorgane sind.
Bezüglich dieser Feststellung sind uns ja die Biologen zuvor-
gekommen. Die Tierexperimente haben unmissverstandlich ge-
zeigt, dass man die Geschlechtscharaktere durch Einpflanzung
oder Entfernung der Geschlechtsdrüsen vernichten oder sogar
ins Gegenteilige verwandeln kann. Auch der Einfluss von rein
psychischen Einwirkungen auf die Geschlechtsmerkmale ist für
die Biologie nichts völlig Neues. Es genügt wohl, wenn ich auf
ein einziges Beispiel hinweise: Eine von Anfang an in männlicher
Umgebung gehaltene, geschlechtlich ganz degenerierte männliche
454 S. F
erenczi
Ratte wurde plötzlich in die Nähe eines Käfigs von weiblichen
Ratten versetzt. In Kürze verwandelte sicli das Tier innerlich,
äusserlich, sowie in seinem Benehmen im Sinne der Männlichkeit,
wohl nur unter dem Einfluss des Anblicks und des Beriecbens
der Weihchen (Steinach). Es ist wohl nicht zu übertrieben, hier
von einer Veränderung der Sexualmerkmale unter psychischem
Einfluss zu reden; nur jemand, der die Annahme von seelischen
oder der Seele ähnlichen Eigenschaften bei Tieren prinzipiell ver-
wirft, könnte etwas dagegen einwenden.
Allerdings geht die Psychoanalyse gelegenthch weiter als die
Vertreter der heutigen Biologie. Ich konnte Ihnen schon bei
früheren Anlassen davon erzählen, dass es Freud gelungen ist,
mit Hilfe rein psychoanalytischer Erfahrung in das dunkelste
Kapitel der Biologie, in die Trieblehre, etwas Licht zu bringen.
Seine Neurosenanalysen gestatteten ihm die Rekonstruktion der
Anfänge des Sexualtriebes bei Menschen, die Feststellung der
Existenz einer „infantilen Sexualität", des doppelten Ansatzes
der Sexualentwicklung mit einer dazwischengcschobenen „Latenz-
zeit , zu welch letzteren Theorien erst nachträglich die physiolo-
gische Bestätigung erbracht wurde. Es wurde anatomisch nach-
gewiesen, dass die Genitaldrüsen beim Menschen am Ende der
Folalzeit und am Beginn des extrauterinen Lebens verhältnis-
mässig stark entwickelt sind, dann im Wachstum relativ zurück-
bleiben, um später in der Zeit der Vorpubertät nochmals ge-
waltig anzuschwellen. Die von uns sogenannte Pubertät ist also
nicht die erste, sondern bereits die zweite Blütezeit der Genitali-
tät; von der ersten hatte man vor Freuds Entdeckungen keine
Ahnung.
Dieser Erfolg, der nicht vereinzelt blieb, ermutigte mich
dann, einen Schritt weiterzugehen und die Erfahrungen der
Psychoanalyse und das Hilfsmittel der Libidntheorie auch zur
Erklärung des eigentlichen Kopulationsaktes zu verwerten. Der
I
Mänulich und Weiblich 455
erste meiner Hilfsbegriffe, den ich dabei benützte und mit dem
ich Sie bekanntmachen mochte, ist die von mir so benannte
„A m p h i m i X i s" der E r o t i s m e n. Ich nehme an, dass das,
was -wir Genitalität nennen, eine Sumoiation der sogenannten
Partialtriebe und der Erregungen der erogenen Zonen ist. Beim
Kinde steht jedes Organ und jede Organfunktion weitgehend im
Dienste der Luslhefriedigungstendcnzen. Der Mund, die Aus-
Bcheidungsöffnnngen, die Hautoberfläche, die Betätigung der
Augen, der Muskulatur usw. werden vom Kinde als Mitlei der
Selbstbefriedigung benützt, wobei es lange zu keiner irgendwie
merklichen „Organisation" kommt, die Autoerotismen sind noch
anarchisch. Später gruppieren sich die Lusttendenzen um gewisse
Zentren; die sogenannte orale und anal-sadistische Organisation
zeigt die Anfänge einer Forlentwicklung aus der früheren Anar-
chie. Mein Versuch ging min dahin, die Ausbildung der Reifeform
dieser Vereinheitlichung, die Genitalität, näher zu erforschen.
Ich kam zur Überzeugung, dass irgendein organisches Vor-
bild der Verdrängung es zustandebringt, dass die Körperorgane
mehr und mehr in den Dienst der Selbsterhaltung gestellt werden,
wodurch die Leistungsfähigkeit in dieser Hinsicht bedeutend
gesteigert wird. Die verdrängten und vorerst frei schwebenden
libidinösen Tendenzen vermischen sich (daher der Name „Amphi-
mixis — Vermengung) und konzentrieren sich schliesslich auf ein
besonderes Lustreservoir, das Genitale, um dort periodisch ent-
lastet zu werden.
Die bisherige Zoologie, die bezüglich der Sexual funktion
wie auch in bezug auf andere Funktionen, hauptsächlich von der
Teleologie der Art beherrscht war und die individuell-
psychologischen Gesichtspunkten völlig ferne stand, konnte natür-
lieh nicht auf die Idee kommen, die ich mir beim analytischen
Studium an menschlichen Einzelindividnen machen musste, auf
die nämlich, dass die Genitalfunktion in erster Linie ein Ent-
456 S. Ferenczi
lastungeprozess, die Ausstossung spannungeerzeugender Produkte,
oder wenn wir uns rein psychologisch ausdrücken wollen, die
periodische Wiederholung einer lusterzeugenden Betätigung ist,
bei der die Rücksicht auf die Arterhaltung keine Rolle zu spielen
braucht.
Dann kommt es zur weiteren Fragestellung, warum gerade
diese Art der Betätigung in einem so grossen Teile des Tierreiches
in der gleichen Weise in der Form der Begattung wiederkehrt?
Um auf diese Frage auch nur hypothetisch zu antworten, müssen
wir etwas weiter ausholen.
Sie erinnern sich vielleicht, dass ich den ersten Schlaf des
Neugebornen als eine ziemlich gelungene Reproduktion des Ruhe-
zustandes vor dem Geborenwerden beschreiben musste. Ich setzte
hinzu, dass dieser Zustand, wie übrigens auch jedes spätere
Schlafen, die halluzinatorische Befriedigung des Wun-
sches nach Ungeboreneein bedeuten kann. Im Wachleben des
Kindes wurde als realer Ersatz für das intrauterine Glüeks-
empfinden die Befriedigung auf dem oralen Wege (Saugen,
Ludein), später auch die auf anal-sadistischem Wege (Exkretiona-
und Bemächtigungslust) geschaffen. Die Genitalität selbst ist
anscheinend die Rückkehr zur ursprünglichen Tendenz und ihrer
Befriedigung, die diesmal gleichzeitig halluzinato-
} ' i 8 c h, 8 y m b o 1 i 6 c b und in Wirklichkeit stattfindet.
j^ In Wirklichkeit werden nur die Keimzellen des Glücks des Un-
geborenseins neuerdings teilhaftig; das Genitalorgan selbst deutet
diese Tendenz in der Art seiner Tätigkeit symbolisch an, während
das übrige Individuum dieses Glücks wie im Schlaf wieder nur
als Halluzination teilhaftig wird. Ich erachte also den Orgasmus
als eine diese unbewusste Halluzination begleitende Gefühlslage,
ähnlich der, die das neugeborne Kind in seinem ersten Schlafe
oder nach seiner Sättigung empfinden mag.
Während also die bisherige Naturauffassung in der Genital-
Männlich und Weiblich 457
funktion nur die Tendenz zur Leheneerhaltung auch nach dem
Tode des Individuums, aUo die progressive Tendenz zur Fort-
pflanzung wirksam sah, glaubte ich annehmen zu müssen, dass
dabei gleichzeitig eine vom subjektiven Standpunkte des Indi-
viduums vielleicht noch wichtigere regressive Bestrebung,
das Streben nach Wiederherstellung einer früheren, unkompli-
zierteren Ruhelage, zur Geltung kommt.
L'appetit vient en mangeant! Nachdem dieses erste Stück
einer Genitaltheorie fertig war, konnte ich der Versuchung nicht
widerstehen, daran weiterzubauen. Nun weiss ich nur zu gut,
dass eine solche Häufung von Hypothese über Hypothese gar nicht,
oder nur mit allergrösster Vorsicht gestattet ist. Wenn Sie also
das, was ich Ihnen bis jetzt sagte, mit Recht nur als schwankende
Theorie auffassen, so müssen Sie die weiter darauf gebauten Stock-
>verke vorläufig nur als phantastische Entwürfe in Betracht ziehen.
Dementsprechend hätte ich eigentlich Lust, meine phylogenetische
(artenentwicklungsgeschichtliche) Theorie der Genitalität lieber
in Märchenform zu erzählen.
Denken Sie sich einmal die Erdoberfläche noch ganz von
einer WasserhüUe umgeben. Alles pflanzliche und tierische Leben
spielt sich noch im Seewasser ab. Geologische und atmosphärische
Verhältnisse führen nun dazu, dass einzelne Teile des Meeres-
bodens eich über die Seeoberfläche erheben. Die Tiere und
Pflanzen, die so aufs Trockene gesetzt wurden, müssen entweder
zugrunde gehen oder sich dem Land- und Luftleben anpassen,
sie müssen sich vor allem daran gewöhnen, die zu ihrer Erhaltung
notwendigen Gase (den Sauerstoff, die Kohlensäure) sich aus der
Luft zu verschaffen, statt wie bisher aus dem Wasser. Bleiben wir
zunächst bei den höchstentwickelten Wasserbewohnern, unseren
ältesten Ahnen in der Reihe der Wirbeltiere, den Fischen. Es ist
ganz gut denkbar, ja unsere Biologen behaupten es mit Sicherheit,
dass es auch glückliche Fische gab, die nicht ganz aufs Trockene
Ik
458 S. Ferenczi
gesetzt wurden, sondern in einem seichten Waaeertümpel weiter-
leben durften, wobei ihnen die Verhältnisse die Möglichkeit bo-
ten, sich der Luftatmung anzupassen, das heisat, die unbrauchbar
gewordenen Kiemen durch Lungen zu ersetzen.
Nun habe ich Ihnen schon bei einem frühereu Anlass meine
Auffassung mitgeteilt, dass starkes Wünschen und nicht nur
zufällige Variation oder fortgesetzte Übung an der Bildung neuer
oder besser angepasster Organe beteiligt sein kann. Die Nötigung.
die Nahrung lokomotorisch aufzusuchen, führte jedenfalls zur
Entwicklung eigener Bewegungsorgane: Beine und Füsse. Da hätten
wir also einen auf dem Boden hüpfenden, durch die Lungen
atmenden Fisch, mit anderen "Worten — einen Frosch fertig.
Nun, dass es sich bei dieser Beschreibung nicht rein um ein
Märchen handelt, dafür haben wir lebende Beweise. Die Ent-
wicklung des Frosches, als wollte sie uns die Richtigkeit der
Entwicklungstheorie nachweisen, geht in zwei scharf getrennten
Absatzen vor sich. Aus dem befruchteten Froschei wird vorerst
eine Kaulquappe, die noch nach Fischart lustig im Wasser
schwimmt und durch Kiemen atmet. Später entwickelt sie auch
Lungen und kann am Lande leben. Sie wird ein Amphibium.
Für die Spekulationen, die nun folgen, erkläre ich mich
allein für verantwortlich. Ich dachte immer wieder an die be-
kannte Tatsache, dass die Befrucbtungsvorgänge bei der über-
grossen Mehrzahl der Wassertiere im Wasser und nicht unter dem
Schutz des mütterlichen Leibes stattfinden. Es gibt bei ihnen keine
eigentliche Kopulation, auch keine äusserlichen Geschlecbtswerk-
zeuge. Das Weibchen setzt die Eier ins Wasser ab; das Männchen
hält sich in der Nähe auf und befruchtet die Eichen im Wasser.
In den meisten Fällen findet zwischen Männchen und Weibchen
keine direkte Berührung statt. Sobald der Fisch ans Land gesetzt
und ein Amphibium wurde, entwickelt das Männchen eigene
Daumenschwielen zum Festhalten des Weibchens, später, nach-
Männlich und Weiblich 459
dem er sich in ein Reptil umgewandelt hat, eigene männliche
Geschlechtsorgane, die dafür sorgen, dass die befruchteten Eichen
sicher in den Mutterleib gelangen und sich dort entwickeln kön-
nen. Von den Reptilien augefangen, machen alle Landwirbeltiere
intrauterine Embryonalentwicklung durch. Die Säugetiere unter-
scheiden sich von ihren Vorfahren dadurch, dass ihre Eier
besonders weich und mit viel Wasser gefüllt sind, so dass sie
noch während der Geburt platzen und dass die Mutter die Neu-
gebornen mit ihren Körperaäften nährt.
Ich könnte Ihnen nun die Theorie weiter im Zusammenhang
mit der biologischen Erfahrung darstellen, ich will aber aufrichtig
sein und gestehen, dass die psychoanalytische Erfahrung
es war, die mir hier einen Schritt weiterhalf. Sonderbarerweise
kam mir die nächste Anregung von Freuds Traumdeu-
tung. In der Analyse von Träumen, die allem Anscheine nach
etwas mit der Geburt zu tun hatten, unter anderem auch von
Träumen schwangerer Frauen, kommt es recht häufig dazu, dass
wir das Traumgesicht oder das Traumerlebnis der Rettung
eines Menschen aus dem Wasser nicht anders er-
klären konnten, als durch die symbolische Gleichsetzung der
Gehurt mit der Wasserrettung. Auch in Träumen von Menschen,
die sich in grosser Not sich befinden oder die an einer Angstneurose
leiden, mag als wunscherföllende Erlösung die Rettung aus dem
Wasser vorkommen. Wenn Sie nun erinnern, was ich Ihnen schon
vorher davon erzählte, was wir von Freud über den Zusammen-
hang der Angstsymptome mit der ersten grossen Angst, der Ge-
burt, gelernt haben, werden Sie vielleicht geneigt sein, mit mir
den typischen Traum von der Errettung aus der Not durch Er-
trinken als die syrnholische Darstellung der glücklichen Errettung
aus dieser Gefahr aufzufassen.
Da setzte nun die psychoanalytische Deutung der Lebens-
Vorgänge wieder ein. Es tauchte in mir die Idee auf, dass, gleich-
s
w
460 S. Ferenczi
wie der Sexualverkehr halluzinatorisch, Bymbolisch und real
irgendwie auch die Regression, wenigstens in der Ansdruckaform,
zu den Zeiten in und vor der Geburt bedeuten konnte, die Geburt
und die ihm vorausgehende Existenz im Fruchtwasser selbst ein
organisches Erinnerungssymbol jener grossen geologischen Kata-
strophe und der Änpassungskampfe sein mag, die unsere Vor-
fahren in der tierischen Ahnenreibe durchleben mussten, um
sich ans Land- und Luftleben anzupassen. Im Sexualverkehr sind
also mnemische Spuren sowohl der individuellen wie der Äxt-
katastrophe angedeutet.
Ich bin mir dessen hewusst, dass ich bei der Aufstellung
dieser Hypothese etwas getan habe, was der bisherigen wissea-
schaftlichen Auffassung schnurstracks widerspricht. Ich habe rein
psychologiscbe Begriffe, wie Verdrängung, Symbolbildung, ein-
fach auf organische Vorgänge übertragen. Ich denke mir aber,
es ist noch nicht ganz sicher, ob dieser mutwillige Sprung vom
Psychischen ins Organische wirklich nur eine Verirrung war
und nicht etwa ein gelungener Streich, den man Entdeckung ^u
nennen pflegt. Ich bin eher geneigt, das letztere anzunehmen und
in diesen Ideen den Beginn einer neuen Forschungsrichtung z\x
betrachten. Jedenfalls beeilte ich mich, dieser Forschungsweisc
einen Namen zu geben; ich nannte sie „B i o a n a 1 y s e".
Im vorliegenden Falle gestattet mir meine bioanalytische
Auffassung, das Traumgesicht von der Rettung aus dem Wasser
und das daran bangende Angst- und Erlösungsgefühl nicht nur
mit der ererbten, unbewussten Erinnerungsspur an den Geburts-
vorgang, sondern auch mit der an jene Eiulrocknungs- und Aa-
passungskatastrophe zu deuten.
Es erhebt sich nun die Frage, wie beide Geschlechter auf das
geologische Trauma reagiert haben dürften? Die Psychoanalyse
erlaubt es mir, auch um die Beantwortung dieser Frage nicht
verlegen zu sein. Allerdings muss ich, um mich verständlich zu
Männlich und Weiblich 461
machen, vorher etwas breiter auf die Entwicklung des Liebes-
lebens bei beiden Geschlechtern eingehen.
Es ist unzweifelhaft, dass, während im Anfang die Mäd-
chen und Knaben mit der gleichen Intensität dem Genüsse
der Autoerotismen ergeben sind und diesen in der Form des
Ludeins, der sadistisch-analen Vergnügungen, ja auch der Ma-
sturbation in gleicher Weise fröhnen, bei den Mädchen schon früh-
zeitig Spuren der Angst vor dem Kampf mit Knaben
sich zu zeigen beginnt. Es ist uns bekannt, dass der Mensch
organisch wie psychisch doppelgeschlechtlich ange-
legt ist, dass der Knabe auch die rudimentäre Anlage der Milch-
drüsen und das Mädchen ein winziges männliches Sexualglied
geerbt hat. Dieses Glied, in der Anatomie Klitoris genannt
und zu Anfang verhältnismässig stark entwickelt, bleibt bei der
späteren Entwicklung erheblich zurück. Die Psychoanalyse bei
Frauen zeigt, dass die Erregungszone des Weibes sich tiefer ms
Innere des Körpers verlegt, während beim Knaben der P h a 11 u 3
weiterwächst und die Leitzone der Sexualität bleibt. Beobachtun-
gen an Tieren zeigen aber, dass dem eigentlichen Liebesleben,
ja jedem einzelnen Liebesakte, ein Kampf zwischen den Ge-
Bchlechtern vorangeht, der mit der schamhaften Flucht und dem
schliesslichen Erliegen vor der männlichen Gewalt zu enden pflegt.
Doch auch die Liebeswerbung beim Menschen enthält eine in der
Kulturwelt allerdings stark gemilderte Kampfphase. Der erste
Genitalakt ist auch beim Menschen noch ein blutiger Angriff,
dem sich das Weib instinktiv widersetzt, um sich schliesslich da-
mit abzufinden, ja darin Vergnügen und Glück zu finden.
Als Anhänger des H a e c k e 1 sehen „biogenetischen Grund-
gesetzes", demzufolge der Entwicklungsgang des Individuums
eine abgekürzte Wiederholung der Artgeschichte ist, machte ich
mir nun von den Geschlechtsverhältnissen bei der Anpassung ans
Landleben folgende Vorstellung:
P
m
462 S. Ferenczi
Die Tendenz, die Keimzellen zum Ersatz für den Ver-
lust der Se e-E xistenz im Innern eines nahrung- und
feuchtigkeitspendenden Organismus unterzubringen, und die
Sehnsucht, dieses Glück der Keimzellen wenigstens sym-
bolisch und halluzinatorisch mitzugeniessen,
erwachte wohl in beiden Geschlechtern. Demgemäss entwickelten
beide das männliche Geschlechtswerkzeug und es kam vielleicht
zu einem grossartigen Kampfe, dessen Endausgaug darüber zu
entscheiden hatte, welchem Geschlecht die Leiden und Pflichten
der Mutterschaft und das passive Erdulden der Genitalität zu-
geschoben werden soll. In diesem Kampfe erlag nua das weibliche
Geschlecht, entschädigte sich aber dadurch, dass es verstand, aus
Not und Leiden Frauen- und Mutterglück zu schmieden. Ich will
auf die Bedeutsamkeit dieser Leistung und auf ihre psychologi-
sehen Folgen später noch zurückkommen, will aber gleich hier
bemerken, dass dieser Vorgang — falls er sich bewahrheitet —
nicht nur die grössere physiologische und psycho-
logische Kompliziertheit des Weibes zu erklären
-ulft, sondern das Weib, zumindest im organischen Sinne, als
S-n feiner differenziertes, das heisst an kompliziertere
erhaltniase angepasetes Wesen erscheinen lässt. Das Männchen
-ät seinen Willen dem Weibchen aufgedrängt und ersparte sich
BO eine Anpassungsleistung, es blieb primitiver; das Weibchen
hingegen verstand es, sich nicht nur an die S c h w i e r i g k e i t e n
der Umwelt, sondern auch aa die Brutalität des Man-
nes anzupassen.
Die Demütigung blieb aber auch dem männlichen Geschlechte
nicht erspart, und es ist wieder eine geologische Katastrophe, die,
wenigstens meiner Meinung nach, den äusseren Anstoss dazu
gegeben haben dürfte. Ich denke an das Zeitalter des neuerlichen
Uberflutetwerdens grosser Gebiete der Erdoberfläche durch Eis
und Wasser: an die Periode der Eiszeiten. Ein Teil der von dieser
f
MäDnIich und Weiblich 463
Plage betroffenen Lebewesen versuchte es, sich „autoplastisch",
das heisst durch Entwicklung von Hüllen zum Wärmeschutz usw.
anzupassen, ein anderer Teil, vor allem die tierischen Vorfahren
des Menschen oder gar der Urmensch selbst, half sich durch
Höherentwicklung seines Denkorgaas und die Schaffung einer die
Erhaltung auch unter schwierigen Verhältnissen sichernden Kultur.
Und hier ist der Ort, wenigstens andeutungsweise auf eine
grosse Entdeckung hinzuweisen, zu der Freud, in Anlehnung
an frühere Annahmen von Darwin und Robertson Smith,
auf Grund psychoanalytischer Gesichtspunkte gelangt ist. Ich
erwähnte Ihnen bereits die Bedeutsamkeit des sogenannten Ödipus-
komplexes für die Entwicklung jedes Individuums, für die
Richtung der Charakterzüge in Gesunden und der Krankheits-
eymptome der neurotisch Werdenden. Die mutwillige Auflehnung
der Söhne gegen die Väter, um von der Mutter und von den
Frauen überhaupt Besitz zu ergreifen, endete mit einem grossen
Fiasko; keiner der Söhne war stark genug, seinen Willen, wie einst
der Vater, der ganzen Sippe aufzudrängen, und das schlechte Ge-
wissen zwang sie, die Autorität des Vaters und den Respekt
vor der Mutter zurückzusehnen und wiederherzustellen. Im Eia-
zelleben wiederholt sich dieser Kampf mit dem gleichen Ausgange;
der ersten kindlichen Pubertät folgt eine lange Latenzzeit, die
aber, meiner Ansicht nach, möglicherweise auch die Anpassungs-
fcämpfe der Eiszeit, bezw. deren Ausgang in die Schaffung der
menschlichen Kultur im Einzelleben wiederholt.
Nun entsteht die Frage, ob auch die Beobachtung des Geha-
bens der Tiere und Menschen Argumente für die Glaubwürdigkeit
dieser phantaBtisch erscheinenden Annahmen ergibt. Die Psycho-
analyse spricht von einer „V orbildlichkeit der Sexua-
1 i t ä t". Sie behauptet, dass die Art und Richtung der Geschlecht-
lichkeit für sehr viele Züge der Gesamtpersönlichkeit massgebend
wird. Der in seiner Sexualität freie Mensch ist auch in sonstigen
464 S. Ferenczi
Unternehmungen mutig; nicht umsonst stellt die Legende Don
Juan nicht nur als erfolgreichen Hofmacher, sondern auch aU
geschickten und mutigen Fechter dar, der viel vergossenes Blut auf
dem Gewissen hat. Diese Aggressivität, allerdings gemil-
dert durch die Demütigung beim Ödipuskonflikt
mit dem Vater (Kastrationsangst), kennzeichnet aber die
männliche Seele überhaupt, während der Frau nur die Schön-
heit als Kampfmittel verbleibt, sie aber ansonsten durch Güte
und Schamhaftigkeit gekennzeichnet ist. Diese und ähn-
liche seelische Charakterzüge konnte man als tertiäre Ge-
schlechtsmerkmale den sekundären, das heisal organischen
Geschlechts-Charakterzügen an die Seite stellen. Von den letzte-
ren möchte ich beim Manne ausser dem Besitz aggressiver Sexual-
werkzeuge die grössere Körperkraft und die relativ stärkere Ent-
wicklung des Gehirns nennen. Die Geschichte der sexuellen Diffe-
renzierung in Einzelleben kann ich also im allgemeinen zur Stütze
der Theorie einer Kampfphase heranziehen.
Selbstverständlich erhebt sich hier bei vielen die alte Frage,
weiches der beiden Geschlechter höher-, bezie-
hungsweise minderwertig ist. Ich glaube, dass dieses
Problem von einem Psychoanalytiker nicht eindeutig gelöst wer-
den kann. Ich sagte bereits, dass ich den weiblichen Organismus
für feiner differenziert, man konnte also sagen, für hoher ent-
wickelt halte. Das Weib ist angeborenerweise klüger und besser
als der Mann, dafür muss der Mann seine Brutalität durch stärkere
Entwicklung der Intelligenz und des moralischen Uber-Ichs im
Zaum halten. Das Weib ist feinfühliger {moralischer) und fein-
sinniger (ästhetischer) und hat mehr „gesunden Menschenver-
stand'* — aber der Mann schuf, vielleicht als Schutzraassregel
gegen die eigene grössere Primitivität, die strengen Regeln der
Logik, Ethik und Ästhetik, über die sich das Weih im Gefühle der
inneren Verlässlichkeit leichter hinwegsetzt. Ich meine aber, dass
t-
I
Männlich und Weiblich 465
die organiBche Anpaesung des WeibeB nicht minder bewunderns-
wert ist als die psychologische des Mannes.
Diese Darstellung schliesst es durchaus nicht aus, dase es
Fälle gibt, in denen die Intelligenz der Frau die durchschnittliche
analoge Leistung des Mannes weit übertrifft. Doch erweist sich die
Neigung vieler Frauen zu „männlicher" Betätigung nicht selten
als neurotisch bedingt. Der sogenannte Männlichkeits-
komplex ist nach den neuesten Untersuchungen Freuds der
Kernkomplex der meisten Neurosen bei Frauen und die Haupt-
ursache der Frigidität. Ich würde dem hinzufügen, dass er gleich-
zeitig die Regression zur Kampfphase der Geschlechtsdifferenzie-
rung in der Kindheit wie auch hei der Eintrocknungskatastrophe
anzeigt. Viele neurotische Frauen können ihre Symptome nicht auf-
geben, solange sie sich mit der Tatsache, nicht als Männer geboren
zu sein (Penisneid), nicht abfinden, gleichwie der neurotische
Mann die mangelhafte Lösung von der Ödipussituation in der
Analyse in verbesserter Auflage nachholen muss.
Ich habe Ihnen bereits von meiner Auffassung der Suggestion
und der Hypnose gesprochen. Als die beiden Mittel des Gefügig-
machens einer anderen Person erachte ich das Schrecken und
die Verführung. Ich nannte sie Vater-, beziehungsweise
Mutterhypnose. Man kann das Verliebtsein als ein gegenseitiges
Hypnotisiertsein beschreiben, bei dem jedes Geschlecht die eige-
nen Kampfmittel ins Treffen führt, der Mann hauptsächlich seine
körperliehe, intellektuelle und moralische Kraft, mit der er im-
poniert, das Weib seine Schönheit und andere Vorzüge, die es zur
Beherrscherin auch des sogenannt starken Geschlechts machen.
In der schlafähnlichen Bewusstseinslage des Orgasmus kommt
dieser Kampf vorübergehend zur Ruhe, und Mann sowie Weib
gemessen für einen Moment das Glück der wünsch- und kampf-
losen Infantilität.
Im höheren Alter verwischen sich einigermassen die
Ferenrzi, läatisleine zui- PsychoHnalyse. III. Sfl
r
466 S. Ferenczi
Geschiechtsunterschiede. Offenbar infolge der Rückbildung der
Funktionen der Geschlechtsdrüsen wird die Stimme der Frau
etwas rauher, hie und da zeigt sich auch der Ansatz einer
Schnurrbartbildung. Aber auch der Mann büsst manches von
seiner männlichen Erscheinung und seinem Charakter ein, man
kann also sagen, dass die doppeltgeschlechtliche Anlage in der
Kindheit und im Greisenalter bei beiden Geschlechtern durch-
sichtiger wird.
Es liegt in der Natur der Sache, dass das Weib, dem die
Mutterschaft viel mehr bedeutet als dem Mann das Vatersein,
etwas weniger polygam veranlagt ist. Die von vielen bevorzugte
Einteilung der Frauentypen in einen Muttertypus und einen, der
vor allem der Liebe huldigt, ist — nach den Erfahrungen der
Psychoanalyse — nur das Zeichen der von der Kultur geforderten
scharfen Trennung der Zärtlichkeit und der Sinnlich-
keit. Dieselbe Forderung, wenn sie mit übermässiger Strenge
gehandhabt wird, erschwert es auch dem Manne, die
normale Verknüpfung dieser beiden Regungen in der ehe-
lichen Liebe zu verwirklichen.
In der Absicht, diesen Gedankengang noch weiter zu verein-
heitlichen, muss ich auf gewisse Ergebnisse der psychoanalytischen
Ethnologie hinweisen. Fast alle Naturvölker huldigen gewissen
Gebräuchen, die sich nicht anders denn als Reste eines
irgendwann üblich gewesenen Entmannungsritus erklären lassen.
Der letzte, auch heute noch herrschende Rest dieses Ritus ist
die Zirkumzision. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass diese Strafe,
beziehungsweise Strafandrohung in der Urzeit die Hauptwaffe der
Väter gegen die Sohne war. Die Unterwerfung des Sohnes unter
die Strafgewalt des Vaters und das Aufgeben eines Teiles der
sexuellen Rrutalität ist die Folge des sogenannten Kastrations-
komplexes. Wenn Sie das, was ich Ihnen vorher von der Bedeut-
samkeit des Genitales als Lustreservoir gesagt habe, berückeichti-
Männlich und Weiblich 467
gen, wird es vielleicht auch Ihnen nicht unglaubhaft erscheinen,
dass Männlichkeit B- und Kastrationskomplex
eine so überragende Rolle bei der Entwicklung der
Geschlechtecharaktere spielen und dass das Fixiertbleiben in
irgendeinem Voratadium der Erledigung dieser Komplexe oder
der Rückfall auf solche Stufen allen Neurosen zugrunde liegt.
Im Lichte der hier kurz wiedergegebenen Überlegungen er-
scheint das männliche Glied und seine Funktion als organi-
sches Symbol der wenn auch nur partiellen Wiederherstel-
lung des foetal-infantilen Vereinigtseins mit der Mutter, gleich-
zeitig aber auch mit seinem geologischen Vorbild, der Existenz in
der See.
L
Relaxationsprinzip und Neokatharsis
Nach einem auf dem XI. Internationalen Psychoanalytischen Kongresa
in Oxford im August 1929 unter dem Titel „Fortsekritte der Psycho-
analytischen Technik" gehaltenen Vortrag
Meine Damen und Herren!
Höchstwahrscheinlich wird mancher von Ihnen nach Anhören
meines Vortrages den Eindruck gewinnen, ich hätte ihm unge-
hührlich den Titel „Fortschritte der Technik" gegeben, sein Inhalt
verdiente eher die Einschätzung als Rückschritt oder Reaktion.
Aber dieser Eindruck wird hoffentlich bald vor der Überlegung
weichen, daes auch die Rückkehr zu einer älteren, unverdient
vernachlässigten Tradition die Wahrheit fördern kann; und ich
meine wirklich, dass es in solchen Fällen nicht allzu paradox ist,
die Betonung des Alten als wissenschaftlichen Fortschritt hin-
zustellen. Freuds psychoanalytische Forschungen umfassen
ein ungeheueres Gebiet, ausser dem individuellen Seelenleben
auch die Massenpsychologie, die Kulturgeschichte der Menschheit,
ja neuerdings erstrecken sie sich auch auf die letztmöglichen
Vorstellungen über Leben und Tod. Auf dem Wege der Entwick-
lung einer bescheidenen psychotherapeutischen Arbeitsmethode
Relaxationsprinzip und Neokatharsis 469
zu einer vollwertigen Psychologie und Weltanschauung musste
sich der Entdecker bald auf dieses, bald auf jenes Territorium
der Forschung konzentrieren und alles andere vorläufig beiseite
schieben. Solche Vernachlässigung früherer Einsichten bedeutet
natürlich durchaus nicht das Aufgehen oder den Widerruf der-
selben. Wir Schüler aber haben die Neigung, den gerade ge-
äusserten Worten des Meisters allzu wörtlich zu folgen, die letzt-
gefundene Wahrheit für die einzige zu proklamieren und so
gelegentlich in die Irre zu gehen. Meine persönliche Stellung in
der analytischen Geistesbewegung formte mich zu einem Mittel-
ding von Schüler und Lehrer, und diese Doppelstellung berechtigt
und befähigt mich vielleicht dazu, auf solche Einseitigkeiten
hinzuweisen und, ohne auf das Gute im Neuen zu verzichten, für
die Würdigung des Altbewährten zu plädieren.
Die enge und fast unlösliche Zusammengehörigkeit der
technischen Arbeitsmethode mit dem Wissensgehalt in der Psycho-
analyse bringt es mit sich, daas ich meinen Vortrag nicht aufs
Technische beschränken kann, sondern auch ein Stück des Inhalt-
liehen revidieren muss. In der Vorgeschichte der Psychoanalyse,
deren knappste Zusammenfassung ich nun vorausschicken will,
war von einer solchen Trennung noch nicht die Rede. Aber auch
in der darauffolgenden Periode war die Sonderung des Techni-
schen vom Theoretischen nur eine künstliche, didaktischen Rück-
sichten entspringende.
I
Die kathartische Therapie der Hysterie, die Vorläuferin der
Psychoanalyse, war die gemeinsame Entdeckung einer genialen
Kranken und eines verständnisvollen Arztes. Die Patientin machte
an sich sell)Bt die Erfahrung, dass einzelne ihrer Symptome
schwanden, wenn es gelang, die in ihren Ausnahmszuständeu ge-
äusserten Fragmente ihrer Rede und ihres Gehabens mit ver-
470 S. Ferenczi
gessenen Eindrücken aus ihrem Vorleben in Verbindung zu
bringen. Das ausserordentliche Verdienst Breuers war, dass er
nicht nur den methodischen Weisungen der Patientin gefolgt ist,
sondern auch an die Realität der auftauchenden Erinnerun-
gen geglaubt und sie nicht, wie üblich, von vornherein als phan-
tastische Erfindungen einer Geisteskranken abgelehnt hat. Aller-
dings hatte diese Glaubensfähigkeit Breuers ihre eng gesteck-
ten Grenzen. Er konnte seiner Patientin nur so lange folgen, als
sich deren Äusserungen und Haltung im Rahmen des Kultivierten
bewegt hatten. Sobald sich die ersten Äusserungen des unge-
hemmten Trieblebens meldeten, Hess Breuer nicht nur die
Patientin, sondern die ganze Methode im Stich. Auch die übrigens
äusserst tiefgreifenden theoretischen Folgerungen Breuers
beschränken sich möglichst auf das rein Intellektuelle oder aber
knüpfen sie, alles Emotiv-Psychische überspringend, unmittelbar
ans Physikalische an.
Ein Stärkerer musste kommen, der auch vor dem Instinktiven
und Tierischen in der seelischen Organisation des Kulturmenschen
nicht zurückwich; es ist wohl überflüssig, Ihnen seinen Namen
zu nennen. Freuds Erfahrungen drängten unaufhaltsam zur
Annahme von sexuellen Infantiltraumen als condiäo sine qua non
in allen Fällen der Neurosen. Doch als in einigen Krankheitsfällen
die Angaben der Patienten sich nicht als stichhältig erwiesen,
kämpfte auch er mit der Versuchung, das von den Patienten
gelieferte Material für unverläsalich, daher der wissenschaftlichen
Betrachtung für unwürdig zu erklären. Glücklicherweise rettete
die Geistesschärfe Freuds die Psychoanalyse vor der immi*
nenten Gefahr, neuerlich begraben zu werden. Waren auch
einzelne Angaben der Patienten lügenhaft, irreal, so verblieb
doch die psychische Realität des Lügens selbst
als unanfechtbare Tatsache. Es ist schwer, sich vorzustellen,
welcher Mut, welche Kraft und Konsequenz des Denkens, wie viel
■
Relaxationsprinzip und Neokathareis 471
Selbstüberwindung notwendig war, um die täuschende Lügen-
haftigkeit der Kranken affektlos für hysterische Phantasie zu
erklären und sie als psychische Realität weiterer Betrachtung nnd
Forschung zu würdigen.
Allerdinge färbten diese Fortschritte auch auf die Technik
der Psychoanalyse ab. Das höchstgradig emotionelle, hypnotisch-
suggestive Verhältnis zwischen Arzt und Patienten kühlte sich
allmählich zu einer Art endlosem Assoziationsexperiment, also zu
einem grosstenteiU intellektuellen Prozesse ab. Arzt und Patient
suchten gleichsam mit vereinten Geisteskräften aus den unzu-
eammenhängenden Fragmenten des Asaoziationsmaterials die ver-
drängten Erkrankungsursachen, wie die Lücken eines äusserst
komplizierten Kreuzworträtsels, zu rekonstruieren. Enttäuschende
therapeutische Misserfolge, die einen Schwächeren gewiss ent-
mutigt hätten, zwangen aber Freud, die offenbar zeitweilig
ungebührlich vernachlässigte Emotivität im Verhältnis zwischen
dem Analytiker und dem Analysanden wieder herzustellen; aller-
dings nicht in der Form der in ihrem Wesen unbekannten, schwer
dosierbaren Beeinflussung durch Hypnose und Suggestion, sondern
durch die erhöhte Beachtung und Verwertung der im analytischen
Verhältnis sich äussernden Anzeichen der Affektübertra-
gung und des affektiven Widerstandes.
Dies war ungefähr der Stand der analytischen Technik und
Theorie zur Zeit, als ich, merkwürdigerweise erst durch Jungs
Assoziationsexperimente angeregt, zum enthusiastischen Anhänger
der neuen Lehre wurde. Es sei mir gestattet, im folgenden die
Entwicklungen der Technik vom subjektiven Standpunkte eines
Einzelnen darzustellen. Das biogenetische Grundgesetz gilt an-
scheinend auch für die intellektuelle Entwicklung des Einzelnen;
vielleicht gibt es überhaupt kein gut fundiertes Wissen, das nicht
die Stadien der überschwänglich optimistischen Erleuchtung, der
'finvermeidlJch darauffolgenden Enttäuschung und der schliessli-
t.
^:
472 S. F
erenczi
chen Versöhnung beider Affekte auch individuell wiederholt. ^
Ich weiss wirklich nicht, ob ich die jüngeren Kollegen für die
Mühelosigkeit, mit der sie in den Besitz des von der früheren
Generation hart Erkämpften gelangen, beneiden soll. Manchmal j
scheint es mir, dass die fertige Überlieferung einer noch so wert-
vollen Tradition nicht ganz gleichwertig ist mit dem Selbst-
erworbenen.
Lebhaft erinnere ich mich an meine ersten Versuche zu
Beginn meiner psychoanalytischen Laufbahn. Ich entsinne mich
z. B. meines allerersten Falles; es war ein junger Kollege, dem
ich auf der Strasse begegnete und der äusserst blass und offenbar i
mit schwerer Atemnot kämpfend meinen Arm erfasste und
flehentlich um Hilfe bat. Er leide, wie er mir mit stockendem
Atem mitteilte, an nervösem Asthma. Er hätte alles mögliche
versucht, bisher ohne Erfolg. Rasch entschlossen, geleitete ich
den leidenden Kollegen in mein Arbeitszimmer, veranlasste ihn, I"
seine Reaktionen zu einem Assoziationsschema herzugeben, ver-
tiefte mich in die Analyse seines Vorlebens mit Hilfe dieses rasch |i
/. gesäten und geernteten Aasoziationsmaterials, und richtig grup- i,
~ pierten sich die Erinnerungsbilder bald um ein in der frühen
;.. Kindheit erlittenes Trauma. Es handelte sich um eine Hydrocele-
5" Operation; er sah und fühlte mit dinglicher Lebhaftigkeit, wie er
von den Spitalsdienern gewaltsam gepackt, wie ihm die Chloro-
"_ formmaske über das Gesicht gestülpt wird, wie er mit aller Kraft
der erstickenden Gewalt des Rauschgases sich entwinden will;
er wiederholte die Muskelanslrengungen, den Angstschweies und
die Alemstörung, die er beim traumatischen Anlass erfahren
;' musste. Dann öffnete er wie von einem Traume erwachend die
Augen, schaute verwundert um sich, umarmte mich jauchzend
und sagte, er fühle sich vom Anfall vollkommen befreit.
'■'^ So ähnlich waren auch viele meiner übrigen „kathartischen"
Erfolge, die ich um diese Zeit herum verzeichnen konnte. Doch
Relaxationsprinzip und Neokatharsis 473
bald erfuhr ich, dass fast alle diese Symptomheilungen nur vor-
übergehende Erfolge zeitigten, und ich, der Arzt, fühlte mich
allmählich vom übertriebenen Optimismus geheilt. Ich. suchte
durch vertieftes Studium der Werke Freuds und durch pereön-
liche Ratschläge, die ich von ihm holen durfte, mir die Assozia-
tione-, Widerstands- und Übertragungstechnik zu eigen zu machen,
möglichst genau die technischen Ratschläge befolgend, die Freud
inzwischen veröffentlichte. Ich glaube schon bei früheren Anlässen
mitgeteilt zu haben, dasa meine psychologischen Kenntnisse bei
Befolgung dieser technischen Regeln immer tiefer, die schlagenden
und raschen Erfolge dagegen immer seUener wurden. Die frühere
kathartische Therapie wandelte sich allmählich in eine Art analy-
tische Neuerziehung der Kranken um, die mehr und mehr Zeit
in Anspruch nahm. In meinem gewiss noch jugendlichen Eifer
sann ich nach Mitteln, um diese Zeit zu verkürzen und sicht-
lichere therapeutische Erfolge zu provozieren. Durch grössere
Verallgemeinerung und Betonung des Versagungsprinzips, zu dem
sich auch Freud am Budapester Kongresse (1918) bekannte,
und mit Hilfe von künstlich erzeugten Spannungssteigerungen
(„aktive Therapie") trachtete ich die Wiederholung früherer
traumatischer Erlebnisse zu fördern und sie einer besseren Lösung
durch die Analyse zuzuführen. Es ist Ihnen wohl bekannt, dass
sowohl ich selber als auch andere, die mir folgten, sich gelegent-
lich zu Übertreibungen dieser Aktivität hinreissen Hessen. Die
ärgste dieser Übertreibungen war die von Rank vorgeschlagene
und von mir seinerzeit akzeptierte Massregel der Termin*
gebung. Ich war einsichtig genug, vor diesen Übertreibungen
rechtzeitig zu warnen, und vertiefte mich eifrig in die inzwischen
von Freud so erfolgreich angeschnittene Analyse des Ichs und
der Charakterentwicklung. Die etwas einseitige Ichanalyse, bei
der die früher allmächtig gedachte Libido zu kurz kam, gestaltete
die Kur vielfach zu einem Prozess, der uns zu einer möglichst
474 S. Ferenczi
restlosen Einsicht in die Topik, Dynamik und Ökonomie der Symp-
tombildung verhelfen soll, bei genauer Verfolgung der Energiever-
teilung zwischen dem Es, dem Ich und über dem Über-Ich des
Patienten. Bei Anwendung dieser Gesichtspunkte konnte ich mich
aber des Eindruckes nicht erwehren, dass das Verhältnis zwischen
Arzt und Patienten gar zu sehr einem Schüler-Lehrer Verhältnis
ähnlich wurde. Ich kam auch zur Überzeugung, daas die Patienten
mit mir höchst unzufrieden waren und sich nur nicht getrauen,
sich gegen dieses Lehrhafte und Pedantische in uns offen zu em-
pören. In einer meiner technischen Arbeiten forderte ich denn
auch die Kollegen auf, ihre Analysanden zur grösserer Freiheit und
freierem Auslebenlassen der Aggressivität dem Arzte gegenüber
zu erziehen, zugleich mahnte ich sie zu etwas grosserer Demut den
Patienten gegenüber, zum Einbekennen eventuell begangener
Fehler, plädierte für grössere Elastizität, eventuell auch auf Kosten
unserer Theorien (die ja doch nicht unwandelbare, wenn auch vor-
läufig brauchbare Instrumente sind), und konnte schliesslich auch
davon berichten, dass diean die
ätiologische Wirklichkeit heranzukommen. Die Palaokatharsis
hat also mit dieser Neokatharsis nur weniges gemeinsam.
Immerhin lässt es sich nicht leugnen, dass sich hier wieder ein
Kreis geschlossen hat. Die Psychoanalyse begann als kathartische
Gegenmassnahme gegen unerledigte traumatische Erschütterungen
und gegen eingeklemmte Affekte, sie wandte sich dann dem
vertieften Studium der neurotischen Phantasien und ihrer ver-
schiedenen Abwehrmechanismen zu. Dann konzentrierte sie sich
mehr auf die Untersuchung des persönlichen Affektverhältnisses
zwischen dem Analytiker und seinem Pflegebefohlenen, wobei sie
sich in den ersten zwei Dekaden mehr mit den instinktiven Äusse-
n
Relaxationsprinzip und Neokatharsis 483
rungstendeiizen, später mehr mit den Reaktionen des Ichs be-
schäftigte. Das plötzliche Auftauchen von Stücken einer alten
Technik und Theorie in der modernen Psychoanalyse sollte uns
also nicht erschrecken; es gemahnt uns nur daran, dass bisher
kein einziger Schritt, den die Analyse in ihrem Fortschritte
machte, als nutzlos vollkommen aufzugeben war, und dass wir
immer wieder darauf gefasst sein müssen, neue Goldadern in den
vorläufig verlassenen Stollen zu linden.
IV
Was ich nun mitteilen muss, ist gleichsam die logische Folge
des soeben Gesagten. Das Erinnerungsraaterial, das durch die
Neokatharsis zutage gefördert oder bestätigt wurde, hob das ur-
sprünglich Traumatische in der ätiologischen Gleichung der
Neurosen wieder zu erhöhter Bedeutung. Mögen die Vorsichts-
masenabmen der Hysterie und die Vermeidungen der Zwangs-
neurotiker in rein psychischen Phantasiegehilden ihre Erklärung
finden: den ersten Anstoss zur Schaffung abnormer Entwicklungs-
richtungen gaben immer traumatische, schockartig wirkende
reale Erschütterungen und Konflikte mit der
Umwelt, die der Formierung neurosogener psychischer Mächte,
so z. B. auch der des Gewissens, immer vorausgehen. Dem ent-
sprechend kann man, wenigstens theoretisch, keine Analyse als
beendigt betrachten, wo es nicht gelang, bis zum traumatischen
Erinnerungsmaterial vorzudringen. Insoferne aber diese Behaup-
tung, die sich, wie gesagt, auf die Erfahrungen bei der Relaxations-
therapie stützt, bewahrheitet, erhöht sie den heuristischen Wert
der so modifizierten Technik auch in theoretischer Hinsicht nicht
unwesentlich. Nach gebührender Beachtung der Phaotasietätigkeit
als pathogenen Faktors rausste ich mich in der Tat in der letzteren
Zeit schliesslich immer häufiger mit dem pathogenen Trauma
selbst beschäftigen, Es fand sich, dass das Trauma weit seltener
484 S. Ferenczi
die Folge angeborener erhöhter Scngibilität der Kinder ist, die auch
auf banale und unvermeidliche Unluststeigerung neurotisch re-
agieren, sondern zumeist einer wirklich ungebührlichen, unver-
ständigen, launenhaften, taktlosen, ja grausamen Behandlung.
Die hysterischen Phantasien lügen nicht, wenn sie uns davon
erzählen, dass Eltern und Erwachsene in ihrer erotischen Leiden-
schaftlichkeit Kindern gegenüber in der Tat ungeheuer weit
gehen, andererseits geneigt sind, wenn das Kind auf dieses halb
unbewusste Spiel der Erwachsenen eingeht, die sicherlich un-
schuldigen Kinder mit harten, dem Kinde ganz unverständlichen,
es schockartig erschütternden Strafen und Drohungen zu be-
denken. Ich bin heute wieder geneigt, nebst dem Ödipuskomplex
der Kinder die verdrängte und als Zärtlichkeit
maskierte I n z e s t n e i g u n g der Erwachsenen in
ihrer Bedeutsamkeit höher einzuschätzen. —
Andererseits kann ich nicht leugnen, dass auch die Bereitwilligkeit
der Kinder, auf Genitalerotik einzugehen, sich stärker und viel
frühzeitiger äussert, als wir es bisher anzunehmen gewohnt waren.
Ein grosser Teil der Perversionen der Kinder ist vielleicht nicht
einfach Fixierung auf einer frühen Stufe, sondern bereits Re-
greBsion zu einer solchen von einer frühgenitaleu Stufe
her. In manchen Fällen trifft das strafende Trauma das Kiad
mitten in der erotischen Betätigung und mag eine dauernde
Störung der von Reich so genannten „orgastischen Potenz"
nach sich ziehen. Aber auch das frühzeitige Forcieren genitaler
Sensationen wirkt auf das Kind erschreckend; was das Kind
eigentlich will, ist auch im Sexuellen nur Spiel und Zärtlichkeit,
nicht aber heftige Äusserung der Leidenschaftlichkeit.
Doch die Beobachtung der neokathartisch verlaufenden Fälle
erwies eich auch in anderer Hinsicht gedankenerweckend; man
bekam einen Eindruck vom psychischen Vorgang bei der trauma-
tischen Urverdrängung und eine Ahnung über das "Wesen der
'j« .
Relaxationsprinzip und Neokatharsis 485
Verdrängung überhaupt. Die erste Reaktion auf einen
Schock scheint immer eine paBsagere Psychose
zu sein, d. h. Abwendung von der Realität, einerseits als nega-
tive Halluzination (hysterische Bewusstlosigkeit — Ohnmacht,
Schwindel), andererseits oft als sofort einsetzende positiv-halluzi-
natorische, Lustvolles vorspiegelnde Kompensation. In jedem Falle
von neurotiBcher Amnesie, vielleicht auch in der gewöhnlichen
Kindheitsamnesie, dürfte es sich also um unter Schockwirkung
eintretende psychotische Abspaltung eines Teiles der Persönlich-
keit handeln, der aber im Verborgenen fortlebt, endlos wiederholte
Anstrengung macht, sich geltend zu machen, ohne sich anders
als etwa in neurotischen Symptomen Luft machen zu können.
Diese Einsicht verdanke ich z. T. den von unserer Kollegin E 1 i-
saheth Severn gemachten und mir persönlich mitgeteilten
Erfahrungen.
Manchmal gelingt es, wie gesagt, mit dem verdrängten Teile
der Persönlichkeit direkt in Kontakt zu gelangen, ja ihn zu
einer, ich möchte sagen, infantilen Konversation zu bewegen.
Die hysterischen Körpersymptome bei der Relaxation führten
gelegentlich zu Entwicklungsstadien zurück, von denen bei noch
nicht erfolgter Ausbildung des Denkorgane nur körperliche Er-
innerungen registriert wurden.
Schliesslich darf ich es nicht verschweigen, dass unter den
traumatischen Anlässen nebst der Kastrationsdrohung auch dem
angsterregenden Eindruck der menstruellen Blutung, worauf
Major C. D. D a 1 y zum erstenmal mit dem gebührenden Nach-
druck hingewiesen hat, viel mehr Bedeutung zukommt, als wir
bisher vermuteten.
Warum beschwere ich Sie in diesem doch vornehmlich
technischen Vortrage mit dieser langen und dabei nicht einmal
vollständigen Liste halbfertiger theoretischer Gedankengänge?
Gewiss nicht, um Sie für diese zum Teil mir selber noch nicht
486 S. Ferenczi
d
ganz klaren Einsichten ganz zu gewinnen. Ich hin zufrieden, wenn
Sie den Eindruck empfangen haben, dass die Berücksichtigung
der lange vernachlässigten Traumatogenese nicht nur in
therapeutisch-praktischer, sondern auch in theoretischer Hinsicht
Erfolge verspricht.
In einem Gespräch mit Anna Freud üher gewisse Mass-
nahmen meiner Technik machte sie die treffende Bemerkung:
„Sie behandeln ja Ihre Patienten, wie ich die Kinder in den
Kinderanalysen." Ich musste ihr recht gehen und erinnere daran,
dass meine letzterschienene kleine Arbeit über die Psychologie
der unerwünschten Kinder, die später in die Analyse kamen, eine
Art gemütliche Vorbehandlung der eigentlichen Widerstands-
analyse vorausschicken musste. Die soeben vorgeschlagenen
Relaxationsmassnahmen verwischen den bisher zu scharf gefassten
Unterschied zwischen der Analyse der Kinder und Erwachsenen
gewiss noch mehr. Zweifellos war ich bei dieser Annäherung beider
Behandlungsarten von Eindrücken heeinflusst, die ich hei Georg
Groddeck, dem mutigen Vorkämpfer der Psychoanalyse orga-
nischer Leiden empfing, als ich bei ihm wegen einer organischen
Erkrankung Hilfe suchte. Ich gab ihm recht, als er es versuchte,
seine Patienten zu kindlicher Naivität aufzumuntern, und sah
auch die Erfolge, die er damit erzielte. Ich meinerseits aber blieb
nebst dem auch der altbewährten Versagungstechnik der Analyse
treu und trachte durch takt- und einsichtsvolle Verwendung
beider mein Ziel zu erreichen.
Nun möchte ich aber auch auf die zu erwartenden Ein-
wendungen gegen diese Taktik beruhigend replizieren. Welche
Motive werden denn den Patienten dazu bewegen, sich von der
Analyse weg und der harten Realität des Lebens zuzuwenden,
wenn er beim Analytiker die kindlich-unverantMortliche Freiheit
Relaxationsprinzip und Neokatharsis 487
in einem Masse geniessen kann, das ihm in der Wirklichkeit
gewiss versagt bleibt? Meine Antwort ist die, dass ja auch in der
analytischen Relaxation wie in der Kinderanalyse dafür gesorgt
ist, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Die tätlich
aggressiven und die sexuellen Wünsche und viele der sonstigesi
übertriebenen Ansprüche werden ja auch in der noch so relaxier-
ten Analyse nicht zur Befriedigung zugelassen, wass gewiss viel-
fache Gelegenheit zur Erlernung von Verzicht und Anpassung
bietet. Unsere freundlich-wohlwollende Haltung mag ja den
zärtlichkeitshungrigen kindlichen Anteil der Persönlichkeit be-
friedigen, nicht aber jenen, dem es gelungen ist, der Entwicklungs-
hemmung zu entgehen und erwachsen zu werden. Es ist nämlich
gar nicht eine poetische Lizenz, die Seele des Neurotikers mit
einer Doppelmissbildung zu vergleichen, etwa dem sogenannten
Teratom, das in einem versteckten Teile eines Körpers Bruchstücke
eines zweiten entwicklungsgehemmten Zwillingsgeschwisters be-
herbergt. Kein verständiger Mensch weigert sich, so ein Teratom
dem Messer des Chirurgen preiszugeben, wenn es die Existenz der
Gesamtperson bedroht.
Auch machte ich die Erfahrung, dass verdrängter Hass ein
stärkeres Fixierungs- und Klebemittel ist als die offen einbekannte
Zärtlichkeit. Wohl am unzweideutigsten äusserte sich hierüber
eine Patientin, deren Vertrauen zu gewinnen mir nach fast
zweijährigem hartem Widerstandskampfe mit Hilfe der Nach-
giebigkeit gelang. „Jetzt habe ich Sie gern, jetzt kann ich auf Sie
verzichten", war ihre erste spontane Äusserung beim Durchbruch
der positiven Gefühlseinstellung. Ich glaube, es geschah bei dieser
selben Patientin, dass ich mir über die Eignung der Relaxation
zur Umwandlung der Wiederholungstendenz in Erinnerung Rechen-
schaft geben konnte. Solange sie mich mit ihren hartherzigen
Eltern identifizierte, wiederholte sie in einem fort ihre Trotz-
reaktionen; nachdem ich ihr aber hiezu jede Gelegenheit entzo
g.
488 S. Ferenczi
begaon sie die Gegenwart von der Vergangenheit zu sondern und
nach einigen hysterischen Emotionsausbrüchen sieh der Erschütte-
rungen, die sie als Kind durchmachen musate, zu erinnern. Die
Ähnlichkeit der analytischen Situation mit
der infantilen drängt also mehr zur Wieder-
holung, der Kontrast zwischen beiden fördert
die Erinnerung.
Ich bin mir natürlich auch der gesteigerten Anforderungen
bewusst, die diese doppelte Einstellung der Versagung und Ge-
währung an die Kontrolle der Gegenübcrtraguug und des Gegen-
widerstandes durch den Analytiker selbst stellt. Unvollkommen
beherrschte Instinkte pflegen auch ernste Lehrer und Eltern in
beiden Hinsichten zu Übertreibungen zu verleiten. Nichts ist
leichter, als unter dem Deckmantel der Versagungsforderungen
an Patienten und Kinder den eigenen uneingestandenen sadisti-
schen Neigungen zu frönen, aber auch übertriebene Formen und
Quantitäten der Zärtlichkeit Kindern und Patienten gegenüber
mögen mehr den eigenen, vielleicht unbewussten libidinösen Stre-
bungen als dem Wohle des Pflegebefohlenen zugute kommen. Meine
oft und eindringlich geäusserte Ansicht über die Notwendigkeit
einer bis in die tiefsten Tiefen reichenden, zur Beherrschung der
eigenen Charaktereigensehaften befähigenden Analyse des Analy-
tikers gewinnt unter diesen neuen schwierigen Verhaltnissen eine
womöglich noch triftigere Begründung.
Ich kann mir Neurosenfälle vorstellen, ja, ich bin solchen
schon häufig begegnet, in denen vielleicht infolge ungewöhnlich
starker infantiler Schockwirkungen der grössere Teil der Persön-
lichkeit gleichsam zum Teratom wird, während die reale An-
passung nur von einem kleinen verschont gebliebenen Rest be-
stritten wird. Bei solchen Menschen, die also in Wirklichkeit fast
ganz kindlich geblieben sind, mögen die üblichen Hilfsmittel der
analytischen Therapie nicht ausreichen. Solche Neurotiker
1
n
BelaxatioDsprinzip und Neokatharsis 489
mÜ88te manförmlich adoptieren und erstmalig
der Segnungen einer normalen Kinderstube
teilhaftig werden lassen. Ich halte eine diesbezügliche
Ausgestaltung der von S i m m e 1 empfohlenen analytischen Sa-
natoriumsbehandlung nicht für ausgeschlossen.
Liesse sich die Richtigkeit auch nur eines Teiles der hier
vorgeschlagenen Relaxationstechnik und neokathartischen Er-
fahrung bestätigen, so stünden wir vor einer vielleicht nicht
unwesentlichen Erweiterung der theoretischen Gesichtepunkte
und der praktischen Möglichkeiten. Mit mühevoller Arbeit gelingt
es der modernen Psychoanalyse, die gestörte Harmonie wieder-
herzustellen und die abnorme Energieverteilung unter den intra-
psychischen Mächten zu korrigieren und hiedurch die Leistungs-
fähigkeit zu steigern. Doch die intrapsychischen Mächte sind nur
Repräsentanten jenes Konfliktes, der sich ursprünglich z w i -
sehen der Person undderAussenwelt abgespielt
hat. Nach der Rekonstruktion der Entwicklungsgeschichte des Es,
des Ichs und des Über-Ichs wiederholt mancher Patient im neo-
kathartischen Erlebnis auch den Urfcampf mit der Realität, und
die Umwandlung dieser letzten Wiederholung in Erinnerung
könnte eine noch festere Basis für die künftige Existenz schaffen.
Der Patient wird gleichsam in die Lage jenes Dramendichters
versetzt, der unter dem Drucke der öffentlichen Meinung gezwun-
gen ist, seine geplante Tragödie in ein Drama mit ,Jiappy end'*
umzugestalten. Lassen Sie mich mit dieser optimistischen Erwar-
tung Bchliessen und für die meinem Vortrage gezollte Aufmerk-
samkeit herzlichst danken.
Kinderanalysen mit Erwachsenen
Festvortrag, gehalten anläsilich dex fünfundsiebzigsten Geburtstages
von Professor Freud in der „Wiener Psychoanalytischen Vereinigung''
am 6. Mai 1931
Meine Damen und Herren!
Es bedarf einer Erklärung oder Entschuldigung, dase in einer
Vereinigung, in deren Mitte so viele Würdige und Würdigere
dieses Amtes walten könnten, gerade ich, ein Fremder, zum
Redner unserer heutigen Feier erkoren wurde. Die Anciennität
allein, die 25 Jahre, die ich an der Seite des Meisters und unter
Beiner Führung erleben durfte, macht es nicht aus; sitzen doch
in Ihren Reihen Kollegen, die ihm noch länger als ich treue Ge-
folgschaft leisten. Lassen Sie mich also eine andere Begründung
konstruieren. Vielleicht wollten Sie diese Gelegenheit dazu be-
nützen, um eine weitverbreitete und von Uneingeweihten und
Widerständischen gerne gehörte Lüge aus der Well zu schaffen.
Unzählige Male hört man leichtsinnig hingeworfene Äusserungen
über die Unduldsamkeit, die „Orthodoxie" unseres Lehrers. Er
lasse in seinem Kreise keine Kritik seiner Theorien zu. Er dränge
alle selbständigen Talente aus diesem Kreise heraus, um tyrannisch
Kinderaualysen mit Erwachsenen 491
meinen wissenschaftlichen Willen durchzusetzen. Einige sprechen
von seiner aluestamentarischen Strenge, die sie sogar rassen-
theoretiach hegründen wollen. Nun, es ist eine traurige Wahrheit,
dasH ihm einige hervorragende Talente und viele Geringerwertige
im Laufe der Zeit, nach kurzer oder längerer Gefolgschaft, den
Rücken gekehrt haben. Sind sie wirklich rein wissenschaftlichen
Motiven gefolgt? Ich meine, ihre wissenschaftliche Unfruchtbar-
keit seit der Abkehr spricht nicht zu ihren Gunsten.
Ich möchte nun Ihre freundliche Einladung an mich als
Argument gegen die Orthodoxie der Internationalen Vereinigung
und ihres geistigen Führers, Professor F r e u d, in die Wagschale
werfen. Ohne mich an Bedeutung mit den Kollegen, auf die ich
anspiele, messen zu wollen — Tatsache ist, dass ich ziemlich all-
gemein als ein unruhiger Geist, oder wie man mir es unlängst
in Oxford sagte, als enfant terrible der Psychoanalyse bekannt bin.
Die Vorschläge, die ich in technischer und theoretischer
Hinsicht Ihrem Urteil unterbreitete, werden von einer respek-
tablen Mehrheit als phantastisch, allzu originell, bekrittelt. Ich
kann auch nicht behaupten, dass Freud selber mit allem, was
ich publiziere, einverstanden ist. Er nahm kein Blatt vor den
Mund, als ich ihn um seine Meinung bat. Er setzte aber gleich
hinzu, dass die Zukunft in mancher Hinsicht mir recht geben
mag, und weder ihm noch mir fällt es ein, wegen dieser Differen-
zen bezüglich der Methodik und der Theorie unsere Zusammen-
arbeit zu unterbrechen; sind wir doch über die wichtigsten Grund-
sätze der Psychoanalyse vollkommen einer Meinung.
In einer Hinsicht ist Freud allerdings orthodox. Er schuf
Werke, die seit mehreren Jahrzehnten unverändert, unangetastet,
me kristallisiert dastehen. Die Traumdeutung z. B. ist ein solch
seharfgeschliffenes Juwel, inhaltlich und formal so festgefügt,
dass sie allen Wandlungen der Zeiten und der Libido widersteht,
so dasB sich die Kritik kaum an sie heranwagt. Danken wir dem
492 S. Ferenczi
Schickaal, dass wir das Glück haben, mit diesem grossen, und
wie wir es laut verkünden können, liberalen Geiste zusammen-
wirken zu dürfen. Hoffen wir, dass sein 75. Lebensjahr ihm zur
ungebrochenen geistigen Frische auch die Herstellung der Körper-
kräfte bringen wird.
Nun zum Thema meines heutigen Vortrages. Es fügte sich,
dass sich im Laufe der letzten Jahre bei mir gewisse Erfahrungs-
tatsachen der Analyse um Ideen gruppierten, die mich dazu
drängen, den bisher so scharfen Gegensatz zwischen der Analyse
der Kinder und der Erwachsenen wesentlich zu mildern.
Die ersten Ansätze der Kinderanalyse stammen aus Ihrer
Gruppe. Abgesehen von einem einzigen, allerdings wegweisenden
Versuche Freuds, war die Wiener Analytikerin v. H u g-H e 1 1-
m u t h die erste, die sich methodisch mit der Analyse von
Kindern befasste. Ihr verdanken wir die Idee, die Analyse mit
Kindern sozusagen als Kinderspiel zu beginnen. Sie und später
Melanie Klein sahen sich genötigt, wollten sie sich mit Kindern
analytisch beschäftigen, wesentliche Änderungen an der Technik
der Erwachsenenanalyse vorzunehmen, meist im Sinne einer
Milderung der sonst üblichen technischen Strenge. Allgemein
bekannt und geschätzt sind die systematischen Arbeiten Ihres
Mitgliedes Anna Freud über diesen Gegenstand und die meister-
haft geschickten Kunstgriffe Aichhorns, auch die schwierig-
sten Kinder gefügig zu machen. Ich selber hatte mit Kindern
analytisch sehr wenig zu tun, und es ist für mich selber eine
Überraschung, nun von einer ganz anderen Seite her auf die
Probleme der Kinderanalytik zu stossen. Wie kam ich eigentlich
dazu? Es ist in wenigen Worten erzählt, es ist aber nicht über-
flüssig, bevor ich diese Frage beantworte, Ihnen von einer persön-
n
Kinderanalysen mit Erwachseneu 493
liehen Eigenheit meiner Arheitenchtung Mitteilung zu machen.
Eine Art fanatischen Glaubens an die Leistungsfähigkeit der
Tiefenpsychologie liess mich die gelegentlichen Misserfolge weniger
als Folgen der „Unheilbarkeit", denn als die Konsequenz unseres
eigenen Ungeschicks ansehen, eine Voraussetzung, die mich
notwendigerweise dazu führte, in schweren, mit der üblichen
Technik nicht zu bewältigenden Fällen Änderungen au dieser
Technik vorzunehmen.
Ich entschliesse mich also nur höchst ungern dazu, auch den
zähesten Fall aufzugeben, und entwickelte mich zu einem Spezia-
listen besonders schwerer Fälle, mit denen ich mich viele, viele
Jahre hindurch befasse. Urteile, wie: der Widerstand des Patien-
ten sei unbezwingbar, oder, der Narzissmus gestatte es nicht,
in dem Fall weiter vorzudringen, oder gar die fatalistische Er-
gebung in die sogenannte Versandung eines Falles, blieben für
mich unannehmbar. Ich dachte mir, so lange der Patient über-
haupt noch kommt, ist der letzte Faden der Hoffnung nicht
gerissen. Ich musste mir also immer wieder die Frage stellen:
ist immer der Widerstand des Patienten die Ursache des Mißs-
erfolges und nicht vielmehr unsere eigene Bequemlichkeit, die
es. verschmäht, sich den Eigenheiten der Person, auch in der
Methodik, anzupassen? In solchen anscheinend versandeten Fällen,
in denen die Analyse über recht lange Zeiten hindurch weder
neue Einsichten noch therapeutische Fortschritte brachte, bekam
ich die Empfindung, dass das, was wir freie Assoziation nennen,
immer noch zu sehr bewusste Gedankenauswahl ist, drängte also
die Patienten zu tieferer Relaxation, zu vollständigerer Hingebung
an die ganz spontan auftauchenden inneren Eindrücke, Tendenzen
und Emotionen. Je freier nun die Assoziation wirklich wurde,
um 80 naiver — man könnte sagen, kindischer — wurden die
Äusserungen und sonstigen Manifestationen der Patienten; immer
häufiger mengten sich unter die Gedanken und bildmässigen
1
494 S. Ferenczi
Vorstellungen auch kleine Austlrucksbewegungeu, gelegentlich
auch „passagere Symptome'', die dann, wie alles ührige auch,
der Analyse unterzogen wurden. Nun erwies ßich in einigen
Fällen die kühl zuwartende Stummheit und ReaktionsloBigkeit
des Analytikers als eine Störung der Assoziationsfreiheit. Kaum,
dass sich der Patient bereitfindet, wirklich selbstvergessen alles
herzugeben, was in ihm vorgeht, erwacht er wie mit einem
Ruck plötzlich aus der Versunkenheit und beklagt eich, er könne
doch unmöglich seine Gemütsbewegungen ernst nehmen, wenn
er sieht, dass ich ruhig hinter ihm sitze, meine Zigarette rauche
und höchstens etwa teilnahmslos und kühl mit der stereotypen
Frage reagiere: „Nun, was fällt Ihnen dazu ein?" Da dachte ich
mir denn, dass es Mittel und Wege geben müsste, diese Assozia-
tionsstörung zu beseitigen und dem Patienten Gelegenheit zu
bieten, die um Durchbruch ringende Wiederholungstendenz in
weiterem Ausmasse zu entfalten. Es dauerte aber recht lange,
bis ich die ersten Anregungen dazu empfing, und zwar wieder
von den Patienten selbst. Hier ein Beispiel: Ein im besten Mannes-
alter stehender Patient entschlieast sich nach Überwindung
schwerer Widerstände, insbesondere seines starken Misstrauens,
sich Vorgänge seiner frühesten Kindheit zu vergegenwärtigen.
Dank der analytischen Aufhellung seiner Vorzeit weiss ich bereits,
dass er mich in der wiedererlebten Szene mit seinem Grossvater
identifiziert. Auf einmal — mitten im Gespräch — schlingt er
seinen Arm um meinen Hals und flüstert mir ins Ohr: „Du,
Grosspapa, ich fürchte, ich werde ein kleines Kind bekommen!"
Da verfiel ich auf die, wie mir scheint, glückliche Idee, ihm zu-
nächst nichts von Übertragung u, dgl. zu sagen, sondern im
glichen Flüsterton die Rückfrage an ihn zu richten: „Ja, warum
glaubst du denn das?"' Wie Sie sehen, habe ich mich da in ein
Spiel eingelassen, das man Frage- und Antwortspiel nennen
könnte, durchaus den Vorgängen analog, die uns die Kinder-
Kiuderaualysen mit Erwachsenen 495
analytiker berichten, und ich hin mit diesem kleinen Kunstgriff
eine Zeitlang gut gefahren. Glauben Sie aber ja nicht, dass ich in
der Lage bin, in einem solchen Spiele alle möglichen Fragen zu
stellen. Ist meine Frage nicht einfach genug, nicht wirklich der
Fassungskraft eines Kindes angepasst, so ist das Zwiegespräch
bald abgebrochen, ja mancher Patient sagt es mir gradwegs ins
Geeicht, ich hätte mich ungeschickt benommen, sozusagen das
Spiel verdorben. Das passierte mir nicht selten in der Art, dasa
ich in meine Antworten und Fragen Dinge einmischte, von denen
das Kind seinerzeit unmöglich wissen konnte. Eine noch ener-
gischere Zurückweisung wurde mir zuteil, wenn ich gar gelehrte,
wissenschaftliche Deutungen zu geben versuchte. — Ich brauche
Ihnen wohl nicht zu sagen, dass meine erste Reaktion auf solche
Vorkommnisse eine Art autoritärer Empörung war. Für einen
Moment fühlte ich mich durch die Zumutung verletzt, dass der
Patient oder Schüler die Sachen besser wissen solle als ich selbst,
zum Glück kam mir aber sofort der andere Gedanke, am Ende
müsse er ja die Dinge über sich wirklich besser wissen als ich sie
erraten könne. Ich gab also die Möglichkeit des Irrtums meiner-
seits zu, und die Folge war nicht das Verlieren meiner Autorität,
sondern die Steigerung seines Vertrauens zu mir. Nebenbei gesagt,
waren einzelne Patienten darüber empört, dass ich dieses Ver-
fahren ein Spiel nannte. Sie sagten, das sei ein Zeichen, dass ich
die Sache nicht ernst nehme. Auch damit hat es seine Richtig-
keit; bald musste ich mir selbst und dem Patienten eingestehen,
dass diese Spielereien viel von den ernsthaften Realitäten des
Kindesalters versteckt enthalten. Den Beweis erhielt ich, ala
einzelne Patienten anfingen, aus diesem halb spielerischen Ge-
haben in eine Art halluzinatorischer Entrücktheit zu versinken,
in der sie mir traumatische Vorgänge voragierlen, deren unbe-
wusste Erinnerung auch hinter dem Spielgespräch steckte. Be-
merkenswerterweise machte ich bereits in den Anfängen meiner
<
496 S. Ferenczi
i
analytischen Laufbahn eine ähnliche Beobachtung. Ein Patient
begann plötzlich mitten im Zwiegespräch mit mir in einer Art
von hysterischem Dämmerzustand eine Szene zu agieren. Ich
schüttelte damals den Mann recht energisch und schrie ihn an,
er solle es doch zu Ende sagen, was er mir soeben sagen wollte.
Diese Aufmunterung half, er gewann durch meine Person, wenn
auch nur in eingeschränktem Masse den Kontakt mit der Aussen-
welt wieder und konnte mir einiges von seinen verborgenen
Konflikten, statt in der Gebärdensprache seiner Hysterie, in ver-
ständlichen Sätzen mitteilen.
Wie Sie sehen, meine Damen und Herren, habe ich bei
meinem Vorgehen den technischen Kunstgriff der „Spielanalyse"
mit einem — allerdings auf eine Reihe von Beobachtungen ge-
stützten — • Vorurteil verbunden, dem nämlich, daes man sich
mit keiner Analyse zufriedengeben darf, solange sie nicht die
reale Reproduktion der traumatischen Vorgänge der Urverdrän-
gung herbeigeführt hat, auf der Charakter und Symptombilduag
schliesslich beruhen. Wenn Sie bedenken, daas nach unseren
bisherigen Erfahrungen und Voraussetzungen die Mehrzahl der
pathogenen Erschütterungen in die Kinderzeit fällt, werden Sie
sich nicht darüber wundern, dass der Patient beim Versuch, die
Genese seines Leidens preiszugeben, plötzlich ins Kindische oder
Kindliche verfällt. Nun erheben sich aber einige wichtige Fragen,
die ich auch mir selber stellen musste. Hat man etwas davon, wenn
man einen Patienten in die kindliche Primitivität sinken und ihn in
diesem Zustande frei agieren lässt? Ist damit wirklich eine analy-
tische Aufgabe erfüllt? Ist das nicht etwa die Bekräftigung des uns
vielfach gemachten Vorwurfs, die Analyse erziehe die Menschen
zu unbeherrschter Triebhaftigkeit, oder sie provoziere einfach
hysterische Anfälle, die doch auch ohne analytische Hilfe, aus
äusseren Gründen, plötzlich auftreten können, ohne dem Men-
schen mehr als eine vorübergehende Erleichterung zu bringen?
Kinderanalyseu mit Erwachsenen 497
Und überhaupt, wie weit darf so ein analytisches Kinderspiel
gehen? Giht es Kriterien, die uns gestatten, die Grenze zu be-
stimmen, bis zu der die kindliche Relaxation gestattet werden darf,
und bei der die erziehende Versagung beginnen muss?
Natürlich ist mit der Reaktivierung der Kindlichkeit und
mit der Reproduktion der Traumata im Agieren die analytische
Aufgabe nicht erfüllt. Das spielerisch agierte oder sonstwie
wiederholte Material muss einer gründlichen analytischen Durch-
forschung unterzogen werden. Natürlich hat Freud recht, wenn
er uns lehrt, dass es ein Triumph der Analyse ist, wenn es ge-
lingt, das Agieren durch Erinnerung zu ersetzen; ich meine aber,
es ist auch von Vorteil, bedeutsames Aktionsmaterial zu be-
schaffen, das man dann in Erinnerung umsetzen kann. Auch ich
bin im Prinzip gegen unkontrollierte Ausbrüche, meine aber,
dass es zweckdienlich ist, die verborgenen Aktionstendenzen
mögliehst breit aufzudecken, bevor man an die gedankliche
Bearbeitung und damit gleichzeitig an die Erziehung zur Selbst-
beherrschung herangeht. Auch die Nürnberger hangen keinen
Dieb, sie hätten ihn denn. Glauben Sie also nicht, dass meine
Analysen, die ich gelegentlich zum Kinderspiel degradiere, im
Grunde so verschieden von den bisherigen sind. Die Stunden begin-
nen, wie immer, mit Gedanken, die von der psychischen Oberfläche
ausgehen, befassen sich — wie auch sonst — recht viel mit den
Ereignissen des Vortages, dann kommt etwa eine „normale "
Traumanalyse, die allerdings schon gerne ins Infantile oder in
die Aktion ausartet. Aber ich lasse keine Stunde vergehen, ohne
das Aktionsmaterial gründlich zu analysieren, natürlich unter
voller Verwertung alles dessen, was wir von Übertragung und
"Widerstand und von der Metapsychologie der Symptombildung
wissen und dem Patienten bewusst zu machen haben.
Auf die zweite Frage, wie weit die Aktion im Kinderspiel
gehen darf, kann man antworten: auch der Erwachsene sollte
Ferenczi. Bausteine zur Psychoanalyse. III. 8i
498 S. Ferenczi
in der Analyse sich wie ein schlimmes, d. h. unbeherrschtes Kind
benehmen dürfen, wenn er aber selber in den Fehler verfällt,
den er uns gelegentlich vorwirft, wenn er also beim Spiel aus
der Rolle fallt und darauf ausgeht, die infantile Realität in den
Aktionen eines Erwachsenen auszuleben, dann muBs man ihm
zeigen, dass nun eben er der Spielverderber ist; und es muss so
gelingen, wenn auch oft mit Mühe, ihn dazu zu bringen, Art und
Umfang seines Betragens auf das Kindliche zu beschränken. In
diesem Zusammenhange mochte ich der Vermutung Ausdruck
geben, dass die gemütlichen Ausdruckshewegungen des Kindes,
insbesondere auch die libidinösen, im Grunde auf das zärtliche
Mutter-Kind-Verhältnig zurückgehen und dass die Elemente der
Bosheit, der Leidenschaftlichkeit, der unbeherrschten Perversion
meist schon die Folgen taktloser Behandlung seitens der Um-
gebung sind. — Es ist für die Analyse von Vorteil, wenn es dem
Analytiker gelingt, mit nahezu grenzenloser Geduld, Verständnis,
Wohlwollen und Freundlichkeit dem P;itienten soweit als möglich
entgegenzukommen. Man schafft sich so einen Fond, auf den
gestützt man die früher oder später unvermeidlichen Konflikte
mit Aussicht auf Versöhnung auskämpfen kann. Der Patient
wird dann unser Benehmen als Kontrast zu den Erlebnissen in
der wirklichen Familie empfinden, und da er sich nun vor der
Wiederholung geschützt weiss, getraut er sich, in die Reproduk-
tion der unlustvollen Vergangenheit zu versinken. Die Vorgänge,
die sich dabei abspielen, erinnern lebhaft an jene, die uns von
den Kinderanalytikern berichtet werden. Es kommt z. B. vor,
dass der Patient heim Bekennen einer Schuld plötzlich unsere
Hand erfasst und uns bittet, ihn ja nicht zu schlagen. Recht häufig
versuchen es die Kranken, den hei uns vermuteten versteckten
bösen Willen durch ihre Schlimmheit, Sarkasmus, Zynismus,
verschiedene Unarten, auch Grimassen, zu provozieren. Es ist
nicht vorteilhaft, auch unter diesen Umständen den immer
Kinderanalysen mit Erwachsenen 499
Guten und Nachsichtigen zu spielen, es ist ratsamer, ehrlich
einzugestehen, sein Benehmen berühre uns unangenehm, daes wir
uns aber beherrschen müssen, wissend, dass er sich nicht ohne
Grund der Mühe des Schlimmseins unterziehe. Man erfährt dann
auf diese Weise so manches von der Unaufrichtigkeit und der
Hypokrisie, die der Patient in seiner Umgebung in der Form von
zur Schau getragener oder behaupteter Liebe oft beobachten
musste, seine Kritik vor allen, später auch vor sich selber ver-
bergend.
Nicht selten bringen uns die Patienten, oft mitten in der
Assoziation, kleine selbstgemachte Geschichten, oder gar Gedichte,
Reime, manchmal verlangen sie nach einem Zeichenstift, um uns
irgend ein meist sehr naives Bild zum Geschenk zu machen.
Natürlich lasse ich sie gewähren und diese kleinen Gaben zum
Ausgangspunkte weiterer Phantasiebildungen nehmen, die ich
nachher der Analyse unterziehe. Klingt nicht schon das allein
wie ein Stück kinderanalytischer Erfahrung? — Gestatten Sie
übrigens, dass ich bei dieser Gelegenheit einen taktischen Fehler
bekenne, dessen Gutmachung mir in einer prinzipiell wichtigen
Frage zu einer besseren Einsicht verhalf. Ich meine das Problem,
inwiefern das, was ich mit meinen Patienten treibe, Suggestion
oder Hypnose ist. Unsere Kollegin Elisabeth S e v e r n, die sich
bei mir in Lehranalyse befindet, machte mich, über dieses Thema
wie über manches andere disputierend — einmal darauf auf-
merksam, dass ich zeitweise mit meinen Fragen und Antworten
die Spontaneität der Phantasieproduktion störe. Ich sollte meine
Hilfe bei der Produktion darauf beschranken, die etwa erlahmende
Kraft des Geistes zu weiterer Tätigkeit anzuspornen, ängstliche
Hemmungen zu überwinden u. dgl. Noch besser sei es, wenn ich
die Anregung in die Form von sehr einfachen Fragen statt Be-
hauptungen kleide, die den Analysanden zwingen, die Arbeit
mit eigenen Mitteln fortzusetzen. Die theoretische Formulierung,
500 S. Ferenczi
die daraus folgt, und deren Befolgung ich so manche Einsicht
verdanke, ist die, dass die Suggestion, die man sich auch in
Analysen gestatten darf, eher allgemeine Ermutigung als spezielle
Wegweisung sein soll. Ich denke, das ist weseuhaft von den sonst
bei Psychotherapeuten üblichen Suggestionen verschieden; es ist
eigentlich nur eine Verstärkung der in der Analyse doch unver-
meidlichen Aufgabestellung: nun legen Sie sich hin, lassen Sie
Ihre Gedanken frei spielen und sagen Sie uns alles, was Ihnen
in den Sinn kommt. Auch das Phantasiespiel ist nur eine ähnliche,
allerdings verstärkte Ermutigung. Was die Frage der Hypnose
anbelangt, mag sie in gleicher Weise beantwortet werden. Ele-
mente der selbstvergessenen Entrückung sind bei jeder freien
Assoziation unvermeidlich; die Aufforderung, hier weiter und
tiefer zu gehen, führt allerdings gelegentlich — ehrlich gestanden,
bei mir recht häufig — zur Entstehung tieferer Entrücktheit,
die man, wenn sie sich gleichsam halluzinatorisch gebärdet,
meinetwegen Äutohypnose nennen darf; meine Patienten nennen
es gerne einen Trancezustand. Wichtig ist, dass man dieses gewiss
viel hilflosere Stadium nicht dazu misshraucht, eigene Theorien
und eigene Phantasiegebilde in die widerstandslose Psyche des
Patienten zu pressen, sondern diesen nicht zu leugnenden grossen
Einfluss dazu verwertet, die Fähigkeit des Patienten zu Eigen-
produktionen zu vertiefen. Mit einem sprachlich gewiss unschönen
Ausdruck könnte man also sagen, die Analyse darf nicht Dinge
in den Patienten hineinsuggerieren oder -hypnotisieren; heraua-
fiuggerieren oder -hypnotisieren ist aber gestattet, ja förderlich.
Und hier eröffnet sich ein pädagogisch bedeutsamer Ausblick auf
den Weg, den man auch in der rationellen Kindererziehung be-
treten sollte. Die Beeinflussbarkeit der Kinder, ja ihre Neigung,
sich in Momenten der Hilflosigkeit widerstandslos auf einen
„Grossen'' zu stützen, also ein Stück Hypnollsmus in der Be-
ziehung zwischen Kindern und Erwachsenen, ist unleugbare Tat-
X
Kinderanalysen mit Erwachsenen 501
Sache, mit der man sich abfinden muss. Doch anstatt, wie üblich,
die grosse Macht, die die Erwachsenen den Kindern gegenüber
haben, immer noch dazu zu verwenden, die eigenen -starren
Regeln in die plastische Seele des Kindes wie etwas von aussen
Oktroyiertes einzudrücken, könnte sie zu einem Mittel zur Er-
ziehung zu grösserer Selbständigkeit und Mut ausgestaltet werden.
Fühlt eich der Patient in der analytischen Situation verletzt,
enttäuscht, im Stich gelassen, so beginnt er manchmal wie ein
verlassenes Kind mit sich selbst zu spielen. Man hat entschieden
den Eindruck, dass Verlassensein eine Persönlichkeitsspaltung
nach sich zieht. Ein Teil der eigenen Person beginnt Mutter-
oder Vaterrolle mit dem restlichen Teile zu spielen und macht
dadurch das Verlassensein sozusagen ungeschehen. Merkwürdiger-
weise werden hei diesem Spiele nicht nur einzelne Körperteile,
wie Hand, Finger, Füsse, Genitalien, Kopf, Nase, Auge, Vertreter
der ganzen eigenen Person, an der alle Peripetien der eigenen
Tragödie zur Darstellung gebracht und dann zu einem versöhn-
lichen Ende geführt werden, sondern man bekommt Einblicke
in die Vorgänge jener von mir so benannten narzisstischen
Selbstspaltung in der geistigen Sphäre selbst. Man er-
staunt über die grosse Menge autosymbolischer Selbstwahrneh-
mung oder unhewusster Psychologie, die in den Phantasieproduk-
tionen der Analysanden wie offenbar in denen der Kinder zutage
treten. Es wurden mir kleine Märchen erzählt, in denen etwa
ein böses Tier einen Gallertfisch mit seinen Zähnen und Krallen
vernichten will, ihm aber nichts anhaben kann, weil er wegen
seiner Geschmeidigkeit vor jedem Stiche und Bisse ausweicht
und dann seine Kugelform wiedererlangt. Diese Geschichte lässt
zwei Deutungen zu; sie drückt einerseits die passive Resistenz aus,
die der Patient den Angriffen der Umwelt entgegensetzt, ander-
seits ist sie die Darstellung der Spaltung der eigenen Person
in einen schmerzlich fühlenden, brutal destruierten und in einen
502 S. Ferenczi
gleichsam alles wissenden, aber fühllosen Teil. Noch deutlicher
wird dieser Urvorgang der Verdrängung in Phantasien und Träu-
men ausgedrückt, in denen der Kopf, d. h. das Deukorgan, vom
übrigen Körper aiigetrennt auf eigenen Füssen geht oder mit dem
übrigen Körper nur durch einen Faden verbunden ist, alles Dinge,
die nicht nur nach historischer, sondern auch nach autosymboli-
scher Auslegung verlangen.
Über die metapsychologische Bedeutsamkeit aller dieser
Spaltungs- und Wiederverwachsungs Vorgänge will ich mich bei
dieser Gelegenheit nicht näher auslassen. Es genügt mir, wenn ich
Ihnen meine Ahnung übermitteln konnte, dass wir in der Tat
von unseren Kranken, unseren Schülern und offenbar auch von
den Kindern noch so manches zu lernen haben.
Schon vor vielen Jahren machte ich eine kurze Mitteilung über
die relative Häufigkeit eines typischen Traumes; ich nannte ihn
den Traum vom gelehrten Säugling. Es sind das Träume, in denen
ein eben geborenes Kind oder ein Säugling in der Wiege plötzlich
zu reden beginnt und den Eltern oder sonstigen Erwachsenen
weise Ratschläge erteilt. In einem meiner Fälle nun gebärdete sich
die Intelligenz des unglücklichen Kindes in der analytischen
Phantasie wiederum als besondere Person, deren Aufgabe es war,
einem beinahe tödlich verletzten Kinde rasch Hilfe zu bringen.
„Rasch, rasch, was soll ich machen? Man hat mein Kind ver-
wundet! Niemand da, wer ihm helfen kann! Es verblutet ja! Es
atmet kaum mehr! Ich muss die Wunde selbst verbinden. Nun,
Kind, atme tief, sonst stirbst du. Jetzt stockt das Herz! Es stirbt!
Es stirbt! . . .'■'' Nun hörten die Assoziationen, die sich an eine
Traumanalyse knüpften, auf, der Patient bekommt einen Opistho-
tonus, macht Bewegungen wie zum Schutze des Unterleibs. Es
gelang mir aber, den Kontakt mit dem beinahe komatösen Kran- ;
ken wiederherzustellen und ihn mit Hilfe der oben charakteri- j
sierten Ermutigung und Fragestellungen zum Aussagen Über ein
-._-'■■
r-^^^
m
Kinderanalysen mit Erwachsenen 503
im frühen Kindesalter erlittenes Sexualtrauma zu zwingen. \Fas
ich jetzt hervorheben möchte, ist das Licht, das diese und ähn-
liche Beobachtungen auf die Genese der narzisstischen Selbst-
spaltung werfen. Es scheint wirklich, dass unter dem Drucke
einer imminenten Gefahr ein Stück unserer selbst sich als selbst-
wahrnehmende und sich-seihst-helfen-wollende Instanz abspalte,
möglicherweise schon im Frühen und allerfrühesten Kindesaller.
Ist es uns doch allen bekannt, dass Kinder, die moralisch oder
körperlich viel gelitten haben, die Gesichtszüge des Alters und
der Klugheit bekommen. Sie neigen dazu, auch andere zu be-
muttern, sie dehnen dabei offenbar die Kenntnisse, die sie beim
Behandeln des eigenen Leidens schmerzlich errungen haben, auch
auf andere aus, sie werden gut und hilfsbereit. Nicht alle gehen
so weit in der Bewältigung der eigenen Schmerzen, manche
bleiben in Selbstbeobachtung und Hypochondrie stecken.
Zweifellos aber ist, dass hier der vereinigten Kraft der
Analyse und der Kinderbeohachtung noch ungeheure Aufgaben
gestellt sind, Fragestellungen, zu denen uns wesentlich die Ge-
meinsamkeiten in den Analysen von Kindern und Erwachsenen
verhelfen.
Das Verfahren, das ich meinen Analysanden gegenüber an-
wende, kann man mit Recht eine Verzärtelung nennen. Mit Auf-
opferung aller Rücksichten auf eigene Bequemlichkeit gibt man
den Wünschen und Regungen, soweit als irgend möglich, nach.
Man verlängert die Analysenstunde, bis eine Ausgleichung der
vom Material angeregten Emotionen erreicht ist; man lässt den
Patienten nicht allein, bevor die unvermeidlichen Konflikte in
der analytischen Situation durch Aufklärung der Missverständ-
nisse und Rückführung auf die infantilen Erlebnisse in versöhn-
lichem Sinne gelöst sind. Man verfahrt also etwa wie eine zärt-
liche Mutter, die abends nicht schlafen geht, ehe sie alle schwe-
benden kleinen und grossen Sorgen, Ängste, bösen Absichten,
504 S. Ferenczi
Gewissensskrupel mit dem Kinde durchgesprochen und in be-
ruhigendem Sinne erledigt hat. Mit dieser Hilfe gelingt es uns, r
den Patienten in alle frühen Stadien der passiven Objektliebe
versinken zu lassen, in denen er — wirklich wie ein eben ein-
schlafendes Kind — in hingemurmelten Sätzen Einsicht in seine
Traumwelt gewährt. Ewig kann aber dieses zärtliche Verhältnis
auch in der Analyse nicht dauern. L'appetit vient en mangeant.
Der zum Kind gewordene Patient gebt mit seinen Ansprüchen
weiter und weiter, verzögert das Eintreten der Versöhnungs-
situation immer mehr und mehr, um dem Alleinsein, d. h. dem
Gefühle des Nichtgeliebtwerdens, zu entgehen, oder er trachtet
mit mehr und mehr gefährlich werdenden Drohungen uns zu einer
Strafhandlung zu veranlassen. Je tiefer und erspriesslicher die
Übertragungssituation war, um so grösser wird natürlich der
traumatische Effekt des Momentes sein, in dem man sich schliess-
lich gezwungen sieht, der Schrankenlosigkeit ein Ende zu setzen.
Der Patient gerät in die uns so wohlbekannte Versagungssituation,
die zunächst die hilflose Wut und die darauffolgende Lähmung
aus der Vergangenheit reproduziert, und es gehört viel Mühe
und taktvolles Verständnis dazu, die Versöhnung auch unter
solchen Umständen im Gegensatz zur dauernden Entfremdung
in der Kindheitssituation wiederherzustellen. Dabei hat man
Gelegenheit, einiges davon zu sehen, was den Mechanismus der
Traumatogenese ausmacht: zunächst die vollkommene Lähmung
jeder Spontaneität, auch jeder Denkarbeit, ja schockartige oder
komatöse Zustände auch auf körperlichem Gebiete, dann die
Herstellung einer neuen — verschobenen — Gleichgewichts-
Situation. Gelingt es uns, den Kontakt auch in diesen Stadien
herzustellen, so erfahren wir, dass das sich verlassen fühlende Kind
sozusagen alle Lebenslust verliert, oder wie wir es mit Freud
sagen müssten, die Aggression gegen die eigene Person wendet.
Dies geht manchmal so weit, dass der Patient anfängt, die Gefühle
■Id±
Kinderanalysen mit Erwachsenen SOS
des Vergehens und Sterbens zu erleben, man sieht das Auftreten
tödlicher Blässe im Gesichte, auch ohnmachtähnliche Zustände,
oder allgemeine Steigerung des Muskeltonus, die den Grad eines
Opisthotonus erreichen kann. Was eich da vor uns abspielt, ist
die Reproduktion der seelischen und körperlichen Agonie, die
unfasBbarer und unerträglicher Schmerz nach sich zieht. Nur
nebenbei bemerke ich, dass mir die „sterbenden" Patienten auch
interessante Nachrichten aus dem Jenseits und über die Natur
des Seins nach dem Tode bringen, Äusserungen, deren psycholo-
gische Würdigung zu weit führen würde. Die oft bedrohlichen
Erscheinungen, über die ich mich mit Kollegen Dr. R i c k m a n
aus London aussprach, regten ihn zur Frage an, ob ich denn
Medikamente zur Hand habe, um gegebenenfalls lebensrettend
einzugreifen. Ich konnte auf diese Frage bejahend antworten,
bisher kam es aber nie dazu, ein solches in Anwendung zu
bringen. Taktvoll beruhigende Worte, unterstützt etwa von er-
mutigendem Händedruck, wenn das nicht genügt, freundliches
Streicheln des Kopfes, mildern die Reaktion zu einem Grade,
bei dem der Patient wieder zugänglich wird. Als Kontrast zu
unserer Handlungsweise erfahren wir dann vom Patienten von
nnzweckmässigeu Aktionen und Reaktionen der Erwachsenen
beim Manifestwerden kindlich traumatischer Erschütterungen.
Das echlimmste ist wohl die Verleugnung, die Behauptung, es
sei nichts geschehen, es tue nichts weh, oder gar Geschlagen- oder
Beschimpftwerden bei Äusserungen traumatischer Denk- und
Bewegungslähmung; diese machen erst das Trauma pathogen.
Man hat den Eindruck, dass auch schwere Erschütterungen ohne
Amnesie und neurotische Folgen überwunden werden, wenn die
Mutter mit ihrem Verständnis und ihrer Zärtlichkeit und, was das
seltenste ist, mit voller Aufrichtigkeit bei der Hand ist.
Ich hin hier auf die Einwendung gefasst. oh es denn not-
wendig sei, den Patienten zuerst durch Verzärtelung in den Wahn
506 S. Ferenczi
grenzenloser Sicherheit einzuwiegen, um ihn dann ein um so
schmerzlicheres Trauma erleben zu lassen. Meine Entschuldigung
iBt die, dass ich diesen Vorgang nicht absichtlich herbeigeführt
habe, er entwickelte sich als Folge des meines Erachtens legitimen
Versuchs, die Freiheit der Assoziationen zu verstärken; ich habe
eine gewisse Achtung vor solchen spontan sich ergebenden Re-
aktionen, lasse sie also ungestört eintreten und vermute, dass sie
Reproduktionstendenzen manifestieren, die man — wie ich
meine — nicht hemmen, sondern zur Entfaltung bringen soll,
ehe man sie zu meistern versucht. Ich muss den Pädagogen die
Entscheidung darüber überlassen, inwieweit solche Erfahrungen
auch in der gewöhnlichen Kindererziehung zu finden sind.
Höchst merkwürdig, ich kann auch getrost sagen, bedeutsam
ist das Benehmen der Patienten nach dem Erwachen aus solcher
infantil-traumatischer Entrückung. Man gewinnt da förmlich Ein-
blick in die Schaffung von Prädilektionsstellen der bei «Dä'eren
Erschütterungen einsetzenden Symptome. Eine Patientin z. B., die
während der traumatischen Konvulsion ungeheuren Blutandrang
im Kopfe bekam, so dass sie blau im Gesicht wurde, erwacht wie
aus einem Traume und weiss von den Vorgängen und ihren Ur
Sachen nichts, sie fühlt nur den Kopfschmerz, eines ihrer ge-
wöhnlichen Symptome, ausserordentlich verstärkt. Ist man dj
nicht auf der Spur der physiologischen Prozesse, die die hyste-
rische Verschiebung von einer rein psychischen Gemütsbewegung
auf ein Körperorgan zustande bringen? Ich könnte Ihnen ein
halbes Dutzend solcher Beispiele mit Leichtigkeit zitieren, einige
mögen genügen. Ein Patient, der als Kind von Vater, Mutter,
ich möchte sagen von allen Göttern verlassen, den peinlichsten
körperlichen und seelischen Leiden ausgesetzt war, erwacht aus
dem traumatischen Koma mit Unempfindlichkeit und leichen-
hafter Blässe einer Hand, im übrigen ist er, abgesehen von der
Amnesie, ziemlich gefasst und fast plötzlich leistungsfähig. Es war
Kinderanalysen mit Erwachsenen 507
nicht schwer, die Verschiebung alles Leidens, ja des Sterbens,
auf einen einzigen Körperteil, sozusagen in flagranti, zu ertappen:
die leichenblasse Hand repräsentierte die ganze leidende Person
und den Ausklang ihres Kampfes in Empfindungslosigkeit und
Ersterben. Ein anderer begann nach der Traiimareproduktion zu
hinken: die mittlere Zehe eines Fusses wurde schlaff und nötigte
den Patienten, auf jeden Schritt mit hewusster Aufmerksamkeit
zu achten. Abgesehen von der sexualsymbolischen Bedeutung
der mittleren Zehe, drückte sie mit ihrem Benehmen die sich
selbst gegebene Warnung aus: Sei vorsichtig, bevor du einen
Schritt machst, damit dir nicht wieder dergleichen passiert.
Der englisch redcnle Patient ergänzte meine Deutung mit der
Bemerkung: „Sie meinen etwa, ich stelle nur die englische Redens-
art dar: Watck your step.""
Wenn ich da plötalich innehalte und mir die Worte vergegen-
wärtige, die auf den Lippen meiner Zuhörer schweben, so höre
ich gleichsam von allen Seiten die erstaunte Frage: Ist denn das
eigentlich noch Psychoanalyse zu nennen, was in den Kinder-
analysen der Erwachsenen vorgeht? Sie reden ja fast ausschliess-
lich von Gefühlsausbrüchen, von lebhaften, ja halluzinatorischen
Reproduktionen traumatischer Szenen, von Krämpfen und
Paräethesien, die man getrost hysterische Anfälle nennen kann.
Wo bleibt da die feine, Ökonomiscb-topisch-dynamische Zerlegung
und der Wiederaufbau der Symptomatik, das Verfolgen der
wechselnden Energiebesetzungen des Ichs und des Uber-Ichs, die
die moderne Analyse charakterisieren? Tatsächlich beschränke
ich mich in diesem Vortrag fast ausschliesslich auf die Würdigung
des traumatischen Momentes, was natürlich in meinen Analysen
auch nicht im entferntesten der Fall ist. Monate-, oft jahrelang
verlaufen auch meine Analysen auf dem Niveau der Konflikte
zwischen den intrapsychischen Energien. Bei Zwangsneurotikern
z. B. dauert es manchmal ein Jahr und noch länger, bevor das
508 S. Ferenczi
Emotionelle überhaupt zur Sprache kommt; auf Grund des auf-
tauchenden Materials können der Patient und ich in diesen Zeiten
nichts anderes leisten, als den Entstehungsursachen der Vor-
beugungsmassnahmen, der Ambivalenz in der Gefühlseinstellung
und in der Handlungsweise, den Motiven der maeochistischen
Selhstpeinigung usw. intellektuell nachzugehen. Soweit aber meine
Erfahrung reicht, kommt es früher oder später, allerdings oft
sehr spät zum Zusammenbruch des intellektuellen Überbaues und
zum Durchbruch der doch stets primitiven, stark emotiven Grund-
lage, und nun erst beginnt die Wiederholung und Neuerledigung
des ursprünglichen Konflikts zwischen dem Ich und der Umwelt,
wie sie sich in der Infantilzeit abgespielt haben muss. Vergessen
wir nicht, dass die Reaktionen des kleinen Kindes auf Unlust
zunächst immer körperlicher Natur sind; erst später lernt das
Kind seine Ausdrucksbewegungen, die Vorbilder jedes hysteri-
schen Symptoms, beherrschen. Man muss also zwar den Nerven-
ärzten darin rechtgeben, dasa der moderne Mensch viel seltener
offenkundige Hysterien produziert, als sie noch vor wenigen Jahr-
zehnten als ziemlich allgemein verbreitet beschrieben worden
sind. Es scheint, als ob mit vorschreitender Kultur auch die
Neurosen kultivierter und erwachsener geworden wären, ich
meine aber, dass bei entsprechender Geduld und Ausdauer auch
festgebaute, rein intrapsychische Mechanismen abgebaut und auf
das Niveau des infantilen Traumas reduziert werden können.
Eine andere heikle Frage, die man mir unverzüglich vorlegen
wird, ist die der therapeutischen Resultate. Sie werden es nur
zu gut verstehen, dass ich mich diesbezüglich einer dezidierten
Äusserung noch enthalte. Zwei Dinge muss ich aber gestehen;
meine Hoffnung, die Analyse mit Hilfe von Relaxation und
Katharsis wesentlich zu verkürzen, hat sich vorläufig nicht
erfüllt, und die Mühseligkeit der Arbeit für die Analytiker wurde
durch sie wesentlich gesteigert. Was aber durch sie gefordert
Kinderanalysen mit Erwachsenen 509
wurde und, wie ich hoffe, noch hedeutend gefördert werden
wird, ist die Tiefe unserer Einsicht in die Tätigkeit der
gesunden und kranken Menschenaeele und die berechtigte Hoff-
nung, daes der therapeutische Erfolg, der sich auf diese tieferen
Grundlagen stützt, soweit er zustande kommt, mehr Aussicht auf
Bestand haben wird.
Und nun zum Schluss eine praktisch wichtige Frage. Müssen
und können auch die Lehr analysen bis zu dieser tiefen Infantil-
schichte vordringen? Bei der Terminlosigkeit meiner Analysen
führt das zu ungeheuren praktischen Schwierigkeiten; und doch
glaube ich, dass jeder, der die Ambition hat, andere verstehen
und anderen helfen zu wollen, dieses grosse Opfer nicht scheuen
sollte. Auch die rein aus beruflichen Gründen Analysierten müssen
also im Laufe ihrer Analyse ein hisschen hysterisch, also ein biss-
chen krank werden, und da zeigt sich denn, dass auch die Cha-
rakterformung als entfernte Folge von recht starken Infantil-
traumen anzusehen ist. Ich glaube aber, dass das kathartische
Resultat dieses Untertauchens in Neurose und Kindheit am Ende
erquickend wirkt und, wenn zu Ende geführt, keinesfalls schadet.
Jedenfalls ist dieses Verfahren viel weniger gefährlich als die
opferwilligen Versuche mancher Kollegen, die Infektionen und
Vergiftungen am eigenen Leibe studiert haben.
Meine Damen und Herren! Sollten die Gedanken und Ge-
sichtspunkte, die ich Ihnen heute mitteilte, irgendwann Aner-
kennung finden, so wird das Verdienst ehrlich zwischen mir und
meinen Patienten und Kollegen geteilt werden müssen. Natürlich
auch mit den oben bereits genannten Kinderanalytikern; ich wäre
glücklich, wenn es mir gelungen wäre, wenigstens die Anfänge
einer intimeren Kooperation mit ihnen angebahnt zu haben.
Eb würde mich nicht wundern, wenn Sie von diesem Vortrage
wie von einigen anderen, die ich in den letzten Jahren publizierte,
den Eindruck einer gewissen Naivität der Anschauung empfangen
510 S. Ferenczi
hätten. Wenn jemand nach fünfundzwanzigjähriger Analysenarbeit
plötzlich anfängt, die Tatsache der psychischen Traumen anzii-
Etaunen, so mag er Ihnen ebenso merkwürdig vorkommen, wie
jener mir bekannte Ingenieur, der nach fünfzigjähriger Dienstzeit
k
in Pension ging, sich aber jeden Nachmittag zur Bahnstation he-
-' gab, um den eben abfahrenden Zug anzustaunen, oft mit dem
Ausruf: „Ist denn die Lokomotive nicht eine wunderbare Er-
findung!'" Es ist möglich, dass ich auch diese Tendenz oder
Fähigkeit zum naiven Anschauen des Altbekannten von unserem
:' Lehrer erlauscht habe, der während eines unserer gemeinsamen,
mir unvergesslichen Sommeraufenthalte mich eines Morgens mit
i der Mitteilung überraschte: „Sehen Sie, Ferenczi, der Traum ist
[ wirklieb eine Wunscherfüllung!"* und mir seinen letzten Traum
: erzählte, der allerdings eine glänzende Bestätigung seiner genialen
Traumtheorie war.
^ ■ Ich hoffe, meine Damen und Herren, dass Sie das von mir
l${itgeteilte nicht sofort verwerfen, sondern Ihr Urteil aufschieben
werden, bis Sie sich Erfahrungen unter den nämlichen Bedingun-
r- gen geholt haben. Jedenfalls danke ich für die freundliche Geduld,
i- oiit der Sie meine Ausführungen anhörten.
Sprachverwirrung zwischen den
Erwachsenen und dem Kind
(Die Sprache der Zärtlichkeit und der Leidenschaft)^
Vorgetragen am XU. Internationalen Psychoanalytischen Kongress
in Wiesbaden. (Sept. 1932.)
Eb war ein Irrtum, das allzu umfangreiche Thema der Exo-
geneität in der Charakter- und Neurosenformierung in einen
Kongressvortrag zwingen zu wollen.
Ich begnüge mich also mit einem kurzen Ausschnitt aus dem,
was ich hierüher zu sagen hätte. Es ist vielleicht zweckmässig,
wenn ich Ihnen zunächst mitteile, wie ich zu der im Titel ange-
deuteten Problemßtellung gekommen bin. In dem Vortrage, den
ich am 75. Geburtstage Professor Freuds in der Wiener Psycho-
analytischen Vereinigung gehalten habe, berichtete ich über eine
Regression in der Technik, zum Teil auch in der Theorie der
Neurosen, zu der mich gewisse Misserfolge oder unvollständige
Erfolge gezwungen haben; ich meine die neuerliehe stärkere Be-
' Der ursprüngliche Titel des angekündigten Vortrages war: „Die
Lcidcnsrhaftcn der ErwachBcnen und deren Einfluse auf Charakter- and
Scxualcntwicklung der Kinder."
512 S. Ferenczi
tonung des traumatischen Momentes in der Pathogenese der Neu-
rosen, die in letzterer Zeit unverdient vernachlässigt wurde, Die
nicht genügend tiefe Erforschung des exogenen Momentes führt
die Gefahr mit sich, dass man vorzeitig zu Erklärungen mittels
Disposition und Konstitution greift. Die — ich möchte sagen —
imposanten Erscheinungen, die fast halluzinatorischen ^^ieder*
holungen traumatischer Erlebnisse, die sich in meiner Praxis zu
häufen begannen, berechtigten mich zur Hoffnung, dass durch
solches Abreagieren grosse Quantitäten verdrängter Affekte sich
Geltung im bewuasten Gefühlsleben verschaffen und der Symptom-
bildung, insbesondere da der Überbau der Affekte durch die ana-
lytische Arbeit genügend gelockert war, hald ein Ende bereiten
werden. Diese Hoffnung hat sich leider nur sehr unvollkommen
erfüllt und einige der Fälle brachten mich gar in grosse Verlegen-
heit. Die Wiederholung, zu der die Analyse die Patienten er-
mutigte, war zu gut gelungen. Allerdings war merkliche Besse-
rung einzelner Symptome zu verzeichnen, aber statt dessen be-
gannen diese Patienten an nächtlichen Angstzuständen, meistens
sogar an schweren Alpträumen zu leiden und die Analysenstunde
entartete immer und immer wieder zu einem angsthysterischen
Anfall, und obzwar wir die oft gefahrdrohend scheinende Sympto-
matik dieser einer gewissenhaften Analyse unterzogen, was den
Patienten anscheinend überzeugte und beruhigte: der erwartete
Dauererfolg blieb aus und der nächste Morgen brachte dieselben
Klagen über die schreckliche Nacht und die Analysenstunde
wieder einmal die Wiederholung des Traumas. In dieser Ver-
legenheit begnügte ich mich eine ziemliche Weile in üblicher
Weise mit der Auskunft, der Patient habe zu grosse Widerstände
oder leide an Verdrängungen, deren Entladung und Bcwusst-
niachung nur in Etappen erfolgen könne. Da sich aber auch nach
längerer Zeit keine wesentliche Änderung einstellte, musate ich
wieder einmal die Selbstkritik walten lassen. Ich begann hinzu-
m
Sprachverwirrung zwischeii den Erwaclisenen und dem Kind 513
horchen, wenn die Patienlen mich in ihren Attacken fühllos, kalt,
ja roh und grausam nannten, wenn sie mir Selbstsucht, Herz-
losigkeit, Eingebildetsein vorwarfen, wenn sie mich anschrien:
„Helfen Sie mir doch! Rasch! Lassen Sie mich nicht hilflos zu-
grunde gehen!" und begann mein Gewissen zu prüfen, ob trotz
bewuesten guten Willens nicht etwas Wahrheit in diesen Anklagen
steckte. Nebenbei gesagt, kamen solche Ärger- und Wutaushrüche
nur in Ausnahmsfällen; sehr oft endete die Stunde mit auffälliger,
fast hilfloser Gefügigkeit und Willigkeit, unsere Deutungen an-
zunehmen. Die Flüchtigkeit dieses Eindruckes liess mich aber
ahnen, daes auch diese Gefügigen insgeheim Hass- und Wut-
regungen empfinden, und ich begann sie anzuspornen, mir gegen-
über von jeder Schonung abzusehen. Auch diese Aufmunterung
hatte wenig Erfolg; die meisten refüsierten energisch meine Zu-
mutung, obzwar sie durch das analytische Material genügend ge-
stützt war.
Allmählich kam ich dann zur Überzeugung, dass die Patien-
ten ein überaus verfeinertes Gefühl für die Wünsche, Tendenzen,
Launen, Sym- und Anlipathien des Analytikers haben, mag dieses
Gefühl auch dem Analytiker selbst ganz unbewusst sein. Anstatt
dem Analytiker zu widersprechen, ihn gewisser Verfehlungen
oder Missgriffe zu zeihen, identifizieren sie sich mit
i h m; nur in gewissen Ausnahmsmomenten der hysteroiden Er-
regung, d. h. im heinahe hewusstloscn Zustande, raffen sie sich
zu Protesten auf, für gewöhnlich erlauben sie sich keine Kritik
an uns, ja solche Kritik fällt ihnen nicht einmal ein, es sei denn,
wir geben ihnen spezielle Erlaubnis dazu, ja muntern sie zu
solcher Kritik direkt auf. Wir müssen also aus den Assoziationen
der Kranken nicht nur unlustvolle Dinge aus der Vergangenheit
erraten, sondern, mehr als bisher, verdrängte oder unterdrückte
Kritik an uns.
Da aber stossen wir auf nicht geringe Widerstände, diesmal
Ferenczi. Bausteine zur Psychoanalyse. III.
33
k
514 S. Ferenczi
Widerstände in uns und nicht im Patienten. Vor allem müssen
wir gar zu gut und „bis zum Grund" analysiert sein, alle unsere
unliebsamen äusseren und inuereu CliMrakterzüge kennen, damit
wir so ziemlich auf alles gefasst sind, was an verstecktem Hass und
Geringschätzung in den Assoziationen der Patienten enthalten ist.
Das führt zum Seitenproblem des Analysiertseins des Analy-
tikers, das mehr und mehr an Wichtigkeit gewinnt. Vergessen
wir nicht, dass die tiefgreifende Analyse einer Neurose meist
viele Jahre in Anspruch nimmt, wahrend die üblichen Lehranaly-
sen oft nur Monate oder ein bis anderthalb Jahre dauern. Das
mag zur unmöglichen Situation führen, dass unsere Patienten all-
mählich besser analysiert sind als wir selber. Das heiest, sie zeigen
Ansätze solcher Überlegenheit, sind aber unfähig, solche zu
äussern, ja sie verfallen oft in extreme Unterwürfigkeit, offenbar
infolge der Unfähigkeit oder der Angst, durch ihre Kritik Miss-
fallen in uns zu erregen.
Ein grosser Teil der verdrängten Kritik unserer Patienten
betrifft das, was die Hypokrisie der Berufstätigkeit
genannt werden könnte. Wir begrüsseu den Patienten, wenn er
unser Zimmer betritt, höflich, fordern ihn auf, mit den Assozia-
tionen zu beginnen und versprechen ihm damit, aufmerksam
hinzuhorcheu, unser ganzes Interesse seinem Wohlergehen und
der Aufklärungsarbeit zu widmen. In Wirklichkeit aber mögen uns
gewisse äussere oder innere Züge des Patienten schwer erträglich
sein. Oder wir fühlen uns vielleicht durch die Arbeitsstunde in
einer für uns wichtigeren beruflichen oder einer persönlichen,
inneren Angelegenheit unliebsam gestört. Auch da sehe ich keinen
anderen Ausweg als den, die Ursache der Störung in uns selber
zu erraten und sie vor dem Patienten zur Sprache zu bringen,
sie vielleicht nicht nur als Möglichkeit, sondern auch als Tat-
sache zu bekennen.
Merkwürdig ist nun, dass solcher Verzicht auf die bisher
^
Sprachverwirrung zwischen den Erwachsenen und dem Kind 515
unvermeidlich geglaubte „berufliche Hypokrisie", anstatt den
Patienten zu verletzen, merkliche Erleichterung zur Folge hat.
Die traumatisch-hysterische Attacke, wenn sie überhaupt kam,
wurde viel milder, tragische Vorkommnisse der Vergangenheit
konnten auf einmal in Gedanken reproduziert werden, ohne
dass die Reproduktion wieder einmal zum Verlust des seelischen
Gleichgewichtes geführt hätte; ja das ganze Niveau der Persön-
lichkeit des Patienten schien sich zu heben.
Was hat diese Sachlage herbeigeführt? Es bestand in der
Beziehung zwischen Arzt und Patienten etwas Unausgesprochenes,
Unaufrichtiges, und die Aussprache darüber löste sozusagen die
Zunge des Kranken; das Einbekennen eines Irrtums des Analyti-
kers brachte ihm das Vertrauen des Patienten ein. Das sieht bei-
nahe 80 aus, als wäre es von Vorteil, gelegentlich Irrtümer zu
begehen, um sie dann dem Patienten bekennen zu können, doch
ist dieser Rat gewiss überflüssig; wir begehen Irrtümer ohnedies
genug, und eine höchst intelligente Patientin empörte sich darüber
mit Recht, indem sie mir sagte: „Noch besser wäre es gewesen,
wenn Sie Irrtümer überhaupt vermieden hätten. Ihre Eitelkeit,
Herr Doktor, will sogar aus den Verfehlungen Nutzen ziehen."
Das Finden und Lösen dieses rein technischen Problems ver-
schaffte mir den Zugang zu einem bisher versteckten oder wenig
beachteten Material. Die analytische Situation: die reservierte
Kühle, die berufliche Hypokrisie und die dahinter versteckte
Antipathie gegen den Patienten, die dieser in allen Gliedern
fühlte, war nicht wesentlich verschieden von jener Sachlage, die
seinerzeit — ich meine in der Kindheit — krankmachend wirkte.
Indem wir hei diesem Stande der analytischen Situation dem
Patienten auch noch die Traumareproduktion nahelegten, schufen
wir eine unerträgliche Sachlage; kein Wunder, dass sie nicht
andere und bessere Folgen haben konnte als das Urtrauma selbst.
Die Freimachung der Kritik, die Fähigkeit, eigene Fehler einzu-
^
<•'
516 S. F
erenczi
sehen und zu unterlassen, bringt uns aber das Vertrauen der
Patienten. Dieses Vertrauen ist jenes gewisse
Etwas, das den Kontrast zwischen der Gegen-
wartund der unleidlichen, traumatogenen Ver-
gangenheit statuiert, den Kontrast also, der unerläss-
lich ist, damit man die Vergangenheit nicht mehr als halluzina-
torische Reproduktion, sondern als objektive Erinnerung aufleben
lassen kann. Die versteckte Kritik meiner Patienten z. B. ent-
deckte mit Scharfblick die aggressiven Züge in meiner „aktiven
Therapie", die berufliche Hypokrisie in der Forcierung der
Relaxation und lehrte mich, Übertreibungen in beiden Hinsichten
zu erkennen und zu beherrschen. Nicht minder dankbar bin ich
aber auch jenen Patienten, die mich lehrten, dass wir viel zu sehr
geneigt sind, auf gewissen theoretischen Konstruktionen zu be-
harren und Tatsachen oft unbeachtet zu lassen, die unsere Selbst-
sicherheit und Autorität lockern würden. Jedenfalls lernte ich,
was die Ursache der Unfähigkeit war, die hysterischen Ausbrüche
zu beeinflussen und was dann den schliesslichen Erfolg ermög-
lichte. Es erging mir wie jener geistvollen Dame, deren nerven-
kranke Freundin durch kein Rütteln und Anschreien aus ihrem
narkoleptischen Zustand zu erwecken war. Plötzlich kam sie auf
die Idee, ihr in kindisch-schelmischer Sprechweise zuzurufen:
„Roll dich, toll dich, Baby'', woraufhin die Kranke alles zu tun
begann, was man von ihr verlangte. Wir sprechen in der Analyse
viel von Regression ins Kindische, glauben aber offenbar selber
nicht, wie sehr wir damit im Rechte sind; wir sprechen viel von
Spaltung der Persönlichkeit, scheinen aber nicht genügend die
Tiefe dieser Spaltung zu würdigen. Behalten wir unsere päda-
gogisch-kühle Einstellung auch einem opisthotonischen Patienten
gegenüber, so zerreissen wir damit den letzten Faden der Ver-
bindung mit ihm. Der ohnmächtige Patient ist eben in seiner
Trance wirklich ein Kind, das auf intelligente Aufklärung
Sprachverwirrung zwischen den Erwachsenen und dem Kind 517
nicht mehr, höchstens auf mütterliche Freundlichkeit reagiert;
ohne diese fühlt er eich in höchster Not allein und verlassen,
also gerade in derselhen unerträglichen Lage, die irgendwann
zur psychischen Spaltung und schliesslich zur Erkrankung führte;
kein Wunder, dass er auch nun nichts anderes tun kann als bei
der Erkrankung seihst, d. h. die Symptombildung durch Erschütte-
rung zu wiederholen.
Ich darf hier nicht verschweigen, dass die Patienten auf
theatralische Mitleidsphrasen nicht reagieren, nur auf wirkliche
Sympathie. Ob sie das am Klang unserer Stimme, an der Auswahl
unserer Worte oder auf andere Art erkennen, weiss ich nicht.
Jedenfatle verraten sie ein merkwürdiges, fast clairvoyantes Wissen
um Gedanken und Emotionen, die im Analytiker vorgehen. Eine
Täuschung des Kranken scheint hier kaum möglich, und wenn
sie versucht wird, hat sie nur böse Folgen.
Lassen Sie mich nun von einigen Einsichten berichten, zu
denen mir dieses intimere Verhältnis mit den Patienten verhalt.
Vor allem wurde meine schon vorher mitgeteilte Vermutung,
dass das Trauma, speziell das Sexualtrauma, als krankmachendes
Agens nicht hoch genug angeschlagen werden kann, von neuem
bestätigt. Auch Kinder angesehener, von puritanischem Geist
beseelter Familien fallen viel öfter, als man es zu ahnen wagte,
wirklichen Vergewaltigungen zum Opfer. Entweder sind es die
Eltern selbst, die für ihre Unbefriedigtheit auf diese pathologische
Art Ersatz suchen, oder aber Verlrauenspersonen, wie Verwandte
(Onkel, Tanten, Groaseltern), Hauslehrer, Dienstpersonal, die Un-
wissenheit und Unschuld der Kinder missbrauchen. Der nahe-
liegende Einwand, es handle sich um Sexualphantasien des Kindes
selbst, also um hysterische Lügen, wird leider entkräftet durch die
Unzahl von Bekenntnissen dieser Art, von Sichvergehen an Kin-
dern, seitens Patienten, die sich in Analyse befinden. Ich war also
nicht mehr überrascht, als vor kurzem ein von philantropischem
518 S. Ferenczi
Geiste beseelter Pädagoge mich in heller Verzweiflung aufsuchte
und mir mitteilte, dass er nunmehr in der fünften Familie aus
den höheren Kreisen die Entdeckung machen musste, dass die
Gouvernanten mit neun- hie elfjährigen Knaben ein regelrechtes
Eheleben führen.
Eine typische Art, wie inzestuöse Verführungen zustande
kommen, ist die folgende:
Ein Erwachsener und ein Kind liehen einander; das Kind hat
die spielerische Phantasie, mit dem Erwachsenen die Mutterrolle zu
spielen. Dieses Spiel mag auch erotische Formen annehmen, bleibt
aber nach wie vor auf dem Zärtlichkeitsniveau. Nicht so bei patho-
logisch veranlagten Erwachsenen, besonders wenn sie durch sonsti-
ges Unglück oder durch den Genues betäubender Mittel in ihrem
Gleichgewicht und ihrer Selbstkontrolle gestört sind. Sie verwech-
seln die Spielereien der Kinder mit den Wünschen einer sexuell
reifen Person oder lassen sich, ohne Rücksicht auf die Folgen, zu
Sexualakten hinreissen. Tatsächliche Vergewaltigungen von Mad-
chen, die kaum dem Säuglmgsalter entwachsen sind, ähnliche
Sexualakte erwachsener Frauen mit Knaben, aber auch forcierte
Sexualakte homosexuellen Charakters gehören zur Tagesordnung.
Schwer zu erraten ist das Benehmen und das Fühlen von
Kindern nach solcher Gewalttätigkeit. Ihr erster Impuls wäre:
Ablehnung, Hass, Ekel, kraftvolle Abwehr. „Nein, nein, das will
ich nicht, dag ist mir zu stark, das tut mir weh. Lass mich", dies
oder ähnliches wäre die unmittelbare Reaktion, wäre sie nicht
durch eine ungeheure Angst paralysiert. Die Kinder fühlen sich
körperlich und moralisch hilflos, ihre Persönlichkeit ist noch zu
wenig konsolidiert, um auch nur in Gedanken protestieren zu
können, die überwältigende Kraft und Autorität des Erwachseneu
macht sie stumm, ja beraubt sie oft der Sinne. Doch dieselbe
Angst, wenn sie einen Höhepunkt erreicht,
zwingt sie automatisch, sich dem Willen des
Sprachverwirrung zwischen den Erwachsenen und dem Kind 519
Angreifersunterzuordnen, jedeseinerWunsch-
regungen zu erraten und zu befolgen, sich
selbst ganz vergessend sich mit dem Angrei-
fer vollauf zu identifizieren. Durch die Identi-
fizierung, sagen wir Introjektion des Angreifers, verschwindet
dieser als äussere Realität und wird intrapsychisch, statt extra;
das Intrapsychische aber unterliegt in einem traumhaften Zu-
stande, wie die traumatische Trance einer ist, dem Primärvorgang,
d. h. es kann, entsprechend dem Lustpriuzip, gemodelt, positiv-
und negativ-halluzinatorisch verwandelt werden. Jedenfalls hört
der Angriff als starre äussere Realität zu existieren auf, und in
der traumatischen Trance gelingt es dem Kinde, die frühere Zärt-
lichkeitssituation aufrechtzuerhalten.
Doch die bedeutsamste Wandlung, die die ängstliche Identi-
-fizierung mit dem erwachsenen Partner im Seelenleben des Kin-
des hervorruft, ist die Introjektion des Schuldge-
fühls des E r w a c h 8 e n e n, das ein bisher harmloses Spiel
als strafwürdige Handlung erscheinen lässt.
Erholt sich das Kind nach solcher Attacke, so fühlt es sich
ungeheuer konfus, eigentlich schon gespalten, schuldlos und schul-
dig zugleich, ja mit gebrochenem Vertrauen zur Aussage der
eigenen Sinne. Dazu kommt das barsche Benehmen des nun von
Gewissenspein noch mehr geplagten und verärgerten erwachsenen
Partners, das das Kind noch tiefer schuldbewusst und beschämt
macht. Fast immer benimmt sich der Täter, als ob nichts geschehen
wäre, auch beruhigt er sich mit der Idee: „Ach, es ist ja nur ein
Kind, es weiss noch nichts, es wird alles wieder vergessen." Nicht
selten wird der Verführer nach solchem Geschehnis übermora-
lisch oder religiös und trachtet, auch das Seelenheil des Kindes
mittels solcher Strenge zu retten.
Gewöhnlich ist auch das Verhältnis zu einer zweiten Ver-
trauensperaon, in dem gewählten Beispiel zur Mutter, nicht intim
520 S. Ferenczi
genug, um bei ihr Hilfe zu finden; kraftlose Versuche solcher Art
werden von ihr als Unsinn zurückgewiesen. Das misabrauchte Kind
wird zu einem mechanisch-gehoraamen Wesen oder es wird trotzig,
kann aber über die Ursache des Trotzes auch sich selber keine
Rechenschaft mehr gehen; sein Sexuallehen bleibt unentwickelt
oder nimmt perverse Formen an; von Neurosen und Psychosen,
die da folgen können, will ich hier schweigen. Das wissenschaft-
lich Bedeutsame an dieser Beobachtung ist die Vermutung, dass
die noch zu schwach entwickelte Persönlich-
keit auf plötzliche Unlust anstatt mit Ab-
wehr, mit ängstlicher Identifizierung und In-
trojektion des Bedrohenden oder Angreifen-
den antwortet. Nun erst verstehe ich, warum es die Pa-
tienten so hartnäckig ablehnten, mir zu folgen, wenn ich ihnen
nahelegte, auf erlittene Unbill, wie ich es erwartet hätte, mit Un-
lust, etwa mit Hass und Abwehr, zu reagieren. Ein Teil ihrer
Persönlichkeit, ja der Kern derselben, ist irgendwann auf einem
Niveau steckengebHeben, auf dem man noch der a 1 1 o p l a 6 t i-
sehen Reaktionsweise unfähig ist und man autoplastiach,
gleichsam mit einer Art Mimikry, reagiert. Wir gelangen so zu H
einer Persönlichkeitsform, die nur aus Es und Über-Ich besteht,
der also die Fähigkeit, sich selbst auch in der Unlust zu behaupten,
noch abgeht, gleichwie für das nicht ganz entwickelte Kind das
Alleinsein, ohne mütterlichen und sonstigen Schutz und ohne ein
erhebliches Quantum von Zärtlichkeit, unerträglich ist. Wir müssen
da auf Gedankengänge zurückgreifen, die Freud vor langer Zeit
entwickelt hat, wies er doch damals schon darauf hin, dass der
Fähigkeit zur Ofajektliebe ein Stadium der Identifizierung voraus-
geht.
Ich möchte dieses Stadium als das der passiven Objektliebe
oder der Zärtlichkeit bezeichnen. Spuren der Objektliebe zeigen
sich auch hier schon, aber nur als Phantasien, in spielerischer Art.
Sprachverwirrung zwischen den Erwachsenen und dem Kind 521
So spielen denn die Kinder auch, fast ausnahmslos, mit der Idee,
die Stelle des gleichgeschlechtlichen Elternteiles einzunehmen,
um das Ehegemahl des gegengeschlechtlichen zu werden. Doch
wohlgemerkt, bloss in der Phantasie; in der Realität möchten sie,
ja können sie die Zärtlichkeit, insbesondere der Mutter, nicht
missen. Wird Kindern in der Zärtlichkeitsphase mehr Liebe
aufgezwungen oder Liebe anderer Art, als sie sich wünschen, so
mag das ebenso pathogene Folgen nach sich ziehen, wie die bisher
fast immer herangezogene Liebesversagung. Es würde zu
weit führen, hier auf all die Neurosen und alle charakterolo-
gischen Folgen hinzuweisen, die die vorzeitige Äufpfropfung
leidenschaftlicher und mit Schuldgefühlen gespickter Arten des
Liebens auf ein noch unreifes, schuldloses Wesen nach sich zieht.
Die Folge kann nur jene Sprachverwirrung sein, auf die ich im
Titel dieses Vortrages anspiele.
Die Eltern und Erwachsenen müssten, gleichwie wir Analy-
tiker in der Analyse, zu ertragen lernen, dass hinter Unterwürfig-
keit, ja Anbetung, sowie hinter der Übertragungsliebe unserer
Kinder, Patienten und Schüler der sehnliche Wunsch steckt, die
sie beengende Liebe loszuwerden. Verhilft man dem Kinde, dem
Patienten oder dem Schüler dazu, die Identifizierungsreaktion auf-
zugeben und die ihnen lästigen Übertragungen abzuwehren, so
kann man sagen, dass es gelungen ist, seine Persönlichkeit auf ein
höheres Niveau zu heben.
Nur kurz möchte ich auf einige weitere Erkenntnisse hin-
weisen, zu denen diese Beobachtungseerie Zugang zu verschaffen
verspricht. Es ist uns schon lange bekannt, dass nicht nur forcierte
Liebe, sondern auch unerträgliche Straf massnabmen fixierend
wirken. Das Verstehen dieser anscheinend sinnlosen Reaktion
wird vielleicht durch das vorher Gesagte erleichtert. Die spiele*
riechen Vergehungen des Kindes werden durch die leidenschaft-
lichen, oft wutschnaubenden Strafsanktionen erst zur Realität er-
M
522 S. F
erenczi
hoben, mit all den depressiven Folgen für das bis dahin eich
schuldlos fühlende Kind.
Die detailliertere Verfolgung der Vorgänge während der
analytischen Trance lehrt uns auch, dass es keinen Schock, keinen
Schreck gibt ohne Andeutungen einer PerBÖnlichkeitsspaltung.
Dass ein Teil der Person in die vortraumatische Seligkeit regre-
diert und das Trauma ungeschehen zu machen sucht, wird keinen
Psychoanalytiker überraschen. Merkwürdiger ist, dass man bei der
Identifizierung einen zweiten Mechanismus am Werke sieht, von
dessen Existenz ich wenigstens wenig wusste. Ich meine das
plötzliche, überraschende, wie auf Zauherschlag erfolgende Auf-
blühen neuer Fähigkeiten nach Erschütterung. Man wird heinahe
an die Zauberkünste der Fakire erinnert, die angeblich aus einem
Samenkorn vor unseren Augen Stengel und Blüte emporwachsen
lassen. Höchste Not, besonders Todesangst, scheint die Macht £u
haben, latente Diapositionen, die, noch unbesetzt, in tiefer Ruhe
auf das Heranreifen warteten, plötzlich zu erwecken und in Tätig-
keit zu versetzen. Das sexuell angegri£Fene Kind kann die in ihm
virtuell vorgebildeten zukünftigen Fähigkeiten, die zur Ehe, zur
Mutterschaft, zum Vatersein gehören, und alle Empfindungen eines
ausgereiften Menschen unter dem Drucke der traumatischen Not-
wendigkeit plötzlich zur Entfaltung bringen. Man darf da getrost,
im Gegensatz zur uns geläufigen Regression, von traumati-
scher (pathologischer) Progression oder Frühreife
sprechen. Es liegt nahe, an das schnelle Reif- oder Süsswerden
von Früchten zu denken, die der Schnabel eines Vogels verletzt
hat, oder an die Frühreife wurmstichigen Obstes. Nicht nur emo-
tionell, auch intellektuell kann der Schock einen Teil
der Person plötzlich heranreifen lassen. Ich erinnere an den von
mir vor so viel Jahren isolierten typischen „Traum vom gelehrten
Säugling", in dem ein neugeborenes oder Wiegenkind plötzlich
zu reden anfängt, ja die ganze Familie Weisheit lehrt. Die Angst
Sprachverwirrung zwischen den Erwachsenen und dem Kind 523
vor den hemmungslosen, also gleichsam verrückten Erwachsenen
macht das Kind sozusagen zum Psychiater, und um das zu werden
und sich vor den Gefahren seitens Personen ohne Selbstkontrolle
zu schützen, muss es sich mit ihnen zunächst vollkommen zu iden-
tifizieren wissen. Es ist sicher unglaublich, wieviel wir von unseren
gelehrten Kindern, den Neurotikern, wirklich lernen können.
Häufen sich im Leben des heranwachsenden Menschen die
Erschütterungen, so wächst die Zahl und die Varietät der Ab-
spaltungen, und bald wird es einem recht schwer gemacht, den
Kontakt mit den Fragmenten, die sich alle wie gesonderte Persön-
lichkeiten betragen, einander aber meist gar nicht kennen, ohne
Konfusion aufrechtzuerhalten. Schliesslich mag es zu einem Zu-
stande kommen, den man, das Bild von der Fragmentierung
fortsetzend, getrost Atomisierung nennen kann, und es ge-
hört recht viel Optimismus dazu, den Mut auch diesem Zustands-
bilde gegenüber nicht sinken zu lassen; doch ich hoffe, dass sich
auch noch hier Wege des Zusammenhanges finden werden. —
Nebet leidenschaftlicher Liebe und leidenschaftlichem Strafen
gibt es auch ein drittes Mittel, ein Kind an sich zu binden, und
das ist: der Terrorismus des Leidens. Kinder haben
den Zwang, alle Art Unordnung in der Familie zu schlichten, so-
zusagen die Last aller anderen auf ihre zarten Schultern zu
biirden; natürlich zu guter Letzt nicht aus reiner Selbstlosigkeit,
sondern um die verlorene Ruhe und die dazugehörige Zärtlich-
keit wieder geniessen zu können. Eine ihre Leiden klagende Mutter
kann sich aus dem Kinde eine lebenslängliche Pflegerin, also
eigentlich einen Mutterersatz «chafi"en, die Eigeninteressen des
Kindes gar nicht berücksichtigend.
Ich glaube nicht, dass — wenn sich all dies bewahrheitet —
wir nicht bemüssigt sein werden, gewisse Kapitel der Sexual- und
Genitaltheorie zu revidieren. Die Perversionen zum Beispiel sind
vielleicht nur auf dem Zärtlichkeitsniveau infantil, wo sie leiden-
524 S. Ferenczi
schaftlich und echuldbewusst werden, zeugen sie vielleicht schon
von exogener Gereiztheit, sekundärer, neurotischer Übertreibung.
Auch meine Genitaltheorie faat diesen Unterschied der Zärtlich*
keits- und Leidenschaftsphase nicht berücksichtigt, ^'ieviel vom
Sadomaeochismus in der Sexualität unserer Zeit kulturbedingt ist
(das heisst nur vom iutrojizierten Schuldgefühl herrührt), und
wieviel autochthon und spontan als eigene Orgauisationsphase
sich entwickelt, bleibt weiteren Untersuchungen vorbehalten.
Es würde mich freuen, wenn Sie sich die Mühe nehmen woll-
ten, das hier Mitgeteilte praktisch und gedanklich nachzuprüfen
und insbesondere meinem Rat zu folgen, etwas mehr als bisher
die eigenartige, sehr versteckte, doch sehr kritische Denk- und
Sprechweise Ihrer Kinder, Patienten und Schüler zu beachten und
ihnen sozusagen die Zunge zu lösen. Sie werden manches Lehr-
reiche zu hören bekommen. '
Nachtrag
Dieser Gedankengang weist nur deskriptiv auf das Zärtliche
der kindlichen Erotik und das Leidenschaftliche in der Erotik
der Erwachsenen hin, lässt aber die Frage nach dem Wesen des
Unterschiedes zwischen beiden offen. Die Psychoanalyse kann der
Cartesianischen Idee, dass Leidenschaften durch Leiden verur-
sacht werden, beipflichten, wird aber vielleicht auch eine Antwort
auf die Frage finden, was es sei, das in die spielerische Zärtlich-
keitsbefriedigung das Element des Leidens und damit den Sado-
masochismus einführt. Die obigen Ausführungen lassen es ahnen,
dass es unter anderem das Schuldgefühl ist, das in der
Erotik des Erwachsenen das Liehesobjekt zum Gegenstand lieben-
der und hassender, also ambivalenter Gefühlsregungen
macht, während der kindlichen Zärtlichkeit diese Zwiespältigkeit
n
Sprachverwirrung zwischen den Erwachseuen und dem Kind 525
noch ahgeht. Hass ist es, was das Kind beim Geliebtwerden von
einem Erwachsenen traumatisch überrascht und erschreckt, und
es aus einem spontan und harmlos spielenden Wesen zu einem
den Erwachsenen ängstlich, sozusagen selbstvergessen imitieren-
den, schuWhewussten Liebesautoinaten umgestaltet. Die eigenen
Schuldgefühle und der Hass gegen den verführenden Partner ge-
stalten den Liebesverkehr des Erwachsenen zu einem das Kind
erschreckende Kampfe (Urszene), der mit dem Momente des
Orgasmus endet, während die kindliche Erotik, bei Abwesenheit
des „Kampfes der Geschlechter", auf dem Vorluslniveau beharrt
oder nur Befriedigungen im Sinne einer „Sättigung" kennt, nicht
aber die Vernichtungsgefühle des Orgasmus. Die „Genitaltheorie",
die den Kampf der Geschlechter phylogenetisch zu begründen
sucht, wird diesen Unterschied zwischen kindlichen erotischen
Befriedigungen und dem hassdurchtränkten Lieben bei der Be-
gattung würdigen müssen.
2 Siehe „Versuch einer Gcuitaltheorie" (Internat. Psychoanalyt.
Verlag, Wien, 1924); vom Verf.
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F=¥=
Freuds Eiufluss auf die Medizin^
(1933)
Um die Bedeutung eines Einzelnen für die Wiesenschaft oder
eines ihrer Teilgebiete konstruktiv zu erfassen, wäre es von Wich-
tigkeit, vorerst den Stand dieser Wissenschaft vor dem Auftau-
chen jenes Einzelnen, und dann die unter seinem Einfluss statt-
gehabten Veränderungen darzustellen. Doch selbst eine solche
Schilderung wäre kaum imstande, ein tieferes Kausalitätsbediirfnis
zufriedenzustellen. Es miissie genau festgelegt werden, oh ein
konstruktiver Kopf bloss bereits vorhandenes Material frucht-
bringend zusammengefasst hat, oder ob ein wunderbares geistiges
Licht meteorhaft aufblitzend eine ahnungslose, unvorbereitete
Welt erhellte. Schliesslich drängt sich auch die Frage auf, inwie-
weit Finderglück und in welchem Ausmasse besondere persönliche
Eigenschaften als entscheidende Faktoren bei der Entdeckung
einer neuen Wissenschaft und ihrer theoretischen Formulierung
mitwirkten. Wurde die Untersuchung bis zu diesem Punkte ge-
^ Übersetzt aua Psychoanalysis Today. Its Scope and
Function. Herausgeg. von Sändor Lorand, Covici - Friede - Publishera,
New York, 1933.
.
Freuds Einfluss auf die Medizin
527
führt, erübrigt immer noch die Aufgabe, diese Beiträge durch
eine Art Persönlichkeits-Studie zu ergänzen.
Bei der Darstellung von Freuds Einfluss auf die Medizin
muss ich mich auf Bemerkungen über diese Probleme beschrän-
ken, vor allem jedoch die Begleitumstände auseinandersetzen. Ein
Zufall war es zweifellos, dass der verdiente Wiener Arzt Dr. Josef
Breuer eine intelligente Patientin in hypnotischer Behandlung
hatte, der die günstige Wirkung auffiel, die das Aussprechen ihrer
Phantasien auf ihren Zustand hervorrief, und die die Aufmerksam-
keit ihres Arztes auf diese Beobachtung lenkte. Buchstäblich
genommen ist sie die Eutdeckerin der ursprünglichen kathar-
tischen Methode. Ein Zufall war es ferner, der später Sigmund
Freud in persönliche Berührung mit Breuer brachte. Si-
cherlich jedoch geschah es keineswegs zufällig, dass Breuer,
trotz tiefer Einsicht in die psychologische und pathologische Trag-
v^eite dieser Entdeckung, sein Interesse bald von diesen Proble-
naen abwendete und sich Freud und dessen weiteren Studien
nicht mehr verband. Es ist kein Geheimnis mehr, welchen Eigen-
schaften Freud seine Ausdauer und seine Erfolge in der wis-
senschaftlichen Entwicklung der Psychoanalyse zu danken hat.
Da ist vor allem seine Objektivität, die selbst angesichts der sich
entrollenden Sexualprobleme unerschüttert blieb. So seltsam
dies klingt, ist es doch Tatsache, dass vor Freud selbst For-
scher, die sich für vorurteilsfrei hielten, in sexuellen Dingen von
moralischen Skrupeln nicht frei waren und die psychologische
Seite des Liebeslebens nicht berührten.
Bloss zwei mutige Männer wagten es, die abstossenden Eigen-
tümlichkeiten des Sexuallebens zum Gegenstande ausführlicher
Studien zu machen: der Wiener K r a f f t-E b i n g und der Eng-
länder Havelock Ellis, deren Beispiel bald einige deutsche
und Schweizer Forscher folgten. Die ersten Versuche Freuds,
Breuers Entdeckung zu erklären, führten bald zur Unter-
528 S. Ferenczi
suchuDg sexueller Probleme. Die Freunde und Kollegen, die seine
Begabung nur insolange anerkannten, als er sich mit harmlosen
und durchaus moralischen Gegenständen, wie Aphasie und zere-
braler Kinderlähmung befasste, verliessen ihn eilig. Selbst
Breuer gesellte sich bald zu jenen, die Freud bei seinem
Studium so unästhetischer daher unerfreulicher Dinge nicht fol-
gen wollten, und Freud stand nunmehr ganz allein. Damit
beginnt jene Periode seines Lebens, die verdient, die heroische
genannt zu werden, und in der die Traumdeutung entstand,
die bleibende Grundlage seines gesamten späteren Schaffens.
Heute, mehr als dreissig Jahre nach ihrem ersten Erscheinen,
sehen wir immer noch die ablehnende Haltung der übrigen Welt,
die sicherlich auf die Tatsache hinweist, dass die Psychoanalyse
den Anforderungen der wissenschaftlichen und medizinischen
Welt nicht entsprach.
Ein weiterer Charakterzug, der Freud zum Entdecker der
Psychoanalyse prädestinierte, war seine unerbittliche Kritik des
therapeutischen Könnens und des theoretischen Wissens jener
Zeit, das in der Behandlung der Neurosen völlig versagte. Zu
einer Zeit als, fast wie heutzutage, die faradische und galvanische
Apparatur als Hauptausrüetung des Arztes galt, der sich mit den
sogenannten funktionellen Erkrankungen beschäftigte, kam er
zur Überzeugung, dass die Elektrotherapie den Neurosen nicht
beikommen könne und ein völlig nutzloses Verfahren für deren
Behandlung darstelle. Die Vergänglichkeit und Unzulänglichkeit
der durch hypnotischen und suggestiven Einfluss gelegentlich
erzielten Erfolge bewog Freud, diese Methoden aufzugeben.
Es wäre ihm, insbesondere in der medizinischen Atmosphäre, in
der er aufwuchs, ein Leichtes gewesen, sich der bequemen Idee
des medizinischen Nihilismus zu verschreiben und sorgenlos seine
rasch wachsende Praxis zu versehen. Doch ein spezifischer Zug
seines Wesens, der einen heftigen Wahrheits drang in sich schloss
Freuds EinfluBS auf die Medizin
529
und ihm nicht gestattete, sich mit der blossen Kritik des herr-
schenden Zustandes der Dinge zu begnügen, Hess ihm keine Ruhe,
ehe sein forschender Geist ganz allein und ohne Hilfe von aussen
her die nun einmal aufgeworfenen Fragen gelöst hatte. Dieser
Aufgabe schienen sich fast unübersteigliche Hindernisse entgegen-
zutürmeu, denn es hiess eine Gleichung mit vielen Unbekannten
lösen. Wie Breuer und Freud bereits erkannt hatten, war
anzunehmen, dass die Ursachen der neurotischen Symptome im
uabewussten Seelenleben lagen, das direkter Untersuchung nicht
zugänglich erscheint. Wie bereits erwähnt, Hess Freud die
Methoden der Hypnose und Suggestion, die einen teilweisen Zu-
gang zum Unbewussten eröffnet hätten, absichtlich unangewen-
del, denn er nahm an, dass den Normen der damaligen psycholo-
gischen Erkenntnis gemäss die Wirksamkeit dieser Methoden un-
erklärlich, ja mystisch erscheinen muäste. Vermittels deren An-
wendung gewonnene Erkenntnisse hätten den Stempel des Mysti-
schen getragen und der wiBsenschaftlichen Forderung nach Klar-
heit nicht Rechnung getragen. Dennoch gelang ihm das Unwahr-
scheinliche: jene als unergründlich geltenden Regionen erschlos-
sen sich seiner Methode der freien Assoziation.
Es ist nicht leicht, den Begriff Genie zu definieren, doch
glaube ich, dass diese Bezeichnung angemessen ist für Einen, der
in einer so hoffnungslosen Lage wie der oben geschilderten einen
Ausweg zu finden weiss. Ich stehe nicht an zu behaupten, dass
dieser Gedanke Freuds die Zukunft der Psychologie und ihrer
gesamten Anwendungen bestimmte, und es erscheint mir keine
Übertreibung, alle ferneren Entwicklungen in diesen Wissenschaf-
ten auf diesen in Freuds Kopfe entstandenen Gedanken zu-
rückzuführen. In dem Augenblicke, da Freuds Königsgedanke
ans Licht trat, wurde die moderne Psychologie geboren.
Es erwies sich nunmehr als notwendig, das ungeheure Mate-
rial, das die neue Methode angesammelt hatte, zu sichten und
Ferenczi. Bausteine zur Psychoanalyse. 111.
34
530 S, Ferenczi
wissenschaftlich zu ordnen. Wohl oder übel musste Freud bald
darangehen, skelettartige Umrisse seiner Theorie zu formulieren,
ein Gerüst, das, wiewohl seither öfters verändert und umgebaut,
doch in seinen Pfeilern bis zum heutigen Tage standgehalten hat.
Dieser Bau ist die sogenannte Metapsychoiogie. Ich
werde versuchen, kurz zu erklären, was wir darunter verstehen.
Freud konnte den Ursprung neurotischer Symptome nicht auf-
klären, ohne psychische Tätigkeiten innerhalb eines Raurosystems
vorauszusetzen, wo Kräfte von bestimmter Intensität und Qualität
aufeinander einwirken. Die erste topische Unterscheidung der
psychischen Funktionen war die Abtrennung des Bewussten vom
Unbewussten, die erste Vorstellung der Dynamik die Annahme
eines Konflikts der Kräfte innerhalb dieser Gebiete. Das Ergebnis
dieses Konflikts war vom Verhältnis der Kräfte abhängig, doch
musste die Summe der beiden psychischen Kräfte als stets gleich-
bleibend angenommen werden. Die Tatsache, dass die Uneinge-
weihten diese Konstruktion als phantastisch bezeichnen, braucht
uns nicht zu erschrecken. Wer will, mag sie eine wissenschaft-
liche Phantasie nennen. Doch ist jedwede wissenschaftliche Theorie
eine Phantasie und als solche insolange brauchbar, als sie praktisch
ihren Zweck erfüllt und den Erfahrungstatsachen nicht wider-
streitet, was bei Freuds Metapsychoiogie durchaus der Fall
ist. Sie versetzt uns in die Lage, die Störungen im Seelenleben
eines Patienten als Ergebnis solcher und ähnlicher Konfhkte auf-
zufassen, ja gibt uns die Möglichkeit, auf eine richtige Kräfte-
verteilung hinzuwirken. Freuds spätere Arbeiten setzten an
die Stelle dieses überaus einfachen Systems ein viel verwickelte-
res. Es gelang ihm, die treibende Kraft hinter dem Seelenleben
bis zu ihrem biologischen Ursprung zu verfolgen und ihre Gleich-
artigkeit mit der physikalischen Triebkraft festzustellen. Prakti-
sche Erwägungen beiseite lassend, liess er sich weder dazu ver-
führen, die sich hierin offenbarende Vielfältigkeit zu verleugnen.
1
i
Freuds Eiufluss auf die Medizin 531
noch konnte ihn die Illusion eines vorzeitigen Vereinheitlichungs-
Systems dahin bringen, seine Ideen aufzugeben, die Lücken auf-
wiesen, ihn nicht ganz befriedigten und dennoch mit der Wirk-
lichkeit in Einklang standen.
Ich zögere nicht zu behaupten, dass diese Konstruktion an
sich von höchster wissenschaftlicher Bedeutung ist. Sie bedeutet
nicht mehr und nicht weniger als den ersten Versuch, ein Pro-
blem, das die Physik und Physiologie psychischer Erscheinungen
betrifft, zu lösen. Das einzige Mittel zu diesem Zweck war das
Eindringen psychoanalytischer Forschung in das Seelenleben des
kranken und gesunden Menschen. Bis dahin hatten weder die
Anatomie noch die Physiologie zur Erkenntnis der feineren See-
lenregungen irgendwelche Beiträge geleistet. Die wissenschaft-
liche Medizin starrte wie hypnotisiert ins Mikroskop und erwar-
tete aus Mitteilungen über die Entwicklung und den Verlauf der
Nervenstränge Aufschlüsse über das Wie der Seelenvorgänge. Doch
konnten diese Entwicklungen nur die einfachsten Tatsachen der
Bewegungs- und Sinnesfnnktionen aufzeigen. Da sich bei keiner
Neurose oder funktionellen Psychose Veränderungen im Gehirn
nachweisen Hessen, schwebte die medizinische Wissenschaft im
Unklaren, welche Bewandtnis es mit diesen pathologischen Bedin-
gungen habe. Der Irrtum war darauf zurückzuführen, dass die
Ärzte vor Freuds Zeil einseitig und materialistisch eingestellt
waren. Die einleuchtenden psychischen Tatsachen, die in unserem
Leben wie in dem unserer Patienten eine so wichtige Rolle spie-
len, galten als Realitäten von geringfügiger Bedeutung, mit denen
sich kein ernster Mann der Wissenschaft befassen konnte. Die
eigentliche Psychologie war ein Gebiet, von dem man sich fern-
hielt, das man den Dilettanten und Literaten überliess. Schon
die Scheu vor unfundierten Verallgemeinerungen bewahrte
Freud vor dem Irrtum, das Psychische und das Physische in
einem materialistischen Monismus vorschnell zu vereinen. Seine
w^
532 S. F
erenczi
intellektuelle Redlichkeit führte ihn zur ErkenDtnis der Tatsache,
dass das Seelenlehen nur von der subjektiven Seite her durch
introspektive Methoden zugänglich sei, und weiterhin zu der Fest-
stellung, dass die psychische Realität der durch diese subjektiven
Methoden erkannten Tatsachen unbezweifelbar sei. So wurde
Freud zum Dualisten, eine Bezeichnung, die die meisten Natur-
wissenschaftler damals und noch heute als fast scbimpflich an-
sehen. Ich glaube nicht, dass Freud gegen die monistische Wissens-
auffassung Einwendungen hat. Sein Dualismus sagt bloss aus,
dass diese Vereinheitlichung weder gegenwärtig noch in naher
Zukunft möglich, vielleicht niemals vollständig durchführbar sein
wird. Auf keinen Fall darf Freuds Dualismus mit der naiven
Scheidung des lebenden Organismus in Leib und Seele verwech-
selt werden. Er behält die auf das Nervensystem bezüglichen
anatomisch-physiologischen Tatsachen stets im Auge. Er verfolgt
seine psychologischen Forschungen bis zu den menschliehen Trie-
ben, die er als Grenzlinie zwischen dem Psychischen und Physi-
schen betrachtet; eine Grenze, die seiner Meinung nach die psy-
chologische Forschung nicht überschreiten solle, da sie dazu nicht
zu taugen scheine. Anderseits kann er, wie sein nach dem Muster
des Reflexbogens konstruiertes metapsychologisches System zeigt,
auch bei seinen rein psychologischen Untersuchungen der natur-
wissenschaftlichen Analogien nicht entraten. Seinen speziellen
Dualismus zu bezeichnen muss ich ein neues Wort, U t r a q u i s-
mus, prägen und glaube, dass diese Methode der Untersuchung
natur- wie geisteswissenschaftlicher Fragen eine grosse Verbrei-
tung verdient.
Eine der bemerkenswertesten Errungenschaften der Freud-
Bchen Psychologie ist es, dass er nicht bloss den Inhalt, d. h. das
Wörterbuch des Unbewussten niederschreibt, sondern auch die
Regeln der eigenartigen Grammatik und primitiven Logik, die
in diesem Reiche herrschen, formuliert, sodass die seltsamen Bil-
Freuda Einfluss auf die Medizin 533
düngen des Traumes, die Fehlleistungen des Alltagslebens wie
die neurotischen und psychotischen Symptome bedeutungsvoll
und verständlich werden. Man wird zugeben müssen, dass ein
Arzt, der die Sprache des neurotischen und psychotischen Patien-
ten versteht und sie sozusagen ätiologisch und etymologisch ge-
brauchen kann, diesen Erkrankungen mit ganz anderem Ver-
ständnis entgegentritt, als der Naturwissenschaftler, der sich we-
nig um die Herkunft jeder einzelnen Erscheinung kümmert und
sich bei der Behandlung ausschliesslich von seiner künstlerischen
Intuition leiten läast. Niemand wird leugnen wollen, dass es auch
schon vor Freud hervorragende Psychotherapeuten gegeben
hat, die in der Behandlung von Psychosen und Neurosen ausser-
ordentlich tüchtig und erfolgreich waren. Doch ihre Kunst war
unerlernbar. Die Glücklichen, die dieses Talent besassen, konnten
auch beim besten Willen ihre Methode der Einfühlung nicht
lehren. Diesen Kontakt zwischen Patient und Arzt würde der
Psychoanalytiker einen Dialog von zwei Unbewussten nennen.
Das Unbewusste des Arztes verstand das Unbewusste des Patien-
ten und gestattete der richtigen Antwort oder dem Einfall des
wirksamen Heilmittels, ins Bewusstsein des Arztes aufzusteigen.
Der Fortschritt, den die Psychoanalyse für die medizinische Praxis
bedeutet, besteht wesentlich darin, dass sie aus dieser therapeuti-
schen Kunst eine Wissenschaft gemacht hat, die von jedem intel-
ligenten Arzt ebenso leicht oder ebenso schwer erlernt werden
kann wie etwa die Chirurgie oder die interne Medizin. Natürlich
wird es in der Psychoanalyse wie in jedem anderen Zweig der
Heilkunde stets Künstler geben. Doch geeignete Vorbereitung
und Festhalten an den in Freuds Werken niedergelegten
Lehren vorausgesetzt, ergibt sich kein Hindernis für eine solche
Ausbildung, selbst bis zu dem vom Spezialisten geforderten
Umfang.
Der praktisch Interessierte wird vielleicht inzwischen unge-
j
ii
534 S. F
erenczi
duldig gewartet haben, etwas über die praktischen Erfolge der
Psychoanalyse zu erfahren. Können wir mittels ihrer Anwendung
tiefergehende, häufigere und raschere Erfolge erzielen, wenn alle
anderen psychotherapeutischen Massnahmen versagen? Ist sie
die einzige Art der Psychotherapie, die zum Glücke führt, und
gibt es nicht Fälle, bei deren Behandlung andere Methoden vor
zuziehen sind? Wenn ich diese Fragen offen beantworten will
muBS ich denjenigen, die annehmen, dass das Motto des Chirur
gen: Cito, tuto et jucunde auf die Psychoanalyse anwendbar ist
eine Enttäuschung bereiten. Die Analyse ist keine rasche, viel
mehr eine sehr langsame Heilmethode. Eine Analyse dauert ge
wohnlich Monate, in schweren Fällen Jahre. Das kann wohl kaum
eine Annehmlichkeit genannt werden. Sie stellt auch nicht völ-
lige Schmerzfreiheit in Aussicht, vielmehr gehört das geduldige
Ertragen unvermeidlichen seelischen Leides, das auf realem
Grunde ruht, zu den Dingen, die sie dem Patienten anzuerziehen
hofft. Auch die Sicherheit des endgültigen Erfolges kann man
^"^hstens mutmassen. Auf keinen Fall gehört die Psychoanalyse
~ eis Gruppe jener beneidenswerten Methoden, die — wie etwa
c-s jL.pnose — Symptome einfach wegblasen können. Sie setzt
-r .Dauer solcher Methoden kein Vertrauen und ist überzeugt,
ir durch einen solchen Vorgang aufgewirbelte Staub sich
.-'^vo ansetzen muss, Sie trachtet lieber, radikal die psycho-
zzi-'.^'Aien Brennpunkte zu säubern. Wenn irgendwo, ist das
;::r:::nwort „Si duo faciuntidem, non est idem" hier
£.m Platze. Die Psychoanalyse räumt ein, dass sie nicht für alle
Fälle von Neurosen geeignet ist und daher auch andere Arten
der Psychotherapie ihr Änwendungsfeld haben. Vorläufig ist sie
für Massenbehandlung nicht geeignet. Was sie jedoch für die
Zukunft erhofft, ist die Durchdringung der anderen Methoden
mit ihrem Geiste. Der geschulte Analytiker wird als Hypnotiseur,
als Psychotherapeut oder als Leiter einer Irrenanstalt viel Er-
Freuds Einfluss auf die Medizin
535
spriessliclieres leisten und ein richtigeres Urteil haben als derjenige,
der keinen Versuch macht, die wahrscheinliche Ätiologie der
psychogenen Symptome im vorliegenden Material herauezufinden.
In diesem Sinne dürfen wir ruhig voraussagen, dass keine Form
der Psychotherapie sich auf die Dauer dem Einfluss der Ideen
Freuds wird entziehen können. Schon heute trifft das in
bohem Masse zu, wenn sich auch der Vorgang vorläufig unter
verschiedenen Namen verbirgt.
Die grossen Veränderungen, die, seit Freuds Ideen durch
die Mauern der Irrenhäuser drangen, sich auf dem Gebiete der
Psychiatrie vollzogen haben, sind wohlbekannt. Man begnügt sich
nicht mehr mit der überlieferten deskriptiven Methode des Ein«
teilens der Fälle nach Symptomgruppen. Es entstand das Be-
dürfnis nach verständlichen Zusammenhängen und Beziehungen,
die in der Literatur der Vor-F r e u d sehen Zeit durchaus nicht
im Vordergrund standen. Wir können voraussagen, dass sich die
Irrenhäuser in psychotherapeutische Behandlungsstätten verwan-
deln werden, wo analytisch ausgebildete Ärzte sich mit jedem
Falle täglich beschäftigen werden, womöglich eine Stunde täglich.
Wie schwierig es auch sein wird, diesen Idealzustand zu erreichen,
es wird doch kaum zu umgehen sein. Was der alte französische
Meister der Psychiatrie, P i n e I, seiner Herzensgüte folgend.
äusserlich vollbrachte — die Erlösung des Geisteskranken von
unnötigen Fesseln — , hat Freud von innen her wiederholt.
Dank seiner Entdeckung haben die Symptome des Irren aufge-
hört, eine Sammlung von Abnormitäten zu sein, die der Gedan-
kenlose als verrückt, lächerlich und sinnlos ahzutun pflegte. Auch
der Psychopath spricht eine Sprache, die dem entsprechend Aus-
gebildeten verständlich ist. So wurde die tiefe Kluft, die zwischen
dem geistig Gesunden und dem geistig Gestörten klaffte, zum
ersten Male überbrückt.
Die grosse Umwälzung der Neurosenlehre und Psychiatrie,
536 S. Ferenczi
die Freud nicht bloss angebahnt, sondern in dreissig Jahren
unermüdlichen Schaffens zu einer Art Abschlusa gebracht hat,
kann der Umwälzung in der inneren Medizin, die durch die klini-
schen Methoden der Perkussion, Auskultation, Temperaturmessung,
der Röntgenstrahlen, Bakteriologie und Chemie herbeigeführt
wurde, zur Seite gestellt werden. Auch vor diesen Entdeckungen
gab es feinfühlige, erfolgreiche Ärzte. Heute jedoch würde sich
kein vollsinniger Arzt ausschliesslich auf sein Feingefühl verlassen
und absichtlich darauf verzichten, sich objektiv von der Richtig-
keit oder Unrichtigkeit seiner Überlegungen zu überzeugen. Die
Psychoanalyse hat das Wissen von den Neurosen und Psychosen
auf eine neue wissenschaftliche Stufe gehohen und diese Tat kanu
nicht mehr ungeschehen gemacht werden. Natürlich gibt es man-
nigfache Arten, wie die Medizin aus Freuds Gedanken Nutzen
ziehen kann. Eine wäre etwa, dass man die Psychoanalyse als selb-
ständige Wissenschaft weiter unterdrückt und verdrängt, sodass
ihre fruchtbaren Ideen auf allen möglichen Wegen in alle Wissens-
zweige sickern. Auf diese Art würden sie, wie unter ein Dünge-
mittel gepflügt, den aesthetischen und ethischen Sinn feiner Ge-
lehrter durch ihr unappetitliches Aussehen nicht beleidigen, und
diese könnten sich beschaulich an den durch sie hervorgebrachten
Blüten erfreuen. Doch ist es wohl überflüssig, diese Möglichkeit
ernsthaft zu erörtern. Zum Glück war es dem Entdecker der Psycho-
analyse heschieden, lange genug zu leben, um sein Werk fest zu
verankern und es vor zahlreichen Auflösungsversuchen zu schützen.
Freud gelang es auch, die verabsäumte Untersuchung der
hinter dem Triebleben verborgenen Kräfte genügend zu ver-
vollständigen, sodass er sich endlich der einleuchtenderen und
annehmbaren Tätigkeit des Bewusstseins zuwenden konnte. Ich
meine die Anfänge seiner wissenschaftlichen Ich-Psychologie, die
schliesslich in ausführlicher Form Erklärungen der höheren See-
lentätigkeitcn — Verstand, Gewissen; Sittlichkeit, Idealismus, u. e.
Freuds EinfluBs auf die Medizin 537
f. — brachte. Diese Erklärungen taten seinen Zeitgenossen bitter
not. Ganz gewiss beschäftigte sich Freud mit den Verirrungen
des Geschlechtslebens und den animalischen Aggressionstrieben
nicht aus persönlicher Vorliebe, sondern nur, weil kein anderer
Herkules da war, diesen Augiasstall in Ordnung zu bringen. Er
war ein einfacher Erforscher der Wirklichkeit. Gesellschaftliche
Ansichten und Vorurteile kümmerten ihn wenig. Dennoch er-
kannte er von Anfang an, dass neben dem Triehleben die Gewalt
der verdrängenden Kräfte, soziale Anpassung und die Sublimie-
rung dieser Kräfte Faktoren von gleicher, wenn nicht noch grösse-
rer Bedeutung für seine Lehre waren. Das Übersehen dieser Tat-
sache kann nur dem blinden Hass oder der blinden Furcht seiner
Zeitgenossen zugeschrieben werden. Die Folge davon war, dass
man behauptete, er wühle in den schmutzigen Trieben, und dais
andere seine Lebren als „Pansexualität" und „gefährliche psy-
chische Epidemie" brandmarkten.
Doch scheint sich die Periode dieser wütenden Angriffe
ihrem Ende zu nähern. Wenn auch noch zaghaft, erheben sich
mehr — darunter bedeutsame — Stimmen, Freuds Lebren zu
bestätigen. Auffallend ist, daas diese Beglaubigungen nicht bloss
von psychiatrischer Seite, sondern auch aus internistiechen, gynä-
kologischen, kinderärztlichen und dermatologischen Kreisen kom-
men. Sie stellen fest, daas so mancher rätselhafte Fall in ihrem
Spezialfach nur durch die psychoanalytische Erklärung fasslich
und der Therapie zugänglich wurde. Die Berücksichtigung unbe-
wusster psychischer Faktoren bei der Pathogenese von Erkran-
kungen scheint sich epidemieartig zu verbreiten. Der letzte, von
mehreren hundert praktischen Ärzten besuchte psychotherapeu-
tische Kongress in Baden-Baden war ganz von psychoanalytischem
Geist durchtränkt. Viele hervorragende Ärzte (ich erwähne blo^s
den Deutschen Georg Groddeck und den Wiener Felix
Deutsch) beschäftigen sich intensiv mit der analytischen The-
538 S. Ferenczi
rapie organischer Erkrankungen. Sicherlich sind dies bloss ver-
heiseungsvoUe Anfänge, doch kann ihre künftige Bedeutung nicht
in Abrede gestellt werden. Für die in so viele Spezialgebiete ge-
spaltene Medizin war die Psychoanalyse ein Segen, denn sie mahnt
daran, bei jeder Krankheitsform den Kranken sowohl wie die
Krankheit zu behandeln. Das wurde als Prinzip stets anerkannt,
doch mangels wirklichen psychologischen Wissens selten prak-
tisch durchgeführt. Grob übertreibend könnte man sagen, dass
die Medizin bisher handelte, als hätte der Patient nichts im Kopfe
und als ob die höchsten Verstandeskräfte, die wir die psychischen
nennen, im Kampf der Organe gegen die Krankheit nicht ein-
griffen. Es ist sicherlich an der Zeit, den Ausdruck „individuelle
Behandlung des Patienten'^ ernst zu nehmen.
Der EinfluBs der Psychoanalyse wurde von den verschiedenen
Zweiggebieten der Medizin und der Geisteswißsenschaften passiv
aufgesaugt, doch ist die Internationale Gesellschaft aktiv an der
Arbeit, die Freu dschen Ideen in die Breite und Tiefe zu ent-
wickeln. Gleichzeitig bewahrt sie die Analyse vor Verfälschungen
und Missdeutungen. Auf dem Nürnberger Kongress 1908 wurde
die Internationale Psychoanalytische Vereinigung gegründet, die
in allen Kulturzentren Zweiggesellachaften hat. Die offiziellen
Organe dieser Organisation sind die Internationale Zeitschrift
für Psychoanalyse, die Imago und The International Journal of
Psycho-Analysis, London. In Berlin und "Wien bestehen Kliniken
und Lehrinstitute für Theorie und Praxis der F r e u dschen Psy-
chotherapie, in London, Budapest und New York sind Institute
gleicher Art in Gründung begriffen.
Separatistische Bestrebungen, wie sie im Gefolge aller gros-
sen Ideen auftreten, haben auch die Psychoanalyse nicht unbe-
rührt gelassen, doch ist es hier nicht am Platze, näher auf sie ein-
zugehen. Es genüge die Feststellung, dasa der Einfluss der ein-
zelneu Schismatiker im Vergleich zu dem Freuds gering-
Freuds Einfluss auf die Medizin
539
fügig ißt. Es wäre unfair, ihre Namen mit dem seinen zusammen
zu nennen, wie das in so vielen wissenschaftlichen Publikationen
häufig geschieht. Die ganze Angelegenheit bringt mir den satiri-
schen Ausspruch des originellen und gedankenreichen Wiener
Pathologen Samuel Stricker in Erinnerung, der die Mittei-
lung seiner eigenen Entdeckungen durch die Bemerkung ergänzte:
„Doch nun wollen wir uns dem Herrn Abänderer zuwenden."
Was übrigens nicht besagen will, dass in ihren Arbeiten nichts
von Wert oder Interesse enthalten sei.
Alle ausschliesslich der Psychoanalyse gewidmeten Einrich-
tungen verdanken ihre Entstehung privater Initiative und hatten
gelegentlich die Gleichgiltigkeit, ja Feindseligkeit offizieller
Gruppen zu bekämpfen. Überall waren die Universitäten in
ihrer Haltung am konservativsten. Nichts kennzeichnet diese
Tatsache deutlicher als der Umstand, dass man an den Begründer
der Psychoanalyse nie wegen Abhaltung eines offiziellen Lehr-
kurses herantrat, wiewohl ihm für seine Verdienste der Titel
eines Professors verliehen worden war.
Göttliche Eingebung war es, die Freud bewog, seiner
„T raumdeutung" den prophetischen Satz Flectere si ne-
queo superos, Acheronta movebo voranzustellen. Damit wollte
er die wissenschaftliche Tatsache kennzeichnen, dass die wich-
tigsten Probleme des Menschengeistes nur von den Tiefen des
Unbewussten her angegangen werden können. Doch kann das
Motto auch in anderem Sinne gedeutet werden. Die Festungen
der Wissenschaft setzen auch heute noch dem Eindringen eines
psychoanalytischen Lehrkurses Widerstand entgegen. Es wird
noch eine Weile dauern, ehe das Anpochen der medizinischen
Welt, das immer stärker ertönt, an den Pforten der Universitäten,
zu denen es nur wie ein Grollen aus der Tiefe dringt, vernom-
men werden wird. Dann erst wird die Psychoanalyse den ihr
gebührenden Platz im Studiengang einnehmen.
540 S. Ferenczi
Vielleicht wird dieser Tag früher kommen als wir glauben.
Geringer Prophetengabe bedarf es, vorauszusehen, dass einst zahl-
reiche Vorlesungen für die frühere Ächtung entschädigen werden.
Die Nachfolger der zeitgenössischen Professoren werden der tat-
sächlichen Bedeutung Freuds Gerechtigkeit widerfahren las-
sen. Ich muss feststellen, dass bis zu Freuds Auftreten die
Medizin als reine Naturwissenschaft gelehrt wurde. Man besuchte
eine technische Gesundheitshochscbule, von der man mit viel
theoretischem und praktischem Wissen als Doktor abging, ohne
jedoch irgend etwas von der menschlichen Seele zu erfahren.
Draussen hingegen in der Welt der medizinischen Praxis ist der
psychologische Faktor für die Therapie ebenso wichtig wie der
objektive Organbefund. Wieviel Mühe und Kummer wäre ver-
mieden worden, hätte man mir in meiner Studienzeit die Kunst
beigebracht, mit Übertragung und Widerstand um-
zugehen. Ich beneide den Mediziner der nächsten Zeit, der das
lernen wird. Die Humanisierung des Universitäts-Lehrganges
wird zur unbedingten Notwendigkeit werden und sich schliesslich
durchsetzen.
Eine besondere Schwierigkeit beim Erlernen der Psychoana-
lyse bildet der Umstand, dass deren Methode, wie bereits er-
wähnt, dualistisch oder utraquistisch ist. Genaue Beobachtung
der objektiven Haltung des Patienten, einschliesslich des von ihm
Mitgeteilten, des sogenannten „Verhaltens" (behaviour) reicht
nicht aus. Die Psychoanalyse fordert vom Arzt unermüdliche
Empfänglichkeit für alle Ideenverbiudungen, Gefühle und unbe-
wussten Vorgänge im Innern des Patienten. Um dieser Forderung
zu genügen, muss er selbst eine biegsame, plastische Seele be-
sitzen, was nur erreicht werden kann, wenn er selbst analysiert
ist. Wie der künftige Mediziner diese vertiefte Selbsterkenntnis
erlangen soll, ist eine schwer zu beantwortende Frage. Die Aus-
bildung eines psychoanalytischen Spezialisten erfordert, abge-
Freuds Einfluss auf die Medizin 541
sehen vom Studium der Theorie, eine Lehranalyae von zumindest
einjähriger Dauer. Soviel ist von einem praktischen Arzt nicht
zu verlangen, doch kann man ihm diesen manchmal schmerzhaf-
ten Vorgang nicht zur Gänze ersparen. Es ist eine alte wohlbe-
kannte Erfahrung, dass zuckerkranke Ärzte die diabetischen Pa-
tienten besonders feinfühlig behandeln, und das Gleiche gilt für
den tuberkulösen Arzt. Der Wiener Internist s e r, der über
Pathologie des Magens las, erzählte uns, dass ihn der Gegenstand
seiner eigenen gastrischen Beschwerden wegen fessle. Wir kön-
nen selbstverständlich vom zukünftigen Arzte nicht verlangen,
dass er alle möglichen ansteckenden Krankheiten akquiriere, um
an diesen Leiden Erkrankte besser verstehen und heilen zu kön-
nen. Dennoch fordert die Psychoanalyse etwas dieser Art, wenn
sie vom Arzte seelisches Einfühlungsvermögen in die Abnormitä-
ten des Patienten erwartet. Der Unterschied zwischen dieser und
der eben berührten Situation liegt indes in der Tatsache, dass ge-
mäss den Feststellungen der Psychoanalyse jeder von uns aus
seinem eigenen Unbewussten die Fähigkeit zu solchem Verständnis
zu schöpfen vermag. Wir brauchen nur den erworbenen Wider-
stand gegen diese unbewusste Kraft wegzuräumen, um sie hewuest
und so für das Verstehen des Patienten dienstbar zu machen. Ich
bin überzeugt, dass Bemühungen nach dieser Richtung sich
reichlich lohnen werden. Wissenschaftlich fundierte Kenntnis
der Menschheit wird dem praktischen Arzt dazu verhelfen, die
Autorität, die er als Berater des Einzelnen, der Familie, der Ge-
sellschaft einbüsste, wiederzugewinnen, wenn diese sich in ge-
fährlichen Lagen befinden. Ich hoffe, dass es unvergessen bleiben
wird, wessen Lebenswerk seine Stellung und Würde wieder geho-
ben hat.
Noch ein paar Worte über die geographische Ausbreitung
der Psychoanalyse oder, wie Herr H o c h e sie genannt hat, der
psychoanalytischen Pest. Völliges Missverstehen der wesentlichen
542 S. Ferenczi
Grundzüge der Psychoanalyse bewog ein paar besonders bösartige
Gegner Freuds zur Bebauptung, dass die Psychoanalyse oder,
wie sie nannten, die sexuelle Psychoanalyse, nur in der leicht-
fertigen liederlichen Wiener Atmosphäre entstehen konnte. In
einem angelsächsischen Lande wurde die Bemerkung geprägt,
dass „man solche Dinge vielleicht in der österreichischen Haupt-
stadt träume, unsere Träume seien ehrbarer Art". Die Psy-
choanalyse bezeichnet die Verdrängung libidinöser Neigungen als
Ursache der Neurosen. Daher müsste, wenn Freuds Gegner
recht hätten, eine solche Lehre in einem Lande entstanden sein,
wo Prüderie und Verdrängung zu Hause sind. In Wirklichkeit
jedoch waren Länder, die sich nicht durch besondere Prüderie
auszeichnen, ungeeignet zur Anerkennung der Psychoanalyse.
Frankreich, Österreich und Italien sind Länder, in denen die Ana-
lyse auf stärkste Ablehnung stiess, während England und Ame-
rika, Länder mit besonders strenger Geachlechtsmoral, sieh viel
aufnahmswilliger zeigten. Deutschland nimmt eine Zwischenstel-
lung ein; nach heftiger Gegnerschaft beugte es eich dem Druck
der Tatsachen.
Abschliessend möchte ich hervorheben, dass Freud die
scharfe Demarkationslinie zwischen Natur- und Geisteswissen-
schaft niedergerissen hat. Die Psychoanalyse hat nicht nur das
gegenseitige Verständnis zwischen Arzt und Patient gefördert,
sondern auch Natur- und Geisteswissenschaften, die sich fremd
gegenüberstanden, einander nähergebracht. Um dieses Ziel zu
erreichen, musste Freud auf jene Selbstzufriedenheit verzich-
ten, die den Arzt von einst kennzeichnete. Er fing an, sich den
Ausspruch Schweningers, dass jeder Mensch Arzt und
jeder Arzt Mensch sein müsse, zu eigen zu machen.
Freuds Einfluss auf die Medizin bedeutet eine formale
Änderung, eine durchgreifende Anregung für die Entwicklung
dieser Wissenschaft. Die Möglichkeit einer solchen Entwicklung
Freuds Einflusa auf die Medizin
543
mag vorher beBtanden haben, zur tatsächlichen Durchführung
bedurfte es des Erscheinens einer Persönlichkeit von Freuds
Bedeutung.
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